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Blogserie: Hortus Eystettensis – botanische Sammelleidenschaft und barocke Pracht im Spiegel der Jahreszeiten

hortus_titelbild_41Liebe LeserInnen unseres Van Swieten Blogs,

nach unserer sehr erfolgreichen Sonderblogserie „Vertrieben 1938“, beachtliche 122.000 Zugriffe ver­zeich­ne­ten die ent­spre­chen­den Artikel, starten wir rechtzeitig zu Frühlingsbeginn (20. März) erneut eine Sonderserie: „Hortus Eystettensis – botanische Sammelleidenschaft und barocke Pracht im Spiegel der Jahreszeiten“. Im Blog soll an jedem Tag des Jahres eine ein­ge­scannte Seite des Druckwerkes „Hortus Eystettensis“ von Basilius Besler (1561 – 1629) ver­öf­fent­licht wer­den. Das 1613 erschie­nene Buch hat im Josephinum gut behütet die Zeit überdauert und ent­hält fas­zi­nie­rende Abbildungen von mehr als 1.000 Kulturpflanzen und gilt als Meisterwerk der Buchdruckkunst. Die Bildtafeln entstammen dem Exemplar des „Hortus Eystettensis“ aus der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin. Dieser ist eines der Prunktstücke der sogenannten Josephinischen Bibliothek (über 7.500 Werke, ca. 11.500 Bände), die ursprünglich Lehrbibliothek für die von Kaiser Joseph II. begründete und Medizinisch-chirurgische Akademie in dem nach ihm benannten Josephinum eingerichtet worden ist.

Hortus Eystettensis – botanische Sammelleidenschaft und barocke Pracht im Spiegel der Jahreszeiten
Der Hortus Eystettensis , oder Garten von Eichstätt, zählt seit seiner Erscheinung im Jahre 1613 zu den meistbeachteten illustrierten Pflanzenbüchern. Diese Ausnahmestellung verdankt er nicht nur seinem übergroßen Format (Königs-Folio = 57 x 46 cm), sondern vor allem der faszinierenden Schönheit seiner auf 367 ganzseitigen Kupfertafeln wiedergegeben Abbildungen von 1095 einzelnen Pflanzen. Er zählt zu den imposantesten Werken der europäischen botanischen Literatur, geschaffen aufgrund botanischen Interesses, gärtnerischer Sammelleidenschaft und barockem Repräsentationswillen. Initiator und Auftraggeber dieser bibliophilen Prachtenfaltung war Johann Konrad von Gemmingen (1593/95-1612), Fürstbischof von Eichstätt. Er lies die Willibaldsburg als Bischofssitz, oberhalb der Stadt Eichstätt, im bayrischen Altmühltal zum eleganten Rennaissance-Schloß umbauen. Schon einer seiner Vorgänger im Bischofsamt, Martin von Schaumberg (1560-1590) hatte prächtige Gärten rund um das Schoß anlegen lassen. Fürstbischof Gemmingen lies diesen Garten großzügig erweitern und beauftragte zunächst den berühmten Arzt und Botaniker Joachim Camerarius d.J. (1561-1598) mit der Gartenplanung. Anfang des 17. Jahrhunderts übernimmt diese Position der Nürnberger Apotheker Basilius Besler (1561-1629). Um 1607/08 erhielt Besler darüber hinaus den Auftrag zur Herstellung eines reich bebilderten Kupfertafelwerkes, einem Abbild des Gartens in Buchform, dem „Hortus Eystettensis“ .

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Das Werk ist entsprechend der ungefähren Blütezeit der abgebildeten Pflanzen in vier Jahreszeiten eingeteilt. Die Reihenfolge der Tafeln richtet sich daher nicht vorrangig nach botanischen Ordnungsprinzipien, sondern nach der Gartenpraxis im Jahreslauf. Basilius Besler orientierte sich hierbei an Vorbildern von Joachim Camerarius und seinem „Hortus medicus et philosophicus“ . Besler ging es primär nicht um eine botanisch vollkommen korrekte Wiedergabe der im Garten wachsenden Pflanzen, sondern um eine eindrucksvolle Abbildung. Er war bestrebt, die Pflanzen in ihrer wirklichen, blühenden Größe abzubilden. Wichtig für die Abbildungen ist der künstlerische Ansatz und nicht die botanisch-wissenschaftliche Genauigkeit. Die Tafeln sind als Kunstwerke komponiert. Um die vornehmen, großen Pflanzen „flores et plantae istae principes“ würdig präsentieren zu können, werden wildwachsende kleinere gleichsam zu „Diener und Lakaien“, wie Besler im Vorwort betont. Hierbei orientiert sich die Auswahl der kleineren Pflanzen in erster Linie nach der Farbgebung der großen, das Blatt dominierenden Pflanze. Oft fehlt ein wichtiger Teil des Gewächses, oder der Pflanzenstengel ist abgeschnitten, und Knolle, Zwiebel oder Wurzel werden gesondert daneben abgebildet. Viele Bäume oder Sträucher werden nur durch einzelne Zweige abgebildet. Auch wenn die Abbildungen genau sind, ist sich die Forschung seit langem darüber einig, dass der wissenschaftliche Wert begrenzt ist, denn die Abbildungen unterscheiden nicht zwischen botanisch Wesentlichen und Unwesentlichen. Kritisiert wurden auch bereits früh die erklärenden Beschreibungen der Pflanzen. Oftmals sind die Pflanzen aufgrund der angegebenen Namen und, da es zur Entstehungszeit noch keine einheitliche botanische Nomenklatur gab, schwierig nach heutigen systematischen Standpunkten zu klassifizieren. Die Ordnung des Hortus Eystettensis war wohl bereits vor Carl von Linné, aber spätestens seit er seine bahnbrechende Pflanzensystematik 1753 veröffentlicht hatte, veraltet. Basilius Beslers Auftrag und auch sein Wille waren es aber jedenfalls, nicht in erster Linie ein botanisches Nachschlagebuch zu kreieren, sondern vielmehr ein barockes Prachtbuch, das den Garten in seiner Schönheit wiedergeben sollte. Das gedruckte Abbild des Eichstätter Gartens, wurde so zum Spiegel des schon von seinen Zeitgenossen bewunderten, real existierenden Eichstätter Bischofsgartens. Schon Carl von Linné pries in ihn als „ incomparabile opus“.

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Viele der abgebildeten Pflanzen des Buches sind heute in Mitteleuropa weit verbreitet, waren aber zur Entstehungszeit exotisch und selten. Nur etwas mehr als die Hälfte war damals in Deutschland verbreitet, 30 Prozent waren im Mittelmehrraum beheimatet, ein Zehntel stammte aus Asien, ein Fünftel aus Amerika und nur wenige Pflanzen aus Afrika. Wie kam der Fürstbischof im entlegenen Altmühltal nun zu diesen seltenen Pflanzen? Eine wichtige Quelle dürfte der Garten Joachim Camerarius in Nürnberg gewesen sein. Der Arzt und Dekan der des Nürnberger Collegium Medicum Camerarius hatte diesen Garten bereits vom Apotheker Jörg Öllinger, den auch Hieronymus Bock in seinem Kräuterbuch mehrfach als Pflanzenlieferant und Gewährsmann für botanische Informationen nennt, übernommen. Aufgrund der guten Beziehungen zu den wichtigen Botanikern seiner Zeit, insbesondere zu Carolus Clusius, dem Aufseher der kaiserlichen Gärten in Wien, konnte dieser den Garten wohl so attraktiv erweitern, dass er von 1596 vom Fürstbischof Gemmingen den auftraf bekam die Anlage eines neuen Garten zu planen. Auch wenn er die Verwirklichung seiner Pläne nicht mehr erleben durfte, waren seine Pflanzen der Grundstock des nachmals so berühmten Gartens, dem im Prachtwerk des „Hortus Eystttensis“ ein kunsthistorisch glanzvolles und einzigartiges Denkmal gesetzt wurde. Basilius Besler ergänzte diese Pflanzensammlung mittels Lieferungen von Kaufleuten aus den großen niederländischen Handelsstätten.

Text: Hortus Eystettensis – botanische Sammelleidenschaft und barocke Pracht von Mag. Gilbert Zinsler

Literatur:
Werner Dresendörfer, Vom Kräuterbuch zur Gartenlust. Der Hortus eystettensis zwischen Medizin, Botanik und Hortikultur, In: Die Pflanzenwelt des Hortus Eystettensis, S.73-90, (München, 1998)
Hans-Otto Keunike (Hrsg.), Hortus Eystettensis, Zur Geschichte eines Gartens und eines Buches (Schriften der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg 20), (München, 1989)
Joachim Camerarius d.J., Hortus medicus et philosophicus. Item Sylva Hercynia a Joanne Thalio (Frankfurt a. M., 1588)
Klaus Walter Littger, Der Garten von Eichstätt – zur Geschichte des Gartens und des Buches, In: Basilius Besler, Der Garten von Eichstätt – Die vollständigen Tafeln (Köln, 1999) S.7-15
Werner Dresendörfer, Die Pflanzen des Hortus Eystettensis, In: Basilius Besler, Der Garten von Eichstätt – Die vollständigen Tafeln (Köln, 1999) S. 429

Projekt:
MMag. Margrit Hartl

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Hortus Eystettensis, sive diligens et accurata omnium plantarum, florum, stirpium, ex variis orbis terrae partibus, singulari studio collectarum, quae in celeberrimis viridariis arcem episcopalem ibidem cingentibus, hoc tempore conspiciuntur delineatio et ad vivum repraesentatio opera Basilii Besleri Philiatri et Pharmacopoei. M.D C.XIII

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Vortrag: Mag. Gilbert Zinsler präsentiert: Kräuterbücher – Botanische Literatur zwischen medizinischem Forschergeist und Kunstobjekt

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Mag. Gilbert Zinsler präsentiert im Rahmen von

„Österreich liest. Treffpunkt Bibliothek“ – dem größten Literaturfestival des Landes

„Kräuterbücher – Botanische Literatur zwischen medizinischem Forschergeist und Kunstobjekt“

Termin: Dienstag, 19.10.2010 um 17h
Treffpunkt: Universitätsbibliothek Medizinische Universität Wien
Währinger Gürtel 18–20, A-1097 Wien
AKH, Ebene 5, U6 Michelbeuern

Wir laden Sie und Ihre Freunde zum Bibliotheksnachmittag mit Kaffe und Kuchen sehr herzlich ein!

Kräuterbücher – Botanische Literatur zwischen medizinischem Forschergeist und Kunstobjekt

Mit der Erfindung des Buchdrucks wurden auch illustrierte Bücher allgemein
erschwinglich und Kräuterbucher in lateinischer Sprache, aber vor allem auch
in der Landessprachen, ein verlegerischer Erfolg. Die große Verbereitung der
Bücher der „Väter der Botanik“, O. Brunfels, L. Fuchs und H. Bock, erklärt
sich auch durch die Verwendung von Holzschnitten in bis dahin noch nicht
dagewesener Qualität. Stand zu Beginn der Entwicklung im 16. Jahrhundert
noch die Pflanzendarstellung im Schatten des erklärenden Textes, wird diese
bald zum wichtigsten Teil botanischer Literatur. Einen Höhepunkt dieser
Entwicklung stellt der Hortus Eystettensis dar, der die Pflanzen des Gartens
des Bischofs von Eichstätt wiedergibt und botanisches Interesse,
gärtnerische Sammelleidenschaft und barocken Repräsentationswillen vereint.

Die Josephinische Bibliothek besitzt einige dieser Meisterwerke,
die bei diesem Vortrag nicht nur gezeigt, sondern auch erklärt
werden.

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Weitere Beiträge von Mag. Gilbert Zinsler:
Icones Plantarum Medicinalium des Joseph Jacob Plenck (13): Grüner Tee – Thea viridis L. (Der grüne Thee)
Icones Plantarum Medicinalium des Joseph Jacob Plenck (12): Die gemeine Muskatnuss – Myristica officinalis. L.
Icones Plantarum Medicinalium des Joseph Jacob Plenck (11): Vanille – Epidendum vanilla L.
Icones Plantarum Medicinalium des Joseph Jacob Plenck (10): Broccoli – Brassica oleracea italica L. (Der Brocculi) Plenck Bd. 6, Tab.534
Icones Plantarum Medicinalium des Joseph Jacob Plenck (09): Zitrone – Citrus medica L. (Die gemeine Citrone) Vortrag: Mag. Gilbert Zinsler präsentiert: Kräuterbücher – Botanische Literatur zwischen medizinischem Forschergeist und Kunstobjekt weiterlesen

Boten des Frühlings (2.Teil): Kuhschelle (Hortus Eystettensis 08)

Pulsatilla Margrit Hartl

Boten des Frühlings (2.Teil): Kuhschelle
Boten des Frühlings: (1.Teil): Huflattich–>LINK

Pulsatilla

Die violett blühende Kuh- oder Küchenschelle und die weiß blühende Frühlings-Kuhschelle ist eine mehrjährige Pflanze, die aufgrund ihrer Wurzel, die über einen Meter tief ins Erdreich eindringt, ebenfalls ab März zu blühen beginnt. Charakteristisch ist die schützende, weißliche, starke Behaarung der ganzen Pflanze. Die glockenförmige, im Wind bewegte, nickende Blühte gab wohl der Pflanze den Namen; ähnelt doch die halb geschlossenes Blühte einem Glöckchen. Die Verkleinerungsform „Kühchen“ soll zum Namen Küchenschelle geführt haben, da die Verbindung zur Küche aufgrund der Giftigkeit nicht gegeben ist und die Pflanze niemals in der Küche, oder zum Kochen verwendet wurde. Auch die wissenschaftliche Bezeichnung Pulsatilla leitet sich von pulsare (= schlagen, läuten) ab.

Wie auch andere Pflanzen bedient sich die Kuhschelle verschiedener Ausbreitungsmechanismen. Zur Fruchtreife entwickelt sich aus jedem Fruchtblatt ein Nüsschen, an dem der Griffel einen zottig behaarten Federschweif bildet. Diese können bei trockenem Wetter vom Wind vertagen werden (Meteochorie) und bei nassem Wetter haften sie am feuchten Fell vorbeistreifender Tiere um so Verbreitung zu finden (Epichorie). Besondere Beachtung verdient aber die Fähigkeit der Früchte als Bodenkriecher sich „selbständig“ fortzubewegen: Der bei Trockenheit rechtwinkelig abgeknickte Federschweif streckt sich durch Wasseraufnahme langsam, während sich die Frucht langsam um sich selbst dreht. Wechselt so feuchtes mit trockenem Wetter, können sich die Früchte eigenständig um etwa 10 bis 20 cm von der Mutterpflanze fortbewegen (Herpochorie). Trotz dieser Ausbreitungsmechanismen ist die Küchenschelle in der Natur selten geworden.

Denn auch wenn die Kuhschelle ist in West- Mitteleuropa heimisch ist (oder war?), zählt sie heute zu den besonders gefährdeten Arten. Ihr Vorkommen ist nämlich an das Vorhandensein ihrer bevorzugten Lebensraumtypen gebunden. Man trifft sie bevorzugt in lichten Kiefernwälder und Magerrasen, meist in sonniger Hanglage auf kalkreichen Böden. Sie stellt relativ hohe Temperaturansprüche und fehlt deshalb in sommerkühlen Landschaften. Die Art ist überdies sehr lichtliebend und verschwindet bei Überdüngung unter dem Konkurrenzdruck anderer Pflanzen sehr schnell. Die gewöhnliche Küchenschellen war daher besonders durch die Veränderung der modernen Landwirtschaft im 20. Jahrhundert betroffen: Der Einsatz von Düngemitteln hat zum Rückgang von Magerrasen geführt, ebenso wie die gebietsweise Aufgabe der Viehwirtschaft zu Umwandlung von Weideflächen und der Umwandlung in Ackerflächen ihren Lebensraum eingeschränkt hat. Um 1900 gab es in den Magerrasen der Welser Heide, auf den Terrassenschottern zwischen Wels und Linz, noch große Bestände. Heute ist sie hier vermutlich ausgestorben. Heute sind noch Vorkommen in der Umgebung von Steyr bekannt und kleine Verbreitungsgebiete in Niederösterreich. Die Art ist daher in allen Bundesländern streng geschützt.

Auch im Garten ist die Küchenschelle schwierig zu ziehen, da die Art so spezifische Anforderungen stellt, dass die Kultivierung praktisch auf botanische Gärten beschränkt bleibt. Einzig die Gewöhnliche Kuhschelle findet in letzter Zeit häufiger Verwendung im Garten. Die Kräuterbuchautoren des 16. Jahrhunderts kannten die Gewöhnliche Kuhschelle als Pflanze, die nur in der freien Natur vorkommt. Eine Ausnahme stellt der Garten des Botanikers und Nürnberger Stadtarztes Joachim Camerarius dar. Er zählte sie bereits 1588 zu den in seinem Garten gepflegten Blumen. Da Basilius Besler von ihm wichtige Anstöße und auch Material zu Bepflanzung des Gartens der Fürstbischöfe von Eichstätt erhalt hat, scheint hier ein direkter Zusammenhang zwischen dem bürgerlich-städtischen Gärtlein und dem repräsentativen bischöflichen Prunkgarten offensichtlich. Da die Pflanze noch bis ins 19.Jahrhundert kaum in Blumengärten kultivierbar galt, lag die Darstellung der Pflanze auch im abbildenden Buch des Hortus Eystettensis auf der Hand. Dass die schön-blühende Pflanze nicht repräsentativer dargestellt wurde, mag daran liegen, dass unseren Vorfahren die Pflanze oft als unheimlich galt und der nach der Blüte erscheinende Fruchtstand gleich einem seidig glänzenden Schopf, Bocks-, oder gar Teufelsbart genannt wurde.

Die Verbindung der Pflanze mit dem Teufel oder mit Hexen, die am Standort der Pflanze aus der Luft heruntergeschossen worden sein sollen, hängt aber ohne Zweifel auch mit ihrer Giftigkeit zusammen. Die Gewöhnliche Kuhschelle ist in allen Pflanzenteilen sehr giftig. Enthaltenes Protoanemonin ist ein außerordentlich heftig wirkendes Reizmittel für die Haut und Schleimhäute. Schon die einfache Berührung kann unter Umständen zu Blasenbildungen und Verätzungen der Haut führen. Beim Verzehr der Pflanze kann es zu Nierenentzündungen, Magen- und Darmbeschwerden und Lähmungen des Zentralnervensystems kommen. Vergiftungen werden durch Verabreichungen von Aktivkohle und dem Auslösen von Erbrechen behandelt. Je nach Grad der Beeinträchtigung sind auch Magenspülungen, Elektrolytsubstitution und gegebenenfalls künstliche Beatmung notwendige Therapiemaßnahmen.

Trotz dieser hohen Toxizität fanden Kuhschellen bereits in der Antike Verwendung als Heilmittel. Durch das Trocknen der Pflanze wandelt sich das hochgifte Protoanemonin in das weniger giftige Anemonin um. Hippokrates setzte die Pflanze gegen hysterische Angstzustände und zur Menstruationsförderung ein. In der klassischen Homöopathie ist Pulsatilla ein oft und häufig verwendetes Mittel gegen verschiedene Erkältungsbeschwerden, Otitis media, Bronchitis, akute Menstruationsbeschwerden etc.

Pulsatilla Margrit Hartl

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Weitere Beiträge von Mag. Gilbert Zinsler:

Boten des Frühlings: (1.Teil): Huflattich (Hortus Eystettensis 07)

Kartoffel – oder wie Amerika die Welt veränderte (Hortus Eystettensis 06)

Artischocke – Verdauungsförderndes für das weihnachtliche Festmahl (Hortus Eystettensis 05)

Gastbeitrag zum Hortus Eystettensis: Capsicum sp. (Hortus Eystettensis 04)

Gastbeitrag zum Hortus Eystettensis – botanische Sammelleidenschaft und barocke Pracht (Hortus Eystettensis 03)

Gastbeitrag zum Hortus Eystettensis: Tabak (Hortus Eystettensis 02)

Gastbeitrag zum Hortus Eystettensis: Botanik im Spiegel der Jahreszeiten (Hortus Eystettensis 01)

Boten des Frühlings (1.Teil): Huflattich (Hortus Eystettensis 7)

Boten des Frühlings (1.Teil): Huflattich
Boten des Frühlings (2.Teil): Kuhschelle–>LINK erscheint am 27.02.08

Tussilago Margrit Hartl

Auf den letzten Seiten des Buches begegnen wir noch in der Abteilung „Winter“ bereits Boten des Frühlings. Fünf nur scheinbar unscheinbare Pflanzen werden auf einer Seite dargestellt und zusammengefasst: Der Huflattich, Tussilago farfara, in der Mitte wird flankiert von der Frühlings-Kuhschelle, Pulsatilla vernalis, und der gemeinen Kuhschelle, Pulsatilla vulgaris. Darunter finden sich noch das Wechselblättrige Milzkraut, Chrysosplenum alternifolium, und das Busch-Windröschen, Anemone nemorosa. Alle diese Pflanzen kennen und schätzen wir von ersten Spaziergängen im Frühling – bringen sie doch die so ersehnten Farben in die Natur zurück.

Boten des Frühlings (1.Teil): Huflattich (Hortus Eystettensis 7) weiterlesen

Kartoffel – oder wie Amerika die Welt veränderte (Hortus Eystettensis 6)

Erdapfel_Margrit HartlKartoffel. Sie ist die landwirtschaftlich und agrar-technisch genutzte Pflanze schlechthin..
Heute erscheint sie uns meist schmucklos und unscheinbar blühend. Alles Augenmerk in Züchtung und Produktion richtet sich auf den Geschmack der Knollen bei gleichzeitiger Ertragsmaximierung. Die jährliche Weltproduktion liegt bei über 300 Millionen Tonnen. Kartoffel – oder wie Amerika die Welt veränderte (Hortus Eystettensis 6) weiterlesen