Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [11]: Ludwig Braun und der erste wissenschaftliche Dokumentarfilm aus dem Jahr 1896: „Über Herzbewegung und Herzstoss“, Jena 1898. Ein Buch schreibt Filmgeschichte.

Ludwig Braun und der erste wissenschaftliche Dokumentarfilm aus dem Jahr 1896: „Über Herzbewegung und Herzstoss“, Jena 1898. Ein Buch schreibt Filmgeschichte.

Im Jahr 1898 erschien vom österreichischen Mediziner Ludwig Braun (1867-1936) das Buch „Über Herzbewegung und Herzstoss“ im Verlag Gustav Fischer in Jena, das als Habilitationsschrift an der Medizinischen Fakultät eingereicht und approbiert worden ist. Diese Buch erzählt aber auch die Geschichte eines Durchbruchs in der medizinisch-wissenschaftlichen Forschung und Lehre durch eine neue technische Entwicklung: die des wissenschaftlichen Dokumentarfilms. Das Buch befindet sich an der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin:

Braun, Ludwig: Über Herzbewegung und Herzstoss. Jena: Fischer 1898.
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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger-Lesky Bibliothek, Sign.: 10.431]

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Ludwig Braun wurde als Sohn von Hermann und Dorothea Braun am 12. August 1867 in Ungarisch-Ostrau (Uherský Ostroh, heute Tschechien) geboren. 1885 begann er an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien mit dem Studium der Medizin, das er am 21. März 1891 mit seiner Promotion abschloss. Unmittelbar danach trat er als Aspirant in den Dienst des Allgemeinen Krankenhauses in Wien ein. Seine weitere Laufbahn führte ihn als Sekundararzt und als Abteilungsarzt 1895 an die III. medizinische Abteilung, wo er bis 1897 tätig war. 1900 habilitierte er sich im Fach „innere Medizin“, nachdem er bereits nach der Einreichung seiner Habilitationsschrift zum Privatdozenten ernannt worden war.

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Abb. 1: Ludwig Braun. Aus:
Mitteilungsblatt der Vereinigung jüdischer Ärzte, Mai 1936.

Seine Forschungsarbeit im Rahmen seiner Habilitation führte ihn auf das Feld der Herzchirurgie. Spätestens seit 1894 beschäftigte er sich konkret mit dem Mechanismus der Herzbewegungen. Dazu angeregt wurde Ludwig Braun durch einen von ihm über mehrere Tage beobachten Krankenfall im Mai des Jahres 1894 im Allgemeinen Krankenhaus, bei dem er bei einem durch eine Schussverletzung laborierenden Patienten die Bewegung des Herzens „auf das genaueste Verfolgen konnte“[1]. Indessen Folge war er auf der Suche nach einer Methode die Bewegungsabläufe und Zwischenformen der Abläufe des Herzens exakt darzustellen. Diese Suche brachte ihn an das Institut für allgemeine und experimentelle Pathologie zu Salomon Stricker (*01.01.1834 Waag-Neustadl, gest. 02.04.1898 Wien), der das Institut seit 1868 leitete und neu eingerichtet hatte. Dieses Institut gehörte zu den technisch innovativsten Forschungseinrichtungen seiner Zeit. Die Suche und Entwicklung von Formen und Methoden zur Visualisierung des Experimentalunterrichtes und deren Einsatz in Lehre und Forschung besaß seit den 1880er Jahren bei Stricker einen exponierten Stellenwert. Hier wurden schon seit 1881 an Projektionsmethoden- und Apparaturen zur Verbesserung der Forschung und vor allem des anschaulichen Lehrunterrichts experimentiert. Hier führte Stricker erstmals das „methodische Schulexperiment“ als medizinisches Unterrichtsfach an der Fakultät ein. Salomon Stricker begleitet nicht nur die Habilitationsarbeit von Braun, sondern hier am Institut wurden im Herbst 1896 die entscheidenden Experimente, die letztlich zum ersten wissenschaftlichen Dokumentarfilm führten, durchgeführt.

Am Beginn seiner Arbeit bewegte sich Braun noch in den traditionellen Methoden der Darstellung von Bewegungsabläufen, wie sie in der Mitte der 1890er Jahre in der Medizin verfügbar waren. Dazu zählte vor allem die Fotografie, als Mittel Bewegungsabläufe mit Hilfe der sogenannten Serienfotografie nachzustellen, bzw. die Stroboskopie. Noch an seinem am 21. Oktober 1896 gehaltenen Vortrag zu seinen Forschungen im Wiener Medizinischen Klub unter dem Titel „Der Ausdruck der Herzbewegungen an der Thoraxwand“ erwähnte Braun sein wenige Tage später unternommenes Experiment einer erstmaligen filmischen Aufnahme eines pulsierenden Herzens mit keinem Wort.[2]

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno-plus?aid=wmw&datum=1896&size=45&page=1049

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Sein Experiment, einen narkotisierten Hund am offenen Herzen zu filmen, erfolgte am 19./20. November 1896 mit einem von der Firma Lechner konstruierten „Kinematographen“ am Institut für allgemeine und experimentelle Pathologie. Die in Wien ansässige Firma Lechner, die sich im Besitz von Wilhelm Müller befand, der noch als Buchhändler und Verlegertätig tätig war, zählte zu dieser Zeit zur angesehensten und technisch innovativsten Firma und war auf dem Gebiet der Herstellung hochwertiger Fotoapparate und Fotoartikeln spezialisiert. Wilhelm Müller konstruierte 1896 einen Apparat zur Herstellung von Filmen, bzw. zu deren Projektion, den er erstmals im Juli 1896 in Wien einen kleinen Kreis von Fotografen zur Vorführung von Filmen (Straßenszenen) vorstellte. Diese neue technische Entwicklung, ging auf die als Erfinder des modernen Films geltenden Brüdern August und Louis Lumiére zurück, die im März 1895 erstmals in Lyon einen „Kinematographen“ konstruierten, der sowohl als Kamera als auch als Projektor konzipiert worden war, und nunmehr von der Firma Lechner in einer modifizierte Version gebaut wurde.

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Abb. 2: Filmstreifen aus der Habilitationsschrift: Über Herzbewegung und Herzstoss.
Die Aufnahmen enthielten zirka 25-30 Bilder pro Sekunde. (Wiener Zeitung, 25.11.1896, S. 9).

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Abb. 3: Filmstreifen aus der Habilitationsschrift: Über Herzbewegung und Herzstoss.

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Abb. 4: Grafische Darstellung des von der Firma Lechner 1896 hergestellten Filmapparates.
Aus: Über Herzbewegung und Herzstoss.

Bereits am 11. Dezember 1896, wenige Wochen nach seinem Vortrag vor dem Wiener Medizinischen Klub, präsentierte Braun in einer Sitzung der Gesellschaft der Ärzte erstmals seine neue Methode der Visualisierung der Herzbewegungen. Der Titel seines Vortrages – „Zur Methode der graphischen Darstellung der Herzbewegung“ – weist bereits auf den von ihm beigemessenen Stellenwert dieser Methode und auf der von ihm gesuchten Darstellungsform des Bewegungsablaufes und des Studiums des Herzens hin: des ersten wissenschaftlichen Films, den Braun noch als „lebende Photographie“ bezeichnete.[3]

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno-plus?aid=wmw&datum=1896&page=1134&size=45

Im Jänner 1897 kam es zu ersten öffentlichen Vorstellung des Films und zu einer ersten öffentlichen Thematisierung dieses Erfolges für dessen weitere Bedeutung in der wissenschaftlichen Forschung und Lehre.[4]

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=nfp&datum=18970126&seite=5&zoom=51&query=%22ludwig%2BBraun%22&ref=anno-search

Ein Jahr später, im September 1897, stellte Braun seine Arbeit im Rahmen der 69. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte zum Thema „Die wissenschaftliche Photographie und ihre Anwendung auf den verschiedenen Gebieten der Naturwissenschaften und Medizin“[5] in Braunschweig vor.

http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno-plus?aid=wmw&datum=1897&page=1017&size=45

Noch im selben Jahr 1897 wurde am Institut für allgemeine und experimentelle Pathologie als Folge der Studie von Braun die „Kinemathographie“ als Unterrichtsmethode und damit erstmalig der Film als Lehrmittel an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien eingeführt. Während dieser Zeit erfolgten am Institut weitere Filmaufnahmen, die heute nicht mehr erhalten sind.

Braun erkannte aber auch bereits den über die Forschung hinausgehenden Wert, der sich mit der Möglichkeit mit der künftigen Produktion von wissenschaftlichen Filmen im medizinischen Unterricht an Universitäten aber auch – und hier erwies er sich als Vordenker – zur Popularisierung der wissenschaftlichen Forschung eröffnete: Wissenschaft einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Der Film gilt heute als Verschollen. Verschollen, wie zahlreiche Filme aus der Zeit der „Zweiten Medizinischen Schule“, die einer jahrzehntelang unnachgiebig praktizierten und von Unbedarftheit getriebenen Räumungs- Auslagerungs- und Entsorgungswut unwiederbringlich zum Opfer gefallen sind. Heute sind nur mehr die an der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin überlieferten Schriften von Ludwig Braun, und vor allem seine Habilitationsschrift, Zeugen jener Tage und damit die einzig erhalten wahren „Denkmäler“.

Im Jahre 1910 erfolgte die Ernennung von Ludwig Braun zum a.o. Professor. Neben seiner Lehrtätigkeit an der Medizinischen Fakultät arbeitete er Chefarzt der Krankenkasse „Einigkeit“ sowie seit 1910 als Primararzt und – neben Robert Breuer (1869-1936) – als Vorstand der 2. Medizinischen Abteilung im Spital der „Israelitischen Kultusgemeinde, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1936 tätig war. Darüber hinaus war er Mitglied der „k.k. Gesellschaft der Ärzte in Wien“, der „Gesellschaft für innere Medizin“, der „Morphologisch-physiologischen Gesellschaft in Wien“ und des „Vereins für Psychiatrie und Neurologie in Wien“.

Sein weiterer Karriereweg als Wissenschafter verlief brüchig. Während des Ersten Weltkrieges musste er sich in einem gegen ihn angestrengten Prozess vor dem Senat des Heeresdivisionsgerichtes wegen des „Verbrechens des Missbrauches der Amts- und Dienstgewalt durch Geschenkannahmen in Amtssachen“ und wegen Vergehens des Wehrgesetzes verantworten. Er wurde beschuldigt als Konstatierungsarzt des Garnisonsspitals Nr. 2 niedrige Tauglichkeitsbescheinigungen erstellt bzw. die Entziehung der Wehrplicht ermöglicht zu haben. Er verbrachte drei Monate in Untersuchungshaft. Der Prozess begann im August 1917 und endete im September 1917 mit einem Freispruch in allen Anklagepunkten. Nichts desto trotz war der Prozess von öffentlichen Anschuldigungen begleitet und Ludwig Braun von einer durch öffentliche Stigmatisierung verursachten Rufschädigung betroffen. Die Folgewirkung dieser Kampagne ereilte Braun aber erst Jahre später. Nach seinem Freispruch stellte Braun im Oktober 1917 den Antrag an die Medizinische Fakultät eine Disziplinaruntersuchung über sein Verhalten in dieser Angelegenheit vorzunehmen, um damit endgültig seine Rehabilitation wieder zu erreichen. Die Kommission des akademischen Senats kam erst im Juni 1920 zu einem Ergebnis, konstatierte eine „Verletzung der Standespflicht“ und entzog Ludwig Braun die Lehrberechtigung, womit er von einer weiteren universitären Laufbahn abgeschnitten wurde. Braun dürfte hier den antisemitisch motivierten Säuberungsbestrebungen zum Opfer gefallen sein, die seit den frühen 1920er Jahren an der Wiener Universität auf der Ebene der Personalpolitik praktiziert wurde.

Braun arbeitete in den folgenden Jahren weiter auf dem Gebiet der Herzpathologie, publizierte zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten zu Herzerkrankungen, darunter das 1903 veröffentlichte und 1913 nochmals aufgelegte Lehrbuch:

Braun, Ludwig: Therapie der Herzkrankheiten. Berlin u. Wien: Urban & Schwarzenberg 1903.
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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger-Lesky Bibliothek, Sign.: 3.970]

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Einem breiteren Publikum bekannt machten ihn die Publikationen zweier weiterer Monografien: „Herz und Psyche. Wien 1920“ und:

Braun, Ludwig: Herz und Angst. Eine ärztliche psychologische Studie. Wien: Deuticke 1932.
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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger-Lesky Bibliothek, Sign.: SA 2.108]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=11986922&pos=0&phys=

Darüber hinaus war er in der Tuberkulosebekämpfung aktiv. Seine Vortragstätigkeit an der Fakultät blieb jedoch nur mehr auf der Ebene von Fortbildungskursen beschränkt. Von 1926 an bis zu seinem Tod im Jahr 1936 war er Präsident der „Vereinigung jüdischer Ärzte“, über deren und seine Tätigkeit die Zeitschrift „Mitteilungsblatt der Vereinigung jüdischer Ärzte“ Auskunft gibt:

Mitteilungsblatt der Vereinigung jüdischer Ärzte : Offizielles Organ. Wien: Paul Goldberg. [1].1934-5.1938. [damit Erscheinen eingestellt]
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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger-Lesky Bibliothek, Sign.: 8.977]

http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=8615111&pos=1&phys=

Seit spätestens Ende der 1920er Jahren näherte sich Braun dem Feld der Euthanasie an, wobei er sich auf den deutschen Rechtswissenschaftler und Strafrechtsexperten Karl Binding (*04.06.1841 Frankfurt/M., gest. 07.04.1920 Freiburg/Breisgau) berief, der mit seinen Publikationen die spätere NS-Euthanasie legitimierte. Braun sprach sich für die Tötung unrettbarer Kranker und Verwundeter sowie unheilbar „Verblödeter“ aus (Braun, Ludwig: „Euthanasie“: Vortrag gehalten im Akademischen Verein für medizinische Psychologie. 1. Teil. In: Wiener Medizinische Wochenschrift. Nr. 6. 02.02.1929. S. 171-173 und 2. Teil: Wiener Medizinische Wochenschrift. Nr. 7. 09.02.1929. S. 208-214).

Ludwig Braun verstarb am 8. Mai 1936. Einen seiner Nachrufe verfasste sein langjähriger Freund aus Studienzeiten, Siegmund Freud, für das „Mitteilungsblatt der Vereinigung jüdischer Ärzte“ (Nr. 29. 1936, S. 6). Seine Ehefrau Gabrielle Ella Braun wurde nach dem „Anschluss“ im März 1938 aus ihrer Wohnung nach Wien II., Böcklinstraße 35 – eine sogenannte Sammelunterkunft für Juden – deportiert. Sie verstarb am 28. Juli 1942 im Spital der Israelitischen Kultusgemeinde, einen Tag vor ihrer festgesetzten Deportation in das KZ Theresienstadt.

Text: Walter Mentzel

Literatur und Quellen:

Archiv der Universität Wien, Med. Fak. Senat, S 792, Personalblatt Ludwig Braun.

Archiv der Universität Wien, Med. Dekanat, Zl. 1.621/1920 Disziplinarkommission gegen Ludwig Braun.

Stricker, Salomon: 30 Jahre experimentelle Pathologie. Herrn Prof. Dr. S. Stricker zur Feier seines 25jährigen Jubiläums als ordentlicher Professor der allgemeinen und experimentellen Pathologie und zur Erinnerung an den 30jährigen Bestand des Institutes für experimentelle Pathologie in Wien gewidmet von Freunden und Schülern. Leipzig u. Wien: Deuticke 1898.

Wiener Klinischen Wochenschrift.

Wiener Medizinische Wochenschrift.

[1] Wiener Medizinische Wochenschrift, Nr. 50, 5.12.1896, S. 2177.

[2] Diese erste Darstellung seines Forschungsgebietes erfolgte von ihm im November/Dezember 1896 und wurde in zwei Teilen in der Wiener Medizinischen Wochenpresse (Nr. 49, 28.11.1896, S. 2121-2125, Nr. 50, 5.12.1896, S. 2177-2183) abgedruckt.

[3] Dieser Bericht über sein im November 1896 gelungene Experiment mit der Firma Lechner sind wenige Tage später, am 17. Dezember 1896 (Nr. 51, S. 1206-1207) in der Wiener Klinischen Wochenschrift und am 19. Dezember 1896 in der Wiener Medizinischen Wochenschrift (Nr. 52, S. 2291).

[4] Neue Freie Presse, 26.1.1897, S. 5

[5] „Die Anwendung der Kinematographie für das Studium und die objektive Darstellung der Herzbewegung“. Abgedruckt in: Wiener Medizinische Wochenpresse, Nr. 44, 30.10.1897, S. 2025-2028.

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