Spiegel-Adolf, Anna Simona – Mitarbeiterin am Universitätslaboratorium für physikalisch-chemische Biologie, am Laboratorium für Lichtbiologie und Lichtpathologie am Physiologischen Institut der Universität Wien sowie am Serotherapeutischen Institut für Gynäkologie, Professorin an der Temple-University in Philadelphia, NS-Verfolgte
Autoren: Harald Albrecht, BA, M.A.LIS, Dr. Walter Mentzel
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Keywords: Angewandte Chemie, Physikalisch-chemische Biologie, Lichtbiologie und Lichtpathologie, Medizingeschichte, Wien, Philadelphia, NS-Verfolgte
Mona (Anna Simona) Spiegel-Adolf wurde am 23. Februar 1893 als Tochter des Juristen Jaques Adolf aus Przemysl in Galizien und Hedwig, geborene Spitzer, in Wien geboren. 1925 heiratete sie den Neurologen Ernst Adolf Spiegel (1895-1985).
Portrait: Mona (Anna Simona) Spiegel-Adolf
Nachdem sie 1913 die Matura am Mädchen-Lyzeum von Eugenie Schwarzwald (1872-1940) am Kohlmarkt in Wien mit Auszeichnung abgelegt hatte,[1] studierte sie ab dem Wintersemester 1913 an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien, wo sie am 23. Dezember 1918 zur Doktorin der gesamten Heilkunde an der Universität Wien promovierte. Bereits während ihrer Studienzeit arbeitete sie drei Jahre am Institut für Histologie und Bakteriologie, davon zwei Jahre als Demonstratorin. Auch am Institut für medizinische Chemie arbeitete sie noch während ihrer Studienzeit halbtägig – aus dieser Zeit stammt auch ihre erste wissenschaftliche Publikation, die 1918 am Universitätsinstitut für pathologische Histologie und Bakteriologie in Wien erschienene Arbeit: „Ueber Struma ovarii“.
Im Anschluss an ihre Promotion war sie zuerst bei Richard Paltauf (1858-1924) in der Prosektur der Wiener Rudolfstiftung, danach am Neurologischen Institut bei Otto Marburg (1874-1948) und am Institut für physikalisch-chemische Biologie tätig. Parallel dazu absolvierte sie am Institut für Chemie diverse Praktika.
Aus diesen Jahren stammen von ihr u.a. die Arbeiten aus dem Jahr 1920 „Untersuchungen über physikalische Zustandsänderungen der Kolloide. XXIII.“, aus dem Jahr 1924 „Untersuchung zweier Fälle von Landryscher Paralyse mit dem histologischen Befund einer Poliomyelitis ant.acut“, „Ein Fall von Paraplegie nach Lyssaschutzimpfung“, „Beiträge zur allgemeinen Kolloidchemie. VIII. Zur Analyse und Konstitution des kolloiden Goldes. II.“, aus dem Jahr 1927 „Physikalisch-chemische Untersuchungen bestrahlter Proteine“ und 1930 „Die Globuline“. Diese befinden sich an der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin.
Universitätslaboratorium für physikalisch-chemische Biologie
Seit 1919 war sie am Universitätslaboratorium für physikalisch-chemische Biologie unter dessen Leiter Wolfgang Pauli (1869-1955) tätig, dem sie ab 1923 als unbesoldete Assistentin angehörte, und hier im Kurs- und Unterrichtsbetrieb integriert war. Ab 1927 arbeitete sie auch im Laboratorium für Lichtbiologie und Lichtpathologie unter Walter Hausmann (1877-1938) am physiologischen Institut der Universität Wien, um die Anwendungsmöglichkeiten der physikalischen Chemie und Kolloidchemie auf medizinische Fragestellungen hin zu studieren.[2] 1929 nahm sie als Generalsekretärin am Internationalen Kongress für Lichttherapie in Paris teil.[3] Darüber hinaus war sie zwei Jahre bei Rudolf Kraus (1868-1932) am serotherapeutischen Institut für die Moorkommission des Volksgesundheitsamtes tätig.
Religionspsychologische Gesellschaft und Frauenrechtsaktivistin
1924 gehörte sie der im selben Jahr gegründeten Internationalen religionspsychologischen Gesellschaft in Wien an. Präsident dieser Gesellschaft war der Universitätsprofessor und Dekan der Evangelisch-theologischen Fakultät Karl Beth (1872-1959), Erwin Stransky (1877-1962) fungierte als Vizepräsident.[4]
1927 war sie zusammen mit der Orientalistin und Ehefrau von Karl Beth (1872-1959), Marianne Beth (1890-1984) und Else Ehrlich (1874-1942, ermordet im Ghetto Theresienstadt) Mitbegründerin der Österreichischen Frauenorganisation, wo sie die Funktion einer Vizepräsidentin einnahm.
1928 war sie wiederum mit Marianne Beth und anderen Mitbegründerin des österreichischen Zweigs der International Federation of Business and Professional Women.
1929 war sie Mitbegründerin des österreichischen Zweigs der Soroptimist International (SI), der sich 1921 als internationaler Club konstituiert hatte und sich für Frauenrechte, Bildung, Gleichberechtigung und Frieden einsetzte. Als Präsidentin fungierte hier die Medizinerin Wilhelmine Löwenstein-Brill (1884-1971). In einer Darstellung des Klubs wird sie 1934 mit ihren Worten „Arbeiten in Amerika – leben nur in Österreich“ zitiert.[5]
Habilitierung
Zwischen 1917 und 1930 publizierte Mona (Anna Simona) Spiegel-Adolf 43 wissenschaftliche Arbeiten. „Dementsprechend eindeutig fiel auch das Votum der letzten Sitzung des Professorenkollegiums auf ihr Ansuchen um Verleihung der Venia legendi hin aus: 22 Ja- standen 2 Nein-Stimmen gegenüber.“ [6] Sie wurde mit 4. Juli 1931 zur Privatdozentin für angewandte medizinische Chemie mit besonderer Berücksichtigung der biologisch-physikalischen Chemie und medizinischen Kolloidchemie ernannt und war damit die zweite Frau, die sich an der Universität Wien im Fach Medizin habilitierte.
Temple-University in Philadelphia
1931 wurde Mona (Anna Simona) Spiegel-Adolf, nachdem sie bereits 1930 mit ihrem Ehemann eine dreimonatige Vortragsreise nach Nordamerika unternommen hatte, als Professorin an die Temple-University in Philadelphia berufen, wo sie das Fach physikalische und Kolloidchemie einrichtete und auch Vorständin des neu errichteten Instituts wurde. „Um ihre Assistentenstelle in Wien behalten zu können, musste sie sich immer wieder von ihren Vorlesungsverpflichtungen beurlauben lassen […]. Zuletzt suchte sich am 3. September 1936 mit der Begründung an, dass sie in Wien derzeit keine Erwerbsmöglichkeit sähe. Sie bot jedoch an, ihrer Vorlesungsverpflichtung in Form von mehrwöchigen Kursen nachzukommen. Obwohl sich Prof. Pauli [Wolfgang Pauli, Anm.] für sie einsetzte mit dem Hinweis, ihre in Amerika gemachten Studien seien von allgemeinem Interesse für die Fakultät, wurde ihr Ansuchen abgelehnt.“[7]
Ihr Ehemann Ernest Adolf Spiegel war zu dieser Zeit bereits seit 1930 an die Temple-University in Philadelphia berufen worden. Beide publizierten 1936 zusammen die Studie „Physicochemical Mechanisms in Convulsive Reactivity“.
Nach dem „Anschluss“ 1938 wurde ihr aufgrund ihrer jüdischen Herkunft die Venia legendi – ihre Lehrbefugnis – entzogen. Da sie jedoch seit 1934 auch die amerikanische Staatsbürgerschaft besaß, blieb sie in den USA und leitete bis 1966 an der Temple-University in Philadelphia das Institut für physikalische und Kolloidchemie. Mona (Anna Simona) Spiegel-Adolf starb am 12. Dezember 1983 in Chicago/Illinois.
Im Juni 2010 wurde das neu errichtete Anna Spiegel Forschungsgebäude der Medizinischen Universität Wien nach ihr benannt.
Quellen:
Matriken der IKG Wien, Adolf Anna Simona (23.2.1893).
UAW, Rektorat, Med. Fakultät, Rigorosen- und Promotionsprotokolle, Sign. 191-1423, Adolf Simone (Promotion Datum: 23.12.1918).
Spiegel-Adolf, Anna Simona (Mona Spiegel-Adolf). In: Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft 18. Bis 20. Jahrhundert. Hrsg: Österreichische Nationalbibliothek. Band 3. S-Z. 8923-11742. Register. München: K. G. Saur 2002.
Horn, Sonia: Spiegel-Adolf, Anna Simona. In: Wissenschafterinnen in und aus Österreich. Leben-Werk-Wirken. Hrsg.: Brigitta Keintzel und Ilse Korotin. Wien, Köln und Weimar: Böhlau Verlag 2002. S. 699-701.
Horn, Sonia und Gabriele Dorffner: „… männliches Geschlecht ist für die Habilitation nicht vorgesehen“. Die ersten an der medizinischen Fakultät der Universität Wien habilitierten Frauen. In: Töchter des Hippokrates. 100 Jahre akademische Ärztinnen in Österreich. Hrsg.: Birgit Bolognese-Leuchtenmüller und Sonia Horn. Wien: Verlag der Österreichischen Ärztekammer 2000. S. 117-138.
Spiegel-Adolf, Mona (Anna Simona; 1893-). In: Encyclopedia Judaica. Volume 5. C-DH. Jerusalem: Keter Publishing House Jerusalem Ltd. 1972. S. 397.
Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus an der Universität Wien 1938: Anna Simona Spiegel-Adolf.
Literatur:
[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]
[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]
[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]
[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]
[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]
[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 24203]
[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Bibliothek, Sign.: 341/4]
[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata Bibliothek]
[1] Jahresbericht des Mädchen-Lyzeums am Kohlmarkt, Wien 1913, S. 110.
[2] Horn, Sonia und Gabriele Dorffner: „… männliches Geschlecht ist für die Habilitation nicht vorgesehen“. Die ersten an der medizinischen Fakultät der Universität Wien habilitierten Frauen. In: Töchter des Hippokrates. 100 Jahre akademische Ärztinnen in Österreich. Hrsg.: Birgit Bolognese-Leuchtenmüller und Sonia Horn. Wien: Verlag der Österreichischen Ärztekammer 2000. S. 132.
[3] Photographische Correspondenz, Nr. 6, 1929, S. 186.
[4] Neue Freie Presse, 3.7.1924, S. 9.
[5] Telegraf, 22.2.1934, S. 12.
[6] Horn, Sonia: Spiegel-Adolf, Anna Simona. In: Wissenschafterinnen in und aus Österreich. Leben-Werk-Wirken. Hrsg.: Brigitta Keintzel und Ilse Korotin. Wien, Köln und Weimar: Böhlau Verlag 2002. S. 700.
[7] Horn, Sonia: Spiegel-Adolf, Anna Simona. In: Wissenschafterinnen in und aus Österreich. Leben-Werk-Wirken. Hrsg.: Brigitta Keintzel und Ilse Korotin. Wien, Köln und Weimar: Böhlau Verlag 2002. S. 700.
Normdaten (Person): Spiegel-Adolf, Mona: BBL: 31332; GND: 127944494;
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