Lichtenstern, Robert – Chirurg, Urologe, NS-Verfolgter
Autor: Dr. Walter Mentzel
Published online: 19.11.2025
Keywords: Urologe, Chirurg, Rothschild-Spital, Krankenhaus der Wiener Kaufmannschaft, Medizingeschichte, Wien, NS-Verfolgter
Robert Lichtenstern wurde am 2. Februar 1874 in Prag als Sohn von Wilhelm Lichtenstern (1847-1918) und Wilhelmine, geborene Lichtenstern (1853-1903), geboren. Im Jahr 1909 heiratete er in Wien Vilma Kende (1885-1927), mit der er den Sohn Franz Josef Oktavian (1911-) hatte.
Im Jahr 1893 absolvierte Lichtenstern das k.k. Staats-Obergymnasium in Prag-Neustadt. Anschließend studierte er Medizin an der Deutschen Universität in Prag und wurde dort 1899 promoviert. Danach war er am Pathologischen Institut in Prag tätig. Nach seiner Übersiedlung nach Wien arbeitete er zunächst an der Gynäkologischen Abteilung im Allgemeinen Krankenhaus bei Ernst Wertheim (1864-1920) und seit 1902 als Assistent an der Urologischen Abteilung des Rothschild-Spitals bei Otto Zuckerkandl (1861-1921). Im Jahr 1911 wurde er zum urologischen Konsilarius an der Abteilung ernannt.
Lichtenstern veröffentlichte zahlreiche Arbeiten zur Nierenfunktion und Nierenchirurgie sowie zur Prostata- und Hodenchirurgie. Darunter 1905 „Die Wandlung in der funktionellen Nierendiagnostik“,[1] 1908 „Ein seltener Fall genitaler Missbildung“.[2] Vor dem Ersten Weltkrieg arbeitete er eng mit dem Leiter des chemischen Laboratoriums, Arthur Katz (1863-1917), mit dem er 1906 die Studie „Über funktionelle Nierendiagnostik und Phloridzindiabetes“, 1911 „Experimentelle Studien zur Nierenfunktion II“ und 1914 „Über eine Störung des Kohlenhydratstoffwechsels nach Laparotomie“ publizierte.
Zudem arbeitete er mit dem Physiologen und Sexualforscher Eugen Steinach (1861-1944) an dessen Konzept der Verjüngung des Menschen durch die Verpflanzung der Hoden und führte mit ihm 1918 die erste derartige Operation (Eugen Steinach-Operation) in Wien durch. Im selben Jahr publizierten beide den Aufsatz „Umstimmung der Homosexualität durch Austausch der Pubertätsdrüsen“.
Im Ersten Weltkrieg leistete er seinen Militärdienst als Landsturm-Assistenzarzt in der Chirurgischen Abteilung im Reservespital Nr. 1 in der Stifts-Kaserne in Wien[3] und zuletzt im k.k. Landwehr-Marodenhaus II in Wien, wo er 1918 die Arbeit „Einseitige Pyonephrose nach Schußverletzung der Blase“ veröffentlichte.[4] 1921 erschien von ihm der Artikel „Zur Therapie weit vorgeschrittener Fälle von Tuberkulose des Harntraktes“.[5]
Krankenhaus der Wiener Kaufmannschaft
Im Jahr 1922 wurde Lichtenstern zum Primararzt und Vorstand der Urologischen Abteilung am Krankenhaus der Wiener Kaufmannschaft berufen. Dort veröffentlichte er 1925 „Die Überpflanzung der männlichen Keimdrüsen“, 1930 „Über Dauererfolge bei Hodentransplantation“[6] und 1935 die Monografie „Urologische Operationslehre“.
Er war seit 1910 Mitglied der Gesellschaft für Innere Medizin und Kinderheilkunde in Wien[7] sowie seit 1904 der Gesellschaft der Ärzte in Wien.[8]
Lichtenstern war Aufgrund seiner jüdischen Herkunft nach dem „Anschluss“ der Nationalsozialistischen Verfolgung ausgesetzt. Gemeinsam mit seinem Sohn Franz Josef floh er 1938 in die Schweiz und emigrierte im Dezember desselben Jahres über Cherbourg mit der „SS Express of Britain“ in die Vereinigten Staaten von Amerika.
Robert Lichtenstern verstarb am 3. August 1955 in Los Angeles, Kalifornien.
Quellen:
Fischer Isidor (Hg.), Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte der letzten fünfzig Jahre, Bd. 2, Berlin-Wien 1933, S. 911.
ÖStA, AdR, E-uReang, VVSt, VA, Zl. 44.963, Lichtenstern Robert.
New York, Passenger and Crew List, 1925-1958.
USA, Declaration of intention, Lichtenstern Robert.
California death certificates, Lichtenstern Robert.
Literatur:
[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 12902]
[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]
[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]
[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 13717]
Lichtenstern, Robert: Urologische Operationslehre. Berlin und Wien: Urban & Schwarzenberg 1935.
[Universitätsbibliothek Medizinische Universität Wien/Magazin, Sign.: 1998-05407]
[1] Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 24, 1905, Sp. 1201-1206.
[2] Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 36, 1908, Sp. 1969-1972.
[3] Neues Wiener Tagblatt (Tages-Ausgabe), 1.10.1914, S. 2.
[4] Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 16, 1918, Sp. 694-697.
[5] Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 39/40, 1921, Sp. 1701-1705.
[6] Wiener Archiv für innere Medizin, 1931, Teil 1, S. 319-322.
[7] Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 6, 1910, Sp. 344.
[8] Wiener klinische Wochenschrift, Nr. 15, 1904, S. 427.
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Letzte Aktualisierung: 2025.11.19















