Schlagwort-Archiv: Radium-Heilanstalt

Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [367]: Gottlieb, Leopold – Balneologe, Radiumtherapeut, ärztlicher Leiter der Radium-Kuranstalt in St. Joachimsthal, Oberbezirksarzt im Statthalterei-Department Böhmen

Gottlieb, Leopold – Balneologe, Radiumtherapeut, ärztlicher Leiter der Radium-Kuranstalt in St. Joachimsthal, Oberbezirksarzt im Statthalterei-Department Böhmen

Autor: Dr. Walter Mentzel

Published online: 14.04,2026

Keywords: Balneologe, Radiumtherapeut, Radium-Kuranstalt, Oberbezirksarzt, Medizingeschichte, Böhmen, St. Joachimsthal, Wien

Leopold Gottlieb wurde am 17. März 1852 in Kardas Recic in Böhmen (heute: Kardašova Řečice/Tschechien) als Sohn des Strohhändlers Gabriel Gottlieb (1809-1896) und Johanna (1812-1870), geborene Straus, geboren. Er war mit Caroline Fürth (1858-1932) verheiratet; aus dieser Ehe ging der Sohn Erich Gottlieb-Fürth hervor.

Nach dem Schulabschluss in Neuhaus (heute: Jindřichův Hradec/Tschechien) studierte er Medizin an der Universität Wien, wo er am 14. Juni 1878 promovierte. Anschließend war er bis 1886 als Arzt in Kardas Recic tätig. Im Jahr 1889 wurde er zum Bezirksarzt in Joachimsthal (heute: Jáchymov/Tschechien) ernannt. 1892 folgte seine Ernennung zum Sanitätsassistenten für den Sanitätsbezirk Joachimsthal,[1] 1894 zum landesfürstlichen Bezirksarzt[2] und 1910 schließlich zum Oberbezirksarzt.[3] 1895 hatte Gottlieb vom Minister des Inneren eine besondere Anerkennung für seine Verdienste bei der Abwehr der Cholera in Böhmen erhalten.[4] 1908 wurde ihm der Titel eines kaiserlichen Rates verliehen.[5]

Radium-Kuranstalt Joachimsthal

In Joachimsthal befasste sich Gottlieb mit der Erforschung und den Möglichkeiten der medizinischen Nutzung des Radiums, das 1898 von der Physikerin Marie Curie (1867-1934) gemeinsam mit Pierre Curie (1859-1906) im Joachimsthaler Uranerz entdeckten worden war und wofür beide 1903 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden. Zunächst richtete er in einer Bäckerei eine provisorische Badeeinrichtung ein, in der er durch die Auslaugung von Abfallrückständen aus der Uranfabrik in Jáchymov Radium und Polonium gewonnen werden konnten. Die darauf gerichtete Aufmerksamkeit sowie die Messung der Radioaktivität erfolgten in Zusammenarbeit mit seinem Partner Josef Step (1863-1926), Oberbergrat und Leiter der Bergbau- und Hüttenverwaltung in Jáchymov.

Moderne illustrierte Zeitung für Reisen und Sport, Nr. 7, 1912, S. 17.

1906 erhielt Gottlieb vom Ackerbauministerium die Genehmigung zur Entnahme radioaktiven Grubenwassers aus dem Danielli-Stollen der Elias-Grube des Uranbergwerkes in Joachimsthal zur therapeutischen Nutzung in Radiumbädern.[6] 1907 berichtete er in der Zeitschrift „Illustriertes Bade-Blatt“ über „Die Wirkung und Anwendung der Joachimsthaler radioaktiven Grubenwässer“.[7]

1908 wurde die Radiumquelle provisorisch in Betrieb genommen, zugleich begann die Planung einer Badeanstalt für die dort angebotene Radiumtherapie sowie eines Kurhotels in Joachimsthal,[8] die 1910/11 fertiggestellt wurden. Ebenfalls 1910 veröffentlichte er die Studie „Die Joachimsthaler radioaktiven Wässer in der Therapie“.

Moderne illustrierte Zeitung für Reisen und Sport, Nr. 7, 1912, S. 29.

Die internationalen Kurgäste wie der britische König Edward VII (1841-1910) und der Schriftsteller Karl May (1842-1912) belegen die internationale Attraktivität des Kurortes.

Seit 1912 lebte er in Prag.

Leopold Gottlieb verstarb am 21. Juni 1916 in Aussig an der Elbe (heute: Ústí nad Labem/Tschechien).

Quellen:

UAW, Med. Fakultät, Nationalien/Studienkataloge, Sign. 134-0096, Gottlieb Leopold (Nationalien Datum: 1874/75).

UAW, Rektorat, Med. Fakultät, Rigorosen- und Promotionsprotokolle, Sign. 177-109a, Gottlieb Leopold (Rigorosum Datum: 1875).

UAW, Rektorat, Med. Fakultät, Rigorosen- und Promotionsprotokolle, Sign. 186-793, Gottlieb Leopold (Promotion Datum: 14.6.1878).

Literatur:

Gottlieb, Leopold: Die Joachimsthaler radioaktiven Wässer in der Therapie. Sonderdruck aus: Wiener medizinische Wochenschrift. Wien: Verlag von Moritz Perles, k. und k. Hofbuchhandlung 1910.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

[1] Prager Abendblatt, 26.8.1892, S. 3.

[2] Prager Abendblatt, 12.8.1894, S. 5.

[3] Teplitz-Schönauer Anzeiger, 21.12.1910, S. 13.

[4] Prager Tagblatt, 6.5.1895, S. 4.

[5] Deutsch-Englischer-Reise Courier, Nr. 2, 1908, S. 9.

[6] Neue Freie Presse, 8.4.1907, S. 8.

[7] Illustriertes Bade-Blatt

[8] Prager Tagblatt, 15.9.1908, S. 4.

Normdaten (Person):  : BBL; GND:

VAN SWIETEN BLOG der Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien
BBL:  49274 (14.04.2026)
URL: https://ub.meduniwien.ac.at/blog/?p=49274

Letzte Aktualisierung: 2026.04.14

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [125]: Julius Berdach – Werksarzt, Leiter der Radium-Heilanstalt St. Pölten, NS-Verfolgter

Julius Berdach – Werksarzt, Leiter der Radium-Heilanstalt St. Pölten, NS-Verfolgter

Text: Dr. Walter Mentzel

Julius Berdach wurde am 11. November 1864 in Tyrnau in Ungarn (heute: Trnava/Slowakei) als Sohn von Adam Zadik Berdach und Julie Jittel (1841-1895), geborene Sidon, geboren, und war der Cousin des Mediziners Carl Berdach. Berdach studierte an der Universität Wien Medizin und arbeitete nach der Promotion im Jahr 1891 als Kassenarzt in Wien 2.[1] Von 1895 bis 1910 war er als Gerichtsarzt und Werksarzt im Bergrevier in Trifail (heute: Terbovlje) sowie im Bruderladespital in Trifail als Primararzt und daneben ehrenamtlich als Schularzt tätig. 1908 erschien von ihm ein Artikel zur Schularztfrage in der Steiermark.[2] 1900 erschien von ihm eine Arbeit über die 1898 in Trifail auftretende Meningitis-Epidemie,[3] 1901 seine Studie zu „Zwei Fälle von Stromeyer’sche Verrenkungsbrüche“[4] und 1902 ein Aufsatz „Ein Fall von traumatischer, isolierter Luxation des Metacarpus indicis“.[5] 1904 publizierte er die beiden Arbeiten „Beitrag zur Kenntnis der traumatischen Lucation der Handgelenke“[6] und „Beitrag zur Kasuistik der Interphalanealluxation“.[7]

In der Separata-Bibliothek der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin befinden sich fünf Arbeiten von ihm:

Berdach, Julius: Beitrag zur Kasuistik der Interphalangealluxation. Aus dem Bruderladespital in Trifail. Sonderdruck aus: Wiener klinische Wochenschrift. Wien: Wilhelm Braumüller k.u.k. Hof- und Universitäts-Buchhändler 1904.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata-Bibliothek]

Berdach, Julius: Beitrag zur Kenntnis der traumatischen Luxation der Handgelenke. Aus dem Bruderlade-Spital in Trifail. Sonderdruck aus: Wiener klinische Wochenschrift. Wien und Leipzig: Wilhelm Braumüller k.u.k. Hof- und Universitäts-Buchhändler 1904.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata-Bibliothek]

Berdach, Julius: Bericht über die Meningitis-Epidemie in Trifall im Jahre 1898 (Mit 1 Abbildung im Text und 1 Tafel). Sonderdruck aus: Deutsches Archiv für Klinische Medicin. Leipzig: Druck von August Pries 1900.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata-Bibliothek]

Berdach, Julius: Mittheilungen aus der ärztlichen Praxis. Zwei Fälle von „Stromeyer´schen Verrenkungsbrüchen“. Sonderdruck aus: Wiener klinische Wochenschrift. Wilhelm Braumüller k.u.k. Hof- und Universitäts-Buchhändler 1901.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata-Bibliothek]

Berdach, Julius: Ein Fall von traumatischer, isolirter Luxation des Metacarpus indicis. Aus dem Bruderladespital in Trifail. Sonderdruck aus: Wiener klinische Wochenschrift. Wien und Leipzig: Wilhelm Braumüller k.u.k. Hof- und Universitäts-Buchhändler 1902.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata-Bibliothek]

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges leitete er zunächst das Militärspital in Stockerau, wohin er auch seine private Arztpraxis verlegte. Danach war er ab 1916 als Chefarzt im Flecktyphusspital in Gröding und zuletzt im Kriegsspital in St. Pölten im Einsatz. Hier arbeitete er ab 1916 auch als Kassenarzt.[8] 1925 wurde er mit der Leitung des im selben Jahr eröffneten Radium-Heilanstalt in St. Pölten betraut.[9] In den frühen 1930er Jahren hielt er Radiovorträge im Rahmen der Sendereihe „Stunde der Kammer für Arbeiter und Angestellte“.[10] 1935 erhielt er den Titel eines Medizinalrates.[11]

Julius Berdach und seine Familie waren jüdischer Herkunft und wurden im Juni 1938 von St. Pölten nach Wien zwangsumgesiedelt, wo er mit seiner Ehefrau Olga (1865-1942) und seinem Cousin Carl Berdach in einer Sammelwohnung in Wien 1, Neutorgasse 15/7 lebte und von wo sie gemeinsam am 14. Juli 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert wurden. Julius Berdach wurde am 16.3.1943, seine Ehefrau Olga am 15.11.1942 ermordet. Seine Tochter Michaela Ellyson (Edelstein) (*17.1.1893) sowie deren Tochter Daisy Agnes (*16.3.1920 Wien), die zuletzt ebenfalls in einer Sammelwohnung in Wien 1, Neutorgasse 15 lebten,  wurden am 17. Juli 1942 in das KZ Auschwitz deportiert und ermordet.

Quellen:

AUW, Med. Fak, Nationalien/Studienkataloge (1862-1938), Sign. 134, Zl. 223 Berdach Julius (Nationalien Datum 1886/87).

AUW, Med. Fak, Promotionsprotokoll (1890-1894), Sign. 187, Zl. 456, Berdach Julius (Promotion 23.12.1891)

ÖStA, AdR, E-uReang, VVSt, VA, Zl. 8.903, Berdach Julius (11.11.1864).

Olga, geborene Reiner. Geb. 12.2.1865 Wien.

Memorbuch: Juden in St. Pölten.

Arolsen-Archiv, Inhaftierungsdokumente, Deportationen und Transporte, Deportationen aus dem Gestapobereich Wien (1939-1945), Transport 31: Deportation von Wien nach Theresienstadt, 14.07.1942 (Berdach Julius und Olga).

Opferdatenbank: Ghetto Theresienstadt: Berdach Julius.

[1] Wiener Medizinische Wochenschrift. 20.2.1892. Sp. 329.

[2] Grazer Tagblatt. 2.9.1908. S. 4.

[3] Internationale klinische Rundschau. Nr. 8. 1901. S. 133.

[4] Wiener Klinische Wochenschrift. 19.9.1901. S. 892-894.

[5] Wiener Klinische Wochenschrift. 11.9.1902. S. 940-942.

[6] Wiener Klinische Wochenschrift. 25.2.1904. S. 215-218.

[7] Wiener Klinische Wochenschrift. 29.9.1904. S. 1033-1034.

[8] St. Pöltner Bote. 6.7.1916. S. 5.

[9] St. Pöltner Bote. 16.7.1925. S. 4.

[10] Radio Wien. 30.1.2.1932. S. 48.

[11] Wiener Medizinische Wochenschrift. 6.4.1935. Sp. 423.

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