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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [191]: Paul Myrdacz – Militärarzt, Sanitätsstatistiker, Autor, Leiter der Josephinischen Sammlungen und Bibliothekar der Militärärztlich-chirurgischen Bibliothek im Josephinum in Wien

Paul Myrdacz – Militärarzt, Sanitätsstatistiker, Autor, Leiter der Josephinischen Sammlungen und Bibliothekar der Militärärztlich-chirurgischen Bibliothek im Josephinum in Wien

Text: Dr. Walter Mentzel

Paul (Pawel) Myrdacz wurde am 4. Mai 1847 als Sohn von Jerzy Myrdacz (1821-1876) und Zusanna Krzemien in Konská in Österreichisch-Schlesien geboren. Er war mit Emma Zettl verheiratet.

Paul Myrdacz absolvierte 1872 als letzter Jahrgang vor ihrer Schließung die militärärztlich-chirurgischen Josephinische Akademie in Wien mit dem Titel Doktor der gesamten Heilkunde (6.1.1872),[1] und begann unmittelbar darauf seine Karriere als Oberarzt im Infanterieregiment Freiherr von Heß, Nr. 49.[2] 1874 wechselte er zum Infanterieregiment Nr. 39[3] und 1875 zum Garnisonspital Nr. 2.[4] 1878 wurde er als Regimentsarzt dem Chef des militärischen Offizierskorps und dem Generalstab zugeteilt.[5] Zwischen 1879 bis 1888 fungierte er Sekretär des „Unterstützungsvereins der k. k. Militärärzte“. 1885 erfolgte seine Ernennung zum Regimentsarzt 1. Klasse, seinen Dienst versah er in diesen Jahren bei den Infanterieregimentern Nr. 31 und Nr. 55, bis er ab November 1888 wieder dem Garnisonsspital Nr. 2 und ab Mai 1895 dem Garnisonspital Nr. 1 als Stabsarzt zugeteilt wurde.

Paul Mydracz wissenschaftliche Laufbahn

Neben seinem Beruf als Militärarzt schlug Myrdacz schon früh eine wissenschaftliche Laufbahn ein. Zunächst im „Wissenschaftlichen Verein der Militärärzte in Wien“,[6] in dem er zwischen 1874 und 1887 auch als Schriftführer wirkte,[7] sowie als Herausgeber des vom Unterstützungsverein der k.k. Militär-Ärzte geführten „Jahrbuches für Militärärzte“. Im wissenschaftlichen Verein hielt er regelmäßig Vorträge, die sich in der Zeitschrift „Der Militärarzt“ abgedruckt finden, wie u.a. seine „Reiseerinnerungen aus Russland“ aus dem Jahr 1897,[8] oder zur Internationalen Militär-Sanitätsstatistik im Jahr 1898.[9] Ebenso war er viele Jahre lang Mitarbeiter bei der von Wilhelm August Roth (1833-1892) in Berlin herausgegebenen Schriftenreihe: „Jahresberichte über die Leistungen und Fortschritte auf dem Gebiete des Militärsanitätswesens“. 1875 publizierte er bereits zum preußischen Krankentransportwesen und über die militär-hygienischen Mitteilungen aus der nordamerikanischen Union. Beide Arbeiten erschienen in der „Wiener medizinischen Presse“.[10] Seit 1888 war er auch Mitarbeiter der „Wiener klinischen Wochenschrift“.[11] Regelmäßig schrieb er für die Zeitschrift „Der Militärarzt“.

Sanitätsstatistik und Sanitätsgeschichte

Einen besonderen Arbeitsschwerpunkt legte Myrdacz schon früh auf das Gebiet der Sanitätsstatistik, der Sanitätsgeschichte und dem internationalen Militärsanitätswesen. Seine ersten Arbeiten widmeten sich – 1880 veröffentlicht – der Tätigkeit der Schiffsambulanzen und Eisenbahnsanitätszüge.

Erstmals größere Aufmerksamkeit erhielt er mit seiner 1882 vorgelegten Schrift „Sanitätsgeschichte und Statistik der Occupation Bosniens und der Hercegovina im Jahre 1878“, die die – nach den Beschlüssen des Berliner Kongresses 1878 – von Österreich-Ungarn durchgeführten Okkupationen von Bosnien und Herzegowina und der damit verbundenen Eingliederung in die österreichische Verwaltung thematisierte. 1885 erschien von ihm als Fortsetzung die Sanitäts-Geschichte über die Niederschlagung des Aufstandes in der Herzegowina, in Südbosnien und in Süddalmatien, dem sogenannten „Ostherzgowinischen Aufstand“ im Jahre 1882, der mit einer massiven Brutalität durch die k.u.k. Armee gegen die serbische und muslimische Bevölkerung von statten ging und sich im Ersten Weltkrieg an denselben Schauplätzen wiederholen sollte. Myrdacz verarbeitete in diesen beiden Monografien zeitnah militärhistorisch relevante Quellen, darunter sehr früh schon die sogenannten „Feld-Akten“ aus dem Bestand des Kriegsarchivs im heutigen Österreichischen Staatsarchiv, deren Einsichtnahme ihm durch das Kriegsministerium gewährt worden war. Neben zahlreichen Monografien publizierte er seine historischen Arbeiten regelmäßig in der Zeitschrift „Der Militärarzt“. Darunter: „Der Ileotyphus in den Garnisonen Wien und Budapest in den Jahren 1877-1899, in: Der Militärarzt, 29.7.1892, Nr. 14 und 12.8.1892, Nr. 15“, weiters „Die Malariakrankheit im k.u.k. Heere, in: Der Militärarzt, 17.1.1902, Nr. 1 und 2 und „Die chirurgisch-operative Tätigkeit der k.u.k. Militärheilanstalten in den Jahren 1894-1904, in: Der Militärarzt, 20.7.1906, Nr. 13-14“.

Sanitäts-Geschichte über die Niederschlagung des Aufstandes in der Herzegowina, in Südbosnien und in Süddalmatien

Diese Arbeiten zählten in Österreich-Ungarn zu den ersten Versuchen eine zusammenfassende Geschichte eines Krieges aus dem Blickwinkel des Militärsanitätswesens zu schreiben. Zu seinen Vorbildern gehörten die Arbeiten des britischen Militärarztes, Professor an der Army Medical School und Mitbegründer des Genfer Konvention im Jahr 1864, Thomas Longmore (1816-1895), der auch eine wesentliche Rolle im internationalen Roten Kreuz einnahm. Ebenso beeinflusste ihn der Zoologe und Militärchirurg Jean-Charles Chenu (1808-1879) und der US-amerikanische Militärarzt George Alexander Otis (1830-1888), der die Reihe „The medical and surgical history of the War of the Rebellion“ (1861-1865) mitverfasste und mitherausgab, sowie die späteren Arbeiten des sächsischen Oberstabsarztes Hermann Frölich (1839-1900) und dessen Publikationen zum deutsch-französischen Krieg 1870/71.

Zwischen 1895 bis 1898 verfasste Myrdacz zahlreiche weitere militärärztlich-historische Arbeiten. Dazu zählt das von ihm ab 1898 herausgegebene „Handbuch für k.u.k. Militärärzte“ , die „Sanitäts-Geschichte des deutsch-französischen Krieges 1870-71“, die 1895 veröffentlichte Monografie „Das französische Militär-Sanitätswesen. Geschichte und gegenwärtige Gestaltung“, sowie weitere Arbeiten wie die „Sanitätsgeschichte des Krimkrieges 1854 bis 1856. 1896 erschienen die „Sanitätsgeschichte des Feldzuges 1859 in Italien“, „Das russische Militärsanitätswesen. Geschichte und gegenwärtige Gestaltung“, 1897 die „Sanitätsgeschichte der Feldzüge 1864 und 1866 in Dänemark, Böhmen und Italien“, und „Das italienische Militär-Sanitätswesen. Geschichte und gegenwärtige Gestaltung“, und 1898 die „Sanitätsgeschichte des russisch-türkischen Krieges 1877 bis 1878 in Bulgarien und Armenien“, sowie „Der englische Sanitätsdienst in Egypten“.

Im März 1883 wurde Myrdacz der statistischen Abteilung des Technischen Militärkomitees zugeteilt,[12] die die seit 1869 in der Abteilung 14 des k.k. Kriegsministerium existierende „Armee-Sanitäts-Statistik“ abgelöst hatte. Im selben Jahr erfolgte seine Ernennung zum ordentlichen Mitglied des Militärsanitätskomitees. In dieser Funktion wirkte er an der Modernisierung der Sanitätsstatistik mit und publizierte regelmäßig umfangreiche statistische Arbeiten über die Gesundheits- und Krankenverhältnisse im österreichisch-ungarischen Militär (rückwirkend bis 1870). 1891 formulierte er in einer zwölfteiligen Artikelserie in der Zeitschrift der Militärarzt seine Vorstellungen zur Militärstatistik.[13]

Auf diesem Arbeitsfeld entstanden von ihm eine Reihe von Publikationen, die sich heute an der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin befinden, darunter seine Sanitätsstatistiken „Ergebnisse der Sanitäts-Statistik des k.k. Heeres in den Jahren 1870-1882, die „Die Sanitäts-Verhältnisse des k.k. Heeres in den Jahren 1880-1885“, die „Ergebnisse der Sanitäts-Statistik des k.k. Heeres in den Jahren 1883-1887“, die „Die neueren Fortschritte der Militärstatistik in Österreich-Ungarn“, die „Ärztliche Rekrutierungsstatistik von Österreich-Ungarn in den Jahren 1894-1905“, und die 1899 veröffentlichten „Ergebnisse der Sanitäts-Statistik des k.k. Heeres in den Jahren 1883-1896“, sowie die „Sanitätsverhältnisse der Mannschaft des k.u.k. Heeres in den Jahren 1894-1898“, und eine 1906 publizierte Arbeit zur „Epidemiologie der Garnisonen des k.u.k. Heeres in den Jahren 1894-1904“.

Zu einem Standardwerk wurde sein von ihm zusammengestelltes „Handbuch für k.u.k. Militärärzte“ Bd. 1-2. Wien: 1890-1914.

Die Separata-Bibliothek an der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin besitzt als Sonderdruck aus den „Arbeiten der Demographischen Section am VI. Internationalen Congress für Hygiene und Demographie in Wien (1887) seine Studie „Die Verbreitung der zu Kriegsdiensten untauglich machenden Gebrechen der Wehrpflichtigen in Oesterreich-Ungarn“, sowie seine 1894 erschienene Arbeit „Études expérimentales sur l’action du projectile curassé“.

„Internationale Commission für einheitliche Militär-Sanitätsstatistik“

Gleichzeitig zu dem 1894 in Budapest tagenden VIII. Kongress für Hygiene und Demografie, trat auch eine internationale militärärztliche Kommission zusammen, an der Paul Mydracz als offizieller Vertreter Österreich-Ungarns und des Kriegsministeriums teilnahm. Hier kam es, nachdem die Errichtung einer „Internationalen Commission für einheitliche Militärsanitätsstatistik“ zur Vorbereitung der Zusammenführung und Vereinheitlichung statistischer Normen und des Datenaustausches der nationalen Militärstatistiken beschlossen worden war, zu seiner Bestellung zum „ständigen Sekretär“ der Kommission. Über diese seine Tätigkeit sowie seine Versuche auf diesem Gebiet die internationale Staatenwelt zur Zusammenarbeit zu gewinnen, berichtete er in zwei Teilen (Teil 1 und Teil 2) in der Zeitschrift Der Militärarzt 1898 (Nr. 11-14), in denen er seinen zu diesem Thema am 12. März 1898 gehaltenen Vortrag im Wissenschaftlichen Vereine der Militärärzte bei der Garnison Wien, zusammenfasste. Diese Arbeit befindet sich ebenfalls im Bestand der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin.

Weiters nahm er als Delegierter der österreichisch-ungarischen Regierung, sowie des Kriegsministeriums an zahlreichen medizinischen vor allem aber an Kongressen zur Militär- und Sanitätsstatistik teil, wie u.a. im Jahr 1900 am Internationalen medizinischen Kongress in Paris,[14] oder an den internationalen Kongressen zur Hygiene und Demografie, wie dem im September/Oktober 1887 in Wien stattfindenden VI. Kongress, bei dem er im Organisationskomitee vertreten war.[15] 1912 publizierte er dazu „Zur Frage der internationalen Spezialkongresse für Militär- und Marine-Sanitätswesen“.

Myrdacz Versuche der Organisation der „militärärztlich-chirurgischen Bibliothek“ und der Sammlungen im Josephinum:

Bereits 1884 gehörte Myrdacz jener militärischen Kommission an, die sich für die Reaktivierung der seit 1869 aufgehobenen Joseps-Akademie aussprach.[16] Im Mai 1897 erfolgte schließlich seine Ernennung zum ständigen Mitglied des Militär-Sanitäts-Comités[17] und im Dezember 1897 zum Kustos der militärärztlich-chirurgischen Bibliothek und der Sammlung des Sanitätsausrüstungsmaterials am Standort der Josephs-Akademie. Myrdacz wirkte hier durch die Berufung des k.u.k. Militär-Sanitäts-Comités auch als Leiter der heutigen Josephinischen Sammlungen. Die Militärärztliche Bibliothek ging auf die Initiative von Kaiser Joseph II zurück zu deren Erhalt eine Stiftung errichtet wurde, die jährlich den Stiftungsgenuss zur Vermehrung und Instandhaltung der Büchersammlung auszahlte. Die Stiftung war ursprünglich für das 1781 im Gumpendorfer Militärspital errichtete feldärztliche Institut und seit 1785 für die Josephs-Akademie gewidmet worden. Nach Auflassung des feldärztlichen Institutes (1784), wurde die dort eingerichtete Bibliothek dem k.u.k. Militär-Sanitäts-Comité zugewiesen. Seitdem führte die Bibliothek, die heute als eine Sammlung an der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin besteht, die Bezeichnung „K.u.k. militärärztliche Bibliothek des Militär-Sanitäts-Comités“. 1900 umfasste der Bestand 12.000 Werke in 24.000 Bänden und einen Katalog.[18]

Myrdacz versuchte die Bibliothek neu zu organisieren, zu erweitern und insgesamt für einen größeren Benutzerkreis wiederzubeleben. Dazu begann er mit einer Neukatalogisierung und Neuaufstellung der Bibliothek. In dem von ihm geschaffenen alphabetisch geordnete Zettelkatalog führte er noch ein System von 86 Gruppen ein, innerhalb dieser er noch einen chronologisch geordneten Materien-Katalog erstellte. Die Benutzung der Bibliothek stand für Interessierte Montag, Mittwoch und Freitag von 5-8 Uhr abends offen, weiters wurde ein Entlehndienst für Militärärzte außerhalb Wiens eingerichtet und dafür der gedruckte Katalog samt der Bibliotheks-Ordnung den Garnisonen in der Habsburgermonarchie Vorort zur Verfügung gestellt.[19] Darüber hinaus hielt er am Josephinum Vorträge im Hörsaal 1 u.a. über „Sanitäts-Feldausrüstungs-Material.[20]

Exlibris von Paul Myrdacz

Er selbst bezeichnete sich 1899 als Bibliothekar. Heute finden sich noch an der Zweigbibliothek die Spuren seiner Tätigkeit in Form seiner der Bibliothek überlassenen Büchersammlungen, die sein Exlibris tragen.


Handschriftliches Exlibris von Paul Myrdacz

Während seiner Tätigkeit an dieser Institution verfasste er 1899 die heute noch als Handschrift an der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin existierenden „Instruktionen zur Verwaltung der k.u.k. militärärztlichen Bibliothek des Militär-Sanitäts-Comité“.

Instruktionen der Verwaltung der k.u.k. militärärztlichen Bibliothek des Militär-Sanitäts-Comité

Diese in handschriftlicher Form vorliegenden gebundenen Archivalien bestehen aus einer von ihm verfassten Beschreibung der Bibliothek, seiner Vorstellung zur Organisation und Verwaltung der Bibliotheksbestände bis hin zu einer neuen Bibliotheks-Ordnung. Dazu findet sich darin ergänzend eine Sammlung von schriftlichen Quellen zur Bibliotheksgeschichte aus den 1890er Jahre.

Ab 1900 war er darüber hinaus noch Lehrer an der neugeschaffenen militärärztlichen Applikationsschule. Seine Tätigkeit am Josephinum endete im August 1902, nachdem er zum Kommandant des Garnisonsspitals Nr. 2 in Mostar in Bosnien und zum Oberstabsarzt 1. Klasse ernannt wurde.[21] Hier verfasste er im Oktober 1904 im Der Militärarzt den Aufsatz „Sanitätsstatistische Streiflichter“.[22] Im Mai 1905 erfolgte schließlich seine Ernennung zum Sanitätschef des 13. Korps und danach des 4. Korps in Budapest[23] und letztlich im Mai 1908 zum Generalstabsarzt.[24] In Budapest schrieb er 1905 im Der Militärarzt die Studie „Die Alkoholfrage in der Armee“,[25] 1907 den „Sanitätsstatistischen Bericht des k.u.k. Heeres für das Jahr 1905,[26] und 1909 die „Ergebnisse der internationalen Militär-Sanitätsstatistik.[27]

Im April 1911 trat Myrdacz in den Ruhestand und lebte bis zu seinem Tod in Graz. In den folgenden Jahren publizierte er weiterhin die sanitätsstatistischen Berichte in der Zeitschrift der Militärarzt wie u.a. 1912 die Sanitätsstatistischen Berichte des k.u.k. Heeres für 1910 und der Statistische Bericht der k.u.k. Kriegsmarine für die Jahre 1910 und 1911.[28] 1917 wurde ihm der Adelstand verliehen.

Erster Weltkrieg

Während des Ersten Weltkriegs wirkte Paul Myrdacz als Sanitätsreferent beim steirischen Roten Kreuz und in der Bundesleitung des Roten Kreuzes in Wien. Daraus resultierte sein 1917 verfasster „Bericht über die Tätigkeit des steirischen Roten Kreuzes auf dem Gebiet des Sanitätswesens in den Jahren 1914-1916“, der 1917 im Bericht der Generalversammlung des Landes- Frauen- Hilfsvereins Rotes Kreuz Steiermark abgedruckt wurde, und auch einen von ihm verfassten Beitrag zu der Arbeit der innerhalb des Roten Kreuzes in Österreich-Ungarn eingerichteten Organisationseinheit, dem „Gemeinsamen Zentralnachweisbüro“ enthält, das während des Krieges auch nachrichtendienstliche Tätigkeiten sowie Zensuraufgaben erfüllte. Schon ein Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatte er in der Zeitschrift Der Militärarzt einen Aufsatz zur Arbeit des Rotes Kreuzes „Militärsanität und Rotes Kreuz“ publiziert.

Myrdacz verstarb am 7. Juli 1930 in Graz. Der ehemalige Generalstabsarzt und Sanitätschef des k.k. Armeeoberkommandos, Johann Steiner (1866-1945), mit dem Myrdacz auch gemeinsam publiziert hatte, verfasste 1930 in der Wiener medizinischen Wochenpresse einen Nachruf.[29]

Von Myrdacz besitzt die Zweigbibliothek noch eine Sammlung von handschriftlichen Abschriften aus verschiedenen Zeitschriften für Paul Myrdacz zum Militärsanitätswesen und als Manuskript, die von ihm 1923 in Graz verfassten Arbeit „Die vollendete Einheitslehre (Monismus absolutus). Bausteine zu einer zeitgemäss geläuterten Welt- und Lebensansicht“. Weiters befindet sich in diesem Bestand auch eine von ihm im Jahr 1900 handschriftlich verfasste und nicht gedruckte Arbeit mit dem Titel „Tabellarische Übersicht der Ergebnisse der interna-tionalen Militär-Sanitäts-Statistik für Österreich-Ungarn, Italien, Russland, England, Niederlande, Vereinigte Staaten von N.A. in den Jahren 1894-1898“.

Literaturliste:

Myrdacz, Paul: Die Verbreitung der zu Kriegsdiensten untauglich machenden Gebrechen der Wehrpflichtigen in Oesterreich-Ungarn. Mit III graphischen Beilagen. Sonderdruck aus: Arbeiten der Demographischen Section. (IV. Demographischer Congress) = VI. Internationaler Congress für Hygiene und Demographie zu Wien 1887/Travaux de la Section de Démographie. (IVème Congrès de Démographie) Wien: Verlag der Organisations-Commission des Congresses 1887.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

Myrdacz, Paul: Études expérimentales sur l‘auction du projectile curassé. Bukarest: 1894.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

Myrdacz, Paul: Bericht über die Tätigkeit des steirischen Roten Kreuzes auf dem Gebiet des Sanitätswesens in den Jahren 1914-1916. Sonderdruck aus: Bericht der General-Versammlung des unter dem Protektorate Ihrer kaiserl. und königl. Hoheit der durchlauchtigsten Frau Erzherzogin Blanka stehenden Landes- und Frauen-Hilfsvereines vom Roten Kreuze für Steiermark. Graz: Landes- und Frauen-Hilfsverein vom Roten Kreuze für Steiermark 1917.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

Keywords:

Paul Myrdacz, Militärarzt, Militärärztlichen Bibliothek, Josephinum, Militärsanitätsgeschichte, Militärsanitätsstatistik, Medizingeschichte, Arzt, Wien

[1] Neue Freie Presse. 2.7.1873. S.5.

[2] Wiener Zeitung. 30.1.1872. S. 7.

[3] Wiener medizinische Wochenschrift. Nr. 40. 1874. Sp. 885.

[4] Wiener medizinische Wochenschrift. Nr. 38. 1875. Sp. 854.

[5] Der Militärarzt. Nr. 18. 1878. Sp.168.

[6] Der Militärarzt. Nr. 5 1874. Sp. 36.

[7] Wiener medizinische Wochenschrift. Nr. 4. 1874. Sp. 77.

[8] Der Militärarzt. Nr. 5 und 6. 1897. Sp. 49-52; Nr. 7 und 8. 1897. Sp. 65-68; Nr. 9. 1897. Sp. 84-86; Nr. 10. 1897. Sp. 103-105; Nr. 11. 1897. Sp. 118-120.

[9] Der Militärarzt. Nr. 11 und 12. 1898. Sp. 89-94; Nr. 13 und 14. 1898. Sp. 106-110.

[10] Jahrbücher der in- und ausländischen gesamten Medizin. Bd. 171. 1876. S. 343.

[11] Wiener klinische Wochenschrift. Nr. 1. 1888, S. 2.

[12] Der Militärarzt. Nr. 5. 1883. Sp. 40.

[13] Der Militärarzt. Nr. 10. 1891. S. 73-77; Nr. 11. 1891. Sp. 83-86; Nr. 12. 1891. Sp. 91-93; Nr. 15. 1891. Sp. 113-115; Nr. 16. 1891. Sp. 121-123; Nr. 17. 1891. Sp. 129-131; Nr. 18. 1891. Sp. 139-140; Nr. 19. 1891 Sp. 148-149; Nr. 20. 1891. Sp. 153-155; Nr. 21. 1891. Sp. 163-164; Nr. 22. 1891. Sp. 170-172; Nr. 23 und 24. 1891. Sp. 185-192.

[14] Allgemeine Wiener medizinische Zeitung. 12.6.1900. S. 9.

[15] Internationale klinische Rundschau. Nr. 1. 1887. Sp. 29.

[16] Wiener Allgemeine Zeitung. 25.5.1884. S. 5; Der Militärarzt. Nr. 8. 1885. S. 1.

[17] Wiener Allgemeine Zeitung. 2.11.1897. S. 505.

[18] Wiener Zeitung. 23.1.1900. S. 6.

[19] Wiener Zeitung. 23.1.1900. S. 6.

[20] Wiener Zeitung. 30.1.1899. S. 3.

[21] Allgemeine Wiener medizinische Zeitung. 12.8.1902. S. 6.

[22] Der Militärarzt. Nr. 19. 1904. Sp. 161-164.

[23] Die Zeit. 2.5.1905. S. 3.

[24] Die Zeit. 29.4.1908. S. 2

[25] Der Militärarzt. Nr. 21. 1905. Sp. 193-196.

[26] Der Militärarzt. Nr. 15 und 16. 1907. Sp. 209-211.

[27] Der Militärarzt. Nr. 20. 1909. Sp. 305-313; Nr. 21. 1909. Sp. 321-325; Nr. 22. 1909. Sp. 337-344; Nr. 23. 1909. Sp. 353-359.

[28] Der Militärarzt. Nr. 14. 1912. Sp. 201-203.

[29] Wiener medizinische Wochenpresse. Nr. 31. 1930. S. 1038-1039.

Normdaten (Person) Mydracz, Paul: BBL: 39848; GND: 133715183

Bio-bibliografisches Lexikon (BBL)/Liste aller Beiträge der VS-Blog-Serie: Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [102]: Barth, Joseph: Anfangsgründe der Muskellehre. Wien: bey Anton Gassler Buchhändler 1786.

Barth, Joseph: Anfangsgründe der Muskellehre. Wien: bey Anton Gassler Buchhändler 1786.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Josephinische Bibliothek, Sign.: JB-842]

 Text: Dr. Walter Mentzel

   

 

Abb. 1    Portait: Joseph Barth

Joseph Barth (*18.10.1745 in La Valetta/Malta, gest. 07.04.1818 Wien) war Augenarzt und Anatom. In einem Nekrolog hieß es 1818 zu seiner sehr frühen Hinwendung auf die Anatomie, dass er „schon in seiner frühesten Jugend einen solchen unwiderstehlichen Hang zur Zergliederungskunst besaß, dass er schon damals kein Bedenken trug, sich auf alle Art und Weise nicht nur Tierkörpper, sondern auch menschliche Cadaver zu verschaffen“.[1]

Barth studierte zunächst in Rom und darauf in Wien Medizin, wo er das Studium 1772 abschloss und sich danach bei Michael John Baptiste de Wenzel (1724-1790) an der Universität Wien zum Staroperateur und durch Anton von Störck (1731-1803) zum Chirurgen ausbilden ließ. 1773 erhielt Barth das Lektorat und 1774 die ordentliche Professur in den Fächern Augenheilkunde und Anatomie; eine erstmalige öffentliche Professur in diesem Fach an einer Universität. Zwei Jahre später wurde er Leibarzt von Kaiser Joseph II (1741-1790) und eröffnete eine Augenheilanstalt an der er tausende Staroperationen durchführte. Daneben modernisierte er an der Universität Wien den anatomischen Unterricht u.a. schuf er eine Sezieranstalt zu Übungszwecken für Studierende, einen erstmals amphitheatralisch angelegten anatomischen Lehrsaal sowie eine Fachbibliothek, gespeist aus seiner Privatbibliothek und ein Museum, in dem er anatomisch-pathologische Präparate herstellte und sammelte und, die nach dem Ankauf von Joseph II den Kern der Anatomischen Sammlung der Universität Wien bildeten. Ebenso schuf er eine Sammlung chirurgischer Instrumente. 1789 begann Barth im Auftrag des Kaisers an der seit 1785 bestehenden k.k. medizinisch-chirurgische Josephs-Akademie (Josephinum) mit der Ausbildung von Augenärzten.

Abb. 2    Titelblatt: Barth: Anfangsgründe der Muskellehre. Wien: 1786.

Barth, Joesph: Anfangsgründe der Muskellehre. Wien: bey Anton Gassler Buchhändler 1786.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Josephinische Bibliothek, Sign.: JB-842]

Abb. 3    Barth: Anfangsgründe der Muskellehre. Wien: 1786. Tafel II.

Abb. 4    Barth: Anfangsgründe der Muskellehre. Wien: 1786. Tafel II.

Zu seinen berühmtesten Schülern zählen Johann Adam Schmidt (1759-1809) und Georg Joseph Beer (1763-1821). Beer begründete 1812 die erste ordentliche Lehrkanzel für Augenheilkunde im Allgemeinen Krankenhaus sowie die erste Universitäts-Augenklinik der Welt. Beer fertigte auch die Vorlagen (61 gezeichnete Tafeln) zum Hauptwerk von Barth „Anfangsgründe der Muskellehre“ aus dem Jahr 1786 an. Nach der von ihm angestrebten Beendigung seiner universitären Lehrtätigkeit 1791, im Todesjahr von Joseph II, widmete sich Barth nur mehr seiner privaten Anstalt. Joseph Barth starb am 7. April 1818 in Wien.

Abb. 5    Barth: Anfangsgründe der Muskellehre. Wien: 1786. Tafel VI.

Abb. 6    Barth: Anfangsgründe der Muskellehre. Wien: 1786. Tafel VI.

Quellen:

Barth, Joseph, Ophthalmologe, Archäologe, *18.10.1745 La Valetta (Malta), +7.4.1818 Wien. In: Biographische Enzyklopädie deutschsprachiger Mediziner. Hrsg. von Dietrich von Engelhardt. Bd. 1. A-Q. München: K. G. Saur 2002. S. 34.

Beer, Joseph Georg: Nekrolog. In: Vaterländische Blätter. 29.4.1818. S. 1.

[1] Vaterländische Blätter, 29.4.1818, S. 1.

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Zum 175. Todestag: Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [101]: Wirer, Franz von: Ischl und seine Heilanstalten. Ein Handbuch für Aerzte und Laien, welche diesen Kurort und seine Umgebung in heilstättiger oder pittoresker Beziehung zu kennen oder besuchen wünschen. 1842

Zum 175. Todestag: Wirer, Franz von: Ischl und seine Heilanstalten. Ein Handbuch für Aerzte und Laien, welche diesen Kurort und seine Umgebung in heilstättiger oder pittoresker Beziehung zu kennen oder besuchen wünschen. Wien: Verlag der Buchhandlung Pfautsch & Companie 1842.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Josephinische Bibliothek, Sign.: JB-2796]

Text: Harald Albrecht, BA

Abb. 1     Franz von Wirer, 1835 [Lithographie von Josef Kriehuber (1800-1876)]

Franz von Wirer (*2.4.1771 Korneuburg, gest. 30.3.1844 Wien), dessen Todestag sich im März 2019 zum 175 Mal jährt, war ein österreichischer Leibarzt von Kaiser Franz II./I. (1768-1835), Rektor der Universität Wien und gilt als Begründer der Solebadekur in Bad Ischl.

Franz von Wirer war der Sohn eines Wundarztes und studierte an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien seit 1787 Medizin. Zu seinen wichtigsten Lehrern zählte Maximilian Stoll (1742-1787), der 1776 die Nachfolge Anton de Haens (1704-1776) als Leiter der Ersten medizinischen Klinik der Universität Wien angetreten hatte. Von Wirer trat schon während seines Studiums in ein Militärspital ein und wurde 1789 mit der Leitung eines Spitals in der Walachei beauftragt. Nach dem Frieden von Sistowa am 4. August 1791 im Russisch-Österreichischen Türkenkrieg wurde er mit der Rückführung sämtlicher österreichischen Kriegsgefangenen aus Konstantinopel betraut. Danach diente er bis 1798 als Bataillonsarzt in der österreichischen Armee. Im Anschluss daran setzte er seine Studien an der 1785 gegründeten k.k. medizinisch-chirurgischen Josephs-Akademie fort, wo er 1799 zum Doktor der Chirurgie und 1800 zum Doktor der Medizin promoviert wurde. Von Wirer erlangte als konsultierender Arzt in Wien bald hohes Ansehen und zählte neben vielen hochgestellten Persönlichkeiten auch Mitglieder des Kaiserhauses zu seiner Klientel und wurde einer der Leibärzte von Kaiser Franz I.

Nachdem der ehemalige Militärarzt Josef Götz (1774-1839), der als Salinenpysikus 1807 nach Bad Ischl gekommen war, seine therapeutischen Erfolge mit Solebädern publiziert hatte, wurde von Wirer auf ihn aufmerksam. Wirer hatte die Idee in Bad Ischl, das sich auch wegen seiner schönen Lage und guten Klimas, hervorragend dazu eignete, ein Solebad zu errichten. Er entwickelte dieses Vorhaben generalstabmäßig: einerseits ließ er 1823 gemeinsam mit Josef Götz die erste österreichische Solebadeanstalt und andere Kurzwecken dienende Institutionen errichten, andererseits kümmerte er sich auch, eine Ganzheitstherapie propagierend, um gastronomische Infrastruktur – so holte er den Wiener Konditor Johann Zauner (1803-1868) nach Ischl. Erst durch Wirers Renommee gelang Ischl der Durchbruch als Kurbad, wobei seine Verbindungen ins Kaiserhaus besonders hilfreich waren. Der Ruf von Bad Ischl verbreitete sich in Windeseile in ganz Europa – schon im Gründungsjahr sollen über 10.000 Kurgäste nach Ischl gekommen sein. Neben dem „Wirerspital“ wurden ein Dampfbad und ein Schlammbad errichtet, der Kurpark eröffnet, ein Theater gebaut. Bad Ischl entwickelte sich damit zu dem Treffpunkt der Wiener und internationalen Gesellschaft.

1842 erschien von Wirers Werk über die Bad Ischler Heilanstalten:

Wirer, Franz von: Ischl und seine Heilanstalten. Ein Handbuch für Aerzte und Laien, welche diesen Kurort und seine Umgebung in heilstättiger oder pittoresker Beziehung zu kennen oder besuchen wünschen. Wien: Verlag der Buchhandlung Pfautsch & Companie 1842.

Abb. 2    Titelblatt: Wirer: Ischl und seine Heilanstalten […]. Wien: 1842.

Franz von Wirer gehörte der Medizinischen Fakultät der Universität Wien an und war 1836/37 Rektor der Universität Wien. Er gehörte zu den Mitinitiatoren und Gründungsmitgliedern der Gesellschaft der Ärzte in Wien. Franz von Wirer starb hochangesehen am 30. März 1844 in Wien und liegt in einem Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof begraben.

Quellen:

Wirer, Franz Ritter von Rettenbach, österr. Mediziner, Kurarzt, *1771 Korneuburg (Niederösterreich), +30.3.1844 Wien. In: Biographische Enzyklopädie deutschsprachiger Mediziner. Hrsg. von Dietrich von Engelhardt. Bd. 2. R-Z Register. München: K. G. Saur 2002. S. 688.

Wirer, Franz W. Ritter von Rettenbach. In: Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte aller Zeiten und Völker. 2. Auflage. Fünfter Band Sambucus-Zypern mit 64 Bildnissen. Berlin und Wien: Urban & Schwarzenberg: 1934. S. 967-968.

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [99]: Franz Herbich: Militärarzt, Botaniker und Phytologe

Franz Herbich: Militärarzt, Botaniker und Phytologe

Text: Dr. Walter Mentzel

Franz (Franciszek) Herbich wurde am 9. Mai 1791 als Sohn des Chirurgen und Wundarztes Laurenz Herbich (*1757)[1] und dessen Frau Phillippina in der Alservorstadt in Wien geboren.[2]  Er diente seit 1809 als Militärarzt und seit 1814 als Oberarzt im österreichischen Militär und begann währenddessen mit dem Studium der Medizin am Josephinum in Wien, das er 1816 mit dem „Doctor medicinae“ abschloss.

Franz Herbich, 1865

Als Militärarzt beteiligte er sich 1815/16 am Feldzug gegen Frankreich und leitete ein Feldspital in Hagenau im Elsass. Danach war er bis 1818 in Wien und darauf in Preßburg stationiert. 1820 nahm er als Oberarzt bei dem Infanterieregiment Alexander Nr. 2 an der Niederschlagung der italienischen Aufstandsbewegungen in Süditalien teil und blieb zwischen 1821 und 1824 in Neapel. Nach seiner Rückkehr nach Wien kam er 1825 nach Galizien, wo er zwischen Mai 1825 und September 1832 als Regiments- und Chefarzt in Tarnow, 1832 bis 1834 in Stanislawow und ab 1834 in Czernowitz als Regimentsarzt beim Linien-Infanterieregiment Nr. 24 Herzog von Lucca seinen Dienst versah.

Während seines Aufenthaltes in Italien, vor allem aber in Galizien und der Bukowina, beschäftigte sich Herbich mit botanischen und phytologischen Fragen, woraus eine reiche Sammlung konservierter Pflanzen und Pflanzenteile entstand. Ebenso schlug sich seine Arbeit in zahlreichen Veröffentlichungen nieder. 1823 erschien von ihm über seinen „Botanischen Ausflug nach dem Agano-See der Solfatara Pozzuoli und dem Monte nuovo“ ein Reisebericht,[3] nachdem er in der Region um Neapel botanische Studien durchgeführt und im Kloster St. Catherina a Formella einen botanischen Garten angelegt hatte. Hier baute er eine weitere umfassende Pflanzen-Sammlung auf und erstellte ein dazugehöriges Verzeichnis.[4] Ein weiterer Reisebericht von ihm erschien 1824 nach einem Ausflug nach Capri,[5] ein verspätet abgedruckter Bericht im Jahr 1833 über seine Exkursion über den Vesuv nach Ollazano[6] und ein weiterer über die „Straßen-Flora von Neapel bis Villach“ im Jahr 1834.[7] Die Arbeiten aus seiner Zeit in Italien veröffentlichte er für die königlich bayrische Botanische Gesellschaft in der Zeitschrift „Flora oder Botanische Zeitung“.

Nach seiner Versetzung nach Galizien schloss er hier an seine Tätigkeit in Italien an und unternahm zahlreiche ausgedehnten Reisen, die ihn in bis dahin aus botanischer Sicht unbekannte Gebiete führten. Darunter in die nordöstlichsten Teile der Karpatengebirge, wie u.a. nach Czerna Góra, wo er erstmals Pflanzenarten identifizierte, sie bestimmte und deren genauen Standort beschrieb. Auch hier dokumentierte er seine Arbeit in der Zeitung „Flora oder Botanische Zeitung“ (auch: Allgemeine botanische Zeitung). Dazu zählen die Berichte aus den Jahren 1834 über seinen „botanischen Ausflug in die Galizisch-carpatischen Alpen des Sandezer Kreis“[8], 1836 über seine Exkursion in das Hochgebirge der Bukowina,[9] oder 1862 „Über die Verbreitung der in Galizien und der Bukowina wildwachsenden Pflanzen“.[10] Bei seinen Forschungsreisen wurde er auch vom Botaniker und Professor an der Universität in Lemberg Alexander Johann Anton Zawadzki (1798-1868) begleitet.

Aus seiner Zeit in Galizien und der Bukowina stammen auch seine Monografien:

Herbich Franz: Nachricht über die in Gallizien im Sandecer Kreis befindlichen Szczawnicer Gesundbrunnen. Gedruckt bei Ferdinand Ullrich: Wien 1831.

Titelblatt: Herbich: Nachricht über die in Gallizien […]. Wien: 1831.

Frontispiz: Herbich: Nachricht über die in Galizien […]. Wien: 1831.

Herbich Franz: Additamentum Ad Floram Galiciae. Leopoli, Stanislavoviae et Tarnoviae: Apud Kuhn Et Millkowski/Przemysliae: Apud C. Wenzel 1831.

Herbich: Additamentum ad floram Galiciae. Leopoli […]: 1831.

Herbich Franz: Selectus Plantarum Rariorum Galiciae et Bucovinae. Czernovicii: Typis Petri Et Joannis Eckhardt 1836.

Herbich: Selectus Plantarum […]. Czernovicii: 1836.

Weiters seine handschriftliche Arbeit:

Herbich Franz: Beobachtungen über die im Militär Spitale zu Czernowitz vom 1. September 1837 bis 1. September 1841 angewendeten modificirten englischen Kraetzen-Behandlungs-Methode. Czernowitz: 1840.

Titelblatt der Handschrift: Herbich: Beobachtungen über die im Militär Spitale […]. Czernowitz: 1840.

1841 erschien von ihm eine weitere handschriftlich verfasste Arbeit:

Herbich, Franz: Denkwürdige medizinisch-practische Wahrnehmungen. o.O.: 1841.

Titelblatt der Handschrift: Herbich: Denkwürdige medizinisch-practische Wahrnehmungen […]. o.O. 1841.

Herbich war seit 1833 Mitglied der physikalischen Gesellschaft zu Zürich,[11] der königlich-bayerischen botanischen Gesellschaft zu Regensburg, der wissenschaftlichen Gesellschaften in Halle, Hanau, Altenburg, seit 1836 der Wetterauischen Gesellschaft der Naturforscher[12] und seit 1840 der Naturforscher-Gesellschaft zu Iassy.[13] 1838 erhielt er ein Diplom der physikalisch-medizinischen Gesellschaft zu Erlangen.[14] Nach seiner Pensionierung als Regimentsarzt 1. Klasse im Jahr 1845 lebte Herbich zunächst in Czernowitz und zuletzt seit 1856 in Krakau, wo er am 29. September 1865 verstarb. Sein Sohn Franz Herbich (1821-1887) war ein österreichischer Geologe und Paläontologe.

Quellen:

Taufbuch, Matriken, Rk Erzdiözese Wien, Bez. 8, Alservorstadtpfarre, 1791, Sign. 01-03, Folio 181, Herbich Franz.

Wiener Zeitung, 28.10.1865, S. 20 (Convocationen der Gläubigen und Erben nachbekannter Verstorbenen).

Literaturliste:

Herbich, Franz: Nachricht über die in Galizien im Sandecer Kreise befindlichen Szczawnicer Gesundbrunnen. Wien: Gedruckt bei Ferdinand Ullrich 1831.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Josephinische Bibliothek, Sign.: JB-2803]

Herbich, Franz: Additamentum Ad Floram Galiciae. Leopoli, Stanislavoviae et Tarnoviae: Apud Kuhn Et Millkowski/Przemysliae: Apud C. Wenzel 1831.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 29376]

Herbich, Franz: Selectus Plantarum Rariorum Galiciae et Bucovinae. Czernovicii: Typis Petri Et Joannis Eckardt 1836.

[Zweigbiblitohek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 14515]

Keywords:
Bukowina, Botanik, Franz Herbich, Galizien, Italien, Josephinum, Wien Arzt Medizingeschichte, Militärarzt, Botaniker, Phytologe

[1] UAW, Med. Fak. Med. Rigorosenbände des Dekanats für Chirurgen, Pharmazeuten und Hebammen, Sign. 9,1-256.

[2] Wiener Zeitung. 14.6.1823. S. 1.

[3] Flora oder Botanische Zeitung. 21.2.1823. S. 98-110. Flora oder Botanische Zeitung. 28.12.1823. S. 136.

[4] Flora oder Botanische Zeitung. 21.2.1823. S. 106-108.

[5] Flora oder Botanische Zeitung. 21.8.1824. S. 481-488.

[6] Weiters Allgemeine botanische Zeitung. 21.12.1833. S. 737-749.

[7] Flora oder Botanische Zeitung. 28.12.1834. S. 186.

[8] Flora oder Botanische Zeitung. 28.9.1834. S. 561-575 und 7.10.1843. S. 577-587.

[9] Flora oder Botanische Zeitung. 28.10.1836, S. 625-640 und 7.11.1836. S. 641-653.

[10] Verhandlungen. der zoologisch-botanischen Gesellschaft in Wien. 11. 1861. S. 33-70.

[11] Wiener Zeitung. 25.4.1833. S. 1.

[12] Lemberger Zeitung. 23.9.1836. S. 4.

[13] Wiener Zeitung. 11.4.1840. S. 1.

[14] Medizinisch chirurgische Zeitung. 20.8.1838. S. 240.

Normdaten (Person) Herbich, Franz : BBL: 32871; GND:102637148

Bio-bibliografisches Lexikon (BBL)/Liste aller Beiträge der VS-Blog-Serie: Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien

Bitte zitieren als VAN SWIETEN BLOG der Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien, BBL: 32871 (14.03.2019); Letzte Aktualisierung: 2022 07 04
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Zum 150. Geburtstag: Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [94]: Tandler, Julius: Lehrbuch der systematischen Anatomie. Bd. 1-4.; 1919-1929.

Zum 150. Geburtstag von: Tandler, Julius: Lehrbuch der systematischen Anatomie. Bd. 1-4. Leipzig: Verlag von F.C.W. Vogel 1919-1929.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Wolf Bibliothek, Sign.: WOB-731]

Text: Harald Albrecht, BA

Abb. 1     Julius Tandler. Josephinum, Ethik, Sammlungen, und Geschichte der Medizin, MedUni Wien, FO-IR-000231-0002-003

Julius Tandler (*16.02.1869 Iglau (heute: Jihlava)/Mähren, gest. 25.08.1936 Moskau), dessen Geburtstag sich am 16. Februar 2019 zum 150. Mal jährt, war ein österreichischer Anatom, sozialdemokratischer Stadtrat Wiens für Wohlfahrts- und Gesundheitswesen und jüdischer Herkunft. Tandlers Familie zog einige Jahre nach seiner Geburt nach Wien, wo sie in verschiedenen Arbeiter-Bezirken unter bescheidenen Verhältnissen lebte. Tandler besuchte das noch heute bestehende Gymnasium Wasagasse am Wiener Alsergrund, wo er maturierte. Zwischen 1889 und 1895 absolvierte er ein Studium der Medizin an der Universität Wien, das er 1895 mit seiner Promotion erfolgreich abschloss. Seit Beginn des Studiums von der Anatomie begeistert wurde er direkt im Anschluss an seine Promotion Assistent beim berühmten Anatomen Emil Zuckerkandl (1849-1910). Tandler wurde 1899 habilitiert und 1903 zum Extraordinarius ernannt. Nach dem Tod Zuckerkandls wurde er 1910 als Ordinarius auf den Lehrstuhl für Anatomie berufen. „Seine berühmte Antrittsrede ,Anatomie und Klinik‘ zeigte auf, wie Tandler die Anatomie verstanden wissen wollte: als Hilfe für die Klinik, demnach als Hilfe für den kranken Menschen. Hier lag im Keime ein Streben vor, das Tandler letztlich zur Politik, zur großen sozialen Hilfe für die Bedürftigen führen sollte. Viele Arbeiten in dieser Zeit sind der Verbindung von Anatomie und einem der klinischen Spezialfächer, etwa Gynäkologie, Urologie usw. gewidmet. Auch um Konstitutionsforschung hat sich Tandler verdient gemacht und eine Fachzeitschrift gegründet. Knapp vor dem Ersten Weltkrieg hat Tandler sein vierbändiges Lehrbuch der Anatomie begonnen, das erst 1928 vollendet wurde.“[1]

Abb. 2    Titelblatt: Tandler: Lehrbuch der systematischen Anatomie. 1. Band. Leipzig: 1919

Von 1914 bis 1917 war Julius Tandler Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Wien. In dieser Funktion nahm er sich besonders der Neugestaltung der MedizinerInnenausbildung an. Nach Gründung der Ersten Republik wurde Tandler 1919 Unterstaatssekretär im Volksgesundheitsamt. Unter seiner Ägide wurde 1920 das Krankenanstaltengesetz geschaffen, wodurch die österreichischen Krankenhäuser auf eine gesunde finanzielle Basis gestellt wurden. „Bund, Länder und Gemeinden hatten nun nach einem bestimmten Schlüssel die Kosten zu tragen; erstmals auf der Welt wurde in Österreich von der Finanzierung durch Fonds Abstand genommen.“[2] Im Oktober 1920 schied Tandler aus der Bundesregierung aus und wirkte fortan als Stadtrat im Roten Wien für Wohlfahrts- und Gesundheitswesen.

Julius Tandler gilt als typischer Vertreter der frühen sozialistischen Eugenik. Seine Ansätze in der Bevölkerungspolitik werden heute sehr kritisch betrachtet – vertrat er doch in mehreren Aufsätzen und Vorträgen die Forderung nach der Vernichtung bzw. Sterilisation von „unwertem Leben“. „Der Mediziner Tandler, der in seinen eugenischen Überlegungen vor ,Minusvarianten‘ warnt, für die (freiwillige) Sterilisation erbkranker Menschen eintritt und die Kosten für ,lebensunwertes Leben‘ vorrechnet, steht im Widerspruch zum Gesundheitspolitiker Tandler, der im Wiener Gemeinderat einen flammenden Appell hält, ,im Interesse dieser unglücklichen Menschen zusammenzuarbeiten‘ und ,in aller Not und Armut Ungeheures für unsere Kranken und Elenden zu leisten‘, der es nach dem Ersten Weltkrieg zu Wege bringt, das Sozialbudget für die hungernde Wiener Bevölkerung mehr als zu verdoppeln.“[3] Peter Schwarz schreibt in der Einleitung zu seinem 2017 erschienen Werk Julius Tandler – Zwischen Humanismus und Eugenik Folgendes zur Bewertung Tandlers: „Die Studie belegt, dass Tandler – als sozialdemokratischer Politiker jüdischer Herkunft und als Freimaurer per se Feindbild der Nationalsozialisten – trotz einzelner bedenklicher Sichtweisen und Aussagen zur Vernichtung ,lebensunwerten Lebens‘ der verbrecherischen Politik des NS-Regimes auf dem Gebiet der ,Rassenhygiene‘ keinesfalls Vorschub geleistet oder den Weg geebnet hat. Tandlers wissenschaftliche Positionen wurden von den Vertretern der NS-Rassenhygiene abgelehnt, er selbst geriet in und außerhalb des Wiener Gemeinderats vonseiten der Nationalsozialisten in den Fokus antisemitischer bzw. rassistischer Angriffe.“[4]

Julius Tandler kann in seiner Funktion als Stadtrat für Wohlfahrts- und Gesundheitswesen als Schöpfer des geschlossenen Systems der Fürsorge gelten. Einzelne Teile eines Fürsorgesystems gab es auch schon vorher. Seine eigentliche Leistung bestand in der Zusammenfassung des Systems. Die Grundvorstellung bestand darin, den Menschen von der Schwangerenfürsorge bis zum Friedhof zu erfassen. Am 30 Juni 1921 wurden vier Grundsätze der Fürsorge beschlossen: 1. Die Verpflichtung der Gesellschaft allen Hilfsbedürftigen Hilfe zu gewähren, 2. Individualfürsorge kann rationell nur in Verbindung mit Familienfürsorge geleistet werden, 3. Aufbauende Wohlfahrtspflege ist vorbeugende Fürsorge, 4. die Organisation der Wohlfahrtspflege muss in sich geschlossen sein. Dieser Grundsatz hat drei Dimensionen: die geographische, die zeitliche und die qualitative.[5] Besonders die Jugendfürsorge stand im Zentrum Tandlers Bemühungen – von der neueröffneten Kinderübernahmestelle der Stadt Wien, Anstalten wie das Zentralkinderheim, neu errichteten Kindergärten bis zur Schwererziehbarenanstalt. Zusätzlich wurden die Wiener Krankenhäuser ausgebaut – besonders Lainz mit seinem TBC-Pavillion. Neben der Bekämpfung der Tuberkulose war für Tandler das Feld der Aufklärung und Vorbeugung besonders wichtig. Er investierte in Eheberatung, Schwangeren- und Mütterberatung, Geschlechtskrankheiten- und Alkoholbekämpfung. Aufsehen erregte das in abgewandelter Form heute noch existente Säuglingswäschepaket, ein Geschenk der Stadt Wien an alle Mütter, ohne Unterschied des Standes. Zur Förderung von Sport und Gesundheit regte Julius Tandler auch den Bau des Wiener Praterstadions an. Darüber hinaus engagierte er sich auch in der Krebsbekämpfung und brachte das erste Radium für Bestrahlungszwecke nach Wien. Für die Finanzierung dieser Maßnahmen hatte der Finanzstadtrat Hugo Breitner (1873-1946) zu sorgen, der Tandler scherzhaft seinen teuersten Freund nannte.

Auch das Institut für Geschichte der Medizin und die heutige Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin der UB-MedUni-Wien haben Julius Tandler viel zu verdanken. Durch die Unterstützung Tandlers konnte das von Max Neuburger (1868-1955) gegründete Institut für Geschichte der Medizin endlich seine Räumlichkeiten im Josephinum beziehen: „Nachdem zwischen 1914 und 1919 die medizinhistorische Sammlung und die Bibliothek von Neuburger in einem Raum hinter dem Hörsaal der I. Medizinischen Klinik untergebracht worden war, kam es nach dem Ersten Weltkrieg (1919) durch Julius Tandler (1869–1936), den amtierenden sozialdemokratischen Unterstaatssekretär des Volksgesundheitsamtes, zur Gründung eines eigenen Institutes für Medizingeschichte am Standort des heutigen „Josephinum“, das 1920 bezogen wurde.“[6]

In den frühen 1930er Jahren war Julius Tandler auch im Rahmen der Hygiene-Sektion des Völkerbundes aktiv und als medizinischer Berater in China und der Sowjetunion tätig – in China hielt er Vorlesungen über Anatomie und half bei der Planung von Krankenhäusern. Seit den späten 1920er Jahren sah Tandler sich und seine Forschung immer häufiger von antisemitischen Studentenverbindungen diffamiert und in seiner wissenschaftlichen Arbeit behindert. Nach dem Ende der Demokratie in Österreich 1933/34 wurde er vom austrofaschistischen Regime kurzeitig inhaftiert und nach seiner Freilassung zwangspensioniert. Tandler entschloss sich daraufhin Österreich zu verlassen und emigrierte zunächst nach China. 1936 wurde er nach Moskau berufen, um dort am Aufbau des Spitalswesens mitzuwirken. Julius Tandler verstarb in der Nacht vom 25. auf den 26. August 1936 in Moskau. Er wurde nach Wien überführt und in dem von ihm geschaffenen Krematorium in Wien-Simmering eingeäschert. Seine Urne befindet sich heute in einer Ehrennische.

Abb. 3    Tandler: Lehrbuch der systematischen Anatomie. 1. Band. Fig. 44. Leipzig: 1919. S. 44.

Abb. 4    Tandler: Lehrbuch der systematischen Anatomie. 1. Band. Fig. 125. Leipzig: 1919. S. 131.

Abb. 5    Tandler: Lehrbuch der systematischen Anatomie. 1. Band. Fig. 277. Leipzig: 1919. S. 347.

Quellen:

Schwarz, Peter: Julius Tandler. Zwischen Humanismus und Eugenik. Wien: Edition Steinbauer 2017.

Tandler Julius, Anatom und Politiker. In: Österreichisches biographisches Lexikon 1815-1950. Hrsg. von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. 64. Lieferung Szaster Antoni-Telfner Josef. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ÖAW 2013. S. 194-195.

Bruno Bauer, Walter Mentzel und Harald Albrecht: Josephinische Bibliothek und medizinhistorische Bestände der Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien. In: GSM Medizin – Bibliothek – Information. 12 (2012) 1-2. S. 1-19.

Sablik, Karl: Julius Tandler. Mediziner und Sozialreformer. 2. Aufl. Frankfurt/M, Wien u.a.: Peter Lang 2010.

Sudera, Kurt: Julius Tandler – Gesundheitspolitik im „Roten Wien“. In: Umwelt Stadt. Geschichte des Natur- und Lebensraumes Wien. Mit 990 Farb- und SW-Abbildungen. Hrsg. von Karl Brunner und Petra Schneider. Wien, Köln und Weimar: Böhlau Verlag 2005. S. 259.

Tandler, Julius, österr. Mediziner, Sozialhygieniker, Politiker, *16.2.1869 Iglau (Mähren), +25.8.1936 Moskau. In: Biographische Enzyklopädie deutschsprachiger Mediziner. Hrsg. von Dietrich von Engelhardt. Bd. 2. R-Z Register. München: K. G. Saur 2002. S. 620.

10455 Tandler Julius. In: Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft 18. Bis 20. Jahrhundert. Hrsg.: Österreichische Nationalbibliothek.  Band 3. S-Z. 8923-11742 Register. München: K.G. Saur 2002. S.1361.

Sablik, Karl: „Wer Kindern Paläste baut, reißt Kerkermauern nieder“. Julius Tandler und sein Werk. In: Das jüdische Echo. Zeitschrift für Kultur und Politik. (35/1) 1986. S. 199-204.

Sablik, Karl: Julius Tandler (1869-1936). In: Arzt, Presse, Medizin (15) 1977. S. 6-8.

[1] Sablik, Karl: Julius Tandler (1869-1936). In: Arzt, Presse, Medizin (15) 1977. S. 6-7.

[2] Sablik, Karl: „Wer Kindern Paläste baut, reißt Kerkermauern nieder“. Julius Tandler und sein Werk. In: Das jüdische Echo. Zeitschrift für Kultur und Politik. (35/1) 1986. S. 202.

[3] Schwarz, Peter: Julius Tandler. Zwischen Humanismus und Eugenik. Wien: Edition Steinbauer 2017. S. 13.

[4] Schwarz, Peter: Julius Tandler. Zwischen Humanismus und Eugenik. Wien: Edition Steinbauer 2017. S. 12.

[5] Siehe: Sablik, Karl: „Wer Kindern Paläste baut, reißt Kerkermauern nieder“. Julius Tandler und sein Werk. In: Das jüdische Echo. Zeitschrift für Kultur und Politik. (35/1) 1986. S. 202.

[6] Bruno Bauer, Walter Mentzel und Harald Albrecht: Josephinische Bibliothek und medizinhistorische Bestände der Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien. In: GSM Medizin – Bibliothek – Information. 12 (2012) 1-2. S. 5.

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [93]: Plenck, Joseph Jacob von: Josephi Jacobi Plenck Consiliari Cæsareo-Regii, Chirurgiæ Atque Botanices…Supremi Icones Plantarum Medicinalium…1788-1803.

Plenck, Joseph Jacob von: Josephi Jacobi Plenck Consiliari Cæsareo-Regii, Chirurgiæ Atque Botanices Professoris Publici, Ordinarii In Academia Medico-Chirurgica Josephina, Ejusdemque Academiæ Secretarii Perpetui, Nec Non Directoris Pharmacopoearum Militarum Atque Chirurgi Status Militaris Supremi Icones Plantarum Medicinalium Secundum Systema Linnæi Digestarum, Cum Enumeratione Virium Et Usus Medici, Chirurgici Atque Diætetici. Centuria I-V. Viennæ: Apud Rudolphum Græffer Et Soc./Centuria VI. Viennæ Apud A. Blumauer/Centuria VII. Viennæ: Sumptibus Librariae Camesinianae. Typis Jos. Degen. 1788-1803.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Josephinische Bibliothek, Sign.: JB-6357]

Text: Harald Albrecht, BA

Abb. 1     Joseph Jacob von Plenck. Josephinum, Ethik, Sammlungen, und Geschichte der Medizin, MedUni Wien, FO-IR-003312-0001

Joseph Jacob von Plenck (*28.11. 1735 Wien, gest. 24.8.1807 Wien) gilt als Mitbegründer der modernen europäischen Dermatologie. Er war aber auch ein sehr bekannter Chirurg, Geburtshelfer, Chemiker und Botaniker. Plenck wurde als Sohn des Wiener Buchbinders Franz Plenck (auch: Plenckhl) und dessen Frau Maria Anna (auch: Anna Maria), geborene Pochtl, am 28. November 1735 in Wien geboren. Von Plenck besuchte die Lateinschule der Jesuiten und wurde ab 1753 in die Lehre zu dem bekannten Chirurgen Dr. Johann Christian Retter geschickt, die er 1756 erfolgreich beendete. – Zu diesem Zeitpunkt war die Chirurgie noch kein akademisches Fach und wurde bei Badern und Scherern erlernt. – Danach nahm er an den Vorlesungen von Anton de Haen (1704-1776), Ferdinand Joseph von Leber (1727-1808) und Valentin von Lebmacher (1726-1797) an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien teil.

Joseph Jacob von Plenck trat 1758 in die kaiserliche Armee ein, wo er bis zum Ende des Siebenjährigen Krieges 1763 als Regimentschirurg diente. Im Anschluss daran ging er zurück an die Medizinische Fakultät der Universität Wien. „[…] according to data reported by [Ferdinand Joseph, Anm.] Zimmermann [(1775-nach 1837), Anm.] he became Magister Chirurgiae et Obstetriciae (but not Medicinae Doctor). The indices of doctorands of Vienna University do not list his name. […] In order to obtain a license for practicing surgery, Plenck had to sell his parental house and buy a surgeons’s office. In 1766 Plenck’s first paper (on a venereologic topic) appeared and, remarkably, was translated into English and French, the English translation going through three editions.“[1] In dieser, seiner ersten Wiener Praxis, betrieb er eine Barbierstube in der er auch kleinere chirurgische Operationen durchführte. 1770 folgte er dem Ruf Kaiserin Maria Theresias (1717-1780) an die 1769 neu gegründete medizinische Fakultät der Universität Tyrnau (damals: Nagyszombat/Königreich Ungarn, heute: Trnava/Slowakei), wo er einen Lehrstuhl für Chirurgie und Geburtshilfe bekleidete. 1777 wurde die Universität zunächst nach Buda, dann nach Pest verlegt.

1783 bewarb sich Joseph Jacob von Plenck bei Kaiser Joseph II. (1741-1790) als Direktor der Feldapotheken in der kaiserlichen Armee, da dieser Posten zu diesem Zeitpunkt unbesetzt war. Dem Ansuchen wurde stattgegeben und von Plenck übersiedelte nach Wien. 1786 wurde Plenck als Professor für Chemie und Botanik an das Josephinum berufen. – Das Josephinum wurde als k.k. medizinisch-chirurgische Josephs-Akademie 1784 von Kaiser Joseph II. auf Betreiben seines Leibchirurgen Giovanni Alessandro Brambilla (1728-1800) gegründet und im November 1785 feierlich eröffnet. Brambilla, der seit 1779 als Leiter des gesamten österreichischen Militärsanitätswesens mit dessen Reformierung betraut war, fungierte bis 1795 als Direktor der Akademie. 1786 erhielt die Akademie im Josephinum das Recht Magister und Doktoren der Medizin und Wundarznei zu graduieren. Ziel war eine längst überfällige Akademisierung des Faches Chirurgie. Das neue Gebäude, das die k.k. medizinisch-chirurgische Josephs-Akademie 1785 bezog wurde nach Plänen des Architekten Isidor Marcellus Amandus Canevale, von dem unter anderem auch das Lusthaus im Wiener Prater sowie das Eingangstor zum Augarten stammen, im Stil des Barockklassizismus erbaut.

Joseph Jacob von Plenck blieb bis zu seiner Pensionierung 1805 Professor an der k.k. medizinisch-chirurgische Josephs-Akademie, dessen Sekretär er zuletzt auch war. 1797 wurde er von Kaiser Franz II./I. (1768-1835) in den Adelsstand erhoben. Er starb nach langer schwerer Krankheit am 24. August 1807 in seinem Haus in Wien.

Joseph Jacob von Plenck gilt als einer der wichtigsten wissenschaftlichen Autoren seiner Zeit, der in den unterschiedlichsten Disziplinen eine Vielzahl von Werken publizierte. Vielleicht sein prachtvollstes Werk sind seine sieben Bände umfassenden Icones plantarum medicinalium, die er ab 1788 herausgab. Die zweisprachigen (Latein und Deutsch) Prachtbände, die nach dem damals neuen botanischen Ordnungssystem von Carl von Linné (1707-1778) systematisiert sind, enthalten 758 handkolorierte Kupfertafeln mit Pflanzenabbildungen, deren medizinischen Gebrauch von Plenck darin beschrieb:

Abb. 2   Titelblatt: Plenck: […] Icones Plantarum Medicinalium […]. Wien: 1788.

Plenck, Joseph Jacob von: Josephi Jacobi Plenck Consiliari Cæsareo-Regii, Chirurgiæ Atque Botanices Professoris Publici, Ordinarii In Academia Medico-Chirurgica Josephina, Ejusdemque Academiæ Secretarii Perpetui, Nec Non Directoris Pharmacopoearum Militarum Atque Chirurgi Status Militaris Supremi Icones Plantarum Medicinalium Secundum Systema Linnæi Digestarum, Cum Enumeratione Virium Et Usus Medici, Chirurgici Atque Diætetici. Centuria I-V. Viennæ: Apud Rudolphum Græffer Et Soc./Centuria VI. Viennæ Apud A. Blumauer/Centuria VII. Viennæ: Sumptibus Librariae Camesinianae. Typis Jos. Degen. 1788-1803.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Josephinische Bibliothek, Sign.: JB-6357]

Abb. 3    Plenck: […] Icones Plantarum Medicinalium […]. Wien: 1788. Tafel 23.

Abb. 4    Plenck: […] Icones Plantarum Medicinalium […]. Wien: 1788. Tafel 31.

Abb. 5    Plenck: […] Icones Plantarum Medicinalium […]. Wien: 1788. Tafel 34.

Abb. 6    Plenck: […] Icones Plantarum Medicinalium […]. Wien: 1788. Tafel 36.

Quellen:

Plenck, Joseph Jakob Edler von, öster. Chirurg, *28.11.1733, +24.8.1807 Wien. In: Biographische Enzyklopädie deutschsprachiger Mediziner. Hrsg. von Dietrich von Engelhardt. Bd. 2. R-Z Register. München: K. G. Saur 2002. S. 471-472.

Aliotta, Giovanni u.a.: Joseph Jacob Plenck (1735-1807). In: American Journal of nephrology. (14) 1994. S. 377-382.

Wyklicky, Helmut: Über vier Professoren der Josephinischen medizinisch-chirurgischen Akademie als Ahnherren des Pharmakognostischen Instituts der Universität Wien. In: Österreichische Apotheker-Zeitung. (40/22) 1986. S 516-518.

Holubar, Karl und Joseph Frankl: Joseph Plenck (1735-1807). A forerunner of modern European dermatology. In: Journal of the American Academy of Dermatology. (10/2-Part I) 1984. S. 326-332.

[1] Holubar, Karl und Joseph Frankl: Joseph Plenck (1735-1807). A forerunner of modern European dermatology. In: Journal of the American Academy of Dermatology. (10/2-Part I) 1984. S. 329.

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [83]: 1848 Revolution: Der 170. Todestag von Robert Blum und seine Aufbahrung am Josephinum am 9. November 1848

1848 Revolution: Der 170. Todestag von Robert Blum und seine Aufbahrung am Josephinum am 9. November 1848

Text: Dr. Walter Mentzel

Robert Blum (*10.11.1807 Köln, gest. 9.11.1848 Wien) nahm im deutschsprachigen Raum in der Revolution von 1848 eine herausragende Bedeutung als führender Protagonist der demokratisch-republikanischen Ideen des Vormärzes ein. Seit den 1830er Jahren trat er, der zu dieser Zeit als Theatersekretär und Bibliothekar in Leipzig arbeitete, in verschiedenen Funktionen auf, initiierte die demokratische Bewegung in Sachsen, unterstütze diese publizistisch, engagierte sich gegen nationalistische Strömungen und wurde mehrmals wegen seiner Systemkritik inhaftiert und von der Zensur bedroht. Er war seit Mai 1848 Abgeordneter des ersten demokratisch gewählten Parlaments Deutschlands, der Frankfurter Nationalversammlung, wo er der demokratischen Fraktion und dem Verfassungsausschuss angehörte und sich vehement für eine republikanische Verfassung einsetzte.

Abb.      1 Robert Blum, von August Hunger

Seine Sorge vor einem Scheitern der Revolution und der Nachricht vom Beginn des Oktoberaufstandes in Wien, wo viele den Entscheidungskampf erwarteten und die Rettung der Revolution erhofften, zog ihn im Oktober 1848 nach Wien. Hier traf Blum am 17. Oktober 1848 als Leiter einer Delegation der demokratischen Fraktion der Nationalversammlung ein und trat unmittelbar darauf vor dem Reichstagsauschuss, dem Wiener Gemeinderat und im Studentenausschuss auf. Am 23. Oktober hielt er in der Aula der Universität Wien eine vielbeachtete Rede.[1] Ab dem 25. Oktober nahm er als Mitglied des sogenannten „Elite-Corps“ an der Verteidigung Wiens gegen die kaiserlichen Truppen teil und verteidigte als einer der Kommandanten die sogenannte Nußdorfer Linie.

Nach der Niederschlagung der Revolution und der Besetzung Wiens durch die kaiserlichen Truppen am 1. November 1848 wurde er am 4. November verhaftet und wegen aufrührerischer Reden und Teilnahme an der Verteidigung Wiens trotz seiner Immunität als Parlamentarier am 8. November 1848 durch ein Standgericht zum Tode verurteilt. Am 9. November 1848 morgens wurde Robert Blum in Wien, Brigittenau, erschossen.

Seine Leiche wurde danach in das Josephinum in die Währinger Straße überführt und aufgebahrt,[2] und erst Tage danach in den Schachtgräbern des Währinger Friedhofs begraben.

Wie bei vielen 1848-Revolutionären wurden über Jahrzehnte die Versuche eine Erinnerungskultur zu entwickeln und Gedenkorte zu schaffen unterdrückt und im Keim erstickt; sie lebten nur im Untergrund fort. Erst 1912 wurde von privaten Personen ein kleiner Stein an seinem Begräbnisort platziert. In Wien wurden erst in der Ersten Republik offizielle Gedenkorte geschaffen, darunter der Blum-Gedenkstein im Währingerpark im 18. Bezirk. Darüber hinaus wurde eine Gasse (1919) und eine Wohnhausanlage (1923/24) nach ihm benannt, die auch eine Portraitbüste schmückte, die 1938 von den Nationalsozialisten entfernt wurde.

Quellen:

Wiener Zeitung, 24.10.1848, S. 11.

Illustrierte Zeitung, 18.11.1848, S. 3.

[1] Wiener Zeitung, 24.10.1848, S. 11.

[2] Illustrierte Zeitung, 18.11.1848, S. 3.

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [81]: Mediziner in der Revolution 1848: Joseph Seegen – Balneologe und Stoffwechselforscher

Mediziner in der Revolution 1848: Joseph Seegen – Balneologe und Stoffwechselforscher

Text: Dr. Walter Mentzel

Joseph Seegen wurde am 20. Mai 1822 als Sohn des jüdischen Kaufmannes Lion Daniel Seegen (1792-1847) und Anna Johanna, geborene Brod, in Polná in Böhmen (heute: Polná/Tschechien) geboren. 1856 heiratete er Hermine Böhm (*1836), die Tochter des Mediziners und Mitglieds der Medizinischen Fakultät Wien, Jakob Böhm (1802-1858). Er begann zunächst in Prag ein Studium der Philosophie und danach der Medizin, das er ab 1841 an der Universität Wien fortsetzte und noch im selben Jahr zum Doktor der Medizin[1] und 1843 zum Doktor der Chirurgie promovierte.[2] Im August 1847 wurde seine Dissertation an der Universität approbiert und befindet sich heute an der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin: „[…] De Aquis Soteriis In Ratione Geologico-Chemica, […]. Wien: Typis Caroli Ueberreuter 1847.

Titelblatt: Seegen […] De Aquis sotoriis. Wien: 1847.

Ein Jahr nach seiner Promotion an der Universität Wien nahm Seegen in Wien als Mitglied der „Akademischen Legion“ an der Revolution von 1848 teil. Er gehörte zu den Mitbegründern des „Akademischen Rede- und Lesevereins in Wien“, der sich zum Ziel setzte Personal für die künftige parlamentarische Vertretung in Form einer politischen Bildungsanstalt auszubilden und zu rekrutieren,[3] und war Mitglied des unter dem Vorsitz von Adolf Fischhoff (1816-1893) bestehenden „Ausschuss der Bürger, Nationalgarde und Studenten zur Aufrechterhaltung der Ordnung und Sicherheit und für die Wahrung der Volksrechte“.[4]

Von Seegen sind aus dem Jahr 1848 zwei schriftliche Quellen überliefert, die von seinem Engagement berichten und seine Intentionen in der Revolution von 1948 darlegen. 1848 gab er gemeinsam mit Heinrich Kern die an der Wienbibliothek sich befindende Flugschrift „An die Studenten Wiens!“ heraus, die mit den Worten begann: „Brüder! Der Kampf der Märztage war der Kampf der Gesinnung und des kräftig erwachten politischen Bewusstseins gegen das System der Knechtung und Entgeistigung, der Sieg war jener des Geistes […].

Ebenfalls 1848 publizierte er gemeinsam mit dem in Wien 1849 zum Dr. der Medizin promovierten Journalisten und Schriftsteller Max Schlesinger (1822-1881) ein dreibändiges „Populäres Staats-Lexikon“ mit dem Untertitel: „politisches ABC für’s Volk. Ein unentbehrlicher Führer im constitutionellen Staat“. Mit dieser – ursprünglich in Form von Einzelheften publizierten und wöchentlich erscheinenden Schriftenreihe – sollte der Bevölkerung die Grundbegriffe der Demokratie und der republikanischen Regierungsform nähergebracht werden.

Nach der Niederschlagung der Revolution flüchtete er, um einer drohenden Verhaftung zu entgehen, aus Wien nach Paris, wo er an der Sorbonne bei dem französischen Physiologen Claude Bernard (1813-1878) studierte und sein Interesse an der Geologie und der Heilquellenkunde vertiefte. Nach seiner Rückkehr nach Wien im Jahr 1850 unternahm er eine mehrjährige Reisetätigkeit als ärztlicher Reisebegleiter eines Privatpatienten, die ihn nach Italien, Südfrankreich, England und Deutschland führte. Von 1853 bis 1884 lebte und arbeitete er in Karlsbad (Karlovy Vary) in Böhmen als Kurarzt und betrieb daneben seine wissenschaftlichen Forschungen auf dem Gebiet der Balneologie weiter. In Karlsbad etablierte sich um ihn ein intellektueller Kreis, dem unter anderem der Schriftsteller Iwan Sergejewitsch Turgenew (1818-1883), der deutsche Historiker Georg Gottfried Gervinus (1805-1871), oder der Publizisten Moritz Hartmann (1821-1872) angehörten.

Joseph Seegen. Aus: Das interessante Blatt. 4/1904. S. 7.

1854 habilitierte sich Seegen an der Wiener Universität bei dem Internisten Johann Oppolzer (1808-1871), im selben Jahr erfolgte seine Berufung zum Privatdozenten für Balneologie. Die 1853 fertiggestellte Habilitationsschrift trug den Titel „Die naturhistorische Bedeutung der Mineralquellen. Eine Skizze vorgelegt dem k.k. Wiener medizinischen Professorenkollegium zum Behufe der Habilitation als Docent der Balneologie“. Mit Oppolzer und dem Dermatologen Carl Ludwig Sigmund (1810-1883) gründete er 1856 den „Verein für Heilquellenkunde in Österreich“ und wandte sich endgültig der Balneologie zu. 1859 erfolgte seine Ernennung zum a.o. Professor für Balneologie an der Universität Wien, womit er der erste Vertreter dieses Fach in Wien wurde.

1857 und 1858 veröffentlichte Seegen sein zweibändiges Werk „Compendium der allgemeinen und speciellen Heilquellenlehre“. Ein weiteres Standartwerk von ihm erschien 1862 unter dem Titel „Handbuch der allgemeinen und speciellen Heilquellenlehre“. Seine Untersuchungen des Karlsbader Heilwassers und dessen physikalische und chemische Eigenschaften führten ihn zu klinischen Studien über den Stoffwechsel und zur Stoffwechselforschung, die in den folgenden Jahren seinen Arbeitsschwerpunkt bildeten. Bekannt wurden dabei seine Studien auf dem Gebiet der physiologischen Zersetzung der Eiweißkörper im tierischen Organismus, die damit zusammenhängende Stickstoffausscheidung und die Zuckerbildung im Tierkörper, insbesondere der Leber. Dazu zählt die 1887 erschienene und 606 Seiten umfassende „Studien über Stoffwechsel im Thierkörper“, oder die 1904 publizierten „Gesammelte Abhandlungen über Zuckerbildung in der Leber“. Seine zahlreichen Aufsätze und Abhandlungen, die seine zwischen 1860 und 1904 erfolgten Forschungen zur Balneologie, zum Stoffwechsel und der Diabetes dokumentieren, sind an der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin erhalten.

Seegen engagierte sich darüber hinaus für die Etablierung des Faches Hygiene und befürwortete dafür eine eigene Lehrkanzel an der Universität Wien. Seine Vorstellungen publizierte er 1872 in der „Wiener medizinischen Wochenschrift“.[5] In diesem Kontext befasste er sich mit ernährungsphysiologischen Forschungen und trat für eine ausgewogene Ernährung breiter Bevölkerungsschichten ein, wozu er zur Umsetzung auch den Staat in seiner Pflicht sah. Aufgrund des Fehlens eines eigenen Laboratoriums für seine Experimente und Studien nahm Seegen einige Jahre am Josephinum Aufenthalt, später richtete er ein privates Laboratorium in einer angemieteten Wohnung und in seiner Villa in Bad Aussee ein.

Seegen war Mitglied der Gesellschaft der Ärzte in Wien, der Akademie der Wissenschaft in St. Petersburg und seit 1901 Korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Wien.

Seegen verstarb am 14. Jänner 1904 in Wien. 1910 hielt der Chemiker und Mediziner Ernst Ludwig (1842-1915), anlässlich der Errichtung eines Denkmals zur Erinnerung an Seegen an der Universität Wien (heute in den Arkaden der Universität Wien), einen Nachruf, der in der „Wiener medizinischen Wochenschrift“ abgedruckt ist.[6] Ein weiterer – von Rudolf Kolisch (1867-1922) verfasster Nachruf – wurde in der Wiener klinischen Wochenschrift (Nr. 4. 1904. S. 113-114) veröffentlicht.

Quellen:

AUW, Rektorat, Med. Fakultät, Rigorosenprotokolle 1821-1871, Sign. 170-226a, Seegen Josef (Rigorosen Datum 1841).

AUW, Rektorat, Med. Fakultät, Rigorosenprotokolle 1821-1871, Sign. 170-227a, Seegen Josef (Rigorosen Datum 1842).

AUW, Rektorat, Med. Fakultät, Promotionsprotokolle, Sign. 176-0093, Seegen Josef (Sponsion Datum 17.7.1842).

AUW, Rektorat, Med. Fakultät, Promotionsprotokolle, Sign. 176-126, Seegen Josef (Promotion Datum 6.8.1841).

AUW, Rektorat, Med. Fakultät, Promotionsprotokolle, Sign. 176-634, Seegen Josef (Promotion Datum 6.8.1847).

AUW, Sammlungen, Schriften-Sammlung zum Revolutionsjahr 1848, Sign. 148.43, Aufruf zur Gründung eines „Lese- und Redevereins“ (1848).

Trauungsbuch, Rk, Erzdiözese Wien, Bezirk 1, St. Stephan, Trauungsbuch 02-089, Folio 90, Seegen Joseph, Böhm Hermine.

Sterbebuch, Rk, Erzdiözese Wien, Bezirk 1, St. Stephan, Sterbebuch 03-48, Folio 132, Seegen Joseph.

Literaturliste:

Seegen, Joseph: Dissertatio Inauguralis Geologico-Chemica De Aquis Soteriis In Ratione Geologico-Chemica, Quam Consensu Et Auctoritate Illustrissimi Ac Magnifici Domini Praesidis Et Directoris, Perillustris Ac Spectabilis Domini Decani, Nec Non Clarissimorum Ac Celeberrimorum D. D. Professorum pro Doctoris Medicinae Laurea Summisque In Medicina Honoribus Et Privilegiis Rite Et Legitime Obtinendis in antiquissima et celeberrima Universitate Vindobonensi publicae disquisitioni submittit Josephus Seegen, Bohemus Polnaensis. In theses adnexas disputabitur in Universitatis aedibus die […] mensis Augusti 1847. Wien: Typis Caroli Ueberreuter 1847.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/historische Dissertationsbibliothek, Sign.: D-3955]

Seegen, Joseph: Compendium der allgemeinen und speciellen Heilquellenlehre. Erste Abtheilung: Allgemeine Balneologie. Zweite Abtheilung: Specielle Balneologie. Wien: Braumüller 1857-1858.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 28748/1-2]

Seegen, Joseph: Handbuch der allgemeinen und speciellen Heilquellenlehre. Zweite neu bearbeitete Auflage. Wien: Wilhelm Braumüller K.K. Hofbuchhändler 1862.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 26844]

Seegen, Joseph: Studien über Stoffwechsel im Thierkörper. Gesammelte Abhandlungen. Mit 2 lithographirten Tafeln. Berlin: Verlag von August Hirschwald 1887.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 9929]

Seegen, Joseph: Gesammelte Abhandlungen über Zuckerbildung in der Leber. Berlin: Verlag von August Hirschwald 1904.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 53379]

Keywords:

1848, Adolf Fischhoff, Balneologie, Claude Bernard, Diabetes, Dissertation, Ernst Ludwig, Johann Oppolzer, Joseph Seegen, Josephinum, Karlovy Vary, Karlsbad, Max Schlesinger, Physiologie, Revolution, Stoffwechsel, Arzt

[1] Wiener Zeitung. 25.10.1841. S. 1.

[2] Wiener Zeitung. 19.1.1843. S. 1.

[3] Wiener Zuschauer. Zeitschrift für Gebildete. 26.7.1848. S. 8; Wiener Zeitschrift. 21.4.1848. S. 3; Allgemeine österreichische Zeitschrift für den Landwirth, Forstmann und Gärntner. Ein Centralblatt für die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung und praktischer Erfahrung. 10.4.1848. S. 6-8.

[4] Der Humorist. 17.7.1848. S. 1.

[5] Seegen, Joseph: Die Bedeutung der Hygiene und ihre Stellung im medizinischen Unterricht. In: Wiener medizinische Wochenschrift. Nr. 4. 1872. S. 87-91 sowie Nr. 5. 1872. S. 111-115.

[6] Wiener medizinische Wochenschrift. Nr. 10. 1910. S. 561-568.

Normdaten (Person) Seegen, Joseph : BBL: 31386; GND: 117443379

Bio-bibliografisches Lexikon (BBL)/Liste aller Beiträge der VS-Blog-Serie: Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien

Bitte zitieren als VAN SWIETEN BLOG der Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien, BBL: 31386 (25.10.2018); Letzte Aktualisierung: 2022 05 16
Online unter der URL: https://ub.meduniwien.ac.at/blog/?p=31386
Van Swieten Blog Logo Margrit Hartl

„Österreich liest. Treffpunkt Bibliothek“: Highlights aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni, Mi 17.10.2018

Österreich liest. Treffpunkt Bibliothek:

Highlights aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni

Die Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin der Medizinischen Universität Wien ist mit über einer halben Million Bände die größte medizinhistorische Bibliothek Österreichs. Neben rezenter Literatur zur Geschichte der Medizin befinden sich neun historisch abgeschlossene Bibliotheken mit Beständen aus 6 Jahrhunderten (15.-20. Jhdt.) am Standort dieser Bibliothek im Josephinum. Im Rahmen von ÖSTERREICH LIEST Treffpunkt Bibliothek werden Highlights dieser Bibliotheken präsentiert.

Ort: Josephinum, Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin, Währinger Straße 25, 1090 Wien, linker Eingang/1. Stock

Zeit:                      Mi, 17.10.2018, 17:00-18:00

Anmeldung:      harald.albrecht@meduniwien.ac.at

Eintritt:                frei

 
Josephinische Bibliothek

Nominalkatalog der Josephinischen Bibliothek

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Neuburger Bibliothek

Nominalkatalog Medizinhistorische Literatur 1850-1989

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Gesellschaft der Ärzte Bibliothek

Zettelkatalog der Gesellschaft der Ärzte Bibliothek

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Separata Bibliothek

Nominalkatalog Separata Medizingeschichte 1860-1935

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Rara Bibliothek

Zettelkatalog

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Historische Dissertations-Bibliothek

Nominalkatalog Medizinhistorische Dissertationen 1700-1850

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Wolf Bibliothek
Bibliothekskatalog

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Reuter Bibliothek

Bibliothekskatalog

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Obersteiner Bibliothek

Zettelkatalog

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 Beiträge der VS-Blog-Serie: Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien–>

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Buchausstellung zum Thema „Vertrieben 1938“

Wir  präsentieren im Lesesaal in einer Vitrine eine kleine Auswahl des Buchbestandes zum Thema „Vertrieben 1938“.

Ort: Lesesaal der Universitätsbibliothek

Dauer der Ausstellung: 17.10.2018 bis 30.11.2017

zu den Öffnungszeiten der Universitätsbibliothek;

Buchausstellungsliste „Vertrieben 1938“

Arzt, Leopold: Allgemeine Dermatologie. Wien, Berlin: Urban & Schwarzenberg 1934.

https://ubsearch.meduniwien.ac.at/

Fischer, Isidor: Geschichte der Gesellschaft der Ärzte in Wien 1837-1937. Mit 14 Abbildungen im Text. Wien: Springer 1938.

https://ubsearch.meduniwien.ac.at/

Freund, Leopold: Grundriss der gesamten Radiotherapie. Für praktische Ärzte. Berlin: Urban & Schwarzenberg 1903.

https://ubsearch.meduniwien.ac.at/

Hoff, Hans: Hirnchirurgie. Erfahrungen und Resultate. Leipzig: Deuticke 1933.

https://ubsearch.meduniwien.ac.at/

Jellinek, Stefan: Elektroschutz. In 132 Bildern. Wien, Leizig: Deutscher Verl. für Jugend und Volk 1931.

https://ubsearch.meduniwien.ac.at/

Marburg, Otto: Mikroskopisch-topographischer Atlas des menschlichen Zentralnervensystems. Mit begleitendem Texte. Mit einem Geleitwort von Prof. H. Obersteiner. Leipzig, Wien: Deuticke 1910.

https://ubsearch.meduniwien.ac.at/

Neuburger, Max: Die Entwicklung der Medizin in Österreich. Wien: Fromme 1918.

https://ubsearch.meduniwien.ac.at/

Neumann, Heinrich: Die conservative Radikaloperation der chorn. Mittelohrentzündung. Sonderabdruck aus: [keine Angabe]. [Wien]: 1927.

https://ubsearch.meduniwien.ac.at/

Paschkis, Rudolf: Zur Kenntnis der Anomalien der Harnblase. Mit 6 Abbildungen und 2 Tafeln. Berlin: Springer 1919.

https://ubsearch.meduniwien.ac.at/

Porges, Otto: Die Behandlung der Zuckerkrankheit mit fettarmer Kost. Berlin, Wien: Urban & Schwarzenberg 1929.

https://ubsearch.meduniwien.ac.at/

Rothberger, Carl Julius: Zur Kenntnis der Erregungsausbreitung vom Sinusknoten auf den Vorhof. Berlin: Springer 1929.

https://ubsearch.meduniwien.ac.at/

Spiegel-Adolf, Anna Simona: Die Globuline. (Handbuch der Kolloidwissenschaften in Einzeldarstellungen/4). Dresden: Steinkopff 1930.

https://ubsearch.meduniwien.ac.at/

Weinberger, Maximilian: Atlas der Radiographie der Brustorgane. Aus der III. medicinischen Universitätsklinik des Hofrathes Professor L. v. Schröter in Wien. Wien und Leipzig: Verlag der k.u.k. Hof- Verlagsbuchhandlung Emil M. Engel 1901.

https://ubsearch.meduniwien.ac.at/

» SONDERBLOG-SERIE „Vertrieben 1938“

1938 – nach dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland – wurden mehr als 143 Professoren und Dozenten der Medizinischen Fakultät der Universität Wien entlassen bzw. vertrieben. Deshalb wurde an der Medizinischen Universität Wien am 13. März 2008 ein Mahnmal für Opfer des Nationalsozialismus enthüllt;

Die Sonderblog-Serie „Vertrieben 1938“ sieht sich in Ergänzung als Bibliotheksbeitrag, der aus einer bibliotheksspezifischen Perspektive die „Erinnerungsarbeit“ an der Medizinischen Universität Wien unterstützen will. Der Fokus der Blogserie liegt dabei auf der Bereitstellung bzw. Vermittlung von Informationen

Logo: MMag.Margrit Hartl

Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [74]: Chiari, Ottokar: Chirurgie des Kehlkopfes und der Luftröhre. Mit 244 Textabbildungen, 1916.

Chiari, Ottokar: Chirurgie des Kehlkopfes und der Luftröhre. Mit 244 Textabbildungen. (= Neue deutsche Chirurgie/Bd. 19). Stuttgart: Verlag von Ferdinand Enke 1916.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 55916/19]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8554571&pos=2&phys=

Text: Harald Albrecht, BA

Abb. 1    Titelblatt: Chiari: Chirurgie des Kehlkopfes und der Luftröhre. Stuttgart: 1916.

Ottokar von Chiari (*01.02.1853 Prag, gest. 12.05.1918 Puchberg am Schneeberg/Niederösterreich), dessen Todestag sich im Mai 2018 zum 100. Mal jährte, war der erste Ordinarius für Laryngologie in Österreich. Er stammte aus einer österreichisch-italienischen Familie die zahlreiche Juristen, Mediziner und Politiker hervorbrachte. Sein Vater Johann Baptist Chiari (1817-1854) war Gynäkologe – er war ursprünglich Professor in Prag, lehrte aber ab 1854 bis zu seinem Tod an der medizinisch-chirurgischen Josephs Akademie im Josephinum in Wien. Sein Bruder Hans Chiari (1851-1916) war Professor für Pathologie. Er war 1874/75 Assistent von Carl von Rokitanksy (1804-1878).

Ottokar von Chiari absolvierte in Wien das Schottengymnasium und studierte anschließend an der medizinischen Fakultät in Wien Medizin, wo er 1877 zum Doktor der gesamten Heilkunde promoviert wurde. Seine Lehrer waren: Joseph Hyrtl (1810-1894), Joseph Skoda (1805-1881), Ernst Wilhelm von Brücke (1819-1892), Carl von Rokitansky und Ferdinand von Hebra (1816-1880). Nach einer zusätzlichen chirurgischen Ausbildung in der Klinik von Johann von Dumreicher (1815-1880) wurde er 1879 Assistent an der laryngologischen Klinik von Leopold von Schrötter (1837-1908).

Abb. 2    Chiari: Chirurgie des Kehlkopfes und der Luftröhre. Stuttgart: 1916. S. 163.

Ottokar von Chiari habilitierte sich 1882 im Fach Laryngo-Rhinologie und leitete vorerst ein Ambulatorium für Hals- und Nasenkranke an der Klinik von Hermann Nothnagel (1841-1905), später bekam er ein eigenes Ambulatorium im Direktionsgebäude des Allgemeinen Krankenhauses, wo er auch gut besuchte Kurse über Laryngo-Rhinoskopie abhielt. Chiari wurde 1891 zum außerordentlichen Professor ernannt und 1893 wurde ihm eine eigene Abteilung an der Wiener Poliklinik übertragen. 1899 wurde Chiari Leiter der laryngologischen Universitätsklinik und 1900 zu deren Vorstand ernannt. „1907 erhielt er Titel und Charakter eines o. Professors, 1912 wurde er – als erster Vertreter seines Faches in Österreich – o[rdentlicher, Anm.]. Professor.“[1] Chiari publizierte zahlreiche grundlegende laryngo-rhinologische Untersuchungen und führte die bis dahin von Chirurgen vorgenommenen laryngologischen Operationmethoden in sein neues Fachgebiet ein. 1916 wurde er, der auch die Bronchitis von Kaiser Franz Joseph (1830-1916) behandelt hatte, in den Freiherrenstand erhoben.

Hermann Marschik (1878-1969) schrieb 1919 über seinen Lehrer Chiari: „O. v. Chiaris überragende Bedeutung liegt darin, daß er frühzeitig bemüht war, der Laryngologie, die einst nur ein Nebenfach der internen Medizin war, zur Selbständigkeit zu verhelfen, die Rhinologie, ehedem ein Teilfach der Otologie, anzugliedern und das Ganze zu einem Teilfach der Chirurgie zu gestalten, wo es seinem Wesen nach auch hingehört. An dem Aufschwung, den die Laryngo-Rhinologie während seines Lebens genommen hat, hat er hervorragenden Anteil.“[2]

Abb. 3    Chiari: Chirurgie des Kehlkopfes und der Luftröhre. Stuttgart: 1916. S. 178.

Quellen:

Chiari, Ottokar Frh. von. In: Biographische Enzyklopädie deutschsprachiger Mediziner. Hrsg. von Dietrich von Engelhardt. Bd. 1. A-Q. München: K. G. Saur 2002. S. 104-105.

Chiari, Ottokar Freiherr von. In: Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte der letzten fünfzig Jahre. Hrsg. von Isidor Fischer. Zweite und dritte unveränderte Auflage. Erster Band Aaser-Komoto. München und Berlin: Verlag von Urban & Schwarzenberg 1962. S. 242.

Schönbauer, Leopold: Chiari, Ottokar Frhr. v. [seit 1916]. In: Neue deutsche Biographie. Bd. 3. Bürklein-Ditmar. München: Duncker und Humblot 1957. S. 203.

Marschik, Hermann: Den Manen O. v. Chiaris. Sonderabdruck aus: Monatsschrift für Ohrenheilkunde und Laryngo-Rhinologie (53/2). Wien und Berlin: Urban & Schwarzenberg: 1919.

[1] Schönbauer, Leopold: Chiari, Ottokar Frhr. v. [seit 1916]. In: Neue deutsche Biographie. Bd. 3. Bürklein-Ditmar. München: Duncker und Humblot 1957. S. 203.

[2] Marschik, Hermann: Den Manen O. v. Chiaris. Sonderabdruck aus: Monatsschrift für Ohrenheilkunde und Laryngo-Rhinologie (53/2). Wien und Berlin: Urban & Schwarzenberg: 1919. S. 82.

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