Archiv der Kategorie: Josephinische Bibliothek

Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [87]: Mediziner in der Revolution 1848: Nikodem Betkowski

Mediziner in der Revolution 1848: Nikodem Betkowski (1812-1864)

Text: Dr. Walter Mentzel

Nikodem Felicjan Betkowski wurde als Sohn von Johann Betkowski und Franziska Baranowska am 27. September 1812 in Lisia Góra bei Tarnów/Galizien (heute: Polen) geboren. Seine Familie zählte zu den ältesten polnischen Adelsgeschlechtern. Er studierte nach dem Besuch des Gymnasiums in Bochnia/Galizien ab 1832 in Wien Philosophie und Medizin bei Joseph Berres (1796-1844), Joseph von Wattmann (1789-1866), Anton von Rosas (1791-1855) und Carl von Rokitansky (1804-1878) und schloss sich der polnischen Studentenorganisation „Zwiazek pamiatkowo-narodowy“, der 1837 in Galizien gegründeten Untergrundorganisationen „Młoda Sarmacja“ (Junges Sarmatien) und „Stowarzyszenie Polskiej Demokracji“ (Verein der Polnischen Demokraten) an. Wegen seines politischen Engagements wurde er 1836 für vier Monate und danach für weitere fünf Monate inhaftiert.

Während seines Studiums beteiligte er sich als Übersetzer einzelner Artikel in die polnische Sprache für die von Antal Masch (1809-1884) publizierten Arbeit:

Masch, Antal: Polyglotton Medicum, eine Anleitung zur Verständigung des Arztes mit dem Kranken in sechs Sprachen, mit Rücksicht auf die Hauptsprache der Völker des österreichischen Kaiserstaates, Deutsch, Böhmisch, Polnisch, Ungarisch, Italienisch, Französisch, enthaltend: eine systematische Zusammenstellung von Fragen, Antworten und anderen kurzen Aeußerungen nach den Forderungen der Diagnose, Prognose und Therapie. Wien: Druck und Verlag J. P. Sollinger 1839.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Josephinische Bibliothek, Sign.: JB-5539]

Abb. 1    Titelblatt: Masch: Polyglotton Medicum […]. Wien: 1839.

Das Studium an der Universität Wien schloss er schließlich 1841 mit der Promotion (25.5.1841)[1] zum Doktor der Medizin und Chirurgie und danach mit dem Magister der Geburtshilfe ab. Thema und Titel seiner Dissertation war:

Betkowski, Nikodem: Historia Medicinae In Inclytis Poloniae Terris, Ab Antiques Temporibus Usque Ad Annum 1622. Dissertatio Inauguralis. Vindobonae: Typis Caroli Ueberreuter 1841.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Historische Dissertations-Bibliothek, Sign.: D-2086]

Das Exemplar in der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin enthält auf der Frontispizseite eine Widmung an Dr. Ernest Joseph Schneller: „Collegae aestumatissimo suo/Dri. Schneller, Ernesto Josepho/in perennem sui memoriam/offert Auctor.“ – Joseph von Schneller (1814-1885) war ein Studienkollege von Betkowski. Er promovierte 1840 zum Doktor der Medizin und 1841 zum Doktor der Chirurgie. Ab 1841 war er Mitglied des Wiener Doctoren Collegiums. Von Schneller wurde 1870 in den Obersten Sanitätsrat berufen und gilt als Wegbereiter für den Ausbau eines modernen öffentlichen Gesundheits- bzw. Sanitätswesens.

Abb. 2    Titelblatt: Betkowski: Historia Medicinae In Inclytis Poloniae Terris […]. Wien: 1841.

Nach dem Abschluss seines Studiums kehrte er nach Bochnia zurück, praktizierte zunächst als Arzt und wurde wegen der Verwicklung in einen Hochverratsprozess drei Jahre als politischer Gefangener in Untersuchungshaft festgehalten. Nach seiner Entlassung 1845 übersiedelte er nach Wieliczka/Galizien und arbeitete ab 1846 als Gerichtsmediziner.

Im Revolutionsjahr 1848 war er Mitglied und Abgeordneter des ersten konstituierenden österreichischen Reichstages in Wien und Kremsier,[2] wo er zur Partei der polnischen Föderalisten zählte. Nach der Niederschlagung der Revolution kam es gegen ihn zur Einleitung eines Strafverfahrens, das erst 1853 eingestellt wurde.

Zwischen 1852 und 1853 veröffentlichte er ein Lehrbuch in zwei Teilen über pathologische Anatomie (Patalogiczna Anatomia, Krakau 1852, 1853), die erste in polnischer Sprache verfasste Arbeit in diesem Fach, und übersetze medizinische Texte aus dem Deutschen ins Polnische.

Der Antrag der Medizinischen Fakultät Krakau zur Berufung Betkowski auf den 1850 gegründeten Lehrstuhl der pathologischen Anatomie wurde seitens des Ministeriums in Wien wegen seiner Beteiligung an der Unabhängigkeitsbewegung abgelehnt. Seit 1855 lebte Betkowski in Wieliczka, wo er als Kreisarzt arbeitete.

Betkowski publizierte in der Wiener medizinischen Wochenschrift 1860 und 1862 eine Artikelserie unter dem Titel „Flüchtige medizinische Skizzen aus Galizien“.

Betkowski, Nikodem: Flüchtige medizinische Skizzen aus Galizien: In: Wiener medizinische Wochenschrift. (10 und 12) 1860 und 1862. Sp. 539-540, 644-645, 661-662, 692-694, 756-758,774 und Sp. 187-188, 203-206, 220-222, 237-238.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: Z-10002/10 und 12]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8545052

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8545053

Abb. 3    Betkowski: Flüchtige medizinische Skizzen aus Galizien. In: Wiener Medizinische Wochenschrift. (10) 1860. Sp. 539-549.

Betkowski war Mitglied der Gesellschaft der Ärzte in Warschau, des Doctoren-Kollegiums in Warschau, der gelehrten Gesellschaft in Krakau und der kaiserlichen Gesellschaft der Ärzte in Wilna.[3]

1861 wurde Betkowski für den Wahlkreis Wieliczka zum Abgeordneten für den Galizischen Landtag gewählt, von dem er für das Kronland Galizien zum zweiten Mal in das Abgeordnetenhaus des österreichischen Reichsrates delegiert wurde und dem er bis zu seinem Tode als Mitglied angehörte. Betkowski verstarb am 19. Oktober 1864 in Wieliczka in Galizien.

Quellen:

Archiv der Universität Wien, Med. Fak., Dekanat, Rigorosen- und Promotionsprotokolle, Nr. 176-62 (Nikodem Betkowski).

Der Reichsrath. Biographische Skizzen der Mitglieder des Herren- und Abgeordnetenhauses des österreichischen Reichsrathes. (2 Bd.) Wien: 1861-1862.

Slavische Blätter. Illustrierte Zeitschrift für die Gesammtinteressen des Slaventhums (Hrsg. von Abel Luksic). Wien: 1865. S. 30-32

[1] Archiv der Universität Wien, Med. Fak., Dekanat, Rigorosen- und Promotionsprotokolle, Nr. 176-62 (Nikodem Betkowski).

[2] Wiener Zeitung, 20.10.1848, S. 2.

[3] Der Reichsrath. Biographische Skizzen der Mitglieder des Herren- und Abgeordnetenhauses des österreichischen Reichsrathes. (2 Bd.) Wien: 1861-1862.

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [78]: Zum 200. Todestag von: Hildenbrand, Johann Valentin von…Öffentlicher Professor An Der Universität Zu Wien…1810

Zum 200. Todestag von: Hildenbrand, Johann Valentin von: Joh. Val. Edler Von Hildenbrand, Kaiserl. Königl. Rath, Der Practischen Heilkunde Ord. Öffentlicher Professor An Der Universität Zu Wien, Der Königl. Gesellschaft Der Wissenschaften Zu Göttingen Correspondent, Der Sydenhamischen Gesellschaft Zu Halle, Und Der Physicalisch-Medicinischen Gesellschaft zu Erlangen Ehrenmitglied, Über Den Ansteckenden Typhus. Nebst Einigen Winken Zur Beschränkung Oder Gänzlichen Tilgung Der Kriegspest, Und Mehrerer Anderer Menschenseuchen. Wien: Gedruckt In der Degenschen Buchdruckerey 1810.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Josephinische Bibliothek, Sign.: JB-5090]

https://ubsearch.meduniwien.ac.at/

Text: Harald Albrecht, BA

  

Abb. 1     Johann Valentin von Hildenbrand. Josephinum, Ethik, Sammlungen, und Geschichte der Medizin, MedUni Wien, FO-IR-000265-0002

Johann Valentin von Hildenbrand (*4.8.1763 Wien, gest. 31.05.1818 Wien), dessen Todestag sich 2018 zum 200. Mal jährte, studierte an der Wiener Medizinischen Fakultät, wo er 1784 promivierte. Maximilian Stoll (1742-1787), einer der führenden Vertreter der Ersten Wiener Medizinischen Schule, zählte zu seinen wichtigsten Lehrern. Nach seiner Promotion wurde er Physikus (Bezirksarzt) in Waidhofen an der Thaya. Aufgrund der schlechten Bezahlung nahm er 1787 eine Stelle als Leibarzt des polnischen Grafen Michael Georg Mniszek (1748-1806) an und folgte diesem nach Wierzbowiec/Вербовець (heute: Ukraine) in Wolhynien/Воли́нь (heute: Ukraine).

Als Leibarzt des Grafen Mniszek erwarb sich Hildenbrand einen sehr guten Ruf, sodass ihm vom polnischen König Stanisław August II. (1732-1798) der Titel eines Hofrates verliehen wurde und er 1793 auf den medizinisch-chirurgischen Lehrstuhl der Universität Lemberg/Lwiw/Львів (heute: Ukraine) berufen wurde. Später wurde er auch Direktor der Medizinischen Fakultät und nach der Vereinigung mit der Universität Krakau/Kraków lehrte er auch dort. 1799 wurde der zum korrespondierenden Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen gewählt.

Nachdem Johann Valentin von Hildenbrand 1805 den Titel eines kaiserlichen Rates verliehen bekommen hatte, übersiedelte er 1807 nach Wien, wo er zum Vorstand der Medizinischen Klinik im Allgemeinen Krankhaus ernannt wurde. Mit der Bestellung zum Leiter des Wiener Allgemeinen Krankenhauses im Jahre 1811 wurde er gleichzeitig auch Direktor des Wiener Findelhauses. Seine Forschungen fokussierte er mithilfe von Hygro-, Thermo-, Baro- und Anemometermessungen auf Experimente zur Untersuchung von Umwelteinflüssen als Krankheitsursachen. Neben seinem Hauptwerk […] Über Den Ansteckenden Typhus […] verfasste er zahlreiche weitere Schriften, darunter ein Werk für Wundärzte sowie ein Buch über die Pest.

Über Hildenbrands wichtigstes Werk: […] Über Den Ansteckenden Typhus […] aus dem Jahr 1810, schrieb der Pathologe und Pharmakologe Jospeh Johann Knolz (1791-1862) in einem Beitrag in der Wiener medizinischen Wochenschrift (3/1853), den er zuvor in einer Plenarversammlung des Wiener Docotoren-Collegiums als Vortrag gehalten hatte, sehr überschwänglich: „Ausser diesen literarischen Arbeiten hat v. Hildenbrand im Jahre 1810 das ärztliche Publikum mit einem Werke beglückt, das in vielen in- und ausländischen Journalen mit gerechter Bewunderung und grösstem Danke aufgenommen, im 4 fremde Sprachen übersetzt, seither von so vielen berühmten Schriftstellern in ihren Werken benützt, von allen Praktikern am Krankenbette in und ausser Spitälern als Richtschnur zum Beobachten und Handeln unläugbar zur Wohlthat der Menschheit gebraucht wurde, und das trotz der damals herrschend gewesenen naturphilosophischen Kritik, die sich so gerne eine hämische Verdammung aller sublunarischen Werke anmasste, dennoch wegen des rein hippokratischen Geistes, der darin weht, dermassen allgemein beifällig aufgenommen wurde, dass es nicht leicht in der Bibliothek jedes wissenschaftlichen und praktischen Arztes fehlte, – ich meine die wahrhaft klassische Abhandlung über den ansteckenden Typhus.“[1]

Abb. 2    Titelblat: Hildenbrand: […] Über Den Ansteckenden Typhus […]. Wien: 1810.

Quellen:

Hildenbrand, Johann Valentin Edler von, österr. Mediziner, *8.4.1763 Wien, +31.5.1818 Wien. In: Biographische Enzyklopädie deutschsprachiger Mediziner. Hrsg. von Dietrich von Engelhardt. Bd. 1. A-Q. München: K. G. Saur 2002. S. 281.

Hildenbrand, Valentin von, Mediziner. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815-1950. Hrsg. von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. II. Band (Glae-Hüb). Graz, Köln: Verlag Hermann Böhlaus Nachf. 1959.

Knolz, Joseph Johann: Ueber die Leistungen Valentin’s von Hildenbrand, als prakt. Arzt, Staatsbeamter und klin. Lehrer an der Wiener Hochschule. Vortrag, gehalten in der wissenschaftl. Plenarversammlung des Doctoren-Kollegiums der mediz. Fakultät am 6. Juni, vom Regierungsrath Dr. J. J. Knoltz in Wien. In: Wiener medizinische Wochenschrift. (3) 1853. Sp. 391-392, 406-408, 423-425.

[1] Knolz, Joseph Johann: Ueber die Leistungen Valentin’s von Hildenbrand, als prakt. Arzt, Staatsbeamter und klin. Lehrer an der Wiener Hochschule. Vortrag, gehalten in der wissenschaftl. Plenarversammlung des Doctoren-Kollegiums der mediz. Fakultät am 6. Juni, vom Regierungsrath Dr. J. J. Knoltz in Wien. In: Wiener medizinische Wochenschrift. (3) 1853. Sp. 406.

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [77]: Todesopfer der Revolution 1848: Comfort, Richard: Dissertatio Inauguralis Medico-Pharmagologica De Guajaco…Theses adnexae defendentur in aedibus Universitatis die. Wien: Typis Congregationis Mechitaristicae 1835.

Todesopfer der Revolution 1848: Comfort, Richard: Dissertatio Inauguralis Medico-Pharmagologica De Guajaco, Quam Consensu Et Auctoritate Excellentissimi Ac Illustrissimi Domini Praesidis Et Directoris Perillustris Ac Spectabilis Domini Decani Nec Non Clarissimorum Et Celeberrimorum D. D. Professorum Pro Doctoris Medicinae Laurea Rite Obtinenda In Antiquissima Ac Celeberrima Scientiarum Universitate Vindobonensi Publicae Disquistioni Submittit Richardus Comfort, Pressburgensis. Theses adnexae defendentur in aedibus Universitatis die. Wien: Typis Congregationis Mechitaristicae 1835.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Historische Dissertations-Bibliothek, Sign.: D2310]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8416839&pos=0&phys=

Text: Dr. Walter Mentzel

Richard Comfort gehörte zu den Todesopfern der Revolution von 1848 und zu jenen Medizinern, die sich während des Revolutionsjahres am aktivsten für eine umfassende demokratische Staatsreform Österreichs einsetzten. Comfort wurde am 24.10.1810 in Pressburg/Ungarn (heute: Bratislava/Slowakei) geboren und studierte an der Universität Wien Medizin, wo er 1835 zum Doktor der Medizin und Pharmakologie promovierte. Von ihm besitzt die Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin seine 1835 an der Universität Wien approbierte Dissertation.[1]

Nach Abschluss seines Studiums arbeitete Comfort ab 1844 als sogenannter „Pensionär“ am Tierarznei-Institut in Wien.[2] Seine Forschungen und Vorträge wurden in den 1840er Jahren u.a. in den „Berichte über die Mittheilungen von Freunden der Naturwissenschaften in Wien“ publiziert. Einer breiteren wissenschaftlichen Öffentlichkeit bekannt wurde er durch seine 1839 veröffentlichte Arbeit über die Heilmethoden des Homöopathen Samuel Hahnemann (1755-1843), worin er auch seine Überlegungen zu einer Theorie und Systematik der Homöopathie anstellte.

Comfort, Richard: Über Hahnemann‘s Heilmethoden. Wien: Verlag von J. G. Heubner 1839.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 49144]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8555951&pos=3&phys=#

In den ersten Monaten der Revolution veröffentlichte er eine Reihe von Schriften und Flugblättern. Bereits am 27. März 1848 publizierte er im Verlag Klopf und Eurich die Druckschrift „Beiträge und Gedanken über eine Reform in Österreich“, die auf sein bereits zehn Jahre zuvor fertiggestelltes jedoch ungedruckt gebliebenes Manuskript aufbaute und worin er neben einer Staatsreform auch für eine Demokratisierung des Schul- und Wissenschaftssystems und für ein Zurückdrängung des religiösen Einflusses der Kirche plädierte. Am 4. April 1848 erschien von ihm die bei Franz Edlen von Schmid gedruckte Flugschrift „Für Juden-Emancipation“, in der er die vollständige Gleichberechtigung der jüdischen Mitbürger forderte. Am 13. April 1848 folgten die von ihm verfassten Blätter „Zu spät! Ein ernstes Wort zu seiner Zeit“ (Wien Schaumburg & Comp. 1848), wo er wiederum Vorschläge für eine weitgehende Reform des Österreichischen Staatswesens unterbreitete. Ebenfalls im selben Jahr erschien von ihm bei Sallmayer in Wien die Schrift: „Die Regierungsformen aller Staaten. Zur leichteren Beurtheilung unserer Verfassungs-Urkunde“.

Comfort, der neben seinem schriftstellerischen Wirken überaus aktiv an den Vorgängen der Revolution teilnahm, wurde – im 37. Lebensjahr stehend – während der am 6. Oktober 1848 stattgefundenen weitläufigen Straßenkämpfe zwischen den kaiserlichen Truppen und der aufständischen Bevölkerung in Wien in der Inneren Stadt durch eine Stichwunde tödlich verletzt. Er verstarb im Allgemeinen Krankenhaus Wien.[3]

Quellen:

Archiv der Universität Wien, Med. Fak., Dekanat, Rigorosen- und Promotionsprotokolle, Nr. 170 – Rigorosenprotokoll (1821-1871) und Nr. 175 – Promotionsprotokoll (1818-1840).

Österreichische Vierteljahreszeitschrift für wissenschaftliche Veterinärkunde. Herausgegeben von den Mitgliedern des Wiener k.k. Thierarznei-Institutes, Bd. 47, Wien 1877.

Fischer, Isidor: Wiens Mediziner und die Freiheitsbewegung des Jahres 1848. (= Wiener medizingeschichtliche Beiträge 1) Wien: 1935.

[1] Archiv der Universität Wien, Med. Fak., Dekanat, Rigorosen- und Promotionsprotokolle, Nr. 170 – Rigorosenprotokoll (1821-1871) und Nr. 175 – Promotionsprotokoll (1818-1840).

[2] Österreichische Vierteljahreszeitschrift für wissenschaftliche Veterinärkunde. Herausgegeben von den Mitgliedern des Wiener k.k. Thierarznei-Institutes, Bd. 47, Wien 1877, S. 123.

[3] Verzeichnis der Todten und Blessierten am 6. und 7. October 1848, in: Dunder W.G., Denkschrift über die Wiener October-Revolution: Ausführliche Darstellung aller Ereignisse […], Wien 1849. Wiener Zeitung, 3.12.1848, S. 7.

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [75]: Revolution 1848: Vertriebene Mediziner – Krackowitzer, Ernst: Dissertatio Inauguralis Chemico-Physiologica De Nexu Functionum Organicarum…mensis Martii anni 1845.

Revolution 1848: Vertriebene Mediziner – Krackowitzer, Ernst: Dissertatio Inauguralis Chemico-Physiologica De Nexu Functionum Organicarum, Quam Consensu Et Auctoritate Illustrissimi Ac Magnifici Domini Præsidis Et Directoris, Perillustris Ac Spectabilis Domini Decani, nec non Clarissimorum Et Celeberrimorum D. D. Professorum pro Doctoris Medicinae Laurea Rite Obtinenda in antiquissima ac celeberrima Universitate Vindobonensi publicae disquisitioni submittit Ernestus Krackowizer, e Spital am Pyhrn in Austria supra Onasum. In theses disputabitur in aedibus Universitatis die […] mensis Martii anni 1845. Wien: Typis Caroli Ueberreuter 1845.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Historische Dissertations-Bibliothek, Sign.: D3058]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8418651&pos=0&phys=

Text: Dr. Walter Mentzel

Ernst Krackowitzer, der 1848 als Chirurg und Assistent am Allgemeinen Krankenhaus in Wien arbeitete, gehörte zu jenen Medizinern, die wegen ihrer aktiven Beteiligung an der Revolution von 1848 nach deren Niederschlagung polizeilich verfolgt wurden und das Kaisertum Österreich verließen.

Ernst Nepomuk Krackowizer wurde am 3. Dezember 1821 in Spital am Phyrn in Oberösterreich als Sohn des kaiserlichen Richters Ferdinand Krackowizer (1777–1826) und Theresia Richter (1794–1866) als eines von acht Kindern geboren. Nach dem Besuch des Stiftsgymnasiums in Kremsmünster studierte er Medizin an der Universitäten Wien und Pavia, und schloss das Studium in Wien 1845 mit seiner Graduierung zum Doktor der Medizin und der Chirurgie, sowie 1846/47 mit dem Magister der Geburtshilfe ab. Zunächst ließ er sich 1847 in Steyr als Arzt nieder,[1] übernahm jedoch noch im selben Jahr eine Assistentenstelle bei dem Chirurgen Franz Schuh (1804–1865) an der chirurgischen Klinik am Allgemeinen Krankenhaus der Stadt Wien.[2]

An der Revolution von 1848 nahm Krackowitzer als Hauptmann der Akademischen Legion teil und beteiligte sich in dieser Funktion vor allem während des sogenannten „Wiener Oktoberaufstandes“ an den Straßenkämpfen gegen die aus Wien nach Ungarn zur Niederschlagung der Revolution ausziehenden kaiserlichen Truppen und an den darauf anschließenden Kämpfen um die Belagerung Wiens. Nach der Eroberung Wiens durch die kaiserliche Armee wurde er von den Polizeibehörden verfolgt und steckbrieflich gesucht. Nachdem ihm die Flucht aus Wien geglückt war, arbeitete er in Tübingen als Assistent des Chirurgen Victor von Bruns (1812-1883). Da er auch hier vor der Verfolgung aufgrund einer von den österreichischen Behörden verlangten Auslieferung nicht sicher war, flüchtete er zunächst nach Kiel, von wo er schließlich 1850 in die USA emigrierte. In New York heiratete er 1851, die aus der Steiermark stammende und ihm 1850 in die USA nachgefolgte Emilie Forster (1826–1919). Mit ihr hatte er eine Tochter, Maria, die sich 1887 mit dem Ethnologen, Sprachwissenschafter und Physiker Franz Boas (1858-1942) verehelichte. Von Ernst Krackowitzer sind eine Reihe von Briefen erhalten, die er während und nach der Revolution von 1848 geschrieben hatte. Sie wurden im „Journal of the history of medicine and allied science“ (Voll III, Nr. 1, December 1948, S. 65-94) von seinem Enkel, Ernst von Boas (1891-1955), unter dem Titel „A Refugee Doctor of 1850“ veröffentlicht.

In den USA arbeitete Krackowitzer nach seiner Ankunft zuerst als praktischer Arzt in Williamsburg und nach seiner 1857 erfolgten Übersiedlung nach New York als Chirurg am Brooklyn City Hospital, am German Dispensary und am German Hospital (Lenox Hill Hospital). Krackowitzer avancierte in den USA zu einem renommierten Chirurgen und führenden Laryngologen, der hier auch angeblich den Kehlkopfspiegel bekannt gemacht haben soll. Er war Mitglied und Vorsitzender der Pathological Society sowie der Medical Society of the Country of New York, Mitbegründer des „Deutsche Hospital“ und gründete 1852 gemeinsam mit Kollegen die „New Yorker medizinische Monatsschrift“. Ebenso engagierte er sich als Mitglied im 1871 gegründeten Committee of Seventy, einer Bürgerreformbewegung, die sich zur Kontrolle der Regierung konstituiert hatte.

Während des Sezessionskrieges (1861–1865) diente Krackowizer, der ein deklarierter Gegner der Sklaverei und ein Anhänger des republikanischen Präsidenten Abraham Lincoln war, auf der Seite der Nordstaaten sowohl als Generalinspekteur der Militärspitäler und beratender Chirurg der Unionsarmee, als auch in zwei Schlachten als Chirurg in Feldspitälern.

Krackowitzer starb am 23. September 1875 an Typhusfieber auf seinem Landgut Greenmount in Sing-Sing (Ossining) in der Nähe von New York City. 1876 gaben seine Freunde und Kollegen in New York zu seinem Andenken ein Gedenkbuch („In Memory of Ernst Krackowitzer“) heraus. [3]

Von Ernst Krackowizer besitzt die Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin seine 1845 an der Universität Wien approbierte Dissertation.

Weiters findet sich an der Zweigbibliothek zu Ernst Krakowitzer der von Abraham Jacobi verfasste Nachruf:

Jacobi, Abraham: Biographical Sketch of Ernst Krackowizer. Abschrift aus: In memory of Ernst Krackowizer. New York: Putnam 1875.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Abschr.589]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8590092&pos=1&phys=#

sowie Althof, H.: Rede [über Ernst Krackowizer] Abschrift aus: In memory of Ernst Krackowizer. New York: Putnam 1875.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Abschr. 619]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8536569&pos=0&phys=#

sowie: Obituary Dr. Ernst Krackowizer. New York: 1875. Abschrift aus: New Yorker Staats-Zeitung, Jg. 41. Nr. 229.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Abschr. 618]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8599586#

[1] Linzer Zeitung, 17.5.1847, S. 14.

[2] Wiener Zeitung, 10.1.1848, S. 1.

[3] Wiener Medizinische Wochenschrift, Nr. 38, 1876, Sp. 950.

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [72]: Siegemund, Justine: Die Königl. Preußische und Chur-Brandenb. Hof-Wehe-Mutter,…gebohrner Diettrichin, von Ronnstock aus Schlesien, im Jaurischen Fürstenthum gelegen. Berlin: 1756.

Siegemund, Justine: Die Königl. Preußische und Chur-Brandenb. Hof-Wehe-Mutter, Das ist: Ein höchst nöthiger Unterricht von schweren und unrecht-stehenden Geburthen, In einem Gespräch vorgestellet, Wie nehmlich, durch Göttlichen Beystand, eine wohlunterrichtete Wehe-Mutter mit Verstand und geschickter Hand dergleichen verhüten, oder wanns Noth ist, das Kind wenden könne; Durch vieler Jahre Uebung selbst erfahren und wahr befunden: Nun aber Gott zu Ehren und dem Menschen zu Nutz, Auf gnädigst „und inständiges Verlangen Durchlauchtigst“ und vieler hohen Standes-Personen verbessert, mit einem Anhange heilsamer Artzney-Mittel, und mit denen dißfalls erregten Controvers-Schriften vermehret, Nebst doppelter Vorrede, Kupffern und nöthigem Register zum Druck befördert von Justinen Siegemundin, gebohrner Diettrichin, von Ronnstock aus Schlesien, im Jaurischen Fürstenthum gelegen. Berlin: zu finden bey Christian Friedrich Voß 1756.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Josephinische Bibliothek, Sign.: JB6619]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=6182485&pos=0&phys=

Text: Harald Albrecht, BA

Abb. 1    Titelblatt: Siegemund: Die Königl. Preußische und Chur-Brandenb. Hof-Wehe-Mutter. Berlin: 1756.

Justine Siegemund, geborene Di(e)t(t)(e)rich (*26.12.1636 Jauer/Jawor, Niederschlesien, heute: Polen, gest. 10.11.1705 Berlin) stammte aus einer bildungsbürgerlichen Familie in Rohnstock/Roztoka (Niederschlesien, heute: Polen); ihr Vater war lutherischer Geistlicher. Justines – innerhalb der Familie – erworbene Bildungsgrad war für eine bürgerliche Frau im siebzehnten Jahrhundert äußerst ungewöhnlich. Etwa zwei Jahre nach ihrer 1655 erfolgten Hochzeit mit dem Rentschreiber [Verwaltungsbeamten, Anm.] Christian Siegemund wurde sie fälschlicher Weise für Schwanger gehalten und von verschiedenen Hebammen tagelang zur Geburt gedrängt. Diese traumatische Erfahrung veranlasste sie sich intensiv mit der Geburtshilfe zu befassen. Einerseits eignete sie sich ihr Wissen autodidaktisch durch die Lektüre geburtshilflicher Bücher an, andererseits durch Austausch mit verschiedenen Wehemüttern – „Hebammentätigkeit war noch nicht professionalisiert, basierte im Wesentlichen auf traditionellen Wissen gebärender und Geburtshilfe leistender Frauen“.[1] Justine Siegemund, die durch die gehobene Stellung ihres Ehemannes nicht auf Honorare angewiesen war, konnte sich so in den folgenden zwölf Jahren beträchtliches Wissen und Erfahrung auf diesem Feld aufbauen und wurde häufiger zu schweren Geburten gerufen.

Abb. 2    Autorinnenportrait: Siegemund: Die Königl. Preußische […] Hof-Wehe-Mutter. Berlin: 1756.

1670 wurde Siegemund auf Betreiben eines Arztes zur Stadt-Wehemutter in Liegnitz/Legnice (Niederschlesien, heute: Polen) bestellt. „Etwa zwei Jahre nach ihrem Amtsantritt rettete sie der von den Ärzten erfolglos behandelten Luise von Anhalt-Dessau (1631-1680), die nach dem Tod ihres Ehemanns, Herzog Christians von Liegnitz-Brieg-Wohlau (1618-1672), die Regentschaft führte, durch die Entfernung eines Gebärmuttergewächses das Leben. Bis zum Tod der Herzogin genoss die Hebamme daraufhin Unterhalt an deren Hof, aufgrund ihrer Freistellung und ihres Rufs wurde sie nicht nur innerhalb Schlesiens, sondern auch aus Sachsen angefordert. Sie stand jedoch bis 1678 […] immer wieder auch den Liegnitzer Schwangeren und Gebärenden zur Verfügung, allerdings eben nicht mit der für Stadthebammen gewöhnlich geforderten Ausschließlichkeit.“[2] Trotz ihrer geschützten Stellung musste sich Siegemund immer wieder gegen Anfeindungen ihrer männlichen Kollegen zur Wehr setzen. Ähnlich wie später ihre Kolleginnen in Frankreich, Angélique Marguerite Le Boursier Du Coudray (1712-1794) und Elizabeth Nihell (1723-1776) in England, wurde versucht ihre Expertise zu marginalisieren. Dahinter stand ein zusehends eintretender Verdrängungsprozess zum Nachteil der Hebammen, da das lukrative Feld der Geburtshilfe immer stärker in den Fokus der männlichen Ärzte rückte. „Im September des Jahres 1680 reichte der öffentlich angestellte Liegnitzer Stadtarzt Dr Martin Kerger (1622-1691) auf dem Rathaus ein Memorial ein. Darin bezichtigte er die Hebamme Justina Siegemund gewalttätiger geburtshilflicher Praktiken. Insbesondere warf er ihr vor, Geburten aus Eigennutz zu beschleunigen, und stellte dies in Zusammenhang mit ihrem ungewöhnlich weitgespannten Aktionsradius.“[3]

1683 wurde Justine Siegemund von Kurfürst Friedrich Wilehlm von Brandenburg (1620-1688) als Chur-Brandenburgische Hof-Wehemutter an dessen Hof berufen. Laut ihrer Bestallungsurkunde sollte sie dort hauptsächlich Hofangehörige betreuen. Darüber hinaus wurde sie, was bei geschickten Hebammen zur damaligen Zeit durchaus üblich war, zur Niederkunft und Wochenpflege verschiedener Prinzessinnen und Fürstinnen, an andere, meist eng mit den Hohenhzollern verbundener Höfe, ausgeliehen. „Zum Alltag der über die deutschen Grenzen hinaus berühmten Hofhebamme gehörten nicht zuletzt der Kontakt und Austausch mit akademisch gebildeten Ärzten – und von daher wiederum die Konfrontation mit Konkurrenz und Standesdenken.“[4]

Abb. 3    Tafel 11: Siegemund: Die Königl. Preußische […] Hof-Wehe-Mutter. Berlin: 1756.

1690 veröffentlichte sie ihr Werk: „Die Chur-Brandenburgische Hoff-Wehe-Mutter […]“, nachdem sie 1689 die Billigung dazu von der Medizinischen Fakultät der Universität Frankfurt/Oder bekommen hatte, bei der das Werk davor zur Zensur vorgelegen hatte. In diesem Werk, das sich besonders den „schweren Geburten“ widmete vermittelte sie ihr Wissen in Form eines Dialoges zwischen ihr und einer ihrer Schülerinnen. Die Kupfertafeln im Buch wurden von Samuel Blesendorf (1633-1706) gezeichnet und gestochen. Darin beschreibt Justine Siegemund unter anderem das Drehen des ungeborenen Kindes in der Gebärmutter. Sie gilt als Erfinderin dieses Wendehangriffs – der „gedoppelte Handgriff der Siegemundin“ ist bis heute ein nach ihr benannter Begriff. Siegmunds Werk war ein großer Erfolg beschert. Es zählt zu den bedeutendsten im 17. Jahrhundert auf Deutsch abgefassten geburtshilflichen Werken. Bereits ein Jahr nach der Erstauflage wurde eine niederländische Auflage gedruckt. Im deutschen Sprachraum erschienen weitere Ausgaben 1708, 1715, 1723, 1724, 1741, 1752 und 1756.

Abb. 4    Blatt 186: Siegemund: Die Königl. Preußische […] Hof-Wehe-Mutter. Berlin: 1756.

Quellen:

Homepage: 500 Reformation: von Frauen gestaltet. Stand: 09.08.2018.

http://frauen-und-reformation.de/?s=bio&id=137

Siegemundin, [Sigmund(in)], Justine. In: Ärzte-Lexikon. Von der Antike bis zur Gegenwart. Mit 84 Abbildungen. Hrsg. von Wolfgang U. Eckart und Christoph Gradmann. 3. vollständig überarbeitete Auflage. Heidelberg: Springer Medizin Verlag 2006. S. 303.

Tshisuaka, Barbara I.: Siegemund[in], geb. Dittrich [Dietrich], Justina, Hebamme. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. Hrsg. von Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage Gundolf Keil und Wolfgang Wegner. Berlin und New York: Walter de Gruyter 2005. S. 1329.

Pulz, Waltraud: Gewaltsame Hilfe? Die Arbeit der Hebamme im Spiegel eines Gerichtskonflikts (1680-1685). In: Rituale der Geburt. Eine Kulturgeschichte. (= Beck’sche Reihe, 1280). Hrsg. von Jürgen Schlumbohm, Barbara Duden, Jacques Gélis und Patrice Veit. München: Beck 1998. S. 68-83 und S. 314-318.

[1] Homepage: 500 Reformation: von Frauen gestaltet. Stand: 09.08.2018. http://frauen-und-reformation.de/?s=bio&id=137

[2] Homepage: 500 Reformation: von Frauen gestaltet. Stand: 09.08.2018. http://frauen-und-reformation.de/?s=bio&id=137

[3] Pulz, Waltraud: Gewaltsame Hilfe? Die Arbeit der Hebamme im Spiegel eines Gerichtskonflikts (1680-1685). In: Rituale der Geburt. Eine Kulturgeschichte. (= Beck’sche Reihe, 1280). Hrsg. von Jürgen Schlumbohm, Barbara Duden, Jacques Gélis und Patrice Veit. München: Beck 1998. S. 69.

[4] Homepage: 500 Reformation: von Frauen gestaltet. Stand: 09.08.2018. http://frauen-und-reformation.de/?s=bio&id=137

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [70]: Nihell, Elizabeth: La Cause De L’Humanité, Référée Au Tribunal du bon sens & de la raison: Ou Traité Sur Accouchemens Par Les Femmes. 1771.

Nihell, Elizabeth: La Cause De L’Humanité, Référée Au Tribunal du bon sens & de la raison: Ou Traité Sur Accouchemens Par Les Femmes. Ouvrage très-utile aux Sages-Femmes, & très-intéressant pour les Familles. Traduit de l’Anglois. London, Paris: Chez Antoine Boudet, Imprimeur du Roi 1771.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Josephinische Bibliothek, Sign.: JB3874]

https://ubsearch.meduniwien.ac.at/

Text: Harald Albrecht, BA

Abb. 1    Elizabeth Nihell (1723-1776)

Elizabeth Nihell (1723-1776) war eine der bekanntesten und streitbarsten englischen Hebammen ihrer Zeit. Sie wurde 1723 in England geboren und stammte aus einer französisch-katholischen Familie. 1740 zog sie nach Paris wo sie den Mediziner und Apotheker Edmund (oder Edward) Nihell heiratete. Dieser kam aus einer bekannten irischen Familie, die zahlreiche Kaufleute, Mediziner, Priester und Autoren hervorgebracht hatte. Das Paar hatte zumindest ein gemeinsames Kind. 1747 begann Elizabeth Nihell ihre Ausbildung im Pariser Hôtel-Dieu, das von Louis duc d’Orléans (1703-1752) gefördert wurde. Eine ihrer Ausbildnerinnen war die berühmte französische Hebamme Angélique Marguerite Le Boursier Du Coudray (1712-1794). Während ihrer zweijährigen Zeit im Hôtel-Dieu fanden dort etwa 2.000 Geburten statt. Nihell konnte, was für die damalige Zeit sehr ungewöhnlich war – die meisten Hebammen waren nur sehr rudimentär oder gar nicht ausgebildet – in dieser Institution einen reichen Schatz an Erfahrungen sammeln.

1754 übersiedelte Elizabeth Nihell mit ihrem Mann zurück nach London, wo sie mindestens bis 1772 als Hebamme praktizierte. Schon in Paris beobachtete sie das Aufkommen immer mehr chirurgisch ausgebildeter männlicher Geburtshelfer mit großer Skepsis und Argwohn. Die Situation in England stellte sich ähnlich dar. Während die männlichen Geburtshelfer stetig zunahmen und immer höhere Preise für ihre Dienste verlangen konnten, wurden die Hebammen immer mehr zurückgedrängt und mussten sich mit immer geringeren Honoraren zufriedengeben. Nihell versuchte sich gegen diese Marginalisierung ihrer Berufsgruppe zu wehren und attackierte ihre männliche Kollegenschaft öffentlich. Nihell throws herself with great gusto into the very frontline of the battle between the two sexes over who should provide antenatal care and attend women in labour: female midwives with their inborn aptitude, empathetic approach and nature-friendly practice, or male practicioners keen to intervene to show their ‘superiority’ over women through crude attempts at early intervention and the use of forceps.“[1] Besonders die Geburtszangen, die ihre männlichen Kollegen verwendeten waren ihr ein Dorn im Auge, da sie ihrer Ansicht nach wesentlich mehr Schaden als Nutzen bringen würden. Eines ihrer Lieblingsziele ihrer öffentlichen Angriffe war William Smellie (1697-1793), einer der ersten und bekanntesten männlichen Geburtshelfer Englands. Many of her strongest attacks were dedicated at William Smellie who, through his classes for both male and female midwives, had increasing influence. She belittled his physique, alluding to his large hands, ‘the delicate fist of a great-horse-godmother of a he-midwife’.“[2]

1760 publizierte Elizabeth Nihell ihr Hauptwerk unter dem Titel: Nihell, Elizabeth: A Treatise On The Art Of Midwifery. Setting Forth Various Abuses therein, Especially as so the Practice with Instruments: The Whole Serving to put all Rational Inquirers in a fair Way of very safely forming their own Judgment upon the Question; Which it is best to employ, In Cases of Pregnancy an Lying-In, A Man-Midwife; Or A Midwife. London: Printed for A. Morley, at Gay’s-Head, near Beaufort Buildings, in the Strand 1760.

Die Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin besitzt eine französische Übersetzung dieses Buches aus dem Jahr 1771: Nihell: La Cause De L’Humanité […]. London, Paris: 1771. Nihells Werk versteht sich nicht nur als Lehrbuch für Hebammen sondern auch als Streitschrift für ihre Sache, in der sie auch für ihre Positionen eintrat.

Abb. 2    Titelblatt: Nihell: La Cause De L’Humanité […]. London, Paris: 1771.

Elizabeth Nihell konnte jedoch die Entwicklungen ihrer Zeit nicht aufhalten. Es kann angenommen werden, dass sie ca. 1771 von ihrem Mann verlassen worden war. Unter den fortschreitend erschwerten Bedingungen für Hebammen musste sie nun ohne jede finanzielle Unterstützung für sich selbst aufkommen. Ab 1775 blieb ihr nichts anderes übrig als in ein Armen-Arbeitshaus zu ziehen wo sie ein Jahr später, 1776, starb.

Quellen:

Beal, Jane: Elizabeth Nihell. A feisty English midwife (1723-1776). In: Midwifery today. (114) 2015. S. 56-57.

Bosanquet, Anna: Inspiration from the past (3). Elizabeth Nihell, the ‘anti-obstetric’ midwife. In: The practising midwife. (12/10) 2009. S. 46-48.

Nihell, Elizabeth (b. 1723). In: On the shoulders of giants: eponyms and names in obstetrics and gynaecology. Von Thomas F. Basket. London: RCOG Press 1996. S. 160-161.

Nihell, Elizabeth (1723-?). In: The history of obstetrics and gynaecology. Von Michael J. O’Dowd und Elliot E. Philipp. Carnforth/Lancashire: Parthenon Publishing Group 1994. S. 638-639.

[1] Bosanquet, Anna: Inspiration from the past (3). Elizabeth Nihell, the ‘anti-obstetric’ midwife. In: The practising midwife. (12/10) 2009. S. 46.

[2] Nihell, Elizabeth (b. 1723). In: On the shoulders of giants: eponyms and names in obstetrics and gynaecology. Von Thomas F. Basket. London: RCOG Press 1996. S. 161.

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [68]: Le Boursier Du Coudray, Angélique Marguerite: Abrégé De L’Art Des Accouchemens…Ouvrage très-utile aux jeunes Sages-femmes, & généralement à tous les Éleves en cet Art, qui desirent de s’y rendre habiles. 1785

 Le Boursier Du Coudray, Angélique Marguerite: Abrégé De L’Art Des Accouchemens, Dans lequel on donne les préceptes néceffaires pour le mettre heureusement en pratique, & auquel on a joint plusiers Observations intéressantes sur des cas singuliers: Ouvrage très-utile aux jeunes Sages-femmes, & généralement à tous les Éleves en cet Art, qui desirent de s’y rendre habiles. Sixieme Édition Avec Figures en couleurs. Paris: Chez Théophile Barrois le jeune. 1785.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Josephinische Bibliothek, Sign.: JB3904]

https://ubsearch.meduniwien.ac.at/

Text: Harald Albrecht, BA

Abb. 1    Frontispiz mit Autorinnenportrait und Titelblatt: Le Boursier Du Coudray, Angélique Marguerite: Abrégé De L’Art Des Accouchemens […]. Paris: 1785.

Angélique Marguerite Le Boursier Du Coudray (*1712 Clermont-Ferrand, gest. 17.04.1794 Bordeaux) war eine französische Hebamme, die einen wesentlichen Anteil an der Einführung einer systematischen Ausbildung von Hebammen und Geburtshelfern hatte. Sie stammte aus einer französischen Ärztefamilie. 1740 schloss sie ihre dreijährige Ausbildung zur Hebamme, die sie bei Anne Bairsin dame Philibert Mangin genossen hatte, mit einer Prüfung an der Ecolé de Chirurgie in Paris ab.

„Mme Angélique Marguerite Le Boursier du Coudray was unique, for she was a political midwife, a public figure.“[1] Nachdem sie und ihre Mitstreiterinnen sich mithilfe einer Petition erfolgreich gegen eine Abwertung der Hebammen gegenüber Chirurgen und Geburtshelfern, die aus ihrer Sicht die weitere Ausbildung von Hebammen in Bedrängnis gebracht hätte, zur Wehr gesetzt hatten, wurde sie 1743 zur leitenden accoucheuse (Hebamme) des Hôtel-Dieu in Paris ernannt.

She has also invented a machine, an obstetrical model of a mother’s pelvis, with a foetus inside that can be extracted from every conceivable position, and upon which midwifery students can practice manoeuvres allowing them to deliver in even the most difficult circumstances.“[2]

Abb. 2    „La Machine de Madame Du Coudray“. Musée de l’Homme. Paris, Palais de Chaillot.

Diese sogenannte Machine bestand aus Stoff, Leder und Füllmaterial, formte den Torso einer gebärenden Frau und hatte auch einen Fötus in der Gebärmutter. Um den Geburtsvorgang zu demonstrieren wurde die Dehnung des Geburtskanals mit Seilen simuliert. Der Kopf der Säuglingspuppe hatte einen geöffneten Mund mit Zunge, in den zwei Finger bis zu fünf Zentimeter gesteckt werden konnten. Im Falle einer Geburt in Beckenendlage war dieses Detail wichtig, da die Hebamme, ihre Finger in den Kopf der Puppe stecken konnte und so die Passage durch den Geburtskanal erleichterte. Die Machine eignete sich hervorragend um das Raumverständnis und das Ertasten der Hebammen zu schulen. Die Machine kann heute noch in Paris im Musée de l’Homme im Palais de Chaillot besichtigt werden.

 Angélique du Coudray’s scientific contributions resulted in an overall decrease in the period’s infant mortality rate. At the suggestion of Louis XV [(1710-1774) Anm.], she began educating midwives in rural France in 1759.“[3] In den 1760er Jahren führten sie ausgedehnte Ausbildungsreisen in über 40 Gemeinden in Frankreich in denen sie Kurse für junge Hebammen abhielt. Ihr Unterricht legte auch erstmals einen Fokus auf die Versorgung von wenig lebensfähigen Neugeborenen. Diese Kleinkinder wurden meist von den Müttern getrennt und sich selbst überlassen während sich die Hebammen hauptsächlich um die Mütter kümmerten. Durch die intensivere Pflege dieser Neugeborenen mit geringeren Überlebenschancen konnte deren Mortalität ebenfalls stark gesenkt werden.

Du Coudrays, erstmals 1759 erschienenes Buch, Abrégé De L’Art Des Accouchemens […], das in der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin der Universitätsbibliothek der MedUni Wien in seiner sechsten Auflage aus dem Jahr 1785 vorliegt, beinhaltet ihre Vorlesungen in der Reihenfolge, wie sie auch ihren Unterricht aufbaute; beginnend mit den weiblichen Geschlechtsorganen und dem Prozess der Fortpflanzung. Danach geht das Buch auf angemessene pränatale Fürsorge ein bevor schließlich der Geburtsvorgang sowie schwierige Geburten, Zwillingsgeburten, Steißlagen und Totgeburten diskutiert werden. Das Werk geht auch auf eine Reihe seltener Fälle ein, die während der Geburten vorkommen können, die Du Coudray als ihre „les observations“ bezeichnete. Trotz seiner bedeutenden Beiträge zum Feld der Geburtshilfe, wurde Du Coudrays Abrégé De L’Art Des Accouchemens […] anfangs nicht sehr ernst genommen. Erst nach und nach setzte es sich durch und entwickelte sich incl. zahlreicher Neuauflagen zu einem der einflussreichsten Werke der Geburtshilfe im 18. Jahrhundert. Dem Text sind 26 kolorierte Kupfertafeln zur Anatomie und Chirurgie beigefügt.

Abb. 3    Tafel aus: Le Boursier Du Coudray, Angélique Marguerite: Abrégé De L’Art Des Accouchemens […]. Paris: 1785.

Quellen:

Hayrapetian, Artineh, Oakes, Peter u.a.: Female anatomists and their biographical sketches. In: International journal of history and philosophy of medicine. (5) 2015.

du Coudray, Angelique Marguerite 1714/5-1794. In: Women in medicine: an encyclopedia. Santa Barbara/Cal.: ABC-CLIO 2002. S. 66-67.

Gelbart, Nina: Midwife to a nation. Mme du Coudray serves France. In: The art of midwifery. Early modern midwives in Europe. Hrsg. von Hilary Marland. (= The Wellcome Institue series in the history of medicine/24). London, New York: Routledge 1994. S. 131-151.

Ritter, Gerhard: Madame Angélique Marguerite Le Boursier du Coudray. Die französische Geburtshilfe des 18. Jahrhunderts. Sonderabdruck aus: Deutsches Ärzteblatt – ärztliche Mitteilungen (62/38). Köln: Deutscher Ärzte-Verlag 1965.

[1] Gelbart, Nina: Midwife to a nation. Mme du Coudray serves France. In: The art of midwifery. Early modern midwives in Europe. Hrsg. von Hilary Marland. (= The Wellcome Institue series in the history of medicine/24). London, New York: Routledge 1994. S. 131.

[2] Gelbart, Nina: Midwife to a nation. Mme du Coudray serves France. In: The art of midwifery. Early modern midwives in Europe. Hrsg. von Hilary Marland. (= The Wellcome Institue series in the history of medicine/24). London, New York: Routledge 1994. S. 132.

[3] Hayrapetian, Artineh, Oakes, Peter u.a.: Female anatomists and their biographical sketches. In: International journal of history and philosophy of medicine. (5) 2015. S. 3.

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [58]: Schönbauer, Leopold: Das medizinische Wien. Geschichte, Werden, Würdigung. Mit 167 Bildern.

Schönbauer, Leopold: Das medizinische Wien. Geschichte, Werden, Würdigung. Mit 167 Bildern. Berlin und Wien: Urban & Schwarzenberg 1944.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Josephinische Bibliothek, Sign.: WM007]

https://ubsearch.meduniwien.ac.at

Text: Harald Albrecht, BA

Abb. 1    Titelblatt: Schönbauer: Das medizinische Wien […] Berlin und Wien: 1944.

Leopold Schönbauer (*13.11.1888 Thaya/Niederösterreich, gest. 11.09.1963 Wien) war unter anderem vom 1945 bis 1960 Vorstand des Instituts für Geschichte der Medizin der Universität Wien im Josephinum. Er stammt aus einer Ärztefamilie – sein Urgroßvater war Wundarzt und wurde an der medizinisch-chirurgischen Josephsakademie ausgebildet und auch sein Großvater mütterlicherseits war Mediziner. Sein Vater arbeitete als Gemeindearzt in Thaya, im nördlichen Waldviertel. Schönbauer studierte nach dem Besuch des Gymnasiums in Prachatice/Prachatitz (CZ) Medizin an der deutschen Karl-Ferdinands-Universität in Prag. 1914 schloss er sein Medizinstudium in Prag mit seiner Promotion ab. Während des Ersten Weltkrieges wurde er einer mobilen Chirurgengruppe der I. Chirurgischen Universitätsklinik unter der Leitung von Anton von Eiselsberg (1860-1939) zugeteilt. Auch nach dem Ende des Krieges blieb Schönbauer an dieser Klinik und habilitierte sich an dieser 1924 für das Fach Chirurgie.

Nach seiner Habilitation unternahm Leopold Schönbauer eine Studienreise in die USA, wo er unter anderem vier Monate bei Harvey Cushing (1869-1939), dem Begründer der Neurochirurgie, verbrachte. 1925 hospitierte er bei Ferdinand Sauerbruch (1875-1951), einem der bedeutendsten deutschen Chirurgen des 20. Jahrhunderts. Ab 1930 war Schönbauer Leiter der chirurgischen Abteilung des Krankenhauses Lainz der Stadt Wien und wurde 1933 zum außerordentlichen Professor. 1931 wurde er auf Veranlassung Julius Tandlers (1869-1939) zusätzlich Leiter des Strahlentherapeutischen Instituts im Krankenhaus Lainz.

Schönbauer wurde 1939 zum Ordinarius an der I. Chirurgischen Universitätsklinik bestellt. Er trat dort die Nachfolge Egon Ranzis (1875-1939) an, der aufgrund seiner exponierten Stellung im austrofaschistischen Ständestaat von den Nationalsozialisten nach dem „Anschluss“ für sechs Wochen inhaftiert und danach pensioniert worden war. Während des Nationalsozialismus gelang Schönbauer die Festigung seiner Machtposition innerhalb der Medizinischen Fakultät, indem er relevante universitäre Gremien besetzte. Schönbauer blieb bis zu seiner Emeritierung 1960 Vorstand dieser Klinik. Er war Parteianwärter der NSDAP und erhielt 1943 das silberne „Treuedienstzeichen“ der NSDAP verliehen. „Nach dem Krieg ermöglichte eine als ,Lex Schönbauer‘ bekannte Sonderregelung seine raschen Entnazifizierung.“[1] Er zählte damit auch zu jenen zahlreichen Professoren an der Medizinischen Fakultät, die trotz ihrer Verstrickungen im NS-System, nach 1945 als „Minderbelasteter“ nicht nur von den Entnazifizierungsmaßnahmen unbeschadet blieben, sondern auch ihren während der NS-Zeit begonnenen Karriereaufstieg weitestgehend bruchlos fortsetzen konnten. Im April 1945 gelang es Schönbauer zunächst rechtzeitig noch die Seiten zu wechseln. Eine von ihm angeblich angeführte Widerstandsaktion, bei der er die Zerstörung des AKH abwenden konnte, führte zu einem von ihm über Jahrzehnte gepflegten Mythos als Retter des AKH, der ihn von 1945 bis 1961 zusätzlich in die Position des Direktors des Wiener Allgemeinen Krankenhauses verhalf. Ebenfalls ab 1945 war er – zunächst provisorisch – Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Universität Wien im Josephinum, bis das Institut 1960 von Erna Lesky (1911-1986) übernommen wurde. Im Studienjahr 1953/54 wurde er zum Rektor der Universität Wien gewählt. Schönbauer, der in den 1950er Jahren überaus prominent war, war von 1959 bis 1962 Abgeordneter zum Nationalrat für die ÖVP.

Während seiner wissenschaftlichen Karriere befasste sich Leopold Schönbauer besonders mit Schilddrüsenchirurgie, Neurochirurgie und Karzinomforschung und verfasste über 300 wissenschaftliche Publikationen. Darüber hinaus beschäftigte sich Schönbauer immer wieder mit Medizingeschichte. 1944 (und 1947 in zweiter Auflage) erschien – mit wesentlicher Beteiligung seiner Assistentin Marlene Jantsch – sein Werk: Das medizinische Wien.

 Abb. 2    Marlene Jantsch

Marlene Jantsch (*26.09.1917 Osterwieck/Sachsen-Anhalt, gest. 17.07.1994 Wien) wurde als Marlene Ratzersdorfer, Tochter des Verlegers Hugo Ratzersdorfer, in Deutschland geboren. Sie besuchte zuerst eine Mittelschule in Berlin und übersiedelte 1933 nach Wien, wo sie 1936 am Döblinger Mädchengymnasium maturierte. Ab dem Wintersemester 1936 studierte sie Medizin an der Universität Wien und schloss ihr Studium 1941 mit ihrer Promotion ab. Danach wurde sie an der I. Chirurgischen Universitätsklinik unter Leopold Schönbauer Assistentin und ab 1942 seine Privatassistentin. Während dieser Zeit befasste sie sich eingehend mit Studien zur Geschichte der Medizin. „Zahlreiche Arbeiten bis 1945 erschienen unter dem Namen Schönbauers – etwa eine Artikelserie im ,Völkischen Boten‘. 1944 erschien das Buch ,Das medizinische Wien‘ in erster Auflage, für das sie gemeinsam mit ihrem Mann Hans Jantsch, unter den schwierigen Bedingungen dieser Zeit umfangreiche Recherchen durchgeführt hatte.“[2] Erst ab 1948 erschienen ihre Publikationen ausschließlich unter ihrem Namen. Ab 1945 betreute Marlene Jantsch das Institut für Geschichte der Medizin der Universität Wien im Josephinum im Namen Leopold Schönbauers zusätzlich zu ihren Verpflichtungen als Internistin in der I. Chirurgischen Universitätsklinik. Ihr ist der Verdienst des Wiederaufbaus des Instituts für Medizingeschichte zuzurechnen. 1957 habilitierte sich Jantsch im Fach Medizingeschichte, ebenso wie Erna Lesky. „Das Verhältnis der beiden Wiener Medizinhistorikerinnen war vor allem durch divergierende Ansichten über das Wesen der Medizingeschichte belastet, jedoch auch durch die Unterschiede zweier starker Persönlichkeiten und deren sozialem Hintergrund.“[3] Mit der Bestellung Leskys als Schönbauers Nachfolgerin an der Medizingeschichte endete Jantsch‘ Tätigkeit im Josephinum. Ab 1963 arbeitete sie zunächst als Konsularärztin der gynäkologischen und urologischen Abteilung im Krankenhaus Lainz. Mit der Berufung Joseph Rummelhardts (1919-1987) zum Ordinarius der Urologischen Universitätsklinik 1974 wechselte sie an dessen Klinik im Allgemeinenen Krankenhaus Wien.

Quellen:

Die Wiener Medizinische Fakultät 1938 bis 1945. Hrsg.: Josephinum – Sammlungen der Medizinischen Universität Wien. Wien: Josephinum 2018.

Schmidt-Wyklicky, Gabriela: Schönbauer, Leopold. In: Neue Deutsche Biographie (23) 2007. S. 383-369.

Arias, Ingrid: Entnazifizierung an der Wiener Medizinischen Fakultät: Bruch oder Kontinuität? Das Beispiel des Anatomischen Instituts. In: Zeitgeschichte. (6) 2004. S. 339-388.

Hubenstorf, Michael: Kontinuität und Bruch in der Medizingeschichte. Medizin in Österreich 1938-1955. In: Kontinuität und Bruch 1938-1945-1955. Beiträge zur österreichischen Kultur- und Wissenschaftsgeschichte. Hrsg.: Friedrich Stadler. (= Emigration-Exil-Kontinuität. Schriften zur zeitgeschichtlichen Kultur- und Wissenschaftsforschung 3) Münster: Lit Verlag 2004.

Horn, Sonia: Jantsch, Marlene, geb. Ratzersdorfer. In: Wissenschafterinnen in und aus Österreich. Leben-Werk-Wirken. Hrsg.: Brigitta Keintzel und Ilse Korotin. Wien, Köln und Weimar: Böhlau Verlag 2002. S. 333-334.

Horn, Sonia und Gabriele Dorffner: „… männliches Geschlecht ist für die Habilitation nicht vorgesehen“. Die ersten an der medizinischen Fakultät der Universität Wien habilitierten Frauen. In: Töchter des Hippokrates. 100 Jahre akademische Ärztinnen in Österreich. Hrsg.: Birgit Bolognese-Leuchtenmüller und Sonia Horn. Wien: Verlag der Österreichischen Ärztekammer 2000. S. 117-138.

Jantsch, Marlene und Manfred Skopec: Leopold Schönbauer (1888-1963). In: Neue österreichische Biographie ab 1815. Große Österreicher. 19 Beiträge mit Portraits. Bd. 21. Wien und München: Amalthea-Verlag 1982. S. 103-109.

Chirurgische Universitätsklinik, Abgeordneter zum Nationalrat, AKH Wien, Allgemeines Krankenhaus Wien, Anton von Eiselsberg, Chirurgie, Egon Ranzi, Entnazifizierung, Erna Lesky, Harvey Chushing, Institut für Geschichte der Medizin, Joseph Rummelhardt, Josephinum, Julius Tandler, Leopold Schönbauer, Lex Schönbauer, Marlene Jantsch, Medizingeschichte, Neurochirurgie, Rektor, Universität Wien

[1] Die Wiener Medizinische Fakultät 1938 bis 1945. Hrsg.: Josephinum – Sammlungen der Medizinischen Universität Wien. Wien: Josephinum 2018. S. 44.

[2] Horn, Sonia und Gabriele Dorffner: „… männliches Geschlecht ist für die Habilitation nicht vorgesehen“. Die ersten an der medizinischen Fakultät der Universität Wien habilitierten Frauen. In: Töchter des Hippokrates. 100 Jahre akademische Ärztinnen in Österreich. Hrsg.: Birgit Bolognese-Leuchtenmüller und Sonia Horn. Wien: Verlag der Österreichischen Ärztekammer 2000. S. 136-137.

[3] Horn, Sonia und Gabriele Dorffner: „… männliches Geschlecht ist für die Habilitation nicht vorgesehen“. Die ersten an der medizinischen Fakultät der Universität Wien habilitierten Frauen. In: Töchter des Hippokrates. 100 Jahre akademische Ärztinnen in Österreich. Hrsg.: Birgit Bolognese-Leuchtenmüller und Sonia Horn. Wien: Verlag der Österreichischen Ärztekammer 2000. S. 137.

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [55]: Fouquet, Marie: Recueil Des Remedes Faciles Et Domestiques, Choisis & experimentez pour toutes sortes de Maladies internes & externes, 1726.

Fouquet, Marie: Recueil Des Remedes Faciles Et Domestiques, Choisis & experimentez pour toutes sortes de Maladies internes & externes. Nouvelle Edition redigée en meilleur ordre que les précedentes, & augmentée suivant les Manuscrits de ladite Dame. Tome Premier. Paris: Chez Musier 1726.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Josephinische Bibliothek, Sign.: JB1310]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=6175303

Text: Harald Albrecht, BA

Abb. 1    Titelblatt: Fouquet: Recueil Des Remedes Faciles Et Domestiques […] Paris: 1726.

Marie Fouquet, Vicomtesse de Vaux (1590-1681) stammte aus der bekannten französischen Aristokratenfamilie de Maupeou. Sie war mit François Fouquet verheiratet, der ebenfalls Teil der französischen Aristokratie und Mitglied des Parlaments in Paris war. Gemeinsam hatten sie 16 Kinder, von denen elf das Erwachsenenalter erreichten. Einer ihrer Söhne, Nicolas Fouquet (1615-1680), wurde später Finanzminister unter Ludwig XIV. (1638-1715). Madame Fouquet lebte im Frankreich der Gegenreformation, einer Zeit der erneuerten Spiritualität und in der neue religiöse Orden gegründet wurden. Religiös konnotierte Arbeit war eines der wenigen öffentlichen Betätigungsfelder, die Frauen ihrer Zeit offenstand. Motiviert von ihrer Frömmigkeit engagierte sich Marie Fouquet in der Wohltätigkeit. Sie gehörte 1633 zu den Gründungsmitgliedern der Filles de la Charité de Saint Vincent de Paul/Barmherzige Schwestern vom hl. Vincent von Paul und leitete unter anderem die Hospitäler der Les Dame de la Charité de l’Hôtel-Dieu in Paris (1634), l’Hôpital des Filles de la Providence in Paris (1658), und das l’Hôpital des Dames de la Propagation de La Foi (1664). Louis de Rouvroy, duc de Saint-Simon (1675-1755), der besonders für seine Memoiren, die das Leben am Hof Ludwig XIV. beschreiben, bekannt ist, nennt sie: „la mère des pauvres“[1] (die Mutter der Armen). „The virtue, courage and singular piety of this Lady, mother of the poor, whose name still lives was unshakebale…“[2]

Aufgrund ihrer Erfahrungen im Armen- und Krankenwesen publizierte sie 1675 mit der Hilfe ihres Sohnes Louis Fouquet (1633-1702) – einem Arzt und späteren Bischoff von Adge – und eines Mediziners namens Dr. Delescure der Universität von Montpellier ein pharmazeutisches Werk: ein sogenanntes Arznei- und Heilmittelbuch. Marie Fouquets intendierte Leserschaft waren weniger die ausgebildeten Ärzte sondern vielmehr pflegenden Klosterschwestern und Priester in armen Gemeinden. Es ging ihr darum möglichst einfach und verständlich für die Allgemeinheit leistbare Heilmethoden mit leicht und günstig erhältlichen Zutaten zu veröffentlichen. Viele der Rezepte für Salben und Tinkturen, die Fouquet propagierte, stammten aus ihrer eigenen Erfahrung als Mutter von elf Kindern. Das in zwei Bänden organisierte Werk wurde bald zum großen Erfolg und unverzichtbaren Vademekum pflegender Nonnen und Priester. In beinahe 600 Rezepten bietet Fouquets „Recueil Des Remedes Faciles Et Domestiques […]“ Heilmittel für Kopfschmerzen, Apoplexie, Epilepsie, Lähmungen, Halsschmerzen, Zahnschmerzen, Rheuma, Geschwüre, Koliken, Magenproblemen, Gelbsucht, Hämorrhoiden, Entzündungen,… sowie Behandlungsvorschläge für kleinere Wunden, Verbrennungen,… „Madame Fouquet was not the only individual to publish a book of traditional remedies in Early Modern France, but she was the only woman to do so.“[3]

Abb. 2    Titelblatt: Deutsche Übersetzung (1708) von Fouquet: Recueil Des Remedes Faciles Et Domestiques […]. Quelle: Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt.

Aufgrund des überaus großen Erfolges von Marie Fouqeuts Rezeptbuches „Recueil Des Remedes Faciles Et Domestiques […]“ wurde es in Frankreich bis 1740 noch weitere 17 Mal mit leicht variierenden Titeln aufgelegt und war in ländlichen Gegenden Frankreichs noch bis ins die Mitte des 19. Jahrhunderts weit verbreitet. Neben den französischen Auflagen wurde das Werk 1704, 1720 und 1738 in den Niederlanden veröffentlicht. Es wurde ins Portugiesische übersetzt und 1712, 1714 und 1749 aufgelegt. Die spanischen Übersetzungen wurden zwischen 1739 und 1872 publiziert. In Italien erschien es in mehreren Städten in einer Übersetzung zwischen 1683 und 1750. Auch ins Deutsche wurde Fouquets Rezeptbuch übersetzt und 1708 in Dresden bei Winckler verlegt (siehe Abb. 2). Die Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin besitzt den Ersten Band der französischen Ausgabe von 1726 dieses Werkes.

Quellen:

Whaley, Leigh Ann: Women and the practice of medical care in early modern Europe, 1400-1800. Basingstoke: Palgrave Macmillan 2011.

[1] Whaley, Leigh Ann: Women and the practice of medical care in early modern Europe, 1400-1800. Basingstoke: Palgrave Macmillan 2011. S. 74.

[2] Whaley, Leigh Ann: Women and the practice of medical care in early modern Europe, 1400-1800. Basingstoke: Palgrave Macmillan 2011. S. 74.

[3] Whaley, Leigh Ann: Women and the practice of medical care in early modern Europe, 1400-1800. Basingstoke: Palgrave Macmillan 2011. S. 76.

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [53]: Georg Mojsisovics von Mojsvár – Exlibris „Chirurgische Lesegesellschaft Dr. Mojsisovics“

Georg Mojsisovics von Mojsvár – Exlibris „Chirurgische Lesegesellschaft Dr. Mojsisovics“

Text: Dr. Walter Mentzel

Georg Mojsisovics von Mojsvár wurde am 20. April 1799 in Ivankofalva, im ungarischen Komitat Thurócz (heute: Ivančiná/Slowakei), als Sohn eines evangelischen Pastors geboren. Nach Absolvierung des Gymnasiums in Neusohl (heute: Banská Bystrica) und später in Schemnitz (heute: Banská Štiavnica) begann er, um dem Wunsch seines Vaters zu folgen und den Beruf eines Theologen zu ergreifen, mit philosophisch-juridischen Studien in Schemnitz und danach in Pressburg (heute: Bratislava). Sein naturwissenschaftliches Interesse führte ihn jedoch bereits 1820 zum Studium der Medizin nach Pest (Budapest) und 1824 nach Wien, wo er die sogenannten „praktischen Studienjahre“ absolvierte. Zu seinen fördernden Lehrern zählte der Chirurg und Professor am „Operateur-Institut“ (I. chirurgische Klinik) am Wiener AKH, Joseph Wattmann (1789-1866), der als Pionier und Vorreiter der plastischen Chirurgie gilt, sowie nach Abschluss seines Studiums der Leibarzt von Kaiser Franz I (1768-1835), Freiherr Andreas Joseph von Stifft (1760-1836). 1826 promovierte Mojsisovics in Wien an der Medizinischen Fakultät. Seine Dissertation findet sich heute an der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin:

Mojsisovics, Georg: Dissertatio Inauguralis Medico-Pharmacologica Sistens Actionem Et Ususm Therapevticum Balneorum Simplicium Tepidorum Quam Nutu Et Auctoritate Illustrissimi Ac Magnifici Domini Praesidis Et Directoris Perillustris Ac Spectabilis Domini Decani Nec Non Clarissimorum D. D. Professorum Pro Doctoris Medici Laurea Rite Obtinenda In Antiquissima Ac Celeberrima Universitate Vindobonensi Publicae Et Benevolae Disquisitoni Submittit Georgius Moj’sisovits, Hungarus Juancofalua Thurocziensis. In Theses calci adnexas disputabitur in Universitatis Aedibus die 8. Mensis Aprilis MDCCCXXVI. Wien: Typis Congregationis Mechitaristicae [1826].

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Medizinhistorische Dissertationen, Sign.: D4151]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8419350&pos=0&phys=

Abb. 1    Mojsisovics: […]Actionem Et Ususm Therapevticum Balneorum Simplicium Tepidorum […]. Wien: 1826.

Mojsisovics kehrte nach Beendigung seines Studiums nach Pest zurück, führte hier eine Privatpraxis und unterstütze finanziell seine Eltern. Schon wenige Monate später nahm er aber in Wien seine universitäre Laufbahn als Assistent bei Joseph Wattmann am „Operateur-Institut“ wieder auf und erhielt 1828 den Titel „Doktor der Chirurgie“. Nach seiner Ernennung zum Primararzt arbeitete er ab Oktober 1832 an der chirurgisch-ophthalmologischen Abteilung am Wiener Allgemeinen Krankenhaus und daneben von 1833 bis 1837 als Gerichtsarzt in Wien. Mojsisovics war Mitglied mehrerer nationaler wie internationaler wissenschaftlicher Vereinigungen und publizierte seine Studien in zahlreichen wissenschaftlichen Journalen. Auf seinem Spezialgebiet der Chirurgie – der Behandlung von Knochenbrüchen – entwickelte Mojsisovics eine Methode, Oberschenkelbrüche ohne Verkürzungen zu behandeln („Äquilibrialmethode“), die von ihm in seinem Hauptwerk 1842 ausführlich beschrieben wurde:

Mojsisovics, Georg: Darstellung der Aequilibrial-Methode zur sicheren Heilung der Oberschenkelbrüche ohne Verkürzung. Mit 4 Steindrucktafeln. Wien: Im Verlage von Braumüller und Seidel 1842.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger-Lesky Bibliothek, Sign.: 29302]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8615435&pos=1&phys=

Eine zweite Auflage unter gleichnamigen Titel erschien: Wien: Wilhelm Braumüller, k.k. Hofbuchhändler 1851.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger-Lesky Bibliothek, Sign.: 29197]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8615436

 

Abb. 2    Titelblatt: Mojsisovics: Darstellung der Aequilibrial-Methode […]. Wien: 1842.

Das Exemplar der Erstauflage des Werkes in der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin stammt aus der Bibliothek des ehemaligen „Doctoren-Collegiums“. Es enthält folgende Widmung an Ludwig Türkheim (1777-1846): „Seiner Hochgeboren/dem/Herrn Ludwig Freiherrn von Türkheim/Ritter des k. ung. S. Stephan Ordens,/k. k. wirklichem Hofrathe &c. &c./mit/tiefer Erhfurcht/vom Verfasser“. Ludwig Türkheim war Beisitzer und Referent der k. k. Studien-Hofkommission und Central-Organisierungs-Hofkommission, Vizedirektor des medizinisch-chirurgischen Studiums und Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Gesellschaften. Er war im Vormärz in Wien ein bedeutender Reformer der medizinischen Forschung und Lehre und schuf an der Fakultät eine Reihe neuer Kliniken und Lehrstühle.

Abb. 3    Tafel III: Mojsisovics: Darstellung der Aequilibrial-Methode […]. Wien: 1842.

Weiters beschäftigte er sich mit den Behandlungsmethoden der Syphilis und die Arzneiwirkungen des Jod.

Mojsisovics, Georg: Über die Bereitung der Kuh- und Schafmolke und ihren medizinischen Gebrauch. Wien: typ. Della Torre 1852.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger-Lesky Bibliothek, Sign.: 14060/2]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8615434&phys=prev&pos=0

Darüber hinaus befasste er sich – auch publizistisch – mit den Nutzungs- und Verbesserungsmöglichkeiten von Heilquellen – darunter vor allem mit jenen in Ungarn in Sziácser, Sliac, Füred und Pistyan aber auch mit jenen u.a. in Ischl, Karlsbad (heute: Karlovy Vary) und Gastein. Weiters setzte er Initiativen zur Einführung des Turnunterrichts und der Nutzung der Heilgymnastik. 1858 wurde Mojsisovics aufgrund seiner Leistungen im Wiener AKH in den Adelstand erhoben und trug fortan den Titel „Edler von“. Anlässlich seines Todes am 10. März 1861 in Wien erschien ein von seinem Schüler und Chirurgen, Josef Gruber (1827-1900), in der Wiener Medizinischen Wochenschrift verfasster Nachruf.

Gruber, Josef: Georg Mojsisovics Edler von Mojsvár. In: Wiener Medizinischen Wochenschrift. (11) 1861. Sp. 187-189.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger-Lesky Bibliothek, Sign.: Z10002/11]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8578294&pos=0&phys=

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno-plus?aid=wmw&datum=1861&page=100&size=68

Mojsisovics war während seiner Tätigkeit im Wiener allgemeinen Krankenhaus Initiator einer nach ihm benannten „Chirurgische Lesegesellschaft Dr. Mojsisovics“, – die den historischen Kern des Bibliotheksbestandes der I. chirurgischen Klinik darstellen dürfte – und deren ursprünglichen Existenz heute nur mehr die Exlibris in einzelnen Büchern bezeugen.

Abb. 4    Stempel: Chirurgische Lesegesellschaft Dr. Mojsisovics.

Ein Exlibris aus dieser nicht mehr existierenden Bibliothek findet sich in einem Buch an der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin:

Blumenbach, Johann Friedrich: D. Joh. Friedr. Blumenbachs der Med. Prof. ord. zu Göttingen Geschichte und Beschreibung der Knochen des menschlichen Körpers. Göttingen: bey Johann Christian Dieterich 1786.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Josephinische Bibliothek, Sign.: JB619]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=6172757

Sein erster Sohn Johann August Edmund Mojsisovics (1839-1907) war Geologe, Paläontologe und Alpinist (Gründungsmitglied des Österreichischen Alpenvereins), sein zweiter Sohn. August (1848-1897) war Mediziner und Zoologe.

Quelle:

Gruber, Josef: Georg Mojsisovics Edler von Mojsvár. In: Wiener Medizinischen Wochenschrift. (11) 1861. Sp. 187-189.

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