Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [360]: Sternberg, Tobias – Arzt an der Heilanstalt Alland, Schriftsteller und Verleger, NS-Verfolgter

Sternberg, Tobias – Arzt an der Heilanstalt Alland, Schriftsteller und Verleger, NS-Verfolgter

Autor: Dr. Walter Mentzel

Published online: 23.02.2026

Keywords: Schriftsteller, Heilanstalt Alland, Medizingeschichte, Wien, NS-Verfolgter

Tobias Sternberg wurde am 29. August 1900 in Bojan in der Bukowina (heute: Bojany/Ukraine) als Sohn von David und Sara Sternberg geboren. 1926 heiratete er in Wien die aus Großwardein in Ungarn (heute: Oradea/Rumänien) stammende Studentin Piroska Szanto (1901-1979).

Nach dem Besuch des Josefstädter Obergymnasiums begann er im Wintersemester 1918/19 mit dem Studium der Medizin an der Universität Wien, das er am 13. Juli 1925 mit der Promotion abschloss.

Literarisches und verlegerisches Wirken

Nach dem Ersten Weltkrieg war er schriftstellerisch und verlegerisch aktiv. Er veröffentlichte das Werk „Dichter. Ein Traumspiel“ und fungierte 1919 in Wien als Redakteur sowie zeitweise als Herausgeber der anarchistisch-pazifistisch Expressionisten-Zeitschrift „Aufschwung. Zeitschrift der Jüngsten“ und des gleichnamigen Verlages. Neben Arbeiten von heute teils vergessenen jungen Autor:innen – wie der Grafikerin Maria Szanto (1899-1988), der Schwester seiner Frau Piroska – enthielt das Blatt Beiträge prominenter Persönlichkeiten wie Franz Werfel (1890-1945), Gabriele d’ Annunzio (1863-1938), Friedrich Gustav Heinrich Stadelmann (1865-1948), des Journalisten Josef Kalmer (1898-1959), des Malers Georg Tappert (1880-1957) oder des Anarchisten Erich Mühsam (1878-1934).[1] Weiters schrieb Sternberg für die Literaturzeitschrift „Die Zeit im Buch“ und für „Die Aktion[2].

Wiener Kommunal-Kalender und städtisches Jahrbuch, Wien 1919.

Nach dem Studium führte er zunächst eine private Arztpraxis in Wien 15, Märzstraße 3, und publizierte 1926/1927 Fachaufsätze wie „Erfahrungen mit Peristaltin bei habitueller Obstipation[3] und „Über Nachtschweiß der Phtisiker“.[4] Gemeinsam mit Ernst Paulsen (Pollak) (1894-1965) führte er an der 3. Medizinischen Abteilung an der Rudolfstiftung Untersuchungen durch, die 1927 in der Arbeit „Wahl und Wertbestimmung antazider Mittel“ mündeten.[5]

Heilanstalt Alland

Ab 1927 war Sternberg als Sekundararzt sowie Haus- und Stationsarzt an der Lungenheilstätte Alland im Wienerwald tätig. Dort widmete er sich der Erforschung der Lungen- und Tuberkuloseerkrankungen und veröffentlichte eine Reihe von Arbeiten, darunter „Zur Behandlung der Grippe als Mischinfektion[6] und „Muskelzeichen bei Lungentuberkulose[7] sowie „Untersuchungen über das periphere und perifokale Blutbild bei Lungentuberkulösen“. Es folgten Studien „Über konservative Behandlung tuberkulöser Knochenprozesse“ und die „Konstitutionstherapie der Lungentuberkulose“.[8]

Nach seinem Ausscheiden in Alland führte er ab 1933 eine Praxis in Wien 15, Goldschlagstraße 1.[9]

Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft waren Tobias Sternberg und seine Ehefrau nach dem „Anschluss“ im März 1938 der nationalsozialistischen Verfolgung ausgesetzt. Ihnen gelang die Flucht nach England. Nach einer Phase der Internierung konnte Sternberg 1941 seine medizinischen Qualifikationen erneut bestätigen (L.R.C.P., L.R.C.S. Edinburgh, L.R.F.P.S. Glasgow 1941) und erhielt im selben Jahr die britische Zulassung.[10] In Großbritannien etablierte sich Sternberg als Hausarzt im Londonder Stadtteil Highgate und arbeitete als Consultant Psychiatrist am St. Mary’s Hospital.[11]

Sein Adoptivsohn, der spätere Psychiater Michael Paul Sternberg (1933-2021), war der Sohn von Lilla Szanto (1910-1996), der Schwester seiner Frau, der die Flucht nach England erst später gelang.

Tobias Sternberg verstarb am 1. Jänner 1978 in London.

Quellen:

UAW, Med. Fakultät, Nationalien/Studienkataloge, Sign. 134-0851, Sternberg Tobias (Nationalien Datum: 1918/19).

UAW, Rektorat, Med. Fakultät, Rigorosen- und Promotionsprotokolle, Sign. 196-0819, Sternberg Tobias (Rigorosum Datum: 3.7.1925).

UAW, Rektorat, Med. Fakultät, Rigorosen- und Promotionsprotokolle, Sign. 193-1212, Sternberg Tobias (Promotion Datum: 13.7.1925).

Matriken der IKG Wien, Heiratsbuch 1926, Sternberg Tobias, Szanto Piroska.

Home Office: Aliens Department: Internees Index, 1939-1947, Internees at Liberty in the UK, Sternberg Piroska.

Home Office: Aliens Department: Internees Index, 1939-1947, Internees at Liberty in the UK, Sternberg Tobias.

England and Wales, Death Registration Index 1837-2007, Tobias Sternberg, 1977.

Literatur:

Sternberg, Tobias: Untersuchungen über das periphere und perifokale Blutbild bei Lungentuberkulösen. Mit 4 Abbildungen im Text. Sonderdruck aus: Beiträge zur Klinik der Tuberkulose. Berlin: Verlag von Julius Springer 1929.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

Sternberg, Tobias: Über konservative Behandlung tuberkulöser Knochenprozesse. Sonderdruck aus: Zeitschrift für Tuberkulose. Leipzig: Johann Ambrosius Barth 1931.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

[1] https://verlagsgeschichte.murrayhall.com/?page_id=284#Heading10

[2] Die Aktion. Wochenschrift für Politik, Literatur, Kunst, 1925.

[3] Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 35, 1926, S. 1052-1053.

[4] Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 43, 1926, S. 1285.

[5] Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 4, 1927, S. 137-138.

[6] Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 19, 1927, S. 626.

[7] Medizinische Klinik, Nr. 2, 1927, S. 49-50.

[8] Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 7, 1933, S. 208-209.

[9] Medizinische Klinik, Nr. 42, 1933, S. 2.

[10] The Lancet, 8.2.1941, S. 200.

[11] British Medical Journal, 14. Januar 1978, S. 119.

Normdaten (Person):  : BBL: ; GND:

VAN SWIETEN BLOG der Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien
BBL:   48569 (23.02.2026)
URL: https://ub.meduniwien.ac.at/blog/?p=48569

Letzte Aktualisierung: 2026.02.23

Logo Margrit Hartl

Schreibe einen Kommentar