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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [355]: Galatti, Demetrio – Kinderarzt, Assistent an der Wiener Allgemeinen Poliklinik und Arzt am Leopoldstädter Kinderspital, dem Kaiserin Elisabeth-Wöchnerinnenheim und dem Bettina-Spital

Galatti, Demetrio – Kinderarzt, Assistent an der Wiener Allgemeinen Poliklinik und Arzt am Leopoldstädter Kinderspital, dem Kaiserin Elisabeth-Wöchnerinnenheim und dem Bettina-Spital

Autor: Dr. Walter Mentzel

Published online: 12.01.2026

Keywords: Kinderarzt, Allgemeines Krankenhaus, Wiener Allgemeine Poliklinik, Leopoldstädter Kinderspital, Kaiserin Elisabeth-Wöchnerinnenheim, Lucina, Bettina-Spital, Medizingeschichte, Wien

Demetrio (Demetrius, Demeter) Galatti wurde am 15. Juni 1853 als Sohn einer griechischen, der chiotischen Diaspora entstammenden Kaufmannsfamilie in Triest geboren. Nach dem Besuch der griechischen Schule (Unterstufe) und danach des deutschen Gymnasiums absolvierte er 1873 das Kommunal-Realgymnasium in Triest.

Im Anschluss daran studierte er an der Universität Wien Medizin. Er legte 1885 das Rigorosum ab und wurde am 26. März 1887 zum Doktor der Medizin promoviert. Bereits seit 1884 war er als Aspirant an der Kinderklinik bei Hermann Widerhofer (1832-1901) tätig. Zwei Jahre später arbeitete er als erster Sekundararzt unter dem Primarius Balthasar Unterholzner (1843-1907) am Leopoldstädter Kinderspital. Dort führte er die O’Dwyer‘sche Kehlkopfintubation ein und befasste sich insbesondere mit infektiösen Ausschlagerkrankungen sowie mit Fragen der Säuglingsernährung, zu denen er u.a. 1902 die Studie „Versuche über ein neues Kindernährmehl“ veröffentlichte.

Seit Mai 1892 führte Galatti eine private kinderärztliche Praxis in Wien I, Schottenring 14.

Leopoldstädter Kinderspital und Wiener Allgemeine Poliklinik

Im Anschluss an seine Tätigkeit am Leopoldstädter Kinderspital wechselte Galatti 1889 als Assistent an die II. Kinderabteilung der Wiener Allgemeinen Poliklinik. Dort arbeitete er unter dem Dozenten Maximilian Herz (1837-1890), dem Abteilungsvorstand Ferdinand Frühwald (1854-1908) sowie dem Direktor der Poliklinik Alois Monti (1839-1909). In diesem Umfeld publizierte er 1890 „Versuche über Lipanin als Ersatzmittel für Leberthran“ und 1892 „Ueber Intubation“ und „O’Dwyer’s Intubation als Ersatz für die Tracheotomie bei der diphtherischen Larynxstenose“, 1894 „Versuche mit Ichthyol“, „Ein Fall von 436stündiger Intubation“, 1895 „Ueber einige Neuerungen im Intubationsverfahren“ sowie 1902 die Monografie „Das Intubationsgeschwür“.

Kaiserin Elisabeth-Wöchnerinnenheim (Lucina) und Bettina-Spital

Neben seiner ärztlichen Praxis engagierte sich Galatti in vielfältiger karitativer Weise. Rund 25 Jahre wirkte er unentgeltlich an der von Hugo Klein (1863-1937) gegründeten Entbindungsanstalt „Lucina“, dem späteren Kaiserin Elisabeth-Wöchnerinnenheim. Er gehörte dem Vereinsvorstand an und war seit 1932 hier als Konsiliararzt tätig; zudem hielt er dort Kurse zur Säuglingspflege ab.[1] Aus dieser Arbeit gingen u.a. die Publikationen „Bericht über Säuglingserkrankungen der ersten Lebenstage (1903-1904)“ (1905) und „Einfluß der Entbindungsheime und der Stillfürsorge auf die Kindersterblichkeit im ersten Lebensjahre“ (1909) hervor. Daneben war Galatti noch vor dem Ersten Weltkrieg als Kinderarzt am Brigitta-Spital tätig[2] und gehörte dem Ausschuss des italienischen Wohltätigkeitsvereins in Wien sowie dem Verein zur Errichtung und Erhaltung von Seehospizen und Asylen an[3].

Weitere Arbeiten von Galatti befinden sich in der Separata-Sammlung an der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin; darunter auch Beiträge, die er in italienischen Fachzeitschriften veröffentlichte. Zudem publizierte er im von Heinrich Adler (1849-1909) herausgegebenen „Taschenbuch für Civilärzte“, u.a. 1896 den Beitrag „Über künstliche Ernährung der Kinder im ersten und zweiten Lebensjahr“.[4] Galatti war ferner Mitarbeiter der Fachzeitschrift „Archivio Italiano di Pediatria“ in Neapel sowie der in Rom erschienen „Igiene dell´infanzia a medicina preventiva“. Als Übersetzer brachte er 1889 eine autorisierte deutsche Ausgabe der Schrift „Der Irrsinn im Kindesalter“ des französischen Psychiaters Paul Moreau (1844-1908) heraus.

Galatti nahm 1895 am Internationalen Kongress für die Kindheit in Florenz mit einem Referat über Ferienkolonien und Kindergärten teil,[5] war 1899 auf dem Internationalen Kongress für Kinderschutz vertreten und nahm 1912 am Internationalen Kongress für Pädiatrie[6] in Paris teil.

Er war Mitglied der Gesellschaft für innere Medizin und Kinderheilkunde. 1899 erhielt Galatti den königlichen italienischen Kronenorden,[7] 1907 das Ritterkreuz des königlich griechischen Erlöserordens[8] und 1913 das Ritterkreuz des Ordens des Heiligen Grals, verliehen durch den griechischen Patriarchen in Konstantinopel.[9]

Gemeinsam mit Friedrich Karl von Rokitansky (1866-1942), einem Sohn des Gynäkologen Carl von Rokitansky (1839-1898) und Enkel des Pathologen Carl von Rokitansky (1804-1878), erhielt er 1894 vom Handelsministerium die Bewilligung zur Durchführung von Vorarbeiten für den Bau einer Schmalspurbahn von Gloggnitz nach Schottwien.[10]

Galatti verkehrte in den Wiener wissenschaftlichen und künstlerischen Kreisen des Fin de Siecle unter anderem im Umfeld von Gustav Mahler sowie den Familien Zuckerkandl und Rokitansky.

Demetrio Galatti verstarb am 28. Dezember 1933 in Wien.[11]

Bildnis: Galatti Demetrio, Wiener medizinische Wochenpresse, Nr. 4, 1934, S. 115.

Quellen:

UAW, Rektorat, Med. Fakultät, Rigorosen- und Promotionsprotokolle, Sign. 177-115a, Galatti Demetrius (Rigorosum Datum: 1885).

UAW, Rektorat, Med. Fakultät, Rigorosen- und Promotionsprotokolle, Sign. 186-1970, Galatti Demeter (Promotion Datum: 26.3.1887).

Literatur:

Galatti, Demetrio: Versuche über eine neues Kindernährmehl. Sonderdruck aus: Archiv für Kinderheilkunde. O.O. O.J.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 50199]

Galatti, Demetrio: Versuche über Lipanin als Ersatzmittel für Leberthran. Aus der poliklinischen Abtheilung für Kinderkrankheiten des Docenten Dr. Maximilian Herz in Wien. Sonderdruck aus: Archiv für Kinderheilkunde. Stuttgart: Verlag von Ferdinand Enke 1890.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

Galatti, Demetrio: Ueber Intubation. Sonderdruck aus: Wiener medizinische Wochenschrift. Wien: Druck der Wiener Zeitung 1892.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

Galatti, Demetrio: O’Dwyer’s Intubation als Ersatz für die Tracheotomie bei der diphtherischen Larynxstenose. Vortrag, gehalten im ärztlichen Verein des VIII. Bezirkes in Wien am 3. October 1892. Sonderdruck aus: Allgemeine Wiener medizinische Zeitung. Wien: Druck von R. Spies & Co. 1892.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

Galatti, Demetrio: Versuche mit Ichthyol. Sonderdruck aus: Medicinisch-chirurgisches Central-Blatt. Wien: Bruno Bartelt 1894.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

Galatti, Demetrio: Ein Fall von 436stündiger Intubation. Sonderdruck aus: Wiener medizinische Blätter. Wien: Druck und Verlag von L. Bergmann & Comp. 1894.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

Galatti, Demetrio: Ueber einige Neuerungen im Intubationsverfahren. Sonderdruck aus: Wiener medizinische Blätter. Wien: Druck und Verlag von L. Bergmann & Comp. 1895.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

Galatti, Demetrio: Das Intubationsgeschwür und seine Folgen. Wien: Safar 1902.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 62041]

Galatti, Demetrio: Bericht über Säuglingserkrankungen der ersten Lebenstage (1903-1904). Aus dem Kaiserin-Elisabeth-Wöchnerinnenheim „Lucina“, Wien (Primarius Dr. Berthold Bosse). Sonderdruck aus: Allgemeine Wiener medizinische Zeitung. Wien: Druck von R. Spies & Co. 1905.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

Gallati, Demetrio: Einfluß der Entbindungsheime und der Stillfürsorge auf die Kindersterblichkeit im ersten Lebensjahre. Aus dem Kaiserin Elisabeth-Wöchnerinnenheim „Lucina“. Sonderdruck aus: Das Österreichische Sanitätswesen. Wien: Druck von Friedrich Jasper 1909.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

[1] Die Zeit, 28.2.1911, S. 15.

[2] Neue Freie Presse, 6.6.1914, S. 11.

[3] Deutsches Volksblatt, 23.4.1904, S. 6.

[4] Allgemeine Wiener medizinische Zeitung, 17.9.1895, S. 422.

[5] Neue Freie Presse, 27.12.1894, S. 4.

[6] Neue Freie Presse, 9.10.1912, S. 11.

[7] Wiener Zeitung, 6.10.1899, S. 1.

[8] Wiener Zeitung, 2.5.1907, S. 1.

[9] Wiener Allgemeine Zeitung, 7.11.1913, S. 3.

[10] Wiener Zeitung, 14.2.1894, S. 8.

[11] Nachruf: Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 3, 1934, S. 114-115.

 

 

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Letzte Aktualisierung: 2026.01.12

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [281]: Itzkowitz, Leopold – Kinderarzt

Itzkowitz, Leopold – Kinderarzt

Autor: Dr. Walter Mentzel

Published online: 30.04.2024

Keywords: Kinderarzt, Wiener Allgemeine Poliklinik, Medizingeschichte, Wien

Leopold Kohn-Itzkowitz wurde als Sohn von Adolf Itzkowitz und Minna, geborene Preuss, am 21. September 1867 in Komorowice in Österreichisch-Schlesien (heute: Komorowice, Stadtteil von Bielsko-Biała/Polen) geboren. Er war seit 1909 mit Erna Emilie Rund (*6.11.1885-1964 New York) verheiratet und hatte mit ihr den Sohn Hans Adolf (*11.3.1909 Wien).

Nachdem Itzkowitz das Staatsgymnasium in Bielitz absolviert hatte,[1] begann er im Wintersemester 1890/91 an der Universität Wien mit dem Studium der Medizin und promovierte am 4. März 1897. Anfang 1898 kehrte er zunächst nach Bielitz in Schlesien zurück,[2] kam Ende des Jahres nach Wien zurück und eröffnete eine Arztpraxis in Wien 9, Mariannengasse 29,[3] und danach in Wien 8, Josefstädterstraße 67.

Wiener Allgemeine Poliklinik – Abteilung für Kinderkrankheiten

Seit spätestens 1904 arbeitete er an der Abteilung für Kinderkrankheiten bei Professor Alois Monti (1839-1909) an der Wiener Allgemeinen Poliklinik. Hier publizierte er 1904 „Versuche mit Vaporin bei Pertussis: aus der Abteilung für Kinderkrankheiten des Prof. Monti an der Wiener allgem. Poliklinik.“ Im selben Jahr erschien von ihm der Aufsatz „Über Verwendung des Alboferin in der Kinderpraxis“.[4]

Im Verlag Brunnen-Direktion Rohitsch-Sauerbrunn (heute: Rogaška Slatina/Slowenien) publizierte er weiters die Arbeit „Indikationen und Diätetik der Mineralwasserkuren mit Rohitscher „Styriaquelle„.

Am Ersten Weltkrieg nahm er als Assistent des Verwundeten-Spitals „Leopoldineum“ in Wien 8 teil und erhielt 1915 das Ehrenzeichen zweiter Klasse vom Roten Kreuz mit der Kriegsdekoration verliehen.[5]

Vor und nach dem Ersten Weltkrieg gehörte er dem Präsidium des Vereins „Gute Herzen – Verein zur Schaffung von Wohlfahrtseinrichtungen für arme Schulkinder ohne Unterschied der Konfession“ am Franzensring 18 in Wien 1 an, wo er die Kinder in den vom Verein organisierten Ferienkolonien ärztlich betreute,[6] darunter im vereinseigenen Kinderheim in Neulengbach.

Er war Mitglied des Klub der Wiener Kinderärzte.[7] 1911 trat er der Freimaurerloge Eintracht der B’nai Brith bei. 1923 engagierte er sich für die Errichtung des jüdischen medizinischen Privat-Sanatoriums am Karmelberg in Haifa.[8] Weiters war er als Theaterarzt an der Residenzbühne in Wien 1, Rotenturmstraße 20, tätig.

Leopold Itzkowitz verstarb am 6. Dezember 1927 in Wien.

Neue Freie Presse, 7.12.1927, S. 16.

Quellen:

UAW, Med. Fakultät, Nationalien/Studienkataloge, Sign. 134-0390, Itzkowitz Leopold (Nationalien Datum: 1890/01).

UAW, Rektorat, Med. Fakultät, Rigorosen- und Promotionsprotokolle, Sign. 195-161b, Itzkowitz Leopold (Rigorosum Datum: 11.3.1897).

UAW, Rektorat, Med. Fakultät, Rigorosen- und Promotionsprotokolle, Sign. 188-795, Itzkowitz Leopold (Promotion Datum: 24.3.1897).

Friedhofsdatenbank der IKG Wien: Itzkowitz Leopold.

New York, Southern District, U.S District Court Naturalization Records, 1824-1946, Petitions for naturalization and petition evidence 1945 box 1027, no. 516051-516256; NARA microfilm publication M1972, Southern District of New York Petitions for Naturalization, 1897-1944. Records of District Courts of the United States, 1685-2009, RG 21. National Archives at New York, Itzkowitz Erna.

New York, New York Passenger and Crew Lists, 1909, 1925-1957, 6291-vol. 13544-13545, Mar 2, 1939; NARA microfilm publication T715 (Washington, D.C.: National Archives and Records Administration, n.d.), Itzkowitz Hans und HIlde.

Literatur:

Itzkowitz, Leopold: Versuche mit Vaporin bei Pertussis. Aus der Abteilung für Kinderkrankheiten des Prof. Monti an der Wiener allgem. Poliklinik. Sonderdruck aus: Allgemeine Wiener medizinische Zeitung. Wien: 1904.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

Itzkowitz, Leopold: Indikationen und Diätetik der Mineralwasserkuren mit Rohitscher „Styriaquelle“. Sonderdruck. Sauerbrunn: Verlag Brunnen-Direktion Rohitsch-Sauerbrunn o.J.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

Referenzen:

[1] Jahresbericht des k.k. Staatsgymnasiums zu Bielitz, Wien 1901, S. 23.

[2] Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 33, 1898, Sp. 1622.

[3] Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 45, 1898, Sp. 2148.

[4] Allgemeine Wiener medizinische Zeitung, 14.6.1904, S. 269.

[5] Wiener Zeitung, 3.11.1915, S. 3.

[6] Adolph Lehmann’s allgemeiner Wohnungs-Anzeiger nebst Handels- u. Gewerbe-Adressbuch für d. k.k. Reichshaupt- u. Residenzstadt, Wien 1904, S. 213.

[7] Wiener klinische Rundschau, Nr. 50, 1908, S. 801.

[8] Wiener Morgenzeitung, 9.4.1923, S. 2.

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Letzte Aktualisierung: 20240430

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [167]: Eitelberg, Abraham Josef – Ohrenheilkunde

Eitelberg, Abraham Josef – Ohrenheilkunde

Text: Walter Mentzel

Abraham Josef Eitelberg wurde am 4. Februar 1848 in Tarnopol in Galizien (heute: Tarnopil/Ukraine) geboren, und war mit Johanna (Jjetti), geborene Pordes, verheiratet.

Eitelberg studierte an der Universität Wien Medizin, schloss im Mai 1878 das Studium mit seiner Promotion ab, und trat 1879 als Assistent des Dozenten für Ohrenheilkunde Viktor Urbantschitsch (1847-1921) an der Abteilung für Ohrenkrankheiten in die Wiener allgemeine Poliklinik ein. Eitelberg bemühte sich hier um seine weiteren wissenschaftlichen Karriereschritte, die sich in zahlreichen Vorträgen im Wiener medizinischen Doktoren-Kollegium, an seiner Teilnahme an Kongressen wie an jenem 1887 in Wien abgehaltenen Kongress der Ohrenärzte,[1] vor allem aber in seiner umfangreichen Publikationstätigkeit niederschlugen.

Zu seinen Hauptwerken zählte das 1899 erschienene 480 Seiten umfassende Lehrbuch „Praktische Ohrenheilkunde“,[2] sowie zahlreiche wissenschaftliche Aufsätze, die er u.a. gemeinsam mit Urbantschitsch veröffentlichte. Neben der Zeitschrift für Ohrenheilkunde und der Wiener medizinischen Wochenschrift war vor allem die Wiener medizinische Presse sein bevorzugtes Publikationsorgan.

Aus dem reichen publizistischen Korpus wissenschaftlicher Arbeiten von Eitelberg besitzt die Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin 21 Arbeiten in der Neuburger-Bibliothek, sowie weitere 36 Aufsätze im Bestand der Separata-Bibliothek. Darüber hinaus publizierte er auch Artikel in der „Neuen Freien Presse“ unter der Rubrik „Natur- und Völkerkunde“[3] und wirkte in der Redaktion des „Centralblatt für die gesamte Therapie“ mit.[4]

Eitelberg sparte nicht mit Kritik am etablierten medizinischen Wissenschaftssystem. 1894 bemühte er sich öffentlichkeitswirksam mit einem Flugblatt um die Etablierung otiatrischer Abteilungen in den Krankenhäusern und wies auf den Mangel an ausgebildeten Ohrenärzten hin.[5] 1899 erschien von ihm ein Artikel in der Zeitschrift „Dokumente der Frauen“, in dem er sich für die Zulassung von Frauen zum Medizinstudium aussprach, nicht ohne männliche Verhaltens- und Denkweisen innerhalb des Wissenschaftsbetriebes einer grundlegenden und teilweise sarkastischen Kritik zu unterziehen.[6] Zuvor erschien von ihm 1892 die Monografie „Unmoderne Ansichten über die moderne Cultur“, in der er seine gesellschaftskritischen Ansichten darlegte, darunter die weitgehende Akzeptanz des Antisemitismus. In seinem 1905 veröffentlichten Buch „Unmoderne Ethik“ setzte er sich kritisch mit den Bestellungs- und Rekrutierungspraktiken des wissenschaftlichen Personals an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien auseinander. Diese Arbeit wies ihm in der zeitgenössischen Wissenschaftscommunity eine Außenseiterrolle zu, bzw. erklärt die Marginalisierung die seine Arbeiten erfuhren. In „Unmoderne Ethik“ beschrieb er ausführlich wie ihm trotz seiner fachlichen Reputation durch eine von Intrigen und Seilschaften bestimmte Wissenschaftsverwaltung und universitäre Klüngelwirtschaft eine wissenschaftliche Laufbahn an der Universität Wien verwehrt wurde. Oder wie er formulierte: „warum man an der Wiener medizinischen Fakultät Dozent – nicht wird“. Dabei führte er seine seit 1884 dreimalig unternommenen Bewerbungsversuche um eine Dozentur für Ohrenheilkunde an, die durch die Missachtung seiner Habilitationsarbeiten, eine für ihn gezielt ungünstig und manipulativ zusammengestellte Berufungskommission, sowie die durch persönliche Intrigen und antisemitischen Anfeindungen, zum Scheitern gebracht wurden.

Wilhelm Stekel (1868-1940) bezeichnete in seiner zu Eitelbergs Buch verfassten Rezension das von ihm beschriebene System als eines der „Protektionskinder und Streber“.[7] Ähnliche Ablehnungen widerfuhren Eitelberg 1895 bei seinem Vorschlag zur Einrichtung eines ohrenärztlichen Ambulatoriums im Kaiser-Franz Josef-Spital und zuletzt bei seiner Bewerbung um eine Stelle eines Ohrenarztes bei der Gremial-Krankenkasse der Wiener Kaufmannschaft.

Nachdem er seine 17-jährige andauernde Tätigkeit an der Wiener Allgemeinen Poliklinik beendet hatte, arbeitete Eitelberg als Ohrenarzt in seiner privaten Ordination in Wien 1, Adlergasse 4, publizierte weiterhin regelmäßig und nahm am wissenschaftlichen Vereinsleben teil.

Neue Freie Presse, 5.7.1919, S. 15.

Abraham Eitelberg verstarb am 3. Juli 1919 in Wien. Seine gesamte 1938 in Wien lebende Familie, darunter sein Sohn Maximilian Wolfgang (*1877) und seine Töchter Melanie (*1884) und Gertrude (*1884) wurden wegen ihrer jüdischen Herkunft nach ihrer Deportation am 23. November 1941 aus Wien nach Kowno von den Nationalsozialisten ermordet. Sein zweiter Sohn Cornelius (*1880) gilt als vermisst.

Quellen:

Sign. 134-092, Eitelberg Abraham (Nationalien Datum).

Sign. 177-71b, Eitelberg Abraham (Rigorosum Datum 1877).

Sign. 186-777, Eitelberg Abraham (Promotion Datum 31.5.1878).

Friedhofsdatenbank der IKG Wien, Eitelberg Abraham, Eitelberg Johanna, Eitelberg Friederike (Tochter).

Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes.

Yad Vashem.

Literaturliste:

Eitelberg, Abraham: Praktische Ohrenheilkunde. Mit 57 Abbildungen. Wien: Alfred Hölder k.u.k. Hof- und Universitäts-Buchhändler 1899.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 64269]

Eitelberg, Abraham: Unmoderne Ethik. Wien: im Selbstverlages des Autors o.J.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 3113]

Keywords:

Abraham Eitelberg, Ohrenheilkunde, Wiener Allgemeine Poliklinik, Wien, Arzt, Neuburger Bibliothek

[1] Wiener Allgemeine Zeitung. 12.4.1887. S. 2.

[2] Wiener klinische Wochenschrift. Nr. 48. S. 1105.

[3] Neue Freie Presse. 9.4.1903. S. 18.

[4] Wiener medizinische Wochenschrift. Nr. 7 (Beilage). Sp. 290.

[5] Wiener medizinische Wochenschrift. Nr. 52. Sp. 2246.

[6] Dokumente der Frauen. 1.8.1899. S. 287-289.

[7] Die Zeit. 22.4.1906. S. 26.

Normdaten (Person) Eitelberg, Abraham Josef : BBL: 38742; GND:1255780061;

Bio-bibliografisches Lexikon (BBL)/Liste aller Beiträge der VS-Blog-Serie: Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien

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