{"id":877,"date":"2008-04-08T08:55:50","date_gmt":"2008-04-08T07:55:50","guid":{"rendered":"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=877"},"modified":"2008-04-08T11:57:11","modified_gmt":"2008-04-08T10:57:11","slug":"tulipa-sp-tulpen-vom-persischen-turban-zur-tulpomanie-hortus-eystettensis-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ub.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=877","title":{"rendered":"Tulpen: Vom persischen Turban zur Tulpomanie (Hortus Eystettensis 09)"},"content":{"rendered":"<p><img src='https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/04\/tulpe_mhartl.jpg' alt='Tulpe_M.Hartl.jpg' \/><\/p>\n<p>Im <strong>Fr\u00fchling<\/strong> wurde der <strong>Garten des F\u00fcrstbischofs von Eichst\u00e4tt<\/strong> von <strong>Hyazinthen, Narzissen<\/strong> und vor allem <strong>Tulpen<\/strong> dominiert. Dies erscheint heute nicht besonders auff\u00e4llig, pr\u00e4sentiert sich uns doch bald nach dem Winter heute nahezu jeder Garten in der Farbenpracht dieser allgegenw\u00e4rtigen Blumen. Die Bedeutung der Tulpe wird uns aber dadurch vor Augen gef\u00fchrt, dass <strong>Basilius Besler vierzehn Tafeln <\/strong>dieser Pflanzenart widmete: Im <strong>Hortus Eystettensis <\/strong>finden sich <strong>51 Abbildungen <\/strong>von vorwiegend becher- und sternf\u00f6rmig bl\u00fchenden <strong>Tulpen<\/strong>. Neben einfachen wei\u00df bl\u00fchenden Arten dominieren rot und gelb gef\u00e4rbte Variet\u00e4ten. Bei manchen Pflanzen finden sich aber auch violette und die begehrten blauen, oder gr\u00fcnen Schattierungen, ebenso wie mehrf\u00e4rbige, streifenartige Farbverl\u00e4ufe. Die aufw\u00e4ndige Wiedergabe im Buch l\u00e4sst erahnen, wie stolz der Bischof den Garten und die farbenpr\u00e4chtigen Beete voller bl\u00fchender Exoten seinen G\u00e4sten zeigte und sich froh an der Sch\u00f6pfung erg\u00f6tzte, die auf Gott, die braven G\u00e4rtner und die eifrigen Z\u00fcchter verwies. <!--more--><\/p>\n<p><strong>1613<\/strong> war es erst zwanzig Jahre her, dass <strong>Charles de L\u00b4Ecluse (Carolus Clusius)<\/strong> die <strong>ersten Tulpenzwiebeln von Wien nach Holland <\/strong>gebracht hatte, nachdem er (1593) Professor f\u00fcr Botanik und Pr\u00e4fekt des botanischen <strong>Gartens der Universit\u00e4t Leiden<\/strong> geworden war, und so eine schier unglaubliche Begeisterung f\u00fcr diese Pflanze ausgel\u00f6st hatte. Der Gesandte von Kaiser Ferdinand I. an der Hohen Pforte, <strong>Ogier Ghislain de Busbecq<\/strong>, hatte <strong>1554<\/strong> als einer der ersten Europ\u00e4er in den <strong>Palastg\u00e4rten des Gro\u00dfkalifen Suleiman II.<\/strong> die farbenpr\u00e4chtige Blume gesehen, die die <strong>T\u00fcrken \u201eTulipan\u201c<\/strong>, nach einer <strong>turban\u00e4hnlichen Kopfbedeckung<\/strong>, nannten. Der kaiserliche Botschafter hatte einige <strong>Zwiebeln von Konstantinopel an den Kaiserlichen Garten in Wien<\/strong> schicken k\u00f6nnen, wo ihr damaliger Direktor, <strong>Carolus Clusius<\/strong>, an ihnen Gefallen gefunden hatte und sie bald darauf z\u00fcchtete, um sie nach England und die Niederlande zu verkaufen.<\/p>\n<p>In den Niederlanden nahm in den 20er und 30er Jahren des 17. Jahrhunderts die allgemeine Begeisterung f\u00fcr die \u201eTulp\u201c nahezu groteske Formen an. Immer neue und zahlreichere Z\u00fcchtungen kamen auf den Markt, die sich in der Form der Bl\u00fcten, aber insbesondere auch in den F\u00e4rbungen unterschieden. Besonders beliebt waren Pflanzen, die ein auff\u00e4lliges Farbenspiel und fantastische, lodernden Flammen \u00e4hnelnde Farbverl\u00e4ufe hatten. Diese pr\u00e4chtigen und <strong>au\u00dfergew\u00f6hnlichen Bl\u00fcten r\u00fchrten aber von einem Virusbefall<\/strong>, des <strong>Tabakmosaikvirus<\/strong> her, und konnten nicht nachgez\u00fcchtet werden. Die Menschen waren jedoch bereit, hohe Summen f\u00fcr diese Blumenzwiebel zu bezahlen, und die Tulpe entwickelte sich zum Lieblingsobjekt der Spekulanten. Die <strong>\u201eTulpomanie\u201c<\/strong> hatte die Niederl\u00e4nder ergriffen, die &#8211; in der Hoffnung ihr Gl\u00fcck zu machen &#8211; ihr ganzes <strong>Verm\u00f6gen an der Tulpenb\u00f6rse <\/strong>riskierten und meist auch verloren. Die Tulpenzwiebeln, die teilweise nicht einmal vorhanden waren, sondern (angeblich) noch im Boden schlummerten, erreichten in einer Art von Termingesch\u00e4ften buchst\u00e4blich haushohe Preise. Der einfache Bauer war sogar auf eine <strong>\u201eAchtel Zwiebel\u201c<\/strong> stolz. In <strong>Hinterzimmern von Wirtsh\u00e4usern <\/strong>wurde gehandelt, und immer mehr Zwischenh\u00e4ndler wollten das Spiel mitspielen und vor allem daran verdienen. Eine Zwiebel der Sorte <strong>\u201eSemper Augustus\u201c kostete 1633 ca. 5.500 Gulden, 3 Blumenzwiebeln erreichten 1637 gar 30.000 Gulden<\/strong>. Zum Vergleich kostete ein Amsterdamer <strong>Grachtenhaus damals ca. 10.000 Gulden <\/strong>und Rembrandt erhielt f\u00fcr sein Meisterwerk \u201eDie Nachtwache\u201c ein Honorar von 1.600 Gulden. So war es billiger, die begehrten Objekte von K\u00fcnstlern malen zu lassen, als sie zu kaufen: Tulpen durften in keinem Stilleben der niederl\u00e4ndischen Malerei fehlen. F\u00fcr flammenf\u00e4rbige Tulpen war der Name <strong>\u201eRembrandt Tulpen\u201c<\/strong> geboren.<br \/>\nIm J\u00e4nner <strong>1637<\/strong> schlie\u00dflich brach der Lufthandel und der Markt f\u00fcr Tulpenzwiebeln zusammen, nachdem sich bei einer schicksalhaften Auktion in Alkmaar keine K\u00e4ufer mehr fanden und das Angebot gr\u00f6\u00dfer als die Nachfrage war. Dies gilt als <strong>erster B\u00f6rsencrash der Geschichte<\/strong>, und es mussten juristische und staatliche Regelungen betreffend der offenen Gesch\u00e4fte und des Tulpenpreises getroffen werden. F\u00fcr viele Menschen bedeutete dies den Ruin, und die Wirtschaft kam in Holland tats\u00e4chlich kurzfristig zum Erliegen.<\/p>\n<p>Langfristig tat dies der Beliebtheit dieser Pflanze keinen Abbruch, und noch heute kontrollieren die <strong>Niederlande 80% des Tulpenhandels<\/strong>. <\/p>\n<p>Heute wird die Zahl der <strong>Tulpenvariationen auf ca. 4000<\/strong> gesch\u00e4tzt, deren Vorfahren aus dem vorder- und mittelasiatischen Raum stammen. <strong>Konrad Gessner <\/strong>hatte schon <strong>1559<\/strong> in einem Augsburger Garten Tulpen gesehen, die wohl \u00fcber Venedig importiert worden waren, und beschrieb sie zwei Jahre sp\u00e4ter als erster botanisch. Daher r\u00fchrt die lateinische Bezeichnung <strong>Tulipa gesneriana<\/strong>. In der Beschreibung des <strong>Hortus Eystettensis<\/strong> werden die Tulpen nach der Farbe beschrieben, und dies deckt sich wohl auch heute noch mit der allgemeinen Wahrnehmung des fr\u00fchlingshaft frohlockenden Gartenbesuchers beim Anblick der ersten Tulpenbl\u00fcten in der Natur nach einem langen Winter.<\/p>\n<p><img src='https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/04\/tulpe1_mhartl.jpg' alt='Tulpe1_M.Hartl.jpg' \/><\/p>\n<blockquote><p><strong>Weitere Beitr\u00e4ge von <a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=322\">Mag. Gilbert Zinsler<\/a>:<\/strong><\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=734\">Boten des Fr\u00fchlings (2.Teil): Kuhschelle (Hortus Eystettensis08)<\/a><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=733\"><strong>Boten des Fr\u00fchlings: (1.Teil): Huflattich (Hortus Eystettensis 07)<\/strong><\/a><\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=555\">Kartoffel &#8211; oder wie Amerika die Welt ver\u00e4nderte (Hortus Eystettensis 06)<\/a><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=477\"><strong>Artischocke &#8211; Verdauungsf\u00f6rderndes f\u00fcr das weihnachtliche Festmahl (Hortus Eystettensis 05)<\/strong><\/a><\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=434\">Gastbeitrag zum Hortus Eystettensis: Capsicum sp. (Hortus Eystettensis 04)<\/a><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=399\"><strong>Gastbeitrag zum Hortus Eystettensis \u2013 botanische Sammelleidenschaft und barocke Pracht (Hortus Eystettensis 03)<\/strong><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=412\"><strong>Gastbeitrag zum Hortus Eystettensis: Tabak (Hortus Eystettensis 02)<\/strong><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=427\"><strong>Gastbeitrag zum Hortus Eystettensis: Botanik im Spiegel der Jahreszeiten (Hortus Eystettensis 01)<strong><\/strong><\/a><\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Fr\u00fchling wurde der Garten des F\u00fcrstbischofs von Eichst\u00e4tt von Hyazinthen, Narzissen und vor allem Tulpen dominiert. Dies erscheint heute nicht besonders auff\u00e4llig, pr\u00e4sentiert sich uns doch bald nach dem Winter heute nahezu jeder Garten in der Farbenpracht dieser allgegenw\u00e4rtigen Blumen. 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