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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [66]: Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen unter besonderer Berücksichtigung der Homosexualität. 1.1899-13.1912.

Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen unter besonderer Berücksichtigung der Homosexualität. Hrsg. von Magnus Hirschfeld. Leipzig: Verlag von Max Spohr 1.1899-13.1912.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Gesellschaft der Ärzte Bibliothek, Sign.: K65455]

https://ubsearch.meduniwien.ac.at

Text: Harald Albrecht, BA

Abb. 1    Magnus Hirschfeld

Magnus Hirschfeld (*14.05.1868 Kolberg/Pommern heute: Kołobrzeg/Polen, gest. 14.05.1935 Nizza), dessen Geburtstag sich im Mai 2018 zum 150 Mal jährte, war ein Deutscher Mediziner, Sexualforscher (und -reformer) jüdischer Herkunft und gilt nach Karl Heinrich Ulrichs (1825-1895) als Begründer der lesBiSchwulen Emanzipationsbewegung in Deutschland im späten 19. und ersten Drittel des 20. Jahrhunderts.

Magnus Hirschfeld stammte aus einer liberalen, jüdischen Ärztefamilie in Pommern. Er legte 1889 das Abitur im Dom-Gymnasium seiner Heimatstadt ab und begann daraufhin ein Studium der Sprachwissenschaften in Breslau, wechselte jedoch nach einem Semester, dem Vorbild seiner Brüder folgend, zum Fach Medizin. Sein Medizinstudium absolvierte er in Straßburg, München, Heidelberg und schließlich in Berlin, wo er 1892 beim „populärsten Irrenarzt von Berlin“[1] – Emanuel Mendel (1839-1907), Neurologe und Psychiater – promovierte. Nach Reisen in die USA und nach Italien (1893/94) eröffnete Hirschfeld 1894 in Magdeburg-Neustadt eine Praxis als „Spezialist der diätetisch-physikalischen Heilmethoden“. 1896 übersiedelte er mit seiner Praxis nach Berlin-Charlottenburg. „1896 ist auch das Jahr, in dem er seine erste Schrift über Homosexualität unter dem Pseudonym Th. Ramien veröffentlichte. Deren Leipziger Verleger, Max Spohr [(1850-1905), Anm.], hatte zuvor schon verschiedene nichtmedizinische Arbeiten zum Thema veröffentlicht und brachte H[irschfeld] mit einer Reihe Männer zusammen, die gegen die Kriminalisierung sexueller Handlungen zwischen Männern anschrieben.“[2] Schon im Jahr darauf, am 15.05.1897, gründete Hirschfeld gemeinsam mit Max Spohr, Eduard Oberg (1858-1917) und Franz Joseph von Bülow (1861-1915) das Wissenschaftlich humanitäres Komitee (WhK) – die weltweit erste Homosexuellenorganisation. Im Auftrag dieses Komitees wurde noch 1897 eine Petition an den Reichstag zur Streichung des §175 eingebracht. Der §175 lautete: „Die widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts oder von Menschen mit Thieren begangen wird, ist mit Gefängniß zu bestrafen; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden.“[3] – Konsensuale homosexuelle Handlungen blieben in der DDR bis 1968, in der BRD bis 1969 und in Österreich bis 1971 strafbar. – Hirschfeld verfasste über die Jahre Aufklärungsschriften wie „Was soll das Volk vom Dritten Geschlecht wissen?“, oder „Berlins Drittes Geschlecht“. Viele dieser Schriften waren allgemein verständlich formulierte Broschüren, von denen zehntausende verteilt wurden. Über 100.000 Broschüren wurden an die Presse, sämtliche Justizministerien, Richter, Anwälte, Staatsanwälte, Ärzte, Geistliche, Lehrer und auch an Verwandte von Schwulen verschickt. Neben dem WhK entstanden ähnliche Vereinigungen in Deutschland, aber auch in den Niederlanden (1912) oder in England (1914). Magnus Hirschfeld versuchte eine Vernetzung dieser Organisationen, wenn er nicht ohnehin an ihrer Gründung beteiligt war, oder sie als direkte Außenstellen des Berliner Wissenschaftlich humanitären Komitees fungierten, wie zum Beispiel in Wien, wo Sigmund Freud (1856-1939) und sein Psychoanalytiker-Kreis eine Dependance des WhK gründeten. „Die Filiale des WHK stand unter der Leitung des Psychoanalytikers Wilhelm Stekel [(1868-1940), Anm.], der sich auf sexualwissenschaftlichem Gebiet eher wirr betätigte, kurze Theaterstücke über (hetero-)sexuelle Liebesprobleme schrieb und als Leiter des Wiener WHK wenig in Erscheinung trat. Über seinen Kompagnon in der Leitung, Ingenieur J. Nicoladoni, wissen wir […] leider nichts – auch nicht über das Ende der ersten WHK. Es dürfte eingeschlafen oder dem Streit zwischen Hirschfeld und den Psychoanalytikern zum Opfer gefallen sein.“[4]

Von 1899 bis 1923 gab Hirschfeld 23 Jahrgänge der Zeitschrift Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen heraus:

Abb. 2    Titelblatt: Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen […]. Bd. 1. Leipzig: 1899.

Hirschfelds heute weit überholte Theorie der sexuellen Zwischenstufen wurde von ihm als Einteilungsprinzip verstanden, um unterschiedliche Varianten des Sexualverhaltens besser verstehen zu können. Er bildete dabei folgende Grundtypen, die er später in unzählige Untergruppen unterteilte:

1. weibliebende – normale – Männer (männliche Außenformen, der auf den Mann gerichtete Instinkt verkümmert, Drang zum Weibe)

  1. mannliebende – normale – Frauen (weibliche Fortpflanzungsorgane, Rückbildung der für Frauen fühlenden Nerven, Verkrüppelung der männlichen Außenteile, Trieb zum Manne)
  2. männliche Seelenzwitter (männliche periphere Geschlechtsorgane, unvollkommene Differenzierung der Neigungsbahnen, Neigung zu beiden Geschlechtern)
  3. weibliche Seelenzwitter (weibliche Geschlechtsdrüsen, Triebcentren hermaphroditisch = Frauen mit Neigung zu beiden Geschlechtern)
  4. mannliebende Männer, Urninge (männliche Genitalien, Neigungsfasern zum Manne blieben erhalten, weibliche Geschlechtscharaktere verkümmern, Trieb zum Weib verkümmert)
  5. weibliebende Frauen, Urninginnen (weibliche Sexualorgane, auf das Weib gerichtete Centralstellen, Rückbildung der männlichen Außenteile, Trieb zum Manne verschwindet)

Diese sechs Typen fasst er zu einer Dreieinigkeit zusammen:

  1. normaler Geschlechtsrieb
  2. Seelenzwittertum
  3. verkehrter Geschlechtstrieb, conträre Sexualempfindung.“[5]

Für den Typ-C führte er später den Begriff des „dritten Geschlechts“ ein. Zur Bestimmung des sexuellen „Individualtypus” eines jeden Menschen zwischen den beiden Polen „Vollmann” und „Vollweib” zog Hirschfeld eine ganze Reihe von Eigenschaften heran: Bei jedem Individuum sind diese Eigenschaftsbereiche in unterschiedlichen Kombinationen und Abstufungen eher „männlich” oder „weiblich” ausgeprägt, und es gibt „sexuelle Zwischenstufen” in verschiedenen Formen. Hirschfeld fasste z.B. Bisexualität als eine Zwischenstufe des Geschlechtstriebs auf und Transvestitismus als eine Zwischenstufe „sonstiger seelischer Eigenschaften”. Hirschfeld rechnete die Anzahl der möglichen Sexualtypen aus: m m + w w / 316 = 43 046 721 Sexualtypen. Hirschfeld schrieb dazu 1926: „Diese ungeheure Zahl könnte zunächst überraschen, da sie etwa schon den vierzigsten Teil der Gesamtzahl aller auf der Erde lebenden Menschen beträgt (diese Zahl 1800 Millionen gerechnet), aber bei genauerem Nachdenken wird sie nicht nur verständlich, sondern als viel zu klein zu erachten sein, da wir beobachten, daß kein Mensch einem anderen vollkommen gleicht.“[6] Seine Theorien führte er zusammengefasst in seinem 1914 herausgegebenen Hauptwerk aus:

Hirschfeld, Magnus: Die Homosexualität des Mannes und des Weibes. Mit einem Namen-, Länder-, Orts- und Sachregister. (= Handbuch der gesamten Sexualwissenschaft in Einzeldarstellungen/3). Berlin: Louis Marcus Verlagsbuchhandlung 1914.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Gesellschaft der Ärzte Bibliothek, Sign.: GÄ-22160]

https://ubsearch.meduniwien.ac.at/

Abb. 3    Titelblatt: Hirschfeld: Die Homosexualität […]. Berlin: 1914.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges gründete Magnus Hirschfeld 1918 in Berlin sein Institut für Sexualwissenschaften – Eröffnung am 6. Juli 1919. Es handelte sich um die weltweit erste Einrichtung dieser Art und war Hirschfelds Lebenswerk und Lebenstraum. Das Institut verstand sich einerseits als Forschungseinrichtung und andererseits als Anlaufstelle und Zentrum der lesBiSchwulen Emanzipationsbewegung. „Beide Bereiche, Sexualforschung und –reform, stehen nach H[irschfled]s Verständnis in einem untrennbaren Verhältnis. Im Politischen argumentiert er wissenschaftlich, seinen wissenschaftlichen Argumentationen unterliegt politisch-taktisches Kalkül.“[7] Am 6. Mai 1933 gingen die Nazis gegen Magnus Hirschfelds renommiertes und weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekanntes Institut für Sexualwissenschaft vor. Es wurde gestürmt und verwüstet. Vier Tage später, am 10. Mai 1933, verbrannten sie unter dem Jubel des Mobs in einer propagandistisch ausgeschlachteten Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz die umfassende Bibliothek des Instituts. Hirschfeld befand sich zu dieser Zeit auf einer seiner zahlreichen Vortragsreisen im Ausland, von der er aufgrund zahlreicher Warnungen seiner Freunde und Mitstreiter nicht mehr nach Deutschland zurückkehrte. 1934 wurde ihm die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt. Er lebte bis zu seinem Tod im Jahr 1935 in Nizza mit seinen beiden Geliebten Karl Giese (1898-1938), der 1938 in Brünn Selbstmord beging und Tao Li (1907-1993) abwechselnd im Exil in der Schweiz und in Frankreich.

Abb. 4    Gruppenbild: Eröffnung „Internationale Tagung für Sexualreform (Wien 1930)“, von l.n.r. Dr. Josef Karl Friedjung (1871-1946), Dr. Pierre Vachet (1892-1984)(Paris), Dr. Magnus Hirschfeld (Berlin), Dr. Norman Haire (1892-1952) (London), Dr. Jonathan Høegh von Leunbach (1884-1955)(Kopenhagen), ganz rechts Kommerzialrat Assinger (Wien) [Aufnahme: Kongressausstellung des Institutes für Sexualforschung im Konzerthaus/Wien]. Quelle: Josephinum, Medizinische Universität Wien, MUW-FO-IR-000670-0526

Quellen:

Herzer, Manfred: Magnus Hirschfeld und seine Zeit. Berlin: De Gruyter Oldenbourg 2017.

Herrn, Rainer: Magnus Hirschfeld (1868-1935). In: Personenlexikon der Sexualforschung. Hrsg. von Volkmar Sigusch und Günter Grau. Frankfurt am Main, New York: Campus Verlag 2009. S. 284-294.

Sigusch, Volkmar: Geschichte der Sexualwissenschaft. Mit 210 Abbildungen und einem Beitrag von Günter Grau. Frankfurt am Main, New York: Campus Verlag 2008.

Hirschfeld, Magnus, Sexualwissenschafter, Mediziner, * 14.5.1868 Kolberg (Pommern), + 15.5. 1935 Nizza. In: Biographische Enzyklopädie deutschsprachiger Mediziner. 1 A-Q. München: K.G. Saur 2002. S. 284.

Jellonnek, Burkhard und Rüdiger Lautmann: Nationalsozialistischer Terror gegen Homosexuelle. Verdrängt und ungesühnt. Paderborn, Wien u.a.: Ferdinand Schöningh 2002.

Brunner, Andreas und Hannes Sulzenbacher: Schwules Wien. Reiseführer durch die Donaumetropole. Wien: Promedia 1998.

Hirschfeld, Magnus (Pseudonym Ramien) Sexualforscher und -refomer, * 14.5.1868 Kolberg (Pommern), + 14.5.1935 Nizza (Frankreich). Homepage: Deutsche Biographie. Stand: 15.05.2018 https://www.deutsche-biographie.de/sfz70159.html

[1] Herrn, Rainer: Magnus Hirschfeld (1868-1935). In: Personenlexikon der Sexualforschung. Hrsg. von Volkmar Sigusch und Günter Grau. Frankfurt am Main, New York: Campus Verlag 2009. S. 285.

[2] Herrn, Rainer: Magnus Hirschfeld (1868-1935). In: Personenlexikon der Sexualforschung. Hrsg. von Volkmar Sigusch und Günter Grau. Frankfurt am Main, New York: Campus Verlag 2009. S. 286.

[3] Homepage: https://de.wikipedia.org/wiki/%C2%A7_175 Stand: 04.06.2018.

[4] Brunner, Andreas und Hannes Sulzenbacher: Schwules Wien. Reiseführer durch die Donaumetropole. Wien: Promedia 1998. S. 60.

[5] Herzer, Manfred: Magnus Hirschfeld und seine Zeit. Berlin: De Gruyter Oldenbourg 2017. S. 51-52.

[6] Homepage: Magnus Hirschfeld Gesellschaft. Stand: 04.06.2018. https://magnus-hirschfeld.de/institut/theorie-praxis/sexuelle-zwischenstufen/

[7] Herrn, Rainer: Magnus Hirschfeld (1868-1935). In: Personenlexikon der Sexualforschung. Hrsg. von Volkmar Sigusch und Günter Grau. Frankfurt am Main, New York: Campus Verlag 2009. S. 284.

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [44]: Steinach, Eugen: Verjüngung durch experimentelle Neubelebung der alternden Pubertätsdrüsen. Mit 7 Textabbildungen und 9 Tafeln, 1920.

Steinach, Eugen: Verjüngung durch experimentelle Neubelebung der alternden Pubertätsdrüsen. Mit 7 Textabbildungen und 9 Tafeln. Berlin: Verlag von Julius Springer 1920.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 13854a]

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Abb. 1    Titelblatt: Steinach: Verjüngung […]. Berlin: 1920.

Eugen Steinach (*27.01.1861 Hohenems/Vorarlberg., gest. 14.05.1944 Montreux/Waadt) war der Sohn eines jüdischen Arztes und studierte an den Universitäten Genf und Wien Medizin. 1886 wurde er an der Medizinischen Fakultät der Universität Innsbruck zum Dr. der Medizin promoviert. Danach arbeitete er zwei Jahre am Physiologischen Institut der Universität Innsbruck. Im Anschluss daran ging er nach Prag, wo er an der „Deutschen Universität“ Assistent des damals berühmten Physiologen Ewald Hering (1834-1918) wurde. In Prag gründete Steinach 1902 das erste Laboratorium für „allgemeine und vergleichende Physiologie“ im deutschsprachigen Raum. Ebenfalls in Prag wurde Steinach, der sich schon 1890 im Fach Physiologie habilitiert hatte, 1895 zum außerordentlichen und 1907 zum ordentlichen Professor ernannt. 1912 übersiedelte er nach Wien und wurde Leiter der tierphysiologischen Abteilung der Biologischen Versuchsanstalt im Prater, die zwei Jahre später in die Akademie der Wissenschaften eingegliedert wurde. Die Versuchsanstalt war ursprünglich ein Schauaquarium, bekannt unter dem Namen „Wiener Vivarium“, das anlässlich der Wiener Weltausstellung 1873 erbaut wurde und 1903 vom Zoologen Hans Leo Przibram (1874-1944) in eine experimentelle Biologische Versuchsanstalt umgewandelt wurde. Die Biologische Versuchsanstalt war eine der bemerkenswertesten wissenschaftlichen Einrichtungen Österreichs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mehr als dreißig Jahre lang entstanden hier innovative wissenschaftliche Arbeiten auf dem Gebiet der experimentellen Biologie. Nach dem „Anschluss“ 1938 wurde Przibram aus „rassischen“ Gründen seiner Stellungen enthoben und durfte die von ihm gegründete und jahrzehntelang geleitete Anstalt nicht mehr betreten. Er wurde 1944 im KZ Theresienstadt ermordet. Die Versuchsanstalt wurde 1941 geschlossen und das Gebäude 1947 abgerissen.

Eugen Steinach beschäftigte sich schon seit 1894 mit der Physiologie der Geschlechtsorgane und war einer der bekanntesten Hormonforscher seiner Zeit. Mithilfe der Vasoligatur, der Unterbindung des Samenleiters, wollte er die körpereigene Produktion von Testosteron anregen, wodurch er sich einen Effekt der Verjüngung erhoffte. Durch den Wiener Urologen Robert Lichtenstern (1874-1955) ließ er den Eingriff 1918 erstmals gezielt bei einem Patienten vornehmen und löste damit einen wahren „Vasektomieboom“ aus. Es wird geschätzt, dass sich allein in Wien über 100 Mitglieder der akademischen Gesellschaft in den 1920er Jahren dieser Behandlung unterzogen. Einer von ihnen war Sigmund Freund (1856-1939), der sich von diesem 1923 erfolgten Eingriff erneute Kraft im Kampf gegen das bei ihm aufgetretene Tumorleiden erhoffte.[1]

Abb. 2    Robert, Lichtenstern: Urologische Operationslehre. Mit 231 zum Teil mehrfarbigen Abbildungen im Text. Berlin und Wien: Urban & Schwarzenberg 1935. S. 271.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Reuter Bibliothek, Sign.: RB-168]

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Darüber hinaus machte er versuche von Geschlechtsumwandlungen mit Ratten. Aus den Auswirkungen von Hodentransplantationen von jungen Ratten auf alte wurde ersichtlich, dass sich die senilen Tiere verjüngten und zum Teil ihre Potenz wiedererlangten. Daraufhin stellte er sich die Frage „ob es nicht möglich wäre, noch einmal im individuellen Leben die Wirkungen der Pubertätsdrüse [Gonaden, Anm.] auszulösen, und wenigstens bis zu einer gewissen Grenze die Attribute der Jugend wieder hervorzurufen und die des Alters hinauszuschieben“[2] und wollte diese Erfahrungen auf den Menschen übertragen. „Die Vorstellung, dem Menschheitstraum der ewigen Jugend einen Schritt näher zu sein, hatte eine wahre ,Steinach-Euphorie‘ ausgelöst, die sich auch gut vermarkten ließ. 1920 schrieb der Komponist Willy Kaufmann den Foxtrott ,Steinach Rummel‘. Am 8. Jänner 1923 fand im Berliner UFA-Filmpalast die Uraufführung des Dokumentarfilms ,Steinachs Forschungen‘ statt.“[3]

Abb. 3    Steinach: Verjüngung […]. Berlin: 1920. Tafel IV.

In der Folge wurden zahlreiche Verjüngungsoperationen entwickelt. Eugen Steinach versprach sich durch die Verpflanzung von fremden Hoden unter die Bauchdecke ebenfalls einen wesentlichen Verjüngungseffekt. Gemeinsam mit Robert Lichtenstern transplantierte er zwei im Ersten Weltkrieg kastrierten Soldaten Leistenhoden unter die Bauchmuskulatur, die anderen Patienten entfernt werden mussten, worauf die Sexualfunktion wieder eintrat. „,15 Monate nach der Operation hat der Mann geheiratet‘, schrieb Lichtenstern später über einen der beiden Patienten, lebt seither zufrieden in ehelicher Gemeinschaft und versorgt wieder in strammer Arbeit seine Landwirtschaft‘“.[4] Mit der Transplantation von Hoden heterosexueller Männer an homosexuelle Männer versuchten Steinach und Lichtenstern auch homosexuelle Männer zu „heilen“. Unterstützung fanden die dabei bei Sigmund Freud, der annahm, dass Steinachs vorgeschlagener Eingriff an den Keimdrüsen erfolgreicher sei, als die Behandlung durch Psychotherapie[5]:

Steinach, Eugen und Robert Lichtenstern: Umstimmung der Homosexualität durch Austausch der Pubertätsdrüsen. Sonderabdruck aus: Münchener medizinischen Wochenschrift. Lehmann: München 1918.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 13717.]

http://search.obvsg.at/primo_library/libweb

In den 1930er Jahren wurden Steinachs Forschungen einer kritischen Revision unterzogen. Und mit der biochemischen Identifikation und Synthese von Testosteron wurden Steinachs Operationsmethoden obsolet. Ab März 1938 war Eugen Steinach der antisemitischen Verfolgung durch die Nationalsozialisten ausgesetzt. Seine Bibliothek sowie seine gesamten Forschungsergebnisse wurden beschlagnahmt. Als ihm nach einer Vortragsreise in die Schweiz die Wiedereinreise verweigert wurde, versuchte er erfolglos in die USA zu emigrieren. Er verstarb 1944 im Schweizer Exil in Territet bei Montreux im Kanton Waadt.

Text: Harald Albrecht

Quellen:

Der Traum von der wiederkehrenden Jugend. Homepage: Alumni Club Medizinische Universität Wien. Stand: 23.10.2017.

http://alumni-club.meduniwien.ac.at/de/aktuell/medizin-im-bild/article?entry=216

Schultheiss, Dirk: Eine kurze Geschichte des Testosterons. In: Der Urologe. (49/1) 2010. S. 51-55.

Schlich, Thomas: Die Erfindung der Organtransplantation. Erfolg und Scheitern des chirurgischen Organersatzes (1880-1930). Frankfurt/M und New York: Campus Verlag 1998.

Leitner, Helmut: Eugen Steinach (1861-1944). In: Arzt, Presse, Medizin. (22) 1977. S. 7-9.

Johnson, David L.: Eugen Steinach (1861-1944) and his theory of rejuvenation. [Tacoma, WA]: Typoskript 1968.

[1] Schultheiss, Dirk: Eine kurze Geschichte des Testosterons. In: Der Urologe. (49/1) 2010. S. 52.

[2] Leitner, Helmut: Eugen Steinach (1861-1944). In: Arzt, Presse, Medizin. (22) 1977. S. 8.

[3] Der Traum von der wiederkehrenden Jugend. Homepage: Alumni Club Medizinische Universität Wien. Stand: 23.10.2017. http://alumni-club.meduniwien.ac.at/de/aktuell/medizin-im-bild/article?entry=216

[4] Schlich, Thomas: Die Erfindung der Organtransplantation. Erfolg und Scheitern des chirurgischen Organersatzes (1880-1930). Frankfurt/M und New York: Campus Verlag 1998. S. 159-160.

[5] Schultheiss, Dirk: Eine kurze Geschichte des Testosterons. In: Der Urologe. (49/1) 2010. S. 52.

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [32]: Krafft-Ebing, Richard von: Psychopathia sexualis. Eine klinisch-forensische Studie. Stuttgart: Verlag von Ferdinand Enke 1886.

Krafft-Ebing, Richard von: Psychopathia sexualis. Eine klinisch-forensische Studie. Stuttgart: Verlag von Ferdinand Enke 1886.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger-Lesky Bibliothek, Sign.: 48615]

http://search.obvsg.at/


Abb. 1    Richard von Krafft-Ebing

Richard von Krafft-Ebing (*14.08.1840 Mannheim, gest. 22.12.1902 Graz) war ein Psychiater, Neurologe und Rechtsmediziner. Er entstammte einer Beamtenfamilie aus dem Breisgau und studierte Medizin in Heidelberg, wo er 1863 sein Staatsexamen ablegte. Krafft-Ebing interessierte sich für Psychiatrie und kam unmittelbar nach seinem Studium mit den beiden damals vorherrschenden Richtungen des Faches in Berührung: zuerst mit der hirnanatomisch bestimmten Universitätspsychiatrie bei Wilhelm Griesinger (1817-1868), dessen Vorlesungen er in Zürich hörte; danach mit der deutschen Anstaltspsychiatrie, die er bei Christian Roller (1802-1878) in der Irrenanstalt Illenau kennenlernte. Seit dieser Zeit verband ihn auch eine lebenslange Freundschaft mit seinem Kollegen und späteren Leiter dieser Anstalt Heinrich Schüle (1840-1916). Von 1868 bis zum Beginn des Deutsch-Französischen Krieges (1870/71) – in dem er erst als Feldarzt, später als Lazarettarzt in einem Badischen Regiment diente – ließ er sich in Baden-Baden als privater Nervenarzt nieder.

1872 arbeitete Krafft-Ebing für ein Jahr an die Universität Straßburg, danach ging er an die Universität Graz, wo ihm – verbunden mit der Leitung der neu eingerichteten Landesirrenanstalt Feldhof – der Lehrstuhl für Psychiatrie übertragen wurde. 1880 wurde er hier zum Ordinarius ernannt und konnte die Leitung der Anstalt abgeben. Aus dieser Zeit stammen auch seine beiden bekannten Lehrbücher, die beide mehrmals aufgelegt, zu Standardwerken wurden und seine internationale Berühmtheit begründeten: Lehrbuch der gerichtlichen Pathologie (1875) und Lehrbuch der Psychiatrie (1879). „Die Psychiatrie im damaligen Zustand war für Krafft-Ebing eine beschreibende, nicht erklärende Wissenschaft und er verwies damit die anatomischen und physiologischen Herrschaftsansprüche in der Psychiatrie in die Grenzen. Die Klinik stand bei ihm im Zentrum, wenn auch unter dem Leitsatz: ,Das Irresein ist eine Hirnkrankheit‘. Aus diesem Geist heraus schuf er 1867 den Begriff ,Zwangsvorstellung‘ und führte 1870 den Begriff ,Dämmerzustand‘ in die Psychiatrie ein.“[1] 1886 erschien schließlich sein bis heute bekanntestes Werk: Psychopathia sexualis. Es wurde – auch noch nach seinem Tod – immer wieder erweitert und überarbeitet und bis 1924 insgesamt 17 Mal aufgelegt. Durch seine strenge empirische Methode bildete er damit für die nachkommende Forschergeneration der Sexualwissenschaftler um Magnus Hirschfeld (1868-1935) den Ausgangspunkt für ihre eigenen Forschungen und „nach [Julius] Wagner-Jauregg schuf er damit ‚mit wunderbarem Scharfsinne Ordnung‘“.[2] Er wurde mit diesem Werk zum Begründer der Sexualpathologie. Heute bekannte Begriffe wie Sadismus, Masochismus, Fetischismus gehen auf ihn zurück.


Abb. 2    Titelblatt: Krafft-Ebing: Psychopathia sexualis. Stuttgart: 1886.

Richard von Krafft-Ebings Arbeiten hatten eine nicht unproblematische Bedeutung für die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem damals kaum erforschten Feld der Homosexualität, auf das er durch die Schriften von Karl Heinrich Ulrichs (1825-1895) gestoßen wurde. Homosexualität galt im 19. Jahrhundert in weiten Kreisen der Gesellschaft als ein Ausdruck einer unmoralischen Geisteshaltung und Lebensweise als Folge von sexueller Übersättigung, Verführung und/oder degenerierter Erbanalagen und wurde aus diesem Grund in weiten Teilen Europas auch strafrechtlich verfolgt (in Österreich bis 1971). Als bekannter Gerichtsarzt stellte Krafft-Ebing Homosexuelle als „erblich belastete Perverse“ dar, die für ihre angeborene Umkehrung des Sexualtriebes nicht verantwortlich sind, folglich auch nicht strafrechtlich zu verfolgen seien. In seiner Psychopathia sexualis definierte er Homosexualität als angeborene neuropsychopathische Störung – also als eine erbliche Nervenkrankheit. Diese Diagnose erlaubte es ihm, sich für eine vollkommene Straffreiheit der Homosexualität auszusprechen, zumal sie auch nicht ansteckend sei. Damit führte Krafft-Ebing die Pathologisierung der Homosexualität in die medizinische Wissenschaft ein, die bis weit in das 20. Jahrhundert hinein weitreichende Folgen zeitigte. Sie bildete die Grundlage für grausamste Zwangsmaßnahmen – bis hin zu Zwangssterilisationen (die bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts durchgeführt wurden) – und führte zur zwangsweisen Psychiatrierung vieler Schwuler und Lesben.

1889 kam Richard von Krafft-Ebing als Nachfolger von Maximilian Leidesdorf (1816-1889) nach Wien an die I. Psychiatrische Klinik. 1892 trat er die Nachfolge von Theodor Meynert (1833-1892) als Professor der II. Psychiatrischen Klinik in Wien an, der er bis zu seiner Pensionierung 1902 vorstand. Richard von Krafft-Ebing starb nur wenige Monate nach seiner Pensionierung, nachdem er sich wieder nach Graz zurückgezogen hatte, am 22.12.1902.

Quellen:

Ammerer, Heinrich: Am Anfang war die Perversion. Richard von Krafft-Ebing, Psychiater und Pionier der modernen Sexualkunde. Wien, Graz und Klagenfurt: Verl.-Gruppe Styria 2011.

Sablik, Karl: Richard von Krafft-Ebing (1840-1902). In: Arzt, Presse, Medizin. (33) 1978. S. 3-5.

Wagner-Jauregg, Julius: Richard v. Krafft-Ebing. In: Wiener medizinische Wochenschrift. (58/42) 1908. Sp. 2305-2311.

[1] Sablik, Karl: Richard von Krafft-Ebing (1840-1902). In: Arzt, Presse, Medizin. (33) 1978. S. 4.

[2] Sablik, Karl: Richard von Krafft-Ebing (1840-1902). In: Arzt, Presse, Medizin. (33) 1978. S. 5.

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