Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [350]: Brunner, Max – Praktischer Arzt, Schriftsteller, Freidenker, Volksbildner, NS-Verfolgter

Brunner, Max – Praktischer Arzt, Schriftsteller, Freidenker, Volksbildner, NS-Verfolgter

Autor: Dr. Walter Mentzel

Published online: 28.11.2025

Keywords: Praktischer Arzt, Schriftsteller, Monismus, Volksbildung, Medizingeschichte, Wien, NS-Verfolgter

Maximilian (Max) Brunner wurde am 11. Juni 1871 in Wien geboren. Er war der Sohn des Pädagogen und Schriftstellers Philipp Brunner (1839-1904), Leiter einer städtischen Mädchenschule in Wien, und dessen Ehefrau Franziska (Fanny) (1846-1932), geborene Singer. Brunner entstammte einer stark bildungsbürgerlich geprägten Familie: Sein Bruder Georg Brunner wirkte als Sekundararzt am Maria Theresia-Seehof San Pelagio in Rovinj (heute: Kroatien), sein zweiter Bruder Armin war Schriftsteller und Redakteur der „Neuen Freien Presse“, während sein dritter Bruder Emil als Buchhändler tätig war. Seit 1907 war Max Brunner mit Madeleine Schreiber verheiratet.

Brunner studierte an der Universität Wien Medizin und schloss das Studium am 23. Mai 1896 mit der Promotion ab. Anschließend eröffnete er eine Privatpraxis in Wien 19, Döblinger Hauptstraße 14.[1] In den folgenden Jahren wechselte er mehrfach den Standort seiner Ordination: zunächst nach Wien 9, Alserstraße 4, dann 1900 nach Wien 16, Hasnerstraße 71, später nach Wien 5, Siebenbrunnengasse 64 und zuletzt – noch vor dem Ersten Weltkrieg nach Wien 5, in die Reinprechtsdorferstraße 29, wo er bis zu seiner Verfolgung im März 1938 praktizierte und wohnhaft war. Während des Ersten Weltkrieges fungierte er zudem im Bezirk als Polizeiarzt der Sicherheitswachabteilung 5.

Brunner als Schriftsteller, Volksbildner und Vertreter des Monismus

Max Brunner trat als Freidenker hervor und engagierte sich in freidenkerischen Organisationen der Monisten, die nach 1900 besonders unter Ärzten, Heilpraktikern, Hygienikern, Lehrern und Volksbildnern attraktiv war. Diese Organisation war 1906 in Jena von Ernst Haeckel (1834-1919) gegründet worden und erhielt 1909 mit Bildung einer Ortsgruppe in Wien einen Ableger. Im Juni 1913 konstituierte sich diese Wiener Ortsgruppe durch eine Statutenänderung zum „Monistenbund in Österreich“, dessen Geschäftsstelle sich im Anzengruber Verlag – Buchhandlung-Antiquariat-Leihbibliothek Brüder Suschitzky in Wien 10, Favoritenstraße 57 befand; einem Verlag und einer Buchhandlung mit Nähe zur Freidenker- und Friedensbewegung sowie der österreichischen Sozialdemokratie, der sich auch auf monistische Literatur spezialisierte, eine eigene Verlagslinie (Verlag für monistische Naturphilosophie) etablierte und zum Zentrum österreichischer Monisten aufstieg. Zwischen 1913 und 1920 stand der Soziologe, Sozialreformer und Sozialdemokrat Rudolf Goldscheid (1870–1931) dem Monistenbund als Präsident vor. Zu den Mitglieder zählten unter anderem die Friedensaktivistin Olga Misar (1876-1950), die sich zeitgleich in dem von Hugo Klein initiierten Österreichische Bund für Mutterschutz engagierte, der Kinderarzt Josef Karl Friedjung (1871-1946), Friedrich Jodl (1849-1914), oder Ernst Mach (1838-1916), Eugen Steinach (1861-1944), Wilhelm Fliess (1858-1928) und Magnus Hirschfeld (1868-1935). Zu den weiteren Sympathisantenkreis zählten die Vertreter des Wiener Kreises Otto Neurath (1882-1945) und Moritz Schlick (1882-1936) oder Max Adler (1873-1937) oder Julius Tandler (1869-1936).

Brunners Engagement zielte darauf, den Monismus nicht nur als philosophische Weltanschauung, sondern als gesellschafts- und bildungspolitisches Programm zu etablieren, das in der Volksbildung, der Medizin und im Bereich der Sozialreformen praktisch zur Anwendung kommen sollte.

Bereits 1911 hielt Brunner in Wien einen Vortrag über „Entwicklung, Wesen und Ziele des Monismus“ in Wien.[2] 1912 folgte im „Monistisch-belletristischen Verlag“ die gleichnamige Monografie. Ein Jahr später folgte im Anzengruber-Verlag der Brüder Suschitzky die Schrift „Darwinismus und Lamarckismus“, in der Brunner dem „ultradarwinistischen“ Prinzip des Kampfes ums Dasein das Prinzip der gegenseitigen Hilfe gegenüberstellte. Eine ausführliche Rezension durch den Biologen und ebenfalls Mitglied des Österreichischen Monistenbundes, Paul Kammerer (1880-1926), erschien im September 1913 in der Neuen Freien Presse.[3]

Brunners Vortragstätigkeit erstreckte sich über mehrere intellektuelle Milieus, die zwischen Volksaufklärung, Sozialreform und freidenkerisch-sozialdemokratischem Engagement angesiedelt waren: 1916 propagierte er seine monistische Weltanschauung in dem Aufsatz „Medizin und Weltanschauung“,[4] in dem er die Medizin als Bestandteil einer sozialen Kulturarbeit definierte und sich gegen Strömungen der Naturheilkunde und gegen Impfskepsis wandte. Im selben Jahr sprach er vor der „Sozialpädagogischen Gesellschaft“ am Anatomischen Institut der Universität Wien; der Vortrag[5] erschien 1917 in der Reihe „Flugschriften der Sozialpädagogischen Gesellschaft in Wien“ unter dem gleichnamigen Vortragstitel „Wege zum neuen Menschentum“.

Weitere Vorträge hielt er im Rahmen des Wiener sozialdemokratischen Organisationsbereiches wie der Sozialistischen Vereinigung geistiger Arbeiter“ (SOVEGA) („Menschheit Zukunft“[6]) oder des Verbandes der sozialistischen Arbeiterjugend („Naturwissenschaft und Weltanschauung“[7]). Auch feministische und freidenkerische Vereinigungen traten als Veranstalter auf, wie etwa der Neue Frauenklub („Mechanistischer oder spiritueller Monismus“[8]) sowie die Wiener Freidenkervereine „Verein der Freidenker“ und „Bereitschaft“. Im Wiener Volksbildungsverein Stöbergasse leitete er zudem 1925 einen Kurs zu „Aufbau und Lebenstätigkeit des menschlichen Körpers“.[9]

Daneben unterstützte Brunner vor dem Ersten Weltkrieg als Mitglied den „Israelitischen Wohltätigkeits-Verein für Wieden und Margareten“.[10]

Max Brunner und seine Ehefrau wurden nach dem „Anschluss“ im März 1938 wegen ihrer jüdischen Herkunft von den Nationalsozialisten verfolgt. Im Juli 1938 verlor Brunner seine Kassenzulassung als auch die Approbation des akademischen Titels – die Berufsausübung wurde ihm damit gänzlich untersagt. Seine Ehefrau Madeleine Brunner verstarb am 26. September 1941 in Wien. Brunner selbst wurde zuletzt in eine Sammelwohnung in Wien 2, Hammer-Purgstall-Gasse 3, deportiert. Dort beging er am 7. Jänner 1942 Suizid.

Quellen:

Matriken der IKG Wien, Geburtsbuch 1871, Brunner Maximilian.

UAW, Med. Fakultät, Nationalien/Studienkataloge, Sign. 134-0361, Brunner Max (Nationalien Datum: 1890/91).

UAW, Rektorat, Med. Fakultät, Rigorosen- und Promotionsprotokolle, Sign. 177-41b, Brunner Max (Rigorosum Datum: 1893).

UAW, Rektorat, Med. Fakultät, Rigorosen- und Promotionsprotokolle, Sign. 188-524, Brunner Max (Promotion Datum: 23.5.1896).

ÖStA, AdR, E-uReang, VVSt, VA, Zl. 43.155, Brunner Maximilian.

Friedhofsdatenbank der IKG Wien: Brunner Max, Madeleine.

Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Opfer-Datenbank: Brunner Max.

Literatur:

Brunner, Max: Wege zum neuen Menschentum. Vortrag, gehalten am 24. Oktober 1916 in der Sozialpädagogischen Gesellschaft in Wien. Sonderdruck aus: Flugschriften der Sozialpädagogischen Gesellschaft in Wien. Wien: Verlag von Josef Grünfeld 1917.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

 

[1] Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 30, 1896, Sp. 1355.

[2] Deutsches Volksblatt, 6.12.1911, S. 12.

[3] Neue Freie Presse, 15.9.1912, S. 13.

[4] Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 24, 1916, Sp. 909-912.

[5] Neue Freie Presse, 22.10.1916, S. 17.

[6] Arbeiter Zeitung, 11.11.1919, S. 7.

[7] Arbeiter Zeitung, 18.10.1921, S. 7.

[8] Arbeiter Zeitung, 8.10.1919, S. 7.

[9] Nationalsozialismus & Volkshochschulen. Gedenken an die Opfer. https://www.vhs.at/files/downloads/TRPDgRjj8NVqr1UO3QG4qv9mdbKLqr1OgLNvs0iU.pdf [Stand: 28.11.2025]

[10] Jahresbericht des Isr. Frauen-Wohlthätigkeits-Vereines für Wieden und Margarethen, Wien 1903, S. 9.

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Letzte Aktualisierung: 2025.11.28

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [349]: Braun von Fernwald, Egon August Gustav – Frauenarzt, Gynäkologe

Braun von Fernwald, Egon August Gustav – Frauenarzt, Gynäkologe

Autor: Dr. Walter Mentzel

Published online: 28.11.2025

Keywords: Frauenarzt, Gynäkologe, I. Geburtshilfliche Klinik, Allgemeines Krankenhaus Wien, Medizingeschichte, Wien

Egon Braun von Fernwald wurde am 18. Mai 1862 in Wien als Sohn des Gynäkologen und Dekans der Medizinischen Fakultät der Universität Wien, Karl Rudolf Braun von Fernwald (1823-1891), und seiner Ehefrau Johanna Julia Elisabeth (1831-1902), geborene Stockher, geboren. Sein Bruder war der Gynäkologe Richard Braun von Fernwald (1866-1955). Seit 1888 war er mit Gabriele (Jella) Emilie Rudolfine Edle von Vivenozt (1862-1929) verheiratet, mit der er die Kinder Gabriele (1894-1965) und Thea Braun hatte.

Braun von Fernwald studierte an der Universität Wien Medizin und engagierte sich während des Studiums – gemeinsam mit seinem Bruder, dem Medizinstudenten Lothar Braun von Fernwald (1864-1887) – im Verein und in der Vereinsleitung des Asylvereins der Wiener Universität.[1]

Nach seiner Promotion am 13. März 1886 war er als Assistent an der I. Geburtshilflichen Klinik tätig, die unter der Leitung seines Vaters Karl Rudolf Braun von Fernwald stand. 1889 publizierte er gemeinsam mit Professor Karl August Herzfeld (1861-1926) die Arbeit „Der Kaiserschnitt und seine Stellung zur künstlichen Frühgeburt, Wendung, atypische Zangenoperation, Craniotomie und zu den spontanen Geburten bei engem Becken“, 1890 folgte die Publikation „Ueber die antiseptische Excochleatio uteri bei Endometritis puerperalis“.

Egon Braun von Fernwald: Sport und Salon, 21.12.1901, S. 7.

Im Jahr 1891 habilitierte er sich zum Privatdozenten für Geburtshilfe und Gynäkologie und übernahm nach dem Tod seines Vaters noch im selben Jahr für wenige Monate interimistisch die Leitung der Klinik. Nach der Übernahme der Klinikleitung durch Professor Friedrich Schauta (1849-1919) war er bei diesem noch einige Zeit als Assistent tätig. Anschließend führte er bis zu seinem Tod eine eigene Privatpraxis in Wien 6, Mariahilferstraße 33.

1899 veröffentlichte er die Arbeit „Ein Fall von Prolapsus uteri inversi post partum[2] und 1904 die „Beiträge zur Pathologie und Therapie der Fibromyome des schwangeren Uterus“.

Egon Braun von Fernwald engagierte sich über viele Jahre als Mitglied des Unterstützungs-Vereines für Hebammen, hielt dort regelmäßig Vorträge und unterstützte die Vereinsarbeit. 1904 erhielt Braun von Fernwald den Franz-Josefs-Orden verliehen,[3] 1913 den Titel eines Medizinalrates.[4] Weiters war er um 1900 in der Deutschliberalen Partei in Wien aktiv.

Egon Braun von Fernwald verstarb am 22. August 1926 in Weidling bei Klosterneuburg.

Quellen:

UAW, Rektorat, Med. Fakultät, Rigorosen- und Promotionsprotokolle, Sign. 177-25a, Braun Ritter von Fernwald Egon (Rigorosum Datum: 1883).

UAW, Rektorat, Med. Fakultät, Rigorosen- und Promotionsprotokolle, Sign. 186-1779, Braun Ritter von Fernwald Egon (Promotion Datum: 13.3.1886).

Literatur:

Fernwald, Egon Braun von und Karl von Herzfeld: Der Kaiserschnitt und seine Stellung zur künstlichen Frühgeburt, Wendung, atypischen Zangenoperation, Craniotomie und zu den spontanen Geburten bei engem Becken. In 6 Beiträgen. Wien: Hölder 1888.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 47088]

Fernwald, Egon Braun von: Ueber die antiseptische Excochleatio uteri bei Endometritis puerperalis. Sonderdruck aus: Archiv für Gynäkologie. Leipzig: A.Th. Engelhardt 1890.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

Fernwald, Egon Braun von: Beiträge zur Pathologie und Therapie der Fibromyome des schwangeren Uterus. Sonderdruck aus: Wiener klinische Wochenschrift. Wien und Leipzig: Wilhelm Braumüller k.u.k. Hof- und Universitäts-Buchhändler 1904.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

[1] Das Vaterland, 4.2.1883, S. 5.

[2] Wiener klinische Wochenschrift, Nr. 16, 1899, S. 438-439.

[3] Hebammen-Zeitung, 30.8.1904, S. 124.

[4] Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 7, 1913, Sp. 482.

 

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [348]: Salom, Josef – Frauenarzt und Geburtshelfer, NS-Verfolgter

Salom, Josef – Frauenarzt und Geburtshelfer, NS-Verfolgter

Autor: Dr. Walter Mentzel

Published online: 20.11.2025

Keywords: Frauenarzt, Gynäkologe, Medizingeschichte, Wien, NS-Verfolgter

Josef Salom wurde am 9. September 1874 als Kind einer sephardisch-jüdischen Familie in Sarajewo in Bosnien-Hercegowina geboren. Sein Vater war Isaac Salom (1851-1933), seine Mutter Sara, geborene Levi. Salom war mit Betty Biro (1885-1942) verheiratet und hatte mit ihr zwei Kinder: Alma, verheiratete Cohen (1909-?), und Stella (1914-1943, ermordet).

Salom studierte an der Universität Wien Medizin und promovierte am 9. Mai 1901. Im Anschluss daran war er am Allgemeinen Krankenhaus in Wien tätig, wo er an der II. Frauen-Klinik bei Rudolf Chrobak (1843-1910) arbeitete. 1904 veröffentlichte er dort die Arbeit „Ueber Heißluftbehandlung einiger Krankheiten der Genitalorgane“.

Während des Ersten Weltkrieges war Salom zunächst dem Vereinsreservespital Nr. 3 in Wien zugeteilt[1] sowie zwischen 1914 und 1916 als Hilfsarzt dem Rudolfinerhaus.[2]

Seit 1911 war er Mitglied der Gesellschaft für physikalische Medizin.[3] Daneben engagierte er sich in einer der ältesten sephardischen Gemeinden der Habsburgermonarchie, in der seit 1737 in Wien bestehenden türkisch-israelitischen Gemeinde „Sephardim“ (Wien 2, Zirkusgasse 22), in deren Vereinsorganen er als Beirat fungierte.

Josef Salom führte in Wien 1, Rotenturmstraße 19, seine private Arztpraxis, unter derselben Adresse war er mit seiner Familie bis 1938 wohnhaft. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft wurde die Familie von den Nationalsozialisten verfolgt. Josef und seine Ehefrau Betty Salom wurden aus Wien in den unter der Ustascha-Herrschaft stehenden „Unabhängigen Staat Kroatien“ (NDH) deportiert: Josef Salom wurde am 23. März 1942 im Lager Jasenovac, seine Ehefrau Betty am 20. Juni 1942 in dem insbesondere für jüdische Frauen und Kinder eingerichteten Lager Djakovo ermordet.

Quellen:

UAW, Med. Fakultät, Nationalien/Studienkataloge, Sign. 134-0539, Salom Josef (Nationalien Datum: 1898/90).

UAW, Rektorat, Med. Fakultät, Rigorosen- und Promotionsprotokolle, Sign. 195-341b, Salom Josef (Rigorosum Datum: 2.5.1901).

UAW, Rektorat, Med. Fakultät, Rigorosen- und Promotionsprotokolle, Sign. 189-0756, Salom Josef (Promotion Datum: 9.5.1901).

Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Opfer-Datenbank: Salom Josef, Betty.

Literatur:

Salom, Josef: Ueber Heißluftbehandlung einiger Krankheiten der Genitalorgane. Aus der Klinik Chorbak. Sonderdruck aus: Wiener klinische Wochenschrift. Wien: Druck von Kratz, Helf & Comp. 1904.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

[1] Wiener Zeitung, 16.10.1915, S. 2.

[2] Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 23, 1932, S. 704.

[3] Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 12, 1911, Sp. 790.

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Letzte Aktualisierung: 2025.11.20

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [347]: Lichtenstern, Robert – Chirurg, Urologe, NS-Verfolgter

Lichtenstern, Robert – Chirurg, Urologe, NS-Verfolgter

Autor: Dr. Walter Mentzel

Published online: 19.11.2025

Keywords: Urologe, Chirurg, Rothschild-Spital, Krankenhaus der Wiener Kaufmannschaft, Medizingeschichte, Wien, NS-Verfolgter

Robert Lichtenstern wurde am 2. Februar 1874 in Prag als Sohn von Wilhelm Lichtenstern (1847-1918) und Wilhelmine, geborene Lichtenstern (1853-1903), geboren. Im Jahr 1909 heiratete er in Wien Vilma Kende (1885-1927), mit der er den Sohn Franz Josef Oktavian (1911-) hatte.

Im Jahr 1893 absolvierte Lichtenstern das k.k. Staats-Obergymnasium in Prag-Neustadt. Anschließend studierte er Medizin an der Deutschen Universität in Prag und wurde dort 1899 promoviert. Danach war er am Pathologischen Institut in Prag tätig. Nach seiner Übersiedlung nach Wien arbeitete er zunächst an der Gynäkologischen Abteilung im Allgemeinen Krankenhaus bei Ernst Wertheim (1864-1920) und seit 1902 als Assistent an der Urologischen Abteilung des Rothschild-Spitals bei Otto Zuckerkandl (1861-1921). Im Jahr 1911 wurde er zum urologischen Konsilarius an der Abteilung ernannt.

Lichtenstern veröffentlichte zahlreiche Arbeiten zur Nierenfunktion und Nierenchirurgie sowie zur Prostata- und Hodenchirurgie. Darunter 1905 „Die Wandlung in der funktionellen Nierendiagnostik“,[1] 1908 „Ein seltener Fall genitaler Missbildung“.[2] Vor dem Ersten Weltkrieg arbeitete er eng mit dem Leiter des chemischen Laboratoriums, Arthur Katz (1863-1917), mit dem er 1906 die Studie „Über funktionelle Nierendiagnostik und Phloridzindiabetes“, 1911 „Experimentelle Studien zur Nierenfunktion II“ und 1914 „Über eine Störung des Kohlenhydratstoffwechsels nach Laparotomie“ publizierte.

Zudem arbeitete er mit dem Physiologen und Sexualforscher Eugen Steinach (1861-1944) an dessen Konzept der Verjüngung des Menschen durch die Verpflanzung der Hoden und führte mit ihm 1918 die erste derartige Operation (Eugen Steinach-Operation) in Wien durch. Im selben Jahr publizierten beide den Aufsatz „Umstimmung der Homosexualität durch Austausch der Pubertätsdrüsen“.

Im Ersten Weltkrieg leistete er seinen Militärdienst als Landsturm-Assistenzarzt in der Chirurgischen Abteilung im Reservespital Nr. 1 in der Stifts-Kaserne in Wien[3] und zuletzt im k.k. Landwehr-Marodenhaus II in Wien, wo er 1918 die Arbeit „Einseitige Pyonephrose nach Schußverletzung der Blase“ veröffentlichte.[4] 1921 erschien von ihm der Artikel „Zur Therapie weit vorgeschrittener Fälle von Tuberkulose des Harntraktes“.[5]

Krankenhaus der Wiener Kaufmannschaft

Im Jahr 1922 wurde Lichtenstern zum Primararzt und Vorstand der Urologischen Abteilung am Krankenhaus der Wiener Kaufmannschaft berufen. Dort veröffentlichte er 1925 „Die Überpflanzung der männlichen Keimdrüsen“, 1930 „Über Dauererfolge bei Hodentransplantation[6] und 1935 die Monografie „Urologische Operationslehre“.

Er war seit 1910 Mitglied der Gesellschaft für Innere Medizin und Kinderheilkunde in Wien[7] sowie seit 1904 der Gesellschaft der Ärzte in Wien.[8]

Lichtenstern war Aufgrund seiner jüdischen Herkunft nach dem „Anschluss“ der Nationalsozialistischen Verfolgung ausgesetzt. Gemeinsam mit seinem Sohn Franz Josef floh er 1938 in die Schweiz und emigrierte im Dezember desselben Jahres über Cherbourg mit der „SS Express of Britain“ in die Vereinigten Staaten von Amerika.

Robert Lichtenstern verstarb am 3. August 1955 in Los Angeles, Kalifornien.

Quellen:

Fischer Isidor (Hg.), Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte der letzten fünfzig Jahre, Bd. 2, Berlin-Wien 1933, S. 911.

ÖStA, AdR, E-uReang, VVSt, VA, Zl. 44.963, Lichtenstern Robert.

New York, Passenger and Crew List, 1925-1958.

USA, Declaration of intention, Lichtenstern Robert.

California death certificates, Lichtenstern Robert.

Literatur:

Lichtenstern, Robert und Arthur Katz: Über funktionelle Nierendiagnostik und Phloridzindiabetes. Vortrag, gehalten auf der 77. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte in Meran. Aus der chirurgischen Abteilung (Vortstand: Prim. Privatdoz. Dr. Otto Zuckerkandl) und dem chemischen Laboratorium (Vorstand: Privatdoz. Dr. Arthur Katz) der Rothschild-Stiftung in Wien. Sonderdruck aus: Wiener medizinische Wochenschrift. Wien: Verlag von Moritz Perles, k. und k. Hofbuchhandlung 1906.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 12902]

Katz, Arthur und Robert Lichtenstern: Experimentelle Studien zur Nierenfunktion II. Sonderdruck aus: Wiener klinische Wochenschrift. Wien, Leipzig: Wilhelm Braumüller, Hof- und Universitäts-Buchhändler 1911.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

Katz, Arthur und Robert Lichtenstern: Über eine Störung des Kohlenhydratstoffwechsels nach Laparotomie. Sonderdruck aus: Biochemische Zeitschrift. Berlin: Verlag von Julius Springer 1914.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

Steinach, Eugen und Robert Lichtenstern: Umstimmung der Homosexualität durch Austausch der Pubertätsdrüsen. Sonderdruck aus: Münchener medizinische Wochenschrift. München: Verlag von J.F. Lehmann 1918.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 13717]

Lichtenstern, Robert: Urologische Operationslehre. Berlin und Wien: Urban & Schwarzenberg 1935.

[Universitätsbibliothek Medizinische Universität Wien/Magazin, Sign.: 1998-05407]

[1] Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 24, 1905, Sp. 1201-1206.

[2] Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 36, 1908, Sp. 1969-1972.

[3] Neues Wiener Tagblatt (Tages-Ausgabe), 1.10.1914, S. 2.

[4] Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 16, 1918, Sp. 694-697.

[5] Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 39/40, 1921, Sp. 1701-1705.

[6] Wiener Archiv für innere Medizin, 1931, Teil 1, S. 319-322.

[7] Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 6, 1910, Sp. 344.

[8] Wiener klinische Wochenschrift, Nr. 15, 1904, S. 427.

Normdaten (Person):  : BBL: ; GND:

VAN SWIETEN BLOG der Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien
BBL:  47085 (19.11.2025)
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Letzte Aktualisierung: 2025.11.19

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Buchausstellung der besten Wissenschaftsbücher des Jahres 2026!

In der Buchausstellung im Lesesaal werden die Wissenschaftsbücher 2026 der Longlist präsentiert.

In den Wissenschaftsbüchern  „Medizin/Biologie“ und „Junior:innen Wissensbüchern“ können Sie schmökern, diese vormerken und nach der Buchausstellung (Ende Jänner 2026) entlehnen. >>Sammlung im Bibliothekskatalog

Beteiligen Sie sich auch gerne an der Wahl zum besten Wissenschaftsbuch des Jahres 2026: https://www.wissenschaftsbuch.at/

 
 

 

JoVE-Webinare für Lehrende und Forschende im November/Dezember 2025

***English version below***

JoVE (Journal of Visualized Experiments) als Video-Plattform-Betreiber bietet im November/Dezember 2025 folgende kostenlose Webinare für Lehrende an:

  • „Flipped Learning to Teach Cognitive Psychology“: 19.11.2025, 10 Uhr, Anmeldung
  • „Flipped Learning: Teaching Microbes, Immunity & Health Visually“: 20.11.2025, 13 Uhr, Anmeldung
  • „Video-Based Flipped Learning in Pharmacology, Anatomy & Physiology“: 20.11.2025, 13 Uhr, Anmeldung
  • „Universal Design Learning“: 4.12.2025, 15 Uhr, Anmeldung
  • „Flipped Learning for Pharmacology and Physiology Teaching“: 18.12.2025, 14 Uhr, Anmeldung

Darüber hinaus wird folgendes Webinar für Forschende am 20.11.2025 um 15 Uhr angeboten: „The 3Rs in Action: Reducing Reliance on Animals“, Anmeldung.

In November/December 2025, JoVE (Journal of Visualized Experiments) as on-demand video platform host will offer the following free webinars for teaching staff:

  • „Flipped Learning to Teach Cognitive Psychology“: 19 November 2025, 10 am, Registration
  • „Flipped Learning: Teaching Microbes, Immunity & Health Visually“: 20 November 2025, 1pm, Registration
  • „Video-Based Flipped Learning in Pharmacology, Anatomy & Physiology“: 20 November 2025, 1pm, Registration
  • „Universal Design Learning“: 4 December 2025, 3pm, Registration
  • „Flipped Learning for Pharmacology and Physiology Teaching“: 18 December 2025, 2pm, Registration

Furthermore, the following webinar for researchers will be offered on 20 November 2025, 3pm: „The 3Rs in Action: Reducing Reliance on Animals“, Registration.

UpToDate-Webinar „Qualität entscheidet: Wie Sie die richtige KI für klinische Entscheidungen wählen“, 20.11.2025, 12 Uhr

Am 20. November 2025 veranstaltet Wolters Kluwer, der Anbieter der evidenzbasierten Plattform „UpToDate“, von 12.00-12.45 Uhr einen kostenlosen Virtuellen Roundtable zum Thema „Qualität entscheidet: Wie Sie die richtige KI für klinische Entscheidungen wählen“.

Webinar-Inhalte:
  • Warum „Qualität” als Leitprinzip gelten muss
  • Checkliste: Die entscheidenden Kriterien für die Auswahl zuverlässiger und effektiver KI-Tools
  • Die Rolle von UpToDate für den sicheren Einsatz generativer KI am Ort der Behandlung

Die Veranstaltung richtet sich an klinische Entscheidungsträger:innen.

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TOP-JOURNAL des Monats: Nature Reviews Gastroenterology & Hepatology

Nature Reviews Gastroenterology & Hepatology (Journal Impact Factor: 51.6*)[en]

Die Universitätsbibliothek stellt medizinische Top-Journals am Campus der MedUni Wien und via Remote Access  (>>Anleitung  ) zur Verfügung.

Das  TOP-JOURNAL des Monats im Van Swieten Blog ist:

Nature Reviews Gastroenterology & Hepatology

Zu den Volltexten: Jg. 9, H. 1 (2012) –

Laut den Habilitationsrichtlinien der MedUni Wien werden die ersten 20% der Zeitschriften eines bestimmten Fachgebietes in den Journal Citation Reports als Top Journals gewertet. Die zwischen 20% und 60% liegenden Zeitschriften gelten als Standard Journals.

Mit dem 2024 Journal Impact Factor 51.6 ist Nature Reviews Gastroenterology & Hepatology ein Top-Journal in der Kategorie: GASTROENTEROLOGY & HEPATOLOGY

ISSN:1759-5045
12 issues/year

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[en] The University Library offers top medical journals available on the MedUni Vienna campus and via Remote Access .

TOP JOURNAL of the month in the Van Swieten Blog is:

Nature Reviews Gastroenterology & Hepatology

To the fulltexts: Jg. 9, H. 1 (2012) –

According to the habilitation guidelines defined by MedUni Vienna, the first 20% of journals in a specific JCR category are classed as Top Journals. Journals positioned between 20% and 60% are classed as Standard Journals.

In the Impact Factor ranking with the 2024 Journal Impact Factor 51.6 is Nature Reviews Gastroenterology & Hepatology a Top Journal in the category: GASTROENTEROLOGY & HEPATOLOGY

ISSN: 1759-5045
12 issues/year

*2024 Journal Impact Factor

Habilitationsrichtlinien: https://www.meduniwien.ac.at/web/karriere/karriere-an-der-medizinischen-universitaet-wien/wissenschaftliche-karriere-an-der-meduni-wien/habilitation

habilitation guidelines:
https://www.meduniwien.ac.at/web/en/career/careers-at-the-medical-university-of-vienna/scientific-careers-at-the-meduni-vienna/venia-docendi/

Letzter Abruf: 04.11.2025

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Weiterlesen: Datenbank des Monats – Journal Citation Reports (JCR)