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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [13]: Bruno Georgen und die Privat-Heilanstalt für „Gemüthskranke“ (Wien 1820) und die Anfänge der Bibliothek des Neurologischen Institutes – „Obersteiner Bibliothek“

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Bruno Georgen und die Privat-Heilanstalt für „Gemüthskranke“ (Wien 1820) und die Anfänge der Bibliothek des Neurologischen Institutes – „Obersteiner Bibliothek“

Im Jahr 1820 erschien bei Franz Wimmer in Wien eine zweisprachige (deutsch-französische) Publikation des in Wien lebenden und praktizierenden Arztes Bruno Goergen. Dieses Buch beschreibt die von ihm ein Jahr zuvor 1819 eröffnete „Privat-Heilanstalt für Gemüthskranke“ und behandelt, die von ihm forcierten fortschrittlichen und reformorientierten Methoden und Arbeitsweisen in seiner von ihm geschaffenen und geleiteten Anstalt: einer Musteranstalt der Psychiatrie.

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Abb. 1     Goergen, Bruno: Privat-Heilanstalt für Gemüthskranke. Wien: Wimmer 1820.

Goergen, Bruno: Privat-Heilanstalt für Gemüthskranke. Wien: Wimmer 1820. [auch auf franz.]
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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Josephinische Bibliothek, Sign.: JB 4.562]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=6175983&pos=0&phys=

Bruno Goergen wurde am 24.8.1777 in Trier als Sohn eines Architekten geboren und absolvierte in Wien ein Medizinstudium, das er 1800 mit seiner Promotion abschloss. Danach arbeitete er zwischen 1805 und 1808 als Primararzt und „Irrenarzt“ am Allgemeinen Krankenhaus in Wien („Narrenturm“). Hier entwickelte er sich zum Kritiker der von Inhumanität und durch Exklusion gekennzeichneten Verhältnisse psychiatrischer Anstalten. Sein Vorbild waren damals die humanen und reformorientierten Anstalten und Behandlungsmethoden von Philippe Pinel (*20.04.1745 Jonquières/Tarn, gest. 25.10 1826 Paris) in Paris und jene in Großbritannien.

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Abb. 2     Obersteiner Heinrich, Bruno Görgen, in: Kirchhoff Theodor (Hg.), Deutsche Irrenärzte. Einzelbilder ihres Lebens und Wirkens. Band 1. Berlin: Springer 1921, S. 104.

1813 bot sich ihm die Gelegenheit Pläne und Gutachten für eine, seinen Reformvorstellungen gerecht werdenden modernen psychiatrischen Anstalt, für die Hofkanzlei zu erstellen. Im selben Jahr erhielt er die Konzession zu Errichtung einer solchen, scheiterte jedoch zunächst an deren Verwirklichung wegen einer entsprechenden Lokalität. Erst 1819 eröffnete er, nachdem er in Gumpendorf, einer damals vor Wien gelegenen Vorstadt, im Mollardschlössel (Palais Windischgrätz; heute: Gumpendorfer Straße 104) einen geeigneten Platz gefunden hatte, seine Anstalt und nahm im Juli 1819 die ersten Patienten auf. Hier praktizierte und übte er frei von Zwangs- und Erniedrigungsmaßnahmen, ohne Ketten und Gurte auch neue Behandlungsmethoden und setzte vor allem auf das Prinzip der Gewährung größtmöglicher Bewegungsfreiheit seiner Patienten. Er wandte verschiedenen Arten der Beschäftigungstherapien wie Werkstätten an, setzte vor allem Musik aber auch Sport als eine Therapiemöglichkeit ein und versuchte insgesamt die Betreuung und Therapie den Anlagen und Bedürfnissen der Patienten entgegen zu kommen und auf sie abzustimmen. Dementsprechend anspruchsvoll war das Anforderungsprofil und streng die Auswahlkriterien bei der Rekrutierung seines Pflegepersonals, das ein hohes Bildungsniveau samt musischer Begabungen (Musik- und Sprachkenntnisse) vorweisen musste und als Freund und Gesellschafter die Patienten begleiten sollte.

Ebenso zeichnete sich seine Anstalt durch einen hohen Personalaufwand (100 Patienten zu 70, bis 80 Pfleger und Wärter: 1847 betrug das Verhältnis 25 Patienten zu 20 Pfleger) aus. Er setzte sich aber gleichzeitig zum Ziel eine Anstalt ohne Wärterpersonal zu kreieren. Seine Anstalt galt in den 1830er Jahren im deutschsprachigen Raum als einzigartig (Medizinisch-chirurgische Zeitung, 5.12.1831, S. 9). Diese Anstalt, deren Patienten sich vor allem aus dem zahlungskräftigen Publikum des Hochadels und des Großbürgertums der österreichisch-ungarischen Monarchie rekrutierten, freute sich in diesen Kreisen zunehmender Beliebtheit. Ab 1821 bot er auch Patienten mit einem geringeren Einkommen Platz in seiner Anstalt an.

Auf der Suche nach einem besseren Standort, der seinen Vorstellung einer Betreuung gerecht werden und vor allem seinen Anspruch nach einer offenen, ruhigen, von einer Parkanlage umgebenen Anstalt genügen sollte, fand er diesen in Ober-Döbling bei Wien. Die neue Anstalt wurde nach umfangreichen Umbauarbeiten 1831 bezogen und bestand als sogenannte „Döblinger Privatanstalt“ bis zum Jahr 1917.

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bild_04_weblog-13_30023_02Abb. 3 und 4
Die Privatheilanstalt für Gemüths- und Nervenkranke zu Ober-Döbling bei Wien seit ihrer Gründung 1819 nebst einen Berichts über ihre Leistungen in der fünfzehnjährigen Periode vom 1. Juli 1860 bis 30. Juni 1875. Wien: Czermak 1876.

Goergen verstarb am 29. Mai 1842 in Ober-Döbling. Nach seinem Tod übernahm sein Sohn, der Mediziner Gustav Görgen, der selbst zuvor im Ausland „Irrenanstalten“ studiert hatte, bis 1860 die Leitung der Anstalt. Ihm folgten, nachdem er die Leitungsfunktion zurückgelegt hatte, als Eigentümer Maximilian Leidesdorf und Heinrich Obersteiner sen. und ab 1872 Heinrich Obersteiner jun. Damit begann auch die Erweiterung der heutigen „Obersteiner-Bibliothek“, die heute an ihrem Standort an der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin auch über die ersten Entwicklungen der modernen Psychiatrie Aufschluss gibt.

Literatur:

Obersteiner, Heinrich: Bruno Görgen. In: Kirchhoff, Theodor (Hg.): Deutsche Irrenärzte. Einzelbilder ihres Lebens und Wirkens. Band 1. Berlin: Springer 1921. S. 103 ff.
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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger-Lesky Bibliothek, Sign.: 5.196]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8620602&pos=0&phys=

Die Privatheilanstalt für Gemüths- und Nervenkranke zu Ober-Döbling bei Wien seit ihrer Gründung 1819 nebst einen Berichts über ihre Leistungen in der fünfzehnjährigen Periode vom 1. Juli 1860 bis 30. Juni 1875. Wien: Czermak 1876.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/ Neuburger-Lesky Bibliothek, Sign.: 30.023]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8628144&pos=2&phys=

Skopec, Manfred: Bruno Görgen (1877-1842). In: Straßennamen. Wien 1978 (= Arzt, Presse, Medizin Nr. 11. 11./16. März 1978).

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger-Lesky Bibliothek, Sign.: 46.470/44]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8650395&pos=1&phys=

Englisch, Franz: Die Döblinger Privatirrenanstalt. Ein Beitrag zur Geschichte der Wiener Pflegeanstalten für Geisteskranke. In: Wiener Geschichtsblätter 1969. Nr. 1.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger-Lesky Bibliothek, Sign.: SA 237]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8565012&pos=0&phys=

Quellen:

Wiener Stadt- und Landesarchiv, Bestand 2.9.4.3. – Krankenhaus Obersteinergasse 1824-1982.

Österreichischer Beobachter, 11.2.1821, S. 4.

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=obo&datum=18210211&seite=4&zoom=64&query=%22goergen%22&ref=anno-search

Wiener Zeitung, 24.6.1824, S. 6.

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=wrz&datum=18240624&seite=6&zoom=33&query=%22goergen%22&ref=anno-search

Medizinisch-chirurgische Zeitung, 5.12.1831, 10.

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=mcz&datum=18311205&query=%22goergen%22&ref=anno-search

Wiener Zeitung, 10.5.1832, S. 11.

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=wrz&datum=18320510&seite=11&zoom=33&query=%22goergen%22&ref=anno-search

Text: Walter Mentzel

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