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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [366]: Schlesinger, Hermann – Internist, Neurologe im Franz Josefs-Ambulatorium, Franz-Josefs-Spital und Allgemeinen Krankenhaus in Wien

Schlesinger, Hermann – Internist, Neurologe im Franz Josefs-Ambulatorium, Franz-Josefs-Spital und Allgemeinen Krankenhaus in Wien

Autor: Dr. Walter Mentzel

Published online: 09.04,2026

Keywords: Internist, Neurologe, Franz Josefs-Ambulatorium, Franz-Josefs-Spital, Allgemeines Krankenhaus Wien, Medizingeschichte, Wien

Hermann Schlesinger wurde am 2. Juni 1866 als Sohn von Max Jakob Marcus Schlesinger (1835-1919) und Katharina (zirka 1841-1907), geborene Weiss, in Pressburg in Ungarn (heute: Bratislava/Slowakei) geboren. 1899 heiratete er Bertha Angeline Pollack von Parnau (1877-1958). Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor: Eva Helene (1900-1930), verheiratete Pollak, Friedrich (1904-1971) und Andrea (?).

Schlesinger absolvierte 1884 das k.k. Maximiliangymnasium[1] in Wien (9. Bezirk) und begann anschließend das Studium der Medizin an der Universität Wien, das er am 25. Jänner 1890 mit der Promotion abschloss. Nach Ableistung seines Militärdienstes wurde er im April 1890 zum militärärztlichen Eleven der Reserve beim Garnisonsspital Nr. 2 in Wien ernannt.[2] Danach führte er eine ärztliche Praxis in Wien 9, Alserstraße 4, und später in Wien 1, Ebendorferstraße 10.

Seine Ausbildung begann Schlesinger in weiterer Folge als Aspirant an der I. Psychiatrischen Klinik im Allgemeinen Krankenhaus in Wien bei Theodor Meynert (1833-1892). Noch im selben Jahr wechselte er als Assistent zu Hermann Nothnagel (1841-1905) an die I. Medizinische Klinik und wurde 1892 Sekundararzt bei Leopold Schrötter (1837-1908) an der III. Medizinischen Klinik. Zu seinen weiteren Lehrern zählten der Ophthalmologe Ernst Fuchs (1851-1930), der Dermatologe Moritz Kaposi (1837-1902) und Heinrich Obersteiner jun. am Neurologischen Institut, der maßgeblich sein Interesse an der Neurologie prägte.

Bereits früh trat Schlesinger mit zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten hervor. 1891 veröffentlichte er die Studie „Ueber einoge Symptome der Tetanie“, gefolgt von der 1892 herausgegebenen Arbeit an der dermatologischen Klinik „Beiträge zu den Sensibilitäts-Anomalien bei Lupus“. Am Ersten Öffentlichen Kinder-Krankeninstitut publizierte er gemeinsam mit August Hock (1865-1932) die Untersuchung „Blutuntersuchungen bei Kindern“. Einen weiteren Schwerpunkt bildeten neurologische Erkrankungen des Rückenmarkes, insbesondere Syringomyelie, zu der er mehrere Studien vorlegte, die erstmals 1892 in der Monografie „Die Syringomyelie“ zusammengefasst wurden; eine zweite, erweiterte Auflage erschien 1902 unter denselben Titel. Mit dem „Aerztlichen Handbüchlein für hygienisch-diätetische, hydrotherapeutische, mechanische und andere Verordnungen“ veröffentlichte Schlesinger 1894 ein praxisorientiertes Werk, das bis in die 1920er Jahre wiederholt neu aufgelegt wurde und 1921 seine 12. Auflage erreichte.

Ab 1894 war Schlesinger als Assistent an der III. medizinischen Klinik tätig, wo er sich im Fach innere Medizin habilitierte und im Dezember 1895 als Privatdozent bestätigt wurde.[3] Im November 1902 wurde ihm als Privatdozent die Titularprofessur verliehen;[4] 1920 erfolgte seine Ernennung zum a.o. Professor an der Universität Wien.[5]

Franz Josefs-Ambulatorium und Franz-Josefs-Spital

Seit 1899 war er zunächst am Franz-Josefs-Ambulatorium (Mariahilfer Ambulatorium) tätig. In der Folge wirkte er als Primarius und wurde 1901 zum Vorstand der II., ab 1905 der III. Medizinischen Abteilung Franz-Josefs-Spitals bestellt. In diesem Umfeld entstanden mehrere klinische Arbeiten darunter „Hydrops hypostrophos – Ein Beitrag zur Lehre der acuten angioneurotischen Oedeme“, „Über Meningitis cerebrospinalis epidemica im höheren Lebensalter“, „Die Spitalsbehandlung der Lungentuberkulose“ sowie „Magenblutungen im Verlaufe des Typhus abdominalis“.

III. Medizinische Abteilung im Allgemeinen Krankenhaus Wien

Im Jahr 1908 kehrte er an das Allgemeine Krankenhaus zurück, wo er als Nachfolger von Professor Norbert Ortner (1865-1935) die Leitung der III. medizinischen Abteilung übernahm.[6]

Während des Ersten Weltkrieges veröffentlichte Schlesinger eine Reihe von Arbeiten, darunter „Über Sensibilitätsstörungen von spino-segmentalem Typus bei Hirnrindenläsionen nach Schädelschußverletzungen“, „Der klinische Verlauf der Tuberkulose bei Soldaten“ die zweibändige Monografie „Die Krankheiten des höheren Lebensalters“. „Erkrankungen des Nervensystems durch Nährschaden und Hunger“. Für seine Verdienste wurde ihm 1916 das Offiziersehrenzeichen vom Roten Kreuz mit der Kriegsdekoration verliehen.[7]

Während und nach dem Krieg widmete sich Schlesinger verstärkt der Tuberkulosebekämpfung. Seit 1919 gehörte gemeinsam mit Ludwig Teleky (1872-1957), Alfred Götzl (1873-1946), Franz Vollbracht (1870-1932) und Sigmund Tennenbaum (1857-1923) dem Vollzugsausschuss für Tuberkulosefürsorge an.[8]

Mitte der 1920er Jahre veröffentlichte er eine dreibändige Monografie unter dem Titel „Syphilis und innere Medizin“. Seine umfangreiche wissenschaftliche Produktion – sie umfasst mehr als 400 Publikationen – wird heute in der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin aufbewahrt. Nach seinem Tod ging zudem seine private Bibliothek als Nachlass an die Gesellschaft der Ärzte in Wien über.

Darüber hinaus war Schlesinger als Vortragender in Fortbildungskursen für praktische Ärzte sowie für die Krankenpflege sowohl am Franz Josefs-Spital als auch am Allgemeinen Krankenhaus engagiert. Er fungierte als Mitherausgabe des „Zentralblattes für die Grenzgebiete zwischen innerer Medizin und Chirurgie“ sowie des „Wiener Archivs für innere Medizin“ und war zudem als Bibliothekar des Ärztlichen Lesezimmers im Allgemeinen Krankenhaus in Wien tätig.[9]

Schlesinger trat auch als Initiator und Begleiter im Bereich des Krankenhausausbaues hervor. So war er am Ausbau des Franz-Josefs-Ambulatoriums, am 1906 erfolgten Bau des Kinderpavillons im Franz-Josefs-Spital sowie am Spital der Wiener Kaufmannschaft beteiligt. Während des Ersten Weltkrieges wirkte er maßgeblich an der Errichtung einer Heilanstalt für tuberkuloseerkrankte Soldaten im Anschluss an das Sanatorium in Pernitz im Wienerwald mit,[10] die im Juni 1916 eröffnet wurde.[11]

Seit 1890 war Schlesinger Mitglied der Gesellschaft der Ärzte in Wien. Darüber hinaus gehörte er der Gesellschaft für innere Medizin in Wien, dem Verein für Psychiatrie und Neurologie in Wien, der Gesellschaft für Neurologie in Moskau sowie der Gesellschaft deutscher Nervenärzte an. Er war korrespondierendes Mitglied der Societé de Neurologie de Paris und Ehrenmitglied der Gesellschaft der Ärzte in Athen. Zudem war er als Mitglied im Verein „Viribus unitis“ Hilfsverein für Lungenkranke aktiv.[12]

Gemeinsam mit Max Herz (1865-1956) war er 1892 Mitbegründer und Präsident des Wiener Medizinischen Clubs, aus dieser Vereinigung ging später die Gesellschaft für innere Medizin und Kinderheilkunde hervor. Schlesinger war Träger des Ottomanischen Mecidiye-Ordens;[13] 1919 wurde ihm der Titel eines Hofrates verliehen.

Neben seiner ärztlichen Tätigkeit publizierte Schlesinger regelmäßig in Tageszeitungen und äußerte sich dort zu medizinischen und gesundheitspolitischen Fragen. Darüber hinaus war Mitglied der Künstler- und Gesellschaftsvereinigung Schlaraffia.

Hermann Schlesinger verstarb am 29. März 1934 in Wien.

Schlesinger Hermann: Die Stunde, 31.3.1934, S. 3.

Nach seinem Tod erschien 1936 sein von Fritz Redlich (1910-2004) überarbeitetes Manuskript „Nährschäden des Nervensystems“.

Quellen:

Matriken der IKG Wien, Geburtsbuch 1866, Schlesinger Hermann.

Matriken der IKG Wien, Trauungsbuch 1899, Schlesinger Hermann, Pollak Bertha.

UAW, Med. Fakultät, Nationalien/Studienkataloge, Sign. 134-0318, Schlesinger Hermann (Nationalien Datum: 1886/87).

UAW, Rektorat, Med. Fakultät, Rigorosen- und Promotionsprotokolle, Sign. 177-370b, Schlesinger Hermann (Rigorosum Datum: 1887).

UAW, Rektorat, Med. Fakultät, Rigorosen- und Promotionsprotokolle, Sign. 186-2762, Schlesinger Hermann (Promotion Datum: 25.1.1890).

Literatur:

Schlesinger, Hermann: Ueber einoge Symptome der Tetanie. Aus der medicinischen Klinik des Herrn Hofrath Prof. Nothnagel in Wien. Sonderdruck aus: Zeitschrift für klinische Medizin. Berlin: Gedruckt bei L. Schumacher 1891.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

Schlesinger, Hermann: Beiträge zu den Sensibilitäts-Anomalien bei Lupus. Aus der dermatologischen Klinik des Herrn Prof. Kaposi in Wien. Sonderdruck aus: Deutsche Zeitschrift für Nervenheilkunde. Leipzig: Verlag von F.C.W. Vogel 1892.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

Hock, August und Hermann Schlesinger: Blutuntersuchungen bei Kindern (vorläufige Mittheilung). Aus dem I. öffentlichen Kinderkrankeninstitut in Wien (Direktor: Prof. Kassowitz). Sonderdruck aus: Centralblatt für klinische Medicin. Leipzig: Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel 1891.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

Schlesinger, Hermann. Die Syringomyelie. Eine Monographie. Leipzig: Deuticke 1895.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 11080]

Schlesinger, Hermann: Die Syringomyelie. Eine Monographie. 2. vollst. umgearb. u. bedeut. verm. Aufl. Leipzig, Wien: Deuticke 1902.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 3027]

Schlesinger, Hermann: Aerztliches Handbüchlein für hygienisch-diätetische, hydrotherapeutische, mechanische und andere Verordnungen. Eine Ergänzung zu den Arzneivorschriften; für den Schreibtisch des praktischen Arztes. 5. Aufl. Frankfurt a.M.: Alt 1894.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Gesellschaft der Ärzte Bibliothek, Sign.: GÄ-20155]

Schlesinger, Hermann: Hydrops hypostrophos – Ein Beitrag zur Lehre der acuten angioneurotischen Oedeme. Aus dem Kaiser Franz Joseph-Ambulatorium in Wien. Sonderdruck aus: Münchener medicinische Wochenschrift. München: E. Mühlthaler’s kgl. Hof-Buchdruckerei 1899.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

Schlesinger, Hermann: Über Meningitis cerebrospinalis epidemica im höheren Lebensalter. Aus dem k.k. Kaiser Franz Joseph-Spitale in Wien. Sonderdruck aus: Wiener medizinische Wochenschrift. Wien: Verlag von Moritz Perles, k. und k. Hofbuchhandlung 1908.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

Schlesinger, Hermann: Die Spitalsbehandlung der Lungentuberkulose. Aus der II. medizinischen Abteilung des k. k. Kaiser Franz Joseph-Spitales in Wien (Vorstand Prof. H. Schlesinger). Sonderdruck aus: Wiener medizinische Wochenschrift. Wien: Verlag von Moritz Perles k.u.k. Hofbuchhandlung 1904.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

Schlesinger, Hermann: Magenblutungen im Verlaufe des Typhus abdominalis. Aus dem k.k. Kaiser Franz Josef-Spitale in Wien. Sonderdruck aus: Archiv für Verdauungskrankheiten mit Einschluss der Stoffwechselpathologie und der Diätetik. Berlin. Verlag von S. Karger 1908.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

Schlesinger, Hermann: Über Sensibilitätsstörungen von spino-segmentalem Typus bei Hirnrindenläsionen nach Schädelschußverletzungen. Aus der III. medizinischen Abteilung des Prof. Dr. H. Schlesinger im k. k. Allgemeinen Krankenhause in Wien. Sonderdruck aus: Wiener medizinische Wochenschrift. Wien: Verlag von Moritz Perles k.u.k. Hofbuchhandlung 1915.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

Schlesinger, Hermann: Der klinische Verlauf der Tuberkulose bei Soldaten. Sonderdruck aus: Wiener medizinische Wochenschrift. Wien: Gesellschafts-Buchdruckerei Brüder Hollinek 1917.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

Schlesinger, Hermann: Die Krankheiten des höheren Lebensalters. Bande 1 und 2. Wien: Hölder 1914-1915.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Gesellschaft der Ärzte Bibliothek, Sign.: GÄ-18062]

Schlesinger, Hermann: Erkrankungen des Nervensystems durch Nährschaden und Hunger. Aus dem neurologischen Institut (Vorstand: Prof. O. Marburg) und der III. medizinischen Abteilung des allgemeinen Krankenhauses in Wien. Sonderdruck aus: Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie. Leipzig: Druck der Spamerschen Buchdruckerei 1920.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

Schlesinger, Hermann: Syphilis und innere Medizin. Band 1 bis 3. Wien: Springer 1925-1928.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Gesellschaft der Ärzte Bibliothek, Sign.: GÄ-21339]

Schlesinger, Hermann: Nährschäden des Nervensystems. Das Manuskript von Professor Hermann Schlesinger ist nach seinem Tode von Dr. Fritz Redlich in Wien überarbeitet worden. Sonderdruck aus: Handbuch der Neurologie. Berlin: Verlag von Julius Springer 1936.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

[1] Jahresbericht des k.k. Maximilian-Gymnasiums in Wien, Wien 1884, S. 38.

[2] Wiener Zeitung, 1.4.1890, S. 3.

[3] Neue Freie Presse, 20.12.1895 (Abend-Ausgabe), S. 1.

[4] Wiener Zeitung, 25.11.1902, S. 1.

[5] Medizinische Klinik, 29.1.1920, S. 4.

[6] Die Zeit, 5.5.1908, S. 3.

[7] Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 22, 1916, Sp. 851.

[8] Arbeiter Zeitung, 10.12.1909, S. 5.

[9] Neue Freie Presse, 3.8.1894, S.

[10] Neue Freie Presse, 23.3.1916, S. 10.

[11] Neues Wiener Tagblatt (Tages-Ausgabe), 11.6.1916, S. 19.

[12] Neuigkeits-Welt-Blatt (Provinzausgabe), 5.6.1916, S. 11.

[13] Allgemeine Wiener medizinische Zeitung, 14.7.1914, S. 286.

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Letzte Aktualisierung: 2026.04.09

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [32]: Krafft-Ebing, Richard von: Psychopathia sexualis. Eine klinisch-forensische Studie. Stuttgart: Verlag von Ferdinand Enke 1886.

Krafft-Ebing, Richard von: Psychopathia sexualis. Eine klinisch-forensische Studie. Stuttgart: Verlag von Ferdinand Enke 1886.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/NeuburgerBibliothek, Sign.: 48615]

http://search.obvsg.at/


Abb. 1    Richard von Krafft-Ebing

Richard von Krafft-Ebing (*14.08.1840 Mannheim, gest. 22.12.1902 Graz) war ein Psychiater, Neurologe und Rechtsmediziner. Er entstammte einer Beamtenfamilie aus dem Breisgau und studierte Medizin in Heidelberg, wo er 1863 sein Staatsexamen ablegte. Krafft-Ebing interessierte sich für Psychiatrie und kam unmittelbar nach seinem Studium mit den beiden damals vorherrschenden Richtungen des Faches in Berührung: zuerst mit der hirnanatomisch bestimmten Universitätspsychiatrie bei Wilhelm Griesinger (1817-1868), dessen Vorlesungen er in Zürich hörte; danach mit der deutschen Anstaltspsychiatrie, die er bei Christian Roller (1802-1878) in der Irrenanstalt Illenau kennenlernte. Seit dieser Zeit verband ihn auch eine lebenslange Freundschaft mit seinem Kollegen und späteren Leiter dieser Anstalt Heinrich Schüle (1840-1916). Von 1868 bis zum Beginn des Deutsch-Französischen Krieges (1870/71) – in dem er erst als Feldarzt, später als Lazarettarzt in einem Badischen Regiment diente – ließ er sich in Baden-Baden als privater Nervenarzt nieder.

1872 arbeitete Krafft-Ebing für ein Jahr an die Universität Straßburg, danach ging er an die Universität Graz, wo ihm – verbunden mit der Leitung der neu eingerichteten Landesirrenanstalt Feldhof – der Lehrstuhl für Psychiatrie übertragen wurde. 1880 wurde er hier zum Ordinarius ernannt und konnte die Leitung der Anstalt abgeben. Aus dieser Zeit stammen auch seine beiden bekannten Lehrbücher, die beide mehrmals aufgelegt, zu Standardwerken wurden und seine internationale Berühmtheit begründeten: Lehrbuch der gerichtlichen Pathologie (1875) und Lehrbuch der Psychiatrie (1879). „Die Psychiatrie im damaligen Zustand war für Krafft-Ebing eine beschreibende, nicht erklärende Wissenschaft und er verwies damit die anatomischen und physiologischen Herrschaftsansprüche in der Psychiatrie in die Grenzen. Die Klinik stand bei ihm im Zentrum, wenn auch unter dem Leitsatz: ,Das Irresein ist eine Hirnkrankheit‘. Aus diesem Geist heraus schuf er 1867 den Begriff ,Zwangsvorstellung‘ und führte 1870 den Begriff ,Dämmerzustand‘ in die Psychiatrie ein.“[1] 1886 erschien schließlich sein bis heute bekanntestes Werk: Psychopathia sexualis. Es wurde – auch noch nach seinem Tod – immer wieder erweitert und überarbeitet und bis 1924 insgesamt 17 Mal aufgelegt. Durch seine strenge empirische Methode bildete er damit für die nachkommende Forschergeneration der Sexualwissenschaftler um Magnus Hirschfeld (1868-1935) den Ausgangspunkt für ihre eigenen Forschungen und „nach [Julius] Wagner-Jauregg schuf er damit ‚mit wunderbarem Scharfsinne Ordnung‘“.[2] Er wurde mit diesem Werk zum Begründer der Sexualpathologie. Heute bekannte Begriffe wie Sadismus, Masochismus, Fetischismus gehen auf ihn zurück.


Abb. 2    Titelblatt: Krafft-Ebing: Psychopathia sexualis. Stuttgart: 1886.

Richard von Krafft-Ebings Arbeiten hatten eine nicht unproblematische Bedeutung für die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem damals kaum erforschten Feld der Homosexualität, auf das er durch die Schriften von Karl Heinrich Ulrichs (1825-1895) gestoßen wurde. Homosexualität galt im 19. Jahrhundert in weiten Kreisen der Gesellschaft als ein Ausdruck einer unmoralischen Geisteshaltung und Lebensweise als Folge von sexueller Übersättigung, Verführung und/oder degenerierter Erbanalagen und wurde aus diesem Grund in weiten Teilen Europas auch strafrechtlich verfolgt (in Österreich bis 1971). Als bekannter Gerichtsarzt stellte Krafft-Ebing Homosexuelle als „erblich belastete Perverse“ dar, die für ihre angeborene Umkehrung des Sexualtriebes nicht verantwortlich sind, folglich auch nicht strafrechtlich zu verfolgen seien. In seiner Psychopathia sexualis definierte er Homosexualität als angeborene neuropsychopathische Störung – also als eine erbliche Nervenkrankheit. Diese Diagnose erlaubte es ihm, sich für eine vollkommene Straffreiheit der Homosexualität auszusprechen, zumal sie auch nicht ansteckend sei. Damit führte Krafft-Ebing die Pathologisierung der Homosexualität in die medizinische Wissenschaft ein, die bis weit in das 20. Jahrhundert hinein weitreichende Folgen zeitigte. Sie bildete die Grundlage für grausamste Zwangsmaßnahmen – bis hin zu Zwangssterilisationen (die bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts durchgeführt wurden) – und führte zur zwangsweisen Psychiatrierung vieler Schwuler und Lesben.

1889 kam Richard von Krafft-Ebing als Nachfolger von Maximilian Leidesdorf (1816-1889) nach Wien an die I. Psychiatrische Klinik. 1892 trat er die Nachfolge von Theodor Meynert (1833-1892) als Professor der II. Psychiatrischen Klinik in Wien an, der er bis zu seiner Pensionierung 1902 vorstand. Richard von Krafft-Ebing starb nur wenige Monate nach seiner Pensionierung, nachdem er sich wieder nach Graz zurückgezogen hatte, am 22.12.1902.

Quellen:

Ammerer, Heinrich: Am Anfang war die Perversion. Richard von Krafft-Ebing, Psychiater und Pionier der modernen Sexualkunde. Wien, Graz und Klagenfurt: Verl.-Gruppe Styria 2011.

Sablik, Karl: Richard von Krafft-Ebing (1840-1902). In: Arzt, Presse, Medizin. (33) 1978. S. 3-5.

Wagner-Jauregg, Julius: Richard v. Krafft-Ebing. In: Wiener medizinische Wochenschrift. (58/42) 1908. Sp. 2305-2311.

[1] Sablik, Karl: Richard von Krafft-Ebing (1840-1902). In: Arzt, Presse, Medizin. (33) 1978. S. 4.

[2] Sablik, Karl: Richard von Krafft-Ebing (1840-1902). In: Arzt, Presse, Medizin. (33) 1978. S. 5.

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Newsletter e-Books: deutschsprachige Titel zur Neurologie Teil 2

Als dritten und aktuell letzten Teil unserer Literatur zu Neurologie präsentieren wir Ihnen nun den weitere deutschsprachige e-Books.

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Newsletter e-Books: deutschsprachige Titel zur Neurologie Teil 1

Im März stellten wir Ihnen die englischsprachigen Titel zur Neurologie vor.
Wir setzen diese Serie nun fort mit dem ersten Teil der deutschsprachigen e-Books zur Neurologie.

Basiswissen Neurologie
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Duale Reihe Neurologie
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Klinische Neurologie
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Fallbuch Neurologie
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Funktionelle MRT in Psychiatrie und Neurologie
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Kurzlehrbuch Neurologie
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Van Swieten Blog als Quelle für neue Publikation über „Die Neurologie in Wien von 1870 bis 2010“

Gestern wurde im Van Swieten Blog die neue Publikation Die Neurologie in Wien von 1870 bis 2010. Von Gernot Schnaberth und Ruth Koblizek vorgestellt.

Chronologische Darstellungen Neurologischer Institute und ihres wissenschaftlichen und medizinischen Wirkens sowie Kurzbiographien herausragender Proponenten zeichnen im vorliegenden Buch anschaulich die Entwicklungslinien der Wiener Neurologischen Schulen nach.
Ein besonderes Anliegen des Buches ist es darüber hinaus, die auf Grund der beiden Weltkriege und politischer Umbrüche in Vergessenheit geratenen Nervenärzte und die Bedeutung aufgelassener neurologischer Institutionen in Erinnerung zu bringen.

Siehe Website von: MEMO Verein für Geschichtsforschung

Van Swieten Blog als Quelle für neue Publikation über „Die Neurologie in Wien von 1870 bis 2010“ weiterlesen