Schlagwort-Archive: Ludwig Teleky

Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [88]: Brücke-Teleky, Dora: Tertoider Tumor der weiblichen Harnblase. Sonderabdruck aus: Archiv für klinische Chirurgie (97/2). Berlin. 1912.

Brücke-Teleky, Dora: Tertoider Tumor der weiblichen Harnblase. Sonderabdruck aus: Archiv für klinische Chirurgie (97/2). Berlin: Verlag von August Hirschwald 1912.


[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek, Sign.: Separata-Bibliothek-Teleky-001]

Text: Harald Albrecht, BA

Abb. 1    Dora Brücke-Teleky

Dora Brücke-Teleky (5.7.1879 Hinterbrühl/Niederösterreich, gest. 19.04.1963 Stäfa/Kanton Zürich) stammte aus der Wiener jüdischen Ärztefamilie Teleky. Ihr Vater war der Allgemeinmediziner Hermann Teleky (1837-1921), ihr Bruder, Ludwig Teleky (1872-1957), der aufgrund seiner jüdischen Herkunft vor den Nationalsozialisten in die USA fliehen musste, gilt als Pionier der Arbeits- und Sozialmedizin. Nach dem Besuch eines privaten Mädchen-Gymnasiums legte sie 1899 „als externer Prüfling ihre Maturaprüfung am Akademischen Gymnasium in Wien ab […].“[1] Da Frauen in Österreich seit 1897 lediglich an den philosophischen Fakultäten studieren durften, inskribierte sie 1899 zunächst an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien, richtete ihren Stundenplan aber stark auf ein Medizinstudium aus, so belegte sie etwa „Kurse wie Allgemeine Chemie, Anatomie des Menschen und Demonstrationsübungen im Seziersaal“[2]. Sie gehörte zu den frühen AnhängerInnen Siegmund Freuds und zählte zu den ersten HörerInnen seiner Vorlesungen. Als mit Wintersemester 1900/1901 die medizinischen Fakultäten in Österreich auch für Frauen geöffnet wurden wechselte sie ihr Studienfach und studierte Medizin an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien sowie in Straßburg. Sie wurde am 21. Dezember 1904 in Wien im Fach Medizin promoviert.

Im Anschluss an ihr Medizinstudium setzte Dora Brücke-Teleky ihre medizinische Ausbildung im Pathologisch-Anatomischen Institut unter Anton Weichselbaum (1845-1920) des Wiener Allgemeinen Krankenhauses als Aspirantin und Sekundarärztin fort. Danach war sie bis 1907 unter Anton von Eiselsberg (1860-1939) Operationszögling an der I. Chirurgischen Universitätsklinik. Von 1907 bis 1911 ließ sie sich an der II. Frauenklinik von Rudolf Chrobak (1843-1910), Alfons von Rosthorn (1857-1909) und Ernst Wertheim (1864-1920) zur Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe ausbilden. „Bis zum Anschluss Österreichs 1938, als die deutsche Reichsärzteverordnung übernommen wurde, gab es keine Verordnung zur Facharztausbildung. Jeder, der sich für qualifiziert hielt, konnte sich Facharzt nennen.“[3] Ihre urologische Ausbildung absolvierte Dora Brücke-Teleky von 1912 bis 1914 am Wiener Rothschild-Spital als Volontärin in der chirurgisch-urologischen Abteilung bei Otto Zuckerkandl (1861-1921), dem Bruder des Anatomen und Anthropologen Emil Zuckerkandl (1849-1910). Otto Zuckerkandl war Gründer der „Wiener Urologischen Gesellschaft“. Aus dieser Zeit stammen mehrere ihrer Publikationen zu urologischen Themen, darunter:

Brücke-Teleky, Dora: Tertoider Tumor der weiblichen Harnblase. Sonderabdruck aus: Archiv für klinische Chirurgie (97/2). Berlin: Verlag von August Hirschwald 1912.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek, Sign.: Separata-Bibliothek-Teleky-001]

Abb. 2    Titelblatt: Brücke-Teleky: Teratoider Tumor der weiblichen Harnblase. Berlin: 1912.

Abb. 3    Tafeln: Brücke-Teleky: Teratoider Tumor der weiblichen Harnblase. Berlin: 1912.

Diesen 1912 publizierten Text stellte sie bereits auf dem 3. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie in Wien im September 1911 vor. „Das Thema ihres Vortrags spiegelt ihre urogynäkologische Ausrichtung wider.“[4] Am Umschlag dieses Exemplars der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin befindet sich eine handschriftliche Widmung von Dora Brücke-Teleky an den österreichischen Pathologen Jakob Erdheim (1874-1937), den sie aus ihrer Zeit am Pathologisch-Anatomischen Institut bei Anton Weichselbaum kannte, mit folgendem Text: „Herrn Assist. Dr. J. Erdheim/mit vielmaligem Dank/und besten Grüßen/hochachtungsvoll überreicht/Wien, Februar 1912/d. Verf.“

Abb. 4    Widmung an Jakob Erdheim: Brücke-Teleky: Teratoider Tumor der weiblichen Harnblase. Berlin: 1912.

1920 eröffnete Dora Brücke-Teleky in Wien ihre eigene Praxis für Gynäkologie und Geburtshilfe. Daneben war sie von 1910 bis 1934 die erste Wiener Schulärztin für vier gewerbliche Fortbildungsschulen für Mädchen. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg bis in die 1930er Jahre hinein hielt sie als Ärztin auch Vorträge in sozialdemokratischen Organisationen in Wien zu frauenspezifischen Themen wie der Organisation eines staatlichen Mutterschutzes,[5] der „Körperkultur der Frau“,[6] oder zu Fragen der Verhütung der Schwangerschaft.[7] Seit 1923 war sie auch Vortragende für Hygiene und Biologie in den staatlichen Lehrerbildungsanstalten in Wien. Dora Brücke-Teleky war auch äußerst aktiv in ärztlichen Standesvertretungen und Organisationen. Sie war das erste weibliche Mitglied der Gesellschaft der Ärzte in Wien (1911). Ebenfalls 1911 wurde sie das erste weibliche Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Urologie. Der 1920 gegründeten Wiener Gesellschaft für Urologie trat sie ebenfalls als erste Frau bei. Sie war jedoch nicht nur im fachlich-medizinischen Bereich engagiert. Sie setzte sich auch für die Stellung der Ärztinnen in der stark von Männern dominierten Medizin ein. Brücke-Teleky, die seit 1919 die Leiterin der Wiener Schwangeren Fürsorgestelle war, war die Stärkung der Frau sowohl als Patientin als auch als Ärztin ein wichtiges Anliegen. „Im Jahr 1919 gründete sie die Organisation der ,Ärztinnen Wiens‘, deren Vorsitzende sie zehn Jahre lang war. Darüber hinaus war sie korrespondierende Sekretärin des Internationalen Ärztinnenverbandes und nahm am 5. und 6. Kongess der ,Medical Women’s International Association‘ teil.“[8] Über den fünften Kongress stammt folgender Bericht von ihr:

Brücke-Teleky, Dora: Der V. Internationale Ärztinnekongreß in Bologna. 11.-14. April 1928. Originalbericht der „W.M.W.“. Sonderabdruck aus: Wiener medizinische Wochenschrift. (78/23) 1928. Wien: Verlag von Moritz Perles 1928.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek, Sign.: Separata-Bibliothek-Teleky-002]

Abb. 5    Titelblatt: Brücke-Teleky: Der V. Internationale Ärztinnenkongreß […]. Wien: 1928.

1930 heirate sie den bekannten Physiologen Ernst Theodor von Brücke (1880-1941), bei dem Helene Wastl (1896-1948) – die erste Frau in Österreich, die sich im Fach Medizin habilitierte – ursprünglich in Innsbruck ausgebildet worden war. Ernst Theodor von Brücke war seit 1916 Ordinarius für Physiologie an der Universität Innsbruck und 1926/27 auch deren Rektor. Nach dem „Anschluss 1938“ sahen sich beide Ehepartner zur Emigration gezwungen. „Ernst von Brücke galt nach den nationalsozialistischen Gesetzten durch seine jüdische Mutter als Halbjude und wurde durch die Eheschließung, vom März 1930, zum Volljuden erklärt und war somit ebenfalls von den antijüdischen Gesetzen betroffen.“[9] Ernst Theodor von Brücke, dessen Venia legendi an der Universität entzogen worden war, entschied sich ein Lehrangebot der Harvard Medical School anzunehmen. Seine Frau folgte ihm im Herbst 1938 in die USA. Dora Brücke-Teleky bekam eine Zulassung als Gynäkologin in Massachusetts, wo sie auch nach dem Tod ihres Mannes bis 1950 in Boston als Ärztin tätig war. Nachdem sie sich zur Ruhe gesetzt hatte kehrte sie wieder nach Europa zurück und ließ sich im Schweizer Kanton Zürich in Stäfa in der Nähe ihrer Schwester nieder, wo sie 1963 verstarb.

„Dora Teleky hatte in mehrfacher Hinsicht eine Vorreiterrolle: Sie war eine der ersten österreichischen Ärztinnen, besuchte regelmäßig nationale und internationale Kongresse, publizierte wissenschaftliche Arbeiten, gilt als erstes weibliches Mitglied der DGfU [Deutschen Gesellschaft für Urologie, Anm.] und der Wiener Urologischen Gesellschaft. Aber auch die Position der Frau als Patientin zu stärken war ihr wichtig. Mit ihren zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten lenkte sie den Blick auf die Behandlung von Frauen in der Urologie. Trotz einschneidenden Veränderungen nach dem Anschluss Österreichs, der erzwungenen Emigration und des plötzlichen Tod ihres Mannes 1941 in Boston, war sie weiterhin als Fachärztin tätig. Dora Telekys Arbeiten in Bereich der Urogynäkologie und ihre Zugehörigkeit zur DGfU als erste Frau sichern ihr bis heute einen festen Platz in der Geschichte der Deutschen Gesellschaft für Urologie und des Faches Urologie selbst.“[10]

Quellen:

Arbeiter Zeitung, Jg. 1914-1931.

Bellmann, Julia: Dora Teleky – Ein frühes Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Urologie. In: Aktuelle Urologie. (1/43) 2012. S. 31-33.

Frank, Monika: Doctor for women – Dora Teleky’s commitment to gynaeco-urology. In: The journal of urology. (183/4 Supplement) 2010. S. e436.

Figdor, Peter Paul: Ärztinnen in der Urologie Teil 2. Dora Brücke-Teleky (1879-1963). In: Urologik (9/2) 2003. S. 32-33.

1340 Brücke-Teleky, Dora. In: Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft 18. Bis 20. Jahrhundert. Hrsg: Österreichische Nationalbibliothek. Band 1. A-I. 1-4541. München: K. G. Saur 2002. S. 178.

[1] Bellmann, Julia: Dora Teleky – Ein frühes Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Urologie. In: Aktuelle Urologie. (1/43) 2012. S. 31.

[2] Bellmann, Julia: Dora Teleky – Ein frühes Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Urologie. In: Aktuelle Urologie. (1/43) 2012. S. 31.

[3] Bellmann, Julia: Dora Teleky – Ein frühes Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Urologie. In: Aktuelle Urologie. (1/43) 2012. S. 32.

[4] Bellmann, Julia: Dora Teleky – Ein frühes Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Urologie. In: Aktuelle Urologie. (1/43) 2012. S. 32.

[5] Arbeiter Zeitung, 1.4.1914, S. 6.

[6] Arbeiter Zeitung, 23.1.1929, S. 9.

[7] Arbeiter Zeitung, 19.5.1929, S. 16.

[8] Bellmann, Julia: Dora Teleky – Ein frühes Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Urologie. In: Aktuelle Urologie. (1/43) 2012. S. 32.

[9] Bellmann, Julia: Dora Teleky – Ein frühes Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Urologie. In: Aktuelle Urologie. (1/43) 2012. S. 33.

[10] Bellmann, Julia: Dora Teleky – Ein frühes Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Urologie. In: Aktuelle Urologie. (1/43) 2012. S. 33.

Alle Beiträge der VS-Blog-Serie: Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien–>

Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [24]: Sigismund Peller: Die Ernährungsverhältnisse der Wiener Arbeiterschaft im Jahre 1925.

Sigismund Peller: Die Ernährungsverhältnisse der Wiener Arbeiterschaft im Jahre 1925.

Titelblatt1

Abbildung 1 Titelblatt: Peller: Statistik der Lebenshaltungskosten […]. Wien: 1928.

1925 veröffentlichte die Arbeiterkammer Wien eine unter der Leitung von Benedikt Kautsky (1894-1960), gemeinsam mit dem Sozialmediziner Sigismund Peller durchgeführte Studie in der sie die Ernährungsverhältnisse der Wiener Arbeiterschaft mit jenen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg verglich. Diese Studie wurde auch unternommen, da es zu dieser Zeit noch an exakten Berechnungen der Preisstatistiken und der Inflationsberechnungen fehlte, und die tatsächliche Lebenssituation der „Verbraucher“ unklar war. Dazu wurden über ein Jahr lang umfangreiche und detaillierte Erhebungen zu den Hauhalten (Familienstrukturen, Größe der Familien, Alter, Beruf, Wohnungsgröße u.a.), der Einnahmen (Einkommenssituation) und der ausgabenseitigen Lebenserhaltungskosten, insbesondere die anteiligen Ausgaben für die Ernährung von Arbeiterfamilien vorgenommen. Dabei wurde festgestellt, dass vor allem der nach dem Krieg in Wien eingeführte Mieterschutz, der auch eine Verbilligung des Wohnraumes brachte, eine wesentliche Entlastung für breite Bevölkerungsschichten Wiens darstellte. Neben detailliierten Erhebungen und Auswertungen der Struktur der Nahrungsmittelverbrauchs und der Ernährungsverhältnisse wurden diese mit den zeitgenössischen ernährungswissenschaftlichen Untersuchungen und Expertisen verknüpft, sodass im Vergleich zur Vorkriegszeit eine erhebliche Verschiebung in Richtung Fleischgenuss und der erhöhte Konsum an Obst, Zucker, Tier- und Pflanzenfetten und insgesamt ein ökonomischeres Wirtschaften breiter Bevölkerungsschichten, als vor 1914, konstatiert wurde. Mitberücksichtigt wurden die Differenzen zwischen den einzelnen Einkommensklassen und deren Auswirkungen auf die Ernährung und ausgabenseitigen Verteilung der Nahrungsmittelkonsumation.

Peller, Sigismund: Statistik der Lebenshaltungskosten und Ernährung von 42 Wiener Arbeiterfamilien im Jahre 1925. (= Sonderabdruck aus: Löhne und Lebenshaltungskosten der Wiener Arbeiterfamilie im Jahre 1925). In: Statistische Veröffentlichungen der Wiener Kammer für Arbeiter und Angestellte. 1928.

Neub_MHartl

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign. I 49000]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8623748&pos=8&phys=

Eine zeitgenössische Besprechung der Arbeit findest sich unter:[1]

Statistik

Abbildung 2 Peller: Statistik der Lebenshaltungskosten […]. Wien: 1928. Tabelle 11a. S. 16.

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=aze&datum=19280401&seite=7&zoom=46&query=%22dr.%2Bpeller%22&ref=anno-search

Die Studie konstatierte für das Jahr 1925 im Allgemeinen die Überwindung der Nahrungskrise der Kriegs- und Nachkriegsjahre, beanstandet jedoch noch erhebliche qualitative Unterschiede zwischen den Einkommensklassen. Insgesamt sollte mit dieser Studie die soziale Situation und Entwicklung umfassend dargestellt werden und Schlüsse daraus gezogen werden.

Sigismund Peller wurde als Sohn eines jüdischen Kaufmanns am 16.12.1890 in Tarnopol (heute Tarnopil/Galizien (heute Ukraine) geboren. Er studierte zunächst 1908/09 Rechtswissenschaften und zwischen 1909 und 1913 Medizin an der Universität Wien. 1914 promovierte er zum Doktor der Medizin. Er begann schon sehr früh sich mit statistischen Methoden und deren Anwendung in den medizinischen Forschungsfeldern zu interessieren: vor allem im Bereich der Sozialmedizin aber auch in der Krebsforschung, auf dem Gebiet er seit den 1920er Jahren bis in die 1960er Jahre arbeitete. 1914 erschien von ihm in der von seinem Lehrer, dem Sozialmediziner und Sozialhygieniker Prof. Ludwig Teleky (1872-1957), herausgegebenen Zeitschrift „Wiener Arbeiten aus dem Gebiet der sozialem Medizin“ eine Untersuchung über die Auswirkungen der sozialen Verhältnisse von Müttern auf die körperliche Entwicklung ihrer Neugeborenen[2] und 1917 eine Untersuchung in der Zeitschrift „Statistische Monatsschrift“ über die Morbidität im Wiener Drechslergewerbe.[3] Unmittelbar nach dem Krieg forschte Peller über die Auswirkungen des Krieges auf die Bevölkerung, vor allem auf jene der Kinder und Säuglinge – 1919: zur Frage des Rückganges der Geburten während des Krieges:

Peller, Sigismund: Rückgang der Geburtsmasse als Folge der Kriegsernährung. In: Wiener klinische Wochenschrift. (32/29) 1919.

Neub_MHartl

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 13259]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8623763&pos=13&phys#

Ebenfalls 1919 erschien seine Aufsatz „Die Ernährungsverhältnisse der Wiener Arbeiterbevölkerung (Jahre 1912-1914) in der Zeitschrift „Archiv für Soziale Hygiene und Demographie“ (Bd. 13, H. 1, S. 97-130) und 1920 ein Aufsatz über die Tuberkulosesterblichkeit:

Peller, Sigismund: Die Tuberkulosemortalität in Wien vor und nach dem Kriege. gbd. 10 S. Wien: Braumüller 1920. In: Wiener klinische Wochenschrift. (33/41) 1920.

Neub_MHartl

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 12353]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8623768&pos=17&phys#

Im selben Jahr veröffentlichte er eine historische Studie zur städtischen Mortalität im 18. Jahrhundert bei der er statistisches Material anhand der Totenbeschauprotokolle auswertete:

Peller, Sigismund: Zur Kenntnis der städtischen Mortalität im 18. Jahrhundert mit besonderer Berücksichtigung der Säuglings- und Tuberkulosesterblichkeit. In: Zeitschrift für Hygiene und Infektionskrankheiten. (90) [1920]. S. 227-262.

Neub_MHartl

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 5726]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8623750&pos=10&phys#

Während seiner Studentenzeit war Peller in der zionistischen Bewegung aktiv. 1914 bis 1916 war er im Flüchtlingslager Bruck an der Leitha in Niederösterreich als Arzt tätig und danach bis 1917 im Allgemeinen Krankenhaus in Wien. 1917 bis 1918 war er als Militärarzt in der österreichisch-ungarischen Armee eingerückt. 1918 bis 1923 arbeitete Peller als Arzt am Allgemeinen Krankenhaus in Wien, studierte daneben 1919 bis 1922 weiter an der Universität Wien. Eine universitäre Karriere blieb ihm in Wien jedoch verwehrt, dafür war er zu sehr in der Sozialdemokratischen Partei politisch exponiert. 1921 brachte Peller an der Universität Wien sein Habilitationsansuchen ein, das jahrelang verschleppt und sein Fall im Juli 1924 auch zum Gegenstand einer parlamentarischen Anfrage zum Thema „Die politische Universität Wien“ wurde. 1930/31 erfolgte die endgültige Ablehnung seines Habilitationsverfahrens.

1923 bis 1926 arbeitete Peller als Arzt an der Wiener Allgemeinen Poliklinik, und zwischen 1926 und 1929 ein erstes Mal in Palästina als Gesundheitsorganisator. Danach kehrte er nach Wien zurück und war hier bis 1933 als Direktor und Arzt des Wiener Städtischen Gesundheitsamtes tätig. Er setzte sich vehement für die Abschaffung des § 144 und der Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruches[4] und für weitere Sexualreformen ein, wie u.a. als Referent am Kongress der „Weltliga für Sexualreform“ in Wien im Juli 1930.[5] 1929 war er zum Mitglied des wissenschaftlichen Komitees der „Sozialistischen Vereinigung für Gesellschafts- und Wirtschaftsforschung“ bestellt worden.[6]

Er war Mitglied der „Vereinigung der sozialdemokratischen Ärzte Wiens“ und publizierte regelmäßig in deren Organ der „Sozialärztlichen Rundschau“ u.a. über Mieterschutz (Dezember 1932) und war in der Volksbildung aktiv, wo er sich vor allem den Fragen der Hygiene widmete. Nach seiner Reise in die Sowjetunion hielt er 1931 und 1932 Vortragsreihen über seine Reiseeindrücke und propagierte für die „Geserd“-Gesellschaft (Österreichische Gesellschaft zur Förderung des jüdischen Siedlungswerkes in der Sowjetunion“, deren Obmann er war und setzte sich darin für die Aufbaupläne der seit 1915 bestehenden und seit 1928 offiziell geführten jüdischen Ansiedlung in Biro-Bidschans in der Sowjetunion ein.[7] In diesem Rahmen hielt er auch Vorträge wie u.a. im Juni 1932 unter dem Titel „Der drohende Krieg gegen die Sowjetunion“.[8] 1933 heiratete Sigismund Peller die Montessori-Lehrerin und Psychoanalytikerin Lili Esther Roubiczek (1898–1966).

Nach dem Bürgerkrieg im Februar 1934 emigrierte Peller im April 1934 nach Palästina, um seiner drohenden Verhaftung zu entgehen. Hier arbeitete er zunächst als Arzt und zwischen 1935 und 1938 als Dozent für medizinische Statistik und Demografie an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Dazwischen fiel ein einjähriger (1936/37) Aufenthalt an der School of Hygiene and Public Health der Johns Hopkins University in Baltimore/Maryland, wo er als Gastdozent eingeladen war.

1938 emigrierte Peller endgültig in die USA, wo er bis 1940 Fellow in Human Biology an der Johns Hopkins University, war, danach bis 1943 Research Associate an der Graduate School of New York University und Lektor am Columbia University Hygiene Institute. Peller war auch Vorsitzender der „Pirquet Medical Society“, einer von Emigranten gegründeten Ärzte-Organisation, die die Zeitschrift „Pirquet Bulletin“ herausgab. Von 1945 bis 1968 arbeitete Peller in seiner Privatpraxis in New York. Peller verstarb 94 jährig am 12. Juli 1985 in San Diego in California.

Peller

Abbildung 3 Cover: Peller: Not in my time. New York 1979.

Sein Nachruf in der New York Times vom 16. Juli 1985:

http://www.nytimes.com/1985/07/16/nyregion/dr-sigismund-peller-studied-lung-cancer.html

Auswahl seiner Literatur an der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin:

Peller, Sigismund: Not in my time. The story of a doctor. New York: Philosophical Library 1979.

Neub_MHartl

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 54662]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8623755&pos=14&phys#

Peller, Sigismund: Population Explosion and the world order. Remarks a propos the International Development Conference, Nov. 1968, Washington, D.C. In: Pirquet bulletin. (16/3) 1969. S. 7-8.

Neub_MHartl

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek,  Sign.: 31.494/16,3]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8623758&pos=17&phys#

Peller, Sigismund: Dr. Kaspar Blond, 1889-1964. In: Pirquet bulletin. (12/1-2) 1965.

Neub_MHartl

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek,  Sign.: 31.494/12,1-2]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8623744&pos=5&phys#

Peller, Sigismund: Paul Klemperer, August 1887 – March 1964. In: Pirquet bulletin. (11/4) 1964. S. 228.

Neub_MHartl

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 31.494/11,4]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8623751&pos=11&phys#

Peller, Sigismund: Rudolf Paschkis, January 1879 – January 1964. . In: Pirquet bulletin. (11/4) 1964. S. 228-229.

Neub_MHartl

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 31.494/11,4]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8623756&pos=15&phys#

Peller, Sigismund: In Memoriam Ludwig Teleky, July 1872 – August 1957. In: Medical circle bulletin. (4/7) 1957. S. 9-11.

Neub_MHartl

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 31494/4,7]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8623767&pos=16&phys#

Peller, Sigismund: Studies on mortality since the Renaissance. (Part) A-E. In: Bulletin of the history of medicine. (13; 16; 21) 1943-1947. S.427-461; 362-381; 51-101.

Neub_MHartl

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: K18035/13; 16; 21]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8623766&pos=15&phys#

Peller, Sigismund: Der Geburtstod. Mutter und Kind. Leipzig und Wien: Deuticke 1936.

Ub[UniversitätsbibliothekMedUni Wien/AKH, Sign.: Magazin 1998-04282]

http://search.obvsg.at/primo_library/libweb/action/search.do;jsessionid=20522DA82BBE4211004931955D04EFC5?fn=search&ct=search&initialSearch=true&mode=Basic&tab=default_tab&indx=1&dum=true&srt=rank&vid=UMW&frbg=&tb=t&vl%28freeText0%29=Peller+Sigismund+Geburtstod&scp.scps=scope%3A%28ACC_acc05_M900%29%2Cscope%3A%28UMW_aleph_acc%29%2Cscope%3A%28UMW_O_SFX%29

Peller Sigismund und Ilse Zimmermann: Nachuntersuchungen von Elektrotechnikern und Ledergalanteriearbeitern im Lehralter. In: Archiv für Gewebepathologie. (5/3) 1934. S. 424-428.

separata_m-hartl

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata-Bibliothek, Sign.: Separata GdÄW Zimmermann]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8467795&pos=2&phys=#

Peller, Sigismund: Erfordert die Bekämpfung der prä-, intra- und postnatalen Sterblichkeit medizinische oder sozialmedizinische Reformen? (S. 268-275) In: Zentralblatt für Gynäkologie. (5) 1931. S. 268-275.

separata_m-hartl

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata-Bibliothek, Sign.: Separata GdÄW Peller]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8452411&pos=0&phys=#

Peller, Sigismund: Statistik der Lebenshaltungskosten und Ernährung von 42 Wiener Arbeiterfamilien im Jahre 1925. (= Sonderabdruck aus: Löhne und Lebenshaltungskosten der Wiener Arbeiterfamilie im Jahre 1925). In: Statistische Veröffentlichungen der Wiener Kammer für Arbeiter und Angestellte. 1928.

Neub_MHartl

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: I49000]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8623748&pos=8&phys#

Peller, Sigismund: Über Geschlechtsdisposition zu Infektionskrankheiten. In: Zeitschrift für Konstitutionslehre. (11/2,5) 1925. S. 460-504.

Neub_MHartl

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 12387]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8623749&pos=9&phys#

Peller, Sigismund und Friedrich Bass: Die Rolle exogener Faktoren in der intrauterinen Entwicklung des Menschen mit besonderer Berücksichtigung der Kriegs- und Nachkriegsverhältnisse. In : Archiv für Gynäkologie. (122/1,2) 1924. S. 208-238.

Neub_MHartl

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 12562]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8623762&pos=12&phys#

Peller, Sigismund: Die Tuberkulosemortalität in Wien vor und nach dem Kriege. gbd. 10 S. Wien: Braumüller 1920. In: Wiener klinische Wochenschrift. (33/41) 1920.

Neub_MHartl

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 12353]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8623768&pos=17&phys#

Peller, Sigismund: Zur Kenntnis der städtischen Mortalität im 18. Jahrhundert mit besonderer Berücksichtigung der Säuglings- und Tuberkulosesterblichkeit. In: Zeitschrift für Hygiene und Infektionskrankheiten. (90) [1920]. S. 227-262.

Neub_MHartl

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 5726]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8623750&pos=10&phys#

Peller, Sigismund: Rückgang der Geburtsmasse als Folge der Kriegsernährung. In: Wiener klinische Wochenschrift. (32/29) 1919.

Neub_MHartl

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 13259]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8623763&pos=13&phys#

Peller, Sigismund: Births and deaths among Europe’s ruling families since 1500. In: Population in history. O.J. S. 87-100.

Neub_MHartl

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 34799]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8623743&pos=4&phys#

Quellen, Literatur und weiterführende Links:

Hubenstorf, Michael: Österreichische Ärzte-Emigration. In: Stadler, Friedrich (Hg.): Vertriebene Vernunft I. Emigration und Exil österreichischer Wissenschaft 1930-1940. Bd. 2. S. 359-415.

http://agso.uni-graz.at/marienthal/biografien/peller_sigismund.htm

Archiv der Universität Wien, Med. Fak. Zl. 322/1921/22 Peller Sigismund – Habilitationsansuchen.

Text: Walter Mentzel

[1] Arbeiter Zeitung, 1.4.1928, S. 7 „Wie die Wiener Arbeiter wirtschaften und wie sie sich ernähren“.

[2] Arbeiter Zeitung, 24.2.1914, S. 5; 25.8.1915, S. 7 Einfluss der Stadtkultur auf die Menschheit.

[3] Mährisches Tagblatt, 6.7.1917, S. 7.

[4] Arbeiter Zeitung, 1.1.1931, S. 8.

[5] Arbeiter Zeitung, 18.7.1930, S. 6.

[6] Arbeiter Zeitung, 2.7.1929, S.4.

[7] Rote Fahne, 11.3.1932, S. 8.

[8] Die Rote Fahne, 23.6.1932, S. 6.

Alle Beiträge der VS-Blog-Serie: Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien–>