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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [116]: Das Erste öffentliche Kinderkranken-Institut (1788 – 1900 – 1938): Joseph Johann Mastalier – Max Kassowitz – Carl Hochsinger – Sigmund Freud

Das Erste öffentliche Kinderkranken-Institut (1788 – 1900 – 1938): Joseph Johann Mastalier – Max Kassowitz – Carl Hochsinger – Sigmund Freud

Text: Dr. Walter Mentzel

1788 wurde in Wien das erste öffentliche Kinderkranken-Institut und damit auch das älteste Kinderkrankeninstitut in Kontinentaleuropa eröffnete. Als Vorbild diente die 1769 von George Armstrong (1720-1789) in London errichtete aber nur kurzzeitig bestehende Kinderkrankenfürsorgeeinrichtung für verarmte Kinder. Initiiert und umgesetzt wurde diese Einrichtung von dem Wiener Arzt Joseph Johann Mastalier (1757-1793) nach einem von ihm entworfenen Konzept eines Ambulatoriums und bestand zunächst am Standort Wollzeile, Innere Stadt Nr. 842, und nach einer ersten Übersiedlung des Institutes ab 1793 auf dem Neuen Markt Nr. 1096. Mit dieser Institution sollten erstmals Kinder aus den mittellosen und verarmten Bevölkerungsschichten der Vorstädte eine unentgeltliche medizinische Behandlung beziehen und kostenlos Medikamente verabreicht bekommen. Ebenso arbeitete das medizinische Personal – mit Ausnahme des Pflegepersonals – unentgeltlich am Institut.

Abb. 1    Wiener Zeitung. Nr. 53. 1788.

Diese in der Tradition der josephinischen Armenfürsorge stehende Einrichtung finanzierte sich zunächst über Spenden sowie aus den Verkaufseingängen aus der von Mastalier 1787 veröffentlichten Arbeit „Über die beste und natürlichste Art, die Säuglinge zu ernähren“. Nach dem Tod von Mastalier übernahm Leopold Anton Gölis (1764-1827) die Leitung des Institutes. Unter seiner Ägide erhielt das Institut das Öffentlichkeitsrecht zugesprochen und es kam hier erstmals an einer Krankenanstalt zur Durchführung einer öffentlichen Pockenschutzimpfung.

Abb. 2    Wiener Zeitung. 7.5.1796. S. 1324. In: WStLA, Hauptregistratur, A 47 – Department 1 – Stiftungen, Versorgungshäuser, Anstalten, L 21 340.520/1881.

Zwischen 1815 und 1818 erschien von ihm das zweibändige Werk mit dem Titel:

Gölis, Leopold Anton: Praktische Abhandlungen über die vorzüglichen Krankheiten des kindlichen Alters. Bd. 1: Von der hitzigen Gehirnhöhlen-Wassersucht. Bd. 2: Vom inneren chronischen Wasserkopfe und von den verschiedenen Arten des äußeren Wasserkopfes. Wien Gerold 1815-1818.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Josphinische-Bibliothek, Sign.: JB-4086]

Gölis folgten in der leitenden Funktion am Institut Alexander Weiss, Johann Elias Loebisch (1795-1853) und Maximilian Leopold Politzer (1814-1888) nach. Löbisch entwickelte am Institut eine Reihe bedeutender Arbeiten zur Kinderpsychologie, darunter 1811 die „Vorschläge zur Verbesserung der körperlichen Kindererziehung“ und vor allem seine 1854 erschienene Publikation „Die Seele des Kindes in ihrer Entwicklung“, die lange Zeit in Vergessenheit geriet.

Löbisch, Johann Elias: Die Seele des Kindes in ihrer Entwicklung. Zweite Auflage. Wien: Wilhelm Braumüller, k.k. Hofbuchhändler 1854.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 46549]

1882 übernahm Max Kassowitz (1842-1913) die Institutsleitung und im selben Jahr kam es ein letztes Mal zu einer Standortveränderung des Institutes in die Steindlgasse 2/Tuchlauben 9, Innere Stadt. Von ihm stammt eine Instruktionsverordnung für den Direktor des Institutes, die die Aufgabengebiete und das Regelwerk des Institutes beinhalten.

Abb.3   WStLA, Hauptregistratur, A 47 – Department 1 – Stiftungen, Versorgungshäuser, Anstalten, L 21 340.520/1881.

Unter Kassowitz, der bereits seit 1869 als Sekundararzt am Institut beschäftigt war, nahm das Institut einen rasanten Aufschwung, der sich zunächst in der räumlichen Erweiterung des Institutes manifestierte.

Abb. 4    Hochsinger, Carl: Die Geschichte des Ersten Öffentlichen Kinder-Kranken-Institutes in Wien während seines 150jährigen Bestandes 1788-1938. Wien: Verlag des Kinder-Kranken-Institutes 1938.

Im Institut untergebracht waren nunmehr acht Ordinationsräume, ein Operationssaal, ein Laboratorium und ein Hörsaal. Gleichzeitig führte die zunehmende medizinische Spezialisierung zur Erweiterung des Institutes, das nunmehr aus sieben medizinischen Abteilungen bestand: Zwei Abteilungen für innere Krankheiten, zwei für Neurologie, eine chirurgische Abteilung, eine Abteilung für Dermatologie und eine für HNO. Bereits 1894 kamen zwei weitere Abteilungen für innere Erkrankungen hinzu, 1889 wurde die Abteilung für Augenkrankheiten eröffnet, 1905 erfolgte eine Erweiterung durch ein chemisch-mikroskopisches Laboratorium und 1907 kam eine Abteilung für Mund- und Zahnerkrankungen hinzu.

Abb. 5    Hochsinger, Carl: Die Geschichte des Ersten Öffentlichen Kinder-Kranken-Institutes in Wien während seines 150jährigen Bestandes 1788-1938. Wien: Verlag des Kinder-Kranken-Institutes 1938.

Ein wesentlicher Grund für die Expansion des Institutes lag in dem durch den massiven Bevölkerungszuwachs Wiens im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts hervorgerufenen rapiden Anstieg an Patienten von 2910 im Jahr 1879 auf 12.839 1892 und 21.600 im Jahre 1902. Dem gegenüber standen immer geringere finanzielle Mittel zur Bewältigung der medizinischen Aufgaben. 1906 trat Carl Hochsinger (*12.7.1860 Wien), der seit 1883 – Jahr seiner Promotion zum Dr. med. an der Universität Wien – als Assistent von Kassowitz und seit 1889 als Abteilungsleiter am Institut tätig war, die Leitung und 1913 die Direktion des Institutes an. In dieser Funktion stand er dem Institut bis zum „Anschluss“ im März 1938 vor. Hochsinger, der auch 1907 den „Klub der motorisierten Ärzte Österreichs“ (seit 1921 „Ärztliche Kraftfahrvereinigung“) gegründet hatte, wirkte während des Ersten Weltkrieges federführend an der Gestaltung der Aktionen zur Verschickung verarmter Wiener Kinder in das neutrale Ausland mit, so wie er nach dem Ersten Weltkrieg an der Umsetzung verschiedener Kinderhilfsaktionen beteiligt war.

Abb. 6    Hochsinge, Carl: Die Geschichte des Ersten Öffentlichen Kinder-Kranken-Institutes in Wien während seines 150jährigen Bestandes 1788-1938. Wien Verlag des Kinder-Kranken-Institutes 1938.

Unter seiner Leitung wirkte das Institut bis 1938 gemäß den Satzungen als Wohlfahrtseinrichtung, die Kindern aus mittellosen Familien eine unentgeltliche medizinische Behandlung anbot. Wie vor 1918 rekrutierte sich das durch den Weltkrieg und der Nachkriegsinflation stark verminderte Vermögen aus der Spendenbereitschaft verschiedenster privater Personen und Organisationen sowie öffentlicher Einrichtungen.

I. Der Unterstützungsverein: „Verein zur Förderung des Ersten Öffentlichen Kinder-Kranken-Institutes“

Die durch die hohen Krankenfrequenzen anwachsenden Ausgaben und das Ausbleiben eines staatlichen Beitrages machten noch unter der Leitung von Kassowitz im Jahr 1900 die Gründung eines Unterstützungsvereines notwendig, um die Finanzierungsbasis auszuweiten und den Fortbestand des Institutes sicherzustellen. Unter Einbeziehung öffentlich wirksamer Persönlichkeiten aus der Wiener High Society, dem Adel, Bankiers, Industriellen und sogenannten „Damenkomitees“ bestehend u.a. aus Prinz Lothar Metternich-Winneburg und Erzherzogin Maria Josepha (1867-1944) gelang es jene erforderlichen Mittel zum Umbau und zur Erweiterung des Spitales samt der Implementierung einer moderneren Spitalshygiene aufzubringen.


Abb. 7 und 8    Die Statuten des Vereines und des Institutes befinden sich im Wiener Stadt- und Landesarchiv: WStLA, M.Abt. 212 A23 – Ausgeschiedene Krankenanstalten 17/13 – Kinder-Kranken-Institut.

II. Sigmund Freud Wirken an der Abteilung für Nervenerkrankungen am Ersten Öffentlichen Kinder-Kranken-Institutes

Sigmund Freud arbeitete zwischen 1886 und 1896 als Abteilungsvorstand am Institut in der Abteilung für Nervenkrankheiten und verfasste in dieser Zeit zwei Arbeiten. Die Erste gemeinsam mit Oskar Rie (1863-1931):

Freud, Sigmund und Oskar Rie: Klinische Studie über die halbseitige Cerebrallähmung der Kinder. (= Beiträge zur Kinderheilkunde/3) Wien: Verlag von Moritz Perles 1891.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 29079/3]

Abb.: 9   Freud und Rie: Klinische Studien über die halbseitige Celebrallähmung der Kinder. […] Wien: 1891.

Diese an der Zweigbibliothek für Geschichte aufbewahrte Schrift enthält die handschriftlich verfasste Widmung von Sigmund Freud an Prof. Hermann Nothnagel (1841-1905) vom 17. April 1891.

Abb. 10  Widmung von Sigmund Freud

1893 publizierte er die Arbeit:

Freud, Sigmund: Zur Kenntnis der cerebralen Diplegien des Kindesalters. (Im Anschluss an die Little’sche Krankheit. (=Beiträge zur Kinderheilkunde/N.F. 3) Leipzig und Wien: Franz Deuticke 1893.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 29079/N.F.3]

Abb. 11  Freud: Zur Kenntniss der cerebralen Diplegien des Kindesalters. Wien: 1893.

Seine Nachfolger an der neurologischen Abteilung des Institutes waren Artur Schüller, Richard Stern, Julius Zappert und Rudolf Neurath, die alle von den Nationalsozialisten wegen ihrer jüdischen Herkunft ihrer Ämter enthoben, verfolgt und vertrieben wurden. Artur Schüller (1874-1957), Neuroradiologe und Mitarbeiter des Institutes, flüchtete 1938 nach Australien, wo er als Radiologe arbeitete und 1956 in Heidelberg bei Melbourne verstarb. Julius Zappert (1867-1941) war zwischen 1895 und 1903 als Leiter der Nervenordination im I. Öffentlichen Kinderkrankenhaus der unmittelbare Nachfolger von Freud, wirkte zwischen 1903 und 1918 als Vorstand des Mariahilfer Kinderambulatoriums und zwischen 1918 und 1938 als Leiter des neu errichteten Kinderambulatoriums der israelitischen Kultusgemeinde für arme kranke Kinder im Augarten in Wien. Er flüchtete 1938 nach Großbritannien. Rudolf Neurath (1869-1947), Dozent für Kinderheilkunde an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien, gelang die Flucht in die USA. Der Neurologe und Psychiater Richard Stern (1878-1942) wurde am 13.10.1942 im KZ Auschwitz ermordet. Ebenfalls am Institut arbeitete als Assistent der Radiologe Leopold Freund (1868-1943), der ebenso von der NS-Verfolgung betroffen war, wie der am Institut wirkende Kinderarzt Josef Karl Friedjung (1871-1946).

Am Institut wirkten zahlreiche weitere bekannte MedizinerInnen, wie Heinrich Boral, Julius Fürth, Gisela Glück, Guido Goldschmidt, Emil Gottlieb, Otto Halacz, Albert Hammerschlag, Hans Hoff, Max Kahane, Geza Kobler, Emil Rosenthal, Ilse Zimmermann.

III. Forschungen und Schriftenreihe: Beiträge zur Kinderheilkunde aus dem I. öffentlichen Kinderkrankeninstitut in Wien

Unter der Leitung von Max Kassowitz kam es zur Herausgabe einer eigenen Zeitschrift unter dem Titel „Beiträge zur Kinderheilkunde aus dem I. öffentlichen Kinderkrankeninstitut in Wien“, in der bis 1938 die am Institut erbrachten Forschungsleistungen regelmäßig publiziert wurden. Schon zuvor, 1853, hatte Politzer gemeinsam mit dem kaiserlichen Leibarzt Franz Mayr und dem Kinderarzt Schuller das „Jahrbuch für Kinderheilkunde“ ins Leben gerufen, das sich zu einer der renommiertesten wissenschaftlichen Zeitschriften auf diesem Fachgebiet entwickelte.

IV. Die Liquidierung des Institutes und die Vertreibung der MitarbeiterInnen durch die Nationalsozialisten – Festschrift: Hochsinger Carl, Die Geschichte des Ersten Öffentlichen Kinder-Kranken-Institutes in Wien während seines 150jährigen Bestandes 1788-1938. Wien Verlag des Kinder-Kranken-Institutes 1938.

Anlässlich des bevorstehenden Jubiläums zur Feier des 150jährigen Bestandes des Institutes wurde für das Jahr 1938 von Hochsinger eine 48-seitige Festschrift verfasst, die die historische Entwicklung, u.a. die Forschungsleistungen und die Publikationen enthielt. An diese im Selbstverlag des Institutes erschienene Schrift wirkten durch ihre Beiträge auch die beiden Mitarbeiter und Abteilungsvorstände Otto Gersuny und Richard Wagner mit.

Abb. 12  Hochsinger, Carl: Die Geschichte des Ersten Öffentlichen Kinder-Kranken-Institutes in Wien während seines 150jährigen Bestandes 1788-1938. Wien: Verlag des Kinder-Kranken-Institutes 1938.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 10087]

Die Festschrift wurde noch vor dem März 1938 von den Autoren abgefasst, fertiggestellt und vom Verlag gedruckt und ausgeliefert. Ein Exemplar dieser Festschrift befindet sich heute an der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin und stellt ein über die Institutionsgeschichte hinausgehendes Dokument dar. Sie enthält eine von Hochsinger im April 1938 handschriftlich verfasste Widmung mit der er die Festschrift dem Medizinhistoriker Max Neuburger (1868-1955) als Schenkung übergab. Sie lautet: „Herrn Prof. Dr. Neuburger/in besonderer Verehrung der Verf./April 1938

Abb.      13 Widmung von Carl Hochsinger an Max Neuburger

Sowohl Max Neuburger als auch Carl Hochsinger waren zu diesem Zeitpunkt wegen ihrer jüdischen Herkunft von ihren Funktionen an der Universität enthoben und der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ausgesetzt. Max Neuburger gelang die Flucht nach England, Carl Hochsinger wurde am 9. Oktober 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert und am 28. Oktober 1942 ermordet.

V. Jene im März 1938 im Personalstand der Institutes stehende MitarbeiterInnen und ihr Verbleib:

Nach dem „Anschluss“ im März 1938 kam es im 150. Bestandsjahre des Institutes zu dessen Schließung, der darauffolgenden Liquidierung, sowie zur Vertreibung der jüdischen MitarbeiterInnen. Die Festschrift enthält jene MitarbeiterInnen aufgelistet, die sich noch Anfang 1938 im Personalstand befanden und nach den „Anschluss“ im März 1938 wegen ihrer jüdischen Herkunft der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ausgesetzt waren.

I. Vorstand: Carl Hochsinger
Stellvertreter Dr. Richard Wagner
Kassaverwalter Dr. Ernst Duschak

II Abteilungsvorstände:

A. Allg. Ordination:

1. Med. Abt.: Richard Wagner (1887-1974) war ein Schüler Clemens von Pirquet und Professor an der Kinderklinik der Universität Wien. Nach seiner Flucht vor den Nationalsozialisten in die USA und seiner Einbürgerung erhielt er eine Professur für Kinderheilkunde an der Boston University.

2. Med. Abt.: Der am Institut arbeitende Otto Gersuny (1895-1964) flüchtete 1938 in die USA und arbeitete als Kinderarzt in New York.

3. Med. Abt. Dr. Felix Basch (1899-1962) flüchtete im August 1938 in die USA und arbeitete als Arzt zuletzt in Chicago.

B. Spezialabteilungen:

Abteilung Chirurgie:
1. Abteilung: Medizinalrat Emil Schwarzmann (1885-1966) flüchtete in die USA und verstarb 1966 in New Jersey.
2. Abteilung: Withold v. Schey (1891-1959).

Orthopädische Abt.: Der Medizinalrat Ernst Theodor Duschak (1890-1970) flüchtete 1938 in die USA und verstarb 1970 in New York.

Abt. für Augenkrankheiten: Alfred Weintraub (1898-1974) flüchtete 1938 in die USA und lebte zuletzt in New York.

Abt. für Sprachkrankheiten: Der Logopäde und Individualpsychologe und Leiter der phoniatrischen Station am Institut, Leopold Stein (1893-1969), flüchtete 1938 nach England.

Abt. für HNO: Oskar Benesi (1878-1956) war Professor für Oto-Rhino-Laryngologie an der Universität Wien. Er flüchtete in die USA, wo er an der Wayne University in Detroit unterrichtete und am New York City Home for Dependents und am Metropolitan Hospital und am Coler Hopital arbeitete.

Abt. für Nervenkrankheiten: Felix Frisch (1879-1958) gelang die Flucht in die USA, wo er am McKinley Hospital arbeitete. An der daran angegliederten heilpädagogischen Station arbeitete als Leiter Milan Morgenstern (1895-1954), der als Heilpädagoge, Psychologe und Schüler von Siegmund Freud in den 1920er Jahren in Berlin der Beratungsstelle der Internationalen Arbeiterhilfe (IAH) für jugendliche Rechtsbrecher vorstand und Mitbegründer eines Heimes für behinderte Kinder in der Nähe von Berlin war. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten und seiner Verfolgung wegen seiner jüdischen Herkunft floh er 1933 nach Wien und nach dem „Anschluss“ im März 1938 nach Großbritannien.

Abt. für Hautkrankheiten: Der Dermatologe Robert Brandt (1888-1963) flüchtete in die USA, wo er an der University of Cincinnati College of Medicine in Ohio arbeitete.

Abt. für Zahnkrankheiten: Der Universitätsdozent Georg Stein (1891-1963) flüchtete 1938 in die USA.

Abt. für Psychotherapie: Alice Lehndorff (1881-1960) engagierte sich im Verein für Individualpsychologie und leitete bis 1935 gemeinsam mit Erwin O. Krausz und später mit Luna Reich das „Ambulatorium für Psychotherapie“. Sie flüchtete im März 1938 nach England und emigrierte später in die USA.
Röntgenkonsilarius: Dr. Franz Windholz (1897-1950) flüchtete 1938 in die USA und arbeitete an der Stanford Universität, School of Medicine, als Radiologe und war Mitglied des American Board of Radiology.

Abt. Kinderärztliche Fürsorgestelle für Schwangere: Sanel Beer (1886-1981) flüchtete 1939 in die USA und arbeitete als Direktor und Eigentümer des Rivermont Park Hospitals in Miami/Florida, war danach in verschiedenen Spitälern und medizinischen Diensten tätig, zuletzt ab 1958 im ärztlichen Dienst des Yellowstone-Nationalparks in Wyoming.

Quellen:

WStLA, Hauptregistratur, A 47 – Department 1 – Stiftungen, Versorgungshäuser, Anstalten, L 21 340.520/1881.

WStLA, M.Abt. 212 A23 – Ausgeschiedene Krankenanstalten 17/13 – Kinder-Kranken-Institut.

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [115]: Frida Becher von Rüdenhof (1874-1951) – Medizinerin – Frauenrechtsaktivistin – NS-Verfolgte

Frida Becher von Rüdenhof (1874-1951) – Medizinerin – Frauenrechtsaktivistin – NS-Verfolgte

Text: Dr. Walter Mentzel

Frida (Frieda) Becher, geborene Perels, wurde am 30. September 1874 in Wien als Tochter von Emil Perels (*9.7.1837 Berlin, gest. 4.9.1893 Niederdorf in Südtirol) und Rose (gest. 23.3.1882), geborene Volkmar, geboren. Ihr Vater Emil Perels war Techniker und Maschinenbauingenieur, der nach seiner Habilitation am Gewerbeinstitut in Berlin zunächst an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sein Spezialgebiet landwirtschaftliche Maschinentechnik lehrte und seit 1873 als Professor, seit 1877 als Dekan der landwirtschaftlichen Sektion, sowie 1880/81 als Rektor an der Universität für Bodenkultur in Wien wirkte. Sein Bruder Ferdinand Paul Perels (1836-1903) war ein Militärjurist, Mitglied der kaiserlichen Admiralität und Direktor des Marineamtes und Seerechtsfachmann der deutschen Marine, der an der Marineakademie Kiel unterrichtete.

Frida heiratete 1895 den General der k.u.k. Armee, Carl Ritter Becher von Rüdenhof (*15.1.1867, gest. September 1945 Klagenfurt),[1] dessen Familie 1881 das Heimatrecht in Österreich verliehen bekam, und mit dem sie gemeinsam die Tochter Hertha hatte. Sie absolvierte ein Lehrerinnenseminar in Berlin, maturierte erst mit 36 Jahren im Jahr 1910 in Graz und begann danach mit dem Studium an der Medizinischen Fakultät in Wien, das sie im 1915 mit ihrer Promotion abschloss.[2]

Ihre späte medizinische Laufbahn begann sie zwischen 1915 und 1918 als Assistentin im Sophienspital bei Professor Nikolaus Jagić (1875-1956). 1919 wurde sie Mitglied der Gesellschaft für innere Medizin und Kinderheilkunde in Wien[3] und zwischen 1920 und 1922 war sie als Assistentin an der Wiener Poliklinik tätig, führte daneben ab 1918 eine eigene Praxis für interne Medizin und arbeitete als Kinderärztin. Becher war Mitglied des von Maria Lang (1858-1934) und Else Federn (1873-1946) gegründeten Vereins Wiener Settlement in Ottakring, einem Hilfswerk, das sich verarmten Kindern annahm und der Weiterbildung von Müttern widmete,[4] und engagierte sich hier seit spätestens 1906.[5] Zwischen 1922 und 1926 arbeitete sie als Vertrauensärztin der Unionsbank und unterrichtete Anatomie und Hygiene an der Fachlehranstalt für Bekleidungsgewerbe in Wien. 1937 erhielt sie den Titel des Medizinalrates.[6]

Abb. 1    Das Wort der Frau. 20.9.1931. S. 1.

Weiters war sie Mitglied in der am 9.2.1919 gegründeten Österreichischen Ärztinnenorganisation (OÄÖ) und nahm als Vertreterin der österreichischen Ärztinnen im September 1931 gemeinsam mit der Präsidentin der Organisation der Ärztinnen Wien Marianne Bauer-Jokl (1885-1980), der korrespondierenden nationalen Sekretärin des Internationalen Ärztinnenverbandes Dora Brücke-Teleky (1879-1963), sowie mit Jenny Adler-Herzmark (1877-1950), Pauline Feldmann und Hedwig Fischer-Hofmann am 4. am Internationalen Ärztinnenkongress in Wien sowie gemeinsam mit Marianne Bauer-Jokl und Dora Brücke-Teleky am 7. Internationalen Ärztinnenkongress in Stockholm 1934 teil.[7]

Abb. 2    Links im Bild Frida Becher-Rüdenhof. Daneben von links nach rechts: Dora Brücke-Teleky, Alfreda Widerhof, Marianne Bauer-Jokl, Gisa Kanriner, Pauline Feldmann und Dr.in Stein. Der Tag. 17.9.1931. S. 12.

Sie publizierte eine Reihe von wissenschaftlichen Arbeiten darunter in der Wiener medizinischen Wochenschrift „Ein Fall von Spontanheilung bei allgemeinen Hydrop“[8] und über Blutkörperchensenkungsprobe und gynäkologische Diagnostik[9] sowie weiters:

Abb. 3    Becher, Frida: Ueber gehäuftes Auftreten von Achlorhydrie. Sepratabdruck aus Wiener klinische Wochenschrift. Wien und Leipzig: Wilhelm Braumüller k.u.k. Hof- und Universität-Buchhändler 1917.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

Abb. 4    Becher, Frida: Klinische Beobachtungen bei der Pleuritis. Separatabdruck aus Wiener medizinische Wochenschrift. Wien: Verlag von Moritz Perles, k.u.k. Hofbuchhändler 1918.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

Abb. 5    Becher, Frida: zur Hämatologie der Grippe. Separatabdruck aus Wiener klinische Wochenschrift. Wien und Leipzig: Wilhelm Braumüller Universitäts-Buchhändler 1919.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

Neben medizinischen Fachbeiträgen publizierte sie Reisebeschreibungen, wie „In der Heimat Tut-Ench-Amuns,[10] den Aufsatz „als europäische Ärztin im Harem“[11] und übersetzte Texte wie „Die Judengemeinde von Saloniki“.[12] 1904 nahm sie am 28. Sprach- und Literaturkongresses in den Niederlanden teil.

Schon früh war Frida Becher in der bürgerlichen Frauenbewegung in Wien aktiv. Seit der Gründung im Jahr 1903 engagierte sie sich im „Neuen Frauenklub“,[13] 1905 in der „Frauenrechtsschutz-Akademie“[14] und trat für die selbständige berufliche Erwerbstätigkeit von Frauen ein. In den 1930er Jahren war sie die Leiterin der Eheberatungsstelle in der unter der Führung von Marianne Hainisch (1839-1936) gegründeten Österreichischen Frauenpartei, und nahm an deren Versammlungen als Referentin teil.[15] Ebenfalls aktiv war sie gemeinsam mit Marianne Hainisch im 1925 gegründeten Klub „Willkommen in Österreich“.[16]

Frida Becher arbeitete 1938 als Fachärztin in Wien 8, Florianigasse 15. Da ihr Vater Emil Perels, wie ebenso dessen Bruder Ferdinand, vom Judentum zum evangelischen Glauben AB konvertiert waren, war sie aufgrund der NS-Rassengesetze nach dem „Anschluss“ im März 1938 der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ausgesetzt. Sie gehörte zu den 11 Ärztinnen, die ab September 1938 in Wien zur Behandlung der jüdischen Bevölkerung zugelassen wurden.[17] Becher überlebte den Holocaust und arbeitete nach dem Krieg, nachdem sie im Geschädigtenreferat der Ärztekammer Wien auf der Liste der durch den Nationalsozialismus geschädigten, Praxis ausübenden Ärzte registriert worden war,[18] als praktische Ärztin in Wien 8, Wickenburggasse 17. Sie verstarb am 5. November 1951 in Wien.

Ihr Bruder, Emil Perels (*17.6.1880 Wien), der im österreichischen Credit-Institut für öffentliche Unternehmungen und Arbeiten sowie als Verwaltungsrat einer Reihe österreichischer Unternehmen und als Direktor der Gipswerke Schottwien-Semmering tätig war, studierte 1938 an der Universität Wien Philosophie und Geschichte und lebte bis 1938 in Wien 8, Florianigasse 15 und zuletzt bei Carl und Frida Becher in Wien 8, Wickenburggasse 17. Er wurde am 24.9.1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert und am 16.10.1944 in das KZ Auschwitz überstellt und ermordet.[19] Der Sohn ihres Onkels Ferdinand, Kurt Perels beging 1933 Suizid, ein weiterer Sohn, Ernst Perels, starb kurz nach seiner der Befreiung aus dem KZ Flossenbürg 1945, und einer ihrer Neffen wurde im Februar 1945 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und erschossen.

Ihre Tochter Hertha (*18.11.1896 Pola/Istrien), die 1914 in Pola maturiert und ebenfalls an der Universität Wien Medizin studiert und 1921 promovierte hatte, erhielt ihre weitere Ausbildung zur Kinderärztin an der Kinderklinik von Clemens Pirquet (1874-1929).[20] Nach dem „Anschluss“ wurde sie, die bis dahin als Schul- und Kinderärztin in Wien gearbeitet hatte, 1939 von den Nationalsozialisten vom Dienst entlassen und mit Berufsverbot belegt. Sie überlebte den Holocaust und verstarb 1987 in Wien.

[1] Kärntner Nachrichten. 20.9.1945. S. 3.

[2] UAW, Sign. 191, Zl. 965 Frieda Becher (Promotions/Sponsions-Datum: 1915.11.27); UAW, Sign. 196, Zl. 40, Frieda Becher (Rigorosen Datum: 1915.11.13).

[3] Wiener medizinische Wochenschrift. Nr. 38. 1919. Sp. 1851.

[4] Die Österreicherin. (5) 1929. S. 12.

[5] Neue Freie Presse. 18.11.1906. S. 10.

[6] Wiener medizinische Wochenschrift. Nr. 3. 1937. S. 87.

[7] Die Österreicherin. (6) 1934. S. 4.

[8] Wiener medizinische Wochenschrift. Nr. 49. 19347. S. 1327.

[9] Wiener klinische Wochenschrift. Nr. 22. 1924. S. 545.

[10] Österreichische Kunst. (5) 1933. S. 8.

[11] Neue Freie Presse. 2.9.1932. S. 1.

[12] In: Völkerschau. Populärwissenschaftliche Quartalschrift. München-Stuttgart: 1904. Vgl. Neue Freie Presse. 17.7.1904. S. 38.

[13] Jahresbericht des Neuen Frauenklub. Wien 1904.

[14] Neues Wiener Tagblatt (Tages-Ausgabe). 13.2.1905. S. 6.

[15] Das Wort der Frau. 24.1.1932. S. 4. Der Tag. 13.2.1933, S. 3.

[16] Neue Freie Presse. 12.3.1925. S. 9.

[17] Arias, Ingrid: „… Und in Wirklichkeit war es Zufall, dass man am Leben geblieben ist …“. Das Schicksal der jüdischen Ärztinnen in Wien 1938-1945. In: „Im Dienste der Volksgesundheit“. Frauen – Gesundheitswesen – Nationalsozialismus. Hrsg. von Arias Ingrid. Wien 2006. S. 31-92.

[18] Der Neue Mahnruf (Zeitschrift für Freiheit Recht und Demokratie). (5) 1950,.S. 15.

[19] Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus an der Universität Wien 1938. Datenbank: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes: Emil Perles.

[20] UAW, Med. Fak., Dekanat, Sign 192, Zl. 757, Hertha Perels. Weiters: UAW, Med. Fak., Dekanat, Sign. 196, Zl. 53, Hertha Perels.

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [113]: Die Büchersammlung „Heilstätte für Lupuskranke in Wien“ aus der Provenienz Eduard Lang und Alfred Jungmann

Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [113]: Die Büchersammlung „Heilstätte für Lupuskranke in Wien“ aus der Provenienz Eduard Lang und Alfred Jungmann

Text: Dr. Walter Mentzel

Zwischen 1904 und 1938 existierte in Wien auf der Basis einer Stiftung und eines Vereines zunächst in unmittelbarer Nähe zum Allgemeinen Krankenhaus und seit 1914 auf dem Areal des Wilhelminenspitals eine der modernsten Heilstätten für Lupuserkrankte in Europa, die auf die Initiative der Mediziner Eduard Lang und seines langjährigen Mitarbeiters Alfred Jungmann zurückging. Damit sollten die vor allem in den ärmeren Bevölkerungsschichten verbreiteten Lupuserkrankungen, die auch massive soziale Ausgrenzungen mit sich brachten, nach den modernsten zur Verfügung stehenden Methoden behandelt werden. Die Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin besitzt jene in diesen Jahren von Lang und Jungmann aufgebaute Büchersammlung, mit den Schwerpunkten Lupus, Dermatologie und Röntgenkunde, sowie die vom Verein und vom Kuratorium der Stiftung „Heilstätte für Lupuserkrankungen“ seit 1904 publizierten Jahresberichte, die in umfangreichen Darstellungen die Gebarungen, die Tätigkeiten der Heilstätte und die hier vollbrachten medizinischen Leistungen dokumentieren.

Abb. 1    Titelblatt: Bericht des Kuratoriums der Stiftung „Heilstätte für Lupuskaranke“. Jg. 1904. Wien: Im Selbstverlage des Kuratoriums 1905.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 2.326]

Abb. 2    Eduard Lang. Aus: Wiener Bilder. 16.7.1916. S. 7.

Eduard Lang wurde am 1.5.1841 in Klacsau/Trencsin in Ungarn (heute Klucove/Slowakei), als Sohn des jüdischen Bauern Adam Lang, geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Pest und dem Studium der Medizin an der Universität Wien (Promotion 1865) arbeitete er zunächst als Praktikant im Krankenhaus Rudolfstiftung und danach als Fabriksarzt in der Spinnerei im Marienthal in Niederösterreich. Zwischen 1868 und 1870 ließ er sich als Operationszögling bei Theodor Billroth (1829-1894) zum Chirurgen ausbilden und habilitierte sich 1871 in den Fächern Chirurgie und Syphilidologie an der Universität Innsbruck. Hier arbeitete er zunächst als Assistenzarzt von Karl Wilhelm Heine (1838-1877) bis zu seiner 1873 erfolgten Ernennung zum a.o. Professor und Vorstand der neugeschaffenen Klinik für Syphilis und Dermatologie. In dieser Zeit verfasste er die ersten Arbeiten zu Lupuserkrankungen. 1887 kehrte er wegen seiner Bestellung zum Primarius an der II. Syphilisabteilung am Allgemeinen Krankenhaus nach Wien zurück und stand dieser bis 1907 als Direktor vor. In diesen Jahren setzte er seine Forschungen auf dem Gebiet der Lupuserkrankungen fort und entwickelte spezielle Methoden der operativ-plastischen Behandlung (operative Entfernung beschädigter Gewebe und Ersatz durch Hauttransplantation), die er seit spätestens 1892/93 erfolgreich anwendete und die ihn zu einem international anerkannten Spezialisten auf diesem Gebiet machten.

Zu seinen engsten und langjährigen Mitarbeitern zählte seit 1900 Alfred Jungmann. Jungmann wurde am 5.4.1872 als Sohn von Moritz Jungmann (1841-1900) und Manuela Melanie (1849-1918), geborene Trebitsch, in Wien geboren. Er war, wie auch seine Ehefrau Valerie (*5.8.1882), geborene Jeiteles, die er 1909 geheiratet, und mit der er gemeinsam die Tochter Elisabeth Rosalie (*21.9.1910 Wien) hatte,[1] jüdischer Herkunft.[2] Jungmann inskribierte 1890 an der Universität Wien Medizin,[3] schloss das Studium 1894 mit dem Rigorosum[4] und 1896 mit seiner Promotion[5] ab, und eröffnete im selben Jahr in Wien 2, Rembrandtstraße 3 eine Arztpraxis.[6] Seit spätestens 1900 arbeitete als Sekundararzt an der Klinik bei Eduard Lang.

Der Verein „Lupusheilstätte“, die Stiftung „Heilstätte für Lupuskranke“ und die Wiener Heilstätte für Lupuskranke

Nachdem Eduard Lang die von ihm entwickelte Operationsmethode am 13. internationalen medizinischen Kongress in Paris 1900 vorgestellt hatte, initiierte er mit Unterstützung von Jungmann eine öffentliche Kampagne zur Errichtung einer eigenen Institution zur Heilung und Erforschung des Lupus,[7] die im Frühjahr 1902 unter dem in Wiener Tageszeitungen veröffentlichten Aufruf „Ein Stück Menschenelend“ ihren Höhepunkt erlangte. In weiterer Folge forcierten beide zur Unterstützung der Aufklärungskampagne die Publikationen populärer und wissenschaftlicher Texte, die ebenfalls in zahlreichen Zeitungen zur Veröffentlichung gelangten.[8] Als Vorbild für das Projekt einer modernen Heilanstalt in Wien diente Lang das von dem Dermatologen und Lupusforscher Niels Ryberg Finsen (1860-1904) errichtete Institut für Lichttherapie in Kopenhagen, dessen neu entwickelte therapeutische Behandlungsmethode des Lichtheilverfahrens durch Bestrahlung er bereits seit 1900 neben seiner operativ-plastischen Behandlungsweise übernommen hatte.

Abb. 3    Bericht des Kuratoriums der Stiftung „Heilstätte für Lupuskranke“. Wien: 1914.

Zur Sicherstellung der für die Finanzierung eines eigenen Behandlungszentrums sowie der kostenintensiven Bestrahlungstherapie notwendigen Mittel, versuchte Lang einflussreiche Behördenvertreter, den Hochadel und Mitglieder der österreichischen High Society zur Unterstützung seines Vorhabens zu gewinnen. Seiner Anregung nach kam es 1902 unter dem Protektorat des Erzherzoges Otto von Habsburg (1865-1906) und der Leitung des Fürsten Max Egon Fürstenberg (1863-1941) zur Errichtung eines Organisationskomitees, das eine Stiftung zur Verwaltung der künftig zu erwartenden privaten Spendenmittel vorbereiten und Pläne zur Errichtung einer neuen Behandlungsstätte ausarbeiten sollte. Nachdem sich im Jänner 1904 die Stiftung „Heilstätte für Lupuskranke“ gebildet hatte und die ersten finanziellen Beiträge durch Spenden des Kaisers Franz Joseph und der Mitglieder des Kaiserhauses zur Verfügung standen, konstituierte sich in der Gesellschaft der Ärzte in Wien am 6.3.1904 unter der Präsidentschaft von Ritter Karl von Leth (1861-1930) der Verein „Lupusheilstätte“.[9] Mit Hilfe des Vereines sollten – neben der Errichtung einer Krankenanstalt und einer wissenschaftlichen Forschungsstätte – vor allem eine unentgeltliche oder gegen Entgegennahme einer geringfügigen Vergütung die medizinische Behandlung breiten Bevölkerungsschichten zugänglich gemacht werden. Im Oktober 1904 ermöglichte das private Spendenaufkommen zunächst die provisorische Errichtung einer ambulanten Heilanstalt für Lupuskranke als Filiale des Allgemeinen Krankenhauses in Wien 18, Czermakgasse 2 (heute: Leo-Slezak-Gasse). Wenige Jahre später übersiedelte die Heilanstalt in die Borschkegasse, während eine Dependance in der Spitalgasse als Versorgungsheim diente.[10] 1905 kam es zu einem Übereinkommen zwischen der Direktion der Heilstätte und des Verbandes der Genossenschaftskrankenkassen und der Allgemeinen Arbeiterkranken- und Unterstützungskasse in Wien, dass eine Kostenübernahme der Licht-Behandlungsmethode sicherstellte und damit die von Eduard Lang eingeforderte soziale Dimension des Projektes verwirklichte.[11]

Abb. 4    WStLA, M.Abt. 213 A4, Nr. 42, Krankenanstalten: aufgelassene Lupus-Heilstätte.

Abb. 5    Alexander, Syphilis und Auge. Nach eigenen Beobachtungen, Wiesbaden 1888.

Als Vorstand und Primararzt an der Heilstätte fungierten Eduard Lang und als dessen Assistenzarzt, und seit 1911 als Primararzt zweiter Klasse, Alfred Jungmann.

Abb. 6    Aus: Finsen Niels R., Die Bekämpfung des Lupus Vulgaris, Kopenhagen 1902.

1908 erfolgte durch den Verein und der Stiftung der Beschluss zu einem Neubau der Heilstätte samt eines daran angeschlossenen Heimes für Lupuskranke auf dem Baugrund des Wilhelminenspitals in einem Ausmaß von 15.000 m², wozu der Verein auch einen Teil des Grundstückes erwarb.[12] Mit dem nunmehr unter dem Protektorat der Erzherzogin Maria Josefa (1867-1944) stehenden, von der Stiftung „Heilstätte für Lupuskranke“ geförderten und vom Architekten Otto Wagner (1841-1918) entworfenen Bauprojekt wurde im Juli 1908 begonnen. Die Fertigstellung und Eröffnung dieser zu dieser Zeit in Europa größten und mit Wohnräumen für ÄrzteInnen und Pflegepersonal samt modernsten Forschungs-Laboratorien ausgestatteten Heilanstalt für Lupuskranke erfolgte im Frühjahr 1914.[13]

Abb. 7    Bericht des Kuratoriums der Stiftung „Heilstätte für Lupuskranke“ Jahrgang 1910, Wien 1912.

Abb. 8    Bericht des Kuratoriums der Stiftung „Heilstätte für Lupuskranke“ Jahrgang 1910, Wien 1912.

Abb. 9    Bericht des Kuratoriums der Stiftung „Heilstätte für Lupuskranke“ Jahrgang 1910, Wien 1912.

Abb. 10 Bericht des Kuratoriums der Stiftung „Heilstätte für Lupuskaranke“. Jg. 1904. Wien: Im Selbstverlage des Kuratoriums 1905.

Abb. 11  XI. Jahresbericht des Vereines „Lupusheilstätte“ erstattet in der am 30. April 1916 abgehaltenen ordentlichen Generalversammlung, Wien 1916.

Alfred Jungmann verstarb, nachdem er im Juli 1914 als Militärarzt zum Kriegsdienst eingezogen worden war, am 15.8.1914 während seiner Rückreise nach Wien in Fünfkirchen (Pecs), an einer Fleischvergiftung.[14] Die Ehefrau von Alfred Jungmann, Valerie, war nach dem „Anschluss“ im März 1938 der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ausgesetzt und lebte bis zu ihrer Deportation in einer Sammelwohnung in Wien 3, Ungargasse 15/5. Sie wurde am 28.11.1941 von Wien nach Minsk deportiert und 1944 ermordet.[15] Die gemeinsame Tochter Elisabeth Rosalie Jungmann gelang die Flucht vor den Nationalsozialisten nach England. Sie verstarb im Juli 1991 in Leeds/Yorkshire. Von Jungmann befinden sich in der Büchersammlung „Heilstätte für Lupuskranke“ Bücher mit dem Exlibris von Alfred und Valeria Jungmann.

Abb. 12  Exlibris Alfred und Valerie Jungmann

Eduard Lang verstarb am 19.6.1916 in Reichenau an der Rax in Niederösterreich. Kurz nach dem Tod von Jungmann kam es zur Errichtung des Dr. Alfred Jungmann-Fonds und noch im Todesjahr von Eduard Lang zur Bildung des Eduard-Lang Fonds[16], um die Weiterfinanzierung der Lupusheilstätte zu sichern. Im September 1918 wurde in Wien Ottakring die an der Heilstätte angrenzende und nach Niels Ryberg Finsen benannte Straße in Eduard Lang Gasse unbenannt und im Dezember 1938 erfolgte die bis heute gültige Umbenennung in Steinlegasse. Die Stiftung und der Verein samt deren Vermögen wurden nach dem „Anschluss“ im März 1938 von den Nationalsozialisten zusammen mit dem Krankenanstaltsfonds in das Eigentum der Stadt Wien eingewiesen. Nach 1945 wurde der Verein nach dem Vereinsgesetz nicht mehr reaktiviert und der Gebäudekomplex der Lupusheilstätte einschließlich des Heimes von der Stadt Wien bis zum Jahr 1952 für die stationäre und ambulante Behandlung von Lupusfällen verwendet. Danach kam es zur Verlegung der dermatologischen Abteilung des Wilhelminenspitals an den Standort der ehemaligen Lupusheilstätte.

Abb. 13  Exlibris Eduard Lang

Abb.      14 Exlibris Eduard Lang

Neben den in der Büchersammlung enthaltenen Arbeiten von Eduard Lang und Alfred Jungmann befinden sich von ihnen noch zahlreiche Publikationen im Bestand der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin. Darunter als Auswahl:

Lang, Eduard: Vorlesung über Pathologie und Therapie der Syphilis. Wiesbaden: Bergmann 1884-1886.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 5.178]

Lang, Eduard: Das venerische Geschwür. Vorlesung über dessen Pathologie und Therapie. Wiesbaden: Bergmann 1887.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 2.013/2]

Lang, Eduard: Prophylaxe und Therapie der Syphilis. In zwölf Vorlesungen. Wiesbaden: Bergmann 1896.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 67.622]

Lang, Eduard: Der venerische Katarrh. Vorlesungen über dessen Pathologie und Therapie. Wiesbaden: Bergmann 1893.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Gesellschaft der Ärzte Bibliothek, Sign.: GÄ-21.050]

Lang, Eduard: Therapeutik für venerische und Hautkranke. Aus der Abteilung des Eduard Lang. Wien: Safar 1899.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 64.368]

Lang, Eduard: Über Einrichtung von Heilstätten, die zur Bekämpfung des Lupus, einer chronischen Hauttuberkulose, dienen. Sonderabdruck aus: Neues Wiener Tagblatt (Mai 1910). Wien: Selbstverlag 1910.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 13.471]

Mitteilungen aus der Wiener Heilstätte für Lupuskranke. Folge 1. Hrsg.: Eduard Lang. Wien: Safar 1907.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 8.728]

Foges, Arthur und Alfred Jungmann: Lichtbehandlung aus rektalem und vaginalem Wege. Sonderabdruck aus: Wiener klinische Wochenschrift. Nr. 47. Jg. 1909. Wien, Leipzig: Braumüller 1909.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 13.911]

Jungmann, Alfred: Die Wiener Heilstätte für Lupuskranke. Für Freunde und Gegner. Wien, Leipzig: Safar 1911.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 4.021]

Jungmann, Alfred: Ärztlicher Bericht aus der Heilstätte für Lupuskranke. Braumüller: Wien, Leipzig: Braumüller 1911.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 2.372]

Jungmann, Alfred: Die Bekämpfung der Hauttuberkulose. Sonderabdruck aus: Die Schule als Verbündete im im Kampfe gegen den Lupus. Wien: 1914.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 13.447]

Quellen:

ÖStA/AdR, E-uReang, Hilfsfonds, Abgeltungsfonds, Zl. 5.092 und Zl. 5.093, Jungmann Valerie: Antragstellerin Jungmann Elisabeth Rosalia.

ÖStA/AdR, E-uReang, FLD, Zl. 17.897, Jungmann Elisabeth.

ÖStA/AdR, E-uReang, VVSt, VA, 18.774, Jungmann Valerie.

ÖStA/AdR, E-uReang, VVSt, VA, 19.409, Jungmann Elisabeth Rosalia.

WStLA, VEAV, MA 119.A41, Zl. 172, Zl. 408, Zl. 409, Zl. 458, Bezirk: 10, Jungmann Elisabeth.

Österreichisches Sanitätswesen. 1905.

Bericht des Kuratoriums der Stiftung „Heilstätte für Lupuskaranke“. Jg. 1904. Wien: Im Selbstverlage des Kuratoriums 1905.

Bericht des Kuratoriums der Stiftung „Heilstätte für Lupuskranke“ Jahrgang 1910, Wien 1912.

Bericht des Kuratoriums der Stiftung „Heilstätte für Lupuskranke“. Wien: 1914.

  1. Jahresbericht des Vereines „Lupusheilstätte“ erstattet in der am 30. April 1916 abgehaltenen ordentlichen Generalversammlung, Wien 1916.

Lang, Eduard: Entwicklung und Stand der Wiener Organisation zur Bekämpfung des Lupus. In: Neue Freie Presse. 14.5.1914. S. 23-24.

Jungmann, Alfred: Ärztlicher Bericht aus der Heilstätte für Lupuskranke. In: Wiener Medizinische Wochenschrift. Nr. 25. 1912. Sp. 1713.

Gegen die fressende Flechte. Ein Gang durch die neue Wiener Lupusheilstätte. In: Arbeiter-Zeitung. 29.5.1914. S. 6.

Holubar, Karl: Eduard Lang und die Anfänge der operativen Dermatologie in Österreich. In: Zeitschrift Hautkrankheiten. 66 (Supplement 3). 1991. S. 13-15.

[1] IKG Wien, Geburtenbuch 1910, Jungmann Elisabeth Rosalie.

[2] IKG Wien, Trauungsbuch 1909, Jungmann Alfred, Jeitels Valerie.

[3] UAW, Med. Fak., Dekanat, Nationalien/Studienkataloge, Sign. 134, Zl. 386-1890/91, Jungmann Alfred.

[4] UAW, Med. Fak., Dekanat, Nationalien/Studienkataloge, Sign. 134, Zl. 466-1894/95, Jungmann Alfred.

UAW, Med. Fak., Dekanat, Rigorosenprotokoll, Sign. 177, Zl. 173b Jungmann Alfred (Rigorosen Datum 1894).

[5] UAW, Med. Fak., Dekanat, Promotionsprotokoll, Sign. 188, Zl. 567, Jungmann Alfred.

[6] Wiener Medizinische Wochenschrift. Nr. 43. 1896. Sp. 1879.

[7] Pharmaceutische Post. 20.3.1904. S. 174.

[8] Die Heilung der fressenden Flechte (Lupus). Neue Freie Presse. 6.3.1902. Stiftung Heilstätte für Lupuskranke, Neue Freie Presse. 10.4.1902. Die Heilstätte für Lupuskranke und die Lupusbehandlung, Wiener klinische Rundschau. Nr. 18. 1903. Die Heilstätte für Lupuskranke in Wien. Wiener klinische Wochenschrift. Nr. 38. 1904).

[9] Zur Stiftung und den Vereinsstatuten der Lupus-Heilstätte. WStLA, M.Abt. 213 A4, Nr. 42, Krankenanstalten: aufgelassene – Lupus-Heilstätte. Weiters: NÖLA, Statthalterei, Zl. VIII-Zl. 3068/26 vom 13.12.1904.

[10] Pharmaceutische Post. 12.2.1905. S. 105. Arbeiter Zeitung. 27.7.1908. S. 3.

[11] Arbeiter Zeitung. 5.6.1905. S. 2.

[12] Internationale klinische Rundschau. Nr. 29. 1908. S. 467.

[13] Wiener Bilder. 19.7.1914. S. 6.

[14] IKG Wien-Friedhofsdatenbank: Jungmann Alfred.

[15] DÖW, Jungmann Valerie.

[16] Neue Freie Presse. 31.10.1918. S. 10.

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Vertriebene 1938: Ludwig Teleky – Pionier der Sozialen Medizin, der Gewerbehygiene und der Arbeitsmedizin

Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [112]:

Vertriebene 1938: Ludwig Teleky – Pionier der Sozialen Medizin, der Gewerbehygiene und der Arbeitsmedizin

Text: Dr. Walter Mentzel

Ludwig Teleky gilt als Begründer der Arbeits- und Sozialmedizin in Österreich aber auch darüber hinaus im deutschsprachigen Raum. Er verband seine medizinischen Arbeiten mit sozialwissenschaftlichen Fragestellungen und Methoden zur Entwicklung sozialpolitischer Konzeptionen und der Forderung nach einer umfassenden öffentlich organisierten Gesundheitsvorsorge. Ludwig Teleky war der Bruder von Dora Teleky-Brücke (1879-1963) einer bekannten österreichischen Gynäkologin und Urologin – sie gilt als erstes weibliches Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Urologie – und wurde ebenso wie ihr Bruder 1938 aufgrund ihrer jüdischen Herkunft von den Nationalsozialisten aus Österreich vertrieben.

Ludwig Teleky wurde am 12. Juli 1872 als Sohn des Arztes Hermann Teleky (*zirka 1837 Bise/Ungarn, gest. 31.3.1921 Wien) und dessen Ehefrau Marie (*1.12.1848 Wien, gest. 17.4.1927 Wien), geb. Koritschoner, geboren.[1] Er studierte Medizin an den Universitäten Wien und Straßburg und promovierte in Wien am 27. Juli 1896.[2] Bereits während seiner Studentenzeit war er politisch, als Mitglied des Studentenvereines „Wiener akademische Vereinigung“ aktiv, schloss sich der österreichischen Sozialdemokratie an, wo er zum engeren Kreis um Viktor Adler (1852-1918) gehörte, dessen Hausarzt er später wurde, und engagierte sich in dem von Karl Renner (1870-1950) Mitte der 1890er Jahre an der Wiener Universität mitbegründeten „Sozialwissenschaftlichen Bildungsverein“.

Nach dem Studium begann Teleky im Allgemeinen Krankenhaus und an der Allgemeinen Poliklinik in Wien als Assistent des Chirurgen Alexander Fraenkel (1857-1941) seine medizinische Laufbahn und legte seine ersten Arbeitsschwerpunkte auf den Kinder- und Mutterschutz und die Bekämpfung der Tuberkulose. Er arbeitete im „Hilfs-Verein für Lungenkranke in den österreichischen Königreichen und Ländern. Viribus unitis“, womit er auch die Grundlagen für den späteren Ausbau der Tuberkulosenfürsorge legte, und redigierte ab 1917 das „Tuberkulosenfürsorgeblatt“. 1907 war er erster Sekretär des Organisationskomitees der in Wien abgehaltenen 6. Internationalen Tuberkulosekonferenz, auf der er auch eine 111 Seiten starke Untersuchung über die „Bekämpfung der Tuberkulose in Österreich“ vorstellte. Im selben Jahr nahm er am 14. Internationalen Kongress für Hygiene und Demografie teil,[3] und wirkte zwischen 1911 und 1921 als Schriftführer in dem von ihm mitbegründeten „Österreichischen Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose“. Daneben war er noch Vorstandsmitglied der „Österreichischen Gesellschaft zur Erforschung und Bekämpfung der Krebskrankheit“, Mitglied der „Fürsorgestelle für unbemittelte Kurbedürftige“,[4] und des „Vereines für erweiterte Frauenbildung“[5].

Teleky, dem die Veränderung politischer Bedingungen ein zentraler Ansatz zur Verbesserung der Gesundheitsverhältnisse war, befasste sich schon in frühen Jahren mit dem Einfluss der sozialen Verhältnisse, der Not und der Armut breiter Bevölkerungsschichten sowie deren Arbeitsbedingungen. Dazu studierte er eingehend die Lebenssituationen, insbesondere die sozialhygienischen Probleme und die Säuglingssterblichkeit in den Wiener Vororten und erhob dabei erstmals umfassendes Datenmaterial unter Einbeziehung historischer Daten zur statistischen Verarbeitung und Auswertung. Daraus entstanden von ihm Arbeiten, wie die Abhandlung über die „Sterblichkeit an Tuberkulose in Österreich 1873-1904“, die im „Archiv für soziale Medizin“ veröffentlichte Studie über die Lebens- und Gesundheitsverhältnisse der Kohlenablader der Nordbahn,[6] oder die von ihm 1907 in der Zeitung „Arbeiterschutz“ (Nr. 16 und 17) untersuchten spezifischen Krankheiten im Gewerbe, u.a. am Beispiel des Gewerbes der Bürstenbinder.[7] Diese Studien führten ihn zunehmend auf das Gebiet der Arbeitsmedizin, der Berufskrankheiten und der Gewerbehygiene, die er als erster in Österreich zusammen mit Maximilian Sternberg, dem Leiter des Wiedner Krankenhauses, forcierte.

Teleky, Ludwig: Die Sterblichkeit an Tuberkulose in Österreich 1873-1904. Sonderabdruck aus: Statistische Monatshefte. o.O.: 1906.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 55676]

Abb. 1    Tafel: Teleky: Die Sterblichkeit an der Tuberkulose […]. o.O.: 1906.

Teleky war auch im öffentlich-politischen Diskurs durch sein reges und vielseitiges Engagement präsent: Er war in diversen Vereinen, wie „Die Bereitschaft“,[8] als Volksbildner in sozialdemokratischen Organisationen, aber auch in den parlamentarischen Prozessen, wo er in Ausschüssen zur Beratung bei der Verhandlung von sozialpolitischen und sozialmedizinischen Gesetzesvorlagen zugezogen wurde, tätig. Ebenso war er auf diesem Gebiet auf internationalen Kongressen präsent, wie 1910 auf dem „Internationalen Kongress für Gewerbekrankheiten“ in Brüssel.[9] Seine Untersuchungen zu Quecksilber und Phosphornekrose, deren Ergebnisse den österreichischen Reichsrat beschäftigten,[10] und zu Bleivergiftungen, wozu er Nachforschungen in der Zündholzindustrie Böhmens unternahm, führten dazu, dass noch vor 1914 gesetzliche Schutzmaßnahmen eingeführt werden konnten.

Teleky, Ludwig: Die gewerbliche Quecksilbervergiftung. Dargestellt auf Grund von Untersuchungen in Österreich. Berlin: Seydel 1912.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 62038]

Abb. 2    Teleky: Die gewerbliche Quecksilbervergiftung. […] Berlin: 1912. S. 106.

Teleky, Ludwig: Die Phosphornekrose. Ihre Verbreitung in Österreich und deren Ursache. Bericht, erstattet der Internationalen Vereinigung für gesetzlichen Arbeiterschutz. (= Schriften der Österreichischen Gesellschaft für Arbeiterschutz/12). Wien: Franz Deuticke 1907.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 55645/12]

Mit der von ihm eingerichteten ärztlichen Berufsberatung wurde er zum Pionier der späteren amtsärztlichen Untersuchung. Telekys ausgewiesene Qualifikation auf dem Gebiet der Sozial- und Arbeitsmedizin führte dazu, dass er bereits 1905 als Arzt und Berater für Gewerbekrankheiten beim Verband der genossenschaftlichen Krankenkassen fungierte, deren Position er bis 1921 innehatte. Teleky, der sich für die Mitwirkung der Ärzte im Gewerbeinspektorat und den Ausbau der Gewerbeaufsicht aussprach, konnte sich hier direkt mit den spezifischen Berufskrankheiten und den gesundheitsgefährdenden Arbeitsstoffen in den einzelnen Gewerben beschäftigten, erhielt Zugang zu umfangreichen medizinischen Daten, und widmete sich dem von ihm präferierten Aufbaues eines auf der Grundlage einer Pflichtversicherung eingerichteten Sozialversicherungswesens, der Reform der Krankenversicherung, und der Einbeziehung der Berufskrankheiten in die Unfallversicherung. Dazu publizierte er 1909 den Aufsatz „Die Versicherung der Berufskrankheiten“ und bezog 1912 zu dem im österreichischen Reichsrat vorliegenden „Sozialversicherungsentwurf[11] Stellung.[12]

1907 versuchte er mit seiner Eingabe an das Ministerium für Unterricht und Kultus die Errichtung einer „Dozentur für soziale Medizin“ an der Universität Wien anzuregen, zu der er sich auch selbst bewarb und wozu er eine Definition des Begriffes Sozialmedizin vornahm. Damit versuchte er die Sozialmedizin als Fach zwischen der Medizin und den sozialwissenschaftlich orientierten Disziplinen zu positionieren und an der Universität institutionell zu verankern. 1909 kam es auch zur Schaffung einer Universitätsdozentur für Sozialmedizin an der Universität Wien, zu seiner Bestellung zum ersten Universitätsdozenten für dieses Fach, und 1911 zur Einrichtung eines eigenen „Institut und Seminar für Soziale Medizin“, dessen Leitung er übernahm. Seine an der Universität Wien gehaltenen Vorlesungen publizierte er 1914 unter folgendem Titel:

Abb. 3    Titelblatt: Teleky: Vorlesung über soziale Medizin. Jena: 1914.

Teleky, Ludwig: Vorlesungen über soziale Medizin: 1. Die medizinal-statistischen Grundlagen. Sterblichkeit, Todesursachen, Geburten, Körperbeschaffenheit in Stadt und Land und in verschiedenen Wohlstandsstufen. Einfluß des Berufes auf Sterblichkeit und Erkrankungshäufigkeit; Krankenkassenstatistik. Jena: Fischer 1914.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 3922/1]

Abb. 4    Titelblatt: Teleky: Vorlesung über soziale Medizin. Jena: 1914. S. 1.

An diesem Institut erforschte er mit seinem Kreis an MitarbeiterInnen, wie Ludwig Popper (1904-1984), Alfred Arnstein oder Sigismund Peller, die Einwirkungen sozialer und beruflicher Verhältnisse auf die Konstitution der Bevölkerung, entwickelte sanitäre und arbeitsmedizinische Maßnahmen zur Vermeidung berufsbedingter Schädigungen, und entwarf gesundheitspolitische Konzepte. Diese am Institut durchgeführten Forschungsarbeiten wurden ab 1910 unter dem Titel „Wiener Arbeiten auf dem Gebiet der Sozialen Medizin“ (1910-1916 Heft 2-9) als Beiheft zu Österreichisches Sanitätswesen veröffentlicht.

Abb. 5    Wiener Arbeiten aus dem Gebiete der sozialen Medizin. Wien, Leipzig: 1915.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 61362]

Während des Ersten Weltkrieges arbeitete Teleky in einem Wiener Militärspital, wurde mit dem Aufbau und der Leitung von Infektionsspitälern betraut, und war 1917 Gründungsmitglied der „Österreichischen Gesellschaft für Bevölkerungspolitik“.[13] Aus dieser Zeit stammen von ihm Arbeiten, die sich mit den unmittelbaren Kriegsfolgen beschäftigten, wie zur Kriegsopferfürsorge oder der Tuberkulosefürsorge. Dazu erschien von ihm 1917 eine Publikation unter dem Titel:

Teleky, Ludwig: Aufgaben und Probleme der sozialen Fürsorge und der Volksgesundheitspflege bei Kriegsende. Wien, Leipzig: Braumüller 1917.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 58685]

Nach der Ausrufung der Republik Österreich bestellte ihn der Unterstaatssekretär Julius Tandler im neu errichteten Staatsamt für Volksgesundheit zum wissenschaftlichen Mitarbeiter, wo er seine früheren Studien einbringen konnte und an der ersten gesetzlichen Verordnung zum Schutz gegen Bleischädigung mitwirkte und seine Ideen zu einer Kommunalisierung und Sozialisierung des Gesundheitswesens und der Gesundheitsvorsorge einbrachte.

Teleky, Ludwig: Sozialisierung des Gesundheitswesens. Sonderabdruck aus: Wiener klinische Wochenschrift. Wien:1919.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 41049]

Nach dem Bruch der Großen Koalition im Herbst 1920 und dem Beginn der regressiveren Sozialpolitik unter der Koalition der christlichsozialen und deutschnationalen Regierung sowie der zunehmenden Radikalisierung an den österreichischen Hochschulen, sah Teleky keine Zukunft für seine praxisorientierte wie universitär verankerte Sozialmedizin. Er folgte 1921 dem Ruf aus Deutschland und übernahm in Düsseldorf die Leitung der Westdeutschen Sozialhygienischen Akademie und arbeitete daneben als Landesgewerbearzt. In Deutschland nahm er seine Forschungs- und Publikationstätigkeit auf dem Gebiet der Gewerbehygiene und der Gewerbekrankheiten wieder auf. Er war Mitherausgeber des zwischen 1925 und 1927 erschienen sechsbändigen „Handbuch der sozialen Hygiene und Gesundheitsfürsorge“ und in dem von ihm Mitbegründeten und ab 1930 erschienen „Archivs für Gewerbepathologie und Gewerbehygiene“ sowie Mitglied des Reichsgesundheitsrates und des preußischen Landesgesundheitsrates.

Handbuch der sozialen Hygiene und Gesundheitsfürsorge. Bd. 1-6. Hrsg.: Adolf Gottstein, Arthur Schlossmann und Ludwig Teleky. Berlin: Springer 1925-27.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 52282]

Teleky schloss sich der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands an und protestierte gegen die durch die Brüningsche Notverordnungspolitik geförderte Massenarbeitslosigkeit und deren Folgen.

Sein Institut in Wien löste sich nach dem Weggang von Teleky auf, ebenso wurde die Dozentur nicht mehr nachbesetzt und seit dem Wintersemester 1923/24 verschwand der Begriff Sozialmedizin aus dem Vorlesungsverzeichnis der Universität Wien. Neu im Angebot waren stattdessen Vorlesungen zur „Rassenhygiene“. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland wurde Teleky wegen seiner jüdischen Herkunft mit einem Berufsverbot belegt. Er kehrte 1934 nach Österreich zurück, wo ihm aber an der Universität Wien eine Arbeitsstelle verwehrt wurde. Seinen Unterhalt verdiente er sich als zweiter Chefarzt bei einer Krankenkasse und als Vertrauensarzt einer Lebensversicherung. Nach dem „Anschluss“ im März 1938 wurde er ein weiteres Mal von den Nationalsozialisten verfolgt. 1939 gelang ihm die Flucht in die USA, wo er von bis 1946 als Mitarbeiter der „Division of Industrial Hygiene“, der Arbeitsbehörde des Bundesstaates Illinois in Chicago und danach an der gewerbehygienischen Abteilung des staatlichen Arbeitsdepartments New York arbeitete. Er wurde Ehrenmitglied der Internationalen Permanenten Kommission für Arbeitsmedizin (1950) und der American Academy of Occupational Medicine (1951). Teleky publizierte in den USA eine Reihe von Forschungsarbeiten, darunter 1948 die Arbeit „History of Factory and Mine Hygiene“. 1952 nahm Teleky als Ehrengast an der 2. österreichischen Tagung für Arbeitsmedizin in Wien teil. Seine Berufung in Deutschland an der Freien Universität Berlin scheiterte. Teleky verstarb am 20. August 1957 in New York.

Quellen:

UAW, Med. Fak., Nationalien/Studienkataloge , Sign. 134, Zl. 499, Teleky Ludwig.

UAW, Med. Fak., Promotionsprotokolle, Sign. 188, Zl. 674, Teleky Ludwig (27.7.1896).

UAW, Sonderreihe des Akademischen Senates, Personalblätter, Senat S 304.1275, Teleky Ludwig.

ÖStA, AdR, E-uReang, VVSt, VA, Zl. 29.046, Teleky Ludwig.

ÖStA, AdR, E-uReang, FLD, Zl. 14.724, Teleky Ludwig.

Popper Ludwig, Ludwig Teleky, Der Pionier der österreichischen Sozialmedizin, in: Soziale Sicherheit, H. 10, 1957, S. 362-366.

Industriegesellschaft, Gesundheit und medizinischer Fortschritt. Einsichten und Erfahrungen des Arbeits-und Sozialmediziners Ludwig Teleky. Hrsg.: Österreichische Gesellschaft für Arbeitsmedizin. Wien: 2013.

Milles, Dietrich (Hg.): Ludwig Teleky und die Westdeutsche Sozialhygienische Akademie. Arbeiten für eine soziale Medizin (1903-1939). (= Schriftenreihe der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf/20). Düsseldorf: 1999.

Wulf, Andreas: Der Sozialmediziner Ludwig Teleky (1872-1957) und die Entwicklung der Gewerbehygiene zur Arbeitsmedizin. Frankfurt am Main: 2001.

[1] Archiv der IKG Wien, Geburtsbuch 1872, Teleky Ludwig.

[2] UAW, Med. Fak., Nationalien/Studienkataloge , Sign. 134, Zl. 499, Teleky Ludwig. UAW, Med. Fak., Promotionsprotokolle, Sign. 188, Zl. 674, Teleky Ludwig (27.7.1896). UAW, Sonderreihe des Akademischen Senates, Personalblätter, Senat S 304.1275, Teleky Ludwig.

[3] Arbeiter Zeitung. 29.9.1907. S. 8.

[4] Neues Wiener Journal. 12.4.1905. S. 5.

[5] Jahresbericht des Vereines für erweiterte Frauenbildung in Wien. 1910. S. 22.

[6] Die Zeit. 7.3.1905. S. 5.

[7] Arbeiter Zeitung. 12.4.1908. S. 8.

[8] Der Bund. Zentralblatt des Bundes österreichischer Frauenvereine. H. 1. 1917. S. 18.

[9] Die Zeit. 23.3.1910. S. 7.

[10] Arbeiter Zeitung. 22.6.1907. S. 10.

[11] Arbeiter Zeitung. 29.9.1912. S. 13.

[12] Zeitschrift für Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung. 1909. S. 197-236.

[13] Statistische Monatsschrift. 1917. S. 150.

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Zum Internationalen Frauentag am 8. März: Vertriebene 1934/1938: Jenny Adler-Herzmark: Arbeits- und Sozialmedizinerin, Publizistin und politische Aktivistin

Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [111]:

Vertriebene 1934/1938: Jenny Adler-Herzmark: Arbeits- und Sozialmedizinerin, Publizistin und politische Aktivistin

Text: Dr. Walter Mentzel

Jenny Adler-Herzmark war in der Ersten Republik eine über Österreich hinaus bekannte Arbeitsmedizinerin und die erste und einzige weibliche tätige Ärztin der Gewerbeinspektion bzw. Chefärztin des Gewerbeinspektorats in Österreich. Sie gehörte neben Ludwig Teleky (1872-1957), Sigismund Peller, Julius Tandler und Josef Karl Friedjung (1871-1946) zu den bedeutendsten SozialmedizinerInnen vor 1938. Adler verband ihre beruflichen Schwerpunkte mit ihrer politischen Arbeit in der österreichischen Sozialdemokratie und ihrer Tätigkeit in der Volksbildung, die sie nach der Etablierung des „Austrofaschismus“ 1933/34 beenden musste. Nach dem „Anschluss“ an das Deutsche Reich im März 1938 wurden sie und ihre Familie wegen ihrer jüdischen Herkunft verfolgt.

Abb. 1    Jenny Adler-Herzmark. Aus: Das Wort der Frau. 1.1931. S. 29.

Abb. 2 Jenny Adler-Herzmark. Foto: Zur Verfügung gestellt von John Jacques L. Marshall – Herzmark Album.

Geboren am 19. Mai 1877 in Riga in Russland als Scheim Blume des Jossel Herzmark (1851-1941) und der Hassa Debora, geborene Berelovna (*1856) studierte sie bis 1899 an der Universitäten Zürich und zwischen 1901 und 1903 in Wien Medizin, wo sie bereits neben ihrem Studium an der medizinischen Klinik arbeitete. Am 16. April 1904 promovierte sie mit ihrer Dissertation „Zur Kasuistik der Nebenverletzungen bei Laporotomien“ an der Universität Zürich und begann ihre Laufbahn als Ärztin nach ihrer Rückkehr nach Wien 1905 als Hospitantin am Maria Theresia-Frauen-Hospital.[1] Nachdem im April 1910 ihr Studienabschluss durch die Universität Wien nostrifiziert wurde führte sie seit spätestens 1912 eine Arztpraxis als Frauen- und Kinderärztin in Wien 8. Josefstädterstraße 9.[2]

Abb. 3    Quelle: Archiv der Universität Wien – Medizinische Fakultät. Promotionsprotokoll. Sign. 190 – 1904-1912. Zl. 1055. Scheim Blume gen. Jenny.

Abb. 4    Quelle: Archiv der Universität Wien – Medizinische Fakultät. Rigorosenprotokolle. Sign. 196 – 1903-1930. Zl. 222. Herzmark Jenny (Rigorosen Datum: 1910.04.21).

1909 heiratete sie den sozialdemokratischen Politiker und austromarxistischen Theoretiker Max Adler (1873-1937), mit dem sie gemeinsam die beiden Kinder Leonore (1910-1988) und Robert (1913-2007) hatte.

Übersetzerin aus dem Russischen

Adler-Herzmark widmete sich neben ihrer medizinischen Arbeit auch als Übersetzerin russischer Literatur, vornehmlich zur ersten russische Revolution von 1905. Sie übersetzte das Buch von A. P. Berezovskij (Pseudonym Kirill) „Die Odyssee des ‚Knjas Potemkin'“, das 1906 im Verlag der Wiener Volksbuchhandlung herausgegeben wurde, in den 1920er Jahren weitere Werke von Aleksandr Kuprin (Der Moloch und andere Novellen, 1907) und von Fedor Rešetnikov (Die Leute von Podlipnaja, 1907) und beschäftigte sich mit dem Thema „Die Frau in Tolstois Werken“, worüber sie 1911 im Neuen Frauenclub ein Referat hielt.[3]

Erster Weltkrieg

Während des Ersten Weltkrieges war Adler ab 1915 im Verein zur Errichtung von Volksküchen in Wien aktiv[4] und arbeitete im Reservespital Nr. 6 in Wien[5] als Chefärztin der Isolierabteilung. Aus dieser Zeit stammt von ihr ein Aufsatz über „Fleckfieberfälle und Entlausungsmethoden, der in der Zeitschrift „Der Militärarzt“ im Juli 1915 veröffentlicht wurde.[6]

Nach dem Ersten Weltkrieg engagierte sie sich bei den Kinderfreunden, unterrichtete Gesundheitslehre an der Kinderfreunde-Schule in Schönbrunn, hielt Vorträge im Arbeiterverein Kinderfreunde in der Josefstadt zum Thema „Kindererziehung“[7] und bot in ihrem Wohnbezirk der Josefstadt wöchentlich eine unentgeltliche Mütterberatung an.[8] Die Situation von Frauen Anbetracht deren zunehmenden Integration in das Wirtschaftsleben und deren Möglichkeiten der politischen Partizipation durch die Erlangung des Wahlrechtes 1919 sowie die Reform der Kindererziehung waren nach dem Ersten Weltkrieg ein immer wiederkehrendes Thema in ihren Schriften und Vorträgen, wie beispielsweise ihr im Dezember 1918 veröffentlichter Artikel zur „Soziale Erziehung“[9] und der im November 1924 erschienene Beitrag mit dem Titel „Ein neuer Erziehungsversuch“.[10]

Wissenschafterin, Arbeitsmedizinerin und Volksbildnerin

Abb. 5 Jenny Adler-Herzmark, Arbeitsraum. Foto: Zur Verfügung gestellt von John Jacques L. Marshall – Herzmark Album.

Adler-Herzmark arbeitete bereits vor dem Ersten Weltkrieg und noch in den frühen 1920er Jahren als Mitarbeiterin von Prof. Otto Fürth (1867-1938) an der Chemischen Abteilung des physiologischen Institutes der Wiener Universität und publizierte in der Biochemischen Zeitschrift einen Aufsatz:

Adler, Jenny: Über die Einwirkung des Wasserstoffsuperoxyds auf das Hippomelanin. Sonderabdruck aus: Biochemische Zeitschrift. Berlin: Verlag von Julius Springer 1913.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

Abb. 6    Titelblatt: Adler: Über die Einwirkung des Wasserstoffsuperoxyds auf das Hippomelanin. Sonderabdruck aus: Biochemische Zeitschrift. Berlin: 1913.

Ihre Karriere als ärztliche Gewerbeinspektorin begann mit ihrer im April 1919 unter dem Minister für soziale Verwaltung Ferdinand Hanusch (1866-1923) erfolgten Zuteilung in das Gewerbeinspektion, wo sie zunächst als Ärztin des Arbeitsinspektorats und darauf als Chefärztin des Gewerbeinspektorates in Wien bis 1938 wirkte. Hier leistete sie als Schülerin von Ludwig Teleky Pionierarbeit, zumal es für den gewerbeärztlichen Dienst keine gesetzliche Regelung und Verankerung gab und sie auf verwaltungstechnischen Neuland stehend, Strukturen der ärztlichen Mitwirkung im Gewerbeinspektorat und als Gewerbeaufsicht erst forcieren und einrichten musste. Ihr praktisches Arbeitsfeld umfasste die Mitwirkung und Einflussnahme bei der Gewerbeinspektion vor Ort, die Formulierung von Anträgen an das Gewerbeinspektorat und in der Beratung der zuständigen technischen Gewerbeinspektoren. Daneben unternahm sie wissenschaftlicher Studien zur Arbeitsmedizin, auch hier bewegte sie sich auf den Arbeitsfeldern des Sozial- und Arbeitsmediziners Ludwig Teleky. Dazu zählte ihre 1925 gemeinsam mit Alfred Selinger (1900-1978) erschienene Arbeit über „Bleivergiftungen“,[11] die 1929 wiederum mit Selinger durchgeführte periodische Forschungsarbeit über die „Auswirkungen von benzol- touol- und xylolhältigen Materialien auf die Mitarbeiter in der Industrie“, die 1930 im Archiv für Gewerbepathologie und Gewerbehygiene erschien,[12] oder jene 1932 mit Erwin Klein und dem Radiologen Geza Kopstein (1900-1979) durchgeführte „Lungenuntersuchung bei Gußputzern und Arbeitern aus anderen staubgefährdeten Betrieben“.[13]

Adler arbeitete dazu eng mit dem Mediziner Max Sternberg und dessen Assistenten im Wiedner Krankenhaus zusammen. Neben ihren im Archiv für Gewerbepathologie erschienen Arbeiten publizierte sie regelmäßig Aufsätze in der Wiener Medizinischen Wochenschrift, wie 1923 zur „Gewerblichen Vergiftung in Wien“, [14] 1925 „Aus dem Bericht des Gewerbearztes“,[15] 1929 der Bericht zu „Gewerbehygienisches aus Deutschland“[16], 1930 über „Über Benzolvergiftung[17] und über „Die Berufskrankheiten und die Ärzte[18], sowie 1934 eine Rückschau über ihre Arbeit als Gewerbeärztin unter dem Titel „15 Jahre österreichischer Gewerbearzt“.[19]

Adler-Herzmark versuchte vor allem ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse und Erfahrungen auf dem arbeitsmedizinischen Gebiet durch Vorträge und durch Veröffentlichungen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen und sie zu sensibilisieren, um die von ihr erhobenen gesundheitspolitischen Maßnahmen zur Durchsetzung zu verhelfen. Ihre arbeits- und sozialmedizinische Expertise verband Adler mit ihrem politischen und gewerkschaftlichen Engagement, dem sie seit ihrem zirka 1911 in der Leopoldstadt vollzogenen Beitritt in die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Österreich (SdAPÖ) nachkam.[20] Sie nutzte deren Organisationsstrukturen als auch jene der Betriebsratsorganisationen und der Freien Gewerkschaften und nicht zuletzt deren Presse für ihre Aufklärungs- und Informationsarbeit und zur Formulierung ihre gesundheitspolitischen, arbeitsmedizinischen und arbeitsrechtlichen Forderungen. Ihre ersten Artikel publizierte sie schon vor dem Ersten Weltkrieg in der Arbeiterinnenzeitung zum Thema „Die Impfung“,[21] oder in der Arbeiter Zeitung zum Thema „Frauenfrage und Menschenökonomie“.[22] In der Zeitschrift „Der Betriebsrat“ publizierte sie zum Thema „Schutztechnik in der Papierindustrie[23], „Über die Gefahren bei der Ausführung von Bauarbeiten[24], „Schutztechnik in der Holzindustrie“[25] und in der Zeitschrift Feuerwehr-Signal 1930 einen Artikel zur „Kohlenvergiftung und erste Hilfe“.[26] In der Zeitschrift „Arbeit und Wirtschaft“ veröffentlichte Adler 1925 zwei Artikel über „Die Kulturbedeutung des Achtstundentages“[27] und über Berufskrankheiten, Unfallheilkunde, Gewerbehygiene[28] und 1929 über die Gewerbehygiene in Deutschland.[29] In der Funktionärsschule des Bundes der Freien Gewerkschaften referierte sie über Gewerbehygiene[30], vor dem Bund der Industrieangestellten über „Wohlfahrtseinrichtungen im Betrieb vom gewerbeärztlichen Standpunkt“[31], im Verband sozialistischer Studenten im November 1925 zu „Erste Hilfe bei chemischen Unfällen“[32], 1928 im Vertrauensmännerkurs der Wiener Holzarbeiter über „Unfallverhütung“[33] und 1932 in der Vereinigung der sozialdemokratischen Ärzte, dessen Mitglied sie war, über „Gewerbehygiene“.[34] Ab April 1920 wirkte sie als eine von mehreren KursleiterInnen[35] und Referentin in der Betriebsräteschule in Wien, wo sie zum Thema Gewerbehygiene[36], oder „Körper- und Gesundheitslehre der Frau“[37] die Schulungs- und Bildungsarbeit mitgestaltete.

Ihr schon vor dem Ersten Weltkrieg herangereiftes Interesse für Frauenfragen verknüpfte sie durch ihre Schwerpunktsetzung als Arbeitsmedizinerin im Gewerbeinspektorat, indem sie die Implementierung spezifischer Schutzmaßnahmen für Frauen einforderte. Sie bestimmte aber auch in den 1920er Jahren ihre Aktivitäten als Referentin im Wiener Volksbildungsverein, wo sie zu Themen wie „Berufskrankheiten“ (1923/24), „Die Frau im Beruf (betrachtet vom ärztlichen Standpunkt aus)“ (1924/25), „Geschlechtskrankheiten der Frauen“ (1915/16), „Einiges zur Frage der Verdauung“ (1915/16) und über „Die körperliche Eignung der Frau zum Beruf“ (1923/24) sprach.[38] In den sozialdemokratischen Frauenorganisationen referierte sie im Juni 1914 in Währing über „Frauenhygiene“,[39] in der Josefstadt im April 1914 zu „Der Gebärstreik“[40] und 1931 in der Vereinigung der arbeitenden Frauen über die „Hygiene des Kindes“.[41] Regelmäßig trat Adler als Vortragende in den sozialdemokratischen Sektionen in Wien auf, wie im Jänner 1911 in der Leopoldstadt[42] zum Thema „Das Recht auf Gesundheit“, in Mariahilf und Margareten „Zur Frage des Geburtenrückganges“,[43] oder 1915 und 1916 in Mariahilf und der Landstraße zum Thema „Geschlechtskrankheiten und die Frauen“.[44] Weitere Vorträge in den Bezirksorganisationen hielt sie 1920 in Hernals und der Josefstadt zum Thema „Die Gesundheit der Frau“,[45] zur „Körper- und Gesundheitslehre der Frau“[46] und zum „Seelenleben der Frau“.[47] In der Leopoldstadt referierte sie 1922 über „Kinderkrankheiten und Kinderpflege“[48] und 1923 über „Hygiene und Ernährung im Haushalt“,[49] in Favoriten 1923 über „Weibliche Körper- und Gesundheitspflege“,[50] sowie in Okttakring 1924 über „Hygiene und Ernährung im Haushalt“ und „Gesundheitspflege der Frau“[51]. Vor dem Wiener Frauenkomitee der SdAPÖ referierte sie im Jänner 1923 über „Die Erfahrungen eines Gewerbearztes“,[52] in der Bezirksorganisation Hernals, wo Adler auch Kursleiterin im Unterrichtsverband war, sprach sie 1927 über „Wissenswertes von der Frauenhygiene“,[53] im Jahr 1929 zweimal in der Landstraße über „Berufskrankheiten“[54] und 1930 in der Bezirksorganisation Alsergrund „Über Benzolvergiftungen und ihre Lehren“.[55] Ende der 1920er Jahre versuchte sie auch das zu dieser Zeit sich etablierende neue Medium Radio zu nutzen und hielt Vorträge im Radio Wien im Rahmen der „Stunde der Kammer für Arbeiter und Angestellte“, beispielsweise im Februar 1929 „Über Berufskrankheiten“.[56]

Internationalisierung – Kongresse

Adler-Herzmark war bestrebt die Arbeitsmedizin in Österreich und das Gewerbeinspektorat in Wien zu internationalisieren, vor allem aber war sie bemüht internationale Standards auf dem Gebiet des Arbeitsrechts und der Sozialmedizin herzustellen. Dazu knüpfte sie Kontakte im Ausland und nahm an internationalen Kongressen, wie an jenem für Unfallheilkunde und Berufskrankheiten in Budapest im Jahr 1928[57] und an dem in Wien 1931 tagenden 6. Internationalen Kongress der Ärztinnen teil, wo sie zum Arbeiterinnenschutz referierte,[58] und ihr Vortrag als Publikation vom Referat für Frauenarbeit des Österreichischen Arbeiterkammertages und des Österreichischen Gewerkschaftsbundes vorgelegt wurde.[59] 1921 veröffentlichte sie den Aufsatz „Allgemeine Gewerbehygiene für Arbeiter“ für die Zentralgewerkschaftskommission des Deutschen Gewerkschaftsbundes in der Tschechoslowakei, der als Lehrbehelfe für Betriebsräteschulen herausgegeben wurde, und 1925 gemeinsam mit Hans Mekiska den Aufsatz „Hygiene der Frau“ für die Zentralstelle für das Bildungswesen der Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakei.

Ihren Bezug zum Judentum belegte Adler 1922 als Gründungsmitglied des Jüdischen Frauenbundes für Deutsch-Österreich, als dessen Vizepräsidentin sie in den 1920er Jahren fungierte. Auch in dieser Funktion engagierte sie sich in gesundheitspolitischen Fragen, wie beispielsweise durch einen gemeinsam mit den Präsidiumsmitgliedern Regine Ulmann (1847-1939), Hermine Kaddisch und Recha Theodor veröffentlichten Aufruf um Spenden zur Bekämpfung der Tuberkulose unter Kindern.[60]

Mit der Zerstörung der Demokratie in den Jahren 1933/34, der Errichtung der austrofaschistischen Diktatur und dem Verbot und der Verfolgung der sozialdemokratischen Organisationen, Gewerkschaften sowie der Ausschaltung der Betriebsräte, kam ihre Vortrags- und Publikationstätigkeit nahezu völlig zum Erliegen. Nur eine Studie, die sie wieder gemeinsam mit Geza Kopstein veröffentlichte, erschien 1937 in der Wiener medizinischen Wochenschrift zum Thema „Weitere Untersuchungen über Silikose in Österreich“.[61] Zuletzt lebte Jenny Adler 1937 in Wien 8, Josefstädterstraße 43-45. Nach dem „Anschluss“ an das nationalsozialistische Deutsche Reich wurde Jenny Adler wegen ihrer jüdischen Herkunft von den Nazis ihrer Funktion enthoben und sie und ihre Kinder verfolgt. Zunächst gelang ihr am 1. Juli 1939 die Flucht nach Frankreich und von hier 1942 die Flucht in die USA. Jenny Adler verstarb am 25. Jänner 1950 in Chicago, nachdem sie ihren Beruf als Ärztin wieder aufgenommen hatte. Ihre Tochter Leonore, die mit Wilhelm Suschitzky (1904-1978) – dem Sohn des Wiener Buchhändlers und Antiquar Philipp Suschitzky (1875, ermordet 1942 KZ Auschwitz) verheiratet war – lebte nach ihrer Flucht in London. Ihr Sohn Robert flüchtete in die USA, wo er sich als renommierter Physiker auf dem Feld der Fernsehtechnik etablierte, die Mitgliedschaft der National Academy of Engineering erwarb und mit dem Emmy Award ausgezeichnet wurde. Ihr Vater, Jossel Herzmark, wurde 1941 in Riga ermordet. Viele ihrer Kollegen mit denen Adler in Wien in den 1920er und 1930er Jahren auf dem Gebiet der Sozial- und Arbeitsmedizin zusammengearbeitet hat, mussten aufgrund der NS-Verfolgung aus Österreich flüchten, darunter Geza Kopstein und Alfred Selinger.

Quellen:

Jenny Adler-Herzmark, Elf Jahre gewerbebehördliche Praxis, in: Handbuch der Frauenarbeit in Österreich 1930, (Hrsg. Von der Kammer für Arbeiter und Angestellte in Wien).

Archiv der Universität Wien – Medizinische Fakultät, Rigorosenprotokolle, Sign. 196 –1903-1930, Zl. 222, Herzmark Jenny (Rigorosen Datum: 1910.04.21).

Archiv der Universität Wien – Medizinische Fakultät, Promotionsprotokoll, Sign. 190 –1904-1912, Zl. 1055, Scheim Blume gen. Jenny.

[1] Wiener Medizinische Wochenschrift. Nr. 50. 10.12.1932. Sp. 153.

[2] Neues Frauenleben. Oktober 1913. S. 3. Lehmann 1913.

[3] Neues Wiener Tagblatt (Tages-Ausgabe). 23.1.1911. S. 12.

[4] Neue Freie Presse, 22.5.1915, S. 25.

[5] Wiener Zeitung. 22.8.1915. S. 6.

[6] Der Militärarzt. 10.7.1915. S. 1.

[7] Arbeiter Zeitung. 6.11.1919. S. 7.

[8] Arbeiter Zeitung. 2.8.1919. S. 7.

[9] Arbeiter Zeitung. 28.12.1918. S. 6.

[10] Arbeiter Zeitung. 1.11.1924. S. 10.

[11] Wiener Medizinische Wochenschrift, Nr. 24,1926.

[12] Wiener Medizinische Wochenschrift, Nr. 20, 1932, S. 527; Der Tag, 19.10.1932, S. 10.

[13] Wiener Medizinische Wochenschrift, Nr. 44, 28.10.1933, Sp. 1222-1225.

[14] Wiener Medizinische Wochenschrift. Nr. 10, 3.3.1923. Sp. 483-484.

[15] Wiener Medizinische Wochenschrift. Nr. 21, 23.5.1925. Sp. 1218-1219.

[16] Wiener Medizinische Wochenschrift. Nr. 44, 26.10.1929. Sp. 1397.

[17] Wiener Medizinische Wochenschrift. Nr. 11, 8.3.1930. S. 368-371.

[18] Wiener Medizinische Wochenschrift. Nr. 10, 1.3.1930. S. 340.

[19] Wiener Medizinische Wochenschrift. Nr. 36, 1.9.1934. S. 358-359.

[20] Arbeiter Zeitung. 8.1.1911. S. 11.

[21] Arbeiterinnen Zeitung. Nr. 12. 1913. S. 4.

[22] Arbeiter Zeitung. 3.6.1914. S. 7.

[23] Arbeiter Zeitung. 13.5.1921. S. 7.

[24] Arbeiter Zeitung. 5.7.1922. S. 9.

[25] Arbeiter Zeitung. 23.9.1922. S. 7.

[26] Feuerwehr-Signal. 5.11.1930. S. 7.

[27] Arbeiter Zeitung. 9.5.1925. S. 8.

[28] Arbeit und Wirtschaft. Nr. 23. 1925. S. 1005-1008.

[29] Arbeit und Wirtschaft. Nr. 23. 1927. S. 989-992.

[30] Arbeiter Zeitung. 19.10.1929. S. 9.

[31] Arbeiter Zeitung. 4.12.1929. S. 10.

[32] Arbeiter Zeitung. 29.11.1925. S. 15.

[33] Arbeiter Zeitung. 10.10.1928. S. 7.

[34] Tagblatt. 8.11.19932. S. 14.

[35] Arbeiter Zeitung. 23.4.1920. S. 5.

[36] Arbeiter Zeitung. 25.3.1920. S. 7; AZ. 27.5.1924. S. 11.

[37] Arbeiter Zeitung. 1.1.1921. S. 11.

[38] Österreichisches Volkshochschularchiv.

[39] Arbeiterinnenzeitung. 9.6.1914. S. 11.

[40] AZ. 26.4.1914. S. 14.

[41] Österreichische Frauenrundschau – Mitteilungen der Vereinigung der arbeitenden Frauen. H. 2. 1931. S. 1 und H. 8. 1931. S. 3.

[42] Arbeiter Zeitung. 15.1.1911. S. 12.

[43] Arbeiter Zeitung. 8.3.1914. S. 13; 10.5.1914. S. 13.

[44] Arbeiter Zeitung. 25.11.1915. S. 7; 12.2.1916. S. 7.

[45] Arbeiter Zeitung. 11.4.1920. S. 10; 4.5.1920. S. 7.

[46] Arbeiter Zeitung. 21.11.1920. S. 11.

[47] Arbeiter Zeitung. 12.12.1920.

[48] Arbeiter Zeitung. 29.11.1922. S. 9.

[49] Arbeiter Zeitung. 16.1.1923. S. 9.

[50] Arbeiter Zeitung. 4.3.1923. S. 11.

[51] Arbeiter Zeitung. 15.11.1924. S. 13; 23.11.1924. S. 13.

[52] Arbeiter Zeitung. 21.1.1923. S. 11.

[53] Arbeiter Zeitung. 1.1.1927. S. 16.

[54] Arbeiter Zeitung. 17.2.1929. S. 13; 21.6.1929. S. 9.

[55] Arbeiter Zeitung. 18.5.1930. S. 15.

[56] Arbeiter Zeitung. 31.1.1929.

[57] Arbeiter Zeitung. 31.8.1928. S. 5.

[58] Der Tag. 19.9.1931. S. 6.

[59] Frauenarbeit. Monatsbeilage zur „Arbeit und Wirtschaft“. Organ des Bundes Freier Gewerkschaften der Arbeiterkammer und der Betriebsräte Österreichs. Nr. 19. 1931. S. 788-791.

[60] Der Tag. 11.6.1924. S. 11.

[61] Wiener Medizinische Wochenschrift. Nr. 16. 17.4.1937. S. 433.

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [57]: 1938: Fritz Lejeune – NS-Mediziner und Leiter des ehemaligen Institutes für Geschichte der Medizin. Sammlung „Fritz Lejeune – NS-Mediziner“ an der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin

1938: Fritz Lejeune – NS-Mediziner und Leiter des ehemaligen Institutes für Geschichte der Medizin. Sammlung „Fritz Lejeune – NS-Mediziner“ an der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin

Text: Dr. Walter Mentzel

Fritz Lejeune wurde am 1. Juli 1892 in Köln geboren und war zwischen 1939 (offizieller Amtsantritt Jänner 1940) und April 1945 Leiter des ehemaligen Institutes für Geschichte der Medizin. Während dieser Zeit brachte er aus seiner Privatbibliothek Bücher in die Bibliothek des Institutes ein, die heute als „Sammlung Fritz Lejeune“ Bestandteil der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin ist, überwiegend aus antiquarischen Büchern aus dem 19. Jahrhundert besteht und Zeugnis über das Wirken des NS-Medizinhistorikers Fritz Lejeune und dessen Interessens- und Forschungsgebiete gibt.

Abb. 1: Exlibris Fritz Lejeune. Aus Sign. JB5525a

Fritz Lejeune studierte Medizin, Zahnheilkunde und vergleichende Sprachwissenschaften an den Universitäten Bonn und Greifswald. 1922 habilitierte er sich im Fach Medizingeschichte und wurde im selben Jahr zum Privatdozent für Geschichte der Medizin an der Universität Greifswald ernannt. Bereits unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkrieges engagierte er sich innerhalb nationalsozialistischer und völkischer Verbände (Rheinlandbewegung 1919, Deutscher Schutzbund 1920 u.a.) und trat laut seiner Angabe bereits 1923 (Mitgliedsnummer 3.964, der gesicherte Beitritt erfolgte am 11.5.1925) der NSDAP bei.

Abb. 2: Fritz Lejeune

1925 erhielt er einen Lehrauftrag für Geschichte der Medizin an der Universität Köln, wo er 1928 zum a.o. Professor ernannt wurde, führte daneben eine Arztpraxis und war als Mitgründer (1925) und Vorsitzender der „Reichsnotgemeinschaft Deutscher Ärzte“ in einer der einflussreichsten ärztlichen Standesorganisation Deutschlands aktiv. 1923 gründete er die „deutsch-nordische Gesellschaft für Geschichte der Medizin, der Zahnheilkunde und der Naturwissenschaften“. Seine Einbindung in das Netzwerk der NS-Medizinbürokratie und vor allem seine Stellung in internationalen medizinhistorischen Gremien[1] machte ihn zu einem Proponenten des NS-Außenpolitik und des Propagandaministeriums. Dies förderte seine weiteren Karriereschritte, die durch seine am 1.8.1939 erfolgte Ernennung zum Leiter des Institutes für Geschichte der Medizin in Wien ihren Höhepunkt fand. Hier fungierte er seit seinem Amtsantritt am 22.1.1940 bis April 1945 als Nachfolger seines von den Nationalsozialisten vertriebenen Vorgängers Max Neuburger. Lejeune war während des Krieges darüber hinaus Leiter des Heeresstandortlazarettes in Hütteldorf/Wien.

Während der Amtszeit von Lejeune kam es zu einer beträchtlichen Erweiterung des Bibliotheksbestandes an der heutigen Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin. Diese Zuwächse resultierten sowohl aus der üppigen finanziellen Förderung, die das Institut ab 1940 durch das Ministerium für innere und kulturelle Angelegenheiten erfuhr und eine großzügige Einkaufspolitik ermöglichte, als auch durch die Form der Erwerbungspolitik. Lejeune präferierte Wiener Antiquariate, die im NS-Bücherraub („Arisierungen“) involviert waren.

Neben seiner Tätigkeit am Institut engagierte sich Lejeune zwischen 1940 und 1944, entsprechend der ideologischen Aufwertung der NS-Medizingeschichte, als Berater, Vermittler und Lieferant medizinhistorischer Bücher und beim Aufbau von medizinhistorischen Bibliotheken, wofür er seine Kontakte zu Wiener NS-Antiquariaten anbot. Seit spätestens Ende 1940 vermittelte er historische Inkunabeln für den Aufbau der medizinhistorischen Bibliothek (mit dem Schwerpunkt Pflanzenheilkunde und historisch-pharmazeutische Literatur) an den Pharmakonzern Boehringer & Sohn in Ingelheim am Rhein. Ebenso vermittelte er medizinhistorische Literatur an den Direktor des Physiologischen Instituts der Universität Heidelberg und Professor Johann Daniel Achelis (1898-1963), wo ab 1942 eine medizinhistorische Bibliothek mit dem Schwerpunkt „alte Drucke aus dem 15. und 16. Jahrhundert“ aufgebaut wurde. Besonders intensiv arbeitete Lejeune mit der Kärntner NS-Führung, insbesondere mit dem Gauleiter Friedrich Rainer (1903-1947) und dessen wissenschaftlichen Berater Walter Medweth (1902-1972) im Rahmen der vom NS-Regime pompös begangenen Paracelsus-Gedenken-Feiern anlässlich des 400. Todestages Paracelsus im September/Oktober 1941 in Villach zusammen. Dort sollte ein „Paracelsus-Gedenkort“ entstehen, womit eine NS-affine Paracelsus-Tradition begann, die bis in die Zweite Republik hineinreichte. In diesem Kontext kam es ab 1943 unter Mithilfe von Lejeune in Villach zum Aufbau eines Paracelsus-Museums/Bibliothek, als Kern eines künftigen medizinhistorischen Forschungsinstituts. Dieses Vorhaben stand in Beziehung zu der von der Kärntner NS-Prominenz seit 1941 verfolgten Politik, Kärnten als Wissenschaftsstandort zur ideologischen, wirtschaftlichen und kulturellen Durchdringung im Anschluss an die geplante „Germanisierung“ und Neuordnung des Alpen-Adria-Raumes und Südosteuropas zu etablieren.

Nach seiner überstürzten Flucht aus Wien in der Nacht vom 2. auf dem 3.4.1945 nach Mitterndorf erfolgte am 10.5.1945 seine Suspendierung durch das Dekanat der Medizinischen Fakultät Wien. Am 2.6.1945 wurde er vom Staatsamt für Volksaufklärung, für Unterricht und Erziehung und für Kultusangelegenheiten seiner Stellung enthoben. Nach seiner Festnahme durch das US-Militär wurde er bis Ende 1946 im Internierungslager Glasenbach/Salzburg interniert und nach seiner Freilassung nach Deutschland abgeschoben. Nach seinen erfolglos gebliebenen Bemühungen in Deutschland im universitären Betrieb wieder Fuß zu fassen, widmete er sich ab 1953 als Mitbegründer und langjähriger Vorsitzender des „Deutschen Kinderschutzes“ (DSKB), wo er populäre Gesundheitsaufklärung betrieb und vehement gegen die seiner Meinung nach stattfindende „Verwahrlosung“ der Jugend in der Bundesrepublik Deutschland durch die Übernahme US-amerikanischer Lebensformen auftrat. 1952 wurde er Senator der „Deutschen Gesellschaft für Wissenschaft und Forschung“. Daneben war er maßgeblich an der Gründung sowie als Berater der „Deutschen Angestellten-Krankenkasse“ (DAK) beteiligt. Seit Mitte der 1950er Jahre war er in der frühen Antiatombewegung aktiv. 1965 übersiedelte Lejeune nach Villach, wo er 1966 verstarb.

Literatur:

Mentzel, Walter und Bruno Bauer: Brüche in der Entwicklung medizinischer Bibliotheken in Wien während des NS-Regimes: Anmerkungen zur Geschichte der Vorgängerbibliotheken der Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien. In: Brüche Kontinuitäten 1933-1938-1945. Fallstudien zu Verwaltung und Bibliotheken. Hrsg.: Enderle-Burcel, Gertrude/Neubauer-Czettl, Alexandra/Stumpf-Fischer, Edith. (= Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs Sonderband 12), Innsbruck: 2013. S. 287-314.

Mentzel Walter und Bruno Bauer: Stumme Zeitzeugen. Medizinische und medizinhistorische Bibliotheken an der Medizinischen Universität Wien während der NS-Zeit. In: Bibliotheken in der NS-Zeit. Provenienzforschung und Bibliotheksgeschichte. Hrsg.: Alker, Stefan/Köstner, Christine/Stumpf, Markus. Göttingen: 2008. S. 273-287.

Schmierer, Klaus: Medizingeschichte und Politik. Karrieren des Fritz Lejeune in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus (= Abhandlungen zur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften 96). Husum: 2002.

Quellen:

AUW, Medizinische Fakultät, Personalakte Lejeune.

AUW, Medizinische Fakultät, Dekanat, Zl. 323/1941-42.

AUW, Medizinische Fakultät, Dekanat, Zl. 455/1939-40.

Sammlungen der Medizinischen Universität Wien, Archiv, Ordner Boehringer.

Sammlungen der Medizinischen Universität Wien, Archiv, Ordner Boehringer, Ordner Paracelsus-Ausstellung.

Sammlungen der Medizinischen Universität Wien, Archiv, Handschriften, Kt. 2.254

[1] Portugiesisch-brasilianisches Institut an der Universität Köln, portugiesische Akademie für Geschichte, Medizinische Akademie zu Saragossa, Akademie der Wissenschaft in Lissabon, „Pro Arte“ in Rio de Janeiro, historischen Gesellschaft in Coimbra, Colegio de los Doctores de Madrid, deutsch-iberoamerikanische Ärzte-Akademie in Berlin

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Vertrieben 1938: Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [56]: Max Neuburger – Vertriebener Leiter des ehemaligen Institutes für Geschichte der Medizin und die Sammlung „Max Neuburger“ an der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin

1938: Max Neuburger – Vertriebener Leiter des ehemaligen Institutes für Geschichte der Medizin und die Sammlung „Max Neuburger“ an der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin

Text: Dr. Walter Mentzel

Max Neuburger (*08.12.1868/Wien, gest. 15.03.1955/Wien) war Gründer (1914) und langjähriger Leiter (bis 1938) des ehemaligen Institutes für Geschichte der Medizin an der damaligen Medizinischen Fakultät der Universität Wien sowie der von ihm aufgebauten Institutsbibliothek, die heute integrierter und wertvoller Kern der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin ist. Neuburger brachte mehrmals zwischen 1914 sowie nach seiner Rückkehr aus dem Exil 1952 medizinhistorische Bücher aus seiner Privatbibliothek als Schenkung in die Bibliothek des Institutes ein.

Abb. 1: Max Neuburger

Erstmals trat er in der Phase der Gründung des Institutes zwischen 1906 und 1919 zirka 300 Bücher und 700 Separata aus seiner Privatbibliothek an die Bibliothek des Institutes ab, womit er auch den Kern des heutigen medizinhistorischen Bestandes der Zweigbibliothek aufbaute, und ein 1930/31 ein zweites Mal als offizielle Schenkung. Der Bücherbestand der Bibliothek umfasste in den späten 1930er Jahren zirka 10.000 Bücher, davon stammte ein Drittel aus seiner Privatbibliothek. Zuletzt kamen nach seiner Rückkehr nach Wien im Jahre 1952 bzw. nach seinem Ableben weitere Bücher aus seiner Privatbibliothek durch seinen Sohn, Fritz Neuburger, in den heutigen Bibliotheksbestand. Diese Bücher bilden heute die Sammlung „Max Neuburger“. Sie erinnert an seine wegen seiner jüdischen Herkunft durch die Nationalsozialisten nach dem „Anschluss“ im März 1938 erzwungene Vertreibung von der Universität Wien und aus Österreich, sie stellt aber auch die Überlieferung einer historisch außerordentlich relevanten Forschungsbibliothek und die das wissenschaftliche Wirken eines der international renommiertesten Medizinhistorikers der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dar.

Abb. 2: Exlibris Max Neuburger

Abb. 3: Exlibris Max Neuburger

Max Neuburger wurde am 8. Dezember 1868 in Wien geboren, studiertet an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien Medizin und begann nach der Promotion im Jahr 1893 als Sekundararzt am Rudolfs-Spital sowie als Assistent an der Neurologischen Abteilung der Wiener Allgemeinen Poliklinik als Arzt und Psychiater zu arbeiten. 1898 habilitierte er sich bei Theodor Puschmann (1844-1899) im Fach Geschichte der Medizin.

Auf seine Initiative hin genehmigte das Ministerium für Kultus und Unterricht in einem Erlass vom 23. Juli 1906 die Errichtung eines medizinhistorischen Institutes. Neuburger begann unmittelbar darauf mit der Sammlung medizinischer Objekte und dem Aufbau einer medizinhistorischen Bibliothek (u.a. auch durch Bücherschenkungen der „Gesellschaft der Ärzte in Wien“), die nach der offiziellen Gründung des Institutes 1914 zunächst provisorisch an der I. Medizinischen Klinik untergebracht war. Nach langjährigen Bemühungen wurde schließlich im Winter 1918/19 das Institut für Geschichte der Medizin am Standort der ehemaligen militärärztlichen Akademie dem „Josephinum“ (Wien 9, Währingerstraße 25) eingerichtet und bezogen.

Aufgrund der geringen finanziellen Unterstützung konnte Neuburger auch nach 1918 den Bestand nur durch Eigeninitiative (Schenkungen, Spenden, Schriftentausch,…) und einer unermüdlichen Sammeltätigkeit erweitern. Mit 1. April 1934 wurde er aufgrund der Sparpolitik der damaligen Bundesregierung emeritiert und der Lehrstuhl aufgelöst, womit das Institut zwischen Duldung und Auflösung stand. Nur wegen seines weiterhin erfolgreichen privaten Engagements gelang es ihm das Institut provisorisch – als Honorarprofessor ohne Lehrkanzel – bis März 1938 weiter zu führen und den Bestand zu sichern.

Unmittelbar nach dem „Anschluss“ im März 1938 musste Neuburger – offiziell mit 22. April 1938 – aufgrund seiner jüdischen Herkunft das Institut verlassen. Im August 1939 flüchtete er mittellos nach England, wo er am „Wellcome Historical Medical Museum“ in London neun Jahre als Medizinhistoriker tätig war. Am 23. Juni 1948 übersiedelte er nach Buffalo im US-Staat New York zu seinem Sohn Fritz Neuburger. Im Jahr 1952 kehrte er nach Wien zurück, wo er am 15. März 1955 verstarb.

Neuburger war Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Medizin und Naturwissenschaften (1901), Mitherausgeber zahlreicher medizinhistorischer Schriftenreihen und darüber hinaus seit der Jahrhundertwende ein wesentlicher Vertreter der kultur- und sozialhistorischen Ausrichtung der Medizingeschichte, die vor allem in der internationalen Historiografie (insb. in den USA) rezipiert worden war. Zu seinen wichtigsten Werken zählt:

Neuburger, Max: Geschichte der Medizin. Zwei Bände. Suttgart: Enke 1906-1911.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger  Bibliothek, Sign.: MG002]

https://ubsearch.meduniwien.ac.at/

Literatur:

Hubenstorf, Michael: Eine „Wiener Schule“ der Medizingeschichte? – Max Neuburger und die vergessene deutschsprachige Medizingeschichte. In: Medizingeschichte und Gesellschaftskritik (Festschrift für Gerhard Baader). Hrsg. von Michael Hubenstorf. Husum: 1997. S. 246-289.

Berghoff, Emanuel: Max Neuburger. Werden und Wirken eines österreichischen Gelehrten. (= Wiener Beiträge zur Geschichte der Medizin/3)Wien: 1948. S. 58.

Quellen:

Archiv der Universität Wien, Medizinische Fakultät, Personalakt Max Neuburger.

Archiv der Universität Wien, Medizinische Fakultät, Dekanat, Zl. 560/1930-1931.

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