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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [62]: Emanuel Berghoff – Medizinhistoriker und Widerstandskämpfer. Herausgeber der Festschrift zum 80. Geburtstag von Max Neuburger im Jahr 1948 – Teil 2

1938/1945 Emanuel Berghoff – Medizinhistoriker, Widerstandskämpfer und Herausgeber der Festschrift zum 80. Geburtstag von Max Neuburger im Jahr 1948 – Teil 2

Text: Dr. Walter Mentzel

Im Jahr 1948 erschien aus Anlass des 80. Geburtstages des österreichischen Medizinhistorikers und Gründers des Institutes für Geschichte der Medizin am Standort des Josephinum in Wien, Max Neuburger (1868-1955), eine von seinem langjährigen „Schüler“ und Mitarbeiter, Emanuel Berghoff (1896-1974), herausgegebene Festschrift unter dem Titel:

Festschrift zum 80. Geburtstag von Max Neuburger. Mit 91 internationalen medicohistorischen Beiträgen. (= Wiener Beiträge zur Geschichte der Medizin/2). Hrsg.: Emanuel Berghoff. Wien: Verlag Wilhelm Maudrich 1948.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: K16771/2]

https://ubsearch.meduniwien.ac.at

 

Abb. 1    Titelblatt: Festschrift zum 80. Geburtstag Max Neuburgers. Wien: 1948.

Diese Festschrift hatte zum Zeitpunkt ihres Erscheinens eine mehr als zehnjährige Geschichte hinter sich. Berghoff, der schon die Arbeiten an der 1928 zum 60. Geburtstag Neuburgers herausgegebenen Festschrift übernommen hatte,[1] übernahm auch für die 1938 als Sammelband konzipierte Publikation zu dessen 70. Geburtstag die Redaktion. Zur gleichen Zeit schrieb Berghoff an einer ebenso für das Jahr 1938 geplanten Biografie über das Leben und wissenschaftliche Wirken Max Neuburgers, die wie die Festschrift erst zehn Jahre später 1948 publiziert werden konnte.

Berghoff, Emanuel: Max Neuburger. Werden und Wirken eines österreichischen Gelehrten. Mit einem Vorwort von Dr. Henry E. Sigerist. (= Wiener Beiträge zur Geschichte der Medizin/III). Hrsg.: Emanuel Berghoff. Wien: Verlag Wilhelm Maudrich 1948.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger  Bibliothek, Sign.: K 16771/3]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8544224&pos=34&phys=

Abb. 2    Titelblatt: Berghoff: Max Neuburger. […] Wien: 1948.

Da nach dem „Anschluss“ sowohl Max Neuburger als auch Emanuel Berghoff von der NS-Verfolgung betroffen waren – Berghoff wurde aus „politischen und rassischen“ Gründen verfolgt – konnte die Drucklegung der Festschrift nicht wie geplant verwirklicht werden. Die bis März 1938 eingelangten Manuskripte der Autoren der Festschrift gelangten zunächst bedingt durch die Flucht von Berghoff nach Jugoslawien, wo er im Rahmen des im September 1938 stattgefundenen 11. Internationalen Kongresses für Geschichte der Medizin in Dubrovnik die Drucklegung der Festschrift zu bewerkstelligen versuchte, davon jedoch wegen der „dort schon unsicher gewordenen politischen Verhältnisse“ wieder Abstand nehmen musste. Nachdem sich Berghoff nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Jugoslawien der Widerstandsbewegung von Josip Broz Tito (1892-1980) angeschlossen hatte und er nach seiner Festnahme in das KZ Groß Rosen deportiert worden war, lag das weitere Schicksal der Manuskripte in den Händen seiner Ehefrau Anna Maria Berghoff (*21.2.1907, gest. 1989 Wien), die laut der von Berghoff nach 1945 getroffenen Darstellung die Manuskripte in Sicherheit bringen konnte.[2] Nach der Rückkehr von Berghoff nach Wien im Sommer 1945 standen sie so wieder für eine Drucklegung zur Verfügung.

Von den 91 österreichischen vor allem aber internationalen Autoren, die am Sammelband mitwirkten, hatten 20 ihre Manuskripte für die für Publikation bis zum Jahresbeginn 1938 abgegeben. Ihre nunmehr 1948 publizierten Aufsätze sind am Beginn der Texte in Fußnoten mit dem Hinweis „1938 als Manuskript eingelangt“ versehen.

Abb. 3    Aus: Festschrift zum 80. Geburtstag von Max Neuburger. Mit 91 internationalen medicohistorischen Beiträgen. (= Wiener Beiträge zur Geschichte der Medizin/2). Hrsg.: Emanuel Berghoff. Wien: Verlag Wilhelm Maudrich 1948.

Einige dieser Autoren waren bei Erscheinen der Festschrift 1948 bereits verstorben, andere waren zu dieser Zeit im Exil. Max Neuburger, dem die Festschrift galt, lebte zum Zeitpunkt der Erscheinung des Sammelbandes 1948 nach seiner Emigration in London bei seinem Sohn in Buffalo/USA. Er kehrte erst 1952 nach Wien zurück. Die Festschrift lässt sich damit als Dokument jener nach dem März 1938 an der Medizinischen Fakultät durch das NS-Regime stattgefundenen Verfolgungen aber auch als Mahnmal der Verfolgungsgeschichte jüdischer Mediziner in Europa von 1933 bis 1945 lesen.

Zu den mit dem Vermerk „1938 als Manuskript eingelangt“ versehenen Autoren zählt zunächst der Beitrag des Herausgebers Emanuel Berghoff selbst, der mit einem Aufsatz über „Die Ausbildung zum ärztlichen Beruf im Wandel der Zeit“ im Band vertreten ist.

Ein Artikel mit dem Titel „Zur Wohnungsfrage im Alten Wien“ stammt vom Dozenten für Innere Medizin an der Medizinischen Fakultät und Chefarzt der Tuberkulosefürsorge der Stadt Wien, Alfred Götzl (1873-1946), der aufgrund seiner jüdischen Herkunft der NS-Verfolgung ausgesetzt war und dem es gelang mit seiner Familie nach San Francisco/USA zu flüchten.

Ein weiterer bereits 1938 abgegebener Beitrag stammte von dem deutschen Pathologen und Medizinhistoriker Edgar Goldschmid (1881-1957), der 1933 aufgrund seiner jüdischen Herkunft vor den Nationalsozialisten in die Schweiz flüchtete und als Medizinhistoriker an der Universität Lausanne unterrichtete. Er ist mit einem 1938 abgegebenen Beitrag „Handzeichnungen chirurgischer Erkrankungen von J. E. Klemm (1817-1822)“ vertreten.

Ein Aufsatz über „Medizinisches aus einer alten Chronik“ stammt vom polnischen Gynäkologen Jan Lachs (1869-1954), der nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Polen wegen seiner jüdischen Herkunft der Verfolgung ausgesetzt war. Lachs überlebte den Holocaust als Arzt und Leiter der Gynäkologie- und Geburtshilfeabteilung des israelitischen Krankenhauses in Krakau und nach der Liquidierung des Krakauer Ghettos in einem Versteck. 1947 habilitierte er sich im Fach Geschichte der Medizin und der Pharmazie.

Vom Prof. für Kinderheilkunde Ernst Mayerhofer (1877-1957), der seit 1923 in Zagreb arbeitete, stammt der 1938 abgegebene Aufsatz „Paediatrie und Volksmedizin (mit besonderer Berücksichtigung der Südslawen)“. Der Aufsatz enthält die Anmerkung: „Zagreb, Juni 1938; damals wegen der Zustände im Okkupationsbereich nicht zum Drucke gelangt: Der Autor“.

Ein Aufsatz „Über eine arabische Krankenhauspharmakopöe aus Kairo (um 1200 N. Chr.)“ kam vom deutsch-ägyptischen Augenarzt und Medizinhistoriker Max Meyerhof (1874-1945). Meyerhof der jüdischer Abstammung war, wurde in Hildesheim geboren, studierte in Heidelberg, Freiburg, Berlin und Straßburg Medizin, arbeitete ab 1898 an verschiedenen Augenkliniken in Deutschland und eröffnete 1902 in Hannover eine eigene Praxis. Bereits 1903 emigrierte er nach Ägypten und eröffnete in Kairo eine Augenpraxis für Verarmte. Er gehörte ab 1913 zu den Mitherausgebern der „Revue médical d’Égypte“. Ab den 1920er Jahren widmete er sich auch orientalistischen, philologischen und medizinhistorischen Studien und war Übersetzer arabischer medizinischer Text-Überlieferungen. 1932 erhielt er das Angebot den Lehrstuhl für Medizingeschichte an der Universität Leipzig zu übernehmen, das er aufgrund des anwachsenden Antisemitismus und dem Aufstieg der Nationalsozialisten ablehnte. Er gab seine deutsche Staatsbürgerschaft auf, nahm 1936 die ägyptische Staatsbürgerschaft an und engagierte sich in einem jüdischen Hilfswerk für die aus Europa geflüchteten Juden. Am 20. April 1945 starb Meyerhof in Kairo, wo er auf dem jüdischen Friedhof beerdigt wurde.

Beiträge von zwei wegen ihrer jüdischen Abstammung 1938 verfolgten Mitgliedern der Wiener Medizinischen Fakultät stammen vom Radiologen und Röntgenologen, Prof. Leopold Freund (1868-1943), der 1943 im Exil in Brüssel unter ungeklärten Umständen verstarb. Sein 1938 abgegebener Aufsatz lautete: „Ein Beitrag zur Geschichte der Entstehung der Röntgentherapie“. Der zweite Aufsatz stammt vom Laryngologen Prof. Emil Fröschels (1884-1972) der den Titel „Ein Versuch, von der Medizin aus die Entstehung und Bedeutung einer Hyroglyphe zu erklären“ trägt. Fröschels flüchtete 1939 in die USA, wo er seine wissenschaftliche Karriere zunächst als Research Professor an der Washington Universität, danach als Direktor der Speech and Voice Clinic des Mount Sinai Hospitals in New York und an der Speech and Voice Clinic am Beth David Hospital in New York fortsetzte.

Weitere 1938 eingebrachte Aufsätze kamen vom französischen Bibliothekar, Medizinhistoriker und Mediziner Ernest Wickersheimer (1880-1965), von dem in Chicago wirkenden Kinderarzt, Isaac Abt (1867-1955), vom in Deutschland geborenen US-Bakteriologen Charles Frederick Bolduan (1873-1950), vom US-Neurologen Robert Foster Kennedy (1884-1952) und vom britischen Medizinhistoriker und Präsidenten der History of medical Society und der Royal society of medicin, D’Arcy Power (1855-1941). Aus Rumänien kamen 1938 Beiträge von Constantin Ion Parhon (1874-1969), George Zaharia Petrescu (1874–1954) und Hector Sarafidi/Έκτωρ Σαραφίδης (1872-1950), sowie aus Polen ein Aufsatz vom Gründer des Institutes für Geschichte der Medizin und Philosophie an der Jagiellonen-Universität in Krakau, Władysław Szumowski (1875-1954). Ein weiterer 1938 abgelieferter Beitrag stammt von dem mit dem italienischen Faschismus sympathisierenden und involvierten italienischen Medizinhistoriker Davide Giordano (1864-1954).

Quellen:

Archiv der Universität Wien, Dekanat der Medizinischen Fakultät, Zl. 41/1945-1946 Institut für Geschichte der Medizin

Wiener Stadt- und Landesarchiv:

WStLA, Selbstverwaltungskörper, Ärztekammer Wien, Personalakt Ärztekammer Wien 2.10.1. A1 Berghoff Emanuel Personalakt Ärztekammer.

WStLA, M.Abt. 119, Gelöschte Vereine, Akt 1.3.2.119.A32. Zl. 8.857/1931 Akademische freie Vereinigung für medizinische Geistesgeschichte.

[1] Festschrift zur Feier seines 60. Geburtstages am 8. Dezember 1928. Max Neuburger gewidmet von Freunden, Kollegen und Schülern. (= Internationale Beiträge zur Geschichte der Medizin). Wien: Verlag des Fest-Komitees 1928.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 6043]

https://ubsearch.meduniwien.ac.at/

[2] Berghoff, Emanuel: Max Neuburger. Werden und Wirken eines österreichischen Gelehrten. Mit einem Vorwort von Dr. Henry E. Sigerist. (= Wiener Beiträge zur Geschichte der Medizin/III). Hrsg.: Emanuel Berghoff. Wien: Verlag Wilhelm Maudrich 1948. S. Vorwort.

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„1. Weltkrieg & Medizin“ [35]: Die „Sterbebücher“ deportierter serbischer Zivilisten aus den Internierungslagern in Neusiedl am See und Neckenmarkt während des Ersten Weltkrieg: Prof. Arthur Schattenfroh.

Die „Sterbebücher“ deportierter serbischer Zivilisten aus den Internierungslagern in Neusiedl am See und Neckenmarkt während des Ersten Weltkrieg: Prof. Arthur Schattenfroh.

Während des Ersten Weltkrieges existierten im heutigen Burgenland – im damaligen ungarischen Komitat Mosony – drei Internierungslager für Zivilisten serbischer Nationalität: und zwar in Neusiedl am See/Nezsider, Neckenmarkt/Sopronnyék und in Frauenkirchen/Bolodogasszony. Diese Lager waren Teil eines weitverzweigten Lagersystems für Zivilinternierte (sogenannte „feindliche Ausländer“), in dem unter anderem tausende Zivilisten serbischer Nationalität infolge der ab Sommer 1914 kontinuierlich erfolgten Außerlandesschaffung von Zivilisten aus dem Balkan untergebracht waren. Weitere Lager in denen serbische und montenegrinische Zivilisten interniert wurden, waren u.a. Doboj in Bosnien – ein Internierungslager mit zirka 46.000 Personen – Arad in Ungarn (heute Rumänien), Braunau in Böhmen (Broumov), Drosendorf und Karlstein im nördlichen Waldviertel, Aschach an der Donau und Mauthausen. In diesen Lagern waren Zivilisten interniert, die im Zuge der militärischen Operationen und der Militärpolitik der k.u.k. Armee in den besetzten Ländern in Bosnien-Herzegowina (in den serbischen Siedlungsgebieten), in Serbien und Mazedonien Opfer der Massendeportationen, der Massenverhaftungen und individuellen Verfolgungen zur Brechung des zivilen Widerstandes (sogenannten „Bandenbekämpfung“ ) wurden. Deren Festhaltung unterlag keinen Gerichtsverfahren und stand außerhalb der Rechtsordnung.

Aus den Lagern in Neusiedl am See/Nezsider, Neckenmarkt/Sopronnyék, die dem Militärkommando Pozsony (Bratislava) unterstanden, sind die sogenannten „Sterbebücher“ erhalten, die neben den Namen der zwischen 1914 und 1918 hier verstorbenen Internierten, Angaben zu deren Heimatorten aus denen sie deportiert worden waren, deren Alter, Beruf und deren Todesursache enthalten.

Das Lager in Neusiedl am See wurde in unmittelbarer Nähe zur Ortschaft (deren Einwohnerzahl 1914 zirka 2.600 Einwohner betrug) errichtet und bestand aus 120 Baracken, in denen durchschnittlich 11.000 Personen gefangen gehalten worden sind. Diese Deportierten kamen vor allem aus den Regionen Belgrad, Cuprjia, Gornji-Milanovac, Negotin, Nis, Valjevo u.a.

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Quelle: Auszug aus dem Sterbebuch Neusiedl am See/Nezsider 1917 – Internierungslager: Burgenländisches Landesarchiv

Jene Deportierten im Internierungslager in Neckenmarkt/Sopronnyék kamen aus den serbischen Siedlungsgebieten im Südosten von Bosnien-Herzegowina aus Gacko, Foca, Visegrad, Trebinje, Srebrenica, Sarajevo, Rogatica, Cajnice, Bileca u.a. Sie wurden mit dem Beginn der Militäroperationen der k.u.k. Armee in Südbosnien und an der Grenze zu Serbien ab dem Jänner 1916 deportiert. Darunter befanden sich zahlreiche Frauen und Kinder – als de facto Geiseln – um die männliche Bevölkerung in Bosnien und Serbien von Widerstandsaktionen abzuhalten.

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Quelle: Auszug aus dem Sterbebuch Neckenmarkt/Sopronnyék 1916 – Internierungslager: Burgenländisches Landesarchiv

Flecktyphus und Fleckfieber:

So wie in zahlreichen anderen Lagern für Internierte, Kriegsflüchtlinge und Kriegsgefangene waren Epidemien und massenhaftes Sterben an der Tagesordnung. Dies war bedingt durch die katastrophalen hygienischen und sanitären Verhältnisse, den Mängeln an den baulichen Maßnahmen, dem Nahrungsmangel, der Überbelegung der Baracken, der fehlenden Beheizung, sowie durch Nässe, Kälte und den Kleidungsmangel. Haupterkrankungen waren Tuberkulose, Cholera, Bauch- sowie Flecktyphus. Vielfach kamen die Deportierten bereits in einem schlechten gesundheitlichen Zustand in die Lager, da sie oft wochenlang im sogenannten Etappengebiet hinter der Front unter desolaten hygienischen Zuständen der Verwahrlosung preisgegeben, lebten, und erst als sie für die Armee eine akute Seuchengefahr darstellten, deportiert wurden. Als Lagerarzt in Neusiedl am See/Nezsider arbeitete der Offiziersarzt Dr. Armin Grünfeld. Hier kam es erstmals im Frühjahr 1915 zum Ausbruch von Flecktyphus und Fleckfieber. Bis Kriegsende kamen zirka 5.000 serbische Zivilinternierte im Lager ums Leben. Die Verstorbenen wurden in Einzelgräbern und 117 Massengräbern bestattet.

Oberstabsarzt Arthur Schattenfroh war während des Krieges als Hygieniker in beratender Funktion in der für das Militärsanitätswesen zuständigen 14. Abteilung im k.k. Kriegsministerium tätig. In dieser Funktion inspizierte er die verschiedenen Gefangenenlager der Monarchie, fertigte Berichte darüber an, und wirkte bei den Regelungen der sanitären und baulichen Verhältnisse mit. Darunter finden sich auch seine Berichte über die Inspektionen des Lagers in Neusiedl aus dem Jahre 1915.

Arthur Schattenfroh (*27.10.1869 Salzburg, gest. 12.10.1923 Wien) war Hygieniker und Bakteriologe. Er studierte ab 1887 an der Medizinischen Fakultät der Universität Graz, wo er 1893 promovierte, und dazwischen in Straßburg und in Wien. Danach arbeitete er bei dem Pathologen Richard Paltauf (*9.2.1858 Judenburg/Steiermark, gest. 21.4.1924 Semmering) in Wien. Im Jahr 1896 kam er als Assistent zu Maximilian Gruber (*1853 Wien, gest. 16.9.1927 Berchtesgaden/Deutschland) an das Hygiene-Institut der Medizinischen Fakultät der Universität Wien. 1898 habilitierte er sich und wurde zum Priv. Doz. für Hygiene, 1902 zum ao. Prof. und 1905 zum o. Prof. und zum Vorstand des Institutes ernannt. 1908/09 und 1915-1918 fungierte er als Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Wien.

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Quelle: Österreichs Illustrierte Zeitung, 20.6.1915.

In seinen wissenschaftlichen Forschungsarbeiten beschäftigte er sich mit bakteriologischen Fragen und der Immunitätslehre. Darüber bekleidete er Funktionen im Niederösterreichischen Landessanitätsrat, danach im Obersten Sanitätsrat und ab 1906 in der Unfallverhütungskommission, weiters ab 1910 im Lebensmittelbeirat. Ab 1905 war er Vorstand der staatlichen Untersuchungsanstalt für Lebensmittel und in der Ausbildung der Amtsärzte tätig.

Literatur von Arthur Schattenfroh aus der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin (eine Auswahl):

Über die bacterien-feindlichen Eigenschaften der Leucocyten (Habilitationsschrift), München 1897.

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin SA 2.879)

[http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8638157&pos=12&phys=]

Über die Neuerungen in der Beleuchtungstechnik und deren hygienische Beurtheilung. Vortrag, gehalten in der Österreichischen Gesellschaft für Gesundheitspflege am 10. März 1897, in: Monatsschrift für Gesundheitspflege, H. 7-8, 1897.

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin SA 2.886)

[http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8638167&pos=21&phys=]

Über hitzebeständige bactericide Leukocytenstoffe, in: Münchner medizinische Wochenschrift, Nr. 35. 1898, S. 7.

Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin – Separatasammlung

[http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8457626&pos=0&phys=]

Weitere Untersuchungen über die bacterienfeindlichen Stoffe der Leukocyten, in: Archiv für Hygiene, Bd. 35, H. 2, 1899.

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin SA 2.887)

[http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8638177&pos=30&phys=]

Über Rauschbrand, in: Thierärztliches Centralblatt, Nr. 23 vom 10. August 1902.

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin SA 2.865)

[http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8638168&pos=22&phys=]

Untersuchungen in einer Grundwasserversorgungs-Anlage, Wien 1903.

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin SA 2.881)

[http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8638176&pos=29&phys=]

Die hygienischen Einrichtungen Wiens. Vortrag, gehalten den 10. Dezember 1902, in: Vorträge des Vereines zur Verbreiterung naturwissenschaftlicher Kenntnisse, Wien H. 2, 1903.

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin 9.228/43,2)

[http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8638158&pos=13&phys=]

Neue Wasserreinigungsverfahren, Vortrag gehalten am 9. Dezember 1903, in: Vorträge des Vereins zur Verbreiterung naturwissenschaftlicher Kenntnisse in Wien, H. 3, 1904.

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin 9.228/44,3)

[http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8638179&pos=32&phys=]

Moderne Tuberkulosebekämpfung. Vortrag, gehalten den 16. November 1904, in: Vorträge des Vereines zur Verbreiterung naturwissenschaftlicher Kenntnisse, Wien H. 7, 1905.

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin 9.228/45,7)

[http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8638175&pos=28&phys=]

Antitoxische und antiinfektiöse Immunität, Wien 1905.

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin SA 2.863)

[http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8638165&pos=19&phys=]

Die Stellung des Schularztes. Vortrag, gehalten den 8. November 1905, in: Vorträge des Vereines zur Verbreiterung naturwissenschaftlicher Kenntnisse, Wien H. 6, 1906.

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin 9.228/46,1)

[http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8638173&pos=26&phys=]

Welche besonderen sanitären Verhältnisse kommen in den Fragen des Kinderschutzes und der Jugendfürsorge in Betracht und welche Maßnahmen sind hier in erster Reihe in Anwendung zu bringen? (Gutachten) (= k.k. Hof- und Staatsdruckerei 1907, Schriften des I. Österreichischen Kinderschutzkongresses) Wien 1907.

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin SA 2.862)

[http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8638180&pos=33&phys=]

Wissenschaftliche Hygiene und öffentlicher Gesundheitsdienst. Vortrag, gehalten am I. Amtsärzte-Kongress in Wien 1909, in: Österreichische Vierteljahreszeitschrift für Gesundheitspflege, H. 1, 1910.

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin SA 2.880)

http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8638163&pos=17&phys=

Bemerkungen zur Schularztfrage, in: Wiener klinische Wochenschrift, Nr. 29, 1913, S. 4.

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin SA 2.869)

[http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8638149&pos=4&phys=]

Über die Immunisierung gegen Diphterie mit Toxin-Antitoxingemischen nach Behring, in: Wiener klinische Wochenschrift, Nr. 39, 1913.

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin SA 2.870)

[http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8638164&pos=18&phys=]

Hygiene des Städtebaues und des Wohnhauses, in: Expertise über Wohnungshygiene. Zeitschrift für öffentliche Gesundheitspflege, H. 2/3, 1914, S. 6-26.

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin SA 2.873)

[http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8638162&pos=16&phys=]

Das k.k. Ministerium für Volksgesundheit, in Neue Freie Presse, 10.9.1917.

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin SA 826 a, b)

[http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8638166&pos=20&phys=]

Text:

Walter Mentzel

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„1. Weltkrieg & Medizin“ [29]: Clemens Pirquet: Die Kinderklinik im AKH während des Ersten Weltkrieges und die Medizinischen Filme „Die Kinderklinik in Wien“ und „Kinderelend“

Clemens Pirquet: Die Kinderklinik im AKH während des Ersten Weltkrieges und die Medizinischen Filme „Die Kinderklinik in Wien“ und „Kinderelend“

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Pirquet, Clemens Freiherr von Cesenatico (*12.5.1874 Hirschstetten/Niederösterreich, +28.2.1929 Wien) war Kinderarzt und Universitätsprofessor. Er war der Sohn des österreichischen Reichsratsabgeordneten Peter Freiherr von Pirquet und dessen Gattin Flora Freiin von Arnstein-Pereira. Nach seinem Studium der Theologie in Innsbruck – er beabsichtigte ursprünglich Jesuiten-Pater zu werden – und der Philosophie in Löwen/Belgien begann er 1895 mit dem Studium der Medizin an den Universitäten Wien, Königsberg und Graz. (Promotion: 1900). 1901 bildete er sich an der Berliner Kinderklinik an der Charité bei Otto Heubner (*1843, +1926) zum Kinderarzt aus. 1902 wurde er Assistent bei Theodor Escherich (*1857, +1911) und arbeitete an der Wiener Kinderklinik der Medizinischen Fakultät der Universität Wien und am Wiener St. Anna Kinderspital. Daneben war er bei Rudolf Kraus (*1868, +1932) am Universitätsinstitut für Serotherapie tätig. Im Jahr 1908 habilitierte er sich an der Medizinischen Fakultät in Wien im Fach Pädiatrie und wurde 1909 Professor für Kinderheilkunde an der Johns Hopkins University in Baltimore/USA. Nach einem kurzen Aufenthalt (1910) als o. Prof. für Kinderheilkunde an die Universität Breslau wurde er 1911 zum Vorstand der Universitäts-Kinderklinik in Wien ernannt, deren Funktion er bis zu seinem Tode (Selbstmord) am 28.2.1929 bekleidete.

Er war in verschiedenen öffentlichen Funktionen tätig, wie u.a. als Mitglied des Obersten Sanitätsrats für Österreich, als Präsident der Wiener Gesellschaft für Kinderheilkunde und als Vorsitzender des Völkerbundkomitees für Säuglingsfürsorge in Genf. Darüber hinaus gründete er die Österreichische Gesellschaft für Volksgesundheit und 1918 die Schwesternschaft der Universitäts-Kinderklinik in Wien.

Literatur in der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin

Birkner Hedwig (Oberschwester an der Universitäts-Klinik in Wien), Schwesternarbeit unter Führung Professor Pirquets, in: Österreichische Blätter für Krankenpflege, Nr. 3, März 1929.

Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata-Sammlung, Sign. 39.938 1-3)

http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8625920&pos=0&phys=

Pirquet Clemens, Kinderheilkunde und Pflege des gesunden Kindes für Schwestern und Fürsorgerinnen, Wien 1925.

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin, Sign. 49.578)

http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8625909&pos=61&phys=

Clemens Pirquet in der Separata-Sammlung der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin

In der Separata-Sammlung der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin befindet sich in kompakter Form eine Sammlung seiner Publikationen (Ausätze und Artikeln), die sein wissenschaftliches Lebenswerk dokumentieren. Darunter seine erste wissenschaftliche Veröffentlichung aus dem Jahr 1897 als Student der Medizin am Physiologischen Institut in Königsberg mit dem Titel Prüfung der d’Arsonval’schen Electrode auf Gleichartigkeit und Unpolarisierbarkeit (= Separatabdruck aus dem Archiv für die gesamte Physiologie Bd. 65, Bonn 1897), bis hin zu seinen letzten Veröffentlichungen im Jahr 1929.

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata-Sammlung, Sign. 39.938 1-3)

http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8625920&pos=0&phys=

Zunächst wurde Pirquet vor dem Ersten Weltkrieg durch seine Forschungen auf den Gebieten der Bakteriologie und Immunologie bekannt. 1903 durch seine Arbeit „Zur Theorie der Infektionskrankheiten“ und 1905 als er gemeinsam mit Béla Schick erstmals die Serumkrankheit beschrieb. 1906 führte Pirquet den Begriff „Allergie“ in die medizinische Fachsprache ein und entwickelte 1907 eine Methode zur Früh-Diagnose der Tuberkulose, die auch als „Pirquet-Reaktion“ bekannt wurde. Für diese Leistung wurde er fünfmal für den Nobelpreis nominiert.

Auswahl der von Pirquet vor dem Ersten Weltkrieg publizierten Arbeiten:

Pirquet Clemens/Schick Bela., Die Serumkrankheit, Leipzig-Wien 1905

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata-Sammlung).

http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8625920&pos=0&phys=

Pirquet Clemens, Die frühzeitige Reaktion bei der Schutzpockenimpfung, in: Wiener klinische Wochenschrift 1906, Nr. 28.

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separate-Sammlung).

http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8625920&pos=0&phys=

Pirquet Clemens, Klinische Studien über Vakzination und vakzinale Allergie, in: Münchener medizinische Wochenschrift, 1906, S. 53.

http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8625889&pos=33&phys=

Pirquet Clemens, Allergie, in: Münchener Medizinische Wochenschrift, 1906, Nr. 30, S. 1457–1458. (Die erste Erwähnung des Begriffs „Allergie“).

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin, Sign. 33.325)

http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8625889&pos=0&phys=

Klinische Studien über Vakzination und vakzinale Allergie, Leipzig-Wien 1907.

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin, Sign. 52.281)

http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=12040371&pos=0&phys=

Pirquet Clemens, (Hrsg.), Stand der Schularztfrage in Österreich o.O 1908.

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin, Sign. 9.477)

http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8625914&pos=63&phys=

Pirquet Clemens, Die neue Wiener pädiatrische Klinik, in: Wiener klinische Wochenschrift, 1911, Nr. 46.

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata-Sammlung)

http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8453193&pos=2&phys=

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin, Sign. 48.387)

http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8625915&pos=64&phys=

1911 übernahm Pirquet als Nachfolger von Escherich, der 1903 den Verein „Säuglingsschutz“ ins Leben rief und Initiator einer groß angelegte Kampagne für das Selbststillen war, die neu erbaute Kinderklinik an der Medizinischen Fakultät in Wien. Im selben Jahr gründete er hier eine heilpädagogische Abteilung, die sich als erste weltweit mit der klinischen Forschung und Behandlung von hirnorganischen Schädigungen und Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern beschäftigte. Hier wirkte er während des Krieges mit seinen Mitarbeitern.

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Darunter waren unter anderen: Béla Schick (*16.7.1877 Balatonboglar/Ungarn, +6.12.1967 New York/USA), der bis 1923 an der Klinik als Assistent arbeitete und den nach ihm benannten „Schick-Test“ zur Erkennung von Diphtherie entwickelte.

Er emigrierte 1923 in die USA und arbeitete zunächst am Mount Sinai Hospital in New York und danach als Professor für Pädiatrie an der Columbia University. Sowie: Ernst Mayerhofer (*24.10.1877 Möllersdorf/Niederösterreich, +7.2.1957 Zagreb/Jugoslawien (Kroatien), der sich 1911 in Wien habilitierte und ab 1923 als Professor für Kinderheilkunde in Zagreb arbeitet.

Bildnachweis: Foto/Retuschierung: Max Schneider. In den 1920er und 1930er Jahren war Max Schneider Fotograf an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien. Er fotografierte den gesamten Lehrkörper der Medizinischen Fakultät in dieser Zeit.

Mehr dazu: Link: http://verein-netzwerk-historiker.blogspot.co.at/p/vertriebene-und-ermordete-fotografen.html

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Ein weiterer Mitarbeiter von Pirquet war Edmund Nobel (*24.5.1883 Gran (Esztergom)/ Ungarn, +26.1.1946 London/England), der von 1912 bis 1930 an der Kinderklinik (Habilitation 1920, tit. ao. Prof. 1926) und zwischen 1930 und 1937 als Primarius der Internen Abteilung am Mautner-Markhof‘schen-Kinderspital arbeitete. Nobel musste nach dem „Anschluss“ im März 1938 aufgrund der NS-„Rassenverfolgung“ über Albanien nach Londonflüchten, wo er im Queen Mary’s Hospital for Children beziehungsweise am Paddington Green Children’s Hospital tätig war.

Link: „Weblog-Vertrieben 1938“ https://ub.meduniwien.ac.at/blog/?p=672

Nobel Edmund, Über einige Schwierigkeiten bei der Frühdiagnose des Abdominaltyphus bei Schutzgeimpften, in: Wiener Medizinische Wochenschrift, Nr. 30, 24.7.1915, S. 1136-1148.

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno-plus?aid=wmw&datum=1915&size=45&page=576

Nobel Edmund, Beitrag zur Klinik des Fleckfiebers, in: Wiener Medizinische Wochenschrift, Nr. 32, 10.8.1918, S. 1411-1418.

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno-plus?aid=wmw&datum=1918&size=45&page=646

Clemens Pirquets Arbeit an der Kinderklinik während des Ersten Weltkrieges und als Organisator der Kinderhilfsaktionen nach dem Ersten Weltkrieg

Während des Ersten Weltkrieges begann Pirquet sich angesichts der rasanten und immer akuter werdenden Ernährungskrise mit ernährungswissenschaftlichen Fragen zu beschäftigen. Er zählt zu den Bahnbrechern der modernen Ernährungswissenschaft und erforschte zahlreiche Kinderkrankheiten. Er entwarf Ernährungspläne und entwickelte die Organisation einer systematischen und rationellen medizinischen Ernährungsfürsorge, vor allem zur ausreichenden Versorgung von Kleinkindern. Er erstellte Konzepte zur Ernährung, in denen das von ihm sogenannte NEM-System (Nähreinheit Milch) im Mittelpunkt stand und nach dem Krieg an der Kinderklinik und in den Wiener Fürsorgeanstalten umgesetzt wurde. Darüber hinaus versuchte er seine neuen Ernährungsmethoden für breite Bevölkerungsschichten zu popularisieren. Während und in den Jahren nach dem Krieg erfuhr die Klinik an der Medizinischen Fakultät einen massiven Modernisierungsschub. So wurde 1919 auf Vorschlag von Béla Schick ein Teil der Dachterrasse des Hauptgebäudes überdacht und damit eine Art „Freiluftspital“ für die Patienten der Klinik geschaffen.

Pirquet Clemens, Isolierbetten, in: Sonderdruck aus der Zeitschrift für das gesamte Krankenhauswesen 1928, Heft 26.

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin, Sign. 39.938/3)

http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8625920&pos=0&phys=

Isolierbetten

Pirquet Clemens/Mayerhofer Ernst, Lehrbuch der Volksernährung nach dem Pirquet’schen System, (Bearbeitet von Ernst Mayerhofer und Josef Heussler) Berlin-Wien 1920.

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin, Sign. 1.263)

http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8604164&pos=2&phys=

Volksernaehrung

Pirquet Clemens (Hrsg.), Kinderküche, Wien 1927.

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin, Sign. 49.576)

http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8625912&pos=3&phys=

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Über die Auswirkungen der Ernährungskrise während des Ersten Weltkrieges und der Nachkriegszeit im internationalen Vergleich hinsichtlich der Entwicklung der Geburtenraten erschien 1927 von Pirquet eine Arbeit unter dem Titel: Geburtenverminderung in und nach dem Weltkrieg, in: Volksgesundheit, 1927, Jg. 1 H. 4. (Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin, Sign. 12.953)

http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8625901&pos=53&phys=

Mithilfe seiner aus seinem Aufenthalt in den USA in der Vorkriegszeit geknüpften Kontakte organisierte er gemeinsam mit seinen Mitarbeitern zwischen 1919 und 1921 österreichweit die Ausspeisungen der amerikanischen Kinderhilfsorganisation von zirka 400.000 unterernährten und unter Mangelerscheinungen leidenden Kindern. Diese Hilfsaktion zur Sicherung der Lebensmittelversorgung für die notleidende europäische Bevölkerung wurde nach dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg vom späteren US-Präsident Herbert Hoover (*10.8.1874 West Branch/Iowa, +20.10.1964 New York/USA) als Leiter der United States Food Administration und ab 1918 als Koordinator deren Nachfolgeorganisation (American Relief Administration) organisiert. Von dieser Hilfsorganisation profitierte besonders die Republik Österreich, wo beispielsweise in Wien im Jahr 1919 96% der Kinder an Unterernährung litten.

Darüber berichtete Pirquer in:

Pirquet Clemens, Der Ernährungszustand der Wiener Kinder, in: Wiener medizinische Wochenschrift, 1919, Nr. 1 S. 5-9.

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno-plus?aid=wmw&datum=1919&page=14&size=45

Pirquet Clemens, Die amerikanische Kinderhilfsaktion in Österreich Teil 1, in: Wiener medizinische Wochenschrift, 1920, 1.5.1920, Nr. 19, S. 853-857.

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno-plus?aid=wmw&datum=1920&page=380&size=45

Pirquet Clemens, Die amerikanische Kinderhilfsaktion in Österreich Teil 2 (Schluss), in: Wiener medizinische Wochenschrift, 1920, 8.5.1920, Nr. 20, S. 908-911.

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno-plus?aid=wmw&datum=1920&page=405&size=45

Pirquet Clemens, Die amerikanische Schulausspeisung in Österreich. Vortrag gehalten in der Gesellschaft der Ärzte in Wien am 27. Mai 1921, in: Wiener Klinische Wochenschrift, 1921 Nr. 34, S. 27. (Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin, Sign. 20.286)

http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8625919&pos=0&phys=

Nach dem Krieg war Pirquet Vorsitzender des Völkerbundkomitees für Säuglingsfürsorge. Über die Arbeit des Gesundheitsamtes beim Völkerbundkomitees berichtete er in seinem Aufsatz: Die Leistungen des Völkerbundes auf dem Gebiet der Hygiene, in: Separatabdruck aus der Wiener Medizinischen Wochenschrift, Nr. 11, 1926.

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata-Sammlung, Sign. 39.938/3)

http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8625920&pos=0&phys=

Bereits 1914 hatte Pirquet die sogenannte Pelidisi-Formel entwickelt, die aus den Parametern und dem Verhältnis von Gewicht und Sitzhöhe auf Basis von Körperfettanteilen ermittelt wurde. Nach dieser Formel und des damit entsprechend definierten Grades der Unterernährung der Kinder sollte die Zuführung von Nahrungsmitteln erfolgen. Diese Methode war nicht unumstritten, wurde aber nach dem Ersten Weltkrieg außer in der Kinderklinik in Wiener Fürsorgestellen angewandt.

Pirquet Clemens, Pelidisi-Tafel. 1921

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata-Sammlung, Sign. 39.938/3)

http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8625920&pos=0&phys=

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Münch Ludwig, Die Pirquet`sche Meßtafel über Alter, Länge und Gewicht des Kindes, in: Österreichisches Sanitätswesen, 1914, Nr. 49, Wien 1914.

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata-Sammlung)

http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8449664&pos=0&phys=

Weitere Publikationen von Pirquet während des Ersten Weltkrieges:

Pirquet Clemens, Wesen und Wert der Schutzimpfung gegen Blattern, in: Wiener Medizinische Wochenschrift, 6.3.1915, Nr. 10, S. 449-458.

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno-plus?aid=wmw&datum=1915&size=45&page=235

Pirquet Clemens, Ernährung des Kindes während des Krieges, in: Wiener Medizinische Wochenschrift, 31.7.1915, Nr. 31, S. 1169-1172.

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno-plus?aid=wmw&datum=1915&size=45&page=593

Pirquet Clemens, System der Ernährung, in: Wiener klinische Wochenschrift 1917, Nr. 15.

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin, Sign. 23.581)

http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=11970339&pos=7&phys=

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno-plus?aid=wmw&datum=1917&page=342&size=45

Pirquet Clemens, Ergebnisse der Kinderernährung nach einem neuen System, in: Wiener medizinische Wochenschrift, 2.2.1918, Nr. 5, S. 217.

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno-plus?aid=wmw&datum=1918&size=45&page=107

Medizinische Lehr- und Dokumentarfilme unter Mitwirkung von Clemens Pirquet:

Im Jahr 1919 entstanden an der Kinderklinik der Medizinischen Fakultät der Universität Wien von Pirquet und seinen Mitarbeiten mit Unterstützung der staatlichen Filmhauptstelle, der späteren Bundesfilmhauptstelle, zwei Filme über das Kinderelend im Nachkriegsösterreich und über die Versorgung von Kindern an der Kinderklinik. Beide Dokumentarfilme gehören zu den ersten medizinisch-wissenschaftlichen Filmen, die in der Ersten Republik an der Medizinischen Fakultät in Wien gedreht worden sind.

„Kinderelend in Wien“

Der Film zeigt als Folge der Armut Unterernährung und Krankheiten bei Kindern.

Auftraggeber und technische Durchführung: Staatliche Filmhauptstelle/Bundesfilmhauptstelle

Filmmaterial: 35 mm, Nitratfilm, Positiv, Vollbild

Herstellungsdatum: 1919

Stummfilm

Filmlänge: ca. 20 min/543 m

Farbe/Schwarz-weiß: s/w

Überlieferung: Filmarchiv Austria

Dieser Film entstand Aufgrund von Aufnahmen aus dem Jahre 1914 über den Gesundheitszustand von Schülern einer Wiener Volksschule, die nunmehr zu Vergleichszwecken im Jahre 1919 in derselben Schule wiederholt wurden.

Ein kurzer Ausschnitt (2.01 Minuten) aus dem Film ist hier zu sehen:

http://ww1.habsburger.net/de/medien/das-kinderelend-wien-filmausschnitt-1919

Überlieferung: Filmarchiv Austria

„Die Kinderklinik in Wien“

Der Film zeigt verschiedene Szenen aus der Kinderklinik: Darunter ärztliche Untersuchung mit Perkussion, Schwestern beim Baden, Abwiegen und Vermessen unterernährter Kinder und erklärt das Zubereiten der richtigen Nahrungsmenge. Der Film zeigt weiters Kinder

mit Tuberkulose in Luft- und Lichttherapie.

Herstellungsort: Universitätsklinik für Kinderheilkunde an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien

Auftraggeber und technische Durchführung: Staatliche Filmhauptstelle/Bundesfilmhauptstelle

Ausführende/Mitwirkende: Pirquet Clemens

Herstellungsdatum: 1919

Stummfilm

Filmlänge: Ca. 6 min/200 m

Farbe/Schwarz-weiß: s/w

Filmmaterial: 35 mm

Überlieferung: Filmarchiv Austria

Zum Thema „Medizinischer Lehr- und Dokumentationsfilm in Österreich zwischen 1897 und 1938“ wird ein wissenschaftliches Projekt durchgeführt:

Link: http://verein-netzwerk-historiker.blogspot.co.at/p/der-medizinische-film-in-osterreich.html

Weitere Publikationen von Pirquet nach dem Ersten Weltkrieg:

1926 war Pirquet Herausgeber eines Standardwerkes zur Medizingeschichte des Ersten Weltkrieges:

Pirquet Clemens (Hrsg.), Volksgesundheit im Krieg, Teil 2, (= Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Weltkrieges: Österreichische und ungarische Serie) Wien-New Haven 1926.

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin, Sign. 55.675)

http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8625928&pos=75&phys=

Pirquet Clemens, Zur Geschichte der Allergie, in: Wiener medizinische Wochenschrift, 1927, Nr. 23.

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin, Sign. 48.389)

http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8625904&pos=56&phys=

Pirquet Clemens, Die Ernährung des Diabetikers (mit Richard Wagner), Berlin-Wien 1928.

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin, Sign. 55.6749.567)

http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8625893&pos=47&phys=

Nach seinem Tod erschien von ihm die beiden von ihm herausgegebenen Bände: Handbuch der Kindertuberkulose unter Mitwirkung von Fachgenossen, Bd. 1-2, Leipzig 1930.

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin, Sign. I 55.693)

http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=8625905&pos=57&phys=

(Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Bibliothek der Gesellschaft der Ärzte, Sign. I 22.431)

http://webapp.uibk.ac.at/alo_cat/card.jsp?id=12354500&pos=19&phys

Text: Walter Mentzel

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