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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [124]: Andreas Witlacil – Sozialhygieniker, Mitorganisator des Sanitätswesens in Wien und Polizeichefarzt der Polizeidirektion Wien

Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [124]:

Andreas Witlacil – Sozialhygieniker, Mitorganisator des Sanitätswesens in Wien und Polizeichefarzt der Polizeidirektion Wien

Text: Dr. Walter Mentzel

Andreas Witlacil war mehr als fünf Jahrzehnte als Arzt und Sozialhygieniker in zahlreichen ärztlichen und medizinischen Standes- und Verwaltungsorganisationen tätig, in denen er auf die sanitäre Entwicklung der Stadt Wien während der Stadterweiterung im 19. Jahrhundert und der damit einhergehenden Neuorganisation der medizinischen Verwaltung Einfluss nahm. Für ihn gehörte eine wohlorganisierte Armenkrankenpflege zu den ersten und dringlichsten Aufgaben einer Großstadt. Besondere Verdienste erwarb er sich bei der Organisation des polizeiärztlichen Dienstes. Daneben entfaltete er eine immense publizistische Tätigkeit als Mitbegründer der Wiener medizinischen Wochenschrift und Redaktionsmitglied in der Zeitschrift Der Militärarzt, wo er zahlreiche wissenschaftliche Abhandlungen und Rezensionen und unter den Rubriken „Feuilletons“, „Jahresrevuen“ publizierte. Zahleiche Artikel versah er mit dem Autoren-Kürzel „(W)“.

Andreas Witlacil wurde am 12. November 1817 in Wien am Spittelberg unter dem Taufnamen Andre Joseph als Sohn des k.k. Hof-Kutschers Joseph Witlacil und Christina, geborene Zichner, geboren. 1846 heiratete er Maria Amalia Eichinger. Seine Tochter Amalie war mit dem Mediziner Karl Hammerschmidt verheiratet, der unter dem Namen Abdullah Bay Professor an der medizinischen Schule in Konstantinopel wirkte, nachdem er als Teilnehmer an der Revolution von 1848 aus Wien in das osmanische Reich geflüchtet war.[1]

Abb. 1    Österreichische Illustrierte Zeitung. 13.8.1905. S. 5.

Witlacil studierte an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien und promovierte im März 1846. In seiner Dissertation beschäftigte er sich mit der Entwicklung einer Propädeutik der medizinischen Statistik, einem Thema, das er später in seinen vielfältigen beruflichen Arbeitsfeldern und Funktionen forcierte.

Witlacil, Andreas: Dissertatio Inauguralis Medico-Statistica Sistens Principa Statisticae Medicinalis |b Quam Consensu Et Auctoritate Illustrissimi Et Magnifici Domini Praesidis Et Directoris, Perillustris Et Spectabilis Domini Decani Nec Non Clarissimorum Ac Celeberrimorum D.D. Professorum Pro Doctoris Medicinae Laurea Summisque In Medicina Honoribus Et Privilegiis Rite Et Legitime Consequendis In Antiquissima Ac Celeberrima Universitate Vindobonensi Publicae Disquisitioni. In theses adnexas disputabitur in Universitatis aedibus die 14. mensis Martii 1846. Wien: Typis Congregationis Mechitaristicae 1846.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Historische Dissertations-Bibliothek, Sign.: D-4432]

Seine Dissertation erschien noch im selben Jahr in deutscher Übersetzung unter dem Titel:

Witlacil, Andreas: Die Grundzüge der medicinischen Statistik entwickelt und kritisch beleuchtet. Wien: gedruckt bei den P.P. Mechitaristen 1846.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Josephinische Bibliothek, Sign.: JB 5670]

Abb. 2    Titelblatt: Witlacil: Die Grundzüge der medicinischen Statistik […]. Wien: 1846.

Die Massenarmut in Wien im Vormärz und die Revolution von 1848

Sein Interesse für die Ursachen und Folgen der Massenarmut in Wien im Vormärz führten Witlacil neben seinem sozialen Engagement, zu seinen ersten wissenschaftlichen Arbeiten und schließlich zur aktiven Teilnahme an der Revolution von 1848. 1846 wirkte er im gerade gegründeten Wiener allgemeinen Hülfs-Verein[2] mit, der sich die Linderung des Massenelends sowie der Hungersnöte der 1840er Jahre in den Wiener Vorstädten zum Ziel gesetzt hatte. Ein Jahr darauf publizierte Witlacil in der Zeitschrift des Vereins für Deutsche Statistik eine Studie zu den „Verhältnissen der handarbeitenden Bevölkerung Wiens“,[3] die er 1848 – bereits unter dem Eindruck der Revolution – mit seinem Aufsatz „Vorschläge zur Verbesserung der Lage der handarbeitenden Bevölkerung Wiens“ fortsetzte[4]. Bereits die 1846 in dieser Zeitschrift mit dem Autorenkennzeichen „Dr. W“ erschienen Artikel zur „Bewegung der Bevölkerung Wiens im Verwaltungsjahr 1846“ dürften ihm zuzuordnen sein. Diese ersten von ihm erhaltenen Arbeiten zeichnen sich durch eine hohe Dichte an quantitativen Material aus, mit der er akribisch die konkreten Lebensverhältnisse der handarbeitenden Bevölkerung zu beschreiben versuchte und Vorschläge zur Verbesserung deren Lebenssituation zog. Während der Revolution von 1848 gründete er im Juli den Wiener Arbeiterklub „Concordia“, der neben dem Allgemeinen Arbeiterverein, der zweitälteste Arbeiterverein in der 1848er Revolution war und bis Oktober 1848 bestand. Daneben gab er bis September 1848 die Zeitung „Concordia – Politisch-sociales Wochenblatt für die Arbeiterschaft“ heraus.[5] Als Mitglied der Garde der akademischen Legion und Verfasser der Flugschrift „An die gesammten arbeitenden Volksklassen in Wien und der Umgebung“,[6] strebte er die Bildung eines eigenen Arbeiter-Korps an.[7] Im Mai unterbreitete er in einem von ihm veröffentlichten Brief an den pädagogischen Verein in Wien Vorschläge zur Volksbildung und Volkserziehung und forderte die „tüchtigen Geister“ auf sich „zu erheben, um mit vereinten Kräften das Licht der Aufklärung durch alle Schichten der Gesellschaft zu verbreiten und insbesondere das Volk zur politischen Reife heranzubilden.“[8]

Arzt und Förderer der Statistik in der Medizin

Seine Aktivitäten während der Revolution von 1848 blieben nach deren Niederschlagung ohne Folgen auf seine weitere berufliche Karriere. Von 1849 bis 1856 arbeitete er als Sekundararzt im Allgemeinen Krankenhaus in Wien, wo er sich u.a. mit der Herstellung und Aufbereitung der Spitalsstatistik beschäftigte, aus der die von ihm verfassten und redigierten „Jahresberichte des Wiener k.k. allgemeinen Krankenhauses“ hervorgingen, die regelmäßig im Wochenblatt der Zeitschrift der k.k. Gesellschaft der Ärzte zu Wien erschienen. Im Juli 1856 wies Witlacil in einem Artikel in der Wiener medizinischen Wochenschrift auf den Nutzen statistischer Erhebungen auf dem Gebiet der Medizin hin und prangerte den bisher gepflegten „statistischen Dilettantismus“ an. Zu dessen Abhilfe forderte er die flächendeckende Einführung standardisierter Formulare in den ärztlichen Anstalten und die Errichtung eines eigenen statistischen Büros.[9] Im November 1856 stellte Carl Ludwig Sigmund (1810-1883) – ein Anhänger von Ignaz Semmelweis – in der Gesellschaft der Ärzte in Wien den Antrag zur Bildung eines Komitees für medizinische Statistik, das sich mit der Frage der Bearbeitung und Zusammenführung der an den einzelnen Anstalten vorhandenen statistischen Daten befassen sollte,[10] und dem Witlacil hinzugezogen wurde.[11] Über den im April/Mai 1857 durchgeführten Internationalen statistischen Kongress in Wien, an dem die medizinische Statistik ein Themenblock war, berichtete Witlacil ausführlich.[12]

Nach Beendigung seines Dienstverhältnisses im AKH Wien war er zwischen 1856 und 1871 als Armenarzt in den Wiener Bezirken Josefstadt und als Polizeiarzt in Ottakring,[13] sowie von Juni 1871 bis 1887 als Bezirksarzt in der damaligen Bezirkshauptmannschaft Hernals,[14] und danach zwei Jahre bis 1889/90 in der Bezirkshauptmannschaft Währing tätig. Seit 1859 arbeitete er noch als Gerichtsarzt in Hernals, was sich auch in einigen Artikel zur Gerichtsmedizin niederschlug.[15] Während dieser Jahre beschäftigte er sich sowohl als Polizeiarzt als auch als Publizist mit der Organisation von Maßnahmen zur Hebung der Sanitätspflege[16] und mit den in Wien epidemisch auftretenden Erkrankungen, wie 1852 mit seinen „Bemerkungen zur Frage über die Kontagiosität der Cholera und der epidemischen Krankheiten überhaupt“,[17] oder 1866 über die Cholera-Epidemie in den Vororten Wiens in Ottakring, Hernals und Neulerchenfeld, die er statistisch zu erfassen versuchte und darüber 1867 mehrere Artikel [1. Teil, 2. Teil, 3. Teil, 4. Teil, 5. Teil, 6. Teil, 7. Teil) publizierte.[18] 1872 nahm er am III. Internationalen medizinischen Kongress in Wien teil, wo er zur Frage der Quarantäne bei Cholera-Epidemien referierte.[19] 1879 publizierte er eine Artikelserie zu „Die Abwehr der Pest“.[20]

Witlacils Tätigkeiten in den ärztlichen Standesorganisationen des Doktoren-Kollegiums, der Gesellschaft der Ärzte in Wien, des niederösterreichischen Sanitätsrates und des Vereins niederösterreichischer Ärzte

Witlacil war Zeit seines Berufslebens in hohen Funktionen zahlreicher Standes- und medizinischer Verwaltungsgremien vertreten. Er war Mitglied der Gesellschaft der Ärzte in Wien, zu deren Sekretär er 1851 ernannt worden war.[21] Im selben Jahr erfolgte seine Wahl in den Ausschuss des Doktoren-Kollegiums der Medizinischen Fakultät, dem zu dieser Zeit wichtigsten Vertretungsorgan der Ärzteschaft, dem er in mehreren Funktionen angehörte,[22] darunter auch als Bibliothekar und Bearbeiter des Bibliothekskataloges.[23] Mit seiner 1852[24] ersten und 1868 letztmalig erfolgten Wahl in den Geschäftsrat[25] und 1871 mit seiner Wahl zum Obmann des Geschäftsrates des Doktoren-Kollegiums,[26] war er in den zentralen Fragen der Interessensvertretung der Ärzteschaft sowie der Weiterentwicklung des Sanitätswesens der Habsburgermonarchie involviert. Darunter etwa 1862 bei der Revision des Sanitätsgesetzes.[27] Früh trat er gegen die im September 1849 vollzogenen Trennung zwischen einem Professoren– und einem Doktoren-Collegium auf und für die Wiederherstellung der Einheit zwischen den Professoren und Doktoren-Kollegium ein.[28] 1869 spaltete er das Doktoren-Kollegium und gründete innerhalb diesem den Reformklub,[29] mit dem er eine Reform des Doktoren-Kollegiums zu bewerkstelligen versuchte.[30] 1870 kandidierte er als Vertreter des liberalen Reform-Clubs (1872-1878), einer Abspaltung von jungen Akademikern von der Liberalen Partei, zur Wahl des Obmannes des Doktoren-Kollegiums,[31] nachdem er zuvor in einem offenen Brief die von ihm als „ultrakonservativ“ bezeichnete Ärzteschaft kritisiert hatte. Als Vertreter der Reformgruppe forderte er eine Demokratisierung und Neuorganisation des Kollegiums unter Einbeziehung aller Ärzte Niederösterreichs und Wiens und die Bildung eigener Kollegien in den Kronländern der Habsburgermonarchie mit dem Ziel Fragen der Sanitätsverwaltung durch alle Ärzte vertreten zu lassen. Seine Vorstellungen und seine Kritik am bestehenden System formulierte er in einem Artikel in der Wiener medizinischen Wochenschrift im Jahr 1870.[32] Angesichts seines geringen Erfolges bei seinen Reformvorhaben schlug er 1873 die Gründung einer Ärztekammer für die Habsburgermonarchie und damit eine neue gesetzliche Vertretung der Ärzte vor.[33]

1874 initiierte er den Verein der Ärzte in Niederösterreich, wo er von Beginn bis noch nach seiner Pensionierung 1902 letztmalig zum Präsidenten gewählt wurde.[34] Ebenso war er Gründer des Österreichischen Ärzteverbandes, einer Dachorganisation der zu dieser Zeit bestehenden Ärztevereine.

Witlacil gehörte dem niederösterreichischen Landessanitätsrat seit dessen Gründung im Jahre 1870 an. 1874 erfolgte seine Ernennung zum ordentlichen Mitglied,[35] seit 1880 wurde er regelmäßig zum Vorsitzenden-Stellvertreter gewählt, und noch nach seiner Pensionierung im November 1901 blieb er Mitglied des Rates. In diesem Gremium arbeitete er wesentlich an einer Neuordnung der Sanitätsdienstes in Niederösterreich, Wien und seiner Vororte mit, mit der er eine höhere Zentralisation und einen stärkeren staatlichen Einfluss zu bewirken versuchte.[36] Als Delegierter des Landessanitätsrates wurde er 1883 zur hygienischen Ausstellung nach Berlin, 1891 zum internationalen hygienischen Kongress in London,[37] und 1895 zum Kongress nach Budapest entsandt. Als Funktionär des Landessanitätsrates kritisierte er über Jahrzehnte die hygienischen und sanitären Mängel in der Stadtentwicklung und bemühte sich um den Aufbau einer modernen Sanitätsverwaltung zur Gestaltung einer gerechten und humanitären Großstadt. Dazu forderte er die Übernahme des Sanitätsdienstes in die organisatorische Obhut der Stadt Wien und eine Neuorganisation der Bezirks- und Armenärzte ein, sowie Maßnahmen zu den Folgen der rasanten Industrialisierung Wiens. Bereits 1865 hatte er einen Artikel unter dem Titel „Eine Lebensfrage für Wien“ veröffentlicht, in dem er auf die zunehmende Verschmutzung der Stadt im Zuge der Ansiedlung von Gewerbe und Industrie inmitten der neubebauten Wohnsiedlungen hinwies und strenge städteplanerische Eingriffe forderte.[38] Weiters publizierte er in den 1860er Jahren zu Fragen der Lebensmittelkunde wie der „Lösung der Trichinenfrage“[39] und forderte dementsprechend in seiner Funktion im Doktoren-Kollegium strenge sanitätspolizeiliche Gesetze.[40] In diesem Zusammenhang war er auch im „Comite gegen sanitäts-polizeiliche Gesetzesübertretungen“ vertreten.[41] Er setzte sich für die Modernisierung der Kanalisation Wiens ein, für die Reform und den Ausbau psychiatrischer Anstalten sowie öffentlicher Krankenhäuser, trat für staatliche Pflege- und Erziehungsanstalten ein,[42] und kritisierte die in Wien herrschenden Wohnverhältnisse bedingt durch das Bettgehertum sowie die verfehlte Wohnungspolitik und Mietensteigerungen.[43] In den 1860er Jahren gehörte er der Kommission zur Reorganisierung des Lokal-Sanitätsdienstes in Wien und der Vororte an,[44] 1870 legte er einen weitgehenden Entwurf zu Maßnahmen „Zur Reform des Sanitätsdienstes“ vor,[45] dem 1879 zwei Artikel „Zur Organisation des hauptstädtischen Sanitätsdienstes“ (1. Teil, 2. Teil) in der Wiener Medizinische Wochenschrift[46] folgten, und 1888 formulierte er in einem Artikel seine Vorstellungen zu einer Vereinigung der Vororte Wiens mit der Kommune Wien.[47] 1892 forderte er die Errichtung von zwei voneinander getrennten Ärztekammern für Wien und Niederösterreich, unterbreitete Vorschläge zur Abhilfe der Umweltbelastung durch die Industrie- und Gewerbebetriebe, der Wasserverunreinigung, der Verbesserung der Schulgebäude, der Verbreiterung der engen Gassen, und der Schaffung von Parkanlagen, und der Notwendigkeit einer zentralen Organisation des städtischen Sanitätsdienstes und der Marktaufsicht und er Gesundheitsämter.[48] Ebenso forderte er seit 1888 ein Ministerium für Medizinalangelegenheiten, und damit ein Gesundheitsministerium.[49]

Daneben war Witacil in zahlreichen medizinischen und ärztlichen Gremien aktiv, darunter 1872 im Komitee zur größtmöglichen Verbreitung und der Organisation des Impfwesens,[50] als Mitglied in der 1881 gegründeten Gesellschaft für Gesundheitspflege und 1886 im vorbereitenden Komitee[51] für den 1887 stattfindenden internationalen Kongress für Hygiene und Demographie.[52] 1901 nahm er an dem in Wien tagenden Internationalen Kongress gegen den Alkoholismus teil.[53] Von Beginn an war er auch im 1868 gegründeten Verein Psychiatrische Gesellschaft (Verein für Psychiatrie) aktiv und in die Vereinsgremien gewählt worden.[54] Im Rahmen dieser Tätigkeit verfasste er eine Artikelserie unter dem Titel „Unsere Humanitätsanstalten und die Humanität“, in der er u.a. die Ökonomisierung der medizinischen Versorgung kritisierte (Teil 1 und Teil 2),[55] und publizierte seine Vereinsvorträge wie jenen „Der Selbstmord vom Standpunkte der Psychologie, der pathologischen Anatomie und der Gesetzgebung betrachtet“.[56] Weiters unterstützte er als Mitglied den Unterstützungsverein für mittellose Taubstumme,[57] und beteiligte sich im Komitee „Für die Erziehung und den Unterricht epileptischer Kinder“ zur Errichtung einer Heil- Erziehungs- und Unterrichtsanstalt für epileptische Kinder in Österreich“.[58]

Witlacil als Publizist und Mitbegründer der Wiener medizinischen Wochenschrift

Witlacil war Mitbegründer und Redaktionsmitglied der seit 1851 erscheinenden Wiener medizinischen Wochenschrift, in der er bis zu seinem Tod regelmäßig u.a. im Feuilleton publizierte, und der Zeitschrift Der Militärarzt. 1870 veröffentlichte er in einer achteiligen Artikelserie seine gewonnenen Reiseeindrücke in das osmanische Reich unter dem Titel „Nach Konstantinopel und Brussa“, die er zum Studium der Quarantänemaßnahmen unternommen hatte,[59] über seine zweite Reise in den Orient berichtete er 1872 in der Rubrik „Reisenotizen“,[60] und 1892 eine Arbeit über „Hygienisches aus London“. Weiters publizierte er hier zahlreiche Buchbesprechungen und berichtete Ausführlich über Personalentscheidungen in der Sanitätsverwaltung.

Witlacil als Leiter und Organisator der Wiener Polizeiärzte – 1892-1901

An der Spitze der kommunalen Armen- und Polizeiärzte stehend, forderte Witlacil schon in den 1860er Jahren eine Trennung des ärztlichen Polizeidienstes vom übrigen Sanitätsdienst sowie die Reorganisation des gesamten armen- und polizeilichen Sanitätsdienstes in Wien und der zum Polizeirayon gehörenden Vororte.[61] Im November 1892 erfolgte für ihn – 75-jährig – sein bisher größter Karrieresprung mit der Ernennung zum Polizei-Chefarzt der Polizeidirektion Wien, wofür er sich zuvor beworben hatte,[62] und bis zu seinem 85 Lebensjahr 1901 ausüben sollte. In dieser Funktion nahm er umgehend die Neugestaltung und Neusystematisierung des polizeiärztlichen und kommunalen Sanitätsdienstes in Angriff. Er schuf ein eigenes Sanitätsdepartment innerhalb der Polizeidirektion Wien und einen chefärztlichen Dienst, vor allem kam es zu einer massiven Aufstockung des Personalstandes. Nunmehr standen den Bezirken jeweils mindestens zwei Polizeiärzte zur Verfügung in Wien II sogar sieben, insgesamt 51.[63] 1893 publizierte er über seine einjährige Tätigkeit in dieser Funktion einen Aufsatz in „Das österreichische Sanitätswesen“, in dem er über den chefärztlichen Dienst, über das Gefangenenhaus und den Dienst in den Kommissariaten u.a. berichtete.[64] Hier forderte er für alle Frauen ein gesichertes Arbeitsverhältnis, um die Prostitution nachhaltig zu bekämpfen. In seiner öffentlichen Kritik an den desaströsen Wohnverhältnissen im Wien um 1900, die er auch als Nährboden für den grassierenden Antisemitismus erkannte, bezog er auch Bürgermeister Karl Lueger und die Stadtverwaltung mit ein, die er für die Versäumnisse und Fehlplanungen im Wohnungsbau und der fehlenden Maßnahmen zur Linderung der Wohnungssituation verantwortlich machte. Auch in der unter ihm erfolgten Einführung der „Jahresberichte des Chefarztes der k.k. Polizeidirektion in Wien“, die von ihm redigiert wurden und sich neben der Fülle an statistischen Daten durch die Einbeziehung der Bevölkerungsmeinung kennzeichnete, übte er eine schonungslose Kritik an den mangelhaften sanitären Verhältnissen wie der Straßenreinigung, dem Bauwesen und den schlechten Wohnungsverhältnissen, bis hin zu der von ihm konstatierten Verbreitung der Neurasthenie.

In der Separata-Bibliothek an der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin sind zwei von ihm redigierte Jahresberichte erhalten:

Witlacil Andreas: Aus dem Jahresberichte des Chefarztes der k.k. Polizeidirection in Wien für das Jahr 1899. Sonderdruck aus: Das österreichische Sanitätswesen. Wien: Verlag von Alfred Hölder, k.k. Hof- und Universitäts-Buchhändler 1901.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata-Bibliothek]

Witlacil Andreas: Aus dem Jahresberichte des Chefarztes der k.k. Polizeidirection in Wien für das Jahr 1900. Sonderdruck aus: Das österreichische Sanitätswesen. Wien: Verlag von Alfred Hölder, k.u.k. Hof- und Universitätsbuchhändler 1902.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata-Bibliothek]

Abb. 3    Titelblatt: Witlacil: Aus dem Jahresberichte des Chefarztes der k.k. Polizeidirektion in Wien […]

1901 schied Witlacil, nachdem er um die Versetzung in den Ruhestand erbeten hatte, und nach Genehmigung des Kaisers,[65] 85ig jährig aus dem Personalstand der Polizeidirektion Wien aus. Wenige Monate vor seinem Tod wurde er noch zum Ehrenmitglied der Gesellschaft der Ärzte in Wien ernannt.[66] Er verstarb am 6. August 1905 im 88. Lebensjahr.

Witlacil erhielt 1866 eine Auszeichnung wegen seiner Tätigkeit während der Cholera-Epidemie und 1888 das Ritterkreuz des Franz-Josephs-Ordens. Weitere Auszeichnungen erhielt er 1874 wegen der erfolgreichen Tätigkeit während der Cholera- und Blattern-Epidemie im Jahre 1873,[67] und wegen seiner Tätigkeit während der Schutzpockenimpfung 1874.[68] 1885 wurde er zum Ehrenbürger der Gemeinden Ober-Döbling[69] und 1887 von Nussdorf[70] ernannt. 1897 erhielt er den Titel Regierungsrat. Weiters war er Mitglied der Medizinischen Gesellschaft in Konstantinopel.[71]

Quellen:

Taufbuch, Erzdiözese Wien, St. Ulrich, Buch Nr. 42, Folio 93, Andreas Joseph Witlacil (geb. 12.11.1817).

Trauungsindex, Erzdiözese Wien, Schottenfeld, Folio 35, Witlacil Andreas; Eichinger Maria.

Taufbuch, Erzdiözese Wien, Maria Treu, 1850, Folio 59, Witlacil Amalia (geb. 1.2.1850).

Taufbuch, Erzdiözese Wien, Schottenfeld, 1847, Folio 103, Witlacil Franz (geb. 24.5.1847).

AUW, Med. Fak, Dekanat, Promotionsprotokolle, Sign. 176, Zl. 525, Witlacil Andreas (Promotions- Sponsions-Datum: 1846.03.31).

[1] Wiener Medizinische Wochenschrift. 5.9.1874. Sp. 803-804.

[2] Wiener Zeitung. 9.6.1847. S. 1267.

[3] Witlacil, Andreas: Verhältnissen der handarbeitenden Bevölkerung Wiens. In: Zeitschrift des Vereins für Deutsche Statistik I. Wien 1848. S. 177 ff.

[4] Witlacil, Andreas: Vorschläge zur Verbesserung der Lage der handarbeitenden Bevölkerung Wiens. In: Zeitschrift des Vereins für Deutsche Statistik I. Berlin. H.7. 1848. S. 640-646. [https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=umn.319510022621922&view=1up&seq=12].

[5] Arbeiter Zeitung. 21.7.1898. S. 4.

[6] Witlacil, Anderas: An die gesammten arbeitenden Volksklassen in Wien und der Umgebung, Dr. Witlacil, Garde der akademischen Legion, Stadt, Kumpfgasse Nr. 826. Anton Benko: Wien 1848.

[7] Fenner von Fennenberg (ehemaliger Ober-Kommandant der Wiener Volkswehr) Wiener Oktobertage. Geschildert und mit allen Aktenstücken belegt. Zweiter Theil. Leipzig: Verlagsbureau 1849. S. 42.

[8] Wiener Zeitung. 23.5.1848. S. 417.

[9] Wiener Medizinische Wochenschrift. 5.7.1856. Sp. 441-444.

[10] Wiener Zeitung. 7.11.1856. S. 4.

[11] Wiener Zeitung. 17.12.1856. S. 3738; Wiener Zeitung. 31.5.1857. S. 1582.

[12] Wiener Medizinische Wochenschrift. 5.7.1856. Sp. 651-653.

[13] Wiener Medizinische Wochenschrift. 5.11.1887. Sp. 1481.

[14] Wiener Medizinische Wochenschrift. 1.7.1871. Sp. 640.

[15] Wiener Medizinische Wochenschrift. 12.4.1862. Sp. 231-233; 29.11.1862. S. 759-760.

[16] Wiener Medizinische Wochenschrift. 20.1.1872. Sp. 68.

[17] Wiener Medizinische Wochenschrift. 13.3.1852. Sp. 175.

[18] Wiener Medizinische Wochenschrift. 13.3.1867. Sp. 323-325; 16.3.1867. Sp. 341-343; 20.3.1867. Sp. 356-357; 23.3.1867; Sp 371-373; 27.3.1867; Sp. 388-390; 30.3.1867. Sp. 406-408; 3.4.1867. Sp. 422-424.

[19] Neue Freie Presse. 20.2.1872. S. 6.

[20] Wiener Medizinische Wochenschrift. 19.7.1879. Sp. 793-795; 26.7.1879. Sp. 817-819; 2.8.1879. Sp. 845-847.

[21] Wiener Medizinische Wochenschrift. Nr. 9. 1851. Sp. 171.

[22] Wiener Medizinische Wochenschrift. Nr. 9. 1851. Sp. 619.

[23] Wiener Zeitung. 31.12.1851. S. 3891.

[24] Wiener Medizinische Wochenschrift. 1852. Sp. 791.

[25] Allgemeine Wiener medizinische Zeitung. 15.12.1868. S. 413.

[26] Wiener Medizinische Wochenschrift. 30.12.1871. Sp. 1272.

[27] Allgemeine Wiener medizinische Zeitung. 4.3.1862. S. 84.

[28] Wiener Zeitung, 24.7.1853. S. 1757.

[29] Wiener Medizinische Wochenschrift. 20.3.1869. 1851. Sp. 395.

[30] Wiener Medizinische Wochenschrift. 14.8.1869. Sp. 1098.

[31] Wiener Medizinische Wochenschrift. 8.10.1870. Sp. 1163; 31.12.1870. Sp. 1462.

[32] Wiener Medizinische Wochenschrift. 26.11.1851 Sp. 1339-1342.

[33] Wiener Medizinische Wochenschrift. 28.6.1873. Sp. 630.

[34] Wiener Medizinische Wochenschrift. 4.4.1874. Sp. 283. Nr. 22. 1877. Sp. 544; Allgemeine Wiener medizinische Zeitung. 8.10.1901. S. 470.

[35] Die Presse. 1.1.1874. S. 8

[36] Wiener Medizinische Wochenschrift. 1.7.1871. Sp. 632.

[37] Wiener Medizinische Wochenschrift. 15.8.1891. Sp. 1377-1379.

[38] Wiener Medizinische Wochenschrift. 6.5.1865. Sp. 639-641.

[39] Wiener Medizinische Wochenschrift. 14.2.1866. Sp. 211-214.

[40] Wiener Medizinische Wochenschrift. 18.4.1866. Sp. 497.

[41] Neue Freie Presse. 10.5.1866. S. 4-5.

[42] Die Presse. 19.12.1866. S. 9.

[43] Neue Freie Presse. 3.12.1903. S. 8.

[44] Wiener Medizinische Wochenschrift. 31.7.1869. Sp. 1033.

[45] Wiener Medizinische Wochenschrift. 12.1.1870. Sp. 67-71.

[46] Wiener Medizinische Wochenschrift. 16.8.1879. Sp 893-894; 23.8.1879. Sp. 917-920.

[47] Wiener Medizinische Wochenschrift. 28.4.1888. Sp. 581-584.

[48] Allgemeine Wiener medizinische Zeitung. 26.4.1892. S. 191.

[49] Neues Wiener Tagblatt (Tages-Ausgabe). 30.3.1888. S. 3.

[50] Deutsche Zeitung. 30.7.1872. S. 6.

[51] Wiener Medizinische Wochenschrift. 16.4.1881. Sp. 455.

[52] Wiener Medizinische Wochenschrift. 8.5.1886. Sp. 694.

[53] Neues Wiener Tagblatt (Tages-Ausgabe). 9.4.1901. S. 3.

[54] Wiener Medizinische Wochenschrift. 30.5.1868. Sp. 722; Neue Freie Presse. 28.1.1868. S. 7.

[55] Wiener Medizinische Wochenschrift. 29.8.1868. 1135-1137; 2.9.1868. Sp. 1149-1151.

[56] Wiener Medizinische Wochenschrift. 5.6.1869. 756-758; 9.6.1869. Sp. 774-775.

[57] Wiener Allgemeine Zeitung. 17.4.1888. S. 5.

[58] Wiener Medizinische Wochenschrift. 23.11.1895. Sp. 2044.

[59] Wiener Medizinische Wochenschrift. 30.7.1870. Sp. 909-911. 20.8.1870. Sp. 973-976; 27.8.1870. Sp. 997-998; 10.9.1870. Sp. 1047-1050; 17.9.1870. Sp. 1077-1079; 29.10.1870. Sp. 1235-1238; 14.1.1871. Sp. 39-41; 4.2.1871. Sp. 111-112.

[60] Wiener Medizinische Wochenschrift. 28.9.1872. Sp. 987-990; 5.10.1872. Sp. 1011-1014.

[61] Allgemeine Wiener medizinische Zeitung. 31.8.1869. S. 310.

[62] Wiener Medizinische Wochenschrift. 26.11.1892. Sp. 1862. Allgemeine Wiener medizinische Zeitung. 8.11.1892. S. 519.

[63] Wiener Medizinische Wochenschrift. 9.12.1893. Sp. 2028.

[64] Das österreichische Sanitätswesen. 1893.

[65] Deutsches Volksblatt. 16.11.1901. S. 3. Siehe auch stattdessen Wiener Zeitung. 7.6.1902. Sp. 1130.

[66] Neue Freie Presse (Abendblatt). 8.8.1905. S. 2.

[67] Wiener Medizinische Wochenschrift. 25.4.1874. Sp. 349.

[68] Wiener Zeitung. 14.8.1875. S. 2.

[69] Wiener Medizinische Wochenschrift. 24.1.1885. Sp. 122.

[70] Neue Freie Presse. 8.11.1887. S. 5.

[71] Deutsche Zeitung. 26.2.1874. S. 4.

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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [24]: Sigismund Peller: Die Ernährungsverhältnisse der Wiener Arbeiterschaft im Jahre 1925.

Sigismund Peller: Die Ernährungsverhältnisse der Wiener Arbeiterschaft im Jahre 1925.

Titelblatt1

Abbildung 1 Titelblatt: Peller: Statistik der Lebenshaltungskosten […]. Wien: 1928.

1925 veröffentlichte die Arbeiterkammer Wien eine unter der Leitung von Benedikt Kautsky (1894-1960), gemeinsam mit dem Sozialmediziner Sigismund Peller durchgeführte Studie in der sie die Ernährungsverhältnisse der Wiener Arbeiterschaft mit jenen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg verglich. Diese Studie wurde auch unternommen, da es zu dieser Zeit noch an exakten Berechnungen der Preisstatistiken und der Inflationsberechnungen fehlte, und die tatsächliche Lebenssituation der „Verbraucher“ unklar war. Dazu wurden über ein Jahr lang umfangreiche und detaillierte Erhebungen zu den Hauhalten (Familienstrukturen, Größe der Familien, Alter, Beruf, Wohnungsgröße u.a.), der Einnahmen (Einkommenssituation) und der ausgabenseitigen Lebenserhaltungskosten, insbesondere die anteiligen Ausgaben für die Ernährung von Arbeiterfamilien vorgenommen. Dabei wurde festgestellt, dass vor allem der nach dem Krieg in Wien eingeführte Mieterschutz, der auch eine Verbilligung des Wohnraumes brachte, eine wesentliche Entlastung für breite Bevölkerungsschichten Wiens darstellte. Neben detailliierten Erhebungen und Auswertungen der Struktur der Nahrungsmittelverbrauchs und der Ernährungsverhältnisse wurden diese mit den zeitgenössischen ernährungswissenschaftlichen Untersuchungen und Expertisen verknüpft, sodass im Vergleich zur Vorkriegszeit eine erhebliche Verschiebung in Richtung Fleischgenuss und der erhöhte Konsum an Obst, Zucker, Tier- und Pflanzenfetten und insgesamt ein ökonomischeres Wirtschaften breiter Bevölkerungsschichten, als vor 1914, konstatiert wurde. Mitberücksichtigt wurden die Differenzen zwischen den einzelnen Einkommensklassen und deren Auswirkungen auf die Ernährung und ausgabenseitigen Verteilung der Nahrungsmittelkonsumation.

Peller, Sigismund: Statistik der Lebenshaltungskosten und Ernährung von 42 Wiener Arbeiterfamilien im Jahre 1925. (= Sonderabdruck aus: Löhne und Lebenshaltungskosten der Wiener Arbeiterfamilie im Jahre 1925). In: Statistische Veröffentlichungen der Wiener Kammer für Arbeiter und Angestellte. 1928.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign. I 49000]

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Eine zeitgenössische Besprechung der Arbeit findest sich unter:[1]

Statistik

Abbildung 2 Peller: Statistik der Lebenshaltungskosten […]. Wien: 1928. Tabelle 11a. S. 16.

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=aze&datum=19280401&seite=7&zoom=46&query=%22dr.%2Bpeller%22&ref=anno-search

Die Studie konstatierte für das Jahr 1925 im Allgemeinen die Überwindung der Nahrungskrise der Kriegs- und Nachkriegsjahre, beanstandet jedoch noch erhebliche qualitative Unterschiede zwischen den Einkommensklassen. Insgesamt sollte mit dieser Studie die soziale Situation und Entwicklung umfassend dargestellt werden und Schlüsse daraus gezogen werden.

Sigismund Peller wurde als Sohn eines jüdischen Kaufmanns am 16.12.1890 in Tarnopol (heute Tarnopil/Galizien (heute Ukraine) geboren. Er studierte zunächst 1908/09 Rechtswissenschaften und zwischen 1909 und 1913 Medizin an der Universität Wien. 1914 promovierte er zum Doktor der Medizin. Er begann schon sehr früh sich mit statistischen Methoden und deren Anwendung in den medizinischen Forschungsfeldern zu interessieren: vor allem im Bereich der Sozialmedizin aber auch in der Krebsforschung, auf dem Gebiet er seit den 1920er Jahren bis in die 1960er Jahre arbeitete. 1914 erschien von ihm in der von seinem Lehrer, dem Sozialmediziner und Sozialhygieniker Prof. Ludwig Teleky (1872-1957), herausgegebenen Zeitschrift „Wiener Arbeiten aus dem Gebiet der sozialem Medizin“ eine Untersuchung über die Auswirkungen der sozialen Verhältnisse von Müttern auf die körperliche Entwicklung ihrer Neugeborenen[2] und 1917 eine Untersuchung in der Zeitschrift „Statistische Monatsschrift“ über die Morbidität im Wiener Drechslergewerbe.[3] Unmittelbar nach dem Krieg forschte Peller über die Auswirkungen des Krieges auf die Bevölkerung, vor allem auf jene der Kinder und Säuglinge – 1919: zur Frage des Rückganges der Geburten während des Krieges:

Peller, Sigismund: Rückgang der Geburtsmasse als Folge der Kriegsernährung. In: Wiener klinische Wochenschrift. (32/29) 1919.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 13259]

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Ebenfalls 1919 erschien seine Aufsatz „Die Ernährungsverhältnisse der Wiener Arbeiterbevölkerung (Jahre 1912-1914) in der Zeitschrift „Archiv für Soziale Hygiene und Demographie“ (Bd. 13, H. 1, S. 97-130) und 1920 ein Aufsatz über die Tuberkulosesterblichkeit:

Peller, Sigismund: Die Tuberkulosemortalität in Wien vor und nach dem Kriege. gbd. 10 S. Wien: Braumüller 1920. In: Wiener klinische Wochenschrift. (33/41) 1920.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 12353]

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Im selben Jahr veröffentlichte er eine historische Studie zur städtischen Mortalität im 18. Jahrhundert bei der er statistisches Material anhand der Totenbeschauprotokolle auswertete:

Peller, Sigismund: Zur Kenntnis der städtischen Mortalität im 18. Jahrhundert mit besonderer Berücksichtigung der Säuglings- und Tuberkulosesterblichkeit. In: Zeitschrift für Hygiene und Infektionskrankheiten. (90) [1920]. S. 227-262.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 5726]

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Während seiner Studentenzeit war Peller in der zionistischen Bewegung aktiv. 1914 bis 1916 war er im Flüchtlingslager Bruck an der Leitha in Niederösterreich als Arzt tätig und danach bis 1917 im Allgemeinen Krankenhaus in Wien. 1917 bis 1918 war er als Militärarzt in der österreichisch-ungarischen Armee eingerückt. 1918 bis 1923 arbeitete Peller als Arzt am Allgemeinen Krankenhaus in Wien, studierte daneben 1919 bis 1922 weiter an der Universität Wien. Eine universitäre Karriere blieb ihm in Wien jedoch verwehrt, dafür war er zu sehr in der Sozialdemokratischen Partei politisch exponiert. 1921 brachte Peller an der Universität Wien sein Habilitationsansuchen ein, das jahrelang verschleppt und sein Fall im Juli 1924 auch zum Gegenstand einer parlamentarischen Anfrage zum Thema „Die politische Universität Wien“ wurde. 1930/31 erfolgte die endgültige Ablehnung seines Habilitationsverfahrens.

1923 bis 1926 arbeitete Peller als Arzt an der Wiener Allgemeinen Poliklinik, und zwischen 1926 und 1929 ein erstes Mal in Palästina als Gesundheitsorganisator. Danach kehrte er nach Wien zurück und war hier bis 1933 als Direktor und Arzt des Wiener Städtischen Gesundheitsamtes tätig. Er setzte sich vehement für die Abschaffung des § 144 und der Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruches[4] und für weitere Sexualreformen ein, wie u.a. als Referent am Kongress der „Weltliga für Sexualreform“ in Wien im Juli 1930.[5] 1929 war er zum Mitglied des wissenschaftlichen Komitees der „Sozialistischen Vereinigung für Gesellschafts- und Wirtschaftsforschung“ bestellt worden.[6]

Er war Mitglied der „Vereinigung der sozialdemokratischen Ärzte Wiens“ und publizierte regelmäßig in deren Organ der „Sozialärztlichen Rundschau“ u.a. über Mieterschutz (Dezember 1932) und war in der Volksbildung aktiv, wo er sich vor allem den Fragen der Hygiene widmete. Nach seiner Reise in die Sowjetunion hielt er 1931 und 1932 Vortragsreihen über seine Reiseeindrücke und propagierte für die „Geserd“-Gesellschaft (Österreichische Gesellschaft zur Förderung des jüdischen Siedlungswerkes in der Sowjetunion“, deren Obmann er war und setzte sich darin für die Aufbaupläne der seit 1915 bestehenden und seit 1928 offiziell geführten jüdischen Ansiedlung in Biro-Bidschans in der Sowjetunion ein.[7] In diesem Rahmen hielt er auch Vorträge wie u.a. im Juni 1932 unter dem Titel „Der drohende Krieg gegen die Sowjetunion“.[8] 1933 heiratete Sigismund Peller die Montessori-Lehrerin und Psychoanalytikerin Lili Esther Roubiczek (1898–1966).

Nach dem Bürgerkrieg im Februar 1934 emigrierte Peller im April 1934 nach Palästina, um seiner drohenden Verhaftung zu entgehen. Hier arbeitete er zunächst als Arzt und zwischen 1935 und 1938 als Dozent für medizinische Statistik und Demografie an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Dazwischen fiel ein einjähriger (1936/37) Aufenthalt an der School of Hygiene and Public Health der Johns Hopkins University in Baltimore/Maryland, wo er als Gastdozent eingeladen war.

1938 emigrierte Peller endgültig in die USA, wo er bis 1940 Fellow in Human Biology an der Johns Hopkins University, war, danach bis 1943 Research Associate an der Graduate School of New York University und Lektor am Columbia University Hygiene Institute. Peller war auch Vorsitzender der „Pirquet Medical Society“, einer von Emigranten gegründeten Ärzte-Organisation, die die Zeitschrift „Pirquet Bulletin“ herausgab. Von 1945 bis 1968 arbeitete Peller in seiner Privatpraxis in New York. Peller verstarb 94 jährig am 12. Juli 1985 in San Diego in California.

Peller

Abbildung 3 Cover: Peller: Not in my time. New York 1979.

Sein Nachruf in der New York Times vom 16. Juli 1985:

http://www.nytimes.com/1985/07/16/nyregion/dr-sigismund-peller-studied-lung-cancer.html

Auswahl seiner Literatur an der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin:

Peller, Sigismund: Not in my time. The story of a doctor. New York: Philosophical Library 1979.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 54662]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8623755&pos=14&phys#

Peller, Sigismund: Population Explosion and the world order. Remarks a propos the International Development Conference, Nov. 1968, Washington, D.C. In: Pirquet bulletin. (16/3) 1969. S. 7-8.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek,  Sign.: 31.494/16,3]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8623758&pos=17&phys#

Peller, Sigismund: Dr. Kaspar Blond, 1889-1964. In: Pirquet bulletin. (12/1-2) 1965.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek,  Sign.: 31.494/12,1-2]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8623744&pos=5&phys#

Peller, Sigismund: Paul Klemperer, August 1887 – March 1964. In: Pirquet bulletin. (11/4) 1964. S. 228.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 31.494/11,4]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8623751&pos=11&phys#

Peller, Sigismund: Rudolf Paschkis, January 1879 – January 1964. . In: Pirquet bulletin. (11/4) 1964. S. 228-229.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 31.494/11,4]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8623756&pos=15&phys#

Peller, Sigismund: In Memoriam Ludwig Teleky, July 1872 – August 1957. In: Medical circle bulletin. (4/7) 1957. S. 9-11.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 31494/4,7]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8623767&pos=16&phys#

Peller, Sigismund: Studies on mortality since the Renaissance. (Part) A-E. In: Bulletin of the history of medicine. (13; 16; 21) 1943-1947. S.427-461; 362-381; 51-101.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: K18035/13; 16; 21]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8623766&pos=15&phys#

Peller, Sigismund: Der Geburtstod. Mutter und Kind. Leipzig und Wien: Deuticke 1936.

Ub[UniversitätsbibliothekMedUni Wien/AKH, Sign.: Magazin 1998-04282]

http://search.obvsg.at/primo_library/libweb/action/search.do;jsessionid=20522DA82BBE4211004931955D04EFC5?fn=search&ct=search&initialSearch=true&mode=Basic&tab=default_tab&indx=1&dum=true&srt=rank&vid=UMW&frbg=&tb=t&vl%28freeText0%29=Peller+Sigismund+Geburtstod&scp.scps=scope%3A%28ACC_acc05_M900%29%2Cscope%3A%28UMW_aleph_acc%29%2Cscope%3A%28UMW_O_SFX%29

Peller Sigismund und Ilse Zimmermann: Nachuntersuchungen von Elektrotechnikern und Ledergalanteriearbeitern im Lehralter. In: Archiv für Gewebepathologie. (5/3) 1934. S. 424-428.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata-Bibliothek, Sign.: Separata GdÄW Zimmermann]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8467795&pos=2&phys=#

Peller, Sigismund: Erfordert die Bekämpfung der prä-, intra- und postnatalen Sterblichkeit medizinische oder sozialmedizinische Reformen? (S. 268-275) In: Zentralblatt für Gynäkologie. (5) 1931. S. 268-275.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata-Bibliothek, Sign.: Separata GdÄW Peller]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8452411&pos=0&phys=#

Peller, Sigismund: Statistik der Lebenshaltungskosten und Ernährung von 42 Wiener Arbeiterfamilien im Jahre 1925. (= Sonderabdruck aus: Löhne und Lebenshaltungskosten der Wiener Arbeiterfamilie im Jahre 1925). In: Statistische Veröffentlichungen der Wiener Kammer für Arbeiter und Angestellte. 1928.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: I49000]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8623748&pos=8&phys#

Peller, Sigismund: Über Geschlechtsdisposition zu Infektionskrankheiten. In: Zeitschrift für Konstitutionslehre. (11/2,5) 1925. S. 460-504.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 12387]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8623749&pos=9&phys#

Peller, Sigismund und Friedrich Bass: Die Rolle exogener Faktoren in der intrauterinen Entwicklung des Menschen mit besonderer Berücksichtigung der Kriegs- und Nachkriegsverhältnisse. In : Archiv für Gynäkologie. (122/1,2) 1924. S. 208-238.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 12562]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8623762&pos=12&phys#

Peller, Sigismund: Die Tuberkulosemortalität in Wien vor und nach dem Kriege. gbd. 10 S. Wien: Braumüller 1920. In: Wiener klinische Wochenschrift. (33/41) 1920.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 12353]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8623768&pos=17&phys#

Peller, Sigismund: Zur Kenntnis der städtischen Mortalität im 18. Jahrhundert mit besonderer Berücksichtigung der Säuglings- und Tuberkulosesterblichkeit. In: Zeitschrift für Hygiene und Infektionskrankheiten. (90) [1920]. S. 227-262.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 5726]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8623750&pos=10&phys#

Peller, Sigismund: Rückgang der Geburtsmasse als Folge der Kriegsernährung. In: Wiener klinische Wochenschrift. (32/29) 1919.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 13259]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8623763&pos=13&phys#

Peller, Sigismund: Births and deaths among Europe’s ruling families since 1500. In: Population in history. O.J. S. 87-100.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 34799]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8623743&pos=4&phys#

Quellen, Literatur und weiterführende Links:

Hubenstorf, Michael: Österreichische Ärzte-Emigration. In: Stadler, Friedrich (Hg.): Vertriebene Vernunft I. Emigration und Exil österreichischer Wissenschaft 1930-1940. Bd. 2. S. 359-415.

http://agso.uni-graz.at/marienthal/biografien/peller_sigismund.htm

Archiv der Universität Wien, Med. Fak. Zl. 322/1921/22 Peller Sigismund – Habilitationsansuchen.

Text: Walter Mentzel

[1] Arbeiter Zeitung, 1.4.1928, S. 7 „Wie die Wiener Arbeiter wirtschaften und wie sie sich ernähren“.

[2] Arbeiter Zeitung, 24.2.1914, S. 5; 25.8.1915, S. 7 Einfluss der Stadtkultur auf die Menschheit.

[3] Mährisches Tagblatt, 6.7.1917, S. 7.

[4] Arbeiter Zeitung, 1.1.1931, S. 8.

[5] Arbeiter Zeitung, 18.7.1930, S. 6.

[6] Arbeiter Zeitung, 2.7.1929, S.4.

[7] Rote Fahne, 11.3.1932, S. 8.

[8] Die Rote Fahne, 23.6.1932, S. 6.

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