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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [390]: Politzer, Leopold Maximilian – Kinderarzt, Assistent am Mauthner Kinderspital, Direktor des Ersten öffentlichen Kinder-Krankeninstituts

Politzer, Leopold Maximilian – Kinderarzt, Assistent am Mauthner Kinderspital, Direktor des Ersten öffentlichen Kinder-Krankeninstituts

Autor: Dr. Walter Mentzel

Published online: 23.09.2026

Keywords: Kinderarzt, Mauthner Kinderspital, Erstes öffentliche Kinder-Krankeninstitut, Medizingeschichte, Wien

Leopold Maximilian Politzer wurde am 28. Dezember 1814 als Sohn des Kaufmannes Mager Politzer und Juditha, geborene Dobitsek, in Arad in Ungarn (heute: Rumänien) geboren. Er war mit Anna Politzer verheiratet.

Politzer begann sein Medizinstudium an der Universität in Pest, setzte 1836 sein das Studium an der Universität Wien fort und promovierte hier an der Medizinischen Fakultät am 26. März 1839 zum Doktor der Medizin. Im selben Jahr konvertierte er vom jüdischen zum katholischen Glauben.

Im Revolutionsjahr 1848 trat Politzer als politischer Publizist hervor. In der Schrift „Die Mai-Revolution in Wien in ihrer Entwicklung und ihren Folgen pragmatisch dargestellt von Dr. L.M. Politzer“, die er „Allen Maikämpfern“ widmete, setzte er sich mit den politischen Ereignissen im Mai 1848 und deren verfassungsrechtlichen Konsequenzen auseinander. Noch im selben Jahr veröffentlichte er „Die Frage des konstituierenden Reichstags“, in der er seine Vorstellungen über die Aufgaben des bevorstehenden österreichischen Reichstags und die künftige staatliche Ordnung formulierte. Ein Exemplar dieser Schrift versah Politzer mit der handschriftlichen Widmung „Dem Wiedner Leseverein/Vom Verfasser.“

Mauthnersche Kinderspital und Krippen-Verein

Nach seinem Studium war Politzer an dem 1837 von Ludwig Mauthner (1806-1858) gegründeten Mauthnerschen Kinderspital, dem späteren St. Anna-Kinderspital, als Assistent von Mauthner tätig. Daneben arbeitete er als privater Kinderarzt und lebte bis etwa 1849 in der Leopoldstadt, Ferdinandgasse Nr. 652, wo sich auch seine Ordination befand. Ab etwa 1850 war er in Wien Stadt, Bazar Nr. 427, wohnhaft. Während seiner ärztlichen Tätigkeit in der Leopoldstadt war er unmittelbar mit den dortigen prekären Lebens- und Wohnverhältnissen breiter Bevölkerungsschichten konfrontiert. Sein besonderes Augenmerk galt dabei den gesundheitlichen und sozialen Folgen für Kinder. Bereits 1848 thematisierte er diese Verhältnisse in seiner Schrift „Zu den Geheimnissen der Koststuben und der kleinen Kostkinder“.[1] Darin setzte er sich kritisch mit den Bedingungen auseinander, unter denen Kinder in Kostpflege und anderen Formen außerfamiliärer Versorgung aufwuchsen. Die gesundheitliche Gefährdung der Kinder betrachtete Politzer dabei nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit der grassierenden Armut, den prekären Wohnverhältnissen, mangelhafter Ernährung und Pflege sowie unzureichender Betreuung. Zugleich entwickelte er Vorschläge zur Kontrolle und Verbesserung der Kinderfürsorge und verband damit medizinische mit gesellschaftlichen Präventionsmaßnahmen.

Sein Engagement setzte Politzer in den folgenden Jahren im Wiener Krippenverein fort. 1850 beteiligte er sich im Rahmen eines eigenen Komitees an der Errichtung einer Kinder- und Säuglingskrippe in der Leopoldstadt, deren Lokaldirektor er später wurde.[2] Diese Kinder- und Säuglingskrippe, eine sogenannte Creche, stand Kindern erwerbstätiger, unbemittelter Mütter zur Verfügung und lag damit an der Schnittstelle von Kinderheilkunde, Armenfürsorge, Frauenarbeit und öffentlicher Gesundheit. Dazu veröffentlichte Politzer den Artikel „Die Creche. In ihrer Bedeutung für unsere gesellschaftlichen Einrichtungen“, in dem er programmatisch die gesellschaftliche Bedeutung dieser Einrichtung herausarbeitete. Weitere Publikationen waren 1852 „Der Kinderarzt. Der Umgang der Mutter mit dem kranken Kinde“[3] und Diätische Briefe über das Kindesalter“.[4]

Jahrbuch für Kinderheilkunde

Im Juni 1853 rief Politzer gemeinsam mit dem kaiserlichen Leibarzt und Primararzt des Wiedner St. Josef-Kinderspitals Franz Mayr (1814-1863) sowie dem Kinderarzt und Sekundararzt der Wiener k.k. Findel-Anstalt Moriz Schuller (1825-1874) das „Jahrbuch für Kinderheilkunde“ ins Leben. Nach dem Erscheinen des ersten Bandes 1857/58[5] entwickelte es sich zu einer der bedeutenden wissenschaftlichen Fachzeitschriften der Kinderheilkunde. Nach Mayrs Tod übernahm Hermann Widerhofer (1832-1901) die Mitherausgeberschaft. Der Titel wurde später um den Zusatz „und physische Erziehung“ erweitert. Hier publizierte Politzer Arbeiten, von denen sich Separatabdrucke in einer Sammlung unter dem Titel „Original-Abhandlungen aus dem Gebiete der Kinderheilkunde : Separatabdrücke der grösstentheils im „Jahrbuch für Kinderheilkunde“ von demselben erschienenen Arbeiten“ in der Neuburger-Bibliothek der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin erhalten haben.

Erstes öffentliche Kinder-Krankeninstitut

1853 trat Politzer in das I. öffentliche Kinder-Krankeninstitut in Wien 1, Wollzeile ein und leitete die Institution bis 1882. Zu seinen Assistenten gehörte sein später Nachfolger Max Kassowitz (1842-1913). Hier entstanden zahlreiche seiner wissenschaftlichen Arbeiten zur Kinderheilkunde, darunter „Beobachtungen und Erfahrungen aus der Poliklinik des ersten öffentlichen Kinder-Kranken-Institut“. Politzer gehörte seit Mitte des 19. Jahrhunderts zu jenen Kinderärzten in Wien, die eine Verwissenschaftlichung der Kinderheilkunde anstrebten. Er kritisierte die unzureichende wissenschaftliche Grundlage vieler therapeutischer Maßnahmen, forderte stärker rational und experimentell begründete Behandlungsmethoden und beschäftigte sich intensiv mit Fragen der Diagnose und Früherkennung. Seine Arbeiten umfassten ein breites Spektrum der Kinderheilkunde. Neben der kindlichen Ernährung und Verdauungsphysiologie beschäftigte er sich mit Gehirnkrankheiten bei Kindern sowie mit Fragen der Diagnostik und Therapie und bemühte sich um deren physiologische und experimentelle Fundierung. Einen weiteren Schwerpunkt bildeten die frühzeitige Erkennung gefährlicher Krankheitsverläufe sowie deren prophylaktische und therapeutische Behandlung. Mit seinen während der langjährigen Leitung des Ersten öffentlichen Kinder-Krankeninstituts und als Mitherausgeber des Jahrbuchs für Kinderheilkunde veröffentlichten Arbeiten gehörte Politzer zu jener Generation von Ärzten, die zur Etablierung der Kinderheilkunde als eigenständige klinische und wissenschaftliche Disziplin in Wien beitrugen.

Unter seinen zahlreichen Publikationen wären zu nennen: „Therapeutische Erfahrungen über die wichtigsten Heilmittel der Kinderpraxis“, „Untersuchungen und Ideen zu Anbahnung wissenschaftlicher Grundlagen für die Diätetik und Physische Erziehung des Kindes “, „Über den Wert gewisser Einzelsymptome für die Diagnose mancher Krankheiten des Kindesalters“, „Die Therapie der wichtigsten Krankheiten des kindlichen Alters“, „Schematisieren und Individualisieren in der Diagnostik und Therapie“, sowie „Zur Diagnose und Therapie der Krankheiten des Gehirns und seiner Hüllen“. Für Politzer standen dabei die besonderen physiologischen Bedingungen des Kindes als Grundlage von Ernährung und Therapie im Vordergrund. Ihm wird außerdem eine frühe, teilweise auch erste Beschreibung des Asthma bronchiale im Kindesalter zugeschrieben, die er in seiner im Jahrbuch für Kinderheilkunde veröffentlichten Studie „Asthma bronchiale. Bronchienkrampf im Kindesalter“ vorlegte. In den Jahren 1875 und 1876 veröffentlichte er in der Wiener medizinischen Wochenschrift eine Artikelserie „Zur Kritik und Reform der Therapie“.[6] 1878 erschien von ihm die 395 Seiten umfassende Monografie „Die Entstehung der Gefahr im Krankheitsverlauf“ und 1879 ein von ihm gehaltener Vortrag „Über die Pflege des kranken Kindes“.

Politzer habilitierte sich im Jahr 1858 an der Universität Wien zum Privatdozenten im Fach Pädiatrie,[7] im Juli 1877 wurde ihm der Titel eines außerordentlichen Professors verliehen.[8]

Im Juni 1882 ließ sich Politzer von der Leitung des Kinderkranken-Instituts entheben[9] und praktizierte in seiner Arztpraxis an seinem Wohnort in Wien 1, Franzensring 22, weiter. Zuvor war er in Wien 1, Tuchlauben 7, wohnhaft.

Politzer war seit 1849 Mitglied der Gesellschaft der Ärzte in Wien und Mitglied des Journalisten- und Schriftstellervereins Concordia. Im Rahmen einer 1867 durchgeführten Initiative zur Rückkehr des 1848er-Revolutionärs Ferdinand Freiligrath (1810-1876) aus seinem Londoner Exil gehörte auch Politzer zu den Spendern.[10]

Politzer Leopold Maximilian: Todesanzeige, Neue Freie Presse, 24.5.1888, S. 15.

Leopold Maximilian Politzer starb am 23. Mai 1888 in Wien.

Quellen:

Matriken Wien, Rk., Erzdiözese Wien, 01., St. Peter, Taufbuch, 01-04, Politzer Leopold Maximilian, 14.9.1839.

UAW, Rektorat, Med. Fakultät, Rigorosen- und Promotionsprotokolle, Sign. 170-186a, Politzer Leopold (Rigorosum Datum: 1838).

UAW, Rektorat, Med. Fakultät, Rigorosen- und Promotionsprotokolle, Sign. 175-1059, Politzer Leopold (Promotion Datum: 26.3.1870).

Literatur:

Politzer, Leopold Maximilian: Original-Abhandlungen aus dem Gebiete der Kinderheilkunde. Separatabdrücke der grösstentheils im „Jahrbuch für Kinderheilkunde“ von demselben erschienenen Arbeiten. Wien: 1919.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 64592/1-13]

Politzer, Leopold Maximilian: Beobachtungen und Erfahrungen aus der Poliklinik des ersten öffentlichen Kinder-Kranken-Institutes. O.O. O.J.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 64592/8]

Politzer, Leopold Maximilian: Therapeutische Erfahrungen über die wichtigsten Heilmittel der Kinderpraxis. O.O. O.J.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 64592/5]

Politzer, Leopold Maximilian: Untersuchungen und Ideen zu Anbahnung wissenschaftlicher Grundlagen für die Diätetik und physische Erziehung des Kindes. Sonderdruck aus: Jahrbuch für Kinderheilkunde und physische Erziehung. Wien: typ. Zamarski & Dittmarsch 1858.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 64592/2]

Politzer, Leopold Maximilian: Über den Wert gewisser Einzelsymptome für die Diagnose mancher Krankheiten des Kindesalters. Sonderdruck aus: Jahrbuch für Kinderkrankheiten. O.O. O.J.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: SA-3497]

Politzer, Leopold Maximilian: Zur Therapie der wichtigsten Krankheiten des kindlichen Alters. Sonderdruck aus: Jahrbuch für Kinderheilkunde. O.O. O.J.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 64592/1]

Politzer, Leopold Maximilian: Schematisieren und Individualisiren in der Diagnostik und Therapie. Sonderdruck aus: Allgemeine Wiener medizinische Zeitung. Wien: 1878.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: SA-3495]

Politzer, Leopold Maximilian: Zur Diagnose und Therapie der Krankheiten des Gehirns und seiner Hüllen. Allgemeine nosologische und diagnostische Vorbemerkungen. O.O. O.J.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 64592/3]

Politzer, Leopold Maximilian: Astma bronchiale, Bronchienkrampf im Kindesalter. Sonderdruck aus: Jahrbuch für Kinderheilkunde. Leipzig: Druck und Verlag von B.G. Teubner 1870.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

Politzer, Leopold Maximilian: Zur Kritik und Reform der Therapie. In: Wiener medizinische Wochenschrift (25) 1875. Sp. 337-339, 361-364, 504-507, 551-554, 572-574, 993-996, 1023-1026, 1098-110.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: Z-10.002/25]

Politzer, Leopold Maximilian: Die Entstehung der Gefahr im Krankheitsverlaufe. Wien: Braumüller 1878.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 27573]

Politzer, Leopold Maximilian: Über Pflege des kranken Kindes. Vortrag, gehalten am 21. Jänner 1879. Wien: typ. Reisser & Ethofer 1879.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 47032]

[1] Politzer L.M., Zu den Geheimnissen der Koststuben und der kleinen Kostkinder, Wien 1848.

[2] Krippen-Kalender. Jahrbuch für Frauen und Mütter (Hrsg. von der Direction des Zentral-Vereine), Wien 1856, S. 83.

[3] Krippen-Kalender. Jahrbuch für Frauen und Mütter (Hrsg. von der Direction des Zentral-Vereine), Wien 1853, S. 16-24.

[4] Krippen-Kalender. Jahrbuch für Frauen und Mütter (Hrsg. von der Direction des Zentral-Vereine), Wien 1854, S. 1-5

[5] The British medical journal, 9.6.1888, S. 1250.

[6] Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 17, 1875, Sp. 337-339; Nr. 18, 1875, Sp. 361-364; Nr. 23, 1875, Sp. 504-507; Nr. 25, 1875, Sp. 551-554; Nr. 26, 1875, Sp. 572-574; Nr. 46, 1875, Sp. 993-996; Nr. 47, 1875, Sp. 1023-1026; Nr. 50, 1875, Sp. 1098-1101; Nr. 4, 1876, Sp. 76-79; Nr. 17, 1876, Sp. 399-401; Nr. 18, 1876, Sp. 420-422; Nr. 19, 1876, Sp. 449-451; Nr. 20, 1876, Sp. 478-480.

[7] Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 20, 1858, S. 350.

[8] Die Presse, 12. Juli 1877, S. 16

[9] Neue Freie Presse, 10.6.1882, S. 5.

[10] Die Presse, 22.6.1867, S. 11

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Letzte Aktualisierung: 2026.09.23

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Zum 150. Geburtstag: Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [96]: Neurath, Rudolf: Die nervösen Komplikationen und Nachkrankheiten des Keuchhustens. Klinische und anatomische Studien. 1904.

Zum 150. Geburtstag von: Neurath, Rudolf: Die nervösen Komplikationen und Nachkrankheiten des Keuchhustens. Klinische und anatomische Studien. Mit 2 Textfiguren. Leipzig und Wien: Franz Deuticke 1904.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 53678]

Text: Harald Albrecht, BA

Abb. 1     Rudolf Neurath. Josephinum, Ethik, Sammlungen, und Geschichte der Medizin, MedUni Wien, FO-IR-003126-0001.

Rudolf Neurath (*17.02.1869 Wien, gest. 14.10.1947 New York), dessen Geburtstag sich im Februar 2019 zum 150. Mal jährte, war ein österreichischer Pädiater. Er wurde in Wien als Sohn von Michael Neurath und Leontine Reiß geboren und war jüdischer Herkunft. Nach dem Besuch der Volksschule und des Gymnasiums in Wien studierte er ab 1887 Medizin an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien. Am 11. März 1893 schloss er das Studium erfolgreich mit seiner Promotion ab. Er absolvierte seine Ausbildung zum Kinderarzt an mehreren Wiener Kliniken wo er bei Hermann Nothnagel (1841-1905), Theodor Escherich (1857-1911), Heinrich Obersteiner (1847-1922) und anderen lernte. Von 1894 bis 1897 war er Sekundararzt am Karolinen Kinderspital in Wien und von 1898 bis 1918 Abteilungsvortand des I. Öffentlichen Kinderkrankeninstituts. 1913 habilitierte sich Neurath im Fach Kinderheilkunde.

Nach dem Ersten Weltkrieg 1918 wurde Rodolf Neurath bis 1938 Leiter des Kinderambulatoriums der Wiener Arbeiterkrankenkasse und Facharzt für Kinderkrankheiten des Wiener städtischen Jugendamtes. 1927 wurde er zum tit. a.o. Professor ernannt. Neuraths wissenschaftliche Schwerpunkte bildeten die Grenzgebiete zwischen Neurobiologie und Pädiatrie, Forschungen zur Pubertät und endokrinologische Fragen. Neurath war unter anderem Mitglied der Gesellschaft der Ärzte in Wien, des Vereins für Neurologie und Psychiatrie und der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft trat er 1934 aus der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde (DGfK) aus um einer zwangsweisen Streichung seiner Mitgliedschaft durch die in Deutschland mittlerweile an die Macht gekommen Nationalsozialisten zuvor zu kommen: „Aussagen wie die des Schriftführers [der DGfK, Anm.] Goebel [Prof. Fritz Goebel (1888-1950) Anm.] vom Januar 1936 – ,Wie zu erwarten sind eine Anzahl von nichtarischen Austritten erfolgt und ich glaube dass wir bald rein arisch sein werden. Diesen Weg der freiwilligen Selbstaustritte finde ich viel glücklicher, als wenn wir irgendeinen Druck ausgeübt hätten.‘ – legen nahe, dass Juden in der DGfK unerwünscht waren und durchaus ein Druck zum ,freiwilligen Austritt‘ bestand. So schrieb auch der Wiener Professor für Kinderheilkunde Rudolf Neurath am 11. Januar 1934 nicht ohne Selbstbewusstsein: ,Sehr geehrter Herr Prof. Goebel! Ich melde meinen Austritt aus der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde, da, wie ich vermute, meine Mitgliedschaft der Gesellschaft ebenso unerwünscht sein dürfte, wie mir selbst. Mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung‘. Der Austritt wurde ansonsten oft wortlos, manchmal auch unter Angabe ,wirtschaftlicher Gründe‘ oder der bevorstehenden Emigration erklärt.“[1]

Nachdem „Anschluss“ 1938 wurde Rudolf Neuraths Venia legendi entzogen und am 1. Juli 1938 wurde ihm seine Mitgliedschaft in der Wiener Ärztekammer, die er seit 1894 besaß, entzogen.[2] Aufgrund seiner jüdischen Herkunft musst Neurath seine Wohnung in der Lange Gasse 70 in der Wiener Josefstadt verlassen und aus Österreich fliehen. Rudolf Neurath gelang die Flucht in die USA, wo er am 14. Oktober 1947 in New York City verstarb. In der wissenschaftlichen Sitzung der Gesellschaft der Ärzte in Wien am 28. November 1947 wurden die erschienen Mitgliedern vom Tod Rudolf Neuraths durch den Vorsitzenden Erwin Stransky (1877-1962) informiert. Stransky erwähnte das Neurath widerfahrene Unrecht mit keinem Wort, wie der in der Wiener klinischen Wochenschrift abgedruckte Sitzungsbericht zeigt: „Der Vorsitzende eröffnet die Sitzung, begrüßt die Erschienen und bringt dem Plenum zur Kenntnis, daß vor kurzem in New York Prof. Dr. Rudolf Neurath verstorben ist. Er war seit 1896 Mitglied unserer Gesellschaft. Mit ihm ist ein hervorragender Vertreter der Wiener Pädiaterschule dahingegangen. Neurath hat eine Reihe bemerkenswerter wissenschaftlicher Arbeiten veröffentlicht, insbesondere auch in pädiatrisch-neurologischen Grenzgebieten, so über zerebrale Veränderungen beim Keuchhusten u.a. als Arzt wie als Kollege hat er sich allgemeiner Wertschätzung erfreut; wir werden ihm stets ein ehrendes Gedenken bewahren.“[3]

Die Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin besitzt eine Ausgabe von Neuraths oben erwähnter 1904 erschienen Monografie über den Keuchhusten. Das Exemplar stammt ursprünglich aus der Bibliothek der Gesellschaft der Ärzte in Wien (GdÄW) und kam im Zuge einer Dauerleihgabe im Jahr 1976 in die Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin. Das Exemplar weist am Buchdeckel eine leider nicht mehr zur Gänze lesbare handschriftliche Widmung Rudolf Neuraths an die Bibliothek der Gesellschaft der Ärzte auf: „[Der B]ibliothek der k.k. Gesellschaft der Aertze/vom Verf.“

Abb. 2    Handschriftliche Widmung am Buchdeckel von Rudolf Neurath an die Bibliothek der GdÄW

Neurath, Rudolf: Die nervösen Komplikationen und Nachkrankheiten des Keuchhustens. Klinische und anatomische Studien. Mit 2 Textfiguren. Leipzig und Wien: Franz Deuticke 1904.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 53678]

Abb. 3    Titelblatt: Neurath: Die nervösen Komplikationen […]. Leipzig […]: 1904.

Abb. 4    Neurath: Die nervösen Komplikationen […]. Leipzig […]: 1904. S. 72.

Quellen:

Neurath, Rudolf (17.2.1869-14.10.1947 New York City) tit. a.o. Prof. Dr. med., Kinderarzt. In: Jüdische Kinderärzte 1933-1945. Entrechtet/geflohen/ermordet. Hrsg.: Eduard Seidler. Erweiterte Neuauflage. Basel u.a.: Karger 2007.

Visus und Vision. 150 Jahre DOG. Festschrift zum 150-jährigen Bestehen der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft. Hrsg: DOG Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft. Köln: Biermann Verlag 2007.

7480 Neurath, Rudolf. In: Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft 18. bis 20. Jahrhundert. Hrsg.: Österreichische Nationalbibliothek. Band 2. J-R. 4542-8922. München: K.G. Saur 2002. S. 982-983.

Neurath, Rudolf, österr. Pädiater, *17.21869 Wien, +14.10.1947 New York. In: Biographische Enzyklopädie deutschsprachiger Mediziner. Hrsg. von Dietrich von Engelhardt. Bd. 2. R-Z Register. München: K. G. Saur 2002. S. 437.

Feikes, Renate: Emigration Wiener jüdischer Ärzte ab 1938 in die USA, speziell nach New York. Wien: Univ.-Diss. 1999.

Rudolf Neurath (1869 Wien – 1948). In: Dokumentation Vertriebene Intelligenz 1938. Der Verlust geistiger und menschlicher Potenz an der Universität Wien von 1938 bis 1945. Hrsg.: Kurt Mühlberger. 2. verb. u. verm. Auflage. Wien: Archiv der Universität Wien 1993. S. 28.

Neurath, Rudolf: In: Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte der letzten fünfzig Jahre (=Zugleich Fortsetzung des Biographischen Lexikons der hervorragenden Ärzte aller Zeiten und Völker). Zweite und dritte, unveränderte Auflage. Zweiter Band Kon-Zweig Nachträge und Berichtigungen, mit 80 Bildnissen. München und Berlin: Verlag von Urban & Schwarzenberg 1962. S. 1112.

Verhandlungen ärztlicher Gesellschaften und Kongreßberichte. Offizielles Protokoll der Gesellschaft der Ärzte in Wien. In: Wiener klinische Wochenschrift. (60/1) 1948. S. 22.

[1] Visus und Vision. 150 Jahre DOG. Festschrift zum 150-jährigen Bestehen der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft. Hrsg: DOG Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft. Köln: Biermann Verlag 2007. S. 57.

[2] Vgl.: Feikes, Renate: Emigration Wiener jüdischer Ärzte ab 1938 in die USA, speziell nach New York. Wien: Univ.-Diss. 1999. Bd. 2. S. 133.

[3] Verhandlungen ärztlicher Gesellschaften und Kongreßberichte. Offizielles Protokoll der Gesellschaft der Ärzte in Wien. In: Wiener klinische Wochenschrift. (60/1) 1948. S. 22.

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