Szamek, Leo – Frauenarzt, stellvertretender Direktor am Frauenkranken-Institut „Charite“, NS-Verfolgter
Autor: Dr. Walter Mentzel
Published online: 12.03,2026
Keywords: Frauenarzt, Gynäkologe, Frauenkranken-Institut „Charite“, Medizingeschichte, Wien, New York. NS-Verfolgter
Leo Michael Szamek wurde am 7. März 1884 in Wien als Sohn des Weinhändlers Michael Szamek (1855-1928) und Rosa Szamek (1853-1886), geborene Singer, geboren. 1912 heiratete er die aus Temesvár (heute: Timișoara/Rumänien) stammenden Barbara Boriska Stein. Aus der Ehe ging die Tochter Alice Rosa (1913-1987), verheiratete Babb, hervor. 1932 wurde die Ehe geschieden.
Szamek begann im Wintersemester 1902/03 mit dem Studium der Medizin an der Universität Wien und promovierte am 1. Juni 1908 zum Doktor der gesamten Heilkunde. Danach arbeitete er als Assistent an der Kuranstalt Gutenbrunn bei Baden in Niederösterreich.[1] Vor dem Ersten Weltkrieg führte er eine private Arztpraxis an mehreren Standorten in Wien (Wien 9, Hörlgasse 10, Wien 1, Sterngasse 1, Wien 9, Bleichergasse 18, Wien 1, Elisabethstraße 1).
Schiffsarzt auf der „Silesia“ und „Bregenz“
Im Dienst des Österreichischen Lloyd unternahm er als Schiffsarzt zwischen April 1909 und Mai 1910 zwei Reisen mit den Dampfern „Silesia“ und „Bregenz“ nach Bombay (Indien).
Im Mai 1914 erfolgte seine Ernennung zum Oberarzt der Reserve.[2] Während des Ersten Weltkrieges war er einer Krankenhaltungsstation an der nordöstlichen Front zugeteilt. 1916 erhielt er eine Anerkennung für „vorzügliche und aufopferungsvolle Dienstleistung“[3] und wurde noch im selben Jahr zum Regimentsarzt befördert.[4] 1917 wurde ihm das Offiziersehrenzeichen vom Roten Kreuz mit der Kriegsdekoration verliehen.[5]
Nach seiner Rückkehr aus dem Kriegsdienst nahm er seine Tätigkeit als praktischer Arzt in Wien 2, Praterstraße 33, wieder auf;[6] im September 1919 verlegte er seine Ordination nach Praterstraße 40.[7] Seit 1920 war Szamek Mitglied der Gesellschaft der Ärzte in Wien.[8]
Frauenkranken-Institut „Charite“
Von 1926 bis zum März 1938 fungierte Szamak neben dem Direktor Josef Weinreb (1877-1942) als stellvertretender ärztlicher Direktor am Frauenkranken-Institut „Charite“ in Wien 2, Zirkusgasse 5a. An dieser Einrichtung arbeiteten u.a. auch Hugo Fasal (1873-1941), Klara Kohn-Liebmann (1896-1994), Koloman Freuder (1883-1946) und der frühere Präsident der Charite, Isidor Fischer (1868-1943), ehrenamtlich mit. Darüber hinaus hielt Szamak Vorträge zu frauenärztlichen Themen, unter anderem vor der Reichsorganisation der Hausfrauen Österreichs (ROhÖ).[9]
Publizistische Arbeiten
In den 1920er Jahren veröffentlichte Szamek mehrere wissenschaftliche Arbeiten, die im Umfeld des Bettina-Stiftungs-Pavillons unter dem Vorstand des Gynäkologen Wilhelm Latzko (1863-1945) sowie dessen Mitarbeiter, dem Dozenten Josef Schiffmann (1879-1944), entstanden. Gemeinsam mit Schiffmann publizierte er 1925 die Studien „Zur Kenntnis und Genese entzündlich-eitriger Veränderungen der Niere nach Ureter-Scheidenfisteln“ und „Ein hypernephroides Sarkom im kleinen Becken“. 1928 erschien seine Arbeit „Über Endometrium in der Tube“.
Konzertsänger, Schriftsteller und Conférencier
Neben seiner ärztlichen Tätigkeit trat Szamak nach dem Ersten Weltkrieg auch als Konzertsänger auf, unter anderem im Wiener Konzerthaus, wo er beispielsweise 1921 eigene Konzertabende veranstaltete.[10] Er war Mitglied und Sänger im Rossauer Männergesangsverein[11] und vertonte 1928 den vom Vizepräsidenten der Charite, Bruno Jahoda (1880-?), verfassten Liedertexte zum „Neuen Naturfreundelied“.[12]
Darüber hinaus wirkte Szamek im Wiener Schriftstellerverein „Die Scholle“, der von dem Schriftsteller und Journalist Hans Margulies (1889-1960) gegründet worden war, als Gesangskünstler und Conférencier bei literarisch-musikalischen Veranstaltungen mit. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg verfasste er ein Bühnenmanuskript, das er in der Zeitschrift “Der Floh“ veröffentlichte.[13] 1902 schrieb er anlässlich der Allgemeinen Ärzteversammlung vom 13. Dezember 1902 die satirische Dichtung „Frei nach Heinrich Heine: Die Hungrigen und die Satten“,[14] 1909 den Beitrag „Zum Schülerkonzert einer Klavierschule“.[15]
Nach dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938 wurde Szamek aufgrund seiner jüdischen Herkunft von den Nationalsozialisten verfolgt. Er verlor seine berufliche Stellung und flüchtete 1938 nach Großbritannien und arbeitete während des Krieges in Bombay (Indien) im British Medical Corps.[16]
Im August 1946 heiratete er in Bombay die in Wien geborene und ebenfalls vor den Nationalsozialisten geflohene Anna Emilia Henriette Marstaler (1898-1982). Im Jänner 1949 emigrierte das Ehepaar über Southampton in England mit der Queen Mary in die USA. Zunächst ließen sie sich in Green Springs in Ohio, später in New York nieder. Nach Ablegung der erforderlichen Prüfungen und der Zulassung zum Arztberuf arbeitete Szamek am Brunswick Hospital in Amityville sowie am Lakeside Memorial Hospital. Daneben eröffnete er eine private Fachpraxis für Gynäkologie. 1954 erwarb er die US-Staatsbürgerschaft.
In den USA war er Mitglied der Suffolk County Medical Society, der Medical Society of the State of New York und der American Medical Association.
Leo Szamek starb am 5. März 1967 in Amityville, Suffolk County, New York.
Quellen:
Matriken der IKG Wien, Geburtsbuch 1908, Szamek Leo.
UAW, Med. Fakultät, Nationalien/Studienkataloge, Sign. 134-0582, Szamek Leo (Nationalien Datum: 1902/03).
UAW, Rektorat, Med. Fakultät, Rigorosen- und Promotionsprotokolle, Sign. 196-0703, Szamek Leo (Rigorosum Datum: 18.5.1908).
UAW, Rektorat, Med. Fakultät, Rigorosen- und Promotionsprotokolle, Sign. 190-0771, Szamek Leo (Promotion Datum: 1.6.1908).
United States, Social Security Death Index, Leo Szamek, März 1967; (= U.S. Social Security Administration, Death Master File.
Ohio, Naturalization Records, 1848-1951, Anna Emilia Henriette Szamek, Leo Michael Szamek, 8. März 1950.
United States, Census, 1950, Leo Szamek and Anne Szamek, 10. April 1950.
New York, County Naturalization Records, 1791-1980, Leo M Szamek, 1954.
United States, Deceased Physician File (AMA), 1864-1968, Leo Michael Szamek, 5. März 1967.
New York State Journal of Medicine, 15.6.1967, S. 1786 (Nachruf).
Literatur:
[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]
[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]
[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek
[1] Medizinische Klinik, 21.3.1909, S. 2.
[2] Allgemeine Wiener medizinische Zeitung, 12.5.1914, S. 196.
[3] Fremdenblatt, 18.2.1916, S. 3.
[4] Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 52, 1916, Sp. 1999.
[5] Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 33, 1917, Sp. 1449.
[6] Neues Wiener Journal, 1.12.1918, S. 9.
[7] Neues Wiener Journal, 29.9.1919, S. 12.
[8] Wiener klinische Wochenschrift, Nr. 12, 1920, S. 260.
[9] Neues Wiener Tagblatt (Tages-Ausgabe), 12.1.1935, S. 10.
[10] Neue Freie Presse, 20.2.1921.
[11] Wiener Morgenzeitung, 3.3.1922, S. 4.
[12] Der Naturfreund, Wien, 1928, S. 45.
[13] Der Floh, Nr. 7, 1908, S. 4; Nr. 24, 1908, S. 3-6; Nr. 25, 1908, S. 3.
[14] Der Floh, Nr. 50, 1902, S. 5.
[15] Der Floh, Nr. 15, 1909, S. 2-3.
[16] Indian trade journal, 15.4.1943, S. 292.
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Letzte Aktualisierung: 2026.03.12


















