Schlagwort-Archive: Santiago

Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [207]: Kohn-Liebmann, Clara – Internistin und Herzspezialistin. Wien, Santiago de Chile

Kohn-Liebmann, Clara – Internistin und Herzspezialistin. Wien, Santiago de Chile

Text: Walter Mentzel

Clara (Klara) Kohn wurde am 30. Juni 1896 als Tochter des aus Furschütz in Mähren stammenden Privatbeamten Armin Gustav Kohn und der aus Pápa in Ungarn stammenden Verona (1871-1942) geborene Kleinmann, in Wien Leopoldstadt geboren. Seit 1931 war sie mit Paul Liebmann (*3.5.1895 Wien) verheiratet.

Kohn studierte an der Universität Wien Medizin, promovierte am 22. Dezember 1919, und arbeitete danach am Karolinen-Spital bei dessen Leiter Wilhelm Knöpfelmacher (1866-1938). Mit ihm hielt sie 1921 vor der Gesellschaft für innere Medizin und Kinderheilkunde in Wien einen Vortrag zu „Untersuchungen über den Gallenfarbstoff beim lkterus neonatorum“,[1] der im selben Jahr unter demselben Titel in der Monatsschrift für Kinderheilkunde erschien.

Danach arbeitete sie in Wien als Fachärztin für innere Medizin und als Herzspezialistin und war daneben in einer Reihe von medizinischen Einrichtungen tätig.

„Verein „Die Mutter“

1926 gehörte sie der konstituierenden Gemeinschaft für Mutter- und Erziehungsberatung im Rahmen des Vereins „Die Mutter“ an, in dem auch Emanuell Berghoff, Anne (Anna) Bernfeld (1892-1941), Marie Frischauf-Pappenheim (1882-1966), Karl Josef Friedjung, Otto Gersuny (1895-1964), Karl Gottlieb, Mina Margulies (28.1.1896), Oskar Löwy, Hans Redtenbacher, Emil Schwätzer (1895-1938), Amalie Mela Pappenheim-Bloch (1890-1930), Dora Brücke-Teleky, Hugo Klein, Hans Paradeiser, Siegfried Weiss (1869-1852) und  Erwin Wexberg (1889-1957) teilnahmen.[2]

Wiener Anstalt „Herzstation“

Ab spätestens 1929 arbeitete sie als Spezialistin für Herzerkrankungen und Assistentin an der Röntgenabteilung der Herzstation der Gemeinde Wien in Wien 2, Taborstraße 8.

Zentralstelle für das Bildungswesen

1925 war sie neben Gertrud Ceranke, Bianca Bienenfeld (1879-1929) und Jenny Adler-Herzmark Teil des von der sozialdemokratischen Zentralstelle für das Bildungswesen organisierten Führungsteams in der von Julius Tandler initiierten Hygieneausstellung in Wien.[3]

Sportärztin

Weiters war sie Mitglied der 1932 gegründeten Arbeitsgemeinschaft österreichischer Sportärztinnen, in der sie dem wissenschaftlichen Ausschuss angehörte[4] und die medizinischen Untersuchungen der Athlet:innen an der Herzstation durchführte.

Frauenkranken-Institut Charité

In dem seit 1890 bestehenden Frauenkrankeninstitut Charité in Wien Leopoldstadt, Zirkusgasse 5a, war Kohn bis 1938 ehrenamtliche Mitarbeiterin in der internen Abteilung.[5] In diesem Institut, dem seit 1897 Isidor Fischer (1868-1943) als Präsident und danach bis 1938 Gisela Schiffer (1873-) als Präsidentin vorstand, wurden verarmte Frauen „ohne Unterschied auf die Konfession und Nationalität“ unentgeltlich behandelt. Als ärztlicher Direktor fungierte Josef Weinreb, als sein Stellvertreter Leo Szamek (Urologe), weitere Ärzte waren Hugo Fasal (Dermatologie), Koloman Freuder (Dermatologie), Ernst Kisch, Ladislaus Fessler (Neurologie), Friedrich Kornfeld (Interne), Viktor Fleischer und Bennö Kohn (Gynäkologie).

Verfolgung

Nach dem „Anschluss“ im März 1938 wurde Clara und ihr Ehemann Paul Liebmann von den Nationalsozialisten wegen ihrer jüdischen Herkunft verfolgt. Clara Liebmann wurde am 23. November 1938 von der Gestapo verhaftet und am 28. November 1938, – da sie beabsichtigte nach Chile auszuwandern –, freigelassen. Im Dezember 1938 flüchtete sie mit ihrem Ehemann Paul auf der SS Copiapo von Antwerpen nach New York. Danach emigrierten beide nach Chile, wo Clara Kohn-Liebmann ihren Beruf als Ärztin wiederaufnahm und zu einer bekannten chilenischen Ärztin avancierte.

Clara Kohn-Liebmann: zirka 1957 (aus: Touristenkarte 1957 Chile)

Sie verstarb am 17. Juli 1994 in Santiago in Chile.

Quellen:

Matriken der IKG Wien, Geburtsbuch 1896, Kohn Clara.

UAW, Rektorat, Med. Fakultät, Rigorosen- und Promotionsprotokolle, Sign. 196-0350, Kohn Clara (Rigorosum Datum: 15.12.1919).

UAW, Rektorat, Med. Fakultät, Rigorosen- und Promotionsprotokolle, Sign. 192-0059, Kohn Klara (Promotion Datum: 22.12.1919).

Matriken der IKG Wien, Trauungsbuch 1931, Liebmann Paul, Kohn Clara Dr.

ÖStA, AdR, E-uReang, VVSt., VA, 2151 Paul Liebmann (3.5.1895 Wien).

WStLA, VEAV,1.3.2.119.A41 31; 89, Bezirk: 24, Clara Liebmann Dr.

WStLA, VEAV, 1.3.2.119.A41 343, Bezirk: 2, Paul Liebmann.

DÖW, Gestapo-Kartei, Clara Liebmann.

New York, New York Passenger and Crew Lists, 1909, 1925-1957, Dec 22, 1938, NARA microfilm publication T715 (Washington, D.C.: National Archives and Records Administration, n.d.).

Brasil, Cartões de Imigração, 1900-1965, Clara Kohn Kleimmann de Liebmann, Immigration; 1957, Arquivo Nacional, Rio de Janeiro (National Archives, Rio de Janeiro).

http://www.bibliotecanacionaldigital.gob.cl/bnd/623/w3-article-614604.html

Clara Kohn Kleinmann, Burial, Santiago, Provincia de Santiago, Santiago Metropolitan, Chile, Cementerio General de Santiago; record ID 217272869.

Literatur:

Knöpfelmacher Wilhelm und Clara Kohn: Untersuchungen über den Gallenfarbenstoff beim Ikterus neonatorum. Aus dem Carolinen-Kinderspitale in Wien. Sonderdruck aus: Monatsschrift für Kinderheilkunde. Leipzig: Verlag von F.C.W. Vogel 1921.

[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]

Keywords:

Clara (Klara) Kohn-Liebmann, Internistin, Herzspezialistin, Sportärztin, NS-Verfolgte, Chile, Santiago, Ärztin, Medizingeschichte, Wien

[1] Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 38, 1921, Sp. 1648.

[2] Die Mutter. Halbmonatsschrift für alle Fragen der Schwangerschaft, 16.6.1926, S. 2.

[3] Arbeiter Zeitung, 14.6.1925, S. 10.

[4] Neues Wiener Tagblatt (Tages-Ausgabe), 15.4.1932, S. 7.

[5] Der Tag, 12.4.1927, S. 5.

Bio-bibliografisches Lexikon (BBL)/Liste aller Beiträge der VS-Blog-Serie: Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien

Normdaten (Person) Kohn-Liebmann, Clara: BBL: 40545; GND: 1281454354;

Bitte zitieren als VAN SWIETEN BLOG der Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien, BBL: 40545 (20.02.2023); Letzte Aktualisierung: 2023 0220
Online unter der URL: https://ub.meduniwien.ac.at/blog/?p=40545

Logo Margrit Hartl