{"id":986,"date":"2008-05-29T16:16:48","date_gmt":"2008-05-29T15:16:48","guid":{"rendered":"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=986"},"modified":"2008-07-07T07:56:19","modified_gmt":"2008-07-07T06:56:19","slug":"das-maiglockchen-%e2%80%93-das-botanische-sinnbild-der-unschuld-hortus-eystettensis-10","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ub.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=986","title":{"rendered":"Das Maigl\u00f6ckchen &#8211; Das botanische Sinnbild der Unschuld (Hortus Eystettensis 10)"},"content":{"rendered":"<p><img src='https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/06\/maigloeckchen2.jpg' alt='maigloeckchen2_margrit_hartl.jpg' \/><\/p>\n<p><strong>Das Maigl\u00f6ckchen \u2013 Convallaria majalis L.<br \/>\nDas botanische Sinnbild der Unschuld<\/strong><\/p>\n<p>Weit verbreitet in Europa ist das Maigl\u00f6ckchen. Sowohl der deutsche Name, als auch das lateinische <strong>Suffix majalis <\/strong>nehmen Bezug auf seine Bl\u00fctezeit im Monat Mai. Der lateinische Name Convallaria beschreibt den Standort <strong>\u201ein den T\u00e4lern vorkommend\u201c<\/strong>, bevorzugt es doch halbschattige Lagen in trockenem bis leicht feuchten Laubw\u00e4ldern. Kennzeichnend f\u00fcr die reinwei\u00dfen Bl\u00fcten ist der unverwechselbar intensive, s\u00fc\u00dfliche Duft mit dem best\u00e4ubende Insekten angelockt werden sollen. Diesen wohlriechenden Duft beschreibt auch <strong>Basilius Besler<\/strong> im Text des <strong>Hortus Eystettensis<\/strong>. In der Abbildung vereint er \u2013 botanisch nicht korrekt \u2013 die bl\u00fchende Pflanze mit den sp\u00e4tsommerlichen roten Beeren. Wohl in der Mitte des 16. Jahrhunderts hielt die zierliche Staude Einzug in die europ\u00e4ischen G\u00e4rten. Die Abbildung im Buch bezeugt, dass auch die rosa bl\u00fchende Variet\u00e4t schon allgemein verbreitet war.  <!--more--><\/p>\n<p>Auch bei dieser Pflanze l\u00e4sst sich ein <strong>biblischer Kontex<\/strong>t herstellen, der den F\u00fcrstbischof abseits der botanischen Sch\u00f6nheit wohl interessiert hat. Bereits im Hohen Lied des Alten Testamentes wird die <strong>\u201eLilie der T\u00e4ler\u201c<\/strong> besungen und mit einer Braut verglichen. Darauf beruht die Zuordnung als Paradies und Marienblume, deren zarte wei\u00dfe Bl\u00fctengl\u00f6ckchen in der christlichen Ikonographie als Sinnbild f\u00fcr jungfr\u00e4uliche Reinheit der Gottesmutter anzusehen sind. Die kleinen, nickenden Bl\u00fcten waren auch Symbol f\u00fcr die keusche Liebe, die Demut und Bescheidenheit Marias. Gemeinsam mit der <strong>Rose und der Lilie z\u00e4hlt es zu den sogenannten Marienblumen<\/strong>. Es f\u00fcgt sich also gar gut, dass die Bl\u00fctezeit in den Marienmonat Mai f\u00e4llt und so Statuen der Gottesmutter bei den aus der barocken Volksfr\u00f6mmigkeit entstandenen Maiandachten passend geschm\u00fcckt werden konnten. Auf gotischen Tafelbildern wurde von den Alten Meisten besonders oft die Geburt Mariens mit Maigl\u00f6ckchen geziert. <\/p>\n<p><strong>Roger van der Weyden <\/strong>malt um 1430 das Maigl\u00f6ckchen zu F\u00fc\u00dfen der Hl. Veronika auf einem Altarfl\u00fcgel (St\u00e4delsches Museum, Frankfurt). Der gro\u00dfe <strong>Albrecht D\u00fcrer <\/strong>stellt in seinem Kupferstich ein Fayencegef\u00e4\u00df mit Maigl\u00f6ckchen vor den schreibenden <strong>Erasmus von Rotterdam<\/strong>. Der niederl\u00e4ndische Philosoph und Theologe bem\u00fchte sich in seinen Schriften nicht nur um eine Synthese von Antike und Christentum, sondern erw\u00e4hnt h\u00e4ufig die makellose Reinheit der Gottesmutter\u2026<\/p>\n<p>Obwohl das Maigl\u00f6ckchen in den Schriften der Antike nicht erw\u00e4hnt wird und erst ab dem 15. Jahrhundert in den Kr\u00e4uterb\u00fcchern zu finden ist, wird es auch f\u00fcr bedeutende <strong>\u00c4rzte  in der bildenden Kunst ein Symbol und Attribut der Heilkunst<\/strong>. So lies sich der ber\u00fchmte Astronom <strong>Nikolaus Kopernikus<\/strong>, der Medizin studiert hatte und diesen Beruf auch bis zu seinem Tode neben den astronomischen Forschungen ausge\u00fcbt hatte, mit einem Maigl\u00f6ckchen in der Hand  portr\u00e4tieren.<\/p>\n<p><strong>Hieronymus Brunschwygk <\/strong>und <strong>Matthiolus<\/strong> empfehlen in ihren Kr\u00e4uterb\u00fcchern das <strong>\u201eBl\u00fcmleinwasser\u201c bei Ohnmacht<\/strong>, denn es st\u00e4rkt das Herz, die Sinne und das Hirn. Allerdings erst im 19. Jahrhundert beginnt man sich intensiver mit der medizinischen Wirkung des Maigl\u00f6ckchens auseinanderzusetzen. In Russlande wurde die Pflanze bereits oft volksmedizinisch als <strong>Herzmittel und gegen Wassersucht <\/strong>verwendet. 1881 wurde in St. Petersburg eine <strong>Dissertation \u00fcber den pharmakologischen Einfluss der Convallariabl\u00fcte auf das Herz <\/strong>ver\u00f6ffentlicht. Es gelang die <strong>herzwirksamen Glykoside<\/strong>, wie das <strong>Convallatoxin<\/strong>, zu isolieren und noch heute werden Maigl\u00f6ckchenpr\u00e4parate, bzw. Pr\u00e4parate deren Arzneistoffe auf das Maigl\u00f6ckchen zur\u00fcckzuf\u00fchren sind, nicht nur in der traditionellen Heilkunde, sondern auch in der evidenzbasierten Medizin als Kardiaka bei Herzinsuffizienz eingesetzt.<\/p>\n<p>Das Maigl\u00f6ckchen ist aber aufgrund der <strong>herzwirksamen Cardenolide sehr giftig <\/strong>und somit nicht nur Heil- sondern auch Giftpflanze. Nahezu j\u00e4hrlich erscheinen Meldungen in der Presse \u00fcber Vergiftungen aufgrund von Verwechslungen mit B\u00e4rlauchbl\u00e4ttern. Die Bl\u00e4tter des Maigl\u00f6ckchens sind diesen sehr \u00e4hnlich, erscheinen allerdings erst sp\u00e4ter im April. Da alle Teile der Pflanze giftig sind, k\u00f6nnen bei Einnahme zu gro\u00dfer Mengen \u00dcbelkeit und Herzrhythmusst\u00f6rungen auftreten. <\/p>\n<blockquote><p><strong>Weitere Beitr\u00e4ge von <a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=322\">Mag. Gilbert Zinsler<\/a>:<\/strong><\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=877\">Tulpen: Vom persischen Turban zur Tulpomanie (Hortus Eystettensis 09)<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=734\">Boten des Fr\u00fchlings (2.Teil): Kuhschelle (Hortus Eystettensis08)<\/a><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=733\"><strong>Boten des Fr\u00fchlings: (1.Teil): Huflattich (Hortus Eystettensis 07)<\/strong><\/a><\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=555\">Kartoffel &#8211; oder wie Amerika die Welt ver\u00e4nderte (Hortus Eystettensis 06)<\/a><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=477\"><strong>Artischocke &#8211; Verdauungsf\u00f6rderndes f\u00fcr das weihnachtliche Festmahl (Hortus Eystettensis 05)<\/strong><\/a><\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=434\">Gastbeitrag zum Hortus Eystettensis: Capsicum sp. (Hortus Eystettensis 04)<\/a><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=399\"><strong>Gastbeitrag zum Hortus Eystettensis \u2013 botanische Sammelleidenschaft und barocke Pracht (Hortus Eystettensis 03)<\/strong><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=412\"><strong>Gastbeitrag zum Hortus Eystettensis: Tabak (Hortus Eystettensis 02)<\/strong><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=427\"><strong>Gastbeitrag zum Hortus Eystettensis: Botanik im Spiegel der Jahreszeiten (Hortus Eystettensis 01)<strong><\/strong><\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><img src='https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/06\/maigloeckchen.jpg' alt='maigloeckchen_margrit_hartl.jpg' \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Maigl\u00f6ckchen \u2013 Convallaria majalis L. Das botanische Sinnbild der Unschuld Weit verbreitet in Europa ist das Maigl\u00f6ckchen. 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