Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [1]: Die private Ärztebibliothek von Thomas Lederer und Camill Lederer an der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin

Die private Ärztebibliothek von Thomas Lederer und Camill Lederer an der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin – Thomas Lederer: Mutter und Kind. Oder: Schwangerschaft, Entbindung und Wochenbette […]. Wien: Armbruster 1826.

Kategorien: [Autor: Lederer Thomas], [Buchtitel], [Exlibris],[Sammlung: private Ärztebibliothek Thomas Lederer, Camill Lederer], [medizinisches Fach:]

Die Bibliothek:

Die Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin an der Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien besitzt eine mehrere hundert Bücher umfassenden Bibliothek aus der Provenienz der Wiener Ärztefamilie Lederer. Diese medizinische Bibliothek wurde von Thomas Lederer jun. Anfang des 19. Jahrhunderts aufgebaut und von seinem Sohn, dem Homöopathen, Magister der Geburtenhilfe und praktischen Arzt Camill Lederer (*1830 Wien, gest. 12.5.1912 Binica/Kroatien) übernommen und bis zu seinem Tode im Jahr 1912 erweitert. Die ältesten Werke stammen aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Sie stellt eine der größten und ältesten zusammenhängenden privaten Wiener Ärztebibliotheken dar.

Die Bücher dieser Bibliothek wurden von Camill (Kamillo) Lederer einheitlich gebunden und enthalten in den meisten Fällen den Exlibris-Stempel: „Camill Lederer Marxergasse 15“, wo Camill Lederer bis 1889 wohnhaft war.

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Abbildung 1: Stempel Camill Lederer

Camill Lederer war eines von zehn Kindern seines Vaters Thomas Lederer und nahm als 18. jähriger mit seinen Brüdern, dem späteren Wiener Vizebürgermeister Moritz Lederer (*27.7. 1832 Wien, gest. 1.12.1921 Wien) und Gustav Lederer in der „akademischen Legion“ an der 1848er Revolution teil. Seine Schwester Melanie Lederer war mit dem Schriftsteller Ferdinand von Saar. Seine zweite Schwester war mit dem Wiener Gerichtsadvokaten Josef Maresch verheiratet, der nach dem Tod von Sidonie deren Schwester Konstanze Lederer heiratete.

Thomas Lederer jun. (*1791 Strakonitz/Böhmen (heute Strakonice/Tschechien), gest. 27.1.1874 Wien) war der Sohn von Thomas Lederer sen. (*1750 Luxembourg (damals Teil der österreichischen Niederlande), gest. 8.3.1828 Wien), einem Unteroffizier der österreichischen Armee und späteren k.k. Wasserbau-Direktions-Aufseher, der 1828 in Wien lebte. Lederer sen. war mit Anna Lederer verheiratet mit der er fünf Söhne und Töchter hatte: Thomas Lederer jun. (Magister der Chirurgie in der Salvator Apotheke), Johann Lederer (Chirurg in Wien), Leopold Lederer, Marin Lederer und Joseph Lederer.

Thomas Lederer jun. studierte in Wien und Gießen Medizin (1817 Wund- und Geburtsarzt in Wien, Ehrendiplom als Doktor der Universität Gießen) und nahm als Militärarzt an der Schlacht von Aspern teil. Seine medizinische Laufbahn begann er als sogenannter Operations-Zögling an der chirurgischen Klinik der Medizinischen Fakultät in Wien. 1819 erfolgte seine Ernennung zum Assistenten an der theoretisch-praktischen Schule der Geburtshilfe für Ärzte und Hebammen durch den Professor für Geburtenhilfe Johann Lukas Boër (20.4.1751 Uffenheim/Ansbach, gest. 19.1.1835 Wien); seit 1823 praktizierte er Homöopathie.

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Abbildung 2 Exlibris Thomas Lederer jun.

1822 veröffentlichte er in Wien das Handbuch der Hebammenkunst und 1826 sein Hauptwerk „Mutter und Kind. Oder: Schwangerschaft, Entbindung und Wochenbett […]“ für das er 1827 von der Universität Gießen das Diplom zum Dr. der Medizin, Chirurgie und Geburtenhilfe erhielt. Das Werk erschien 1842 in einer zweiten verbesserten Auflage. Danach arbeitete er als Kinderarzt und ab 1837 über viele Jahre als Leibarzt der Fürstin Melanie von Metternich. Er gilt als Modernisierer der Geburtshilfe und der frühkindlichen Förderung.

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Abbildung 3: Thomas Lederer: Mutter und Kind. Oder: Schwangerschaft, Entbindung und Wochenbette […] Wien: Armbruster 1826.

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Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Josephinische Bibliothek (Sign. JB 3.838): http://webapp.uibk.ac.at/alo/cat/card.jsp?id=6178388&pos=2&phys=#

In dieser Arbeit entwickelte Lederer ein System eines kindergerechten Kinderzimmers: darunter die von ihm entwickelte und propagierte Gehschule („Gehschrank“), die in seinem Buch durch eine Kupfertafel dargestellt wurde, und die sich erst langsam im Laufe des 19. Jahrhunderts durchsetzte und noch im 20. Jahrhundert zu popularisieren versucht wurde, ebenso wie die von ihm geforderte „Reformkleidung“ für Frauen. So wurde u.a. noch 1910 im „Wiener Tagblatt“ auf das von Thomas 1827 veröffentlichte Buch und die von ihm darin beschriebenen Vorteile der „Gehschule“ verwiesen und die noch geringe Verbreitung bedauert. (Neues Wiener Tagblatt (Tages-Ausgabe), 3.7.1910, S. 8.

[Link:] http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=nwg&datum=19100703&seite=38&zoom=33&query=%22gehschule%22%2B%22%2B%22%2B%22lederer%22&provider=P03&ref=anno-search

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Abbildung 4: Die Kinderstube, Tafel II aus: Thomas Lederer: Mutter und Kind. Oder: Schwangerschaft, Entbindung und Wochenbette […]. Wien: Armbruster 1826.

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Abbildung 5: Das Geburtsbett, Tafel I aus: Thomas Lederer: Mutter und Kind. Oder: Schwangerschaft, Entbindung und Wochenbette […]. Wien: Armbruster 1826.

Die Abbildungen (Kupfertafeln) stammen vom Julius Schnorr von Karlsfeld (*26.3.1794 Leipzig, gest. 24.3.1872 Dresden) Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Julius_Schnorr_von_Carolsfeld

Quellen:

Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin, Abschrift. 912: Thomas Lederer, Arzt und Geburtshelfer in Wien. Abschrift aus dem Totenprotokoll. 8.3.1828 Lederer Thomas sen.

Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin, Sign. SA 4.315/a, b, c, d und e: Lederer Camill, Einleitung zu einer neuen Auflage von „Mutter und Lind“ von Thomas Lederer. Typoskript aus dem Familienarchiv Marsch (6 Seiten).

Text: Walter Mentzel

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