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Rezension: Hubert Kolling (Hrsg.): „Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in nursing history“. Band 11, Hungen: Verlag hpsmedia 2025.

Autor: Dr. Walter Mentzel

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Keywords: Rezension, Biographisches Lexikon, Pflegegeschichte, Medizingeschichte

Anfang 2025 erschien im hpsmedia-Verlag der elfte Band des renommierten und als Standardwerk anerkannten „Biographischen Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in nursing history“. Die Reihe ist vollständig im Katalog der Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien zugänglich. Der Band 11 ist dem Andenken an die 2023 verstorbene deutsche Pflegewissenschafterin und Begründerin der Akademisierung des Pflegeberufes, Ruth Schröck, gewidmet. Herausgeber und Autor ist, wie schon bei den vorherigen Bänden der Reihe, der Pflegehistoriker, Politikwissenschafter und Dozent für Politische Bildung beim deutschen Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben, Hubert Kolling.

Kolling betont in seinem Vorwort die Bedeutung der Pflege im Kontext aktueller Herausforderungen und zukünftiger Aufgaben. Er fordert eine nachhaltige Organisation sowie Professionalisierung der Pflege, die für das Funktionieren unseres Gesundheits- und Pflegesystems von essenzieller Bedeutung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist, insbesondere im Hinblick auf die demografische Entwicklung. Zudem weist er darauf hin, dass das Beschäftigungswachstum in diesem Bereich überwiegend durch ausländische Fachkräfte getragen wird. Er warnt vor den Folgen eines politischen Rechtsrucks sowie vor den Gefahren migrationsfeindlicher Haltungen, die die zukünftige Anwerbung von Fachkräften negativ beeinflussen könnten.

Der vorliegende Band präsentiert Beiträge von insgesamt zehn Autor:innen aus Deutschland, Island und Rumänien, darunter zahlreiche vom Herausgeber selbst verfassten Biografien. Diese spannen den zeitlichen Bogen von der Frühen Neuzeit bis ins 21. Jahrhundert und bieten – wie schon bei den vorliegenden Bänden – eine fundierte, den Qualitätsansprüchen einer modernen Biografie-Forschung entsprechende hohe Informationsdichte. Besonders hervorzuheben sind die teilweise aufwendig durchgeführten Archivrecherchen, die bei anderen renommierten Lexika-Projekten nur selten in vergleichbarer Qualität zu finden sind. Auf 328 Seiten werden 66 Personen vorgestellt, wodurch die Lexikon-Reihe die Dokumentation von über 1.500 biografischen Einträgen umfasst.

Die bisherige inhaltliche Konzeption wird auch in diesem Band fortgesetzt, indem der Fokus über die eng gefassten Berufsgruppen der Pflegekräfte hinaus erweitert wird, um ein vielfältiges Spektrum an Tätigkeitsfeldern darzustellen und möglichst breit jene Personen einzubeziehen, die für die Professionalisierung sowie die Weiterentwicklung des Pflegeberufes und der Pflegeeinrichtungen von Relevanz sind. Hierzu zählen unter anderem jene Personen, die in Fürsorgeeinrichtungen zunehmend spezialisierte Berufsfelder ausüben, Privatpersonen, die in Umbruchsphasen wie Krieg und Flucht aktiv wurden, Journalist:innen, Theolog:innen, Pflegewissenschaftler:innen, Personen in leitenden Funktionen von Pflege- und Gesundheitseinrichtungen, die diese gegründet und professionalisiert haben; Mediziner:innen, Politiker:innen sowie Autorinnen, die sich in diesem Bereich engagierten.

Neben den geographischen Schwerpunkten im deutschsprachigen Raum (Deutschland, Schweiz und Österreich) werden Persönlichkeiten aus aller Welt vorgestellt. Besonders eindrucksvoll sind jene Beiträge, die die Folgewirkungen der massiven Umbrüche des 20. Jahrhunderts auf die Entwicklung des Pflegeberufs sowie auf die individuellen Arbeits- und Lebensbiografien sichtbar machen.

Ein Beispiel ist die aus Japan stammende Hebamme Natsue Inoue (1898-1980). Ihre Karriere begann mit ihrer Ausbildung zur Hebamme und danach zur Krankenschwester, zunächst eng verbunden mit dem Aufstieg des japanischen Militarismus und der Expansion Japans in Asien (Sachalin). Nach einem Ausbildungsjahr am Bedford Women’s College, einer Einrichtung der University of London, im Fach Pflegewissenschaften, arbeitete sie in Japan im Bereich der Krankenschwesterausbildung am Japanese Red Cross Central Hospital und während des Zweiten Weltkrieges am Ministerium für Gesundheit und Soziales. Nach dem Krieg wurde sie zur ersten Präsidentin der Japanischen Gesellschaft für Hebammen, Krankenpfleger und Angestellte im Gesundheitswesen ernannt, setzte sich für die Integration der japanischen Pflegeorganisation in die internationalen Organisationen wie dem International Council of Nursing (ICN) ein und engagierte sich später als Politikerin für umfassende Reformen des Pflegeberufes und die Professionalisierung dessen in Japan.

Ein weiteres Beispiel für die tiefgreifenden Folgen der politischen Umbrüche der 1930er und 1940er Jahre auf individuelle Lebensläufe, ist Josefine Pöllinger aus Kärnten in Österreich. Nach ihrer Ausbildung zur Hebamme wurde sie im austrofaschistischen Regime wegen illegaler Abtreibungen verurteilt. Während des Nationalsozialismus erfolgte eine erneute Verurteilung wegen illegaler Abtreibung, schwere Kerkerstrafen und ihre Verschleppung ins KZ Ravensbrück. Sie überlebte das Konzentrationslager, doch ihre Spuren verloren sich nach ihrer Rückkehr nach Wolfsberg in Kärnten im Jahr 1945.

Die einzelnen Biografien enthalten hervorgehobene Querverweise, die eine einfache Navigation innerhalb der Lexikonreihe ermöglichen und die inhaltliche Orientierung erleichtern. Ein umfassendes Verzeichnis aller bisher in den Bänden 1 bis 11 behandelten Personen bietet einen guten Überblick. Insgesamt lässt sich das Lexikon sowohl als Nachschlagewerk als auch als Lesebuch benutzen, und leistet neben einen eminent wichtigen Beitrag zur historischen Aufarbeitung und Geschichte des Pflegeberufes und seiner gesellschaftlichen Einbettung, ein hohes Reflexionsniveau hinsichtlich der daraus zu ziehenden Lehren für gegenwärtige und zukünftige Entwicklungen.

Nicht zuletzt ist hervorzuheben, dass die von Hubert Kolling herausgegebene Reihe von ihm vollständig privat und ohne jegliche institutionelle Unterstützung sowie finanzielle Zuwendungen betrieben wird. Sowohl ihm als auch allen, die an seinem Projekt interessiert sind und davon profitieren, wäre es wünschenswert, dass sich Möglichkeiten eröffnen, um eine langfristige und respektvolle Absicherung zu schaffen.

Vertrieben 1938 – Biographien entlassener Professor:innen und Dozent:innen der Medizinischen Fakultät der Universität Wien

VERTRIEBEN 1938 – Biographien entlassener Professor:innen und Dozent:innen der Medizinischen Fakultät der Universität Wien

Anlässlich des Gedenkjahres 2008, siebzig Jahre nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland im März 1938, initiierte der damaligen Leiter der Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien, Mag. Bruno Bauer, die Sonder-Blogserie „Vertrieben 1938 – Biographien entlassener Professoren und Dozenten der Medizinischen Fakultät der Universität Wien“. In der Folge wurden im Van Swieten-Blog 176 Beiträge zu den von der Medizinischen Fakultät der Universität Wien vertriebenen Professor:innen und Dozent:innen veröffentlicht, die infolge der nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen ihre Stellung an der damaligen Medizinischen Fakultät der Universität Wien verloren hatten.

Das Projekt korrespondierte mit den Gedenkveranstaltungen der Medizinischen Universität Wien im Jahr 2008. Einen sichtbaren und nachhaltigen Ausdruck fanden diese im „Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus“, das in Form eines Buches die Namen der vertriebenen Professor:innen und Dozent:innen der Medizinischen Fakultät bewahrt und zugleich als „Mahnung für kommende Zeiten“ dient.

Mit dem Relaunch des Sonder-Blogs wird nunmehr der ursprüngliche Ansatz wesentlich erweitert. Während sich die Blogserie 2008 auf das habilitierte Lehrpersonal konzentrierte, werden nun auch jene wissenschaftlichen Mitarbeiter:innen und Assistent:innen berücksichtigt, die infolge der nationalsozialistischen Machtübernahme aus dem Universitätsbetrieb ausgeschlossen wurden. Darüber hinaus werden Biografien von Mediziner:innen aufgenommen, die aus dem öffentlichen Gesundheitswesen, den Krankenanstalten, der Gesundheitsverwaltung, privaten Gesundheitseinrichtungen sowie aus der niedergelassenen ärztlichen Praxis verdrängt wurden – etwa durch den Entzug ihrer Berufsausübungsberechtigung, ihrer Kassenzulassung oder durch den Entzug der Approbation des akademischen Titels.

Die bisherigen Beiträge aus 2008 werden auf Grundlage neuer Forschungsergebnisse überarbeitet, ergänzt und mit den seit 2016 im Bio-Bibliografischen Lexikon (BBL) erarbeiteten Forschungsergebnissen zusammengeführt. Dadurch können zahlreiche biografische Angaben präzisiert, bislang unbekannte Lebensstationen ergänzt und der ursprünglich berücksichtigte Personenkreis um wissenschaftliche Mitarbeiter:innen, Assistent:innen sowie andere von den nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen betroffene Mediziner:innen erweitert werden. Das Bio-Bibliografischen Lexikon (BBL) dokumentiert damit neben den Biografien auch die wissenschaftlichen Publikationen jener Mediziner:innen, deren akademische und berufliche Laufbahn durch die nationalsozialistische Verfolgung im Jahr 1938 jäh unterbrochen oder endgültig beendet wurde. Damit soll nicht nur an die betroffenen Personen erinnert, sondern auch ihr wissenschaftliches Werk wieder sichtbar gemacht werden.

[Infos zum BBL]

Walter Mentzel

Bisher in der Serie „Vertrieben 1938“ erschienene Biographien entlassener Professor:innen und Dozent´:innen der Medizinischen Fakultät der Universität Wien:

Weitere Beiträge mit Informationen über die Sonder-Blogserie „Vertrieben 1938“:

Projekt „Vertrieben 1938 – Biographien entlassener Professor:innen und Dozent:innen der Medizinischen Fakultät der Universität Wien“ im Van Swieten Blog: Informationen der Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien. – Projektteam: Mag. Bruno Bauer (Konzept), Harald Albrecht, Judith Dögl, Rudolf Gerdenits, MMag. Margrit Hartl, Dr. Brigitte Kranz, Mag. Ingeborg Leitner, Dr. Ruth Lotter, Dr. Walter Mentzel, Dr. Reinhard Mundschütz, Mag. Michaela Zykan.

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Bitte zitieren als
VAN SWIETEN BLOG: Informationen der Universitätsbibliothek der Med Uni Wien,
Nr. 772 [3. März 2008]. – Letzte Aktualisierung: 2026-07-07
Online unter der URL: https://ub-blog.meduniwien.ac.at/blog/?p=772