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Gastbeiträge

Gastautor Prof. Dr. Peter Heilig: Grünes Licht für die Migräne

Grünes Licht für die Migräne

P. Heilig

Schalter werden umgelegt, wenn morgens Lichtimpulse das Auge treffen, auch On-Off-Schalter für Histamin (H.) und Schlaf-Wachrhythmus, welcher neben anderen Regulatoren auch über das H. gesteuert (‚deeply implicated‘) wird – dies wird verdeutlicht durch die Aktivität der histaminergen Neurone, welche sich im Zustand der Vigilanz aktiv und im Schlaf passiv verhalten. Histamin-defiziente Mäuse zeichnen sich durch verstärkten REM-Schlaf bei Tageslicht und Schlaflosigkeit im Dunkel aus. Bei verletzten histaminergen Neuronen ist das Phänomen kortikaler Desynchronisation zu beobachten.

 

H. (H1R activation) kann allergische Reaktionen provozieren. Die Morgensonne löst den ersten Nießreflex geplagter Allergiker aus. MRGC-Zellen läuten via SCN und Melatonin ein ‚arousal‘ ein – aber auch das H. wird als ‚waking substance‘ bezeichnet. Im Schlaf ruhen histaminerge Neurone und die allergischen Conjunctivitiden provozieren glücklicherweise kein unbewusstes nächtliches Augenreiben samt möglicher unerwünschter Folgen.

H. spielt bei Stress, Emotionen, dem Lernen, bei Gedächtnisfunktionen, Flüssigkeits- und Wärme-Regulierungen, Schmerzempfindung, Allergie, Migräne, Immunsystem sowie vielen neuroendokrinen Funktionen eine Rolle. H. als Neuromodulator, wirkt mit seinen Rezeptorliganden im Auge und den Effekten der H.- H3 Antagonisten mit, auch in der Glaukom-Pathogenese. H. steuert Kontraktionen des m. ciliaris und beeinflusst über die ‚Aqueous Humor Outflow Rate‚ den intraokulären Druck: „Chronic treatment with H3R antagonists could have a significant role in improving this kind of glaucoma“.

Eine bislang unterschätzte Rolle spielt die Farbe triggernder Lichtstimuli: Histamin, der ‚Enemy Number One‘ aller Migräne-Patienten, reagiert via MRGC-Zellern überschießend auf kurzwellig dominiertes helles bläulich-weißes Licht. Die dadurch ausgelöste extreme Photophobie der ‚Migraineurs‘ und Hyperakusis samt Übelkeit und Erbrechen werden häufig beschrieben als Zustände – „an der Grenze des Erträglichen“.

Grünes Licht wird gut vertragen; es verringert die Kopfschmerzen und wird sogar als „beruhigend und entspannend“ beschrieben. Das dominierende Leitsymptom Photophobie läßt sich durch elektrophysiologische Untersuchungen objektivieren: Die Amplituden elektrischer Antworten von Netzhaut und Sehrinde auf Licht verschiedener Farben waren signifikant vergrößert („unerwarteterweise“ – sic) – verglichen mit niedrigen Potentialen der Reaktion auf grüne Lichtstimuli. Die Frage nach dem Wie und Warum wurde beantwortet mit:„Discovery of a novel retino-thalamo-cortical pathway that carries photic signal from melanopsinergic and non-melanopsinergic retinal ganglion cells to thalamic neurons“. Ein „cross-talk“ findet statt – zwischen visuellen Bahnen und denen, die für den Migräne – Kopfschmerz verantwortlich sind („pain matrix“). Massive Projektionen von Dura- und Licht-sensitiven thalamischen Neuronen in die visuellen, auditorischen und olfaktorische Cortices bombardieren diese mit Überstimulationen. Die Folgen können sein: Funktionsstörungen, Beeinträchtigungen von Kurz- und Langzeit-Gedächtnisleistung, der Kognition, motorischer Koordination, Vigilanz, von Licht- und Farb-Wahrnehmungen (via sek. vis. Cortices) samt Photophobie, Hyperakusis und olfaktorischer Hypersensibilität.

Blaues Licht wird von Migränepatienten, aber auch von sehbehinderten Personen als besonders schmerzhaft – expressis verbis „unerträglich“ empfunden. Im Straßenverkehr schafft die Überreizung durch Blendungen nicht nur Migränepatienten ernste Probleme.

Eine schlüssige Erklärung der Farb-Selektivität, dieser ‚Viridophilie‘ von Migränepatienten wird auf sich warten lassen, besonders seit der Entdeckung des Campana-Interneurons, welches zugleich Zapfen- und und Stäbchensignale („equal synaptic Inputs“) an die retinalen Ganglienzellen sendet. Campana erinnert ein wenig an Qbits: „Null und Eins“ in einem Element. Grünes Licht moderater Intensität reduziert Kopfschmerzen episodischer und chronischer Migräne-Erkrankungen. Es sollte als adjuvante Maßnahme empfohlen werden.

Goebel: „Die beste Therapie gegen Migräne wäre die Schwangerschaft. Nach dem dritten Monat der Schwangerschaft kommt es zum Anstieg der Diamine- Oxidase (DAO – Histamin-abbauendes Enzym) auf das Hundertfache und die durch Histamin ausgelöste Übelkeit verschwindet.“ (leider nicht immer..).

Lit.

Thakkar MM (2011) Histamine in the regulation of wakefulness. Sleep Med Rev 15,1: 65-74

Martin LF et al (2021), Evaluation of green light exposure on headache frequency and quality of life in migraine patients: A preliminary one-way cross-over clinical trial. Cephalalgia. 41(2):135-147.

Sgambellone S et al (2021)Novel Insight of Histamine and Its Receptor Ligands in Glaucoma and Retina Neuroprotection. Biomolecules. 11(8): 1186.

Bernstein CA et al (2019) The migraine eye: distinct rod-driven retinal pathways‘ response to dim light challenges the visual cortex hyperexcitability theory. Pain 160(3): 569-578.

Young BK et al (2021)An uncommon neuronal class conveys visual signals fromrods and cones to retinal ganglion cells. Proc Natl Acad Sci U S A. 2; 118(44)

Göbel H (2020) Erfolgreich gegen Kopfschmerzen und Migräne. Ursachen beseitigen, gezielt vorbeugen, Strategien zur Selbsthilfe. Springer

MRGC: Intrinsisch photosensitive Melanopsin Retinale Ganglienzelle, mitschuld an der ‚Cyanophobie‘

 SCN: Suprachiasmatische Nuclei. Ihre ‚Metronome‘ (Oszillatoren) steuern den circadianen Rhythmus.

 Gender: beyond

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Gastautor Prof. Dr. Peter Heilig: Campana

Campana

Hundert Jahre, nachdem fünf Klassen* von Netzhautzellen ’systemisiert‘ worden waren, tauchte ein bisher unidentifiziertes retinales Interneuron auf (John A. Moran Eye Center an der University of Utah), welches Zapfen- und (!) Stäbchen-Signale (‚equal synaptic inputs‘) an retinale Ganglionzellen sendet – es passt somit nicht in das alte Schema.

Die Campana-Zelle unterscheidet sich trotz mancher Gemeinsamkeiten morphologisch, physiologisch und molekular von Bipolarzellen sowie auch von den Amakrinen. Die Entdeckung dieses ‚atypischen‘ glycinergen Interneurons könnte bewirken, dass nicht nur Neues hinzugefügt wird in den Abhandlungen der Neurophysiologie und dass vielleicht Manches umzuschreiben ist – mithin eine Chance für besseres Verständnis von ‚Verdrahtungen‘ sowie neuronalen Prozessen.

On- und Off- Schaltungen sowie skotopisches und photopisches System galten seit jeher als streng getrennt (nun: Campana – ‚crosstalk‘). Bipolarzellen schienen als die einzigen Interneurone zwischen Rezeptoren und retinalen Ganglienzellen (RGC) zu fungieren. Campana-Zellen exprimieren zusätzlich zu Glutamat den hemmenden Neurotransmitter Glycin. Sie reagieren auf Lichtblitze (Dauer: 100 msec) mit Depolarisierung, dies aber mit auffallend lange anhaltenden Atworten – bis zu etwa 30 Sekunden. Es kann nicht ganz ausgeschlossen werden, dass dieses unorthodoxe Interneuron auch an den lange anhaltenden Nachbild- Phänomenen mitbeteiligt ist.

Möglicherweise sind die Campana-Zellen an ’non-image-forming‘ – Prozessen beteiligt, ähnlich wie die ipRGCs mit Pupillendilatation, circadianem Photoentrainment, vielleicht auch als ‚lowpass-frequency‘– Filter bzw. als passagere ‚Memory‘- Speicher: „In the brain, persistent firing cells are believed to be involved in memory and learning. Since Campana cells have a similar behavior, we theorize they could play a role in prompting a temporal ‘memory’ of a recent stimulation.”   Ning Tian.

Der ‚dialektische Überbau‘ retinaler Funktions-Schemata ist neuerdings kritisch zu überdenken: Thesis: Strenge Trennung. Antithesis: Synthesis am Beispiel der Campana, welche unvoreingenommen ‚equal synaptic inputs‘ akzeptiert. Spaß beiseite – es ist zunächst unerheblich, wie die neue Retina-Arbeits-Hypothese aussehen wird. Sicher ist jedenfalls, dass viele unphysiologische, potentiell phototoxische Kunstlichtszenarios der Gegenwart auch diesem besonderen Interneuron einen Bärendienst erweisen.

* Photorezeptoren, Horizontal-, Bipolare- , Amakrine- und Retinale Ganglion Zellen (RGC).”   

iPRGC: intrinsic photosensitive Melanopsin Retinal Ganglion Cells

Campana (ital., span.) Handglöckchen, Façon erinnert angeblich an das Interneuron dieses Namens.

Young BK et al (2021) An uncommon neuronal class conveys visual signals from rods and cones to retinal ganglion cells. Proc Natl Acad Sci U S A. 2021 Nov 2; 118(44):e2104884118.

https://healthcare.utah.edu/moran/news/2021/10/campana-cell-retina-discovery.php

Interest, Gender: wie gehabt

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Gastautor Prof. Dr. Peter Heilig: Nach-Bilder

 

Nachbilder sind treue Begleiter kognitiver Prozesse. Sie fallen im täglichen Leben kaum auf, es sei denn – Stimulusintensitäten überschritten kritische Grenzen – demonstriert am leuchtenden Beispiel der Fußgängerampel: Wartende fixieren ein grellrotes Halte-Signal. Spukhaft blitzt während einer Sakkade, wie aus dem Nichts, die Illusion eines grünen (!) ‚Ampelmännchens‘ auf – nicht im Sinne des Erfinders.

Das Nachbild, eine Illusion (‚illusory percept‘) entsteht in post-rezeptoralen ‚opponent-channel‘ – Prozessen, in retinalen Ganglienzellen (‚rebound responses‘) sowie auf kortikaler Ebene. Letzteres wird durch pathologische MRI-Befunde samt dazugehöriger Funktionsausfälle und (ggf. bewegter -) Nachbilder bestätigen. „Das Nachbild eines PKWs bewegte sich etwa gleich schnell, aber in entgegengesetzter Richtung“ (Dyskinetopsic Palinopsia‘) Auslöser: eine AV-Missbildung im Gyrus occ. inf. – ein selten beobachtetes Phänomen. Einen weiteren Hinweis liefert die transkranielle Magnetstimulation (TMS). Sie beeinflusst das ‚Visual fading‘ (DD: Troxler Effekt), im Sinne eines signifikant verzögerten Verblassens von Nachbildern – via ‚early visual cortex‘.  

Verschiedene optische Täuschungen, zum Beispiel der ‚McCollough – Effekt‘, basierend ebenfalls auf Nachbild-Effekten, wurden noch immer nicht vollständig entschlüsselt. „Im Gegensatz zu allen anderen Nachwirkungen, die höchstens eine Minute anhalten, wirkt diese über Stunden, auch über Nacht. Wenn man 10 Minuten adaptiert, soll es Monate anhalten“ (?) (https://michaelbach.de/ot/index-de.html). Dies erinnert frappant an MRGC (Melanopsin-Retinale-Ganglienzellen)- Slow-Potentials, deren Aktivitätsdauer bis zum ‚Steady state‘ nicht bestimmt werden konnte. Licht-Nachwirkungen werden unterschätzt. ‚Qualitäts‘-Monitore produzieren kräftige Nachbilder aber auch lästige Schlafstörungen.

„A bright flash can induce a positive visual afterimage of whatever scene a person is looking at when the flash occurs“ : Dieses Statement und obige Angaben über die Dauer der Nachwirkungen (‚persistence of visual information from the afterimage‘ – Stone et al) leiten über zu überdosiert grell-kurzwellig dominierten Licht-Bombardements, denen Sehen und Wahrnehmung wehrlos ausgeliefert sind, besonders im Straßenverkehr. Die Einsatzfahrzeug-Signale (’son et lumiere‘) liegen deutlich über der Schmerzschwelle, wären folglich kontraindiziert in den Fußgängerzonen, aber – wen kümmert’s.

Die Stimulus-Intensität spielt bei der Nachbild-Entstehung eine entscheidende Rolle.  Ampel-Licht-Intensitäten wurden ohne Berücksichtigung der jeweiligen Umgebungs-Lichtintensität schrankenlos gesteigert. In Dämmerung und Dunkelheit werden derart extreme Intensitäten zum ernsten Problem. Über Gefahren der Blendung wurden die zuständigen Experten laufend informiert; komplementärfarbene Nachbilder zu grell strahlender Ampeln sprachen sich noch nicht herum. Die deutlich weniger ‚aufdringlichen‘  Nachbilder der Vorgängermodelle waren unterschwellig; sie wurden nicht wahrgenommen. 

Retinale Lichtschäden sind immer dann zu befürchten, wenn bei Service-Arbeiten – in kurzer Distanz von Lichtquellen – zu spät oder überhaupt nicht ausgeschaltet wird. Durch die potentiell phototoxischen Effekte sind nicht nur die Zapfen und Stäbchen sowie das retinale Pigmentepithel gefährdet, sondern auch die retinalen Ganglienzellen (RGC), die  Mitochondrien samt DNA (upregulation of reactive oxygen species and subsequently caspase-dependent or -independent cell death“. Das Risiko der Entstehung von retinalen Lichtschäden wird nach energetischer Vorschädigungen aber auch bei Erkrankungen der Netzhaut höher.

Eine weitere wertvolle Zelle, die ‚Campana‘- Zelle* ist bedroht durch Phototoxizität. Sie passt nicht in das Fünf-Klassen-Schema retinaler Neurone, wie dies vor hundert Jahren erstmals präzisiert beziehungsweise konstruiert wurde – möglicherweise gehört sie einer eigenen neuen Klasse an, einer besonders ungewöhnlichen: sie empfängt sowhl Zapfen- als auch Stäbchen-Signale und – sie ist extrem lange ‚aktiv‘ – bis zu dreißig Sekunden lang: ‚They (Interneurone) could play a role in prompting a temporal memory of a recent stimulation.” Damit fügt sich die Campana‘- Zelle nahtlos in die Reihe der Strukturen und neuronalen Elemente ein, welche an der Kaskade der Nachbild-Entstehung und des ‚Fadings‘ einen maßgeblichen Anteil haben.

Andersgeartete, schwerere Schäden sind nach ‚retinalem Lichtstress‘ im Straßenverkehr zu befürchten: Das ‚Fahren wie in einem dunklen Tunnel‘ nach Blendung (‚redetection time after glare‘). In Refraktärphasen, während der retinalen Readaptationen, werden viele verkehrsrelevante Objekt zu spät oder – im schlimmsten Fall – gar nicht wahrgenommen. Störendes Streulicht, Ablenkungen (Distraction Blindness) und neue Nachbild-Phänomene schufen zusätzliche Unfall-Gefahren durch überdosierte, unphysiologische Lichtstimuli.     

 Ergo: Handlungsbedarf. 

Epilog:

Die zuständige Verkehrs-Kognitionspsychologie hält sich bedeckt. Vielleicht gibt die Verkehrs-Ophthalmologie ihrem Herzen einen Stoß.         

Lit.:

Kingdom FAA et al (2020) Negative afterimages facilitate the detection of real images Vision Res; 170:25-34. 

Lahiri D et al (2020) Dyskinetopsic Palinopsia: Palinopsia Accompanied by Moving Afterimages. Case Reports Cogn Behav Neurol; 33(4):266-270.

 O’Hare L ( 2017) Visual Discomfort From Flash Afterimages of Riloid Patterns. Perception ;46(6):709-727

Engelen T  et al (2019) Reduced Fading of Visual Afterimages after Transcranial Magnetic Stimulation over Early Visual Cortex; 31(9):1368-1379

Stone BW et al (2016) Multisensory Tracking of Objects in Darkness: Capture of Positive Afterimages by the Tactile and Proprioceptive Senses; PLoS One. 2016; 11(3): e0150714.

Magnussen S et al (2016) Filling-in of the foveal blue scotoma. Vision Res ; 41(23): 2961–2967.

Zele AJ (2019) Melanopsin driven enhancement of cone-mediated visual processing. Vision Res; 160:72-81.

Zhao Y et al (2020) Light-Induced Retinal Ganglion Cell Damage and the Relevant Mechanisms; Cell Mol Neurobiol 40(8):1243-1252.

*Young BK et al (2021) An uncommon neuronal class conveys visual signals from rods and cones to retinal ganglion cells. Proc Natl Acad Sci U S A. 2021 Nov 2;118(44):e2104884118. Dieses Interneuron zwischen Rezeptoren und RGC, die Campana Zelle – may play an atypical role in vision“.   

Gender: beyond

Interest: ut semper

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Gastautor Prof. Dr. Peter Heilig: UNERNST im ERNST

 UNERNST im ERNST      

„Wenn man sich selbst zu ernst nimmt, ist man tot“ (Wilfried von Zeller-Zellenberg). Er trat den lebenden Beweis an. Der Schalk saß ihm im Nacken, auch dann noch, als er bereits schwer krank war. Als ‚guter alter Kaiser‚ verkleidet, wollte er in einer Kutsche durch die Stadt geführt werden: „Leutln, ich bin’s, was habt’s ihr am Herzen – heut könnt’s mit mir reden!“* Seine G’schichterln und märchenhaften Karikaturen ließen die gute alte Zeit lebendig werden. Einmal floss versehentlich Tusche über ein beinahe fertiges Bild; aus dem Klecks zauberte er im Handumdrehen ein riesiges Federvieh. Dieses thronte dann gravitätisch über seinen meisterhaft gezeichneten Figuren. Der neue Titel lautete: ‚Das große Huhn‘. 

Zu dieser Zeit verzauberte Jörg Mauthe sein Wien („die Vielgeliebte“) mit lebensecht wirkenden Puppen.  Sein ‚Watschenmann‘ im Radio war legendär, doch politische Intrigen bewirkten ein Aus für diese gelungene, köstliche Satiresendung. „Dies bedeutet das Ende der Demokratie“ meinte damals ein jugendlicher Mauthe-Fan. In seinem Abschieds-Buch ‚Demnächst oder der Stein des Sisyphos‘ lässt Jörg Mauthe die Leser an seinen Gedanken, Träumen und Phantasien teilhaben – „gescheit, witzig, ein Zyniker, in dem ein Sentimentaler steckt“. * „Demnächst werde ich sterben, ein guter Anfang für ein Buch – nein, der beste aller Anfänge.“

 Ein „euphorisches Gefühl eines, der endlich Sicherheit gefunden hat“, schrieb er. Bis ins Absurde steigerte sich seine praeterminale Euphorie: „Ich bin mächtig, unangreifbar, mir passiert nichts mehr, ich ‚passiere‘. Die Revolverkugeln, an die ich zunächst dachte, verwandelten sich in Briefe, etliche sogar an solche, denen ich untersagte an meinem Begräbnis teilzunehmen“. Dazu ein Mauthe Aperçu –  „Politik heißt auch: über ein Meer von Dummheit segeln“.

 „Ich tu mir überhaupt nicht leid. Ich entdecke, dass nicht nur das Leben, sondern auch das Sterben seine komischen Seiten hat“ – Nach dem Wind gehascht, ich habe genug. Mauthe, wer auch immer das war, begibt sich ans Sterben.“

 Lebensbedrohliches hatte ein Mann überlebt; nie hatte er sich unterkriegen lassen – ein wahrer Lebenskünstler. Immer gut gelaunt, empfing er auch in den letzten Tagen seine Sekretärinnen im Krankenzimmer. Dort herrschte eine geradezu ausgelassene Stimmung – auch dann noch, als seine Sehfunktionen schon merklich nachließen.

Eine Patientin der internen Abteilung unterhielt den gesamten ‚großen Saal‘ mit köstlichem Galgenhumor – bis zu ihrem letzten Tag.

Im fernen Osten stritten zwei Uralte miteinander, wer von ihnen beiden der schäbigere alte Reissack wäre und wem es schließlich gelänge sich vor dem anderen davonzustehlen. 

Tabuthemen, wie endgültiger Abschied werden meist ängstlich totgeschwiegen. Doch schon Sokrates philosophierte: „Denn den Tod fürchten, ihr Männer, das ist nichts anderes als sich dünken man wäre weise – niemand weiß, was der Tod ist, nicht einmal ob er nicht für den Menschen das größte ist unter allen Gütern.“

Schopenhauer: „Ich glaube, dass wenn der Tod unsere Augen schließt, wir in einem Lichte stehen, von welchem unser Sonnenlicht nur der Schatten ist.“

‚Als-ob-Philosophie‘ kann helfen auf ständiges Gejammer (‚Menetekel‘) nicht depressiv oder noch schlimmer zu reagieren – mit Wunschvorstellungen, wie etwa Ungeister in ihre Flasche zurückzustopfen oder alle Übel dieser Erde wieder in die Büchse der Pandora zu verbannen. Epimetheus, der gewohnheitsmäßig zu spät Denkende, ließ aus Neugier alle Übel heraus, bis auf die Hoffnung, welche angeblich zuunterst lag**. Prometheus warnte seinen Bruder in weiser Voraussicht, er konnte sich jedoch gegen bornierte Dummheit nicht durchsetzen. Die Parabel gilt bis heute.     Übel: „Arbeit (!), Krankheit und Tod“ (sic – aus einer ‚freien‘ Enzykl.).   

Transzedentaler – hintergründiger – Unernst:

Cherubim und Seraphim umschwebten Jahwes Haupt. Zögerlich, jedoch mit gebührendem Respekt und größter Ehrfurcht wandten sie sich an Ihn: „Jahwe, sieh doch – ‚jener‘ erbarmt uns – er bittet um eine Audienz – schon sehr lange. Hast du ihn etwa vergessen?“ Siehe da, bald darauf stand der Bittsteller vor dem Thron. Und Jahwe sprach: „Nu?“ Jener: „Jahwe, könntest Du bitt’schön alles Böse und alles Schlechte vom Angesicht der Erde verbannen?“ Gesagt getan. Es verging nicht viel Zeit – und jener wurde wieder vorstellig. Jahwe: „Du schon wieder?“ Jener: „Jachwe, wenn’s Dir macht keine großen Umständ‘, könnt‘ ich’s wieder ha°b’n wie’s war?“ 

 Mysterium mortis

Angenommen, der Himmel für Gelehrte wäre eine gediegene alte Bibliothek. Engel, welche geflügelten Hofräten gleichen, schweben mit wertvollen Folianten in Händen hernieder. Alles wäre darin zu finden, worauf das Leben die Antwort schuldig blieb. 

„Mysterium Mortis“ lautet der Titel eines Werkes von Ladislaus Boros und der eines weiteren: „Aus der Hoffnung leben“ – nur ein Versuch, betonte er bescheiden. Die Welt bricht zusammen, wenn ein geliebter Mensch stirbt, die Mutter, das Kind oder ein lieber Freund, eine dieser seltenen ‚verwandten Seelen‘. Versuche Trost zu spenden, schlagen fehl. Nichts ist mehr so, wie es einmal war, es bleibt eine seelische Wunde. Die ‚alleine‘ Gelassenen sind untröstlich. Boros malte in seiner Welt des Glaubens eine tröstliche Metapher, ein Bild wie aus der Sixtinischen Kapelle: Im Augenblick des Todes kommt es zur ersten wahren ‚vollpersonalen‘ Begegnung mit dem Creator:

Finis ultimus, das letzte Ziel, das höchste Glück, Beatitudo, absolute Glück Seligkeit, Punkt Omega.

„Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich es stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.“ 1 Kor 13, 12

Nahtod-Erlebnisse (NTE):

Die traumähnlichen halluzinatorischen Phänomene (dreamlets) in den ersten Sekunden nach Herzstillstand – unter Sauerstoffmangel in retinaler und cerebraler Hypoxie bis Anoxie, bei Temporallappen-Epilepsie (TLE) oder ‚G-force induced Loss of Consciousness‘ (G-LOC) oder unter dem Einfluss von Halluzinogenen können Euphorie auslösen, bei NTE so intensiv, daß es nach Reanimationen nicht selten zu emotionalen Gefühlsausbrüchen kommt: „Es war unfassbar schön, sodass ich nie mehr zurück wollte! Warum habt ihr mich zurückgeholt?“ An der ‚Realität‘ dieser halluzinierten Inhalte wird subjektiv in den NTE-Phasen nicht gezweifelt. „The NDE is exactly what it appears to be to the person having the experience“ (Chris French).

Nicht alle Befragten können sich nach erfolgter Reanimation an NTE-Inhalte erinnern. Das immer wieder geschilderte Tunnel-Phänomen, konzentrische Gesichtsfeldeinengungen, verursacht durch retinale und kortikale hypoxische bzw. haemodynamische Effekte, entsteht auch während der G-LOCs von Kampffliegern. Zwischen Herzstillstand und dem Null-Linien-EEG nimmt die Aktivität kognitiver Prozesse zu. Experimentell erzeugte Ohnmachtzustände lösen auch bei Gesunden ähnliche Phänomene aus: Dissoziation, Depersonalisation und ‚Oneroid‘. etc.

NTE, ein prägendes Ereignis, hinterlässt bleibende Spuren. ‚Reanimierte‘ sehen das Leben mit anderen Augen. Ihr Sein erhält plötzlich eine höhere Qualität – die Liebe zum Leben, zum Mitmenschen, eine neue Spiritualität, höhere Selbstwertschätzung, mehr Freude am Dasein und – materielle Werte verlieren an Bedeutung. „Das Leben hier ist nicht sinnlos“.. Als ‚unendlich tröstlich‘ beschrieb E. Alexander (Neurochirurg) seinen NTE-‚Blick in die Ewigkeit‘, zusammengefasst in einer zentralen Botschaft: „Du wirst geliebt.“ („Worte, die ich als Waisenkind, als Kind, das weggegeben worden war, so dringend hören musste“).

In Indischen Philosophien und Religionen werden Begegnungen mit der Gottheit zur absoluten, ontologischen Wirklichkeit. तत् त्वम् असिTat Tvam Asi. Das Ich (Atman) wird mystisch eins mit dem wahren Selbst (Brahman) – im Meditativen dieser Kultur. 

Epilog: „Heute geh ich heim“ – waren die letzten Worte eines lieben Verwandten (Großvater), wenige Stunden vor seinem seligen Entschlummern. Schöner lässt sich dies nicht sagen…

G-LOCs: G-force induced Loss of Consciousness von Piloten „fainting in the air“

Oneroid: Bewusstseinstörung, begleitet von lebhaften traumähnliche Halluzinationen

* so beschrieb Mauthe einen lieben Freund und vielleicht auch sich selbst; später meinte er: „ich bin nicht zynisch..“

**Audiatur etiam altera pars: ..Zeus wollte nämlich, dass der Mensch, auch noch so sehr durch die anderen Übel gequält, doch das Leben nicht wegwerfe, sondern fortfahre sich immer von Neuem quälen zu lassen. Dazu gibt er dem Menschen die Hoffnung: sie ist in Wahrheit das übelste der Übel, weil sie die Qual der Menschen verlängert“.
Friedrich Nietzsche.
Menschliches, Allzumenschliches I II. Zur Geschichte der moralischen Empfindungen 71-107.

Unerhört, was der obersten olympischen Instanz hier unterstellt wird. Auch die abenteuerlich erotischen Eskapaden dieses umtriebigen Prinzipals entbehren nicht einer gewissen unfreiwilligen Komik. Das ‚homerische‘ Gelächter als adaequate Reaktion humorbegabter Olympier wäre strafwürdig, zöge Konsequenzen nach sich, doch verhaltenes Gekicher vom Olymp sollen Hirten bei günstigem Wind vernommen haben – berichtet die Fama . . 

Boros L (1973) Mysterium mortis. Walter

Boros L (1968) Aus der Hoffnung leben. Walter

Eben A (2012) Proof of Heaven: A Neurosurgeon’s Journey into the Afterlife. Simon & Schuster
https://ebenalexander.com/about/my-experience-in-coma/

Bäumer SB (2019) The Yoga of Netra Tantra, Shivam S (Ed.), IIAS Shimla & D.K. Printworld, New Delhi 

Oberhammer G (1995) Im Tod gewinnt der Mensch sein Selbst. Das Phänomen des Todes in asiatischer und abendländischer Religionstradition. Verlag d. Österreichischen Akademie d. Wissenschaften

Mauthe J (1986) DEMNÄCHST oder der Stein des Sisyphos. Ed. Atelier

Zeller-Zellenberg W (1973) Seid lieb zueinander. Ein k.u.k. Kaleidoskop. Hoffmann & Campe/ Ueberreuter

Zeller-Zellenberg W (1976) Seid lieb auch zu Disteln. Vom Undsoweiter der k.u.k. Herrlichkeit 1918 bis dato und in alle Ewigkeit.  Europaverlag     
http://agso.uni-graz.at/marienthal/biografien/zeller_zellenberg_wilfried.htm

Zerr- und andere Bilder
https://ub.meduniwien.ac.at/blog/?p=25926

Birkenbihl VF (2005) Humor: An Ihrem Lachen soll man Sie erkennen Taschenbuch. mgVerlag 
http://www.zeno.org/Philosophie/M/Platon/Des+Sokrates+Verteidigung j

Peinkhofer C et al (2019) Semiology and Mechanisms of Near-Death Experiences; Review Curr Neurol Neurosci Rep 19(9):62. https://ub.meduniwien.ac.at/blog/?p=16917 (Quantum satis est)

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Gastautor Prof. Dr. Peter Heilig: ge danken

ge danken

„Eine neue Art von Denken ist notwendig, wenn die Menschheit weiterleben will.“
Albert Einstein

Was hatte Einstein gemeint mit dieser kryptischen Aussage? Die Antwort auf die Frage fehlt in seinen Biographien. Sicher hätte Goedel mehr darüber gewusst, denn mit ihm pflegte er „die größte intellektuelle Freundschaft seit Plato und Sokrates“. Aber auch in den Schriften Goedels findet sich kein Hinweis auf die postulierte neue Denkungsart.

„Was zur kontinuierlichen Entwicklung der Mathematik notwendig wäre“, ist ein Verfahren oder eine Technik, welches in uns einen neuen Bewusstseinszustand hervorbringen soll, in dem wir die von uns verwendeten Grundbegriffe unseres Denkens detaillieren oder andere bisher unbekannte Grundbegriffe erfassen“ (K Gödel), all dies (‚mathematisch-platonisch‘) ausschließlich der Mathematik reserviert, abgegrenzt von der ‚Wirklichkeit‘. Goedel träumte davon „für die Metaphysik dasselbe vollbringen zu können wie Newton für die Physik – what I could publish“: Manches blieb unveröffentlicht, z.B. “Is Mathematics a Syntax of Language?” (Gödel 1953/9-III, – 9-V)

Anders hat Einstein gedacht, neu, intuitiv, oft ’nonverbal‘ – on dit; auf anderen Ebenen. Er löste scheinbare Widersprüche samt vermeintlicher ‚Unvereinbarkeiten‘ auf, wie z. B. Welle/Teilchen, Raum/Zeit, Licht..etc., sprengte Dimensionen und krönte all dies mit der brillant ‚einfachen‘ Formel, kristallklar, logisch und wie von anspruchsvollen Mathematikern gefordert – aesthetisch. Musik spielte dabei eine besondere, eine inspirierende Rolle. Den höchsten Stellenwert jedoch hatte der spirituelle Austausch mit Gödel.
A.E. sagte einmal, er „ginge nur ins Büro um des Privilegs willen mit Kurt Gödel den Heimweg anzutreten.“ (his work didn’t mean much any more, and that he mainly came to the institute to have the privilege of walking home with Gödel.”) Im Jahre 1949 erhielt Gödel, von Einstein persönlich überreicht, den ersten Albert-Einstein-Preis. Nach Kurt Gödels tragischem Tod tauchte der berühmte ‚verlorene Brief‘ auf: The P=NP Question. Er hatte ein Problem gefunden, das er nicht lösen konnte – dies war ihm nicht oft passiert. Ein Physik-Nobelpreisträger wurde gefragt, welche Frage er einem allwissenden, allmächtigen Außerirdischen stellen würde – „Ich würde fragen, ob P=NP.“ Vielleicht ist auch die Frage nach optimalen Bedingungen für das Weiterleben der Gattung homo sapiens – bisher – aber nur scheinbar nicht erschöpfend zu beantworten.

Oder doch – vielleicht von genialen Denkern, etwa vom Schlage eines Paul Erdős: Er war „arguably the most prolific mathematician of the 20th century, in terms of both the number of problems he solved and the number of problems he convinced others to tackle.“
Paul Erdös: Eine berühmte Erdös-Anekdote ist die “Dinner conversation story”: „Apparently Erdös was at a conference and found himself seated at a table of experts all from some arcane area of mathematics–let’s call it area A. Paul knew nothing about their area. The rest of the table was having a lively discussion about the big open question in their area A. Erdös, of course, could not follow any of the discussion, since he knew none of the terms from A. Slowly, by asking lots of questions, “what does that term mean?” and “why is that true?” and so on, Erdös began to understand the open problem of area A. Once he finally understood the problem, once the definitions and basic facts had been made clear to him, he was able to solve their open problem. Right there. Right then.“

„Was ich besonders schätze, ist das klare Denken“ Josef Böck, Augenarzt.

Alles klar? Eine Bilanz:

Atom: Chargaff: „Die Zukunft wird uns verfluchen“.
Biodiversität: Zerstörung via ‚viribus unitis‘ – in der Folge Pandemien.. Von den Tiefen der Meere über bodenzerstörende Agrar-Monster-Monokulturen, Regenwaldrodungen, Brände, gnadenlos verschwendete seltene Erden, Kunstlicht-Exzesse, auch bei Tageslicht (Tagfahrlicht, DRL), Ressourcenplünderungen, Denaturierungen, jede Art von Vermüllung – bis ins All, samt Kessler-Syndrom („collisional cascading“), unfassbarerweise auch willkürlich, quasi aus ‚Jux und Tollerei‘ verursacht, (Wirtschafts-)-Krieg-Industrien; apropos: Adam Smith’s Metapher der unsichtbaren Hand als ‚regulierende‘ Kraft des Marktes erwies sich als Irrtum, auch neoliberale Sumpfblüten inklusive maßloser Energieverschwendung für Darknet-‚Shitcoins‘-Blockchains-(sic: zit. Trend-Coverstory zum Kryptowährung-Lotto). Aus verfahrenen oekonomischen und anderen Sackgassen führen keine ‚halben Wege,‘ wie von Grillparzer visionär formuliert. Bruderzwiste, nicht nur dort, ‚wo die Sonne nie unterging‘ sowie ‚Glaubens’Kriege im Namen eines jeweils Allerhöchsten, zum Erzwingen einer jeweils gepachteten absoluten Wahrheit, nach dem Motto „.. sonst schlag ich dir den Schädel ein“, sind . . Hier wird die Liste unterbrochen, auch aus Platzgründen.

Zu Ende gedacht, wären JETZT einige AUS-SCHALTER umzulegen. Nicht irgendwann..

ad Klimakonferenzen: Absagen und eine dünne Broschüre (kein Papier!) herausgeben: Was wurde verwirklicht, was renaturiert ? Was, bevor ‚das System kippt‘.

Abschließend, am Höhepunkt des Pandemie-Faschings – aus gegebenem Anlass:
Digitaler Dumpfbackenfilter, Redeverbot, Schreib- und Rencontre-Verbot, FakeNews-Poenalisierung, Phasendreher oder Stummschalter am Mikrophon (im Parlament z.B.), Bullshit-Spray (zuletzt in Iowa im Einsatz gesehen), ein hochwertiges Produkt, welches jede Art höheren Blödsinns mit einem Sprühstoß neutralisiert, inklusive verbliebener übler Gerüche, vergleichbar mit den ‚automatic clean air diffusors‘ und erinnernd an die gute alte Zeit der Stummfilm-Kintop-Flit-Spritzen; wichtig: ‚Verkehrtscheiber‘ aus dem Verkehr ziehen, erweiterte Produkthaftung, Nachhaftung (30 Jahre plus Haftung der Nachkommen, wie bei Medizinern), im schlimmsten Fall wäre umgehend ein Sachwalter bestellen – selbstverständlich auch bei nachweislich verrückt gewordenen Potentaten (lt. med. Attest).
Obige Formulierungen: im Sinne Viktor Frankls, welcher über Galgenhumor-Blödeleien verständnisinnig lachen konnte.

zur ‚Fehlerkultur‘:
*In science, especially mathematics, we all try to do correct work, but sometimes the right error can be very important. Rockets: There was a paper published in the early 1900’s on the possibility of a chemical rocket ever getting into orbit. The paper gave a careful and tight IP that showed this was impossible. Of course, today, there are countless satellites in orbit around the Earth, so where was the error in the IP? The paper used careful and correct laws of physics and reasonable assumptions about the amount of energy that could be obtained from chemical reactions. The mistake was simple: the proof assumed implicitly that the rocket had constant mass. Clearly, as a rocket burns fuel it gets lighter, and this was the mistake that killed the IP (impossibility proof).
Auch Vladimir Horowitz hatte Fehler gemacht.

Kurt Friedrich Gödel (1906 – 1978) Schulabschluss (Vorzug, Schwächen in Mathematik), Dissertation und Habilitation in Wien, ‚logischer Positivist‘, Mitglied des Wiener Kreises, war schon als Kind „der Herr Warum.“ Gödel’s philosophical view : „realism, namely the belief that mathematics is a descriptive science in the way that the empirical sciences are.“
Gödel K (1931) „Über formal unentscheidbare Sätze der Principia Mathematica und verwandter Systeme, I.“ Monatshefte für Mathematik und Physik. 38, 173-198
Gödel K (1995) “Is mathematics a syntax of language?”, lecture manuscript. 334–356.
Lipton RJ (2010) The P=NP Question and Gödel’s Lost Letter. Springer
https://citeseerx.ist.psu.edu/viewdoc/download?doi=10.1.1.455.7731&rep=rep1&type=pdf
https://plato.stanford.edu/entries/goedel-incompleteness/

https://www.britannica.com/biography/Paul-Erdos
Holt J (2019) When Einstein walked with Gödel: Excursions to the Edge of Thought, FARRAR STRAUSS & GIROUX bzw. Kindle (2018)
Yourgrau P (2005) Gödel, Einstein und die Folgen. Vermächtnis einer ungewöhnlichen Freundschaft C. H. Beck
https://www.information-philosophie.de/?a=1&t=888&n=2&y=1&c=50

ge danken: mhd. danc, ahd. danc; das Substantiv gehört zur Sippe von ‚denken‘: denkbar dankbar (- für das wertvolle Geschenk des Denkens und der freien Entscheidung)

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Gastautor Prof. Dr. Peter Heilig: Bilder

Bilder

Ein strahlend schöner Regenbogen spannte sich über dunkle Wolken am Morgenhimmel, untermalt von ‚unsterblichen Melodien‘ (Monteverdi*). Bilder wie diese bleiben lange haften im Langzeitgedächtnis. Gipfel- und Höhenerlebnisse können der Psyche helfen über düstergraue Stimmungen mit dunklen Tälern hinweg an neue Ufer zu gelangen. Solche Mnemen‘ sind abrufbar, die besonders eindrucksvollen – vielleicht – für immer.

Bilder ‚muten an‘ – sie teilen sich mit. Am Eingangstor zur Fraktion Belohnungs-Syteme ZNS/Unterabteilung Spiegelneurone, begehren nicht nur bewegte Bilder Einlaß. Auch traumhafte Erinnerungen, Phantasien und positive, einprägsame Bilder können Dysphorien verblassen lassen, sachte auflösen wie der Windhauch die Wolken am Sommerhimmel – mit einem Lächeln, mit dem ansteckenden Lächeln eines Kindes. Zauberhafte Musik kann tatsächlich ‚zaubern‘; wenn sie ‚aufgenommen‘ wird – zentral – dann kann sie wie Magie wirken.

Psychohygiene : „Bei all den schädlichen und negativen Einflüssen, denen jeder Mensch Tag für Tag ausgesetzt ist, braucht es eine Möglichkeit der Gegenwehr“ – R. Sommer. Er war besorgt wegen „unruhigen Stadtlebens und seinem Einfluss auf die Nerven“. Im Konzentrationslager Theresienstadt, unter den Augen der KZ-Aufseher, hatte Viktor Frankl ein „Referat für psychische Hygiene“ gegründet – mit Erfolg. Täglich gab es – als einen der Programmpunkte – neue Witze (!). Auch in späteren Jahren konnte er herzhaft lachen, dieser unvergessene Viktor Frankl, mit seinen Bonmots: „Wenn’s bei der Psychoanalyse nur ein bisserl schlechter wird, ist schon viel gewonnen!“ (V. Frankl – trotzdem lachend: https://ub.meduniwien.ac.at/blog/?p=26794).

Und heute? A-Social Media und Fake-News, Hasspostings, Desinformationen sowie Panikmache verursachen “Social Media Anxiety Disorder” samt Depressionen und Anxiety Disorders (DAD) plus ‚Anhedonia‘ – der Unfähigkeit sich zu freuen. Unter vielen Jugendlichen grassieren Zukunftsängste und Depressionen – bis zur Angst vor der Angst (‚Phobophobie‘). Psychohygiene bleibt ein Fremdwort.


Der
‚Dämon‘ Angst war seit jeher ein machtpolitisch missbrauchtes Werkzeug. Parodiert von Nestroy, Karl Valentin und Epigonen unnachahmlich ins Komische verfrachtet, von Zielgruppen allzu ernst genommen, leider blutig ernst. Kriege gab es ständig – als „eine Aufgabe, die nicht endet“ (G.W. Bush), obwohl dieser ominöse Todfeind nicht zu finden war „entlang der Achse des Bösen“ (siehe Tuchmann : Die Torheit der Regierenden). Goya und Picasso geißelten die Kriege mit Los Désastres de la Guerra‘ und ‚Guernica‘. Karl Kraus schrieb: „ich habe gemalt, was sie nur taten“. Es half alles nichts, auch nicht seine unsterblichen ‚Letzten Tage der Menschheit‘.

“ Wenn wir den Krieg gewonnen hätten, dann läge die Vernunft in Ketten und stünde stündlich vor Gericht – und Kriege gäb’s wie Operetten. Wenn wir den Krieg gewonnen hätten.. zum Glück gewannen wir ihn nicht! “   Erich Kästner

Frieden herrscht nun hierzulande – seither. Kinder haben das Lachen nicht verlernt. Diesen uralten Schatz, das herzhafte Lachen der kleinen und großen Kinder, gilt es zu bewahren. Kinderangst ist niemals klein, denn – Kinderaugen sehen oktroyierte Monster angsteinflößend groß.

„Hast du Angst vor dem Tod“? fragte der kleine Prinz die Rose. Darauf antwortete sie: „Aber nein. Ich habe doch gelebt, ich habe geblüht und meine Kräfte eingesetzt soviel ich konnte. Und Liebe, tausendfach verschenkt, kehrt wieder zurück zu dem, der sie gegeben. So will ich warten auf das neue Leben und ohne Angst und Verzagen verblühen“.
Antoine de Saint Exupéry.

Epilog:

 Behutsam und – ‚kindgerecht‘ – sollte Kindern die Angst genommen werden. Das ‚Monster‘ zeichnen und wegsperren, Angstmännlein vertreiben, weg-zaubern, den Angstschlümpfen die Luft auslassen, für immer alles, was Angst macht, weghypnotisieren*. Auch Jugendliche brauchen liebevolle, einfühlsame Erwachsene, besonders in Zeiten der Pandemie.

* Kinder-Hypnosetherapie – zu wenig bekannt – kann überraschend hilfreich sein.

file:///C:/Users/User1/AppData/Local/Temp/Beratungstipps%20f%C3%BCr%20Eltern_Wie%20nehme%20ich%20Kindern%20und%20Jugendlichen%20die%20Angst-1.pdf

* aus dem ‚Äther‘

Mneme: eine der titanischen Musen – die Muse der Erinnerung.

Lockowandt O (1984) Mach ein Fest aus deinem Leben. Wie man vom Glück beschenkt wird. Herder

Baller G, Schaller B (2009) Klinikalltag: Über die Kraft der Spiegelneuronen Dtsch Arztebl 106(49): A-2483 B-2131 C-2071

Bekkali S et al (2021) Is the Putative Mirror Neuron System Associated with Empathy? A Systematic Review and Meta-Analysis. Review Neuropsychol Rev 31(1):14-57

Bernhardt K (2017) Panikattacken und andere Angststörungen loswerden. Wie die Hirnforschung hilft, Angst und Panik für immer zu besiegen. Ariston

Psota G, Horowitz M (2018) Angst erkennen, verstehen, überwinden. Residenz

Shensa A et al /2018)  Social Media Use and Depression and Anxiety Symptoms: A Cluster Analysis Am J Health Behav; 42(2): 116–128.

https://www.verywellmind.com/social-network-use-and-social-anxiety-disorder-4117143

https://onlinedegrees.unr.edu/online-master-of-public-health/impact-of-social-media-on-youth-mental-health/

Rotthaus W (2021) Ängste von Kindern und Jugendlichen (Störungen systemisch behandeln)  Carl-Auer

Tirier U (2019) Dem Angstriesen entgegentreten. Patmos V

Brouka J, Schröder B (2016) Angst. Wie Kinder sie überwindn. Beltz

Cléry-Melin ML et al (2019) Reward systems and cognitions in Major Depressive Disorder Review CNS Spectr 24(1):64-77. (..ventral and dorsal striatum, lateral habenula, ventral tegmental area, orbitofrontal cortex, anterior cingulate cortex, and ventromedial and dorsolateral prefrontal cortex. These structures underline the important role of the dopaminergic mesolimbic pathway, but glutamate and serotonin could also have an important role . . in some aspects of reward-related impairments“..)

Der ‚Belohnungskern‘ (nucleus accumbens) wird oft vereinfachend herausgegriffen aus dem ‚Reward System‘, dessen mesolimbische Leitungsbahn (pleasure reward bundle) gleichsam die Rolle eines Regisseurs spielt (Inszenierung von Freude oder Angst sowie Hinwendung oder Flucht, Re-Aktion etc.) – auf der ‚Bühne des Lebens‘- .

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Gastautor Prof. Dr. Peter Heilig: Karoline Traunwieser und die Phantasie

Karoline Traunwieser und die Phantasie

„fairer of the fairest“

Es wimmelte nur so von – auf wienerisch – ‚aufgebrezelten‘ Schönheiten aus aller Herren Länder – am Wiener Kongress. Doch die ’schönste Frau von Wien‘, das hübscheste Mädchen zur Zeit des Wiener Kongresses – Karoline Traunwieser, stellte sie alle in den Schatten. Ihr lagen die Herzen der Kavaliere zu Füssen.

„Auf einem Balle bemerkte ich in einem Teile des Tanzsaales (im „Römischen Kaiser“ in der Kärntnerstrasse) ein besonderes Gedränge. Ich drängte mich ebenfalls hin und war das erste und einzige Mal in meinem Leben von einer wirklich himmlischen Schönheit ergriffen, wie nie vorher und seitdem. Es war Fräulein Traunwieser (‚Lottchen‘, damals 17jährig), die schönere Tochter der Besitzerin des Kahlenberges (Josefsdorfes), einer in ihrer Jugend auch sehr schönen Frau (Anspielung auf das Horazwort: O Tochter, die du noch schöner bist als deine Mutter. Oden I 16). Lottchen war unstreitig die größte Schönheit Wiens. Eine Peri (wunderschöne persische Fee), wie ich sie nur geträumt, nie gesehen hatte. Ich kann die Empfindung des reinsten ästhetischen Gefühls, womit mich ihre Schönheit am Boden festzauberte, nur mit der vergleichen, womit ich zu Paris vor dem Apollon vom Belvedere festgewurzelt stand. Mir ward, als strömte sie magnetisches Licht aus, dessen Fluten über meinem Haupte zusammenschlugen. Ich fand damals keine Worte, meine Empfindung auszudrücken und finde sie auch heute nicht. Ich war im eigentlichen Sinne smitten with love (außer mir vor Liebe). Lotte war auch eine vortreffliche Sängerin.”
Hammer -Purgstall

Als Hammer-Purgstalls Freund Ernst Freiherr von Malsburg, hessischer Gesandtschaftssekretär und Calderon-Übersetzer, in unerwiderter Liebe zu Karoline entbrannte, veranlasste ihn Hammer zu einer Nachdichtung der persischen Sage von Anahids Verklärung zum Morgenstern (erschienen mit einer „Weihe an Josef v. Hammer“ in Malsburgs „Gedichten“ (1821) 171-242 – dreihebige Jamben).

„Anahid war die schönste und tugendhafteste der Menschentöchter, mit herrlichem Gesange begabt. Aber Ihr Sinn strebte nur nach Himmlischem. Umgekehrt lockte ihre Schönheit zwei Engel, Harut und Marut, aus dem Himmel auf Erden. Die Erlaubnis zur Erdenfahrt bekamen die Engel nur unter der Bedingung, dass sie schwuren als Menschen auf Erden zu wandeln, Anahid nicht in irdischer Liebe zu nahen und das Zauberwort für die Rückkehr in den Himmel nicht zu verraten. Sie verliebten sich rasend in Anahid und sagten ihr das Zauberwort, vergaßen es aber zur Strafe auf der Stelle. Anahid stieg mit dem Zauberwort in den Himmel auf, wo sie als Morgenstern den Reigen der Gestirne anführt. Ihr Saitenspiel tönt als Sphärenmusik hernieder. Harut und Marut wurden von einer Windsbraut in einen tiefen Brunnen Babylons entführt, wo sie mit dem Kopf nach unten hängen und Anahid nur dann im Wasser als Spiegelbild sehen, wenn der Morgenstern über den Brunnen zieht.“ (persische Sage)

Selbst Sheherazade hätte keine solch märchenhafte Geschichte für Tausendundeine Nacht gefunden. Ihr grausamer König wäre von dieser Erzählung sprichwörtlich gefesselt gewesen und hätte selbstvergessen all den blumigen Ausschmückungen gelauscht – bis zum Morgengrauen, an einer von diesen sagenhaften tausend Nächten. Wahrscheinlich hätte er gelacht über die beiden liebestollen, tol(l)patschigenفرشته !*

Kein einziges Bild gibt es von dieser beauté céleste, wie Prince de Ligne, der ‚rosarote Prinz‘ Karoline Traunwieser wahrscheinlich bezeichnet hatte. Seine Gruft und ihr Grabstein befinden sich beide am Josefsdorfer Waldfriedhof – mit seinem Blätterrauschen und Vogelgezwitscher. Es duftet nach dem Atem der Bäume. Ein Zauber liegt über diesem romantischen Ort. Wenn es still wird in der Dämmerung und der Abendstern zu schimmern beginnt – dann kommt vielleicht die Erinnerung an die schöne Peri und ihre Musik wieder zurück . . 

Unweit einer kleinen ‚Kapelle‘ (Mausoleum) des Waldfriedhofes am Kahlenberg ist Leopold Ungars Grab. Für ihn hatte die Phantasie einen besonders hohen Stellenwert:

Die Phantasie gehört an die Macht. Was ist sie denn anderes als das Reich, in dem die Ideen leben, wie wir unverbesserliche Platoniker sagen. Die Ideen, die Gedanken, der Geist: Die Wirklichkeiten, die unsterblich sind. Und wenn die Phantasie eines Tages an der Macht ist, dann wird die Welt unendlich viel reizvoller sein.. Und vergessen sie nicht: Die Welt gehört verändert. Der Anfang der Veränderung aber geschieht immer im Herzen eines einzelnen Menschen.“

„Es ist geradezu kindisch an ein mögliches Übel in der Zukunft die Maßstäbe von heute anzulegen.“ Leopold Ungar

 ‚Märchenhaft schön war das Fräulein Traunwieser, ‚unvorstellbar‘ – fama crescit .. Vorstellbar wäre allerdings, dass zeitgenössische Portrait-Künstler gescheitert waren und ihre Werke verwarfen, weil es ihnen nicht gelang dieses zauberhafte Antlitz auf die Leinwand zu bannen. Es gibt kein Bild und keine Skulptur, nicht einmal die Andeutung einer Beschreibung – nur romantische Schwärmereien. Als hellster Stern strahlte sie über dem glitzernd-illustren Gesellschaftshimmel von Wien.

Ihr Herz hatte sie einem französischen Oberst geschenkt. Er fiel beim Rückzug im Jahre 1812 an der Beresina. ‚Hoch fiebernd‘ sei sie angeblich, somnambul durch eine eiskalte Winternacht ihrem Liebsten entgegenirrend, erfroren. Doch diese Version ist bloß eines der Geschichtchen aus der Sagenwolke, welche über dem ganzen Mythos schwebt. Die offizielle Diagnose lautete ‚Lungenschwindsucht‘. Am 8.3.1815 starb Karoline Traunwieser an dieser damals unheilbaren Krankheit in ihrer Stadtwohnung, Kärtnerstraße Nr 5 (Eintrag im Totenbuch der Stadt Wien). Drei Monate davor war Prince de Ligne im Alter von 79 Jahren verschieden. Auch er hatte die Belezza bis zuletzt angehimmelt. Von Anna Bruckmüller, einer Verlobten seines Neffen wurde berichtet, dass sie nach dem Tod des rosaroten Prinzen ‚aus Verzweiflung‘ in einer Dezembernacht am Kahlenberg erfroren wäre – on dit. Auch ihr Grabmal befindet sich am sagenumwobenen Josefsdorfer Friedhof .

Epilog: „Jeder, der sich die Fähigkeit erhält Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.“ Franz Kafka (er wurde nicht alt) oder: „Jeder, der seine Phantasie pflegt wie eine zauberhaft duftende Blume . . “

Karoline Traunwieser (1794 – 1815) Sängerin, „Das schönste Mädchen von Wien“

Prince de Ligne’s (1735 – 1814) berühmtester Ausspruch: „Le congres danse beaucoup, mais il ne marche pas“. Der Kongress tanzt, aber er marschiert nicht (er bringt nichts weiter..). „Er war geistvoll und charmant, galt als Wiens letzter Kavalier des Rokoko und war der Maître-de-plaisir des Wiener Kongresses.“

Leopold Ungar (1912 – 1992) Leiter der Caritas, Karl Kraus-Leser, unbequemer Mahner für Menschen in Not, besonders aktiv, auch auf kulturellem Gebiet.

„fairer of the fairest“ : „Der Schönsten Schönere“ aus einem von Hammer-Purgstall übersetzten Sonett Edmund Spensers

Lungenschwindsucht: „oft mit eigentümlicher, zu allgemeiner Blässe (damals galt Blässe als vornehm) kontrastierender Rötung der Wangen einhergehend“: Dies trug zu einem verführerischen Liebreiz bei und verlieh möglicherweise dieser zarten Blume etwas unergründlich Geheimnisvolles.

Diese konsumierende Krankheit (Tuberkulose) grassierte unter dem Einfluß schlechter, feuchter, zu wenig belüfteter Behausungen und chronisch-mangelhafter Ernährung sowie weiterer Morbiditäten und Entbehrungen.

Etzlstorfer H (2014) Der Wiener Kongress. Redouten, Karoussel&Köllnerwasser, Kremayr & Scheriau

Hiti MJ (1992) Leopold Ungar. Ein Portrait. Styria

Reiter FR (Hg;154994) Wer war Leopold Ungar? Ephelant

Umberto Eco (Ed) (2006) Die Geschichte der Schönheit, Hanser:

„Das ästhetische Empfinden hat sich seit Jahrtausenden kaum verändert“.

https://karoline-traunwieser.zurerinnerung.at/

Heilig P (20167 ACCADEMIA DI FANTASIA https://ub.meduniwien.ac.at/blog/?p=

* فرشته  (Engel auf persisch)

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Gastautor Prof. Dr. Peter Heilig: Eine Illusion

Eine Illusion

wäre der freie Wille – (unser kostbarster Besitz“ – R Metten) hieß es nach dem ‚Libet-Experiment‘: das ‚Bereitschafts-Potential‘ (Kornhuber und Deecke 1965) konnte vor der bewussten Willens-Entscheidung abgeleitet werden – blieb dies unbestritten? Nein.

Der freie Wille – eine Illusion? Nein. Der homo sapiens, hinunternivelliert auf das Niveau von Einzellern- unfähig sich zu entscheiden, wie Buridans Esel, wäre reduziert auf eine Existenz, welche dem Zufall ausgeliefert ist, also ungesteuert, Plan- und Perspektive-los.

„Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast. Du bist für die Rose verantwortlich“ sagte der Fuchs zum kleinen Prinzen. Doch ohne die freie Willens-Entscheidung gäbe es keine Verantwortlichkeit, keine Zuneigung, kein ‚Lieben um geliebt zu werden‘. General-Exkulpation – auch ohne Vorliegen von ‚Schwachsinn, seelischer Störung oder Abartigkeit‘  wäre die logische Konsequenz: „Nulla poena sine culpa“:

Schuldunfähigkeit samt Schuldausschließungsgründen wären die Norm, eine Reductio ad absurdum: Justitia hätte keinerlei Daseinsberechtigung. NuramRande – blind war sie seit jeher. Es gäbe keine Rechts-Ordnung, kein Strafverfahren samt Strafvollzug, kein ’suum cuique tribuere‘. Selbst-Verantwortungs-Los. Defaitismus hätte das Sagen – im Chaos.

Sabotiert wird freier Wille z.B. durch Überstimulation: „Mit etwa elf Millionen Bits an Daten wird unser Gehirn bombardiert – pro Sekunde! Bewusst verarbeiten kann es jedoch nur etwa 30 bis 40 Bits.“ In diesem Zusammenhang: Die KFZ-Industrie gerät immer mehr außer Kontrolle: Blendende Tagfahrlichter, KFZ-Lichtbehübschungen („Licht ist das neue Chrom“), E-Toy-Lichter und massiv ablenkende Lichtsignale überfordern über Gebühr strapazierte kognitive Prozesse. Das fatale Auslöschen von ‚overflows‘ der visuellen Kurzzeit- und Arbeitsspeicher, z.B. von Netzhautbildern der Kinder am Zebrastreifen („SCHUTZ“Weg – zurzeit das gefährlichste Areal) erfolgt logischerweise nicht durch freie und bewusste Entscheidung; dies entzieht sich unbemerkt und unvermeidbar, trotz Konzentration, der Kontrolle des Willens – als Distraction – bzw. Inattentional Blindness.

Der Streit um den freien Willen – Determinismus versus Indeterminismus – kam in die Jahre. Begriffsklärung tut not. Klare Definitionen, klares Denken (Descartes) und eindeutige Semantik (- Semiotik, Suchmaschinenoptimierung (SEO), High-Level Expert Group on Artificial Intelligence, 2019) sind essentiell, von den methodisch ‚unbiassed‘ Experimenten samt umsichtig-korrekter Interpretation abgesehen. Die Peer Reviews kamen leider aus der Mode. ad Zitate – zum Beispiel:

„Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will“  Arthur Schopenhauer (AS), vielzitiert, leider aus dem Zusammenhang gerissen, verkürzt, verfälscht und irreführend. Originalzitat: Du kannst tun, was du willst: aber du kannst in jedem gegebenen Augenblick deines Lebens nur ein Bestimmtes wollen und schlechterdings nichts anderes als dieses eine.“ – dieser Satz impliziert logisch und unzweifelhaft die vorauszusetzende freie und bewusste Entscheidung.                    
(Über die Freiheit des Willens, S 542, AS).*

Die Begriffe ‚frei‘ und ‚Wille‘ sind herauszulösen aus allen aprioris, dem Impliziten, aus genetischen und epigentischen Prägungen, Erfahrungen, Erinnerungen, Emotionen, Interaktionen mit Umwelt und Erziehung und sind konsequent zu reduzieren auf die ‚bewusste‘ Entscheidungsfindung – im Sinne von A.S. ‚Unbewusstes‘ in-die-Pedale-Treten beim Radfahren stört übrigens nicht bei bewussten freien Entscheidungsprozessen.

Unangebracht wäre es das Thema freier Wille mit Theologischem, Teleologischem und Glaubensinhalten zu vermischen. Ein allwissender, allmächtiger Creator wäre im Letzten für alles verantwortlich, was ist und für alles, was geschieht. Er bräuchte also im Grunde weder zu zürnen noch – wie Zeus – Blitze vom Olymp zu schleudern.

Hier kommt der Laplace’sche Dämon ins Spiel, der Schutz’Heilige‘ des Determinismus, welcher Ort und Impuls aller Teilchen in- und auswendig kennt, samt der Kausalitätsketten und fehlerfreier Prognosen. Diese Fiktion hat seit der Quantenphysik ausgedient: Ort und Impuls lassen sich gleichzeitig nicht exakt bestimmen (Unschärferelation n. Heisenberg).

„Nach unserem heutigen Kenntnisstand funktioniert das Gehirn nicht auf der Grundlage der Newton’schen Gesetze. Die klassische Mechanik reicht für die Beschreibung neuronaler Prozesse nicht aus.“ (Luhmann). Auch Hameroff und Penrose beschrieben das „Bewusstsein als ein Problem der Quantenphysik“: cave – dünnes Eis!  Es fehlt die Brücke, aber vor Allem fehlt die gemeinsame Sprache zwischen der Quantenphysik und – um nur ein Beispiel zu nennen – der Neurophysiologie.

Die objektive Realität kann in ihrer Gesamtheit nicht erkannt werden. Alles, was unsere Sinnesorgane aufzunehmen imstande sind, ist ein verschwindend kleiner Ausschnitt. Beipiel: das extrem schmale Band sichtbaren Lichtes (sichtbare ‚Wirklichkeit‘) im weit gespannten elektromagnetischen Spektrum. Und – vieles, was in den Prozessen des Bewußtwerdens geschieht – s. radikaler Konstruktivismus (P. Watzlawick), entfernt sich nicht selten weit von der Realität. Unser Universum besteht zu etwa siebenundzwanzig Prozent aus Dunkler Materie und zu siebzig Prozent aus Dunkler Energie. Der kleine Rest: die für uns wahrnehmbare, sozusagen greifbare ‚Wirklichkeit‘.

Dazu kommt Goedels ‚Unvollständigkeitssatz‘: selbst die Mutter aller Wissenschaften, die Mathematik, ist nicht widerspruchsfrei. Erkenntnis ruht nicht selten auf tönernen Füßen, wegen methodischer Fehler, schlampiger Recherche, fehlerhafter Schlußfolgerungen, Syllogismen, Zirkelschlüssen, ‚Inference engines‘, ‚Münchhausen-Trilemmas‘ etc.

Doch Rupert Riedl hatte darauf eine überzeugende Antwort: „Die Schraubenstruktur biologischer Erkenntnisprozesse“: In seinem Modell drehen sich diese nicht in einer Ebene weiter – um sich womöglich selbst zu widerlegen, sondern steigen bei jeder Umdrehung, wie in einem Schraubengewinde um eine Ebene jeweils höher, mit der Aussicht auf weiterführenden Erkenntnisgewinn, wie etwa im Falle des ‚egoistischen Gen‘– Irrtums oder eines unberechtigterweise heraufbeschworenen Determinismus. Apropos, das Statement   „Es gibt keinen freien Willen“ – „science thrives by falsifying hypotheses“ – macht eine Falsifikation unmöglich. (K. Popper: Logik der Forschung).

„Die Philosophie ist tot. Sie hat mit den neueren Entwicklungen in der Naturwissenschaft, vor allem in der Physik, nicht Schritt gehalten. Jetzt sind es die Naturwissenschaftler, die mit ihren Entdeckungen die Suche nach Erkenntnis voranbringen“  (Hawking, 2010). Nun – ob die Philosophie tatsächlich tot ist, sei dahingestellt; der freie Wille lebt: „Erst der freie Wille macht uns zu dem, was wir sind.“ (R Metten)

Zurück zum Experiment: „Libets experimentelle Vorgehensweise war fehlerhaft. Seine Resultate konnten nicht reproduziert werden“ (Dominik et  al. 2018 z.B.). „Flaws in this research (1) premise deficiencies, (2) technical limitations in experimental design, (3) misinterpretation of events preceding the decision, (4) unreliability of self-reported decision, and (5) overdrawn generalizations of the implications.“

„… कतुमयः पुरुषो (kratu-mayaḥ-puruṣhaḥ) … (Chând Up. 3, 14, 1). Śâṇḍilyas, Upanishaden
 „Ich will, also bin ich!“ – besser noch „Wollend bin ich“.

„kratu-mayaḥ-puruṣhaḥ? „Now, verily, a man consists of will“ – „Nun wahrlich, der Mensch besteht aus Wollen.“  T.V. Kapali Sastry:, dass कत kratu hier für „free choice“ – die Wahlfreiheit stehe, die der Mensch habe, sich in die eine oder andere Richtung entscheiden zu können.“ Und: … स कतुं कुवीत (sa kratum kurvīta) ॥ १ ॥ (Chând Up. 3, 14, 1): „Let him with this knowledge in mind form his will.“

https://www.swamij.com/upanishad-chandogya.htm

François-Pierre Gonthier Maine de Biran: Er hielt er dem kartesischen „Cogito, ergo sum“ sein „Volo,ergo sum“ – oder wie es im französischen Originaltext heißt – sein „Je veux, doncje suis“ entgegen.“ 

AI:

Abschließend ein Wort zur künstlichen ‚Intelligenz‘: „Free will – even for robots“ (McCarthy) Hier geriet die Anthropomorphisierung auf obskure Abwege. Killerdrohnen besitzen weder einen freien Willen noch ein Gewissen. Ungezählte Kinder fielen ihnen bisher zum Opfer.

Epilog:

Im zweidimensionalen Labyrinth wird nach dem Ausgang gesucht – ohne Ariadnefaden. Ausweglos – in dieser Ebene. Die Antwort gibt es in höheren Dimensionen. Vielleicht. . Auch das Armamentarium zur ‚wissenschaftlichen‘ Beantwortung der Frage: „Gibt es einen freien Willen?“ ist ungeeignet: Weder mathematische Modellierungen mit ihren partiellen Differentialgleichungen noch Hirnforschung oder Quantenphysik können hier weiterhelfen. Für die conditio humana ist der freie Wille die ‚Conditio sina qua non‘. Unabänderlich.

” Ist damit nicht auch die Willensfreiheit in jenem Bereich außerhalb der Erscheinungswelt, wo Freiheit und kein Determinismus herrscht, ein tiefes Mysterium, das sich jeder weiteren Nachforschung entzieht?“  AS

Syndikat: Unternehmenszusammenschluß, Kartell,
nach der üblichen Bedeutungsverschlechterung: organisiertes Verbrechen

Lit.

René Descartes (1637): Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs und der wissenschaftlichen Wahrheitsforschung (Discours sur la méthode pour bien conduire sa raison et chercher la vérité dans les sciences)   https://www.textlog.de/descartes-methode.html

Metten R (2020) Ich will, also bin ich. Wie der freie Wille uns zu dem macht, was wir sind. Springer

Luhmann HJ (2020) Hirnpotentiale. Die neuronalen Grundlagen von Bewusstsein und freiem Willen. Springer

Heilig P (2013) Quantum Satis Est. Quanten-Physik. https://ub.meduniwien.ac.at/blog/

Arendt H /(1958) The Human Condition
https://sduk.us/afterwork/arendt_the_human_condition.pdf

Klemm WR (2016) Making a scientific case for concsious agency and free will. Acad. press

Albert H (1968) Traktat über kritische Vernunft. Mohr Siebeck, Tübingen

Riedl R (1988) Biologie der Erkenntnis. Die stammesgeschichtlichen Grundlagen der Vernunft. München: dtv 1988, S. 232.

Libet B et al (1982). Readiness-potentials preceding unrestricted „spontaneous“ vs. pre-planned voluntary acts. Electroencephalography and Clinical Neurophysiology,54(3), 322–335.

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Gastautor Prof. Dr. Peter Heilig: Die Kunst und Charles Bonnet.

Die Kunst und Charles Bonnet.

„When most I wink, then do my eyes best see“      
William Shakespeare


Trugwahrnehmungen oder Halluzinationen, pathognomisch für das Charles Bonnet-Syndrom (CBS), bizarre Spielereien des Gehirns, ‚disturbing playthings of the brain‘, können Patienten nahezu verrückt machen. Die Suche nach wirkungsvoller Therapie verläuft leider enttäuschend; dennoch verstehen es einige Betroffene diese ungebetenen Spukgebilde oder -Töne (Oliver Sacks Syndrome) „zu genießen“ und in Kreationen umzuwandeln: Bitte vor den Vorhang.. Beispiele: In Musikstücken finden sich bisweilen Anklänge davon – die in Noten gesetzten akustischen oder ‚musikalischen‘ Halluzinationen.

Die Potentiale neuronaler Daueraktivitäten schlafen nie – komplexe ZNS-Prozesse kreieren Traum-Gebilde während des Schlafes, Figuren und Geschichten, deren Realitätswert sich nicht von dem des Wachzustandes unterscheidet. Falls es Träumenden gelingt sich suggestiv vorzusagen: „Das ist nur ein Traum“, lassen sich Albträume samt Dämonen der Nacht verscheuchen. Trauminhalte tauchen in der bildenden Kunst und in der Literatur auf – in manch mittelalterlicher Höllendarstellung, im Phantastischen Realismus, bei Chagall zum Beispiel oder Kubin („mit einem Fuß im Drüben“ – laut Paul Flora) in der Art Brut, in den Werken der Künstler aus Gugging, in den ‚phantastischen Skulpturen‘ etc.

Poetisch werden Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit überschritten, Fiktion und Realität ‚emulgiert‘; dies geschieht in der Welt der Märchen, in der kinderliterarischen Phantastik, in Parallelwelten, in denen – wie im Traum – vieles den eigenen Gesetzen und selbstgeschaffenen wie selbst-verständlichen physikalischen Normen gehorcht. Die Poesie des Wunderbaren kennt keinen Unterschied zwischen Unmöglichem, Zauber und einer vereinbarungsgemäßen, sozusagen vorgeschriebenen Realität. Das Kind will unbedingt ausbrechen aus den Schluchten zwischen grauen Schallschutzwänden, aus der vorgegebenen Richtung, weg von vorbestimmten (‚vorprogrammierten‘) Reisen ins Perspektiv- und Hoffnungslose, oder gar ins Nirgendwo . .

Das ewige Kind liebt seine Träume, hinweg über  ‚unüberbrückbare‘ Konflikte – dieses Kind will weiter träumen und – hier kommen auch die Tagträume ins Spiel – luzide und meditativ‘ in den Phasen des Erwachens, in der Welt des noch lange nicht Ausgeträumten und seiner oft phantastischen Bilder, lebendig geworden in Traum-Motiven der Maya, oder bei den Ureinwohnern von Neu-Guinea, welche Geträumtes nach dem Erwachen in die Tat umsetzten – nicht selten zum Mißfallen der Missionare. Bilder des Traumes bleiben ewig lebendig in den Werken der Künstler, aus Urzeiten bis heute. 

Einst träumte mir, ich sei ein Schmetterling. Ein schwebender Schmetterling, der sich wohl und wunschlos fühlte ..“ 
Zhuangzi – Chuang-tzu 莊子 “Master Zhuang”  (4. Jhdt v Chr.)
                                                                                                                                     
„Es erschien nämlich, mit Homer zu reden, ein göttlicher Traum mir durch die ambrosische Nacht, und zwar so deutlich und lebhaft, als ob ich wachte, daß nach langer Zeit die Bilder dessen, was ich gesehen, noch in meinen Augen sind und die Worte, die ich hörte, noch in meinen Ohren klingen. . Denn ihr wisst, Träume sind Wundertäter“.
Lukians Traum, Lukian (120 – 180 n. Chr.)

„Und trotzdem bleib ich dem Traume gewogen, so läuft er sich leichter, der Lebenslauf“
Traum vom Fliegen, Karl Kraus (1874 – 1936)

                                                                                                               
„Vorgestern habe ich von zwei Mädchen geträumt, die waren furchtbar kregel und aufgeräumt..“
Träume, Kurt Tucholsky (1890-1935)

Nicht mehr wegzudenken ist das Thema Traum aus der Weltliteratur, wie in Grillparzers Der Traum ein Leben oder in Schnitzlers Traumnovelle: 

„.. so gibt es gewiss nichts in unserer bewussten Existenz, das der Gelöstheit, der Freiheit, dem Glück gleichkommt, das ich nun in diesem Traum empfand.“ Die Welt der Phantasie lebt vom Unwirklichen, scheinbar Wertlosen, kaum je von ‚börsenkonnotiertem‘ -wie so oft- Plunder.

Dieser Ausflug in die Welt der Träume ist keine Flucht aus der ‚Realität‘. Treffend brachte Paul Watzlawick das Thema Wirklichkeit auf den Punkt: in seinem Radikalen Konstruktivismus. Nach dem Muster von Klarträumen kann es gelingen unerwünschte Halluzinationen in die Schranken zu weisen oder sie zu sublimieren, das heißt ungenützte, scheinbar negative Energien in Kreatives umzuwandeln.

 Archimedes erfand sein Prinzip tagträumend im Badewasser, Banting erträumte das Insulin, Loewi die Nervenübertragung, Wagner summte im Schlaf eine Rheingold-Melodie. Das Bild einer Schlange, welche sich selbst auffrisst (Ouroboros aus der Heraldik), verfolgte den tief schlafenden Kekule: die Benzolring-Formel. Edison provozierte mit System den ‚praktischen Nutzen der Träumerei‘ (P Mulford) – mehr als zweitausend Erfindungen tragen seinen Namen. Charpentier ’sah‘ gleichsam in Wien (spiritus loci?) die Funktion der Genschere klar vor sich – in einem offenbar entspannten „Heureka-Moment“.

Die Daueraktivität retinaler Ganglienzellen wird durch Lichtstimulationen modifiziert, daraus resultiert eine ‚digitalisierte‘ Informationsübertragung (Frequenzmodulation). Ohne Stimulus herrscht jedoch nur Dauer- ‚Chaos‘ zufallsverteilt ablaufender Spike-Intervalle. Die ‚Top-Down‘ – Informationen widerspiegeln chaotisch ablaufende Prozesse aus höheren kognitiven Zentren, in denen ohne physiologische Stimulation („fehlende Inhibition“) ungeordnete Halluzinationen ablaufen (visuell, akustisch oder peripher – nach Verlust einer Gliedmaße – als Phantomschmerz).   

Im Klartext: Fehlende oder gestörte Signale des N. III oder IV (Blindheit, Sehstörung, Taubheit, Presbyacusis etc.) lassen kognitiven Prozessen ‚freies Spiel‘ – „wenn die Katze aus dem Haus ist, haben die Mäuse Kirtag“ – Neu- und Langzeit – Gedächtnisinhalte mischen sich merkwürdig ungeordnet, scheinbar real, auch im (Halb-) Schlaf. Trugwahrnehmungen sowie (Tag-)Traum-Inhalte, ‚playthings of the brain‘, komplexe Phantasiegebilde, spielen ihre Rolle hinter den Kulissen – als Substrat und vielleicht als Katalysatoren kreativer Prozesse.

Computerspiele – in Stichworten:

Reduzierte frontoorbitale Hirnrindenareale exzessiver ‚Gamer‘, SMS-Daumen samt bizarrer Über-Repräsentation im corticalen Homunculus – bei pathologischer Nutzung (‚Internet Use Disorder‘, -Addiction), Manfred Spitzers ‚Digitale Demenz‘, parasoziale Interaktionen via Flaschenhals Spielkonsole, Csikszentmihalyi-Pseudo-Flow, Versinken im Virtuellen (‚Immersion‘), losgelöst vom Realen, Identifikation mit PC-Spielfiguren und PC-Peer-‚Gruppen‘, ‚Clan‘- und ‚Gilden‘-Ranglisten-Zwänge, ‚multi-user-dungeons‘ ohne Grafik und Ton virtueller ‚Gemeinschaften‘ samt Verlust sozialer Komponenten, Suchtverhalten, Kontrollverlust, Entzugserscheinungen (Depressionen, Dysphorien), Denk- und Verhaltens-‚Einengungen‘, Selbstwahrnehmungs-, Selbstkontrolle-, Selbstwert-Inkonsistenz, soziale Phobien, Leistungseinbrüche, Gesundheit. siehe ICD-10-GM-2021.

http://www.afrl.de/wp-content/uploads/2016/09/Mattauch_Bachelorarbeit_Computerspieler.pdf

Die interindividuell unterschiedlich ausgeprägten Phänomene aus obiger Liste werden ‚differenziert‘ interpretiert; niemand stellt die Notwendigkeit präventiv/prophylaktischer Maßnahmen in Frage. Computerspiel-Inhalte finden sich bereits in den Traumwelten der ‚Gamer‘, in ihren Denkwelten und in ihrer Kreativität, einer vielleicht schon etwas eingeengt – ‚mutierten‘, sowie – à la longue – in ihrer Epigenetik. 

Sprach’verhunzungen‘ (pardon), möglicherweise induzierte Gewaltbereitschaft etc. werden außen vor gelassen (Duden: „hängengelassen“ (?)). Irritierte Besucher von Museen Moderner Kunst und Theaterbesucher, welche blendenden Regie-Einfällen ausgeliefert waren -ohne Vorwarnung-, können hier leider nicht zu Wort kommen. Poeten (-(I)innen – Sprechpause – plus divers x 10n ?) wie 99.9% aller Spezies beinahe ausgestorben, scheitern mehr und mehr an ‚Updates‘ und laufend neu programmierter ’neusprech‘-Muttersprache.

Epilog: „Das Leben ist ein Traum“
(Vida es sueño, Pedro Calderón de la Barca y Barreda González de Henao Ruiz de Blasco y Riaño, 1600 -1681)

https://dietraumdeuter.de/das-traummotiv-in-der-literatur-shakespaere-und-macbeth/, https://dietraumdeuter.de/traeume-bei-den-maya/

https://germanistik.uni-wuppertal.de/fileadmin/germanistik/Teilf%C3%A4cher/Didaktik/Personal/Nickel-Bacon/Nr._7_Alltagstranszendenz.pdf

 „Wenn mein Aug‘ sich schließt, dann sieht’s am besten“  William Shakespeare, Sonnet 43

Gasteiger M (Ed) (1999) Träume in der Weltliteratur. Manesse Bibliothek der Weltliteratur

Heilig P (2018) Kreativität; https://ub.meduniwien.ac.at/blog/?p=30740

Heilig P (2021) CBS – das Charles Bonnet-Syndrom. Concept Ophthalmologie 7/2021, X 28 -29

https://www.longdom.org/proceedings/please-stop-the-music-oliver-sacks-syndrome-and-the-psychopathology-of-hearing-loss-8372.html

macular/video/dr-oliver-sacks-talksabout-charles-bonnet-syndrome

 Gender: beyond

Charles Bonnet-Syndrom (CBS): Trugwahrnehmungen (Halluzinationen), visuell oder akustisch, bei Seh- oder Hörnerv-Ausfällen

„Der Großteil der Patienten und Patientinnen mit einem Charles Bonnet Syndrom ist erleichtert zu hören, dass ihre Beschwerden eine ophthalmologische Ursache haben und somit ein bekanntes Phänomen darstellen haben, dass sie nicht psychisch krank sind, Demenz oder ähnliche neurologische Erkrankungen haben. Gleichermaßen bedeutend ist es auch, dass medizinisches Personal oder Personen in verwandten Berufsgruppen mehr Kenntnis über das Charles Bonnet Syndrom und dessen Hintergründe entwickeln und auch ihre Patienten und Patientinnen auf visuelle Halluzinationen screenen und aufklären . Zu überlegen ist auch, sehbehinderten Menschen die Möglichkeit des Auftretens von visuellen Halluzinationen mitzuteilen. Hier erweist es sich als vorteilhaft, die Patienten und Patientinnen mit konkreten Fragen zu konsultieren.“  Döller, B., Findl, O. (2017) Prävalenz des Charles Bonnet Syndroms – eine Übersicht der Literatur. Spektrum Augenheilkd. 31, 2–5                                                                                                                                       

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Katharina und Peter Heilig
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https://youtu.be/k9k_wG5lacA

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Gastautor Prof. Dr. Peter Heilig: Peripheres Sehen, pseudophakes –

Peripheres Sehen, pseudophakes –

Peter Heilig

aus 6/2021 Concept Ophthalmologie

Geradezu ein Schattendasein führt das periphere Sehen; es ist scheinbar irrelevant, bleibt oft unbeachtet. Das periphere Gesichtsfeld wird bei Skotom-Verdacht geprüft, dann aber mit realitätsfremder Stimulation. Im Straßenverkehr und beim Sport werden die peripheren Sehfunktionen samt Kognition besonders gefordert; verbesserungswürdige Kunstlicht-Inszenierungen sind in diesem Zusammenhang jedoch selten hilfreich.

Störende optische Aberrationen nach IOL-Implantation oder cornealen Laserkorrekturen bleiben in den Untersuchungsräumen meist unbemerkt; es zählt ausschließlich der postoperative Visus centralis als verwertbares Qualitäts-Kriterium. Ein „signifikanter ‚Off – Axis Astigmatismus‘ im peripheren Strahlengang pseudophaker Augen reduziert jedoch deutlich die ‚Detection Sensitivity‘.“ Defokussierte Stimuli können oft unbemerkt unterschwellig werden. Dies impliziert eine höhere Fehleranfälligkeit samt Gefährdung der Sicherheit in Situationen, bei denen es besonders auf das periphere Sehen ankommt.

Basketballer, Handballer und Eishockey-Spieler etc. ‚leben vom peripheren Sehen“. Aufmerksame Beobachter bemerken, dass die Spieler im Ballbesitz nicht selten in eine andere Richtung schauen und erst nach einer ‚Finte‘ den Ball fehlerfrei in die Hände eines Mitspielers ‚passen‘, das heißt ihm exakt zuspielen. Dabei spielte der foveale Visus offenbar eine untergeordnete Rolle. Handball-Aktionen laufen ähnlich ab. Spitzensport-Beachballerinnen und -Netzspieler im Tennisdoppel haben Gegner, Partner, Netz und Linien ‚im Blick‘ , anscheinend auch ohne foveale Fixation. Diese hat der Ball ‚gepachtet‘, wie auf Sportreporter-Schnappschüssen leicht zu erkennen ist. 

Autofahrer auf mehrspurigen Autobahnen fahren weite Strecken ohne ihre ‚Nachbarn‘ auch nur ‚eines Blickes zu würdigen‘; die peripheren Seh-Eindrücke übernehmen diese Aufgabe. Foveal werden ‚Straßenkameraden‘ fixiert, falls sie verhaltensauffällig werden – dann aber mit strafendem Blick. Fußgänger am Straßenrand in der Nacht, bei Nebel oder Dämmerung können sich dem ‚Blick entziehen‘; dies liegt dann möglicherweise an suboptimalen, schlimmstenfalls unterschwelligen peripheren retinalen Abbildungen.

Strafrechtlich zieht bei daraus resultierenden möglichen Unfällen so gut wie immer der allenfalls Unschuldige die ‚rote Karte‘. Zusätzliche Blendungen, Überstimulationen (‚Distraction Blindness‘ durch z.B.Tagfahrlichter) und verschiedene IOL-Dysphotopsien lassen sich nur schwer ausschließen, werden aber in den Unfallprotokollen weder erfasst noch berücksichtigt. Die unterschätzten Multifokal-IOL-‚Handicaps‘ (besonders bei Blendung durch grell bläulichweißes KFZ-Licht, DRL oder tiefstehende Sonne) können hier nur am Rande erwähnt werden.

Die Photorezeptoren- Dichte nimmt peripher ab, parallel dazu die perimetrisch erfassbare retinale Sensitivität. IOL-Designer bemühen sich um hohe Abbildungsqualität, aber nur in einem deutlich eingeschränkten Bereich des hinteren Pols, ignorieren dadurch relevante Funktionen der Netzhaut-Peripherie wie das Dämmerungs- und Bewegungs-Sehen. Already for angles of 10° temporal retina and 15° nasal retina (!) the operated eyes had significantly more astigmatism.“  Mittlerweile wird eifrig (?) an der Optimierung peripherer Bildqualität in pseudophaken Augen gearbeitet. Harold Ridley hatte theoretisch recht, als er seiner Ur-Linse ihre damalige Gestalt gab – von technischen Problemen abgesehen. Doch ‚Lens-Refilling‘ (“ the ultimate goal „) ist nach wie vor ein ‚ungelegtes Ei‘.

Auch geringfügige Gesichtsfeld-Einschränkungen können sich im Straßenverkehr fatal auswirken. Oben erwähnte ‚Off – Axis – Astigmatismen im peripheren Strahlengang pseudophaker Augen‘ entziehen sich der Beurteilung zuständiger Experten: „This amount of astigmatism can reduce visual field sensitivity by 2.37 dB in the periphery“.

Die Natur kann bemerkenswert einfallsreich sein, wenn es darum geht die peripheren retinalen Stimuli unter ungünstigen Bedingungen (trübes, dunkles Wasser z.B.) zu optimieren. Speziell arrangierte Müller Zellen der Kaiman-Retinaperipherie, das Tapetum sowie Stäbchen-dominierte Retinae verbessern die ‚Signal-to-Noise Ratio‘, sodass Beute selbst unter ungünstigen Bedingungen aufgespürt wird, auch wenn grenzschwellig-lichtschwache Reize ausschließlich periphere Retina-Areale stimulieren.

Die Lichtindustrie produziert trotz besseren Wissens (zu -) viele suboptimale Lichtquellen, wie bläulichweiß-blendende KFZ-Scheinwerfer, isotrope Tagfahrlichter (s. Distraction Blindness), verbesserungwürdige Sportplatz- und unphysiologische Pisten-Beleuchtungen sowie manch fehlerhafte Innenbeleuchtung-Konstruktion samt -Design mit vermeidbar-kontraproduktiven Blend-Effekten.

Die scheinbar ‚antizipatorisch‘, wie reflexartig ablaufenden Reaktionen bei extrem schnellen Sportarten und in manch heiklen Straßenverkehrs-Situationen (‚near misses‘ z.B.) lassen sich allein mit trivialer Biophysik und Biochemie als Basis gedankenschnell- visueller und kognitiver Prozesse kaum erklären. Quantenphysikalische Prozesse, weitgehend unerforscht in diesem Zusammenhang, eröffnen neue Perspektiven, optimierte retinale (IOL-) Abbildungsqualität vorausgesetzt, zentral apriori, und unverzichtbar – auch PERIPHER.

Lit.:

Togka KA et al  (2020) Peripheral image quality in pseudophakic eyes. Biomed Opt Express 11;11(4):1892-1900

Agte S et al (2018) Muller glial cells contribute to dim light vision in the spectacled caiman (Caiman crocodilus fuscus): Analysis of retinal light transmission. Exp Eye Res. 2018 Aug;173:91-108

Wolfe B et al (2017) “More than the Useful Field: Considering peripheral vision in driving,” Appl. Ergon. 65, 316–325.

Jaeken B (2013) Comparison of the optical image quality in the periphery of phakic and pseudophakic eyes Comparative Study Invest Ophthalmol Vis Sci  1;54(5):3594-9.

Tabernero J et al (2012) Peripheral refraction in pseudophakic eyes measured by infrared scanning photoretinoscopy. Journal of Cataract and Refractive Surgery 38(5):807-815

Heilig P (2015) Quantenphysik und Auge. Concept Ophthalmol. 04/2015, 38-39 (https://ub.meduniwien.ac.at/blog/?p=16917)

Heilig P (2020) Distraction Blindness: Concept Ophthalmologie 9/2020 36-37     (https://ub.meduniwien.ac.at/blog/?p=36064)

Gender: beyond

Interest.. übliche Formulierung

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https://youtu.be/k9k_wG5lacA

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