Schlagwort-Archive: 1938

Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [88]: Brücke-Teleky, Dora: Tertoider Tumor der weiblichen Harnblase. Sonderabdruck aus: Archiv für klinische Chirurgie (97/2). Berlin. 1912.

Brücke-Teleky, Dora: Tertoider Tumor der weiblichen Harnblase. Sonderabdruck aus: Archiv für klinische Chirurgie (97/2). Berlin: Verlag von August Hirschwald 1912.


[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek, Sign.: Separata-Bibliothek-Teleky-001]

Text: Harald Albrecht, BA

Abb. 1    Dora Brücke-Teleky

Dora Brücke-Teleky (5.7.1879 Hinterbrühl/Niederösterreich, gest. 19.04.1963 Stäfa/Kanton Zürich) stammte aus der Wiener jüdischen Ärztefamilie Teleky. Ihr Vater war der Allgemeinmediziner Hermann Teleky (1837-1921), ihr Bruder, Ludwig Teleky (1872-1957), der aufgrund seiner jüdischen Herkunft vor den Nationalsozialisten in die USA fliehen musste, gilt als Pionier der Arbeits- und Sozialmedizin. Nach dem Besuch eines privaten Mädchen-Gymnasiums legte sie 1899 „als externer Prüfling ihre Maturaprüfung am Akademischen Gymnasium in Wien ab […].“[1] Da Frauen in Österreich seit 1897 lediglich an den philosophischen Fakultäten studieren durften, inskribierte sie 1899 zunächst an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien, richtete ihren Stundenplan aber stark auf ein Medizinstudium aus, so belegte sie etwa „Kurse wie Allgemeine Chemie, Anatomie des Menschen und Demonstrationsübungen im Seziersaal“[2]. Sie gehörte zu den frühen AnhängerInnen Siegmund Freuds und zählte zu den ersten HörerInnen seiner Vorlesungen. Als mit Wintersemester 1900/1901 die medizinischen Fakultäten in Österreich auch für Frauen geöffnet wurden wechselte sie ihr Studienfach und studierte Medizin an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien sowie in Straßburg. Sie wurde am 21. Dezember 1904 in Wien im Fach Medizin promoviert.

Im Anschluss an ihr Medizinstudium setzte Dora Brücke-Teleky ihre medizinische Ausbildung im Pathologisch-Anatomischen Institut unter Anton Weichselbaum (1845-1920) des Wiener Allgemeinen Krankenhauses als Aspirantin und Sekundarärztin fort. Danach war sie bis 1907 unter Anton von Eiselsberg (1860-1939) Operationszögling an der I. Chirurgischen Universitätsklinik. Von 1907 bis 1911 ließ sie sich an der II. Frauenklinik von Rudolf Chrobak (1843-1910), Alfons von Rosthorn (1857-1909) und Ernst Wertheim (1864-1920) zur Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe ausbilden. „Bis zum Anschluss Österreichs 1938, als die deutsche Reichsärzteverordnung übernommen wurde, gab es keine Verordnung zur Facharztausbildung. Jeder, der sich für qualifiziert hielt, konnte sich Facharzt nennen.“[3] Ihre urologische Ausbildung absolvierte Dora Brücke-Teleky von 1912 bis 1914 am Wiener Rothschild-Spital als Volontärin in der chirurgisch-urologischen Abteilung bei Otto Zuckerkandl (1861-1921), dem Bruder des Anatomen und Anthropologen Emil Zuckerkandl (1849-1910). Otto Zuckerkandl war Gründer der „Wiener Urologischen Gesellschaft“. Aus dieser Zeit stammen mehrere ihrer Publikationen zu urologischen Themen, darunter:

Brücke-Teleky, Dora: Tertoider Tumor der weiblichen Harnblase. Sonderabdruck aus: Archiv für klinische Chirurgie (97/2). Berlin: Verlag von August Hirschwald 1912.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek, Sign.: Separata-Bibliothek-Teleky-001]

Abb. 2    Titelblatt: Brücke-Teleky: Teratoider Tumor der weiblichen Harnblase. Berlin: 1912.

Abb. 3    Tafeln: Brücke-Teleky: Teratoider Tumor der weiblichen Harnblase. Berlin: 1912.

Diesen 1912 publizierten Text stellte sie bereits auf dem 3. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie in Wien im September 1911 vor. „Das Thema ihres Vortrags spiegelt ihre urogynäkologische Ausrichtung wider.“[4] Am Umschlag dieses Exemplars der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin befindet sich eine handschriftliche Widmung von Dora Brücke-Teleky an den österreichischen Pathologen Jakob Erdheim (1874-1937), den sie aus ihrer Zeit am Pathologisch-Anatomischen Institut bei Anton Weichselbaum kannte, mit folgendem Text: „Herrn Assist. Dr. J. Erdheim/mit vielmaligem Dank/und besten Grüßen/hochachtungsvoll überreicht/Wien, Februar 1912/d. Verf.“

Abb. 4    Widmung an Jakob Erdheim: Brücke-Teleky: Teratoider Tumor der weiblichen Harnblase. Berlin: 1912.

1920 eröffnete Dora Brücke-Teleky in Wien ihre eigene Praxis für Gynäkologie und Geburtshilfe. Daneben war sie von 1910 bis 1934 die erste Wiener Schulärztin für vier gewerbliche Fortbildungsschulen für Mädchen. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg bis in die 1930er Jahre hinein hielt sie als Ärztin auch Vorträge in sozialdemokratischen Organisationen in Wien zu frauenspezifischen Themen wie der Organisation eines staatlichen Mutterschutzes,[5] der „Körperkultur der Frau“,[6] oder zu Fragen der Verhütung der Schwangerschaft.[7] Seit 1923 war sie auch Vortragende für Hygiene und Biologie in den staatlichen Lehrerbildungsanstalten in Wien. Dora Brücke-Teleky war auch äußerst aktiv in ärztlichen Standesvertretungen und Organisationen. Sie war das erste weibliche Mitglied der Gesellschaft der Ärzte in Wien (1911). Ebenfalls 1911 wurde sie das erste weibliche Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Urologie. Der 1920 gegründeten Wiener Gesellschaft für Urologie trat sie ebenfalls als erste Frau bei. Sie war jedoch nicht nur im fachlich-medizinischen Bereich engagiert. Sie setzte sich auch für die Stellung der Ärztinnen in der stark von Männern dominierten Medizin ein. Brücke-Teleky, die seit 1919 die Leiterin der Wiener Schwangeren Fürsorgestelle war, war die Stärkung der Frau sowohl als Patientin als auch als Ärztin ein wichtiges Anliegen. „Im Jahr 1919 gründete sie die Organisation der ,Ärztinnen Wiens‘, deren Vorsitzende sie zehn Jahre lang war. Darüber hinaus war sie korrespondierende Sekretärin des Internationalen Ärztinnenverbandes und nahm am 5. und 6. Kongess der ,Medical Women’s International Association‘ teil.“[8] Über den fünften Kongress stammt folgender Bericht von ihr:

Brücke-Teleky, Dora: Der V. Internationale Ärztinnekongreß in Bologna. 11.-14. April 1928. Originalbericht der „W.M.W.“. Sonderabdruck aus: Wiener medizinische Wochenschrift. (78/23) 1928. Wien: Verlag von Moritz Perles 1928.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek, Sign.: Separata-Bibliothek-Teleky-002]

Abb. 5    Titelblatt: Brücke-Teleky: Der V. Internationale Ärztinnenkongreß […]. Wien: 1928.

1930 heirate sie den bekannten Physiologen Ernst Theodor von Brücke (1880-1941), bei dem Helene Wastl (1896-1948) – die erste Frau in Österreich, die sich im Fach Medizin habilitierte – ursprünglich in Innsbruck ausgebildet worden war. Ernst Theodor von Brücke war seit 1916 Ordinarius für Physiologie an der Universität Innsbruck und 1926/27 auch deren Rektor. Nach dem „Anschluss 1938“ sahen sich beide Ehepartner zur Emigration gezwungen. „Ernst von Brücke galt nach den nationalsozialistischen Gesetzten durch seine jüdische Mutter als Halbjude und wurde durch die Eheschließung, vom März 1930, zum Volljuden erklärt und war somit ebenfalls von den antijüdischen Gesetzen betroffen.“[9] Ernst Theodor von Brücke, dessen Venia legendi an der Universität entzogen worden war, entschied sich ein Lehrangebot der Harvard Medical School anzunehmen. Seine Frau folgte ihm im Herbst 1938 in die USA. Dora Brücke-Teleky bekam eine Zulassung als Gynäkologin in Massachusetts, wo sie auch nach dem Tod ihres Mannes bis 1950 in Boston als Ärztin tätig war. Nachdem sie sich zur Ruhe gesetzt hatte kehrte sie wieder nach Europa zurück und ließ sich im Schweizer Kanton Zürich in Stäfa in der Nähe ihrer Schwester nieder, wo sie 1963 verstarb.

„Dora Teleky hatte in mehrfacher Hinsicht eine Vorreiterrolle: Sie war eine der ersten österreichischen Ärztinnen, besuchte regelmäßig nationale und internationale Kongresse, publizierte wissenschaftliche Arbeiten, gilt als erstes weibliches Mitglied der DGfU [Deutschen Gesellschaft für Urologie, Anm.] und der Wiener Urologischen Gesellschaft. Aber auch die Position der Frau als Patientin zu stärken war ihr wichtig. Mit ihren zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten lenkte sie den Blick auf die Behandlung von Frauen in der Urologie. Trotz einschneidenden Veränderungen nach dem Anschluss Österreichs, der erzwungenen Emigration und des plötzlichen Tod ihres Mannes 1941 in Boston, war sie weiterhin als Fachärztin tätig. Dora Telekys Arbeiten in Bereich der Urogynäkologie und ihre Zugehörigkeit zur DGfU als erste Frau sichern ihr bis heute einen festen Platz in der Geschichte der Deutschen Gesellschaft für Urologie und des Faches Urologie selbst.“[10]

Quellen:

Arbeiter Zeitung, Jg. 1914-1931.

Bellmann, Julia: Dora Teleky – Ein frühes Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Urologie. In: Aktuelle Urologie. (1/43) 2012. S. 31-33.

Frank, Monika: Doctor for women – Dora Teleky’s commitment to gynaeco-urology. In: The journal of urology. (183/4 Supplement) 2010. S. e436.

Figdor, Peter Paul: Ärztinnen in der Urologie Teil 2. Dora Brücke-Teleky (1879-1963). In: Urologik (9/2) 2003. S. 32-33.

1340 Brücke-Teleky, Dora. In: Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft 18. Bis 20. Jahrhundert. Hrsg: Österreichische Nationalbibliothek. Band 1. A-I. 1-4541. München: K. G. Saur 2002. S. 178.

[1] Bellmann, Julia: Dora Teleky – Ein frühes Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Urologie. In: Aktuelle Urologie. (1/43) 2012. S. 31.

[2] Bellmann, Julia: Dora Teleky – Ein frühes Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Urologie. In: Aktuelle Urologie. (1/43) 2012. S. 31.

[3] Bellmann, Julia: Dora Teleky – Ein frühes Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Urologie. In: Aktuelle Urologie. (1/43) 2012. S. 32.

[4] Bellmann, Julia: Dora Teleky – Ein frühes Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Urologie. In: Aktuelle Urologie. (1/43) 2012. S. 32.

[5] Arbeiter Zeitung, 1.4.1914, S. 6.

[6] Arbeiter Zeitung, 23.1.1929, S. 9.

[7] Arbeiter Zeitung, 19.5.1929, S. 16.

[8] Bellmann, Julia: Dora Teleky – Ein frühes Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Urologie. In: Aktuelle Urologie. (1/43) 2012. S. 32.

[9] Bellmann, Julia: Dora Teleky – Ein frühes Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Urologie. In: Aktuelle Urologie. (1/43) 2012. S. 33.

[10] Bellmann, Julia: Dora Teleky – Ein frühes Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Urologie. In: Aktuelle Urologie. (1/43) 2012. S. 33.

Alle Beiträge der VS-Blog-Serie: Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien–>

Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [86]: Wastl, Helene: Das Sojamehl als Nahrungsmittel. Separatabdruck aus der „Wiener medizinischen Wochenschrift“ (76/41) 1926. Wien: Verlag von Moritz Perles 1926.

Wastl, Helene: Das Sojamehl als Nahrungsmittel. Separatabdruck aus der „Wiener medizinischen Wochenschrift“ (76/41) 1926. Wien: Verlag von Moritz Perles 1926.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 12342]

Text: Harald Albrecht, BA

Abb. 1    Helene Wastl

Helene Wastl (*03.05.1896 Wien, gest. 1948 Philadelphia/USA) wurde in Wien als Tochter des Oberstaatsbahnrates Peter Wastl geboren. Sie war die erste Frau in Österreich, die sich im Fach Medizin habilitierte. Sie besuchte von 1907 bis 1911 das Mädchen-Lyzeum der „Frauen Ursulinen“ in Innsbruck und von 1912-1916 das k.k. Staatsgymnasium in Innsbruck, wo sie ihre Matura mit Auszeichnung ablegte. 1916 inskribierte sie sich als eine von insgesamt elf Studentinnen an der Medizinischen Fakultät der Universität Innsbruck – Frauen wurde der Zugang zum Medizinstudium in Österreich erst ab dem Wintersemester 1900/01 ermöglicht. Schon ab ihrem dritten Semester bekam sie eine Stelle als Demonstratorin am Institut für Physiologie unter Ernst Theodor Brücke (1880-1941). Dabei entstand gemeinsam mit Brücke, der 1938 aufgrund seiner jüdischen Herkunft von den Nationalsozialisten vertrieben wurde und nach Boston/USA flüchten musste, ihre erste wissenschaftliche Publikation. Am 11. Februar 1922 wurde Helene Wastl als sechste Frau an der medizinischen Fakultät der Universität Innsbruck (mit Auszeichnung in allen drei Rigorosen) promoviert.

Nur wenigen Medizinerinnen dieser Zeit gelang es sich nach der Promotion im Wissenschaftsbetrieb zu etablieren. Helene Wastl, die bereits während ihres Studiums internationale wissenschaftliche Kontakte geknüpft und mehrere Auslandsreisen (sechs Monate am physiologischen Institut der Universität Groningen/Niederlande) unternommen hatte, zog nach ihrem Studienabschluss nach Wien, wo sie eine Anstellung als außerordentliche Assistentin am physiologischen Institut unter Arnold Durig (1872-1961), dem die Nationalsozialisten 1938 die Venia legendi (die Lehrbefugnis) entzogen und ihn auch kurzfristig verhaftet hatten, erhielt. Bereits im Herbst 1922 begann sie die Vorlesungen des Instituts für Physiologie in Vertretung für den Institutsvorstand zu halten. Wastl absolvierte 1923 einen sechswöchigen Studienaufenthalt am experimentell-pathologischen Institut in Graz und war von Herbst 1924 an ein Jahr lang Stipendiatin am physiologischen Institut der Universität Cambridge. 1928 reichte sie an der medizinische Fakultät der Universität Wien um Verleihung der Venia legendi ein. Neben ihrer Habilitationsschrift: „Über die Wirkung des Adrenalins und einiger anderer Inkrete auf die Kontraktionen des Warmblütler-Skelettmuskels“ legte sie dafür über 40 wissenschaftliche Abhandlungen zu den Themen physikalische und chemische Eigenschaften des Blutes wie die Senkungsgeschwindigkeit, Ernährungsfragen und Reizphysiologie vor, darunter:

Wastl, Helene: Das Sojamehl als Nahrungsmittel. Separatabdruck aus der „Wiener medizinischen Wochenschrift“ (76/41) 1926. Wien: Verlag von Moritz Perles 1926.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 12342]

Abb. 2    Titelblatt: Wastl: Das Sojamehl als Nahrungsmittel. […]. Wien: 1926.

Helene Wastl wurde am 22.01.1930 als erste Frau in Österreich im Fach Medizin habilitiert. „Ihr internationales Ansehen scheint dermaßen groß gewesen zu sein, dass man in Wien damals davon ausging, dass ihr in absehbarer Zeit eine Stelle an einer amerikanischen Hochschule angeboten werden würde.“[1] Nachdem sie im Frühjahr 1931 mehrere Reisen als Delegierte der Hygienesektion des Völkerbundes in verschiedene europäische Länder unternommen hatte, wurde sie ans Women’s Medical College of Pennsylvania in Philadelphia berufen, wo sie am 15. November 1931 die Leitung der Lehrkanzel für Physiologie übernahm und damit als Professorin in den USA fußfasste. Helene Wastl hatte diese Professur bis 1934 inne. „Zwischenzeitlich dürfte sie nach Wien zurückgekehrt sein, da sie am 9. Juli 1932 Franz Lippay [(1897-1965), Anm.] heiratete. […] 1934 bis 1935 war sie <<graduate student>> an der Cornell University. 1936 hielt sie sich am Department of Physiology and Biochemistry der Cronell University, Ithaka/USA, auf. Sie suchte in Wien um weitere Enthebung der Lehrverpflichtung an, was ihr für das Studienjahr 1936/1937 gewährt wurde, allerdings mit dem Hinweis, dass eine weitere Enthebung nicht mehr möglich wäre.“[2] Ihre Ehe mit Franz Lippay wurde Ende der 1930er Jahre annulliert – Franz Lippay, ebenfalls Physiologe, wurde aufgrund seiner jüdischen Herkunft 1938 von den Nationalsozialisten vertrieben. Auf Vermittlung von Prof. Arnold Durig gelang es Prof. Cedric Stanton Hicks (1892-1976) eine Stelle für Lippay an seinem Institut in Adelaide/Australien zu sichern. „Nach Überwindung vieler zunächst beinahe aussichtslos erscheinender Schwierigkeiten (Versorgung der 72-jährigen Mutter, Erlangung der Aufenthaltsbestätigung und des Visums, Besorgung des deutschen Passes, Kauf einer Schiffspassage, etc.) verließ Lippay am 5. März 1939 Europa via Genua an Bord der ‚SS Ramola‘. Lippay […] erreichte Adelaide am 18. April 1939.“[3] Franz Lippay verstarb am 24. August 1965 im Alter von 68 Jahren. Sein Grab befindet sich im Centennial Park Cemetery in Adelaide.

Helene Wastl lehrte am Hahnemann Medical College in Philadelphia. „Aufgrund ihrer im Jahr 1943 erfolgten Ausbürgerung wurde ihr jedenfalls ein Jahr später der Doktorgrad [an der Universität Innsbruck, Anm.] aberkannt. 1960 wurde vom <<Alumni-Secretary>> der Cornell University in Ithaka eine Anfrage bezüglich einer Wiederverleihung des Doktorates gestellt. Als man ihr diesen wieder zuerkennen wollte, war Helene Wastl bereits verstorben.“[4] Helen Wastl, die erste Frau die sich in Österreich im Fach Medizin habilitierte, verstarb im Jahr 1948 in Philadelphia.

Quellen:

Franz Lippay 1897-1965. In: Die wissenschaftliche Welt von gestern. Die Preisträger des Ignaz L. Lieben-Preises 1865-1937 und des Richard Lieben-Preises 1912-1928. Ein Kapitel österreichischer Wissenschaftsgeschichte in Kurzbiografien. Hrsg. von R. Werner Soukup im Auftrag der Universität Wien. Wien, Köln, Weimar: Böhlau Verlag 2004. S. [302] – 308.

Horn, Sonia: Wastl, Helene. In: Wissenschafterinnen in und aus Österreich. Leben-Werk-Wirken. Hrsg.: Brigitta Keintzel und Ilse Korotin. Wien, Köln und Weimar: Böhlau Verlag 2002. S. 788-789.

Wastl, Helene. In: Biographische Enzyklopädie deutschsprachiger Mediziner. Hrsg. von Dietrich von Engelhardt. Bd. 2. R-Z, Register. München: K. G. Saur 2002. S. 667.

Horn, Sonia und Gabriele Dorffner: „… männliches Geschlecht ist für die Habilitation nicht vorgesehen“. Die ersten an der medizinischen Fakultät der Universität Wien habilitierten Frauen. In: Töchter des Hippokrates. 100 Jahre akademische Ärztinnen in Österreich. Hrsg.: Birgit Bolognese-Leuchtenmüller und Sonia Horn. Wien: Verlag der Österreichischen Ärztekammer 2000. S. 117-138.

[1] Horn, Sonia und Gabriele Dorffner: „… männliches Geschlecht ist für die Habilitation nicht vorgesehen“. Die ersten an der medizinischen Fakultät der Universität Wien habilitierten Frauen. In: Töchter des Hippokrates. 100 Jahre akademische Ärztinnen in Österreich. Hrsg.: Birgit Bolognese-Leuchtenmüller und Sonia Horn. Wien: Verlag der Österreichischen Ärztekammer 2000. S. 128.

[2] Horn, Sonia und Gabriele Dorffner: „… männliches Geschlecht ist für die Habilitation nicht vorgesehen“. Die ersten an der medizinischen Fakultät der Universität Wien habilitierten Frauen. In: Töchter des Hippokrates. 100 Jahre akademische Ärztinnen in Österreich. Hrsg.: Birgit Bolognese-Leuchtenmüller und Sonia Horn. Wien: Verlag der Österreichischen Ärztekammer 2000. S. 128.

[3] Franz Lippay 1897-1965. In: Die wissenschaftliche Welt von gestern. Die Preisträger des Ignaz L. Lieben-Preises 1865-1937 und des Richard Lieben-Preises 1912-1928. Ein Kapitel österreichischer Wissenschaftsgeschichte in Kurzbiografien. Hrsg. von R. Werner Soukup im Auftrag der Universität Wien. Wien, Köln, Weimar: Böhlau Verlag 2004. S. 305.

[4] Horn, Sonia und Gabriele Dorffner: „… männliches Geschlecht ist für die Habilitation nicht vorgesehen“. Die ersten an der medizinischen Fakultät der Universität Wien habilitierten Frauen. In: Töchter des Hippokrates. 100 Jahre akademische Ärztinnen in Österreich. Hrsg.: Birgit Bolognese-Leuchtenmüller und Sonia Horn. Wien: Verlag der Österreichischen Ärztekammer 2000. S. 129.

Alle Beiträge der VS-Blog-Serie: Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien–>

Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [82]: Weingarten, Klara: Die myoklonischen Syndrome. Mit 29 Abbildungen. 1957

Weingarten, Klara: Die myoklonischen Syndrome. Mit 29 Abbildungen. (= Wiener Beiträge zur Neurologie und Psychiatrie/5). Wien, Bonn, Bern: Verlag für medizinische Wissenschaften 1957.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/ Gesellschaft der Ärzte Bibliothek, Sign.: GÄ-24268]

 Text: Harald Albrecht, BA

Abb. 1    Klara Weingarten. Josephinum, Ethik, Sammlungen, und Geschichte der Medizin, MedUni Wien, FO-IR-004980-0002

Klara Weingarten (12.09.1909 Budapest, gest. 12.07.1973 Wien) wurde als Klara Kuttner in Budapest geboren, wo sie auch das Gymnasium absolvierte und 1927 die Matura ablegte. Im Anschluss daran ging sie nach Wien, wo sie sich an der medizinischen Fakultät der Universität Wien inskribierte. 1933 wurde sie hier zur Doktorin der Medizin promoviert und erwarb auch im gleichen Jahr die österreichische Staatsbürgerschaft. Schon vor und auch unmittelbar nach ihrer Promotion war sie über zwei Jahre als Hospitantin an der zweiten Medizinischen Universitätsklinik im Wiener Allgemeinen Krankenhaus, zuerst unter deren Vorstand Norbert Ortner (1865-1935) danach unter Nikolaus Jagić (1875-1956), tätig. Danach begann sie an der Wiener städtischen Nervenheilanstalt am Rosenhügel unter Joseph Wilder (1895-1976) zu arbeiten.

Klara Weingarten wurde nach dem „Anschluss“ 1938 von den Nationalsozialisten – ebenso wir ihr Chef Joseph Wilder – verfolgt und vertrieben. Sie flüchtete ins südamerikanische Uruguay, wo sie bis 1947 an der psychiatrischen Klinik in Montevideo als Assistenzärztin arbeitete.

Nach ihrer Rückkehr nach Österreich im Jahr 1947 erhielt sie hier den Facharzttitel, um den sie bereits vor ihrer Flucht 1938 angesucht hatte. Sie wurde bei der Wiener Gebietskrankenkasse als Konsiliarprimaria am Hanusch-Krankenhaus angestellt und arbeitete parallel dazu als unbezahlte Assistentin an der psychiatrisch-neurologischen Universitätsklinik unter Otto Kauders (1893-1949), der bereits 1945 aus seinem Exil in Buffalo/New York zurückgekehrt war. „Für ihre Habilitation im Jahr 1956/1957 legte sie 39 Arbeiten vor, darunter die Habilitationsschrift <<Die myoklonischen Syndrome>>. Im entsprechenden Gutachten der Professoren Schönbauer [Leopold Schönbauer (1888-1963), Anm.] und Hoff [Hans Hoff (1897-1969), Anm.] stellen diese fest, dass Weingarten zu den besten neurologischen Klinikern gehörte, die sie überhaupt kannten.“[1] Sie wurde im April 1964 die erste a.o. Professorin für Neurologie in Österreich. Klara Weingarten war mit dem Urologen Paul Weingarten verheiratet. Sie starb am 12. Juli 1973 in Wien an den Folgen eines Autounfalls. Ihr „[…] Hauptarbeitsgebiet […] waren die myoklonischen Syndrome, die Neuroophthalmologie und Probleme der Grenzgebiete zwischen Neurologie und anderen Fächern, besonders der Inneren Medizin. Sie war eine brillante klinische Neurologin […]“.[2]

Abb. 2    Titelblatt: Weingarten: Die myoklonischen Syndrome. Wien: 1957.

Quellen:

Horn, Sonia: Weingarten, Klara, geb. Kuttner. In: Wissenschafterinnen in und aus Österreich. Leben-Werk-Wirken. Hrsg.: Brigitta Keintzel und Ilse Korotin. Wien, Köln und Weimar: Böhlau Verlag 2002. S. 794-795.

Horn, Sonia und Gabriele Dorffner: „… männliches Geschlecht ist für die Habilitation nicht vorgesehen“. Die ersten an der medizinischen Fakultät der Universität Wien habilitierten Frauen. In: Töchter des Hippokrates. 100 Jahre akademische Ärztinnen in Österreich. Hrsg.: Birgit Bolognese-Leuchtenmüller und Sonia Horn. Wien: Verlag der Österreichischen Ärztekammer 2000. S. 117-138.

Reisner, Herbert: Nachruf für Frau Univ.-Prof. Dr. Klara Weingarten. In: Wiener medizinische Wochenschrift. (124/8) 1974. S. 122.

[1] Horn, Sonia und Gabriele Dorffner: „… männliches Geschlecht ist für die Habilitation nicht vorgesehen“. Die ersten an der medizinischen Fakultät der Universität Wien habilitierten Frauen. In: Töchter des Hippokrates. 100 Jahre akademische Ärztinnen in Österreich. Hrsg.: Birgit Bolognese-Leuchtenmüller und Sonia Horn. Wien: Verlag der Österreichischen Ärztekammer 2000. S. 135-136.

[2] Reisner, Herbert: Nachruf für Frau Univ.-Prof. Dr. Klara Weingarten. In: Wiener medizinische Wochenschrift. (124/8) 1974. S. 122.

Alle Beiträge der VS-Blog-Serie: Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien–>

Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [80]: Spiegel-Adolf, Anna Simona: Die Globuline. Mit 68 Abbildungen und 300 Tabellen. 1930.

Spiegel-Adolf, Anna Simona: Die Globuline. Mit 68 Abbildungen und 300 Tabellen. (= Handbuch der Kolloidwissenschaften in Einzeldarstellungen/4). Dresden und Leipzig: Verlag von Theodor Steinkopff 1930

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 341/4]

https://ubsearch.meduniwien.ac.at/

Text: Harald Albrecht, BA

Abb. 1    Portrait: Anna Simona Spiegel-Adolf

Anna Simona Spiegel-Adolf (*23.02.1893 Wien, gest. 1983 Chicago/Illinois) wurde als Tochter des Juristen Jaques Adolf und dessen Frau Hedwig (geb. Spitzer) in Wien geboren. Sie war mit dem österreichischen Neurologen jüdischer Herkunft Ernst Adolf Spiegel (1895-1985) verheiratet. Nachdem sie 1913 die Matura abgelegt hatte, studierte sie ab dem Wintersemester 1913 an der Wiener Medizinischen Fakultät. Sie arbeitete während ihrer Studienzeit drei Jahre am Institut für Histologie und Bakteriologie, davon zwei Jahre als Demonstratorin. Auch am Institut für medizinische Chemie arbeitete sie noch während ihrer Studienzeit halbtägig – aus dieser Zeit stammt auch ihre erste wissenschaftliche Publikation. Am 23. Dezember 1918 wurde Anna Simona Adolf zur Doktorin der gesamten Heilkunde an der Universität Wien promoviert.

Im Anschluss an ihre Promotion arbeitete sie erst bei Richard Paltauf (1858-1924) in der Prosektur der Wiener Rudolfstiftung, danach am Neurologischen Institut bei Otto Marburg (1874-1948). Parallel dazu absolvierte sie am Institut für Chemie Praktika. Ab 1919 war sie am Universitätslaboratorium für physikalisch-chemische Biologie tätig, dem sie ab 1923 als unbesoldete Assistentin angehörte. „In den folgenden Jahren beteiligte sie sich durch Abhaltung von Kursen auch am Unterrichtsbetrieb des Institutes und ab 1927 arbeitete sie auch im Laboratorium für Lichtbiologie und Lichtpathologie unter Hausmann [Walter Hausmann (1877-1938), Anm.] am physiologischen Institut der Universität Wien, um die Anwendungsmöglichkeiten der physikalischen Chemie und Kolloidchemie auf medizinische Fragestellungen hin zu studieren.“[1] Darüber hinaus war sie für zwei Jahre bei Rudolf Kraus (1868-1932) am serotherapeutischen Institut für die Moorkommission des Volksgesundheitsamtes tätig. 1930 unternahm sie eine dreimonatige Vortragsreise nach Nordamerika. Zwischen 1917 und 1930 publizierte Anna Simona Spiegel-Adolf 43 wissenschaftliche Arbeiten. „Dementsprechend eindeutig fiel auch das Votum der letzten Sitzung des Professorenkollegiums auf ihr Ansuchen um Verleihung der Venia legendi hin aus: 22 Ja- standen 2 Nein-Stimmen gegenüber, so dass sie mit 4 Juli 1931 zum Privatdozenten für angewandte medizinische Chemie mit besonderer Berücksichtigung der biologisch-physikalischen Chemie und medizinischen Kolloidchemie ernannt wurde.“[2] Sie war die zweite Frau, die sich an der Universität Wien im Fach Medizin habilitierte.

1931 wurde Anna Simona Spiegel-Adolf als Professorin an die Temple-University in Philadelphia berufen, wo sie das Fach physikalische und Kolloidchemie einrichtete und auch Vorständin des neu errichteten Instituts wurde. „Um ihre Assistentenstelle in Wien behalten zu können, musste sie sich immer wieder von ihren Vorlesungsverpflichtungen beurlauben lassen […]. Zuletzt suchte sich am 3. September 1936 mit der Begründung an, dass sie in Wien derzeit keine Erwerbsmöglichkeit sähe. Sie bot jedoch an, ihrer Vorlesungsverpflichtung in Form von mehrwöchigen Kursen nachzukommen. Obwohl sich Prof. Pauli [Wolfgang Pauli (1869-1955), Anm.] für sie einsetzte mit dem Hinweis, ihre in Amerika gemachten Studien seine von allgemeinem Interesse für die Fakultät, wurde ihr Ansuchen abgelehnt.“[3] Nach dem „Anschluss“ 1938 wurde ihr aufgrund ihrer jüdischen Herkunft ihre Venia legendi – ihre Lehrbefugnis – entzogen. Da sie jedoch seit 1934 auch die amerikanische Staatsbürgerschaft besaß, blieb sie in den USA und leitete bis 1966 an der Temple-University in Philadelphia das Institut für physikalische und Kolloidchemie. Anna Simona Spiegel-Adolf starb 1983 in Chicago.

Im Juni 2010 wurde das neu errichtete Anna Spiegel Forschungsgebäude der Medizinischen Universität Wien nach ihr benannt.

Abb. 2    Titelblatt: Spiegel-Adolf: Die Globuline. Dresden […]: 1930.

Quellen:

9915 Spiegel-Adolf, Anna Simona (Mona Spiegel-Adolf). In: Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft 18. Bis 20. Jahrhundert. Hrsg: Österreichische Nationalbibliothek. Band 3. S-Z. 8923-11742. Register. München: K. G. Saur 2002.

Horn, Sonia: Spiegel-Adolf, Anna Simona. In: Wissenschafterinnen in und aus Österreich. Leben-Werk-Wirken. Hrsg.: Brigitta Keintzel und Ilse Korotin. Wien, Köln und Weimar: Böhlau Verlag 2002. S. 699-701.

Horn, Sonia und Gabriele Dorffner: „… männliches Geschlecht ist für die Habilitation nicht vorgesehen“. Die ersten an der medizinischen Fakultät der Universität Wien habilitierten Frauen. In: Töchter des Hippokrates. 100 Jahre akademische Ärztinnen in Österreich. Hrsg.: Birgit Bolognese-Leuchtenmüller und Sonia Horn. Wien: Verlag der Österreichischen Ärztekammer 2000. S. 117-138.

Spiegel-Adolf, Mona (Anna Simona; 1893-). In: Encyclopedia Judaica. Volume 5. C-DH. Jerusalem: Keter Publishing House Jerusalem Ltd. 1972. S. 397.

[1] Horn, Sonia und Gabriele Dorffner: „… männliches Geschlecht ist für die Habilitation nicht vorgesehen“. Die ersten an der medizinischen Fakultät der Universität Wien habilitierten Frauen. In: Töchter des Hippokrates. 100 Jahre akademische Ärztinnen in Österreich. Hrsg.: Birgit Bolognese-Leuchtenmüller und Sonia Horn. Wien: Verlag der Österreichischen Ärztekammer 2000. S. 132.

[2] Horn, Sonia: Spiegel-Adolf, Anna Simona. In: Wissenschafterinnen in und aus Österreich. Leben-Werk-Wirken. Hrsg.: Brigitta Keintzel und Ilse Korotin. Wien, Köln und Weimar: Böhlau Verlag 2002. S. 700.

[3] Horn, Sonia: Spiegel-Adolf, Anna Simona. In: Wissenschafterinnen in und aus Österreich. Leben-Werk-Wirken. Hrsg.: Brigitta Keintzel und Ilse Korotin. Wien, Köln und Weimar: Böhlau Verlag 2002. S. 700.

 Alle Beiträge der VS-Blog-Serie: Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien–>

Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [76]: Zum 50. Todestag von: Jellinek, Stefan: Elektropathologie. Die Erkrankungen durch Blitzschlag und elektrischen Starkstrom in klinischer und forensischer Darstellung. 1903.

Zum 50. Todestag von: Jellinek, Stefan: Elektropathologie. Die Erkrankungen durch Blitzschlag und elektrischen Starkstrom in klinischer und forensischer Darstellung. Mit 72 Abbildungen und 4 chromolithographischen Tafeln. Stuttgart: Verlag von Ferdinand Enke 1903.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 3194]

https://ubsearch.meduniwien.ac.at/

Text: Harald Albrecht, BA

Abb. 1     Stefan Jellinek: https://wellcomeimages.org/indexplus/obf_images/76/83/7ed133fef0111ef2d0e388b6f004.jpg

Gallery: https://wellcomeimages.org/indexplus/image/L0010294.html

Wellcome Collection gallery (2018-04-01): https://wellcomecollection.org/works/zwb48zet

Stefan Jellinek (*29.05.1871 Prerau/heute: Přerov, Tschechische Republik, gest. 02.09.1968 Edinburgh), dessen Todestag sich am 2. September 2018 zum 50. Mal jährte, war ein österreichisch-britischer Mediziner, der aufgrund seiner jüdischen Herkunft 1938 aus Österreich vertrieben wurde. Der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Jellinek begann zu Beginn der 1890er Jahre mit dem Studium der Medizin an der Universität Wien, das er 1898 mit seiner Promotion abschloss. Er wandte sich zunächst der Inneren Medizin zu und arbeitete an der III. Medizinischen Klinik bei Leopold von Schrötter (1837-1908). Von 1903 bis 1908 war er Assistent am Wiedner Krankenhaus.

Abb. 2     Titelblatt: Jellinek: Die Erkrankungen durch Blitzschlag und elektrischen Starkstrom […]. Stuttgart: 1903. Mit einer handschriftlichen Widmung von Stefan Jellinek an Hermann Nothnagel (1841-1905).

Bereits 1898 begann Stefan Jellinek mit seinen elektropathologischen Studien. „Im September 1898 fing er an, bei achtzig Wiener Elektrizitätsarbeitern und auch bei sich selbst die Faktoren der Stromeinwirkung und Stromanwendung zu studieren. Systematisch und planmäßig. Und ebenso systematisch und planmäßig begann er gleichzeitig alles Material zu sammeln, das bei elektrischen Unfällen mitspielte.“[1] Seine Forschungen galten besonders den Gefahren der Elektrizität für den Menschen. Neben der Untersuchung der Unfallsituation – dabei untersuchte er auch Menschen, die vom Blitz getroffen wurden – beschäftigte er sich mit der Histopathologie des elektrischen Traumas. Jellinek veröffentlichte eine Theorie vom elektrischen Scheintod, nach der er – im Gegensatz zur damals weit verbreiteten Meinung – Reanimationsversuche nach Elektronunfällen empfahl. Nach Jellinek sollen Wiederbelebungsversuche erst beim Einsetzen von Totenflecken aufgegeben werden, bis dahin können sie zum Erfolg führen.

Abb. 3     Jellinek: Die Erkrankungen durch Blitzschlag und elektrischen Starkstrom […]. Stuttgart: 1903. S. 123.

„Gemeinsam mit dem Dermatologen Gustav Riehl [(1855-1943), Anm.] und dem Chirurgen Anton von Eiselsberg [(1860-1939), Anm.] war er am Allgemeinen Wiener Krankhaus maßgeblich an der praktischen Behandlung von Patienten nach Stromunfällen beteiligt; mit Alexander Kolisko [(1857-1918), Anm.] untersuchte er die histologischen Veränderungen in den Organen nach der Elektrizitätseinwirkung.“[2] Stefan Jellinek habilitierte sich 1908 auf dem Gebiet der Inneren Medizin mit Schwerpunkt Elektropathologie an der Universität Wien. Nachdem die Universität Wien einen eigenen Lehrstuhl für Elektropathologie eingerichtet hatte – den ersten weltweit – wurde er 1928 zum a.o. Professor und 1929 zum Ordinarius für Elektropathologie der Universität Wien und der Technischen Hochschule (heute Technische Universität Wien) ernannt.

1909 gründete er das Elektropathologische Museum, in welchem Präparate von Elektrounfällen gesammelt wurden, um die Forschungen zu Unfallverhütung und Heilung von Folgeschäden voranzutreiben. Das Museum wurde 1936 in die Universität Wien eingegliedert. 2002 kam die Sammlung in den Besitz des Technischen Museums in Wien. Teile der Sammlung können dort besichtigt werden, der Rest ist in den Pathologisch-Anatomischen Sammlungen im Narrentrum untergebracht. Stefan Jellinek musste nach dem „Anschluss“ 1938 aufgrund seiner jüdischen Herkunft aus Österreich fliehen. Er flüchtete nach Großbritannien, wo er bis 1948 am Queen’s College in Oxford unterrichtete. Er blieb nach dem Zweiten Weltkrieg in Großbritannien, kehrte aber immer wieder als Gastprofessor nach Wien zurück. Er starb am 2. September 1968 in Edinburgh.

Neben zahlreichen anderen Schriften Jellineks besitzt die Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin eine Ausgabe seines 1931 erschienen Werks „Elektroschutz in 132 Bildern“, das vor allem durch seine moderne graphische Umsetzung unter Mitarbeit der Wiener Graphiker Franz Danilowitz, Franz Roubal (1889-1967), Eduard Stella (1884-1955), Franz Wacik (1883-1938) und Hubert Lingner (Einbandgestaltung) besticht:

Jellinek, Stefan: Elektroschutz in 132 Bildern. Wien, Leipzig: Deutscher Verlag für Jugend und Volk Gesellschaft M.B.H. 1931.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: I46628]

https://ubsearch.meduniwien.ac.at

Abb. 4     Umschlag: Jellinek: Elektroschutz in 132 Bildern. Wien: 1931.

Abb. 5     Jellinek: Elektroschutz in 132 Bildern. Wien: 1931. S. 24.

Abb. 6     Jellinek: Elektroschutz in 132 Bildern. Wien: 1931. S. 72.

Abb. 7     Jellinek: Elektroschutz in 132 Bildern. Wien: 1931. S. 129.

Quellen:

Jellinek, Stefan. In: Biographische Enzyklopädie deutschsprachiger Mediziner. Hrsg. von Dietrich von Engelhardt. Bd. 1. A-Q. München: K. G. Saur 2002. S. 309.

Brücke, Franz Theodor: Der elektrische Unfall. In memoriam Professor Dr. Stefan Jellinek. Sonderabdruck aus: Österreichische Ärztezeitung. (23/20) 1968. Wien: Österreichische Ärztekammer 1968.

Lesky, Erna: Professor Jelineks elektropathologisches Museum. In: Ciba Symposium. (9/5) 1961. S. 248-252.

[1] Lesky, Erna: Professor Jelineks elektropathologisches Museum. In: Ciba Symposium. (9/5) 1961. S. 248-249.

[2] Jellinek, Stefan. In: Biographische Enzyklopädie deutschsprachiger Mediziner. Hrsg. von Dietrich von Engelhardt. Bd. 1. A-Q. München: K. G. Saur 2002. S. 309.

 Alle Beiträge der VS-Blog-Serie: Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien–>

Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [62]: Emanuel Berghoff – Medizinhistoriker und Widerstandskämpfer. Herausgeber der Festschrift zum 80. Geburtstag von Max Neuburger im Jahr 1948 – Teil 2

1938/1945 Emanuel Berghoff – Medizinhistoriker, Widerstandskämpfer und Herausgeber der Festschrift zum 80. Geburtstag von Max Neuburger im Jahr 1948 – Teil 2

Text: Dr. Walter Mentzel

Im Jahr 1948 erschien aus Anlass des 80. Geburtstages des österreichischen Medizinhistorikers und Gründers des Institutes für Geschichte der Medizin am Standort des Josephinum in Wien, Max Neuburger (1868-1955), eine von seinem langjährigen „Schüler“ und Mitarbeiter, Emanuel Berghoff (1896-1974), herausgegebene Festschrift unter dem Titel:

Festschrift zum 80. Geburtstag von Max Neuburger. Mit 91 internationalen medicohistorischen Beiträgen. (= Wiener Beiträge zur Geschichte der Medizin/2). Hrsg.: Emanuel Berghoff. Wien: Verlag Wilhelm Maudrich 1948.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: K16771/2]

https://ubsearch.meduniwien.ac.at

 

Abb. 1    Titelblatt: Festschrift zum 80. Geburtstag Max Neuburgers. Wien: 1948.

Diese Festschrift hatte zum Zeitpunkt ihres Erscheinens eine mehr als zehnjährige Geschichte hinter sich. Berghoff, der schon die Arbeiten an der 1928 zum 60. Geburtstag Neuburgers herausgegebenen Festschrift übernommen hatte,[1] übernahm auch für die 1938 als Sammelband konzipierte Publikation zu dessen 70. Geburtstag die Redaktion. Zur gleichen Zeit schrieb Berghoff an einer ebenso für das Jahr 1938 geplanten Biografie über das Leben und wissenschaftliche Wirken Max Neuburgers, die wie die Festschrift erst zehn Jahre später 1948 publiziert werden konnte.

Berghoff, Emanuel: Max Neuburger. Werden und Wirken eines österreichischen Gelehrten. Mit einem Vorwort von Dr. Henry E. Sigerist. (= Wiener Beiträge zur Geschichte der Medizin/III). Hrsg.: Emanuel Berghoff. Wien: Verlag Wilhelm Maudrich 1948.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: K 16771/3]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8544224&pos=34&phys=

Abb. 2    Titelblatt: Berghoff: Max Neuburger. […] Wien: 1948.

Da nach dem „Anschluss“ sowohl Max Neuburger als auch Emanuel Berghoff von der NS-Verfolgung betroffen waren – Berghoff wurde aus „politischen und rassischen“ Gründen verfolgt – konnte die Drucklegung der Festschrift nicht wie geplant verwirklicht werden. Die bis März 1938 eingelangten Manuskripte der Autoren der Festschrift gelangten zunächst bedingt durch die Flucht von Berghoff nach Jugoslawien, wo er im Rahmen des im September 1938 stattgefundenen 11. Internationalen Kongresses für Geschichte der Medizin in Dubrovnik die Drucklegung der Festschrift zu bewerkstelligen versuchte, davon jedoch wegen der „dort schon unsicher gewordenen politischen Verhältnisse“ wieder Abstand nehmen musste. Nachdem sich Berghoff nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Jugoslawien der Widerstandsbewegung von Josip Broz Tito (1892-1980) angeschlossen hatte und er nach seiner Festnahme in das KZ Groß Rosen deportiert worden war, lag das weitere Schicksal der Manuskripte in den Händen seiner Ehefrau Anna Maria Berghoff (*21.2.1907, gest. 1989 Wien), die laut der von Berghoff nach 1945 getroffenen Darstellung die Manuskripte in Sicherheit bringen konnte.[2] Nach der Rückkehr von Berghoff nach Wien im Sommer 1945 standen sie so wieder für eine Drucklegung zur Verfügung.

Von den 91 österreichischen vor allem aber internationalen Autoren, die am Sammelband mitwirkten, hatten 20 ihre Manuskripte für die für Publikation bis zum Jahresbeginn 1938 abgegeben. Ihre nunmehr 1948 publizierten Aufsätze sind am Beginn der Texte in Fußnoten mit dem Hinweis „1938 als Manuskript eingelangt“ versehen.

Abb. 3    Aus: Festschrift zum 80. Geburtstag von Max Neuburger. Mit 91 internationalen medicohistorischen Beiträgen. (= Wiener Beiträge zur Geschichte der Medizin/2). Hrsg.: Emanuel Berghoff. Wien: Verlag Wilhelm Maudrich 1948.

Einige dieser Autoren waren bei Erscheinen der Festschrift 1948 bereits verstorben, andere waren zu dieser Zeit im Exil. Max Neuburger, dem die Festschrift galt, lebte zum Zeitpunkt der Erscheinung des Sammelbandes 1948 nach seiner Emigration in London bei seinem Sohn in Buffalo/USA. Er kehrte erst 1952 nach Wien zurück. Die Festschrift lässt sich damit als Dokument jener nach dem März 1938 an der Medizinischen Fakultät durch das NS-Regime stattgefundenen Verfolgungen aber auch als Mahnmal der Verfolgungsgeschichte jüdischer Mediziner in Europa von 1933 bis 1945 lesen.

Zu den mit dem Vermerk „1938 als Manuskript eingelangt“ versehenen Autoren zählt zunächst der Beitrag des Herausgebers Emanuel Berghoff selbst, der mit einem Aufsatz über „Die Ausbildung zum ärztlichen Beruf im Wandel der Zeit“ im Band vertreten ist.

Ein Artikel mit dem Titel „Zur Wohnungsfrage im Alten Wien“ stammt vom Dozenten für Innere Medizin an der Medizinischen Fakultät und Chefarzt der Tuberkulosefürsorge der Stadt Wien, Alfred Götzl (1873-1946), der aufgrund seiner jüdischen Herkunft der NS-Verfolgung ausgesetzt war und dem es gelang mit seiner Familie nach San Francisco/USA zu flüchten.

Ein weiterer bereits 1938 abgegebener Beitrag stammte von dem deutschen Pathologen und Medizinhistoriker Edgar Goldschmid (1881-1957), der 1933 aufgrund seiner jüdischen Herkunft vor den Nationalsozialisten in die Schweiz flüchtete und als Medizinhistoriker an der Universität Lausanne unterrichtete. Er ist mit einem 1938 abgegebenen Beitrag „Handzeichnungen chirurgischer Erkrankungen von J. E. Klemm (1817-1822)“ vertreten.

Ein Aufsatz über „Medizinisches aus einer alten Chronik“ stammt vom polnischen Gynäkologen Jan Lachs (1869-1954), der nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Polen wegen seiner jüdischen Herkunft der Verfolgung ausgesetzt war. Lachs überlebte den Holocaust als Arzt und Leiter der Gynäkologie- und Geburtshilfeabteilung des israelitischen Krankenhauses in Krakau und nach der Liquidierung des Krakauer Ghettos in einem Versteck. 1947 habilitierte er sich im Fach Geschichte der Medizin und der Pharmazie.

Vom Prof. für Kinderheilkunde Ernst Mayerhofer (1877-1957), der seit 1923 in Zagreb arbeitete, stammt der 1938 abgegebene Aufsatz „Paediatrie und Volksmedizin (mit besonderer Berücksichtigung der Südslawen)“. Der Aufsatz enthält die Anmerkung: „Zagreb, Juni 1938; damals wegen der Zustände im Okkupationsbereich nicht zum Drucke gelangt: Der Autor“.

Ein Aufsatz „Über eine arabische Krankenhauspharmakopöe aus Kairo (um 1200 N. Chr.)“ kam vom deutsch-ägyptischen Augenarzt und Medizinhistoriker Max Meyerhof (1874-1945). Meyerhof der jüdischer Abstammung war, wurde in Hildesheim geboren, studierte in Heidelberg, Freiburg, Berlin und Straßburg Medizin, arbeitete ab 1898 an verschiedenen Augenkliniken in Deutschland und eröffnete 1902 in Hannover eine eigene Praxis. Bereits 1903 emigrierte er nach Ägypten und eröffnete in Kairo eine Augenpraxis für Verarmte. Er gehörte ab 1913 zu den Mitherausgebern der „Revue médical d’Égypte“. Ab den 1920er Jahren widmete er sich auch orientalistischen, philologischen und medizinhistorischen Studien und war Übersetzer arabischer medizinischer Text-Überlieferungen. 1932 erhielt er das Angebot den Lehrstuhl für Medizingeschichte an der Universität Leipzig zu übernehmen, das er aufgrund des anwachsenden Antisemitismus und dem Aufstieg der Nationalsozialisten ablehnte. Er gab seine deutsche Staatsbürgerschaft auf, nahm 1936 die ägyptische Staatsbürgerschaft an und engagierte sich in einem jüdischen Hilfswerk für die aus Europa geflüchteten Juden. Am 20. April 1945 starb Meyerhof in Kairo, wo er auf dem jüdischen Friedhof beerdigt wurde.

Beiträge von zwei wegen ihrer jüdischen Abstammung 1938 verfolgten Mitgliedern der Wiener Medizinischen Fakultät stammen vom Radiologen und Röntgenologen, Prof. Leopold Freund (1868-1943), der 1943 im Exil in Brüssel unter ungeklärten Umständen verstarb. Sein 1938 abgegebener Aufsatz lautete: „Ein Beitrag zur Geschichte der Entstehung der Röntgentherapie“. Der zweite Aufsatz stammt vom Laryngologen Prof. Emil Fröschels (1884-1972) der den Titel „Ein Versuch, von der Medizin aus die Entstehung und Bedeutung einer Hyroglyphe zu erklären“ trägt. Fröschels flüchtete 1939 in die USA, wo er seine wissenschaftliche Karriere zunächst als Research Professor an der Washington Universität, danach als Direktor der Speech and Voice Clinic des Mount Sinai Hospitals in New York und an der Speech and Voice Clinic am Beth David Hospital in New York fortsetzte.

Weitere 1938 eingebrachte Aufsätze kamen vom französischen Bibliothekar, Medizinhistoriker und Mediziner Ernest Wickersheimer (1880-1965), von dem in Chicago wirkenden Kinderarzt, Isaac Abt (1867-1955), vom in Deutschland geborenen US-Bakteriologen Charles Frederick Bolduan (1873-1950), vom US-Neurologen Robert Foster Kennedy (1884-1952) und vom britischen Medizinhistoriker und Präsidenten der History of medical Society und der Royal society of medicin, D’Arcy Power (1855-1941). Aus Rumänien kamen 1938 Beiträge von Constantin Ion Parhon (1874-1969), George Zaharia Petrescu (1874–1954) und Hector Sarafidi/Έκτωρ Σαραφίδης (1872-1950), sowie aus Polen ein Aufsatz vom Gründer des Institutes für Geschichte der Medizin und Philosophie an der Jagiellonen-Universität in Krakau, Władysław Szumowski (1875-1954). Ein weiterer 1938 abgelieferter Beitrag stammt von dem mit dem italienischen Faschismus sympathisierenden und involvierten italienischen Medizinhistoriker Davide Giordano (1864-1954).

Quellen:

Archiv der Universität Wien, Dekanat der Medizinischen Fakultät, Zl. 41/1945-1946 Institut für Geschichte der Medizin

Wiener Stadt- und Landesarchiv:

WStLA, Selbstverwaltungskörper, Ärztekammer Wien, Personalakt Ärztekammer Wien 2.10.1. A1 Berghoff Emanuel Personalakt Ärztekammer.

WStLA, M.Abt. 119, Gelöschte Vereine, Akt 1.3.2.119.A32. Zl. 8.857/1931 Akademische freie Vereinigung für medizinische Geistesgeschichte.

[1] Festschrift zur Feier seines 60. Geburtstages am 8. Dezember 1928. Max Neuburger gewidmet von Freunden, Kollegen und Schülern. (= Internationale Beiträge zur Geschichte der Medizin). Wien: Verlag des Fest-Komitees 1928.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 6043]

https://ubsearch.meduniwien.ac.at/

[2] Berghoff, Emanuel: Max Neuburger. Werden und Wirken eines österreichischen Gelehrten. Mit einem Vorwort von Dr. Henry E. Sigerist. (= Wiener Beiträge zur Geschichte der Medizin/III). Hrsg.: Emanuel Berghoff. Wien: Verlag Wilhelm Maudrich 1948. S. Vorwort.

Alle Beiträge der VS-Blog-Serie: Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien–>

Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [61]: Emanuel Berghoff – Medizinhistoriker und Widerstandskämpfer. Herausgeber der Festschrift zum 80. Geburtstag von Max Neuburger im Jahr 1948 – Teil 1

1938/1945 Emanuel Berghoff – Medizinhistoriker und Widerstandskämpfer. Herausgeber der Festschrift zum 80. Geburtstag von Max Neuburger im Jahr 1948 – Teil 1

Text: Dr. Walter Mentzel

Emanuel Berghoff war Mediziner, praktizierender Zahnarzt und arbeitete ab den 1920er Jahren bis 1938 als Medizinhistoriker eng mit Max Neuburger (1868-1955) am Josephinum zusammen. Nach 1945 versuchte er erfolglos an der Tradition von Max Neuburger anzuknüpfen.

Berghoff wurde am 1. Jänner 1896 als Sohn von Lazar Berghoff und Antonia Berghoff, geborene Beilich, in Suceava/Suczawa/Szucsáva/Сучава in der Bukowina (heute: Rumänien) geboren. Sein Vater war Veterinärmediziner und arbeitete zunächst als Bezirkstierarzt in Suceava und nach seiner Ernennung zum Bezirksobertierarzt (1909) in Gura Humorului/Gura Humora/גורא הומאָרא und zuletzt in Czernowitz/Bukowina. Emanuel Berghoff war seit 1936 mit Anna Maria Berghoff (*21.2.1907, gest. 1989 Wien), geborene Pisa, verheiratet.[1] Er absolvierte das Gymnasium im Juni 1914 am 1. Staatsgymnasium in Czernowitz, nahm am Ersten Weltkrieg als Sanitätskadett teil[2] und rüstete 1919 im Reserve Spital Klosterneuburg ab.[3] Das Studium der Medizin an der Medizinischen Fakultät Medizin in Wien schloss er am 27.11.1922 mit der Promotion ab, wonach er u.a. an der dermatologischen Abteilung bei Prof. Gabriel Nobl (1864-14.3.1938) arbeitete. Seine anschließende fachärztliche Ausbildung im Fach Zahnheilkunde und Kieferheilkunde bei Rudolf Weiser (1859-1928) und Hans Pichler (1877-1949) schloss er 1923 am zahnärztlichen Institut ab und eröffnete 1924 als Facharzt für Zahn- Mund und Kieferheilkunde eine Ordination in Wien, die er bis 1938 führte.[4] Daneben arbeitete an der Schulärztlichen Klinik und am Krankenkassenambulatorium für Industrieangestellte in Wien.

Abb. 1    Archiv Sammlungen Josephinum, Medizinische Universität Wien, MUW-AS-003329.

Seit den frühen 1920er Jahren war er in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs (SdAPÖ) in der Erwachsenen- und Volksbildung aktiv, wo er sich als Journalist und Vortragender Themen des Mutterschutzes und der Kindererziehung aus medizinsicher Sicht sowie der Lebensreform und der Körperkultur widmete und sich bei den „Naturfreunden“ in der Bezirksgruppe Josefstadt engagierte.[5] Er bot einmalwöchentlich unentgeltliche ärztliche Beratung an,[6] arbeitete in der vom „Bund für Mutterschutz“ organisierten „Arbeitsgemeinschaft für Mutter- und Erziehungsberatung“ („Muttergemeinschaft“)[7] und veröffentlichte laufend Artikel in der Arbeiter-Zeitung, wie im Dezember 1924 zur „Bedeutung der Mundpflege für die Volkswohlfahrt“,[8] zur „Erkrankung des Zahnfleisches als Gewebekrankheit“,[9] zum Thema „Was soll man essen?“[10] Weiters publizierte er zahlreiche Artikelserien in der 1924 von der 1938 von den Nationalsozialisten vertriebenen Gina Kaus (1893-1985) herausgegebenen Zeitschrift „Bundes für Mutterschutz“. In der Zeitschrift „Die Mutter. Halbmonatsschrift für alle Fragen der Schwangerschaft, Säuglingshygiene und Kindererziehung“ behandelte er Themen wie: „Die Bedeutung der Mundpflege für das Kind“[11], oder „Die sogenannten Zahnungskrankheiten“[12], „Einfluss der Rachitis auf die Zahnentwicklung[13], „Fleisch- oder Pflanzennahrung?“[14], „Hygiene des Mundes“[15], „Der Einfluss der Ernährung auf die Zähne“[16], „Stiefkinder der Natur“ (über missgebildete Kinder)[17] und „Kind und Sonne“.[18] Ab 1927 war er Referent im Verband der sozialistischen Arbeiterjugend.[19]

Emanuel Berghoff am Institut für Geschichte der Medizin

Neben seiner Tätigkeit als Zahnarzt arbeitete Berghoff seit spätestens 1928 bei Max Neuburger am Institut für Geschichte der Medizin am Josephinum zu medizinhistorischen Themen und publizierte regelmäßig. Er galt in den 1930er Jahren als „Schüler“ Max Neuburgers. In den 1930er Jahren schrieb er einige medizinhistorische Aufsätze in der Wiener medizinischen Wochenschrift unter der Rubrik: „Aus dem Medikohistorischen Institut der Wiener Universität. Vorstand Professor Dr. med. et. phil. M. Neuburger“. Darunter 1930: „Der Anteil der Wiener Schule an der Entwicklung der Lokalanästhesie“,[20] 1932 „Ein Verteidiger des Paracelsus im 17. Jahrhundert in Altösterreich“,[21] 1933 „Franz Anton Mesmer (1733-1833) Anlässlich seines 200. Geburtstages“,[22] 1935 der Aufsatz „Verlebendigung der Medizingeschichte“[23] den er Max Neuburger widmete und 1937 „Zahnärztliches in August Gottlieb Richters ‚Anfangsgründe der Wundarzneykunst‘“.[24] 1937 erschien seine Monografie: 

Berghoff, Emanuel: Religion und Heilkunde im Wandel der Zeiten. Mit 21 Abbildungen. Wien: Verlag Ars Medici 1937.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 9616]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8544232&pos=40&phys=

Abb. 2    Titelblatt: Berghoff: Religion und Heilkunde […]. Wien: 1937.

Diese und weitere zahlreiche Artikel und Aufsätze zu medizinhistorischen Themen, die Berghoff in Fachzeitschriften publizierte finden sich an der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin.

Der Verein „Akademische freie Vereinigung für medizinische Geistesgeschichte und praktische Medizin“ am Josephinum

Berghoff war in der von Max Neuburger 1931 gegründeten „Akademische freie Vereinigung für medizinische Geistesgeschichte und praktische Medizin“, die sich dem Studium der „medizinischen Geistesgeschichte und medizinischer Klassiker […] auf ihre Bedeutung für die Praxis der Gegenwart zu fördern […] und allgemeine Probleme des Arzttums und der ärztlichen Wissenschaft im Sinne einer medizinischen Weltanschauung“ widmete, Mitglied, Referent und Schriftführer.[25] Die Ziele und den historischen Kontext der Vereinsgründung beschreibt Isidor Fischer (1868-1943) 1932 in der Wiener Medizinischen Wochenschrift.[26] Der Verein wurde nach dem „Anschluss“ vom Stillhaltekommissar Vereine, Organisationen und Verbänden laut § 3 des Gesetzes über die Überleitung und Eingliederung von Vereinen, Organisationen und Verbänden, GBl. Nr. 136/1938, aufgelöst. Ebenfalls seit spätestens 1931 war er in der „Gesellschaft für Volksbildung“ aktiv, in dessen Vorstand er auch gewählt worden war.[27]

Verfolgung und Widerstand

Berghoff war nach dem „Anschluss“ aufgrund seiner jüdischen Herkunft (er trat zum röm. kath. Glauben über) der NS-Verfolgung ausgesetzt und verlor seine ärztliche Praxisberechtigung aufgrund der 4. Verordnung zum Reichsbürgergesetz, das die Approbationen jüdischer Ärzte aufhob.[28] Laut seinen nach 1945 gemachten Angaben, floh er im September 1938 wegen seiner Verfolgung aus „politischen und rassischen“ Gründen aus Österreich. Ebenfalls nach seinen eigenen Aussagen schloss er sich nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Jugoslawien der Widerstandsbewegung von Josip Broz Tito (1892-1980) – der kommunistischen „Volksbefreiungsarmee“ an – wo er als Chefarztstellvertreter bei Partisaneneinheiten in der Gruppe Dalmatien, Abschnitt Split zum Einsatz kam. Nach seiner Festnahme wurde er im August 1944 in das KZ Groß Rosen deportiert, wo er 1945 befreit wurde.

Nach seiner Rückkehr nach Wien im Mai 1945 setzte er seine Arbeit als Zahnmediziner nach der Wiedereröffnung seiner zahnärztlichen Praxis bis zu seiner Pensionierung fort. Seine Bemühungen im Juli 1945 beim kommunistischen Staatssekretär für Volksaufklärung, Unterricht, Erziehung und Kultus, Ernst Fischer (1899-1972), als Nachfolger von Max Neuburgers zum Leiter des Institutes für Geschichte der Medizin am Josephinum bestellt zu werden, scheiterten, da der zu dieser Zeit amtierende Direktor des Wiener AKH, Leopold Schönbauer (1888-1963), sich bereits zum provisorischen Leiter des Institutes inthronisiert hatte und diese bis zur Bestellung von Erna Lesky (1911-1986) 1960 nicht mehr abgab. Seine Vergangenheit in einer kommunistischen Widerstandsorganisation dürfte den Ausschlag für seine Ablehnung gegeben haben. Damit war für Berghoff die weitere Karriere als institutionalisierter Medizinhistoriker versperrt und die Chance einer Anknüpfung, Tradierung und Weiterentwicklung der vor 1938 von Max Neuburger und Isidor Fischer geprägten medizinhistorischen „Schule“ abgeschnitten worden.

Nach 1945 publizierte Berghoff weitere medizinhistorische Arbeiten, war Schriftleiter der Zeitschrift Hygiene, Zeitschrift für Fragen der prophylaktischen Medizin (= Organ der Österreichischen Gesellschaft für prophylaktische Medizin) und Redakteur der Internationalen Zeitschrift für prophylaktische Medizin und gab 1948 die Festschrift zum 80. Geburtstag von Max Neuburger heraus.

Festschrift zum 80. Geburtstag von Max Neuburger. Mit 91 internationalen medicohistorischen Beiträgen. (= Wiener Beiträge zur Geschichte der Medizin/2). Hrsg.: Emanuel Berghoff. Wien: Verlag Wilhelm Maudrich 1948.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: K16771/2]

https://ubsearch.meduniwien.ac.at/

Abb. 3    Umschlag: Festschrift zum 80. Geburtstag Max Neuburgers. Wien: 1948.

Seine weiteren Bemühungen um die Übernahme der Leitung des Institutes für Geschichte der Medizin, scheiterten unter anderem auch, da er sich mit Max Neuburger nach dessen Rückkehr aus dem Exil nach Österreich überworfen hatte. Emanuel Berghoff verstarb am 23.9.1974 in Wien.

Quellen:

Archiv der Universität Wien, Dekanat der Medizinischen Fakultät, Zl. 41/1945-1946 Institut für Geschichte der Medizin.

Wiener Stadt- und Landesarchiv:

WStLA, Selbstverwaltungskörper, Ärztekammer Wien, Personalakt Ärztekammer Wien 2.10.1. A1 Berghoff Emanuel Personalakt Ärztekammer.

WStLA, M.Abt. 119, Gelöschte Vereine, Akt 1.3.2.119.A32. Zl. 8.857/1931 Akademische freie Vereinigung für medizinische Geistesgeschichte.

[1] WStLA, Selbstverwaltungskörper, Ärztekammer Wien, Personalakt Ärztekammer Wien 2.10.1. A1 Berghoff Emanuel Personalakt Ärztekammer. Friedhofsdatenbank Wien. Weiters: Bukowinaer Post, 22.11.1910, S. 3,

[2] Wiener Medizinische Wochenschrift, Nr. 5, 1917, S. 276.

[3] Archiv – Sammlungen am Josephinum: Sign. AS-001423 Berghoff Emanuel.

[4] Neues Wiener Tagblatt (Tages-Ausgabe), 12..3.1924, S. 11.

[5] Arbeiter Zeitung, 10.4.1930, S. 11. Der Wiener Bote (Die Naturfreunde), 1930 H. 9/10, S. 6.

[6] Die Mutter. Halbmonatsschrift für alle Fragen der Schwangerschaft, 16.12.1925, S. 14.

[7] Die Mutter. Halbmonatsschrift für alle Fragen der Schwangerschaft, 16.6.1926, S. 2.

[8] Arbeiter Zeitung, 6.12.1924, S. 11.

[9] Arbeiter Zeitung, 14.3.1925, S. 9.

[10] Arbeiter Zeitung, 5.8.1925, S. 9.

[11] Die Mutter. Halbmonatsschrift für alle Fragen der Schwangerschaft, 1.3.1925, S. 6-7.

[12] Die Mutter. Halbmonatsschrift für alle Fragen der Schwangerschaft, 1.6.1925, S. 6-7.

[13] Die Mutter. Halbmonatsschrift für alle Fragen der Schwangerschaft, 15.7.1925, S. 2.

[14] Die Mutter. Halbmonatsschrift für alle Fragen der Schwangerschaft, 1.9.1925, S. 6.

[15] Die Mutter. Halbmonatsschrift für alle Fragen der Schwangerschaft, 1.10.1925, S. 2.

[16] Die Mutter. Halbmonatsschrift für alle Fragen der Schwangerschaft, 16.12.1925, S. 10.

[17] Die Mutter. Halbmonatsschrift für alle Fragen der Schwangerschaft, 1.4.1926, S. 11.

[18] Die Mutter. Halbmonatsschrift für alle Fragen der Schwangerschaft, 16.6.1926, S. 8.

[19] Arbeiter-Zeitung, 11.1.1928, 25.5.1928, S. 10, 5.12.1928, S. 9, 27.3.1929, S. 9.

[20] Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 30, 1930, S. 995-996.

[21] Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 38, 1932, S. 1192-1194.

[22] Wiener Medizinische Wochenschrift, Nr. 28, 1933, S. 797-798.

[23] Wiener Medizinische Wochenschrift, Nr. 50, 1935, S. 1381-1382.

[24] Wiener Medizinische Wochenschrift, Nr. 2, 1937, S. 57-59.

[25] Wiener Medizinische Wochenschrift, Nr. 48, 1931, S. 1608. Nr. 12, 1932, S. 404.

[26] Zur Gründung der „Akademischen Vereinigung für medizinische Geistesgeschichte und praktische Medizin“ in: Wiener Medizinische Wochenschrift, Nr. 7, 1932, S. 228-229.

[27] Neue Freie Presse, 23.3.1931, S. 4.

[28] GBl. Nr. 320 vom 9.8.1938, Kundmachung des Reichstatthalters in Österreich, wodurch die Vierte Verordnung zum Reichsbürgerschaftsgesetzt vom 25. Juli 1938 bekannt gemacht wird.

Alle Beiträge der VS-Blog-Serie: Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien–>

Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [59]: Die „Vereinigung jüdischer Ärzte in Wien“ und dessen Vereinsorgan: „Mitteilungsblatt der Vereinigung jüdischer Ärzte“ (1933-1938).

1938: Die „Vereinigung jüdischer Ärzte in Wien“ und dessen Vereinsorgan: „Mitteilungsblatt der Vereinigung jüdischer Ärzte“ (1933-1938).

Text: Dr. Walter Mentzel

Die „Vereinigung jüdischer Ärzte in Wien“ wurde nach der Einreichung der Vereins-Statuten durch die Proponenten Dr. Max Meissner (15.5.1877-20.4.1965), Assistent der Augenabteilung von Prof. S. Klein an der Allgemeinen Poliklinik in Wien und in den 1930er Jahren Primarius, und die beiden Wiener Zahnärzte Dr. Moritz Kraus und Dr. Gabriel Wolf (*zirka 1877, gest. November 1925 Wien) und nach der Erteilung der behördlichen Bewilligung am 17. November 1913 gegründet. Der Verein trug zunächst den Namen „Soziale Vereinigung jüdischer Ärzte in Wien“, bis es im Juli 1934 zu einer behördlich angezeigten und genehmigten Namensänderung in: „Vereinigung jüdischer Ärzte in Wien“ kam.

In den Statuten des Vereins wurde im § 2 das Ziel der Vereinstätigkeit angeführt: „Der Verein hat den Zweck, die sozialen und wirtschaftlichen Interessen der jüdischen Ärzte mit Ausschluss jeder politischer Tendenz zu fördern“.[1] Verpflichtend für die Erlangung der Vereinsmitgliedschaft war die Mitgliedschaft in der wirtschaftlichen Organisation der Wiener Ärzte (Ärztekammer). Die konstituierende Versammlung der „sozialen Vereinigung jüdischer Ärzte“ fand am 20.4.1914 statt, auf der der Laryngologe und Mitglied der Medizinischen Fakultät Wien, Prof. Markus Hajek (25.11.1861-4.4.1941), zum ersten Vorsitzenden gewählt wurde. Der Verein hatte 1914 200 Mitglieder.[2] Der Sitz des Vereines war zunächst Wien 18, Währinger Straße 97 und zuletzt im Jahr 1938 in Wien 1, Grillparzerstraße 14.

Die Vereinigung gab seit September 1933 ein eigenes Vereinsorgan unter den Titel „Mitteilungen der Vereinigung jüdischer Ärzte in Wien“ heraus, das nach wenigen Monaten in „Mitteilungsblatt der Vereinigung jüdischer Ärzte“ (1933-1938) unbenannt wurde und bis 1938 erschien.

Abb.: 1 Mitteilungsblatt der Vereinigung jüdischer Ärzte

Mitteilungsblatt der Vereinigung jüdischer Ärzte in Wien. Offizielles Organ. Wien: Paul Goldberg [1.] 1934 – 5.1938 (damit Erscheinen eingestellt).

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 8977]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8615111&pos=2&phys=

Die Zeitschrift intervenierte zunächst gegen die nach dem Bürgerkrieg im Februar 1934 erfolgte massive Kündigungswelle, die die regimekritische oder aus parteipolitischen Gründen verfolgte Ärzteschaft erfasst hatte. Nach der Etablierung des „Austrofaschismus“ kam es im Vereinsorgan bis zuletzt zur Kritik an dem strukturell sich verfestigenden Antisemitismus, der sich in der beruflichen Exklusion jüdischer Ärzte und Ärztinnen in öffentlichen Gesundheitseinrichtungen, den Diskriminierungen bei den Ernennungen in Berufs- und Standesfunktionen sowie bei den Sozialversicherungsträgern oder öffentlichen Angriffen gegen die jüdische Ärzteschaft niederschlug. Der Verein unterstützte ab 1933 die Hilfe für jüdische Kollegen und Kolleginnen, die nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland nach Österreich flohen, organisierte Hilfsaktionen für verarmte und infolge der Entlassungen mittellos gewordene Ärzte und Ärztinnen wie beispielsweise in Form der Winterhilfe. Mit der Herausgabe dieser „Vereinszeitung“ sollte der zunehmend antisemitischen Agitation entgegen getreten, Diskriminierungen öffentlich sichtbar gemacht aber auch die vertiefende Organisation der jüdischen Ärzteschaft unterstützt werden.

Nach dem Tod des langjährigen Präsidenten der Vereinigung, Ludwig Braun (12.8.1867-8.5.1936), wurde der a.o. Prof. Herbert Eilas (*30.4.1885 Wien, gest. 29.7.1975 New York) zum neuen und letzten Präsidenten der „Vereinigung jüdischer Ärzte“ gewählt.[3] Herbert Elias war 1938 als Privatdozent und a.o. Prof. für Innere Medizin Mitglied des Lehrkörpers der Medizinischen Fakultät der Universität Wien. Zu dem letztmalig im Jahr 1937 gewählten Vorstand gehörten neben Elias, der geschäftsführende Vizepräsident Dr. Gustav Jellinek, Dr. Siegfried Plaschkes (1886-1964) und Primarius Dr. Kurt Tschiaßny an.[4] Siegfried Plaschkes vertrat im Oktober 1937 die „Vereinigung jüdischer Ärzte“ bei der Tagung des „Weltverbandes jüdischer Ärzte“ in Paris.[5]

Nach dem „Anschluss“ im März 1938 musste der Verein seine Tätigkeit einstellen, seine Mitglieder waren der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ausgesetzt. Der Verein wurde im Juli 1938 vom Stillhaltekommissar Vereinen, Organisationen und Verbänden laut § 3 des Gesetzes über die Überleitung und Eingliederung von Vereinen, Organisationen und Verbänden, GBl. Nr. 136/1938, aufgelöst und gelöscht.

Quellen:

WStLA, M.Abt. 119, A 32 – gelöschte Vereine, Zl. 6.896/1923 Soziale Vereinigung jüdischer Ärzte.

[1] Statuten der „Sozialen Vereinigung jüdischer Ärzte in Wien“. In: WStLA, M.Abt. 119, A 32 – gelöschte Vereine, Zl. 6.896/1923 Soziale Vereinigung jüdischer Ärzte.

[2] Ebenda und: Wiener klinische Rundschau. Organ für die gesamte praktische Heilkunde, Nr. 16, 26.4.1914, S. 235.

[3] Die Stimme, 27.11.1936, S. 3. Neuwahl des Präsidenten.

[4] Die Stimme, 1.6.1937, S. 3. Generalversammlung jüdischer Ärzte:

[5] Die Stimme, 15.10.1937, S. 4.

Alle Beiträge der VS-Blog-Serie: Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien–>