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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [72]: Siegemund, Justine: Die Königl. Preußische und Chur-Brandenb. Hof-Wehe-Mutter,…gebohrner Diettrichin, von Ronnstock aus Schlesien, im Jaurischen Fürstenthum gelegen. Berlin: 1756.

Siegemund, Justine: Die Königl. Preußische und Chur-Brandenb. Hof-Wehe-Mutter, Das ist: Ein höchst nöthiger Unterricht von schweren und unrecht-stehenden Geburthen, In einem Gespräch vorgestellet, Wie nehmlich, durch Göttlichen Beystand, eine wohlunterrichtete Wehe-Mutter mit Verstand und geschickter Hand dergleichen verhüten, oder wanns Noth ist, das Kind wenden könne; Durch vieler Jahre Uebung selbst erfahren und wahr befunden: Nun aber Gott zu Ehren und dem Menschen zu Nutz, Auf gnädigst „und inständiges Verlangen Durchlauchtigst“ und vieler hohen Standes-Personen verbessert, mit einem Anhange heilsamer Artzney-Mittel, und mit denen dißfalls erregten Controvers-Schriften vermehret, Nebst doppelter Vorrede, Kupffern und nöthigem Register zum Druck befördert von Justinen Siegemundin, gebohrner Diettrichin, von Ronnstock aus Schlesien, im Jaurischen Fürstenthum gelegen. Berlin: zu finden bey Christian Friedrich Voß 1756.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Josephinische Bibliothek, Sign.: JB6619]

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Text: Harald Albrecht, BA

Abb. 1    Titelblatt: Siegemund: Die Königl. Preußische und Chur-Brandenb. Hof-Wehe-Mutter. Berlin: 1756.

Justine Siegemund, geborene Di(e)t(t)(e)rich (*26.12.1636 Jauer/Jawor, Niederschlesien, heute: Polen, gest. 10.11.1705 Berlin) stammte aus einer bildungsbürgerlichen Familie in Rohnstock/Roztoka (Niederschlesien, heute: Polen); ihr Vater war lutherischer Geistlicher. Justines – innerhalb der Familie – erworbene Bildungsgrad war für eine bürgerliche Frau im siebzehnten Jahrhundert äußerst ungewöhnlich. Etwa zwei Jahre nach ihrer 1655 erfolgten Hochzeit mit dem Rentschreiber [Verwaltungsbeamten, Anm.] Christian Siegemund wurde sie fälschlicher Weise für Schwanger gehalten und von verschiedenen Hebammen tagelang zur Geburt gedrängt. Diese traumatische Erfahrung veranlasste sie sich intensiv mit der Geburtshilfe zu befassen. Einerseits eignete sie sich ihr Wissen autodidaktisch durch die Lektüre geburtshilflicher Bücher an, andererseits durch Austausch mit verschiedenen Wehemüttern – „Hebammentätigkeit war noch nicht professionalisiert, basierte im Wesentlichen auf traditionellen Wissen gebärender und Geburtshilfe leistender Frauen“.[1] Justine Siegemund, die durch die gehobene Stellung ihres Ehemannes nicht auf Honorare angewiesen war, konnte sich so in den folgenden zwölf Jahren beträchtliches Wissen und Erfahrung auf diesem Feld aufbauen und wurde häufiger zu schweren Geburten gerufen.

Abb. 2    Autorinnenportrait: Siegemund: Die Königl. Preußische […] Hof-Wehe-Mutter. Berlin: 1756.

1670 wurde Siegemund auf Betreiben eines Arztes zur Stadt-Wehemutter in Liegnitz/Legnice (Niederschlesien, heute: Polen) bestellt. „Etwa zwei Jahre nach ihrem Amtsantritt rettete sie der von den Ärzten erfolglos behandelten Luise von Anhalt-Dessau (1631-1680), die nach dem Tod ihres Ehemanns, Herzog Christians von Liegnitz-Brieg-Wohlau (1618-1672), die Regentschaft führte, durch die Entfernung eines Gebärmuttergewächses das Leben. Bis zum Tod der Herzogin genoss die Hebamme daraufhin Unterhalt an deren Hof, aufgrund ihrer Freistellung und ihres Rufs wurde sie nicht nur innerhalb Schlesiens, sondern auch aus Sachsen angefordert. Sie stand jedoch bis 1678 […] immer wieder auch den Liegnitzer Schwangeren und Gebärenden zur Verfügung, allerdings eben nicht mit der für Stadthebammen gewöhnlich geforderten Ausschließlichkeit.“[2] Trotz ihrer geschützten Stellung musste sich Siegemund immer wieder gegen Anfeindungen ihrer männlichen Kollegen zur Wehr setzen. Ähnlich wie später ihre Kolleginnen in Frankreich, Angélique Marguerite Le Boursier Du Coudray (1712-1794) und Elizabeth Nihell (1723-1776) in England, wurde versucht ihre Expertise zu marginalisieren. Dahinter stand ein zusehends eintretender Verdrängungsprozess zum Nachteil der Hebammen, da das lukrative Feld der Geburtshilfe immer stärker in den Fokus der männlichen Ärzte rückte. „Im September des Jahres 1680 reichte der öffentlich angestellte Liegnitzer Stadtarzt Dr Martin Kerger (1622-1691) auf dem Rathaus ein Memorial ein. Darin bezichtigte er die Hebamme Justina Siegemund gewalttätiger geburtshilflicher Praktiken. Insbesondere warf er ihr vor, Geburten aus Eigennutz zu beschleunigen, und stellte dies in Zusammenhang mit ihrem ungewöhnlich weitgespannten Aktionsradius.“[3]

1683 wurde Justine Siegemund von Kurfürst Friedrich Wilehlm von Brandenburg (1620-1688) als Chur-Brandenburgische Hof-Wehemutter an dessen Hof berufen. Laut ihrer Bestallungsurkunde sollte sie dort hauptsächlich Hofangehörige betreuen. Darüber hinaus wurde sie, was bei geschickten Hebammen zur damaligen Zeit durchaus üblich war, zur Niederkunft und Wochenpflege verschiedener Prinzessinnen und Fürstinnen, an andere, meist eng mit den Hohenhzollern verbundener Höfe, ausgeliehen. „Zum Alltag der über die deutschen Grenzen hinaus berühmten Hofhebamme gehörten nicht zuletzt der Kontakt und Austausch mit akademisch gebildeten Ärzten – und von daher wiederum die Konfrontation mit Konkurrenz und Standesdenken.“[4]

Abb. 3    Tafel 11: Siegemund: Die Königl. Preußische […] Hof-Wehe-Mutter. Berlin: 1756.

1690 veröffentlichte sie ihr Werk: „Die Chur-Brandenburgische Hoff-Wehe-Mutter […]“, nachdem sie 1689 die Billigung dazu von der Medizinischen Fakultät der Universität Frankfurt/Oder bekommen hatte, bei der das Werk davor zur Zensur vorgelegen hatte. In diesem Werk, das sich besonders den „schweren Geburten“ widmete vermittelte sie ihr Wissen in Form eines Dialoges zwischen ihr und einer ihrer Schülerinnen. Die Kupfertafeln im Buch wurden von Samuel Blesendorf (1633-1706) gezeichnet und gestochen. Darin beschreibt Justine Siegemund unter anderem das Drehen des ungeborenen Kindes in der Gebärmutter. Sie gilt als Erfinderin dieses Wendehangriffs – der „gedoppelte Handgriff der Siegemundin“ ist bis heute ein nach ihr benannter Begriff. Siegmunds Werk war ein großer Erfolg beschert. Es zählt zu den bedeutendsten im 17. Jahrhundert auf Deutsch abgefassten geburtshilflichen Werken. Bereits ein Jahr nach der Erstauflage wurde eine niederländische Auflage gedruckt. Im deutschen Sprachraum erschienen weitere Ausgaben 1708, 1715, 1723, 1724, 1741, 1752 und 1756.

Abb. 4    Blatt 186: Siegemund: Die Königl. Preußische […] Hof-Wehe-Mutter. Berlin: 1756.

Quellen:

Homepage: 500 Reformation: von Frauen gestaltet. Stand: 09.08.2018.

http://frauen-und-reformation.de/?s=bio&id=137

Siegemundin, [Sigmund(in)], Justine. In: Ärzte-Lexikon. Von der Antike bis zur Gegenwart. Mit 84 Abbildungen. Hrsg. von Wolfgang U. Eckart und Christoph Gradmann. 3. vollständig überarbeitete Auflage. Heidelberg: Springer Medizin Verlag 2006. S. 303.

Tshisuaka, Barbara I.: Siegemund[in], geb. Dittrich [Dietrich], Justina, Hebamme. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. Hrsg. von Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage Gundolf Keil und Wolfgang Wegner. Berlin und New York: Walter de Gruyter 2005. S. 1329.

Pulz, Waltraud: Gewaltsame Hilfe? Die Arbeit der Hebamme im Spiegel eines Gerichtskonflikts (1680-1685). In: Rituale der Geburt. Eine Kulturgeschichte. (= Beck’sche Reihe, 1280). Hrsg. von Jürgen Schlumbohm, Barbara Duden, Jacques Gélis und Patrice Veit. München: Beck 1998. S. 68-83 und S. 314-318.

[1] Homepage: 500 Reformation: von Frauen gestaltet. Stand: 09.08.2018. http://frauen-und-reformation.de/?s=bio&id=137

[2] Homepage: 500 Reformation: von Frauen gestaltet. Stand: 09.08.2018. http://frauen-und-reformation.de/?s=bio&id=137

[3] Pulz, Waltraud: Gewaltsame Hilfe? Die Arbeit der Hebamme im Spiegel eines Gerichtskonflikts (1680-1685). In: Rituale der Geburt. Eine Kulturgeschichte. (= Beck’sche Reihe, 1280). Hrsg. von Jürgen Schlumbohm, Barbara Duden, Jacques Gélis und Patrice Veit. München: Beck 1998. S. 69.

[4] Homepage: 500 Reformation: von Frauen gestaltet. Stand: 09.08.2018. http://frauen-und-reformation.de/?s=bio&id=137

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [70]: Nihell, Elizabeth: La Cause De L’Humanité, Référée Au Tribunal du bon sens & de la raison: Ou Traité Sur Accouchemens Par Les Femmes. 1771.

Nihell, Elizabeth: La Cause De L’Humanité, Référée Au Tribunal du bon sens & de la raison: Ou Traité Sur Accouchemens Par Les Femmes. Ouvrage très-utile aux Sages-Femmes, & très-intéressant pour les Familles. Traduit de l’Anglois. London, Paris: Chez Antoine Boudet, Imprimeur du Roi 1771.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Josephinische Bibliothek, Sign.: JB3874]

https://ubsearch.meduniwien.ac.at/

Text: Harald Albrecht, BA

Abb. 1    Elizabeth Nihell (1723-1776)

Elizabeth Nihell (1723-1776) war eine der bekanntesten und streitbarsten englischen Hebammen ihrer Zeit. Sie wurde 1723 in England geboren und stammte aus einer französisch-katholischen Familie. 1740 zog sie nach Paris wo sie den Mediziner und Apotheker Edmund (oder Edward) Nihell heiratete. Dieser kam aus einer bekannten irischen Familie, die zahlreiche Kaufleute, Mediziner, Priester und Autoren hervorgebracht hatte. Das Paar hatte zumindest ein gemeinsames Kind. 1747 begann Elizabeth Nihell ihre Ausbildung im Pariser Hôtel-Dieu, das von Louis duc d’Orléans (1703-1752) gefördert wurde. Eine ihrer Ausbildnerinnen war die berühmte französische Hebamme Angélique Marguerite Le Boursier Du Coudray (1712-1794). Während ihrer zweijährigen Zeit im Hôtel-Dieu fanden dort etwa 2.000 Geburten statt. Nihell konnte, was für die damalige Zeit sehr ungewöhnlich war – die meisten Hebammen waren nur sehr rudimentär oder gar nicht ausgebildet – in dieser Institution einen reichen Schatz an Erfahrungen sammeln.

1754 übersiedelte Elizabeth Nihell mit ihrem Mann zurück nach London, wo sie mindestens bis 1772 als Hebamme praktizierte. Schon in Paris beobachtete sie das Aufkommen immer mehr chirurgisch ausgebildeter männlicher Geburtshelfer mit großer Skepsis und Argwohn. Die Situation in England stellte sich ähnlich dar. Während die männlichen Geburtshelfer stetig zunahmen und immer höhere Preise für ihre Dienste verlangen konnten, wurden die Hebammen immer mehr zurückgedrängt und mussten sich mit immer geringeren Honoraren zufriedengeben. Nihell versuchte sich gegen diese Marginalisierung ihrer Berufsgruppe zu wehren und attackierte ihre männliche Kollegenschaft öffentlich. Nihell throws herself with great gusto into the very frontline of the battle between the two sexes over who should provide antenatal care and attend women in labour: female midwives with their inborn aptitude, empathetic approach and nature-friendly practice, or male practicioners keen to intervene to show their ‘superiority’ over women through crude attempts at early intervention and the use of forceps.“[1] Besonders die Geburtszangen, die ihre männlichen Kollegen verwendeten waren ihr ein Dorn im Auge, da sie ihrer Ansicht nach wesentlich mehr Schaden als Nutzen bringen würden. Eines ihrer Lieblingsziele ihrer öffentlichen Angriffe war William Smellie (1697-1793), einer der ersten und bekanntesten männlichen Geburtshelfer Englands. Many of her strongest attacks were dedicated at William Smellie who, through his classes for both male and female midwives, had increasing influence. She belittled his physique, alluding to his large hands, ‘the delicate fist of a great-horse-godmother of a he-midwife’.“[2]

1760 publizierte Elizabeth Nihell ihr Hauptwerk unter dem Titel: Nihell, Elizabeth: A Treatise On The Art Of Midwifery. Setting Forth Various Abuses therein, Especially as so the Practice with Instruments: The Whole Serving to put all Rational Inquirers in a fair Way of very safely forming their own Judgment upon the Question; Which it is best to employ, In Cases of Pregnancy an Lying-In, A Man-Midwife; Or A Midwife. London: Printed for A. Morley, at Gay’s-Head, near Beaufort Buildings, in the Strand 1760.

Die Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin besitzt eine französische Übersetzung dieses Buches aus dem Jahr 1771: Nihell: La Cause De L’Humanité […]. London, Paris: 1771. Nihells Werk versteht sich nicht nur als Lehrbuch für Hebammen sondern auch als Streitschrift für ihre Sache, in der sie auch für ihre Positionen eintrat.

Abb. 2    Titelblatt: Nihell: La Cause De L’Humanité […]. London, Paris: 1771.

Elizabeth Nihell konnte jedoch die Entwicklungen ihrer Zeit nicht aufhalten. Es kann angenommen werden, dass sie ca. 1771 von ihrem Mann verlassen worden war. Unter den fortschreitend erschwerten Bedingungen für Hebammen musste sie nun ohne jede finanzielle Unterstützung für sich selbst aufkommen. Ab 1775 blieb ihr nichts anderes übrig als in ein Armen-Arbeitshaus zu ziehen wo sie ein Jahr später, 1776, starb.

Quellen:

Beal, Jane: Elizabeth Nihell. A feisty English midwife (1723-1776). In: Midwifery today. (114) 2015. S. 56-57.

Bosanquet, Anna: Inspiration from the past (3). Elizabeth Nihell, the ‘anti-obstetric’ midwife. In: The practising midwife. (12/10) 2009. S. 46-48.

Nihell, Elizabeth (b. 1723). In: On the shoulders of giants: eponyms and names in obstetrics and gynaecology. Von Thomas F. Basket. London: RCOG Press 1996. S. 160-161.

Nihell, Elizabeth (1723-?). In: The history of obstetrics and gynaecology. Von Michael J. O’Dowd und Elliot E. Philipp. Carnforth/Lancashire: Parthenon Publishing Group 1994. S. 638-639.

[1] Bosanquet, Anna: Inspiration from the past (3). Elizabeth Nihell, the ‘anti-obstetric’ midwife. In: The practising midwife. (12/10) 2009. S. 46.

[2] Nihell, Elizabeth (b. 1723). In: On the shoulders of giants: eponyms and names in obstetrics and gynaecology. Von Thomas F. Basket. London: RCOG Press 1996. S. 161.

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [68]: Le Boursier Du Coudray, Angélique Marguerite: Abrégé De L’Art Des Accouchemens…Ouvrage très-utile aux jeunes Sages-femmes, & généralement à tous les Éleves en cet Art, qui desirent de s’y rendre habiles. 1785

 Le Boursier Du Coudray, Angélique Marguerite: Abrégé De L’Art Des Accouchemens, Dans lequel on donne les préceptes néceffaires pour le mettre heureusement en pratique, & auquel on a joint plusiers Observations intéressantes sur des cas singuliers: Ouvrage très-utile aux jeunes Sages-femmes, & généralement à tous les Éleves en cet Art, qui desirent de s’y rendre habiles. Sixieme Édition Avec Figures en couleurs. Paris: Chez Théophile Barrois le jeune. 1785.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Josephinische Bibliothek, Sign.: JB3904]

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Text: Harald Albrecht, BA

Abb. 1    Frontispiz mit Autorinnenportrait und Titelblatt: Le Boursier Du Coudray, Angélique Marguerite: Abrégé De L’Art Des Accouchemens […]. Paris: 1785.

Angélique Marguerite Le Boursier Du Coudray (*1712 Clermont-Ferrand, gest. 17.04.1794 Bordeaux) war eine französische Hebamme, die einen wesentlichen Anteil an der Einführung einer systematischen Ausbildung von Hebammen und Geburtshelfern hatte. Sie stammte aus einer französischen Ärztefamilie. 1740 schloss sie ihre dreijährige Ausbildung zur Hebamme, die sie bei Anne Bairsin dame Philibert Mangin genossen hatte, mit einer Prüfung an der Ecolé de Chirurgie in Paris ab.

„Mme Angélique Marguerite Le Boursier du Coudray was unique, for she was a political midwife, a public figure.“[1] Nachdem sie und ihre Mitstreiterinnen sich mithilfe einer Petition erfolgreich gegen eine Abwertung der Hebammen gegenüber Chirurgen und Geburtshelfern, die aus ihrer Sicht die weitere Ausbildung von Hebammen in Bedrängnis gebracht hätte, zur Wehr gesetzt hatten, wurde sie 1743 zur leitenden accoucheuse (Hebamme) des Hôtel-Dieu in Paris ernannt.

She has also invented a machine, an obstetrical model of a mother’s pelvis, with a foetus inside that can be extracted from every conceivable position, and upon which midwifery students can practice manoeuvres allowing them to deliver in even the most difficult circumstances.“[2]

Abb. 2    „La Machine de Madame Du Coudray“. Musée de l’Homme. Paris, Palais de Chaillot.

Diese sogenannte Machine bestand aus Stoff, Leder und Füllmaterial, formte den Torso einer gebärenden Frau und hatte auch einen Fötus in der Gebärmutter. Um den Geburtsvorgang zu demonstrieren wurde die Dehnung des Geburtskanals mit Seilen simuliert. Der Kopf der Säuglingspuppe hatte einen geöffneten Mund mit Zunge, in den zwei Finger bis zu fünf Zentimeter gesteckt werden konnten. Im Falle einer Geburt in Beckenendlage war dieses Detail wichtig, da die Hebamme, ihre Finger in den Kopf der Puppe stecken konnte und so die Passage durch den Geburtskanal erleichterte. Die Machine eignete sich hervorragend um das Raumverständnis und das Ertasten der Hebammen zu schulen. Die Machine kann heute noch in Paris im Musée de l’Homme im Palais de Chaillot besichtigt werden.

 Angélique du Coudray’s scientific contributions resulted in an overall decrease in the period’s infant mortality rate. At the suggestion of Louis XV [(1710-1774) Anm.], she began educating midwives in rural France in 1759.“[3] In den 1760er Jahren führten sie ausgedehnte Ausbildungsreisen in über 40 Gemeinden in Frankreich in denen sie Kurse für junge Hebammen abhielt. Ihr Unterricht legte auch erstmals einen Fokus auf die Versorgung von wenig lebensfähigen Neugeborenen. Diese Kleinkinder wurden meist von den Müttern getrennt und sich selbst überlassen während sich die Hebammen hauptsächlich um die Mütter kümmerten. Durch die intensivere Pflege dieser Neugeborenen mit geringeren Überlebenschancen konnte deren Mortalität ebenfalls stark gesenkt werden.

Du Coudrays, erstmals 1759 erschienenes Buch, Abrégé De L’Art Des Accouchemens […], das in der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin der Universitätsbibliothek der MedUni Wien in seiner sechsten Auflage aus dem Jahr 1785 vorliegt, beinhaltet ihre Vorlesungen in der Reihenfolge, wie sie auch ihren Unterricht aufbaute; beginnend mit den weiblichen Geschlechtsorganen und dem Prozess der Fortpflanzung. Danach geht das Buch auf angemessene pränatale Fürsorge ein bevor schließlich der Geburtsvorgang sowie schwierige Geburten, Zwillingsgeburten, Steißlagen und Totgeburten diskutiert werden. Das Werk geht auch auf eine Reihe seltener Fälle ein, die während der Geburten vorkommen können, die Du Coudray als ihre „les observations“ bezeichnete. Trotz seiner bedeutenden Beiträge zum Feld der Geburtshilfe, wurde Du Coudrays Abrégé De L’Art Des Accouchemens […] anfangs nicht sehr ernst genommen. Erst nach und nach setzte es sich durch und entwickelte sich incl. zahlreicher Neuauflagen zu einem der einflussreichsten Werke der Geburtshilfe im 18. Jahrhundert. Dem Text sind 26 kolorierte Kupfertafeln zur Anatomie und Chirurgie beigefügt.

Abb. 3    Tafel aus: Le Boursier Du Coudray, Angélique Marguerite: Abrégé De L’Art Des Accouchemens […]. Paris: 1785.

Quellen:

Hayrapetian, Artineh, Oakes, Peter u.a.: Female anatomists and their biographical sketches. In: International journal of history and philosophy of medicine. (5) 2015.

du Coudray, Angelique Marguerite 1714/5-1794. In: Women in medicine: an encyclopedia. Santa Barbara/Cal.: ABC-CLIO 2002. S. 66-67.

Gelbart, Nina: Midwife to a nation. Mme du Coudray serves France. In: The art of midwifery. Early modern midwives in Europe. Hrsg. von Hilary Marland. (= The Wellcome Institue series in the history of medicine/24). London, New York: Routledge 1994. S. 131-151.

Ritter, Gerhard: Madame Angélique Marguerite Le Boursier du Coudray. Die französische Geburtshilfe des 18. Jahrhunderts. Sonderabdruck aus: Deutsches Ärzteblatt – ärztliche Mitteilungen (62/38). Köln: Deutscher Ärzte-Verlag 1965.

[1] Gelbart, Nina: Midwife to a nation. Mme du Coudray serves France. In: The art of midwifery. Early modern midwives in Europe. Hrsg. von Hilary Marland. (= The Wellcome Institue series in the history of medicine/24). London, New York: Routledge 1994. S. 131.

[2] Gelbart, Nina: Midwife to a nation. Mme du Coudray serves France. In: The art of midwifery. Early modern midwives in Europe. Hrsg. von Hilary Marland. (= The Wellcome Institue series in the history of medicine/24). London, New York: Routledge 1994. S. 132.

[3] Hayrapetian, Artineh, Oakes, Peter u.a.: Female anatomists and their biographical sketches. In: International journal of history and philosophy of medicine. (5) 2015. S. 3.

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [52]: Fischer, Isidor: Geschichte der Gesellschaft der Ärzte in Wien 1837-1937

Fischer, Isidor: Geschichte der Gesellschaft der Ärzte in Wien 1837-1937. Mit 14 Abbildungen im Text. Wien: Verlag von Julius Springer 1938.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 9920]

https://ubsearch.meduniwien.ac.at

Text: Harald Albrecht, BA

Abb. 1    Isidor Fischer

Isidor Fischer (*20.09.1868 Wien, gest. 13.01.1943 Bristol), dessen Geburtstag sich heuer zum 150. Mal und dessen Todestag sich am 13. Jänner 2018 zum 75. Mal jährt, zählt neben Max Neuburger (1868-1955), zu den bedeutendsten österreichischen Medizinhistorikern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er wurde 1868 als Sohn des aus Triesch/Iglau in Mähren (heute: Třešt/Jihlava) stammenden Pädagogen Albert Fischer (1830-1913) in Wien geboren. Er besuchte das Rainer-Realgymnasium in Wien-Margareten und begann 1886 mit dem Studium der Medizin an der Universität Wien, das er 1892 mit seiner Promotion abschloss. Danach arbeitete er als Sekundararzt im Wiener Allgemeinen Krankenhaus und bildete sich an der I. Universitätsfrauenklinik unter Rudolf Chrobak (1843-1910) zum Facharzt für Gynäkologie aus. Fischer ließ sich anschließend als Frauenarzt nieder und war von 1896 bis 1921 Direktor eines Ambulatoriums des Frauenkrankeninstituts „Charité“ in Wien. Isidor Fischer beschäftigte sich schon früh mit der Geschichte seines Faches und publizierte 1909 ein grundlegendes historisches Übersichtswerk zur Gynäkologie:

Fischer, Isidor: Geschichte der Geburtshilfe in Wien. Leipzig und Wien: Deuticke 1909.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 1140]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8568384#

Abb. 2    Fischer: Geschichte der Gesellschaft der Ärzte in Wien 1837-1937. […] Wien: 1938. S. 109.

Auf Anregung von Max Neuburger habilitierte er sich 1914 für das Fach Geschichte und verlegte seinen Arbeitsschwerpunkt zusehends auf die Medizingeschichte und seine publizistischen Tätigkeiten. Von 1921 bis 1938 war er der Bibliothekar der Gesellschaft der Ärzte in Wien. Die historischen Bestände dieser größten außeruniversitären medizinischen Bibliothek Österreichs befinden sich heute größtenteils als Gesellschaft der Ärzte Bibliothek in der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin im Josephinum. Isidor Fischer war jahrelang Gast der Jahrestagungen der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften und der internationalen Kongresse für Medizingeschichte. Neben zahlreichen Publikationen zur Medizingeschichte gilt sein 1932/33 erschienenes zweibändiges Lexikon, das bis heute ein unverzichtbares Hilfsmittel für MedizinhistorikerInnen darstellt, als sein Hauptwerk:

Fischer, Isidor: Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte der letzten fünfzig Jahre. München: Urban & Schwarzenberg 1932-1933.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: K8643]

https://ubsearch.meduniwien.ac.at/

Bei seinem letzten in Österreich erschienenen Werk über die Geschichte der Gesellschaft der Ärzte in Wien durfte er nicht mehr als Autor in Erscheinung treten. Isidor Fischer war jüdischer Herkunft und flüchtete 1938 vor den Nationalsozialisten aus Österreich. „Als 1938 nach jahrelanger Vorarbeit seine Festschrift ,Geschichte der Gesellschaft der Ärzte in Wien 1837-1937‘ in Druck ging, durfte sein Name auf Anordnung der Nationalsozialisten schon nicht mehr auf dem Titelblatt erscheinen. Am 23. April 1938 – vier Wochen nach dem Einmarsch der Deutschen – aller seiner Ämter und Verdienstmöglichkeiten beraubt, emigrierte F[ischer, Anm.] (verheiratet seit 1899; Vater dreier Kinder) im September 1938 zusammen mit seiner Frau Marianne, geb. Baum, nach England.“[1] Isidor Fischer verstarb 1943 völlig verarmt in seinem Exil in Bristol. Siehe dazu auch die Sonderblog-Serie „Vertrieben 1938“ auf der Homepage der Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien.

Quellen:

Fischer, Isidor. In: Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte der letzten fünfzig Jahre. Bände III-IV: Nachträge und Ergänzungen. Dritter Band Aba-Kom. Hildesheim, Zürich und New York: Georg Olms Verlag 2002. S. 415-416.

Fischer, Isidor. In: Biographische Enzyklopädie deutschsprachiger Mediziner. 1 A-Q. München: K.G. Saur 2002. S.175.

Schaller, Anton und Helmut Wyklicky: 100 Jahre Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe in Österreich 1887-1987. Aus der Geschichte der Österreichischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. In: Wiener klinische Wochenschrift. (100/5) 1988. S. 121-130.

[1] Fischer, Isidor. In: Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte der letzten fünfzig Jahre. Bände III-IV: Nachträge und Ergänzungen. Dritter Band Aba-Kom. Hildesheim, Zürich und New York: Georg Olms Verlag 2002. S. 415.

Sonderblog-Serie „Vertrieben 1938“

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