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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [390]: Politzer, Leopold Maximilian – Kinderarzt, Assistent am Mauthner Kinderspital, Direktor des Ersten öffentlichen Kinder-Krankeninstituts

Politzer, Leopold Maximilian – Kinderarzt, Assistent am Mauthner Kinderspital, Direktor des Ersten öffentlichen Kinder-Krankeninstituts

Autor: Dr. Walter Mentzel

Published online: 23.09.2026

Keywords: Kinderarzt, Mauthner Kinderspital, Erstes öffentliche Kinder-Krankeninstitut, Medizingeschichte, Wien

Leopold Maximilian Politzer wurde am 28. Dezember 1814 als Sohn des Kaufmannes Mager Politzer und Juditha, geborene Dobitsek, in Arad in Ungarn (heute: Rumänien) geboren. Er war mit Anna Politzer verheiratet.

Politzer begann sein Medizinstudium an der Universität in Pest, setzte 1836 sein Studium an der Universität Wien fort und promovierte hier an der Medizinischen Fakultät am 26. März 1839 zum Doktor der Medizin. Im selben Jahr konvertierte er vom jüdischen zum katholischen Glauben.

Im Revolutionsjahr 1848 trat Politzer als politischer Publizist hervor. In der Schrift „Die Mai-Revolution in Wien in ihrer Entwicklung und ihren Folgen pragmatisch dargestellt von Dr. L.M. Politzer“, die er „Allen Maikämpfern“ widmete, setzte er sich mit den politischen Ereignissen im Mai 1848 und deren verfassungsrechtlichen Konsequenzen auseinander. Noch im selben Jahr veröffentlichte er „Die Frage des konstituierenden Reichstags“, in der er seine Vorstellungen über die Aufgaben des bevorstehenden österreichischen Reichstags und die künftige staatliche Ordnung formulierte. Ein Exemplar dieser Schrift versah Politzer mit der handschriftlichen Widmung „Dem Wiedner Leseverein/Vom Verfasser.“

Mauthnersches Kinderspital und Krippen-Verein

Nach seinem Studium war Politzer an dem 1837 von Ludwig Mauthner (1806-1858) gegründeten Mauthnerschen Kinderspital, dem späteren St. Anna-Kinderspital, als Assistent von Mauthner tätig. Daneben arbeitete er als privater Kinderarzt und lebte bis etwa 1849 in der Leopoldstadt, Ferdinandgasse Nr. 652, wo sich auch seine Ordination befand. Ab etwa 1850 war er in Wien Stadt, Bazar Nr. 427, wohnhaft. Während seiner ärztlichen Tätigkeit in der Leopoldstadt war er unmittelbar mit den dortigen prekären Lebens- und Wohnverhältnissen breiter Bevölkerungsschichten konfrontiert. Sein besonderes Augenmerk galt dabei den gesundheitlichen und sozialen Folgen für Kinder. Bereits 1848 thematisierte er diese Verhältnisse in seiner Schrift „Zu den Geheimnissen der Koststuben und der kleinen Kostkinder“.[1] Darin setzte er sich kritisch mit den Bedingungen auseinander, unter denen Kinder in Kostpflege und anderen Formen außerfamiliärer Versorgung aufwuchsen. Die gesundheitliche Gefährdung der Kinder betrachtete Politzer dabei nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit der grassierenden Armut, den prekären Wohnverhältnissen, mangelhafter Ernährung und Pflege sowie unzureichender Betreuung. Zugleich entwickelte er Vorschläge zur Kontrolle und Verbesserung der Kinderfürsorge und verband damit medizinische mit gesellschaftlichen Präventionsmaßnahmen.

Sein Engagement setzte Politzer in den folgenden Jahren im Wiener Krippenverein fort. 1850 beteiligte er sich im Rahmen eines eigenen Komitees an der Errichtung einer Kinder- und Säuglingskrippe in der Leopoldstadt, deren Lokaldirektor er später wurde.[2] Diese Kinder- und Säuglingskrippe, eine sogenannte Creche, stand Kindern erwerbstätiger, unbemittelter Mütter zur Verfügung und lag damit an der Schnittstelle von Kinderheilkunde, Armenfürsorge, Frauenarbeit und öffentlicher Gesundheit. Dazu veröffentlichte Politzer den Artikel „Die Creche. In ihrer Bedeutung für unsere gesellschaftlichen Einrichtungen“, in dem er programmatisch die gesellschaftliche Bedeutung dieser Einrichtung herausarbeitete. Weitere Publikationen waren 1852 „Der Kinderarzt. Der Umgang der Mutter mit dem kranken Kinde“[3] und Diätische Briefe über das Kindesalter“.[4]

Jahrbuch für Kinderheilkunde

Im Juni 1853 rief Politzer gemeinsam mit dem kaiserlichen Leibarzt und Primararzt des Wiedner St. Josef-Kinderspitals Franz Mayr (1814-1863) sowie dem Kinderarzt und Sekundararzt der Wiener k.k. Findel-Anstalt Moriz Schuller (1825-1874) das „Jahrbuch für Kinderheilkunde“ ins Leben. Nach dem Erscheinen des ersten Bandes 1857/58[5] entwickelte es sich zu einer der bedeutenden wissenschaftlichen Fachzeitschriften der Kinderheilkunde. Nach Mayrs Tod übernahm Hermann Widerhofer (1832-1901) die Mitherausgeberschaft. Der Titel wurde später um den Zusatz „und physische Erziehung“ erweitert. Hier publizierte Politzer Arbeiten, von denen sich Separatabdrucke in einer Sammlung unter dem Titel „Original-Abhandlungen aus dem Gebiete der Kinderheilkunde : Separatabdrücke der grösstentheils im „Jahrbuch für Kinderheilkunde“ von demselben erschienenen Arbeiten“ in der Neuburger-Bibliothek der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin erhalten haben.

Erstes öffentliche Kinder-Krankeninstitut

1853 trat Politzer in das I. öffentliche Kinder-Krankeninstitut in Wien 1, Wollzeile ein und leitete die Institution bis 1882. Zu seinen Assistenten gehörte sein späterer Nachfolger Max Kassowitz (1842-1913). Hier entstanden zahlreiche seiner wissenschaftlichen Arbeiten zur Kinderheilkunde, darunter „Beobachtungen und Erfahrungen aus der Poliklinik des ersten öffentlichen Kinder-Kranken-Institut“. Politzer gehörte seit Mitte des 19. Jahrhunderts zu jenen Kinderärzten in Wien, die eine Verwissenschaftlichung der Kinderheilkunde anstrebten. Er kritisierte die unzureichende wissenschaftliche Grundlage vieler therapeutischer Maßnahmen, forderte stärker rational und experimentell begründete Behandlungsmethoden und beschäftigte sich intensiv mit Fragen der Diagnose und Früherkennung. Seine Arbeiten umfassten ein breites Spektrum der Kinderheilkunde. Neben der kindlichen Ernährung und Verdauungsphysiologie beschäftigte er sich mit Gehirnkrankheiten bei Kindern sowie mit Fragen der Diagnostik und Therapie und bemühte sich um deren physiologische und experimentelle Fundierung. Einen weiteren Schwerpunkt bildeten die frühzeitige Erkennung gefährlicher Krankheitsverläufe sowie deren prophylaktische und therapeutische Behandlung. Mit seinen während der langjährigen Leitung des Ersten öffentlichen Kinder-Krankeninstituts und als Mitherausgeber des Jahrbuchs für Kinderheilkunde veröffentlichten Arbeiten gehörte Politzer zu jener Generation von Ärzten, die zur Etablierung der Kinderheilkunde als eigenständige klinische und wissenschaftliche Disziplin in Wien beitrugen.

Unter seinen zahlreichen Publikationen wären zu nennen: „Therapeutische Erfahrungen über die wichtigsten Heilmittel der Kinderpraxis“, „Untersuchungen und Ideen zur Anbahnung wissenschaftlicher Grundlagen für die Diätetik und Physische Erziehung des Kindes “, „Über den Wert gewisser Einzelsymptome für die Diagnose mancher Krankheiten des Kindesalters“, „Die Therapie der wichtigsten Krankheiten des kindlichen Alters“, „Schematisieren und Individualisieren in der Diagnostik und Therapie“, sowie „Zur Diagnose und Therapie der Krankheiten des Gehirns und seiner Hüllen“. Für Politzer standen dabei die besonderen physiologischen Bedingungen des Kindes als Grundlage von Ernährung und Therapie im Vordergrund. Ihm wird außerdem eine frühe, teilweise auch erste Beschreibung des Asthma bronchiale im Kindesalter zugeschrieben, die er in seiner im Jahrbuch für Kinderheilkunde veröffentlichten Studie „Asthma bronchiale. Bronchienkrampf im Kindesalter“ vorlegte. In den Jahren 1875 und 1876 veröffentlichte er in der Wiener medizinischen Wochenschrift eine Artikelserie „Zur Kritik und Reform der Therapie“.[6] 1878 erschien von ihm die 395 Seiten umfassende Monografie „Die Entstehung der Gefahr im Krankheitsverlauf“ und 1879 ein von ihm gehaltener Vortrag „Über die Pflege des kranken Kindes“.

Politzer habilitierte sich im Jahr 1858 an der Universität Wien zum Privatdozenten im Fach Pädiatrie.[7] Im Juli 1877 wurde ihm der Titel eines außerordentlichen Professors verliehen.[8]

Im Juni 1882 ließ sich Politzer von der Leitung des Kinderkranken-Instituts entheben[9] und praktizierte in seiner Arztpraxis an seinem Wohnort in Wien 1, Franzensring 22, weiter. Zuvor war er in Wien 1, Tuchlauben 7, wohnhaft.

Politzer war seit 1849 Mitglied der Gesellschaft der Ärzte in Wien und Mitglied des Journalisten- und Schriftstellervereins Concordia. Im Rahmen einer 1867 durchgeführten Initiative zur Rückkehr des 1848er-Revolutionärs Ferdinand Freiligrath (1810-1876) aus seinem Londoner Exil gehörte auch Politzer zu den Spendern.[10]

Politzer Leopold Maximilian: Todesanzeige, Neue Freie Presse, 24.5.1888, S. 15.

Leopold Maximilian Politzer starb am 23. Mai 1888 in Wien.

Quellen:

Matriken Wien, Rk., Erzdiözese Wien, 01., St. Peter, Taufbuch, 01-04, Politzer Leopold Maximilian, 14.9.1839.

UAW, Rektorat, Med. Fakultät, Rigorosen- und Promotionsprotokolle, Sign. 170-186a, Politzer Leopold (Rigorosum Datum: 1838).

UAW, Rektorat, Med. Fakultät, Rigorosen- und Promotionsprotokolle, Sign. 175-1059, Politzer Leopold (Promotion Datum: 26.3.1870).

Literatur:

Politzer, Leopold Maximilian: Original-Abhandlungen aus dem Gebiete der Kinderheilkunde. Separatabdrücke der grösstentheils im „Jahrbuch für Kinderheilkunde“ von demselben erschienenen Arbeiten. Wien: 1919.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 64592/1-13]

Politzer, Leopold Maximilian: Beobachtungen und Erfahrungen aus der Poliklinik des ersten öffentlichen Kinder-Kranken-Institutes. O.O. O.J.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 64592/8]

Politzer, Leopold Maximilian: Therapeutische Erfahrungen über die wichtigsten Heilmittel der Kinderpraxis. O.O. O.J.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 64592/5]

Politzer, Leopold Maximilian: Untersuchungen und Ideen zur Anbahnung wissenschaftlicher Grundlagen für die Diätetik und physische Erziehung des Kindes. Sonderdruck aus: Jahrbuch für Kinderheilkunde und physische Erziehung. Wien: typ. Zamarski & Dittmarsch 1858.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 64592/2]

Politzer, Leopold Maximilian: Über den Wert gewisser Einzelsymptome für die Diagnose mancher Krankheiten des Kindesalters. Sonderdruck aus: Jahrbuch für Kinderkrankheiten. O.O. O.J.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: SA-3497]

Politzer, Leopold Maximilian: Zur Therapie der wichtigsten Krankheiten des kindlichen Alters. Sonderdruck aus: Jahrbuch für Kinderheilkunde. O.O. O.J.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 64592/1]

Politzer, Leopold Maximilian: Schematisieren und Individualisiren in der Diagnostik und Therapie. Sonderdruck aus: Allgemeine Wiener medizinische Zeitung. Wien: 1878.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: SA-3495]

Politzer, Leopold Maximilian: Zur Diagnose und Therapie der Krankheiten des Gehirns und seiner Hüllen. Allgemeine nosologische und diagnostische Vorbemerkungen. O.O. O.J.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 64592/3]

Politzer, Leopold Maximilian: Astma bronchiale, Bronchienkrampf im Kindesalter. Sonderdruck aus: Jahrbuch für Kinderheilkunde. Leipzig: Druck und Verlag von B.G. Teubner 1870.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

Politzer, Leopold Maximilian: Zur Kritik und Reform der Therapie. In: Wiener medizinische Wochenschrift (25) 1875. Sp. 337-339, 361-364, 504-507, 551-554, 572-574, 993-996, 1023-1026, 1098-110.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: Z-10.002/25]

Politzer, Leopold Maximilian: Die Entstehung der Gefahr im Krankheitsverlaufe. Wien: Braumüller 1878.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 27573]

Politzer, Leopold Maximilian: Über Pflege des kranken Kindes. Vortrag, gehalten am 21. Jänner 1879. Wien: typ. Reisser & Ethofer 1879.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 47032]

[1] Politzer L.M., Zu den Geheimnissen der Koststuben und der kleinen Kostkinder, Wien 1848.

[2] Krippen-Kalender. Jahrbuch für Frauen und Mütter (Hrsg. von der Direction des Zentral-Vereine), Wien 1856, S. 83.

[3] Krippen-Kalender. Jahrbuch für Frauen und Mütter (Hrsg. von der Direction des Zentral-Vereine), Wien 1853, S. 16-24.

[4] Krippen-Kalender. Jahrbuch für Frauen und Mütter (Hrsg. von der Direction des Zentral-Vereine), Wien 1854, S. 1-5

[5] The British medical journal, 9.6.1888, S. 1250.

[6] Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 17, 1875, Sp. 337-339; Nr. 18, 1875, Sp. 361-364; Nr. 23, 1875, Sp. 504-507; Nr. 25, 1875, Sp. 551-554; Nr. 26, 1875, Sp. 572-574; Nr. 46, 1875, Sp. 993-996; Nr. 47, 1875, Sp. 1023-1026; Nr. 50, 1875, Sp. 1098-1101; Nr. 4, 1876, Sp. 76-79; Nr. 17, 1876, Sp. 399-401; Nr. 18, 1876, Sp. 420-422; Nr. 19, 1876, Sp. 449-451; Nr. 20, 1876, Sp. 478-480.

[7] Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 20, 1858, S. 350.

[8] Die Presse, 12. Juli 1877, S. 16

[9] Neue Freie Presse, 10.6.1882, S. 5.

[10] Die Presse, 22.6.1867, S. 11

Normdaten (Person):  Politzer, Leopold Maximilian: BBL: 50344; GND: 140183019

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Letzte Aktualisierung: 2026.09.23

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [116]: Das Erste Öffentliche Kinder-Krankeninstitut (1788-1900-1938): Joseph Johann Mastalier – Maximilian Leopold Politzer – Max Kassowitz – Carl Hochsinger – Sigmund Freud

Das Erste Öffentliche Kinder-Krankeninstitut (1788-1900-1938): Joseph Johann Mastalier – Maximilian Leopold Politzer – Max Kassowitz – Carl Hochsinger – Sigmund Freud

Autor: Dr. Walter Mentzel

Published online: 23.07.2020

Keywords: Erste Öffentliche Kinder-Krankeninstitut, Joseph Johann Mastalier, Maximilian Leopold Politzer, Max Kassowitz, Carl Hochsinger, Sigmund Freud, Medizingeschichte, Wien

1788 wurde in Wien das Erste Öffentliche Kinder-Krankeninstitut und damit auch die älteste Kinderkrankenanstalt in Kontinentaleuropa eröffnet. Als Vorbild diente die 1769 von George Armstrong (1720-1789) in London errichtete aber nur kurzzeitig bestehende Kinderkrankenfürsorgeeinrichtung für verarmte Kinder. Initiiert und umgesetzt wurde diese Einrichtung von dem Wiener Arzt Joseph Johann Mastalier (1757-1793) nach einem von ihm entworfenen Konzept eines Ambulatoriums und stand zunächst am Standort Wollzeile, Innere Stadt Nr. 842, und nach einer ersten Übersiedlung des Institutes ab 1793 auf dem Neuen Markt Nr. 1096. Mit dieser Institution sollten erstmals Kinder aus den mittellosen und verarmten Bevölkerungsschichten der Vorstädte Wiens eine unentgeltliche medizinische Behandlung beziehen und kostenlos Medikamente verabreicht bekommen. Ebenso arbeitete das medizinische Personal – mit Ausnahme des Pflegepersonals – unentgeltlich am Institut.

Wiener Zeitung. Nr. 53. 1788.

Diese in der Tradition der josephinischen Armenfürsorge stehende Einrichtung finanzierte sich zunächst über Spenden sowie aus den Verkaufseingängen aus der von Mastalier 1787 veröffentlichten Publikation „Ueber die beßte und natürlichste Art, die Säuglinge zu ernähren“. Nach dem Tod von Mastalier übernahm Leopold Anton Gölis (1764-1827) die Leitung des Institutes. Unter seiner Ägide erhielt das Institut das Öffentlichkeitsrecht zugesprochen und es kam hier erstmals an einer Krankenanstalt zur Durchführung einer öffentlichen Pockenschutzimpfung.

Wiener Zeitung. 7.5.1796. S. 1324.

Zwischen 1815 und 1818 erschien von Gölis das zweibändige Werk „Praktische Abhandlungen über die vorzüglichen Krankheiten des kindlichen Alters“. Gölis folgten in der leitenden Funktion am Institut Alexander Weiss, Johann Elias Loebisch (1795-1853) und Maximilian Leopold Politzer (1814-1888) nach. Löbisch entwickelte am Institut eine Reihe bedeutender Arbeiten zur Kinderpsychologie, darunter 1811 die „Vorschläge zur Verbesserung der körperlichen Kindererziehung“ und vor allem seine 1854 erschienene Publikation „Die Seele des Kindes in ihrer Entwicklung“, die lange Zeit in Vergessenheit geriet.

1882 übernahm Max Kassowitz (1842-1913) die Institutsleitung und im selben Jahr kam es ein letztes Mal zu einer Standortveränderung des Institutes in die Steindlgasse 2/Tuchlauben 9, Innere Stadt. Von ihm stammt eine Instruktionsverordnung für die Direktion des Institutes, die die Aufgabengebiete des Institutes regelte.

WStLA, Hauptregistratur, A 47 – Department 1 – Stiftungen, Versorgungshäuser, Anstalten, L 21 340.520/1881.

Unter Kassowitz nahm das Institut einen rasanten Aufschwung, der sich zunächst in der räumlichen Erweiterung des Institutes manifestierte. Im Institut waren nunmehr acht Ordinationsräume, ein Operationssaal, ein Laboratorium und ein Hörsaal untergebracht. Gleichzeitig führte die voranschreitende medizinische Spezialisierung zur Erweiterung und Gliederung des Institutes auf sieben medizinischen Abteilungen: zwei Abteilungen für innere Krankheiten, zwei für Neurologie, eine chirurgische Abteilung, eine Abteilung für Dermatologie und eine für HNO. Bereits 1894 kamen zwei weitere Abteilungen für innere Erkrankungen hinzu, 1889 wurde die Abteilung für Augenkrankheiten eröffnet, 1905 erfolgte die Errichtung eines chemisch-mikroskopischen Laboratoriums und 1907 einer Abteilung für Mund- und Zahnerkrankungen.

Hochsinger, Carl: Die Geschichte des Ersten Öffentlichen Kinder-Kranken-Institutes in Wien während seines 150jährigen Bestandes 1788-1938. Wien: Verlag des Kinder-Kranken-Institutes 1938.

Ein wesentlicher Grund für die Expansion des Institutes lag in dem durch den massiven Bevölkerungszuwachs Wiens im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts hervorgerufenen rapiden Anstieg an Patient:innen von 2910 Personen im Jahr 1879 auf 12.839 1892 und 21.600 im Jahre 1902. Dem gegenüber standen immer geringere finanzielle Mittel zur Bewältigung der medizinischen Aufgaben.

1906 trat Carl Hochsinger (1860-1942), der bereits seit seiner Promotion an der Universität Wien im Jahr 1883 als Assistent von Kassowitz und seit 1889 als Abteilungsleiter am Institut tätig war, die Leitung an. 1913 übernahm er die Funktion des Direktors, die er bis zum „Anschluss“ im März 1938 behielt.

Unter seiner Leitung wurde das Institut bis 1938 weiterhin gemäß den Satzungen als Wohlfahrtseinrichtung weitergeführt, um Kindern aus mittellosen Familien eine unentgeltliche medizinische Behandlung anzubieten. Wie vor 1918 rekrutierte sich das durch den Weltkrieg und der Nachkriegsinflation stark verminderte Vermögen aus der Spendenbereitschaft verschiedenster privater Personen und Organisationen sowie öffentlicher Einrichtungen.

Der Unterstützungsverein: „Verein zur Förderung des Ersten Öffentlichen Kinder-Kranken-Institutes“

Die durch die hohen Patientenfrequenz anwachsenden Ausgaben und das Fehlen einer staatlichen Förderung machten noch unter der Leitung von Kassowitz im Jahr 1900 die Gründung eines Unterstützungsvereines notwendig, um den Fortbestand des Institutes sicherzustellen. Unter Einbeziehung öffentlicher Persönlichkeiten aus der Wiener High Society, dem Adel, Bankiers, Industriellen und sogenannten „Damenkomitees“ bestehend u.a. aus Prinz Lothar Metternich-Winneburg (1837-1904) und Erzherzogin Maria Josepha (1867-1944), gelang es jene Mittel zum Umbau und zur Erweiterung des Spitales samt der Implementierung einer moderneren Spitalshygiene aufzubringen.

Statuten des Vereines und des Institutes

Sigmund Freuds Wirken an der Abteilung für Nervenerkrankungen am Ersten Öffentlichen Kinder-Krankeninstitutes

Sigmund Freud (1856-1939) arbeitete zwischen 1886 und 1896 als Abteilungsvorstand am Institut in der Abteilung für Nervenkrankheiten und verfasste in dieser Zeit zwei Arbeiten. Die Erste gemeinsam mit Oskar Rie (1863-1931) unter dem Titel „Klinische Studie über die halbseitige Cerebrallähmung der Kinder“.

Freud und Rie: Klinische Studien über die halbseitige Celebrallähmung der Kinder. […] Wien: 1891.

Diese an der Zweigbibliothek für Geschichte aufbewahrte Schrift enthält die handschriftlich verfasste Widmung von Sigmund Freud an Professor Hermann Nothnagel (1841-1905) vom 17. April 1891.

Widmung von Sigmund Freud

1893 publizierte er hier noch die Arbeit „Zur Kenntnis der cerebralen Diplegien des Kindesalters“

Seine Nachfolger an der neurologischen Abteilung des Institutes waren Artur Schüller (1874-1957), Richard Stern (1878-1942), Julius Zappert (1867-1941) und Rudolf Neurath (1869-1947), die alle nach dem „Anschluss“ im März 1938 von den Nationalsozialisten wegen ihrer jüdischen Herkunft ihrer Ämter enthoben, verfolgt und vertrieben wurden. Artur Schüller, Neuroradiologe und Mitarbeiter des Institutes, flüchtete 1938 nach Australien, wo er als Radiologe arbeitete und 1956 in Heidelberg bei Melbourne verstarb. Julius Zappert war zwischen 1895 und 1903 als Leiter der Nervenordination im Ersten Öffentlichen Kinder-Krankeninstitut der unmittelbare Nachfolger von Freud, wirkte zwischen 1903 und 1918 als Vorstand des Mariahilfer Kinderambulatoriums und zwischen 1918 und 1938 als Leiter des neu errichteten Kinderambulatoriums der israelitischen Kultusgemeinde für arme kranke Kinder im Augarten in Wien. Er flüchtete 1938 nach Großbritannien. Rudolf Neurath (1869-1947), Dozent für Kinderheilkunde an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien, gelang die Flucht in die USA. Der Neurologe und Psychiater Richard Stern wurde am 13.10.1942 im KZ Auschwitz ermordet. Ebenfalls am Institut arbeitete als Assistent der Radiologe Leopold Freund (1868-1943), der ebenso von der NS-Verfolgung betroffen war, wie der am Institut wirkende Kinderarzt Josef Karl Friedjung (1871-1946). Weitere am Institut arbeitende Mediziner:innen waren Heinrich Boral, Julius Fürth (1859-1923), Gisela Glück, Guido Goldschmidt (1850-1915), Emil Gottlieb, Otto Halacz, Albert Hammerschlag (1863-1935), Hans Hoff (1897-1969), Max Kahane (1866-1923), Geza Kobler (1864-1935), Emil Rosenthal, Ilse Zimmermann (1892-1935).

Forschungen und Schriftenreihe: „Beiträge zur Kinderheilkunde aus dem Ersten öffentlichen Kinderkrankeninstitut in Wien“

Unter der Leitung von Max Kassowitz kam es zur Herausgabe einer eigenen Zeitschrift unter dem Titel „Beiträge zur Kinderheilkunde aus dem Ersten öffentlichen Kinderkrankeninstitut in Wien“, in der bis 1938 die am Institut erbrachten Forschungsleistungen regelmäßig publiziert wurden. Schon zuvor, 1853, hatte Politzer gemeinsam mit dem kaiserlichen Leibarzt Franz Mayr und dem Kinderarzt Schuller das „Jahrbuch für Kinderheilkunde“ ins Leben gerufen, das sich zu einer der renommiertesten wissenschaftlichen Zeitschriften auf diesem Fachgebiet entwickelte.

Die Liquidierung des Institutes und die Vertreibung der Mitarbeiter:innen durch die Nationalsozialisten – Festschrift: Hochsinger Carl, Die Geschichte des Ersten Öffentlichen Kinder-Kranken-Institutes in Wien während seines 150jährigen Bestandes 1788-1938. Wien Verlag des Kinder-Kranken-Institutes 1938.

Anlässlich des bevorstehenden Jubiläums zur Feier des 150jährigen Bestandes des Institutes wurde für das Jahr 1938 von Hochsinger eine 48-seitige Festschrift unter dem Titel „Die Geschichte des Ersten Öffentlichen Kinder-Kranken-Institutes in Wien während seines 150jährigen Bestandes 1788-1938“ verfasst, die die historische Entwicklung, die erbrachten Forschungsleistungen und die am Institut erfolgten Publikationen enthielt. An diese im Selbstverlag des Institutes erschienene Schrift wirkten durch ihre Beiträge auch die beiden Mitarbeiter und Abteilungsvorstände Otto Gersuny (1895-1964) und Richard Wagner (1887-1974) mit.

Die Fertigstellung der Festschrift erfolgte knapp vor dem März 1938 und wurde danach vom Verlag gedruckt und ausgeliefert. Ein Exemplar dieser Festschrift befindet sich heute an der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin und stellt ein über die Institutionsgeschichte hinausgehendes Dokument dar. Sie enthält eine von Hochsinger im April 1938 handschriftlich verfasste Widmung mit der er die Festschrift dem Medizinhistoriker Max Neuburger (1868-1955) als Schenkung übergab. Sie lautet: „Herrn Prof. Dr. Neuburger/in besonderer Verehrung der Verf./April 1938“

Widmung von Carl Hochsinger an Max Neuburger

Sowohl Max Neuburger als auch Carl Hochsinger waren zu diesem Zeitpunkt bereits wegen ihrer jüdischen Herkunft von den Nationalsozialisten von ihren Funktionen an der Universität enthoben worden. Während Max Neuburger die Flucht nach England und später in die USA gelang, wurde Carl Hochsinger am 9. Oktober 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert und am 28. Oktober 1942 ermordet.

Jene im März 1938 im Personalstand der Institutes stehende Mitarbeiter:innen und ihr Verbleib

Nach dem „Anschluss“ im März 1938 kam es im 150. Bestandsjahr des Institutes zu dessen Schließung und Liquidierung, sowie zur Vertreibung der jüdischen Mitarbeiter:innen. Die Festschrift enthält eine Liste jener Mitarbeiter:innen, die sich Anfang 1938 noch im Personalstand befanden und nach den „Anschluss“ im März 1938 wegen ihrer jüdischen Herkunft von den Nationalsozialisten verfolgt wurden.

I. Vorstand: Carl Hochsinger

Stellvertreter: Richard Wagner

Kassaverwalter: Ernst Theodor Duschak (1890-1970)

II. Abteilungsvorstände:

A. Allg. Ordination:

1. Med. Abt.: Richard Wagner war ein Schüler Clemens von Pirquet (1874-1929) und Professor an der Kinderklinik der Universität Wien. Nach seiner Flucht vor den Nationalsozialisten in die USA und seiner Einbürgerung erhielt er eine Professur für Kinderheilkunde an der Boston University.

2. Med. Abt.: Der am Institut arbeitende Otto Gersuny flüchtete 1938 in die USA und arbeitete als Kinderarzt in New York.

3. Med. Abt. Felix Basch (1899-1962) flüchtete im August 1938 in die USA und arbeitete als Arzt zuletzt in Chicago.

B. Spezialabteilungen:

Abteilung Chirurgie:

1. Abteilung: Medizinalrat Emil Schwarzmann (1885-1966) flüchtete in die USA und verstarb 1966 in New Jersey.

2. Abteilung: Withold v. Schey (1891-1959).

Orthopädische Abt.: Der Medizinalrat Ernst Theodor Duschak flüchtete 1938 in die USA und verstarb 1970 in New York.

Abt. für Augenkrankheiten: Alfred Weintraub (1898-1974) flüchtete 1938 in die USA und lebte zuletzt in New York.

Abt. für Sprachkrankheiten: Der Logopäde, Individualpsychologe und Leiter der phoniatrischen Station am Institut, Leopold Stein (1893-1969), flüchtete 1938 nach England.

Abt. für HNO: Oskar Benesi (1878-1956) war Professor für Oto-Rhino-Laryngologie an der Universität Wien. Er flüchtete in die USA, wo er an der Wayne University in Detroit unterrichtete und am New York City Home for Dependents, am Metropolitan Hospital und am Coler Hopital arbeitete.

Abt. für Nervenkrankheiten: Felix Frisch (1879-1958) gelang die Flucht in die USA, wo er am McKinley Hospital arbeitete. An der daran angegliederten heilpädagogischen Station arbeitete als Leiter Milan Morgenstern (1895-1954), der als Heilpädagoge, Psychologe und Schüler von Siegmund Freud in den 1920er Jahren in Berlin der Beratungsstelle der Internationalen Arbeiterhilfe (IAH) für jugendliche Rechtsbrecher vorstand und Mitbegründer eines Heimes für behinderte Kinder in der Nähe von Berlin war. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten und seiner Verfolgung wegen seiner jüdischen Herkunft floh er 1933 nach Wien und nach dem „Anschluss“ im März 1938 nach Großbritannien.

Abt. für Hautkrankheiten: Der Dermatologe Robert Brandt (1888-1963) flüchtete in die USA, wo er an der University of Cincinnati College of Medicine in Ohio arbeitete.

Abt. für Zahnkrankheiten: Der Universitätsdozent Georg Stein (1891-1963) flüchtete 1938 in die USA.

Abt. für Psychotherapie: Alice Lehndorff (1881-1960) engagierte sich im Verein für Individualpsychologie und leitete bis 1935 gemeinsam mit Erwin O. Krausz (1887-1968) und später mit Luna Reich (1891-1967) das „Ambulatorium für Psychotherapie“. Sie flüchtete im März 1938 nach England und emigrierte später in die USA.

Röntgenkonsilarius: Franz Windholz (1897-1950) flüchtete 1938 in die USA und arbeitete an der Stanford Universität, School of Medicine, als Radiologe und war Mitglied des American Board of Radiology.

Abt. Kinderärztliche Fürsorgestelle für Schwangere: Sanel Beer (1886-1981) flüchtete 1939 in die USA und arbeitete als Direktor und Eigentümer des Rivermont Park Hospitals in Miami/Florida, war danach in verschiedenen Spitälern und medizinischen Diensten tätig, zuletzt ab 1958 im ärztlichen Dienst des Yellowstone-Nationalparks in Wyoming.

Quellen:

WStLA, Hauptregistratur, A 47 – Department 1 – Stiftungen, Versorgungshäuser, Anstalten, L 21 340.520/1881.

WStLA, M.Abt. 212 A23, Ausgeschiedene Krankenanstalten 17/13, Kinder-Kranken-Institut (Statuten).

Literatur:

Mastalir, Joseph Johann: Ueber die beßte, und natürlichste Art die zarten Säuglinge zu ernähren. Wien: Wucherersche Buchhandlung 1787.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Josephinische Bibliothek, Sign.: JB-4071]

Gölis, Leopold Anton: Praktische Abhandlungen über die vorzüglichen Krankheiten des kindlichen Alters. Bd. 1: Von der hitzigen Gehirnhöhlen-Wassersucht. Bd. 2: Vom inneren chronischen Wasserkopfe und von den verschiedenen Arten des äußeren Wasserkopfes. Wien: Gerold 1815-1818.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Josephinische Bibliothek, Sign.: JB-4086]

Löbisch, Johann Elias: Die Seele des Kindes in ihrer Entwicklung. Zweite Auflage. Wien: Wilhelm Braumüller, k.k. Hofbuchhändler 1854.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 46549]

Hochsinger, Carl: Die Geschichte des Ersten Öffentlichen Kinder-Kranken-Institutes in Wien während seines 150jährigen Bestandes 1788-1938. Wien: Verlag des Kinder-Kranken-Institutes 1938.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 10087]

Freud, Sigmund und Oskar Rie: Klinische Studie über die halbseitige Cerebrallähmung der Kinder. (= Beiträge zur Kinderheilkunde/3) Wien: Verlag von Moritz Perles 1891.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 29079/3]

Freud, Sigmund: Zur Kenntnis der cerebralen Diplegien des Kindesalters. (=Beiträge zur Kinderheilkunde/N.F. 3) Leipzig und Wien: Franz Deuticke 1893.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 29079/N.F.3]

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Letzte Aktualisierung: 2024 05 29