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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [137]: Alfred Arnstein: Vorstand der Tuberkuloseabteilung des Versorgungsheimes am Krankenhaus in Lainz und Schüler von Ludwig Teleky

Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [137]:

Alfred Arnstein: Vorstand der Tuberkuloseabteilung des Versorgungsheimes am Krankenhaus in Lainz und Schüler von Ludwig Teleky

Text: Dr. Walter Mentzel

Der Mediziner Alfred Arnstein, jahrelang im Personalstand der Medizinischen Fakultät der Universität Wien, war vor dem Ersten Weltkrieg als Student und Assistent im Allgemeinen Krankenhaus in Wien Schüler und Studienautor von Ludwig Teleky.

Alfred Arnstein wurde am 26. Juni 1886 in Wien als Sohn des Rechtsanwaltes Emanuel Arnstein und Regina Hahn geboren. Nach Abschluss seines Medizinstudiums an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien im Jahr 1910 mit seiner Promotion, erfolgte im selben Jahr seine Ernennung zum Assistenzarztstellvertreter und 1912 die Ernennung zum Assistenzarzt an der 3. Medizinischen Klinik im Allgemeinen Krankenhaus in Wien. Neben seiner beruflichen Tätigkeit am AKH hielt er Vorträge zu medizinischen Themen bei den Wiener Volksbildungsvereinen.

Arnstein besuchte als Student von Ludwig Teleky, das Seminar für soziale Medizin und veröffentlichte 1910 seine hier erarbeitete Studie in den „Wiener Arbeiten aus dem Gebiet der Sozialen Medizin“ unter dem Titel „Beiträge zur Kenntnis des Gießfiebers“. Noch als Assistenzarzt nahm er 1912 am Seminar teil, referierte über „Der Krebs als Berufskrankheit“ und legte eine Arbeit „Über die Bleivergiftung der Feilenhauer in Wien“ vor, die 1912 in den Wiener Arbeiten aus dem Gebiet der Sozialen Medizin und im selben Jahr als Sonderdruck in der Zeitschrift „Das österreichische Sanitätswesen“ erschien.

Arnstein, Alfred: Über die Häufigkeit der Bleivergiftung unter den Feilenhauern in Wien. In: Sonderdruck aus: Das österreichische Sanitätswesen. Wien: Verlag von Alfred Hölder, k.k. Hof u. Universitäts-Buchhändler 1912.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata-Bibliothek]

1913 folgte von ihm nach seiner Teilnahme am Seminar die unter der Leitung von Teleky durchgeführte „Sozialhygienische Untersuchung über Bergleute in den Schneeberger Kobaltgruben, insbesondere über das Vorkommen des sogenannten ‚Schneeberger Lungenkrebs‘“, die 1913 in den Wiener Arbeiten aus dem Gebiet der Sozialen Medizin als auch als Sonderdruck der Wiener klinischen Wochenschrift veröffentlicht wurde.

Arnstein, Alfred: Ueber den sogenannten „Schneeberger Lungenkrebs“. In: Sonderdruck aus: Wiener klinische Wochenschrift. Wien, Leipzig: Wilhelm Braumüller k.u.k. Hof- und Universitätsbuchhändler 1913.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata-Bibliothek]

Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg, an dem er als aktiver Militärarzt teilnahm, setzte Arnstein seine Arbeit als Assistenzarzt im AKH fort und schloss 1921 seine Ausbildung zum Facharzt für Innere Medizin ab. Daneben führte er eine Privatordination in Wien. Am 27.3.1925 schied er aus dem Personalstand des Allgemeinen Krankenhauses aus und trat in den Dienst der Gemeinde Wien an der Tuberkuloseabteilung des Versorgungsheimes am Krankenhaus in Lainz ein, wo er bis März 1938 als Vorstand und Primararzt wirkte.

Die Familie Arnstein war aufgrund ihrer jüdischen Herkunft nach dem „Anschluss“ im März 1938 der NS-Verfolgung ausgesetzt. Nach der zwangsweisen Versetzung in den dauernden Ruhestand am 23.4.1938 flüchtete Arnstein mit seiner Ehefrau und den beiden Söhnen im August 1938 nach England, wo er ab 1941 in London als Arzt arbeitete. Er starb 1972 in London.

Die Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien restituierte 2012 im Rahmen der systematischen Provenienzforschung ein Buch mit der Provenienz Alfred Arnstein. Mehr dazu [].

Quellen:

Matriken der IKG Wien, Geburtsbuch, 1885-1886, Alfred Arnstein.

ÖStA, AdR, E-uReang, FLD, Zl. 901, Heinrich Arnstein.

ÖStA, AdR, E-uReang, FLD, Zl. 4251, Alfred Arnstein.

ÖStA, AdR, E-uReang, Hilfsfonds, Abgeltungsfonds 1272, Alfred Arnstein.

ÖStA, AdR, E-uReang, Hilfsfonds, Abgeltungsfonds 4047, Alfred Arnstein.

ÖStA, AdR, E-uReang, Hilfsfonds, Abgeltungsfonds 4812, Alfred Arnstein.

ÖStA, AdR, E-uReang, VVSt, VA  24391, Alfred Arnstein.

UAW, Med. Fak., Sign. 134, Nationalien/Studienkataloge 1862-1938, Zl. 588 Alfred Arnstein (1906/07).

UAW, Med. Fak., Promotionsprotokoll 1904-1912, Sign. 190-1056 Alfred Arnstein (Promotion 20.4.1910).

UAW, Med. Fak., Rigorosenprotokoll 1903-1930 Sign. 196-2 (Rigorosum: 22.4.1910).

WStLA, M.Abt. 119, A41, VEAV 739, 19. Bez., Alfred Arnstein.

WStLA, M.Abt. 202, A6, Personalakt 2. Reihe, Alfred Arnstein.

Todesnachricht Alfred Arnstein. In: British medical journal. 22.01.1972. S. 317.

Literatur:

Bauer Bruno und Walter Mentzel: NS-Provenienzforschung an der Medizinischen Universität Wien 2011 und 2012. Restitutionen von Büchern der Bibliothek Sassenbach sowie den Privatbibliotheken von Raoul Fernand Jellinek-Mercedes und Alfred Arnstein. In: VÖB (= Mitteilungen der Vereinigung österreichischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare/66) (2013) 3/4. S. 449–457.

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [134]: Alfred Bass – Sozialmediziner, Schularzt und Interessensvertreter der Wiener Ärzt*innen

Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [134]:

Alfred Bass – Sozialmediziner, Schularzt und Interessensvertreter der Wiener Ärzt*innen

 Text: Dr. Walter Mentzel

Alfred Bass war ein österreichischer Sozialmediziner, Studienmitarbeiter von Ludwig Teleky und Funktionär in den Interessensvertretungen der Wiener Ärzt*innen. Er wurde 1938 von den Nationalsozialisten verfolgt und im Holocaust ermordet. Von ihm besitzt die Zweigbibliothek für Geschichte der Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien eine Reihe von Arbeiten in ihrer Separata- sowie in der Neuburger-Bibliothek.

Alfred Bass wurde am 1. August 1867 als Sohn von Josef Bass, einem Lehrer aus Pilsen, und Katalin Katharina, geborene Fissler, in Linz geboren. Seine Eltern waren jüdischer Herkunft. Nach seinem Studium der Medizin an der Universität Wien, das er 1892 mit seiner Promotion abschloss, arbeitete er als Militärarzt im Garnisons-Spital Nr. 13 in Theresienstadt beim Infanterieregiment Nr. 100, danach als praktischer Arzt in Zinnwald (heute: Cínovec) und danach in Mariaschein (heute: Bohosudov/Tschechien) in Nordböhmen. Hier beschäftigte er sich vom arbeitsmedizinischen Standpunkt aus mit den Arbeitsverhältnissen in der nordböhmischen Industrie, insbesondere im nordböhmischen Kohlenrevier. 1898 erschien von ihm der Aufsatz „Wir und die Krankencassen“ in der Zeitschrift „Die Heilkunde, Monatsschrift für praktische Medizin, in dem er sich – wie auch später in Wien – für die Interessen der Kassenärzte einsetzte.

Bass, Alfred: Wir und die Krankencassen. Sonderdruck aus: Die Heilkunde. Monatsschrift für praktische Medicin. Teschen: K.u.k. Hofbuchdruckerei Karl Prochaska 1898.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 25033]

1899 kehre er nach Wien zurück und arbeitete als Assistent an der Wiener Poliklinik sowie als praktischer Arzt im Wien-Mariahilf.[1]

Alfred Bass gehörte vor dem Ersten Weltkrieg zum engen Kreis an Mitarbeitern von Ludwig Teleky und nahm an dem von Teleky an der Universität Wien errichteten Seminar für soziale Medizin teil. 1905 wirkte er gemeinsam mit Alfred Götzl an der von Ludwig Teleky durchgeführten medizinischen Untersuchung der Perlmutterdrechslergehilfen während ihres Streikes mit, ebenso an der sozialmedizinischen Studie zu den Steinmetzen sowie 1906 wiederum mit Alfred Götzl an der von Ludwig Teleky initiierten Studie zu den Zündholzarbeiter im Böhmerwald. 1910 publizierte er anlässlich eines drohenden Aufstandes der Perlmutterdrechsler rückblickend einen Bericht[2] in der Allgemeinen Wiener medizinische Zeitung über „Die Gesundheitsverhältnisse bei den Perlmutterdrechslern“ und im selben Jahr im ersten Jahrgang der „Wiener Arbeiten aus dem Gebiet der Sozialen Medizin“ die Ergebnisse der Studie über die 1905 gemeinsam mit Teleky und Götzl unternommene sozialmedizinischen Untersuchung zu den Steinmetzen und Perlmutterdrechslern.[3]

Abb. 1    Titelblatt: Bass: Die Gesundheitsverhältnisse der Wiener Steinmetzen und Perlmutterdrechsler. In: Wiener Arbeiten aus dem Gebiet der Sozialen Medizin. Wien, Leipzig: 1910. S. 80.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 61362]

Bass engagierte sich bis zur Zerstörung der Demokratie 1933/34 in den ärztlichen Interessensorganisationen und in der Österreichischen Sozialdemokratie. Er trat neben der Verbesserung der rechtlichen und materiellen Lage der Kassenärzte für eine massive Ausweitung, Demokratisierung und gesetzlichen Verankerung der Gesundheitsversorgung und für eine staatliche Regelung im Bereich der Krankenversicherung ein. Dazu publizierte er 1930 in der Wiener Medizinischen Wochenschrift den Aufsatz
Die Krankenversicherung im Kampf gegen sozialen Krankheiten“.[4]

1903 kandidierte er bei der Wahlen für die Wiener Ärztekammer,[5] an deren Stelle er die gewerkschaftliche Organisierung der Ärzte propagierte.[6] In dem 1908 von Max Kahane (1866–1923) herausgegeben Medizinischen Handlexikon für praktische Ärzte, publizierte er einige Artikel. Seit 1906 nahm er an den Vortragsabenden und Sitzungen in der von Sigmund Freud ins Leben gerufenen Mittwoch-Gesellschaft, sowie bis zu seinem Austritt im Jahr 1909 an jenen der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung teil.

Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete Bass als praktischer Arzt in Wien-Mariahilf, war in der Tuberkulosenfürsorge aktiv, und als städtischer Schularzt tätig. Er wirkte an der von Anton Drasche herausgegebenen „Bibliothek der gesammten medicinischen Wissenschaften für praktische Ärzte und Spezialärzte“ mit.[7] Daneben übte er die Funktion eines Chefarztes der Krankenfürsorgeanstalt der Bediensteten der Stadt Wien aus und engagierte sich weiterhin auf dem Gebiet der Sozialmedizin und in den ärztlichen Interessensorganisationen. Nach der Übersiedelung von Teleky nach Düsseldorf leitete er alleine die „Beratungsstelle für Berufswahl“, eine Organisation, die Jugendliche zum Einstieg ins Berufsleben verhelfen sollte.[8] Er war Mitglied und Unterstützer des Österreichischen Bundes für Mutterschutz, des Vereins „Freie Schule“, und des Vereins „Die Bereitschaft“, der für soziale Arbeit und zur Verbreiterung „sozialer Kenntnisse“ gegründet worden war. Politisch engagierte er sich in den sozialdemokratischen Organisationen, darunter im Abstinentenbund, wo er zu Fragen der sozialen Medizin oder der Sozialversicherung referierte, sowie als Mitglied in der Vereinigung sozialdemokratischer Ärzte, in deren Versammlungen er Themen wie „Schulreform und Volksgesundheit“,[9] den Ausbau der Sozialversicherung, die Krankenkassen, und den Mieterschutz behandelte.[10] In der Wirtschaftlichen Organisation der Ärzte Wiens war er als Funktionär und als Sektionsleiter der Spitalsbezirksgruppe Wien 6 tätig.

Bass war Mitglied der 1934 als Dachorganisation gegründeten Gesellschaft des Grauen Kreuzes, einer Hilfsorganisation für Flüchtlinge aus dem nationalsozialistischen Deutschland.[11]

Bass und seine Familie waren aufgrund ihrer jüdischen Herkunft nach dem „Anschluss“ im März 1938 der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ausgesetzt. Am 28. Oktober 1941 erfolgte die Deportation von Alfred Bass aus seiner Wohnung in Wien 6, Köstlergasse 10 in das Ghetto Łódź. Über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt. 1947 erfolgte seine Todeserklärung. Seine Ehefrau Martha Bass (20.11.1873 Wien), geborene Weiss, verstarb 1940 in Wien. Sein Sohn Wolfgang Bass überlebte den Holocaust. An Alfred Bass erinnert heute ein Erinnerungsstein, verlegt vom Verein Erinnern für die Zukunft, vor dem Wohnhaus der Familie Bass in Wien 6, Köstlergasse 10.

Abb. 2 Gedenkstein, Foto: Walter Mentzel, 2021

Quellen:

Archiv der IKG Wien, Trauungsbuch 1895, Bass Alfred, Weiss Martha.

AUW, Sign. 134-221 (Nationalien 1886/87) Bass Alfred.

AUW, Sign. 134-354 (Nationalien 1890/91) Bass Alfred.

AUW, Sign. 187-709 (Promotionsdatum: 29.7.1892) Bass Alfred.

ÖStA, AdR, E-uReang, VVSt, VA, Zl. 33.606, Bass Alfred (Geburtsdatum 1867.08.01).

ÖStA, AdR, E-uReang, VVSt, VA, Zl. 13.545, Bass Martha (1873.11.20).

[1] Allgemeine Wiener medizinische Zeitung. 21.5.1907. S. 1.

[2] Allgemeine Wiener medizinische Zeitung. 25.10.1910. S. 470-471.

[3] Bass, Alfred: Die Gesundheitsverhältnisse der Wiener Steinmetzen und Perlmutterdrechsler. In: Wiener Arbeiten aus dem Gebiet der Sozialen Medizin. Wien, Leipzig: Verlag von Moritz Perles 1910. S. 80-106.

[4] Wiener Medizinischen Wochenschrift, Nr. 52, S. 1685-1686.

[5] Neue Freie Presse, 31.12.1903, S. 8.

[6] Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 42, Sp. 2069-2071.

[7] Die Heilkunde. Monatsschrift für praktische Ärzte – Wiener Ausgabe. H. 12. September 1900. S. 732.

[8] Arbeiter Zeitung. 17.7.1921. S. 8.

[9] Arbeiter Zeitung. 26.4.1922. S. 9.

[10] Arbeiter Zeitung. 23.6.1923. S. 9.

[11] Gerechtigkeit. 28.5.1936. S. 12.

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [131]: Baar Viktor – Medizin-meteorologische Forschungen

Baar Viktor – Medizin-meteorologische Forschungen

Text: Dr. Walter Mentzel

 Viktor Baar, war der jüngere Bruder des Mediziners Gustav Baar, und wurde am 8. Jänner 1887 in Freiberg in Mähren (heute: Příbor/Tschechien) geboren. Seit 1923 war er mit Margeritha (*12.1.1899), geborene Löbl verheiratet. Baar begann 1906 an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien mit seinem Studium und arbeitete nach seiner Promotion im Jahr 1911 als Sekundararzt an der III. medizinischen Abteilung des Allgemeinen Krankenhauses in Wien bei Prof. Hermann Schlesinger (1866-1934). 1914 wurde er Mitglied der Gesellschaft für innere Medizin und Kinderheilkunde in Wien.[1] Aus seinen Arbeitsjahren bis zum Ersten Weltkrieg stammt von ihm die heute sich im Bestand der Separata-Bibliothek an der Zweigbibliothek der für Geschichte der Medizin befindende Arbeit

Baar, Viktor: Asthma bronchiale und Luftdruck. Aus der III. medizinischen Abteilung des k. k. Allgemeinen Krankenhauses (Vorstand: Prof. Dr. Hermann Schlesinger). Sonderdruck aus: Wiener medizinische Wochenschrift. Wien: Verlag von Moritz Perles k.u.k. Hofbuchhandlung 1914.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata-Bibliothek]

und ebenfalls aus dem Jahr 1914, die sich an der Neuburger-Bibliothek befindende Arbeit:

Baar, Viktor: Ein Beitrag zur Diagnose der Konstitution. Sonderdruck aus: Medizinische Klinik. Berlin: Urban & Schwarzenberg 1914.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign. 22400]

Während des Ersten Weltkrieges diente er als Militärarzt im Range eines Oberarztes der Reserve in der k.u.k. Armee und war am Isonzo an der Südwestfront im Einsatz. Aus dieser Zeit stammen eine Reihe von Publikationen wie 1915 „Ein Wort über Strohschienen“[2] und „Klima und Konstitution im Kriege“[3], aus dem Jahr 1916:

Baar, Viktor: Über Kriegsseuchen und Impfungen im Felde. Sonderdruck aus: Der Militärarzt. Wien: Verlag von Moritz Perles, k.u.k. Hofbuchhandlung 1916.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign. 22400]

die er am Isonzo schrieb und die sich heute in der Separata-Bibliothek befindet, sowie eine Arbeit über „Die Influenzaepidemie im Februar 1916“[4]. 1917 veröffentlichte er im Verlag Perles die Monografie:

Baar, Viktor: Ein Jahr an der Isonzofront. Klimatologische Beobachtungen. Wien: Perles 1917.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign. 4027]

in der er als Bataillonsarzt an der Isonzofront meteorologische Einflüsse auf die Morbidität nachzuweisen versuchte.

Zwischen 1918 und 1919 war er wieder als Sekundararzt an der III. Medizinischen Abteilung bei Professor Schlesinger tätig. Aus dieser Zeit stammen seine beiden in der Separata-Bibliothek erhaltenen Arbeiten

Baar, Viktor: Neosalvarsan bei gonorrhischer Zystitis. Ein Beitrag zur Beeinflussung der Konstitution durch Medikamente. Sonderdruck aus: Wiener Medizinischen Wochenschrift. Wien: Moritz Perles, k.u.k. Hofbuchhandlung 1918.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata-Bibliothek]

und seine letzte am AKH publizierte Arbeit

Baar, Viktor: Ein positiver Bakterienbefund bei einem Fall von chronischer myeloischer Leukämie (Myeloblastenleukämie). Aus der III. medizinischen Abteilung des Allgemeinen Krankenhauses in Wien (Vorstand: Prof. Hermann Schlesinger). Sonderdruck aus: Wiener klinische Wochenschrift. Wien, Leipzig: Wilhelm Braumüller Universitäts-Verlagsbuchhandlung 1919.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata-Bibliothek]

Ab spätestens 1920 arbeitete Baar als Städtischer Arzt und Oberstadtarzt im Personalstand der Gemeinde Wien, führte daneben eine private Ordination, und publizierte in den folgenden Jahren eine Reihe von Aufsätzen und eine Monografie. 1929 erschien von ihm der Aufsatz „Die Homöopathie“,[5] 1930 ein weiterer zur „Ultrarotlichtlampef“,[6] und 1932 verfasste er die in der Gesellschaft der Ärzte Bibliothek an der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin erhaltene Monografie:

Baar, Viktor: Wetter und Krankheiten. [Vom Standpunkte des praktischen Arztes, mit 96 erläuternden Monatswettertabellen]. Wien: Ars Medici 1932.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Gesellschaft der Ärzte Bibliothek, Sign.: GÄ-17971]

1933 publizierte er den Aufsatz „Altausee, ein klimatischer Nierenkurort“,[7] 1935 eine Arbeit über Asthma und Tuberkulose[8] und eine weitere in zwei Teilen über „Die Schädigung der Haut durch den Beruf, durch den Sport, durch die Jahreszeiten und durch die Kosmetik. Nebst einem Anhang“.[9]

Seine letzte Arbeit „Über 6 geheilte Asthmafälle“ veröffentlichte Baar in zwei Teilen 1937 in der Medizinischen Wochenschrift.[10]

Die Familie Baar war nach dem „Anschluss“ im März 1938 wegen ihrer jüdischen Herkunft der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ausgesetzt. Viktor und Margeritha Baar und ihre Kinder, die am 14. Jänner 1924 geborene Ruth, der 12. Dezember 1924 in Wien geborene Herbert, und die am 20. Jänner 1926 geborene Erika, wurden am 15. Februar 1941 aus einer Sammelwohnung in Wien 2, Czerningasse 15/18 nach Opole deportiert und ermordet. Sein Bruder Moric Mojzis Baar (*8.7.1874 Freiberg/Mähren) wurde am 6. September 1943 im KZ Auschwitz ermordet.

Quellen:

Archiv der Universität Wien, Rektorat, Med. Fak., Rigorosenprotokolle, Sign. 196-0025, Baar Viktor (Rigorosen Datum: 1911.05.05).

AUW, Rektorat, Med. Fak., Promotionsprotokoll, Sign.190-1273, Baar Viktor (Promotions- Sponsions-Datum: 1911.05.15).

AUW, Rektorat, Med. Fak., Nationalien, Sign. 134-0589, 1906/07, Baar Viktor (Nationalien Datum: 1906/07).

ÖStA, AdR, E-uReang, FLD, Zl. 5.737, Baar Viktor.

Wiener Kommunal-Kalender und Städtisches Jahrbuch für 1921, Wien 1921.

DOEW: Viktor Baar, Geburtstag: 08.01.1887, Wohnort: Wien 2, Czerningasse 15/8, Deportation: Wien/Opole, Deportationsdatum: 15.02.1941.

[1] Wiener medizinische Wochenschrift. 13.6.1914. Sp. 1348.

[2] Der Militärarzt. 1915. Sp. 454-455.

[3] Der Militärarzt. Nr. 31. 11.12.1915. Sp. 502-504.

[4] Wiener medizinische Wochenschrift. 3.2.1917. Sp. 298-301.

[5] Wiener medizinische Wochenschrift. Nr. 32. 1929. S. 1036-1039.

[6] Wiener medizinische Wochenschrift. Nr. 12. 1930. S 416-417.

[7] Wiener medizinische Wochenschrift. Nr. 41. 1933. S 1159-1160.

[8] Wiener medizinische Wochenschrift. Nr. 2. 1935. S. 31-35.

[9] Wiener medizinischen Wochenschrift. Nr. 26 und Nr. 30. 1935. S. 793-795 und 816-820.

[10] Wiener medizinischen Wochenschrift. Nr. 30 und Nr. 31. 1937. S. 790-793 und 816-820.

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [128]: Michael Alt – Arzt im Karolinenspital und städtischer Bezirksarzt in Wien

Michael Alt – Arzt im Karolinenspital und städtischer Bezirksarzt in Wien

Text: Dr. Walter Mentzel

Michael Alt wurde am 22. September 1864 in Gewitsch in Mähren (heute: Jevico/Tschechien) geboren. Alt studierte an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien und schloss sein Studium 1890 mit seiner Promotion ab. 1891 wurde er vom Geschäftsrat des Wiener medizinischen Doctoren-Collegiums zum Sekundararzt im Caroline Riedl’schen Kinderspital („Karolinen-Kinderspital“) in Wien ernannt.[1]

In dieser Zeit publizierte er eine Arbeit, die sich heute in der Separata-Bibliothek der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin befindet:

Alt, Michael: Anaemia infantilis pseudoleucaemia. Aus dem Karloninenspitale in Wien. Sonderdruck aus: Centralblatt für die medicinischen Wissenschaften. Berlin: Hirschwald 1892.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata-Bibliothek]

1895 erfolgte seine Ernennung zum städtischen Bezirksarzt im Stadtphysikat in Wien, zunächst in Wien Döbling und ab 1896 für Wien Neubau, wo er später als praktischer Arzt weiter arbeitete.

1892 wurde er ordentliches Mitglied der Gesellschaft der Ärzte in Wien.[2] 1911 wurde er als Mitglied in die Gesellschaft für innere Medizin und Kinderheilkunde in Wien ausgenommen.[3]

Michael Alt wurde wegen seiner jüdischen Herkunft nach dem „Anschluss“ im März 1938 von den Nationalsozialisten verfolgt und musste bei der Vermögensverkehrsstelle beim Ministerium für Arbeit und Wirtschaft eine Vermögensanmeldung abgeben. Er verstarb am 5. Juni 1940 in Wien im Rothschild-Spital.

Quellen:

Matriken der IKG Wien, Trauungsbuch 1892.

Archiv der Universität Wien, Sign. 177, Zl. 7 b, Alt Michael (Rigorosum: 1888).

Archiv der Universität Wien, Sign. 186, Zl. 2.855, Alt Michael (Promotion: 24.5.1890).

ÖStA, AdR, E-uReang, VVSt, VA, Zl. 24.303, Alt Michael.

Friedhofsdatenbank der Stadt Wien: Alt Michael.

[1] Neue Freie Presse. 13.8.1891. S. 5.

[2] Wiener klinische Wochenschrift. 7.4.1892. Sp. 217.

[3] Wiener Medizinische Wochenschrift. 14.1.1911. Sp. 208.

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [126]: Carl Berdach – Bezirksarzt in Wien, NS-Verfolgter

Carl Berdach – Bezirksarzt in Wien, NS-Verfolgter

Text: Dr. Walter Mentzel

Carl Berdach war ein langjährig in Wien tätiger Bezirksarzt. Geboren am 19. Oktober 1863 als eines von sieben Kindern von Josua Berdach (1831-1905) und Rosa (1838-1920), geborene Berdach, war er der Cousin des Mediziners Julius Berdach. Nach dem Studium der Medizin an der Universität Wien, das er 1887 mit der Promotion abschloss, begann er als Aspirant an der II. Medizinischen Klinik im Allgemeinen Krankenhaus in Wien bei Prof. Heinrich von Bamberger (1822-1988).

In der Separata-Bibliothek der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin befindet sich eine Arbeit von Carl Berdach:

Berdach, Carl: Beiträge zur Wirkung des Antipyrin. Aus der medizinischen Klinik des Herrn Hofrathes Prof. v. Bamberger. Sonderdruck aus: Wiener medizinische Wochenschrift. Wien: Selbstverlag 1888.

 

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata-Bibliothek]

Nach dem Tod von Bamberger wechselte Berdach als Sekundararzt an die I. chirurgische Abteilung des AKH in Wien zu Prof. Josef Weinlechner (1829-1906). Hier publizierte er 1889 „Ein Fall von primärem Sarkom der Nebenniere nebst einigen diagnostischen Bemerkungen“.[1] Im selben Jahr wurde er auch zum Krankenkassenarzt des Gremiums der Wiener Kaufmannschaft bestellt.[2] Ab 1890 stand er im Personalstand des Stadtphysikats der Gemeinde Wien und war als städtischer Bezirksarzt zunächst im Vierten Wiener Gemeindebezirk,[3] ab 1892 im Fünften und von 1896 bis 1922 im Zweiten Wiener Gemeindebezirk tätig.[4] 1913 erfolgte seine Ernennung zum Oberbezirksarzt des 2. Bezirkes. Nach seinem Ausscheiden als Oberbezirksarzt war er als praktischer Arzt im Zweiten Wiener Gemeindebezirk tätig.

Berdach war Mitglied der Gesellschaft für innere Medizin und Kinderheilkunde in Wien, Obmann des Wohlfahrtsvereines für Hinterbliebene der Ärzte Wiens und Niederösterreich,[5] stellvertretender Obmann des 1875 gegründeten Ärztlichen Vereines im 2. Wiener Gemeindebezirk,[6] und im Geschäftsrat des Wiener medizinischen Doktoren-Kollegium tätig.[7]

Berdach, der jüdischer Herkunft war, wurde von den Nationalsozialisten verfolgt und nach dem „Anschluss“ in eine Sammelwohnung in Wien 1, Neutorgasse 15/7 zwangsumgesiedelt, wo er mit seinem Cousin Julius Berdach und dessen Familie bis zu ihrer Deportation lebte. Carl Berdach wurde am 14. Juli 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert und am 1. Jänner 1943 ermordet. Seinem Sohn Otto Berdach, der ebenfalls in Wien als Mediziner tätig war, gelang die Flucht in die USA. Er verstarb im Oktober 1970 in Aurora, Illinois.

Quellen:

Wiener Communal-Kalender und Städtisches Jahrbuch. Wien: 1890-1922. Findbuch ÖStA, AdR, VA, 18.682, Berdach Carl (19.10.1863).

Matriken der IKG Wien, Geburtsbuch 1863, Berdach Carl.

AUW, Med. Fak, Nationalien/Studienkataloge 1862-1938, Sign. 134, Zl. 147, Berdach Karl Nationalien (1882/83).

AUW, Med. Fak, Rigorosenprotokoll (1872-1894), Sign. 177, Zl. 26a, Berdach Karl (Rigorosum 1884).

AUW, Med. Fak, Promotionsprotokoll (1874-1890), Sign. 186, Zl. 2.050, Berdach Karl (Promotion 14.7.1887).

Arolsen-Archiv, Inhaftierungsdokumente, Deportationen und Transporte, Deportationen aus dem Gestapobereich Wien (1939-1945), Transport 31: Deportation von Wien nach Theresienstadt, 14.07.1942 (Berdach Karl).

Opferdatenbank: Ghetto Theresienstadt: Berdach Carl.

[1] Wiener Medizinische Wochenschrift. 9.3.1889. Sp. 357-359 und 16.3.1889. Sp. 385-388.

[2] Neues Wiener Tagblatt (Tagesausgabe). 1.9.1889. S. 4.

[3] Wiener Zeitung. 25.12.1890. S. 35.

[4] Wiener Communal-Kalender und Städtisches Jahrbuch. Wien: 1890-1922.

[5] Wiener Medizinische Wochenschrift. 28.4.1934. S. 508.

[6] Wiener Medizinische Wochenschrift. 15.1.1910. Sp. 182.

[7] Internationale klinische Rundschau. Nr. 24/26. 1919. S. 143. Wiener Medizinische Wochenschrift. 2.10.1937. S. 1031.

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [124]: Andreas Witlacil – Sozialhygieniker, Mitorganisator des Sanitätswesens in Wien und Polizeichefarzt der Polizeidirektion Wien

Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [124]:

Andreas Witlacil – Sozialhygieniker, Mitorganisator des Sanitätswesens in Wien und Polizeichefarzt der Polizeidirektion Wien

Text: Dr. Walter Mentzel

Andreas Witlacil war mehr als fünf Jahrzehnte als Arzt und Sozialhygieniker in zahlreichen ärztlichen und medizinischen Standes- und Verwaltungsorganisationen tätig, in denen er auf die sanitäre Entwicklung der Stadt Wien während der Stadterweiterung im 19. Jahrhundert und der damit einhergehenden Neuorganisation der medizinischen Verwaltung Einfluss nahm. Für ihn gehörte eine wohlorganisierte Armenkrankenpflege zu den ersten und dringlichsten Aufgaben einer Großstadt. Besondere Verdienste erwarb er sich bei der Organisation des polizeiärztlichen Dienstes. Daneben entfaltete er eine immense publizistische Tätigkeit als Mitbegründer der Wiener medizinischen Wochenschrift und Redaktionsmitglied in der Zeitschrift Der Militärarzt, wo er zahlreiche wissenschaftliche Abhandlungen und Rezensionen und unter den Rubriken „Feuilletons“, „Jahresrevuen“ publizierte. Zahleiche Artikel versah er mit dem Autoren-Kürzel „(W)“.

Andreas Witlacil wurde am 12. November 1817 in Wien am Spittelberg unter dem Taufnamen Andre Joseph als Sohn des k.k. Hof-Kutschers Joseph Witlacil und Christina, geborene Zichner, geboren. 1846 heiratete er Maria Amalia Eichinger. Seine Tochter Amalie war mit dem Mediziner Karl Hammerschmidt verheiratet, der unter dem Namen Abdullah Bay Professor an der medizinischen Schule in Konstantinopel wirkte, nachdem er als Teilnehmer an der Revolution von 1848 aus Wien in das osmanische Reich geflüchtet war.[1]

Abb. 1    Österreichische Illustrierte Zeitung. 13.8.1905. S. 5.

Witlacil studierte an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien und promovierte im März 1846. In seiner Dissertation beschäftigte er sich mit der Entwicklung einer Propädeutik der medizinischen Statistik, einem Thema, das er später in seinen vielfältigen beruflichen Arbeitsfeldern und Funktionen forcierte.

Witlacil, Andreas: Dissertatio Inauguralis Medico-Statistica Sistens Principa Statisticae Medicinalis |b Quam Consensu Et Auctoritate Illustrissimi Et Magnifici Domini Praesidis Et Directoris, Perillustris Et Spectabilis Domini Decani Nec Non Clarissimorum Ac Celeberrimorum D.D. Professorum Pro Doctoris Medicinae Laurea Summisque In Medicina Honoribus Et Privilegiis Rite Et Legitime Consequendis In Antiquissima Ac Celeberrima Universitate Vindobonensi Publicae Disquisitioni. In theses adnexas disputabitur in Universitatis aedibus die 14. mensis Martii 1846. Wien: Typis Congregationis Mechitaristicae 1846.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Historische Dissertations-Bibliothek, Sign.: D-4432]

Seine Dissertation erschien noch im selben Jahr in deutscher Übersetzung unter dem Titel:

Witlacil, Andreas: Die Grundzüge der medicinischen Statistik entwickelt und kritisch beleuchtet. Wien: gedruckt bei den P.P. Mechitaristen 1846.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Josephinische Bibliothek, Sign.: JB 5670]

Abb. 2    Titelblatt: Witlacil: Die Grundzüge der medicinischen Statistik […]. Wien: 1846.

Die Massenarmut in Wien im Vormärz und die Revolution von 1848

Sein Interesse für die Ursachen und Folgen der Massenarmut in Wien im Vormärz führten Witlacil neben seinem sozialen Engagement, zu seinen ersten wissenschaftlichen Arbeiten und schließlich zur aktiven Teilnahme an der Revolution von 1848. 1846 wirkte er im gerade gegründeten Wiener allgemeinen Hülfs-Verein[2] mit, der sich die Linderung des Massenelends sowie der Hungersnöte der 1840er Jahre in den Wiener Vorstädten zum Ziel gesetzt hatte. Ein Jahr darauf publizierte Witlacil in der Zeitschrift des Vereins für Deutsche Statistik eine Studie zu den „Verhältnissen der handarbeitenden Bevölkerung Wiens“,[3] die er 1848 – bereits unter dem Eindruck der Revolution – mit seinem Aufsatz „Vorschläge zur Verbesserung der Lage der handarbeitenden Bevölkerung Wiens“ fortsetzte[4]. Bereits die 1846 in dieser Zeitschrift mit dem Autorenkennzeichen „Dr. W“ erschienen Artikel zur „Bewegung der Bevölkerung Wiens im Verwaltungsjahr 1846“ dürften ihm zuzuordnen sein. Diese ersten von ihm erhaltenen Arbeiten zeichnen sich durch eine hohe Dichte an quantitativen Material aus, mit der er akribisch die konkreten Lebensverhältnisse der handarbeitenden Bevölkerung zu beschreiben versuchte und Vorschläge zur Verbesserung deren Lebenssituation zog. Während der Revolution von 1848 gründete er im Juli den Wiener Arbeiterklub „Concordia“, der neben dem Allgemeinen Arbeiterverein, der zweitälteste Arbeiterverein in der 1848er Revolution war und bis Oktober 1848 bestand. Daneben gab er bis September 1848 die Zeitung „Concordia – Politisch-sociales Wochenblatt für die Arbeiterschaft“ heraus.[5] Als Mitglied der Garde der akademischen Legion und Verfasser der Flugschrift „An die gesammten arbeitenden Volksklassen in Wien und der Umgebung“,[6] strebte er die Bildung eines eigenen Arbeiter-Korps an.[7] Im Mai unterbreitete er in einem von ihm veröffentlichten Brief an den pädagogischen Verein in Wien Vorschläge zur Volksbildung und Volkserziehung und forderte die „tüchtigen Geister“ auf sich „zu erheben, um mit vereinten Kräften das Licht der Aufklärung durch alle Schichten der Gesellschaft zu verbreiten und insbesondere das Volk zur politischen Reife heranzubilden.“[8]

Arzt und Förderer der Statistik in der Medizin

Seine Aktivitäten während der Revolution von 1848 blieben nach deren Niederschlagung ohne Folgen auf seine weitere berufliche Karriere. Von 1849 bis 1856 arbeitete er als Sekundararzt im Allgemeinen Krankenhaus in Wien, wo er sich u.a. mit der Herstellung und Aufbereitung der Spitalsstatistik beschäftigte, aus der die von ihm verfassten und redigierten „Jahresberichte des Wiener k.k. allgemeinen Krankenhauses“ hervorgingen, die regelmäßig im Wochenblatt der Zeitschrift der k.k. Gesellschaft der Ärzte zu Wien erschienen. Im Juli 1856 wies Witlacil in einem Artikel in der Wiener medizinischen Wochenschrift auf den Nutzen statistischer Erhebungen auf dem Gebiet der Medizin hin und prangerte den bisher gepflegten „statistischen Dilettantismus“ an. Zu dessen Abhilfe forderte er die flächendeckende Einführung standardisierter Formulare in den ärztlichen Anstalten und die Errichtung eines eigenen statistischen Büros.[9] Im November 1856 stellte Carl Ludwig Sigmund (1810-1883) – ein Anhänger von Ignaz Semmelweis – in der Gesellschaft der Ärzte in Wien den Antrag zur Bildung eines Komitees für medizinische Statistik, das sich mit der Frage der Bearbeitung und Zusammenführung der an den einzelnen Anstalten vorhandenen statistischen Daten befassen sollte,[10] und dem Witlacil hinzugezogen wurde.[11] Über den im April/Mai 1857 durchgeführten Internationalen statistischen Kongress in Wien, an dem die medizinische Statistik ein Themenblock war, berichtete Witlacil ausführlich.[12]

Nach Beendigung seines Dienstverhältnisses im AKH Wien war er zwischen 1856 und 1871 als Armenarzt in den Wiener Bezirken Josefstadt und als Polizeiarzt in Ottakring,[13] sowie von Juni 1871 bis 1887 als Bezirksarzt in der damaligen Bezirkshauptmannschaft Hernals,[14] und danach zwei Jahre bis 1889/90 in der Bezirkshauptmannschaft Währing tätig. Seit 1859 arbeitete er noch als Gerichtsarzt in Hernals, was sich auch in einigen Artikel zur Gerichtsmedizin niederschlug.[15] Während dieser Jahre beschäftigte er sich sowohl als Polizeiarzt als auch als Publizist mit der Organisation von Maßnahmen zur Hebung der Sanitätspflege[16] und mit den in Wien epidemisch auftretenden Erkrankungen, wie 1852 mit seinen „Bemerkungen zur Frage über die Kontagiosität der Cholera und der epidemischen Krankheiten überhaupt“,[17] oder 1866 über die Cholera-Epidemie in den Vororten Wiens in Ottakring, Hernals und Neulerchenfeld, die er statistisch zu erfassen versuchte und darüber 1867 mehrere Artikel [1. Teil, 2. Teil, 3. Teil, 4. Teil, 5. Teil, 6. Teil, 7. Teil) publizierte.[18] 1872 nahm er am III. Internationalen medizinischen Kongress in Wien teil, wo er zur Frage der Quarantäne bei Cholera-Epidemien referierte.[19] 1879 publizierte er eine Artikelserie zu „Die Abwehr der Pest“.[20]

Witlacils Tätigkeiten in den ärztlichen Standesorganisationen des Doktoren-Kollegiums, der Gesellschaft der Ärzte in Wien, des niederösterreichischen Sanitätsrates und des Vereins niederösterreichischer Ärzte

Witlacil war Zeit seines Berufslebens in hohen Funktionen zahlreicher Standes- und medizinischer Verwaltungsgremien vertreten. Er war Mitglied der Gesellschaft der Ärzte in Wien, zu deren Sekretär er 1851 ernannt worden war.[21] Im selben Jahr erfolgte seine Wahl in den Ausschuss des Doktoren-Kollegiums der Medizinischen Fakultät, dem zu dieser Zeit wichtigsten Vertretungsorgan der Ärzteschaft, dem er in mehreren Funktionen angehörte,[22] darunter auch als Bibliothekar und Bearbeiter des Bibliothekskataloges.[23] Mit seiner 1852[24] ersten und 1868 letztmalig erfolgten Wahl in den Geschäftsrat[25] und 1871 mit seiner Wahl zum Obmann des Geschäftsrates des Doktoren-Kollegiums,[26] war er in den zentralen Fragen der Interessensvertretung der Ärzteschaft sowie der Weiterentwicklung des Sanitätswesens der Habsburgermonarchie involviert. Darunter etwa 1862 bei der Revision des Sanitätsgesetzes.[27] Früh trat er gegen die im September 1849 vollzogenen Trennung zwischen einem Professoren– und einem Doktoren-Collegium auf und für die Wiederherstellung der Einheit zwischen den Professoren und Doktoren-Kollegium ein.[28] 1869 spaltete er das Doktoren-Kollegium und gründete innerhalb diesem den Reformklub,[29] mit dem er eine Reform des Doktoren-Kollegiums zu bewerkstelligen versuchte.[30] 1870 kandidierte er als Vertreter des liberalen Reform-Clubs (1872-1878), einer Abspaltung von jungen Akademikern von der Liberalen Partei, zur Wahl des Obmannes des Doktoren-Kollegiums,[31] nachdem er zuvor in einem offenen Brief die von ihm als „ultrakonservativ“ bezeichnete Ärzteschaft kritisiert hatte. Als Vertreter der Reformgruppe forderte er eine Demokratisierung und Neuorganisation des Kollegiums unter Einbeziehung aller Ärzte Niederösterreichs und Wiens und die Bildung eigener Kollegien in den Kronländern der Habsburgermonarchie mit dem Ziel Fragen der Sanitätsverwaltung durch alle Ärzte vertreten zu lassen. Seine Vorstellungen und seine Kritik am bestehenden System formulierte er in einem Artikel in der Wiener medizinischen Wochenschrift im Jahr 1870.[32] Angesichts seines geringen Erfolges bei seinen Reformvorhaben schlug er 1873 die Gründung einer Ärztekammer für die Habsburgermonarchie und damit eine neue gesetzliche Vertretung der Ärzte vor.[33]

1874 initiierte er den Verein der Ärzte in Niederösterreich, wo er von Beginn bis noch nach seiner Pensionierung 1902 letztmalig zum Präsidenten gewählt wurde.[34] Ebenso war er Gründer des Österreichischen Ärzteverbandes, einer Dachorganisation der zu dieser Zeit bestehenden Ärztevereine.

Witlacil gehörte dem niederösterreichischen Landessanitätsrat seit dessen Gründung im Jahre 1870 an. 1874 erfolgte seine Ernennung zum ordentlichen Mitglied,[35] seit 1880 wurde er regelmäßig zum Vorsitzenden-Stellvertreter gewählt, und noch nach seiner Pensionierung im November 1901 blieb er Mitglied des Rates. In diesem Gremium arbeitete er wesentlich an einer Neuordnung der Sanitätsdienstes in Niederösterreich, Wien und seiner Vororte mit, mit der er eine höhere Zentralisation und einen stärkeren staatlichen Einfluss zu bewirken versuchte.[36] Als Delegierter des Landessanitätsrates wurde er 1883 zur hygienischen Ausstellung nach Berlin, 1891 zum internationalen hygienischen Kongress in London,[37] und 1895 zum Kongress nach Budapest entsandt. Als Funktionär des Landessanitätsrates kritisierte er über Jahrzehnte die hygienischen und sanitären Mängel in der Stadtentwicklung und bemühte sich um den Aufbau einer modernen Sanitätsverwaltung zur Gestaltung einer gerechten und humanitären Großstadt. Dazu forderte er die Übernahme des Sanitätsdienstes in die organisatorische Obhut der Stadt Wien und eine Neuorganisation der Bezirks- und Armenärzte ein, sowie Maßnahmen zu den Folgen der rasanten Industrialisierung Wiens. Bereits 1865 hatte er einen Artikel unter dem Titel „Eine Lebensfrage für Wien“ veröffentlicht, in dem er auf die zunehmende Verschmutzung der Stadt im Zuge der Ansiedlung von Gewerbe und Industrie inmitten der neubebauten Wohnsiedlungen hinwies und strenge städteplanerische Eingriffe forderte.[38] Weiters publizierte er in den 1860er Jahren zu Fragen der Lebensmittelkunde wie der „Lösung der Trichinenfrage“[39] und forderte dementsprechend in seiner Funktion im Doktoren-Kollegium strenge sanitätspolizeiliche Gesetze.[40] In diesem Zusammenhang war er auch im „Comite gegen sanitäts-polizeiliche Gesetzesübertretungen“ vertreten.[41] Er setzte sich für die Modernisierung der Kanalisation Wiens ein, für die Reform und den Ausbau psychiatrischer Anstalten sowie öffentlicher Krankenhäuser, trat für staatliche Pflege- und Erziehungsanstalten ein,[42] und kritisierte die in Wien herrschenden Wohnverhältnisse bedingt durch das Bettgehertum sowie die verfehlte Wohnungspolitik und Mietensteigerungen.[43] In den 1860er Jahren gehörte er der Kommission zur Reorganisierung des Lokal-Sanitätsdienstes in Wien und der Vororte an,[44] 1870 legte er einen weitgehenden Entwurf zu Maßnahmen „Zur Reform des Sanitätsdienstes“ vor,[45] dem 1879 zwei Artikel „Zur Organisation des hauptstädtischen Sanitätsdienstes“ (1. Teil, 2. Teil) in der Wiener Medizinische Wochenschrift[46] folgten, und 1888 formulierte er in einem Artikel seine Vorstellungen zu einer Vereinigung der Vororte Wiens mit der Kommune Wien.[47] 1892 forderte er die Errichtung von zwei voneinander getrennten Ärztekammern für Wien und Niederösterreich, unterbreitete Vorschläge zur Abhilfe der Umweltbelastung durch die Industrie- und Gewerbebetriebe, der Wasserverunreinigung, der Verbesserung der Schulgebäude, der Verbreiterung der engen Gassen, und der Schaffung von Parkanlagen, und der Notwendigkeit einer zentralen Organisation des städtischen Sanitätsdienstes und der Marktaufsicht und er Gesundheitsämter.[48] Ebenso forderte er seit 1888 ein Ministerium für Medizinalangelegenheiten, und damit ein Gesundheitsministerium.[49]

Daneben war Witacil in zahlreichen medizinischen und ärztlichen Gremien aktiv, darunter 1872 im Komitee zur größtmöglichen Verbreitung und der Organisation des Impfwesens,[50] als Mitglied in der 1881 gegründeten Gesellschaft für Gesundheitspflege und 1886 im vorbereitenden Komitee[51] für den 1887 stattfindenden internationalen Kongress für Hygiene und Demographie.[52] 1901 nahm er an dem in Wien tagenden Internationalen Kongress gegen den Alkoholismus teil.[53] Von Beginn an war er auch im 1868 gegründeten Verein Psychiatrische Gesellschaft (Verein für Psychiatrie) aktiv und in die Vereinsgremien gewählt worden.[54] Im Rahmen dieser Tätigkeit verfasste er eine Artikelserie unter dem Titel „Unsere Humanitätsanstalten und die Humanität“, in der er u.a. die Ökonomisierung der medizinischen Versorgung kritisierte (Teil 1 und Teil 2),[55] und publizierte seine Vereinsvorträge wie jenen „Der Selbstmord vom Standpunkte der Psychologie, der pathologischen Anatomie und der Gesetzgebung betrachtet“.[56] Weiters unterstützte er als Mitglied den Unterstützungsverein für mittellose Taubstumme,[57] und beteiligte sich im Komitee „Für die Erziehung und den Unterricht epileptischer Kinder“ zur Errichtung einer Heil- Erziehungs- und Unterrichtsanstalt für epileptische Kinder in Österreich“.[58]

Witlacil als Publizist und Mitbegründer der Wiener medizinischen Wochenschrift

Witlacil war Mitbegründer und Redaktionsmitglied der seit 1851 erscheinenden Wiener medizinischen Wochenschrift, in der er bis zu seinem Tod regelmäßig u.a. im Feuilleton publizierte, und der Zeitschrift Der Militärarzt. 1870 veröffentlichte er in einer achteiligen Artikelserie seine gewonnenen Reiseeindrücke in das osmanische Reich unter dem Titel „Nach Konstantinopel und Brussa“, die er zum Studium der Quarantänemaßnahmen unternommen hatte,[59] über seine zweite Reise in den Orient berichtete er 1872 in der Rubrik „Reisenotizen“,[60] und 1892 eine Arbeit über „Hygienisches aus London“. Weiters publizierte er hier zahlreiche Buchbesprechungen und berichtete Ausführlich über Personalentscheidungen in der Sanitätsverwaltung.

Witlacil als Leiter und Organisator der Wiener Polizeiärzte – 1892-1901

An der Spitze der kommunalen Armen- und Polizeiärzte stehend, forderte Witlacil schon in den 1860er Jahren eine Trennung des ärztlichen Polizeidienstes vom übrigen Sanitätsdienst sowie die Reorganisation des gesamten armen- und polizeilichen Sanitätsdienstes in Wien und der zum Polizeirayon gehörenden Vororte.[61] Im November 1892 erfolgte für ihn – 75-jährig – sein bisher größter Karrieresprung mit der Ernennung zum Polizei-Chefarzt der Polizeidirektion Wien, wofür er sich zuvor beworben hatte,[62] und bis zu seinem 85 Lebensjahr 1901 ausüben sollte. In dieser Funktion nahm er umgehend die Neugestaltung und Neusystematisierung des polizeiärztlichen und kommunalen Sanitätsdienstes in Angriff. Er schuf ein eigenes Sanitätsdepartment innerhalb der Polizeidirektion Wien und einen chefärztlichen Dienst, vor allem kam es zu einer massiven Aufstockung des Personalstandes. Nunmehr standen den Bezirken jeweils mindestens zwei Polizeiärzte zur Verfügung in Wien II sogar sieben, insgesamt 51.[63] 1893 publizierte er über seine einjährige Tätigkeit in dieser Funktion einen Aufsatz in „Das österreichische Sanitätswesen“, in dem er über den chefärztlichen Dienst, über das Gefangenenhaus und den Dienst in den Kommissariaten u.a. berichtete.[64] Hier forderte er für alle Frauen ein gesichertes Arbeitsverhältnis, um die Prostitution nachhaltig zu bekämpfen. In seiner öffentlichen Kritik an den desaströsen Wohnverhältnissen im Wien um 1900, die er auch als Nährboden für den grassierenden Antisemitismus erkannte, bezog er auch Bürgermeister Karl Lueger und die Stadtverwaltung mit ein, die er für die Versäumnisse und Fehlplanungen im Wohnungsbau und der fehlenden Maßnahmen zur Linderung der Wohnungssituation verantwortlich machte. Auch in der unter ihm erfolgten Einführung der „Jahresberichte des Chefarztes der k.k. Polizeidirektion in Wien“, die von ihm redigiert wurden und sich neben der Fülle an statistischen Daten durch die Einbeziehung der Bevölkerungsmeinung kennzeichnete, übte er eine schonungslose Kritik an den mangelhaften sanitären Verhältnissen wie der Straßenreinigung, dem Bauwesen und den schlechten Wohnungsverhältnissen, bis hin zu der von ihm konstatierten Verbreitung der Neurasthenie.

In der Separata-Bibliothek an der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin sind zwei von ihm redigierte Jahresberichte erhalten:

Witlacil Andreas: Aus dem Jahresberichte des Chefarztes der k.k. Polizeidirection in Wien für das Jahr 1899. Sonderdruck aus: Das österreichische Sanitätswesen. Wien: Verlag von Alfred Hölder, k.k. Hof- und Universitäts-Buchhändler 1901.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata-Bibliothek]

Witlacil Andreas: Aus dem Jahresberichte des Chefarztes der k.k. Polizeidirection in Wien für das Jahr 1900. Sonderdruck aus: Das österreichische Sanitätswesen. Wien: Verlag von Alfred Hölder, k.u.k. Hof- und Universitätsbuchhändler 1902.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata-Bibliothek]

Abb. 3    Titelblatt: Witlacil: Aus dem Jahresberichte des Chefarztes der k.k. Polizeidirektion in Wien […]

1901 schied Witlacil, nachdem er um die Versetzung in den Ruhestand erbeten hatte, und nach Genehmigung des Kaisers,[65] 85ig jährig aus dem Personalstand der Polizeidirektion Wien aus. Wenige Monate vor seinem Tod wurde er noch zum Ehrenmitglied der Gesellschaft der Ärzte in Wien ernannt.[66] Er verstarb am 6. August 1905 im 88. Lebensjahr.

Witlacil erhielt 1866 eine Auszeichnung wegen seiner Tätigkeit während der Cholera-Epidemie und 1888 das Ritterkreuz des Franz-Josephs-Ordens. Weitere Auszeichnungen erhielt er 1874 wegen der erfolgreichen Tätigkeit während der Cholera- und Blattern-Epidemie im Jahre 1873,[67] und wegen seiner Tätigkeit während der Schutzpockenimpfung 1874.[68] 1885 wurde er zum Ehrenbürger der Gemeinden Ober-Döbling[69] und 1887 von Nussdorf[70] ernannt. 1897 erhielt er den Titel Regierungsrat. Weiters war er Mitglied der Medizinischen Gesellschaft in Konstantinopel.[71]

Quellen:

Taufbuch, Erzdiözese Wien, St. Ulrich, Buch Nr. 42, Folio 93, Andreas Joseph Witlacil (geb. 12.11.1817).

Trauungsindex, Erzdiözese Wien, Schottenfeld, Folio 35, Witlacil Andreas; Eichinger Maria.

Taufbuch, Erzdiözese Wien, Maria Treu, 1850, Folio 59, Witlacil Amalia (geb. 1.2.1850).

Taufbuch, Erzdiözese Wien, Schottenfeld, 1847, Folio 103, Witlacil Franz (geb. 24.5.1847).

AUW, Med. Fak, Dekanat, Promotionsprotokolle, Sign. 176, Zl. 525, Witlacil Andreas (Promotions- Sponsions-Datum: 1846.03.31).

[1] Wiener Medizinische Wochenschrift. 5.9.1874. Sp. 803-804.

[2] Wiener Zeitung. 9.6.1847. S. 1267.

[3] Witlacil, Andreas: Verhältnissen der handarbeitenden Bevölkerung Wiens. In: Zeitschrift des Vereins für Deutsche Statistik I. Wien 1848. S. 177 ff.

[4] Witlacil, Andreas: Vorschläge zur Verbesserung der Lage der handarbeitenden Bevölkerung Wiens. In: Zeitschrift des Vereins für Deutsche Statistik I. Berlin. H.7. 1848. S. 640-646. [https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=umn.319510022621922&view=1up&seq=12].

[5] Arbeiter Zeitung. 21.7.1898. S. 4.

[6] Witlacil, Anderas: An die gesammten arbeitenden Volksklassen in Wien und der Umgebung, Dr. Witlacil, Garde der akademischen Legion, Stadt, Kumpfgasse Nr. 826. Anton Benko: Wien 1848.

[7] Fenner von Fennenberg (ehemaliger Ober-Kommandant der Wiener Volkswehr) Wiener Oktobertage. Geschildert und mit allen Aktenstücken belegt. Zweiter Theil. Leipzig: Verlagsbureau 1849. S. 42.

[8] Wiener Zeitung. 23.5.1848. S. 417.

[9] Wiener Medizinische Wochenschrift. 5.7.1856. Sp. 441-444.

[10] Wiener Zeitung. 7.11.1856. S. 4.

[11] Wiener Zeitung. 17.12.1856. S. 3738; Wiener Zeitung. 31.5.1857. S. 1582.

[12] Wiener Medizinische Wochenschrift. 5.7.1856. Sp. 651-653.

[13] Wiener Medizinische Wochenschrift. 5.11.1887. Sp. 1481.

[14] Wiener Medizinische Wochenschrift. 1.7.1871. Sp. 640.

[15] Wiener Medizinische Wochenschrift. 12.4.1862. Sp. 231-233; 29.11.1862. S. 759-760.

[16] Wiener Medizinische Wochenschrift. 20.1.1872. Sp. 68.

[17] Wiener Medizinische Wochenschrift. 13.3.1852. Sp. 175.

[18] Wiener Medizinische Wochenschrift. 13.3.1867. Sp. 323-325; 16.3.1867. Sp. 341-343; 20.3.1867. Sp. 356-357; 23.3.1867; Sp 371-373; 27.3.1867; Sp. 388-390; 30.3.1867. Sp. 406-408; 3.4.1867. Sp. 422-424.

[19] Neue Freie Presse. 20.2.1872. S. 6.

[20] Wiener Medizinische Wochenschrift. 19.7.1879. Sp. 793-795; 26.7.1879. Sp. 817-819; 2.8.1879. Sp. 845-847.

[21] Wiener Medizinische Wochenschrift. Nr. 9. 1851. Sp. 171.

[22] Wiener Medizinische Wochenschrift. Nr. 9. 1851. Sp. 619.

[23] Wiener Zeitung. 31.12.1851. S. 3891.

[24] Wiener Medizinische Wochenschrift. 1852. Sp. 791.

[25] Allgemeine Wiener medizinische Zeitung. 15.12.1868. S. 413.

[26] Wiener Medizinische Wochenschrift. 30.12.1871. Sp. 1272.

[27] Allgemeine Wiener medizinische Zeitung. 4.3.1862. S. 84.

[28] Wiener Zeitung, 24.7.1853. S. 1757.

[29] Wiener Medizinische Wochenschrift. 20.3.1869. 1851. Sp. 395.

[30] Wiener Medizinische Wochenschrift. 14.8.1869. Sp. 1098.

[31] Wiener Medizinische Wochenschrift. 8.10.1870. Sp. 1163; 31.12.1870. Sp. 1462.

[32] Wiener Medizinische Wochenschrift. 26.11.1851 Sp. 1339-1342.

[33] Wiener Medizinische Wochenschrift. 28.6.1873. Sp. 630.

[34] Wiener Medizinische Wochenschrift. 4.4.1874. Sp. 283. Nr. 22. 1877. Sp. 544; Allgemeine Wiener medizinische Zeitung. 8.10.1901. S. 470.

[35] Die Presse. 1.1.1874. S. 8

[36] Wiener Medizinische Wochenschrift. 1.7.1871. Sp. 632.

[37] Wiener Medizinische Wochenschrift. 15.8.1891. Sp. 1377-1379.

[38] Wiener Medizinische Wochenschrift. 6.5.1865. Sp. 639-641.

[39] Wiener Medizinische Wochenschrift. 14.2.1866. Sp. 211-214.

[40] Wiener Medizinische Wochenschrift. 18.4.1866. Sp. 497.

[41] Neue Freie Presse. 10.5.1866. S. 4-5.

[42] Die Presse. 19.12.1866. S. 9.

[43] Neue Freie Presse. 3.12.1903. S. 8.

[44] Wiener Medizinische Wochenschrift. 31.7.1869. Sp. 1033.

[45] Wiener Medizinische Wochenschrift. 12.1.1870. Sp. 67-71.

[46] Wiener Medizinische Wochenschrift. 16.8.1879. Sp 893-894; 23.8.1879. Sp. 917-920.

[47] Wiener Medizinische Wochenschrift. 28.4.1888. Sp. 581-584.

[48] Allgemeine Wiener medizinische Zeitung. 26.4.1892. S. 191.

[49] Neues Wiener Tagblatt (Tages-Ausgabe). 30.3.1888. S. 3.

[50] Deutsche Zeitung. 30.7.1872. S. 6.

[51] Wiener Medizinische Wochenschrift. 16.4.1881. Sp. 455.

[52] Wiener Medizinische Wochenschrift. 8.5.1886. Sp. 694.

[53] Neues Wiener Tagblatt (Tages-Ausgabe). 9.4.1901. S. 3.

[54] Wiener Medizinische Wochenschrift. 30.5.1868. Sp. 722; Neue Freie Presse. 28.1.1868. S. 7.

[55] Wiener Medizinische Wochenschrift. 29.8.1868. 1135-1137; 2.9.1868. Sp. 1149-1151.

[56] Wiener Medizinische Wochenschrift. 5.6.1869. 756-758; 9.6.1869. Sp. 774-775.

[57] Wiener Allgemeine Zeitung. 17.4.1888. S. 5.

[58] Wiener Medizinische Wochenschrift. 23.11.1895. Sp. 2044.

[59] Wiener Medizinische Wochenschrift. 30.7.1870. Sp. 909-911. 20.8.1870. Sp. 973-976; 27.8.1870. Sp. 997-998; 10.9.1870. Sp. 1047-1050; 17.9.1870. Sp. 1077-1079; 29.10.1870. Sp. 1235-1238; 14.1.1871. Sp. 39-41; 4.2.1871. Sp. 111-112.

[60] Wiener Medizinische Wochenschrift. 28.9.1872. Sp. 987-990; 5.10.1872. Sp. 1011-1014.

[61] Allgemeine Wiener medizinische Zeitung. 31.8.1869. S. 310.

[62] Wiener Medizinische Wochenschrift. 26.11.1892. Sp. 1862. Allgemeine Wiener medizinische Zeitung. 8.11.1892. S. 519.

[63] Wiener Medizinische Wochenschrift. 9.12.1893. Sp. 2028.

[64] Das österreichische Sanitätswesen. 1893.

[65] Deutsches Volksblatt. 16.11.1901. S. 3. Siehe auch stattdessen Wiener Zeitung. 7.6.1902. Sp. 1130.

[66] Neue Freie Presse (Abendblatt). 8.8.1905. S. 2.

[67] Wiener Medizinische Wochenschrift. 25.4.1874. Sp. 349.

[68] Wiener Zeitung. 14.8.1875. S. 2.

[69] Wiener Medizinische Wochenschrift. 24.1.1885. Sp. 122.

[70] Neue Freie Presse. 8.11.1887. S. 5.

[71] Deutsche Zeitung. 26.2.1874. S. 4.

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [116]: Das Erste öffentliche Kinderkranken-Institut (1788 – 1900 – 1938): Joseph Johann Mastalier – Max Kassowitz – Carl Hochsinger – Sigmund Freud

Das Erste öffentliche Kinderkranken-Institut (1788 – 1900 – 1938): Joseph Johann Mastalier – Max Kassowitz – Carl Hochsinger – Sigmund Freud

Text: Dr. Walter Mentzel

1788 wurde in Wien das erste öffentliche Kinderkranken-Institut und damit auch das älteste Kinderkrankeninstitut in Kontinentaleuropa eröffnete. Als Vorbild diente die 1769 von George Armstrong (1720-1789) in London errichtete aber nur kurzzeitig bestehende Kinderkrankenfürsorgeeinrichtung für verarmte Kinder. Initiiert und umgesetzt wurde diese Einrichtung von dem Wiener Arzt Joseph Johann Mastalier (1757-1793) nach einem von ihm entworfenen Konzept eines Ambulatoriums und bestand zunächst am Standort Wollzeile, Innere Stadt Nr. 842, und nach einer ersten Übersiedlung des Institutes ab 1793 auf dem Neuen Markt Nr. 1096. Mit dieser Institution sollten erstmals Kinder aus den mittellosen und verarmten Bevölkerungsschichten der Vorstädte eine unentgeltliche medizinische Behandlung beziehen und kostenlos Medikamente verabreicht bekommen. Ebenso arbeitete das medizinische Personal – mit Ausnahme des Pflegepersonals – unentgeltlich am Institut.

Abb. 1    Wiener Zeitung. Nr. 53. 1788.

Diese in der Tradition der josephinischen Armenfürsorge stehende Einrichtung finanzierte sich zunächst über Spenden sowie aus den Verkaufseingängen aus der von Mastalier 1787 veröffentlichten Arbeit „Über die beste und natürlichste Art, die Säuglinge zu ernähren“. Nach dem Tod von Mastalier übernahm Leopold Anton Gölis (1764-1827) die Leitung des Institutes. Unter seiner Ägide erhielt das Institut das Öffentlichkeitsrecht zugesprochen und es kam hier erstmals an einer Krankenanstalt zur Durchführung einer öffentlichen Pockenschutzimpfung.

Abb. 2    Wiener Zeitung. 7.5.1796. S. 1324. In: WStLA, Hauptregistratur, A 47 – Department 1 – Stiftungen, Versorgungshäuser, Anstalten, L 21 340.520/1881.

Zwischen 1815 und 1818 erschien von ihm das zweibändige Werk mit dem Titel:

Gölis, Leopold Anton: Praktische Abhandlungen über die vorzüglichen Krankheiten des kindlichen Alters. Bd. 1: Von der hitzigen Gehirnhöhlen-Wassersucht. Bd. 2: Vom inneren chronischen Wasserkopfe und von den verschiedenen Arten des äußeren Wasserkopfes. Wien Gerold 1815-1818.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Josphinische-Bibliothek, Sign.: JB-4086]

Gölis folgten in der leitenden Funktion am Institut Alexander Weiss, Johann Elias Loebisch (1795-1853) und Maximilian Leopold Politzer (1814-1888) nach. Löbisch entwickelte am Institut eine Reihe bedeutender Arbeiten zur Kinderpsychologie, darunter 1811 die „Vorschläge zur Verbesserung der körperlichen Kindererziehung“ und vor allem seine 1854 erschienene Publikation „Die Seele des Kindes in ihrer Entwicklung“, die lange Zeit in Vergessenheit geriet.

Löbisch, Johann Elias: Die Seele des Kindes in ihrer Entwicklung. Zweite Auflage. Wien: Wilhelm Braumüller, k.k. Hofbuchhändler 1854.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 46549]

1882 übernahm Max Kassowitz (1842-1913) die Institutsleitung und im selben Jahr kam es ein letztes Mal zu einer Standortveränderung des Institutes in die Steindlgasse 2/Tuchlauben 9, Innere Stadt. Von ihm stammt eine Instruktionsverordnung für den Direktor des Institutes, die die Aufgabengebiete und das Regelwerk des Institutes beinhalten.

Abb.3   WStLA, Hauptregistratur, A 47 – Department 1 – Stiftungen, Versorgungshäuser, Anstalten, L 21 340.520/1881.

Unter Kassowitz, der bereits seit 1869 als Sekundararzt am Institut beschäftigt war, nahm das Institut einen rasanten Aufschwung, der sich zunächst in der räumlichen Erweiterung des Institutes manifestierte.

Abb. 4    Hochsinger, Carl: Die Geschichte des Ersten Öffentlichen Kinder-Kranken-Institutes in Wien während seines 150jährigen Bestandes 1788-1938. Wien: Verlag des Kinder-Kranken-Institutes 1938.

Im Institut untergebracht waren nunmehr acht Ordinationsräume, ein Operationssaal, ein Laboratorium und ein Hörsaal. Gleichzeitig führte die zunehmende medizinische Spezialisierung zur Erweiterung des Institutes, das nunmehr aus sieben medizinischen Abteilungen bestand: Zwei Abteilungen für innere Krankheiten, zwei für Neurologie, eine chirurgische Abteilung, eine Abteilung für Dermatologie und eine für HNO. Bereits 1894 kamen zwei weitere Abteilungen für innere Erkrankungen hinzu, 1889 wurde die Abteilung für Augenkrankheiten eröffnet, 1905 erfolgte eine Erweiterung durch ein chemisch-mikroskopisches Laboratorium und 1907 kam eine Abteilung für Mund- und Zahnerkrankungen hinzu.

Abb. 5    Hochsinger, Carl: Die Geschichte des Ersten Öffentlichen Kinder-Kranken-Institutes in Wien während seines 150jährigen Bestandes 1788-1938. Wien: Verlag des Kinder-Kranken-Institutes 1938.

Ein wesentlicher Grund für die Expansion des Institutes lag in dem durch den massiven Bevölkerungszuwachs Wiens im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts hervorgerufenen rapiden Anstieg an Patienten von 2910 im Jahr 1879 auf 12.839 1892 und 21.600 im Jahre 1902. Dem gegenüber standen immer geringere finanzielle Mittel zur Bewältigung der medizinischen Aufgaben. 1906 trat Carl Hochsinger (*12.7.1860 Wien), der seit 1883 – Jahr seiner Promotion zum Dr. med. an der Universität Wien – als Assistent von Kassowitz und seit 1889 als Abteilungsleiter am Institut tätig war, die Leitung und 1913 die Direktion des Institutes an. In dieser Funktion stand er dem Institut bis zum „Anschluss“ im März 1938 vor. Hochsinger, der auch 1907 den „Klub der motorisierten Ärzte Österreichs“ (seit 1921 „Ärztliche Kraftfahrvereinigung“) gegründet hatte, wirkte während des Ersten Weltkrieges federführend an der Gestaltung der Aktionen zur Verschickung verarmter Wiener Kinder in das neutrale Ausland mit, so wie er nach dem Ersten Weltkrieg an der Umsetzung verschiedener Kinderhilfsaktionen beteiligt war.

Abb. 6    Hochsinge, Carl: Die Geschichte des Ersten Öffentlichen Kinder-Kranken-Institutes in Wien während seines 150jährigen Bestandes 1788-1938. Wien Verlag des Kinder-Kranken-Institutes 1938.

Unter seiner Leitung wirkte das Institut bis 1938 gemäß den Satzungen als Wohlfahrtseinrichtung, die Kindern aus mittellosen Familien eine unentgeltliche medizinische Behandlung anbot. Wie vor 1918 rekrutierte sich das durch den Weltkrieg und der Nachkriegsinflation stark verminderte Vermögen aus der Spendenbereitschaft verschiedenster privater Personen und Organisationen sowie öffentlicher Einrichtungen.

I. Der Unterstützungsverein: „Verein zur Förderung des Ersten Öffentlichen Kinder-Kranken-Institutes“

Die durch die hohen Krankenfrequenzen anwachsenden Ausgaben und das Ausbleiben eines staatlichen Beitrages machten noch unter der Leitung von Kassowitz im Jahr 1900 die Gründung eines Unterstützungsvereines notwendig, um die Finanzierungsbasis auszuweiten und den Fortbestand des Institutes sicherzustellen. Unter Einbeziehung öffentlich wirksamer Persönlichkeiten aus der Wiener High Society, dem Adel, Bankiers, Industriellen und sogenannten „Damenkomitees“ bestehend u.a. aus Prinz Lothar Metternich-Winneburg und Erzherzogin Maria Josepha (1867-1944) gelang es jene erforderlichen Mittel zum Umbau und zur Erweiterung des Spitales samt der Implementierung einer moderneren Spitalshygiene aufzubringen.


Abb. 7 und 8    Die Statuten des Vereines und des Institutes befinden sich im Wiener Stadt- und Landesarchiv: WStLA, M.Abt. 212 A23 – Ausgeschiedene Krankenanstalten 17/13 – Kinder-Kranken-Institut.

II. Sigmund Freud Wirken an der Abteilung für Nervenerkrankungen am Ersten Öffentlichen Kinder-Kranken-Institutes

Sigmund Freud arbeitete zwischen 1886 und 1896 als Abteilungsvorstand am Institut in der Abteilung für Nervenkrankheiten und verfasste in dieser Zeit zwei Arbeiten. Die Erste gemeinsam mit Oskar Rie (1863-1931):

Freud, Sigmund und Oskar Rie: Klinische Studie über die halbseitige Cerebrallähmung der Kinder. (= Beiträge zur Kinderheilkunde/3) Wien: Verlag von Moritz Perles 1891.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 29079/3]

Abb.: 9   Freud und Rie: Klinische Studien über die halbseitige Celebrallähmung der Kinder. […] Wien: 1891.

Diese an der Zweigbibliothek für Geschichte aufbewahrte Schrift enthält die handschriftlich verfasste Widmung von Sigmund Freud an Prof. Hermann Nothnagel (1841-1905) vom 17. April 1891.

Abb. 10  Widmung von Sigmund Freud

1893 publizierte er die Arbeit:

Freud, Sigmund: Zur Kenntnis der cerebralen Diplegien des Kindesalters. (Im Anschluss an die Little’sche Krankheit. (=Beiträge zur Kinderheilkunde/N.F. 3) Leipzig und Wien: Franz Deuticke 1893.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 29079/N.F.3]

Abb. 11  Freud: Zur Kenntniss der cerebralen Diplegien des Kindesalters. Wien: 1893.

Seine Nachfolger an der neurologischen Abteilung des Institutes waren Artur Schüller, Richard Stern, Julius Zappert und Rudolf Neurath, die alle von den Nationalsozialisten wegen ihrer jüdischen Herkunft ihrer Ämter enthoben, verfolgt und vertrieben wurden. Artur Schüller (1874-1957), Neuroradiologe und Mitarbeiter des Institutes, flüchtete 1938 nach Australien, wo er als Radiologe arbeitete und 1956 in Heidelberg bei Melbourne verstarb. Julius Zappert (1867-1941) war zwischen 1895 und 1903 als Leiter der Nervenordination im I. Öffentlichen Kinderkrankenhaus der unmittelbare Nachfolger von Freud, wirkte zwischen 1903 und 1918 als Vorstand des Mariahilfer Kinderambulatoriums und zwischen 1918 und 1938 als Leiter des neu errichteten Kinderambulatoriums der israelitischen Kultusgemeinde für arme kranke Kinder im Augarten in Wien. Er flüchtete 1938 nach Großbritannien. Rudolf Neurath (1869-1947), Dozent für Kinderheilkunde an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien, gelang die Flucht in die USA. Der Neurologe und Psychiater Richard Stern (1878-1942) wurde am 13.10.1942 im KZ Auschwitz ermordet. Ebenfalls am Institut arbeitete als Assistent der Radiologe Leopold Freund (1868-1943), der ebenso von der NS-Verfolgung betroffen war, wie der am Institut wirkende Kinderarzt Josef Karl Friedjung (1871-1946).

Am Institut wirkten zahlreiche weitere bekannte MedizinerInnen, wie Heinrich Boral, Julius Fürth, Gisela Glück, Guido Goldschmidt, Emil Gottlieb, Otto Halacz, Albert Hammerschlag, Hans Hoff, Max Kahane, Geza Kobler, Emil Rosenthal, Ilse Zimmermann.

III. Forschungen und Schriftenreihe: Beiträge zur Kinderheilkunde aus dem I. öffentlichen Kinderkrankeninstitut in Wien

Unter der Leitung von Max Kassowitz kam es zur Herausgabe einer eigenen Zeitschrift unter dem Titel „Beiträge zur Kinderheilkunde aus dem I. öffentlichen Kinderkrankeninstitut in Wien“, in der bis 1938 die am Institut erbrachten Forschungsleistungen regelmäßig publiziert wurden. Schon zuvor, 1853, hatte Politzer gemeinsam mit dem kaiserlichen Leibarzt Franz Mayr und dem Kinderarzt Schuller das „Jahrbuch für Kinderheilkunde“ ins Leben gerufen, das sich zu einer der renommiertesten wissenschaftlichen Zeitschriften auf diesem Fachgebiet entwickelte.

IV. Die Liquidierung des Institutes und die Vertreibung der MitarbeiterInnen durch die Nationalsozialisten – Festschrift: Hochsinger Carl, Die Geschichte des Ersten Öffentlichen Kinder-Kranken-Institutes in Wien während seines 150jährigen Bestandes 1788-1938. Wien Verlag des Kinder-Kranken-Institutes 1938.

Anlässlich des bevorstehenden Jubiläums zur Feier des 150jährigen Bestandes des Institutes wurde für das Jahr 1938 von Hochsinger eine 48-seitige Festschrift verfasst, die die historische Entwicklung, u.a. die Forschungsleistungen und die Publikationen enthielt. An diese im Selbstverlag des Institutes erschienene Schrift wirkten durch ihre Beiträge auch die beiden Mitarbeiter und Abteilungsvorstände Otto Gersuny und Richard Wagner mit.

Abb. 12  Hochsinger, Carl: Die Geschichte des Ersten Öffentlichen Kinder-Kranken-Institutes in Wien während seines 150jährigen Bestandes 1788-1938. Wien: Verlag des Kinder-Kranken-Institutes 1938.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 10087]

Die Festschrift wurde noch vor dem März 1938 von den Autoren abgefasst, fertiggestellt und vom Verlag gedruckt und ausgeliefert. Ein Exemplar dieser Festschrift befindet sich heute an der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin und stellt ein über die Institutionsgeschichte hinausgehendes Dokument dar. Sie enthält eine von Hochsinger im April 1938 handschriftlich verfasste Widmung mit der er die Festschrift dem Medizinhistoriker Max Neuburger (1868-1955) als Schenkung übergab. Sie lautet: „Herrn Prof. Dr. Neuburger/in besonderer Verehrung der Verf./April 1938

Abb.      13 Widmung von Carl Hochsinger an Max Neuburger

Sowohl Max Neuburger als auch Carl Hochsinger waren zu diesem Zeitpunkt wegen ihrer jüdischen Herkunft von ihren Funktionen an der Universität enthoben und der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ausgesetzt. Max Neuburger gelang die Flucht nach England, Carl Hochsinger wurde am 9. Oktober 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert und am 28. Oktober 1942 ermordet.

V. Jene im März 1938 im Personalstand der Institutes stehende MitarbeiterInnen und ihr Verbleib:

Nach dem „Anschluss“ im März 1938 kam es im 150. Bestandsjahre des Institutes zu dessen Schließung, der darauffolgenden Liquidierung, sowie zur Vertreibung der jüdischen MitarbeiterInnen. Die Festschrift enthält jene MitarbeiterInnen aufgelistet, die sich noch Anfang 1938 im Personalstand befanden und nach den „Anschluss“ im März 1938 wegen ihrer jüdischen Herkunft der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ausgesetzt waren.

I. Vorstand: Carl Hochsinger
Stellvertreter Dr. Richard Wagner
Kassaverwalter Dr. Ernst Duschak

II Abteilungsvorstände:

A. Allg. Ordination:

1. Med. Abt.: Richard Wagner (1887-1974) war ein Schüler Clemens von Pirquet und Professor an der Kinderklinik der Universität Wien. Nach seiner Flucht vor den Nationalsozialisten in die USA und seiner Einbürgerung erhielt er eine Professur für Kinderheilkunde an der Boston University.

2. Med. Abt.: Der am Institut arbeitende Otto Gersuny (1895-1964) flüchtete 1938 in die USA und arbeitete als Kinderarzt in New York.

3. Med. Abt. Dr. Felix Basch (1899-1962) flüchtete im August 1938 in die USA und arbeitete als Arzt zuletzt in Chicago.

B. Spezialabteilungen:

Abteilung Chirurgie:
1. Abteilung: Medizinalrat Emil Schwarzmann (1885-1966) flüchtete in die USA und verstarb 1966 in New Jersey.
2. Abteilung: Withold v. Schey (1891-1959).

Orthopädische Abt.: Der Medizinalrat Ernst Theodor Duschak (1890-1970) flüchtete 1938 in die USA und verstarb 1970 in New York.

Abt. für Augenkrankheiten: Alfred Weintraub (1898-1974) flüchtete 1938 in die USA und lebte zuletzt in New York.

Abt. für Sprachkrankheiten: Der Logopäde und Individualpsychologe und Leiter der phoniatrischen Station am Institut, Leopold Stein (1893-1969), flüchtete 1938 nach England.

Abt. für HNO: Oskar Benesi (1878-1956) war Professor für Oto-Rhino-Laryngologie an der Universität Wien. Er flüchtete in die USA, wo er an der Wayne University in Detroit unterrichtete und am New York City Home for Dependents und am Metropolitan Hospital und am Coler Hopital arbeitete.

Abt. für Nervenkrankheiten: Felix Frisch (1879-1958) gelang die Flucht in die USA, wo er am McKinley Hospital arbeitete. An der daran angegliederten heilpädagogischen Station arbeitete als Leiter Milan Morgenstern (1895-1954), der als Heilpädagoge, Psychologe und Schüler von Siegmund Freud in den 1920er Jahren in Berlin der Beratungsstelle der Internationalen Arbeiterhilfe (IAH) für jugendliche Rechtsbrecher vorstand und Mitbegründer eines Heimes für behinderte Kinder in der Nähe von Berlin war. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten und seiner Verfolgung wegen seiner jüdischen Herkunft floh er 1933 nach Wien und nach dem „Anschluss“ im März 1938 nach Großbritannien.

Abt. für Hautkrankheiten: Der Dermatologe Robert Brandt (1888-1963) flüchtete in die USA, wo er an der University of Cincinnati College of Medicine in Ohio arbeitete.

Abt. für Zahnkrankheiten: Der Universitätsdozent Georg Stein (1891-1963) flüchtete 1938 in die USA.

Abt. für Psychotherapie: Alice Lehndorff (1881-1960) engagierte sich im Verein für Individualpsychologie und leitete bis 1935 gemeinsam mit Erwin O. Krausz und später mit Luna Reich das „Ambulatorium für Psychotherapie“. Sie flüchtete im März 1938 nach England und emigrierte später in die USA.
Röntgenkonsilarius: Dr. Franz Windholz (1897-1950) flüchtete 1938 in die USA und arbeitete an der Stanford Universität, School of Medicine, als Radiologe und war Mitglied des American Board of Radiology.

Abt. Kinderärztliche Fürsorgestelle für Schwangere: Sanel Beer (1886-1981) flüchtete 1939 in die USA und arbeitete als Direktor und Eigentümer des Rivermont Park Hospitals in Miami/Florida, war danach in verschiedenen Spitälern und medizinischen Diensten tätig, zuletzt ab 1958 im ärztlichen Dienst des Yellowstone-Nationalparks in Wyoming.

Quellen:

WStLA, Hauptregistratur, A 47 – Department 1 – Stiftungen, Versorgungshäuser, Anstalten, L 21 340.520/1881.

WStLA, M.Abt. 212 A23 – Ausgeschiedene Krankenanstalten 17/13 – Kinder-Kranken-Institut.

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [113]: Die Büchersammlung „Heilstätte für Lupuskranke in Wien“ aus der Provenienz Eduard Lang und Alfred Jungmann

Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [113]: Die Büchersammlung „Heilstätte für Lupuskranke in Wien“ aus der Provenienz Eduard Lang und Alfred Jungmann

Text: Dr. Walter Mentzel

Zwischen 1904 und 1938 existierte in Wien auf der Basis einer Stiftung und eines Vereines zunächst in unmittelbarer Nähe zum Allgemeinen Krankenhaus und seit 1914 auf dem Areal des Wilhelminenspitals eine der modernsten Heilstätten für Lupuserkrankte in Europa, die auf die Initiative der Mediziner Eduard Lang und seines langjährigen Mitarbeiters Alfred Jungmann zurückging. Damit sollten die vor allem in den ärmeren Bevölkerungsschichten verbreiteten Lupuserkrankungen, die auch massive soziale Ausgrenzungen mit sich brachten, nach den modernsten zur Verfügung stehenden Methoden behandelt werden. Die Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin besitzt jene in diesen Jahren von Lang und Jungmann aufgebaute Büchersammlung, mit den Schwerpunkten Lupus, Dermatologie und Röntgenkunde, sowie die vom Verein und vom Kuratorium der Stiftung „Heilstätte für Lupuserkrankungen“ seit 1904 publizierten Jahresberichte, die in umfangreichen Darstellungen die Gebarungen, die Tätigkeiten der Heilstätte und die hier vollbrachten medizinischen Leistungen dokumentieren.

Abb. 1    Titelblatt: Bericht des Kuratoriums der Stiftung „Heilstätte für Lupuskaranke“. Jg. 1904. Wien: Im Selbstverlage des Kuratoriums 1905.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 2.326]

Abb. 2    Eduard Lang. Aus: Wiener Bilder. 16.7.1916. S. 7.

Eduard Lang wurde am 1.5.1841 in Klacsau/Trencsin in Ungarn (heute Klucove/Slowakei), als Sohn des jüdischen Bauern Adam Lang, geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Pest und dem Studium der Medizin an der Universität Wien (Promotion 1865) arbeitete er zunächst als Praktikant im Krankenhaus Rudolfstiftung und danach als Fabriksarzt in der Spinnerei im Marienthal in Niederösterreich. Zwischen 1868 und 1870 ließ er sich als Operationszögling bei Theodor Billroth (1829-1894) zum Chirurgen ausbilden und habilitierte sich 1871 in den Fächern Chirurgie und Syphilidologie an der Universität Innsbruck. Hier arbeitete er zunächst als Assistenzarzt von Karl Wilhelm Heine (1838-1877) bis zu seiner 1873 erfolgten Ernennung zum a.o. Professor und Vorstand der neugeschaffenen Klinik für Syphilis und Dermatologie. In dieser Zeit verfasste er die ersten Arbeiten zu Lupuserkrankungen. 1887 kehrte er wegen seiner Bestellung zum Primarius an der II. Syphilisabteilung am Allgemeinen Krankenhaus nach Wien zurück und stand dieser bis 1907 als Direktor vor. In diesen Jahren setzte er seine Forschungen auf dem Gebiet der Lupuserkrankungen fort und entwickelte spezielle Methoden der operativ-plastischen Behandlung (operative Entfernung beschädigter Gewebe und Ersatz durch Hauttransplantation), die er seit spätestens 1892/93 erfolgreich anwendete und die ihn zu einem international anerkannten Spezialisten auf diesem Gebiet machten.

Zu seinen engsten und langjährigen Mitarbeitern zählte seit 1900 Alfred Jungmann. Jungmann wurde am 5.4.1872 als Sohn von Moritz Jungmann (1841-1900) und Manuela Melanie (1849-1918), geborene Trebitsch, in Wien geboren. Er war, wie auch seine Ehefrau Valerie (*5.8.1882), geborene Jeiteles, die er 1909 geheiratet, und mit der er gemeinsam die Tochter Elisabeth Rosalie (*21.9.1910 Wien) hatte,[1] jüdischer Herkunft.[2] Jungmann inskribierte 1890 an der Universität Wien Medizin,[3] schloss das Studium 1894 mit dem Rigorosum[4] und 1896 mit seiner Promotion[5] ab, und eröffnete im selben Jahr in Wien 2, Rembrandtstraße 3 eine Arztpraxis.[6] Seit spätestens 1900 arbeitete als Sekundararzt an der Klinik bei Eduard Lang.

Der Verein „Lupusheilstätte“, die Stiftung „Heilstätte für Lupuskranke“ und die Wiener Heilstätte für Lupuskranke

Nachdem Eduard Lang die von ihm entwickelte Operationsmethode am 13. internationalen medizinischen Kongress in Paris 1900 vorgestellt hatte, initiierte er mit Unterstützung von Jungmann eine öffentliche Kampagne zur Errichtung einer eigenen Institution zur Heilung und Erforschung des Lupus,[7] die im Frühjahr 1902 unter dem in Wiener Tageszeitungen veröffentlichten Aufruf „Ein Stück Menschenelend“ ihren Höhepunkt erlangte. In weiterer Folge forcierten beide zur Unterstützung der Aufklärungskampagne die Publikationen populärer und wissenschaftlicher Texte, die ebenfalls in zahlreichen Zeitungen zur Veröffentlichung gelangten.[8] Als Vorbild für das Projekt einer modernen Heilanstalt in Wien diente Lang das von dem Dermatologen und Lupusforscher Niels Ryberg Finsen (1860-1904) errichtete Institut für Lichttherapie in Kopenhagen, dessen neu entwickelte therapeutische Behandlungsmethode des Lichtheilverfahrens durch Bestrahlung er bereits seit 1900 neben seiner operativ-plastischen Behandlungsweise übernommen hatte.

Abb. 3    Bericht des Kuratoriums der Stiftung „Heilstätte für Lupuskranke“. Wien: 1914.

Zur Sicherstellung der für die Finanzierung eines eigenen Behandlungszentrums sowie der kostenintensiven Bestrahlungstherapie notwendigen Mittel, versuchte Lang einflussreiche Behördenvertreter, den Hochadel und Mitglieder der österreichischen High Society zur Unterstützung seines Vorhabens zu gewinnen. Seiner Anregung nach kam es 1902 unter dem Protektorat des Erzherzoges Otto von Habsburg (1865-1906) und der Leitung des Fürsten Max Egon Fürstenberg (1863-1941) zur Errichtung eines Organisationskomitees, das eine Stiftung zur Verwaltung der künftig zu erwartenden privaten Spendenmittel vorbereiten und Pläne zur Errichtung einer neuen Behandlungsstätte ausarbeiten sollte. Nachdem sich im Jänner 1904 die Stiftung „Heilstätte für Lupuskranke“ gebildet hatte und die ersten finanziellen Beiträge durch Spenden des Kaisers Franz Joseph und der Mitglieder des Kaiserhauses zur Verfügung standen, konstituierte sich in der Gesellschaft der Ärzte in Wien am 6.3.1904 unter der Präsidentschaft von Ritter Karl von Leth (1861-1930) der Verein „Lupusheilstätte“.[9] Mit Hilfe des Vereines sollten – neben der Errichtung einer Krankenanstalt und einer wissenschaftlichen Forschungsstätte – vor allem eine unentgeltliche oder gegen Entgegennahme einer geringfügigen Vergütung die medizinische Behandlung breiten Bevölkerungsschichten zugänglich gemacht werden. Im Oktober 1904 ermöglichte das private Spendenaufkommen zunächst die provisorische Errichtung einer ambulanten Heilanstalt für Lupuskranke als Filiale des Allgemeinen Krankenhauses in Wien 18, Czermakgasse 2 (heute: Leo-Slezak-Gasse). Wenige Jahre später übersiedelte die Heilanstalt in die Borschkegasse, während eine Dependance in der Spitalgasse als Versorgungsheim diente.[10] 1905 kam es zu einem Übereinkommen zwischen der Direktion der Heilstätte und des Verbandes der Genossenschaftskrankenkassen und der Allgemeinen Arbeiterkranken- und Unterstützungskasse in Wien, dass eine Kostenübernahme der Licht-Behandlungsmethode sicherstellte und damit die von Eduard Lang eingeforderte soziale Dimension des Projektes verwirklichte.[11]

Abb. 4    WStLA, M.Abt. 213 A4, Nr. 42, Krankenanstalten: aufgelassene Lupus-Heilstätte.

Abb. 5    Alexander, Syphilis und Auge. Nach eigenen Beobachtungen, Wiesbaden 1888.

Als Vorstand und Primararzt an der Heilstätte fungierten Eduard Lang und als dessen Assistenzarzt, und seit 1911 als Primararzt zweiter Klasse, Alfred Jungmann.

Abb. 6    Aus: Finsen Niels R., Die Bekämpfung des Lupus Vulgaris, Kopenhagen 1902.

1908 erfolgte durch den Verein und der Stiftung der Beschluss zu einem Neubau der Heilstätte samt eines daran angeschlossenen Heimes für Lupuskranke auf dem Baugrund des Wilhelminenspitals in einem Ausmaß von 15.000 m², wozu der Verein auch einen Teil des Grundstückes erwarb.[12] Mit dem nunmehr unter dem Protektorat der Erzherzogin Maria Josefa (1867-1944) stehenden, von der Stiftung „Heilstätte für Lupuskranke“ geförderten und vom Architekten Otto Wagner (1841-1918) entworfenen Bauprojekt wurde im Juli 1908 begonnen. Die Fertigstellung und Eröffnung dieser zu dieser Zeit in Europa größten und mit Wohnräumen für ÄrzteInnen und Pflegepersonal samt modernsten Forschungs-Laboratorien ausgestatteten Heilanstalt für Lupuskranke erfolgte im Frühjahr 1914.[13]

Abb. 7    Bericht des Kuratoriums der Stiftung „Heilstätte für Lupuskranke“ Jahrgang 1910, Wien 1912.

Abb. 8    Bericht des Kuratoriums der Stiftung „Heilstätte für Lupuskranke“ Jahrgang 1910, Wien 1912.

Abb. 9    Bericht des Kuratoriums der Stiftung „Heilstätte für Lupuskranke“ Jahrgang 1910, Wien 1912.

Abb. 10 Bericht des Kuratoriums der Stiftung „Heilstätte für Lupuskaranke“. Jg. 1904. Wien: Im Selbstverlage des Kuratoriums 1905.

Abb. 11  XI. Jahresbericht des Vereines „Lupusheilstätte“ erstattet in der am 30. April 1916 abgehaltenen ordentlichen Generalversammlung, Wien 1916.

Alfred Jungmann verstarb, nachdem er im Juli 1914 als Militärarzt zum Kriegsdienst eingezogen worden war, am 15.8.1914 während seiner Rückreise nach Wien in Fünfkirchen (Pecs), an einer Fleischvergiftung.[14] Die Ehefrau von Alfred Jungmann, Valerie, war nach dem „Anschluss“ im März 1938 der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ausgesetzt und lebte bis zu ihrer Deportation in einer Sammelwohnung in Wien 3, Ungargasse 15/5. Sie wurde am 28.11.1941 von Wien nach Minsk deportiert und 1944 ermordet.[15] Die gemeinsame Tochter Elisabeth Rosalie Jungmann gelang die Flucht vor den Nationalsozialisten nach England. Sie verstarb im Juli 1991 in Leeds/Yorkshire. Von Jungmann befinden sich in der Büchersammlung „Heilstätte für Lupuskranke“ Bücher mit dem Exlibris von Alfred und Valeria Jungmann.

Abb. 12  Exlibris Alfred und Valerie Jungmann

Eduard Lang verstarb am 19.6.1916 in Reichenau an der Rax in Niederösterreich. Kurz nach dem Tod von Jungmann kam es zur Errichtung des Dr. Alfred Jungmann-Fonds und noch im Todesjahr von Eduard Lang zur Bildung des Eduard-Lang Fonds[16], um die Weiterfinanzierung der Lupusheilstätte zu sichern. Im September 1918 wurde in Wien Ottakring die an der Heilstätte angrenzende und nach Niels Ryberg Finsen benannte Straße in Eduard Lang Gasse unbenannt und im Dezember 1938 erfolgte die bis heute gültige Umbenennung in Steinlegasse. Die Stiftung und der Verein samt deren Vermögen wurden nach dem „Anschluss“ im März 1938 von den Nationalsozialisten zusammen mit dem Krankenanstaltsfonds in das Eigentum der Stadt Wien eingewiesen. Nach 1945 wurde der Verein nach dem Vereinsgesetz nicht mehr reaktiviert und der Gebäudekomplex der Lupusheilstätte einschließlich des Heimes von der Stadt Wien bis zum Jahr 1952 für die stationäre und ambulante Behandlung von Lupusfällen verwendet. Danach kam es zur Verlegung der dermatologischen Abteilung des Wilhelminenspitals an den Standort der ehemaligen Lupusheilstätte.

Abb. 13  Exlibris Eduard Lang

Abb.      14 Exlibris Eduard Lang

Neben den in der Büchersammlung enthaltenen Arbeiten von Eduard Lang und Alfred Jungmann befinden sich von ihnen noch zahlreiche Publikationen im Bestand der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin. Darunter als Auswahl:

Lang, Eduard: Vorlesung über Pathologie und Therapie der Syphilis. Wiesbaden: Bergmann 1884-1886.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 5.178]

Lang, Eduard: Das venerische Geschwür. Vorlesung über dessen Pathologie und Therapie. Wiesbaden: Bergmann 1887.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 2.013/2]

Lang, Eduard: Prophylaxe und Therapie der Syphilis. In zwölf Vorlesungen. Wiesbaden: Bergmann 1896.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 67.622]

Lang, Eduard: Der venerische Katarrh. Vorlesungen über dessen Pathologie und Therapie. Wiesbaden: Bergmann 1893.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Gesellschaft der Ärzte Bibliothek, Sign.: GÄ-21.050]

Lang, Eduard: Therapeutik für venerische und Hautkranke. Aus der Abteilung des Eduard Lang. Wien: Safar 1899.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 64.368]

Lang, Eduard: Über Einrichtung von Heilstätten, die zur Bekämpfung des Lupus, einer chronischen Hauttuberkulose, dienen. Sonderabdruck aus: Neues Wiener Tagblatt (Mai 1910). Wien: Selbstverlag 1910.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 13.471]

Mitteilungen aus der Wiener Heilstätte für Lupuskranke. Folge 1. Hrsg.: Eduard Lang. Wien: Safar 1907.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 8.728]

Foges, Arthur und Alfred Jungmann: Lichtbehandlung aus rektalem und vaginalem Wege. Sonderabdruck aus: Wiener klinische Wochenschrift. Nr. 47. Jg. 1909. Wien, Leipzig: Braumüller 1909.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 13.911]

Jungmann, Alfred: Die Wiener Heilstätte für Lupuskranke. Für Freunde und Gegner. Wien, Leipzig: Safar 1911.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 4.021]

Jungmann, Alfred: Ärztlicher Bericht aus der Heilstätte für Lupuskranke. Braumüller: Wien, Leipzig: Braumüller 1911.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 2.372]

Jungmann, Alfred: Die Bekämpfung der Hauttuberkulose. Sonderabdruck aus: Die Schule als Verbündete im im Kampfe gegen den Lupus. Wien: 1914.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 13.447]

Quellen:

ÖStA/AdR, E-uReang, Hilfsfonds, Abgeltungsfonds, Zl. 5.092 und Zl. 5.093, Jungmann Valerie: Antragstellerin Jungmann Elisabeth Rosalia.

ÖStA/AdR, E-uReang, FLD, Zl. 17.897, Jungmann Elisabeth.

ÖStA/AdR, E-uReang, VVSt, VA, 18.774, Jungmann Valerie.

ÖStA/AdR, E-uReang, VVSt, VA, 19.409, Jungmann Elisabeth Rosalia.

WStLA, VEAV, MA 119.A41, Zl. 172, Zl. 408, Zl. 409, Zl. 458, Bezirk: 10, Jungmann Elisabeth.

Österreichisches Sanitätswesen. 1905.

Bericht des Kuratoriums der Stiftung „Heilstätte für Lupuskaranke“. Jg. 1904. Wien: Im Selbstverlage des Kuratoriums 1905.

Bericht des Kuratoriums der Stiftung „Heilstätte für Lupuskranke“ Jahrgang 1910, Wien 1912.

Bericht des Kuratoriums der Stiftung „Heilstätte für Lupuskranke“. Wien: 1914.

  1. Jahresbericht des Vereines „Lupusheilstätte“ erstattet in der am 30. April 1916 abgehaltenen ordentlichen Generalversammlung, Wien 1916.

Lang, Eduard: Entwicklung und Stand der Wiener Organisation zur Bekämpfung des Lupus. In: Neue Freie Presse. 14.5.1914. S. 23-24.

Jungmann, Alfred: Ärztlicher Bericht aus der Heilstätte für Lupuskranke. In: Wiener Medizinische Wochenschrift. Nr. 25. 1912. Sp. 1713.

Gegen die fressende Flechte. Ein Gang durch die neue Wiener Lupusheilstätte. In: Arbeiter-Zeitung. 29.5.1914. S. 6.

Holubar, Karl: Eduard Lang und die Anfänge der operativen Dermatologie in Österreich. In: Zeitschrift Hautkrankheiten. 66 (Supplement 3). 1991. S. 13-15.

[1] IKG Wien, Geburtenbuch 1910, Jungmann Elisabeth Rosalie.

[2] IKG Wien, Trauungsbuch 1909, Jungmann Alfred, Jeitels Valerie.

[3] UAW, Med. Fak., Dekanat, Nationalien/Studienkataloge, Sign. 134, Zl. 386-1890/91, Jungmann Alfred.

[4] UAW, Med. Fak., Dekanat, Nationalien/Studienkataloge, Sign. 134, Zl. 466-1894/95, Jungmann Alfred.

UAW, Med. Fak., Dekanat, Rigorosenprotokoll, Sign. 177, Zl. 173b Jungmann Alfred (Rigorosen Datum 1894).

[5] UAW, Med. Fak., Dekanat, Promotionsprotokoll, Sign. 188, Zl. 567, Jungmann Alfred.

[6] Wiener Medizinische Wochenschrift. Nr. 43. 1896. Sp. 1879.

[7] Pharmaceutische Post. 20.3.1904. S. 174.

[8] Die Heilung der fressenden Flechte (Lupus). Neue Freie Presse. 6.3.1902. Stiftung Heilstätte für Lupuskranke, Neue Freie Presse. 10.4.1902. Die Heilstätte für Lupuskranke und die Lupusbehandlung, Wiener klinische Rundschau. Nr. 18. 1903. Die Heilstätte für Lupuskranke in Wien. Wiener klinische Wochenschrift. Nr. 38. 1904).

[9] Zur Stiftung und den Vereinsstatuten der Lupus-Heilstätte. WStLA, M.Abt. 213 A4, Nr. 42, Krankenanstalten: aufgelassene – Lupus-Heilstätte. Weiters: NÖLA, Statthalterei, Zl. VIII-Zl. 3068/26 vom 13.12.1904.

[10] Pharmaceutische Post. 12.2.1905. S. 105. Arbeiter Zeitung. 27.7.1908. S. 3.

[11] Arbeiter Zeitung. 5.6.1905. S. 2.

[12] Internationale klinische Rundschau. Nr. 29. 1908. S. 467.

[13] Wiener Bilder. 19.7.1914. S. 6.

[14] IKG Wien-Friedhofsdatenbank: Jungmann Alfred.

[15] DÖW, Jungmann Valerie.

[16] Neue Freie Presse. 31.10.1918. S. 10.

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [87]: Mediziner in der Revolution 1848: Nikodem Betkowski

Mediziner in der Revolution 1848: Nikodem Betkowski (1812-1864)

Text: Dr. Walter Mentzel

Nikodem Felicjan Betkowski wurde als Sohn von Johann Betkowski und Franziska Baranowska am 27. September 1812 in Lisia Góra bei Tarnów/Galizien (heute: Polen) geboren. Seine Familie zählte zu den ältesten polnischen Adelsgeschlechtern. Er studierte nach dem Besuch des Gymnasiums in Bochnia/Galizien ab 1832 in Wien Philosophie und Medizin bei Joseph Berres (1796-1844), Joseph von Wattmann (1789-1866), Anton von Rosas (1791-1855) und Carl von Rokitansky (1804-1878) und schloss sich der polnischen Studentenorganisation „Zwiazek pamiatkowo-narodowy“, der 1837 in Galizien gegründeten Untergrundorganisationen „Młoda Sarmacja“ (Junges Sarmatien) und „Stowarzyszenie Polskiej Demokracji“ (Verein der Polnischen Demokraten) an. Wegen seines politischen Engagements wurde er 1836 für vier Monate und danach für weitere fünf Monate inhaftiert.

Während seines Studiums beteiligte er sich als Übersetzer einzelner Artikel in die polnische Sprache für die von Antal Masch (1809-1884) publizierten Arbeit:

Masch, Antal: Polyglotton Medicum, eine Anleitung zur Verständigung des Arztes mit dem Kranken in sechs Sprachen, mit Rücksicht auf die Hauptsprache der Völker des österreichischen Kaiserstaates, Deutsch, Böhmisch, Polnisch, Ungarisch, Italienisch, Französisch, enthaltend: eine systematische Zusammenstellung von Fragen, Antworten und anderen kurzen Aeußerungen nach den Forderungen der Diagnose, Prognose und Therapie. Wien: Druck und Verlag J. P. Sollinger 1839.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Josephinische Bibliothek, Sign.: JB-5539]

Abb. 1    Titelblatt: Masch: Polyglotton Medicum […]. Wien: 1839.

Das Studium an der Universität Wien schloss er schließlich 1841 mit der Promotion (25.5.1841)[1] zum Doktor der Medizin und Chirurgie und danach mit dem Magister der Geburtshilfe ab. Thema und Titel seiner Dissertation war:

Betkowski, Nikodem: Historia Medicinae In Inclytis Poloniae Terris, Ab Antiques Temporibus Usque Ad Annum 1622. Dissertatio Inauguralis. Vindobonae: Typis Caroli Ueberreuter 1841.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Historische Dissertations-Bibliothek, Sign.: D-2086]

Das Exemplar in der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin enthält auf der Frontispizseite eine Widmung an Dr. Ernest Joseph Schneller: „Collegae aestumatissimo suo/Dri. Schneller, Ernesto Josepho/in perennem sui memoriam/offert Auctor.“ – Joseph von Schneller (1814-1885) war ein Studienkollege von Betkowski. Er promovierte 1840 zum Doktor der Medizin und 1841 zum Doktor der Chirurgie. Ab 1841 war er Mitglied des Wiener Doctoren Collegiums. Von Schneller wurde 1870 in den Obersten Sanitätsrat berufen und gilt als Wegbereiter für den Ausbau eines modernen öffentlichen Gesundheits- bzw. Sanitätswesens.

Abb. 2    Titelblatt: Betkowski: Historia Medicinae In Inclytis Poloniae Terris […]. Wien: 1841.

Nach dem Abschluss seines Studiums kehrte er nach Bochnia zurück, praktizierte zunächst als Arzt und wurde wegen der Verwicklung in einen Hochverratsprozess drei Jahre als politischer Gefangener in Untersuchungshaft festgehalten. Nach seiner Entlassung 1845 übersiedelte er nach Wieliczka/Galizien und arbeitete ab 1846 als Gerichtsmediziner.

Im Revolutionsjahr 1848 war er Mitglied und Abgeordneter des ersten konstituierenden österreichischen Reichstages in Wien und Kremsier,[2] wo er zur Partei der polnischen Föderalisten zählte. Nach der Niederschlagung der Revolution kam es gegen ihn zur Einleitung eines Strafverfahrens, das erst 1853 eingestellt wurde.

Zwischen 1852 und 1853 veröffentlichte er ein Lehrbuch in zwei Teilen über pathologische Anatomie (Patalogiczna Anatomia, Krakau 1852, 1853), die erste in polnischer Sprache verfasste Arbeit in diesem Fach, und übersetze medizinische Texte aus dem Deutschen ins Polnische.

Der Antrag der Medizinischen Fakultät Krakau zur Berufung Betkowski auf den 1850 gegründeten Lehrstuhl der pathologischen Anatomie wurde seitens des Ministeriums in Wien wegen seiner Beteiligung an der Unabhängigkeitsbewegung abgelehnt. Seit 1855 lebte Betkowski in Wieliczka, wo er als Kreisarzt arbeitete.

Betkowski publizierte in der Wiener medizinischen Wochenschrift 1860 und 1862 eine Artikelserie unter dem Titel „Flüchtige medizinische Skizzen aus Galizien“.

Betkowski, Nikodem: Flüchtige medizinische Skizzen aus Galizien: In: Wiener medizinische Wochenschrift. (10 und 12) 1860 und 1862. Sp. 539-540, 644-645, 661-662, 692-694, 756-758,774 und Sp. 187-188, 203-206, 220-222, 237-238.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: Z-10002/10 und 12]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8545052

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8545053

Abb. 3    Betkowski: Flüchtige medizinische Skizzen aus Galizien. In: Wiener Medizinische Wochenschrift. (10) 1860. Sp. 539-549.

Betkowski war Mitglied der Gesellschaft der Ärzte in Warschau, des Doctoren-Kollegiums in Warschau, der gelehrten Gesellschaft in Krakau und der kaiserlichen Gesellschaft der Ärzte in Wilna.[3]

1861 wurde Betkowski für den Wahlkreis Wieliczka zum Abgeordneten für den Galizischen Landtag gewählt, von dem er für das Kronland Galizien zum zweiten Mal in das Abgeordnetenhaus des österreichischen Reichsrates delegiert wurde und dem er bis zu seinem Tode als Mitglied angehörte. Betkowski verstarb am 19. Oktober 1864 in Wieliczka in Galizien.

Quellen:

Archiv der Universität Wien, Med. Fak., Dekanat, Rigorosen- und Promotionsprotokolle, Nr. 176-62 (Nikodem Betkowski).

Der Reichsrath. Biographische Skizzen der Mitglieder des Herren- und Abgeordnetenhauses des österreichischen Reichsrathes. (2 Bd.) Wien: 1861-1862.

Slavische Blätter. Illustrierte Zeitschrift für die Gesammtinteressen des Slaventhums (Hrsg. von Abel Luksic). Wien: 1865. S. 30-32

[1] Archiv der Universität Wien, Med. Fak., Dekanat, Rigorosen- und Promotionsprotokolle, Nr. 176-62 (Nikodem Betkowski).

[2] Wiener Zeitung, 20.10.1848, S. 2.

[3] Der Reichsrath. Biographische Skizzen der Mitglieder des Herren- und Abgeordnetenhauses des österreichischen Reichsrathes. (2 Bd.) Wien: 1861-1862.

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [85]: Mediziner in der Revolution 1848: Moritz Kálazdy (Kaufmann)

Mediziner in der Revolution 1848: Moritz Kálazdy (Kaufmann)

Text: Walter Mentzel

Moritz Kálazdy (auch Kálozdy) (sein ursprünglicher Name lautete Kaufmann) wurde zirka 1819 in Tata (dt.: Totis) in Ungarn geboren. Sein Lebenslauf ist über weite Strecken unbekannt und nur lückenhaft nachzuzeichnen. Kálazdy studierte an der Universität Wien Medizin und promovierte am 6. August 1847 zum Dr. der Medizin.[1] Von ihm besitzt die Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin seine approbierte Dissertation:

Kálazdy, Mauritius: Dissertatio inauguralis medica de balsamisatione quam consensu et auctoritate illustrissimi ac magnifici domini praesidis et directoris perillustris ac spectabilis domini decani nec non clarissimorum ac celeberrimorum d..d. professorum pro doctoris medicinae laurea rite obtinenda in antiquissima ac celeberrima universitate vindobonensis. Vindobonae: Typis Caroli Ueberreuter 1847.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Historische Dissertations-Bibliothek, Sign.: D-2924]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8418405&pos=0&phys=

Kálazdy war Mitarbeiter und Journalist in der von Journalisten und Chefredakteur Leopold Häfner gegründeten und bis Oktober 1848 erscheinenden radikal-demokratischen Zeitung „Die Constitution“ (= Tagblatt für Demokratie und Volksbelehrung). Hafner und seine Mitstreiter versuchten während der Revolution besonders die Verbindung zur Arbeiterschaft in den Vorstädten Wiens herzustellen. Sie riefen am 18. Mai 1848 in Wien die Republik aus und schlugen Kálazdy zum künftigen Unterrichtsminister vor. Kálazdy, der für die Unabhängigkeit Ungarns eintrat, war 1848 Mitglied des Sicherheitsausschusses der Stadt Wien[2] und der 6. Kompanie des „Mediziner-Corps“,[3] und gehörte als Stabsarzt Arzt während des ungarischen Unabhängigkeitsaufstand seit dem März 1849 dem Regiment von Lajos Kossuth (1802-1894) an. Kálazdy übersetzte die Rede von Lajos Kossuth, in der dieser am 3. März 1848 im Landtag in Pressburg die konstitutionelle Umwandlung der Monarchie und eine Verfassung für alle österreichischen Länder forderte, in die deutsche Sprache, worauf sie am 13. März 1848 im Hofe des niederösterreichischen Landhauses in Wien verlesen wurde.[4]

Nach der Niederschlagung der Revolution flüchtete Kálazdy 1849 in das osmanische Reich, wo er in Aleppo und in Beirut als Arzt im türkischen Dienst tätig war.[5] Seit den 1850er Jahren arbeitete er bis zu seinem Tod als Arzt im Allgemeinen Krankenhaus in Gyöngyös.[6]

Kálazdy verstarb im April 1875 in Gyöngyös in Ungarn.[7]

Quellen:

Archiv der Universität Wien, Med. Fak., Dekanat, Rigorosen- und Promotionsprotokolle, Nr. 176-635, Kálazdy Moritz (1847.08.06).

Fischer, Isidor: Wiens Mediziner und die Freiheitsbewegung des Jahres 1848. (= Wiener medizingeschichtliche Beiträge 1) Wien: 1935.

Kertbeny Karoly Maria, Alphabetische Namensliste ungarischer Emigration 1848-1864 (Mit Einschluss der außerhalb Ungarns Internierten). Samt vorläufigen biografischen Andeutungen in Abreviaturen. Brüssel-Leipzig 1864.

Reschauer Heinrich, Das Jahr 1848: Geschichte d. Wiener Revolution, Bd. 1, Wien 1876, S. 191.

[1] Archiv der Universität Wien, Med. Fak., Dekanat, Rigorosen- und Promotionsprotokolle, Nr. 176-635, Kalazdy Moritz (1847.08.06).

[2] Wiener Zeitung, 16.6.1848, S. 2.

[3] Fischer, Isidor: Wiens Mediziner und die Freiheitsbewegung des Jahres 1848. (= Wiener medizingeschichtliche Beiträge 1) Wien: 1935.

[4] Reschauer Heinrich, Das Jahr 1848: Geschichte d. Wiener Revolution, Bd. 1, Wien 1876, S. 191.

[5] Kertbeny Karoly Maria, Alphabetische Namensliste ungarischer Emigration 1848-1864 (Mit Einschluss der außerhalb Ungarns Internierten). Samt vorläufigen biografischen Andeutungen in Abreviaturen. Brüssel-Leipzig 1864.

[6] Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 9, 1864, Sp. 143-144.

[7] Wiener Medizinische Wochenschrift, Nr. 1, 1867, Sp. 18.

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