{"id":734,"date":"2008-02-27T09:20:52","date_gmt":"2008-02-27T08:20:52","guid":{"rendered":"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=734"},"modified":"2011-02-08T14:47:34","modified_gmt":"2011-02-08T13:47:34","slug":"boten-des-fruhlings-2teil-kuhschelle-hortus-eystettensis-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ub.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=734","title":{"rendered":"Boten des Fr\u00fchlings (2.Teil): Kuhschelle (Hortus Eystettensis 08)"},"content":{"rendered":"<p><img src='https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/02\/pulsatilla41.jpg' alt='Pulsatilla Margrit Hartl' \/><\/p>\n<p><strong>Boten des Fr\u00fchlings (2.Teil): Kuhschelle <\/strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=733\">Boten des Fr\u00fchlings: (1.Teil): Huflattich&#8211;>LINK<\/a><\/p>\n<p><strong>Pulsatilla<\/strong><\/p>\n<p>Die <strong>violett bl\u00fchende Kuh- oder K\u00fcchenschelle<\/strong> und die wei\u00df bl\u00fchende Fr\u00fchlings-Kuhschelle ist eine mehrj\u00e4hrige Pflanze, die aufgrund ihrer Wurzel, die \u00fcber einen Meter tief ins Erdreich eindringt, ebenfalls ab <strong>M\u00e4rz zu bl\u00fchen <\/strong>beginnt. Charakteristisch ist die sch\u00fctzende, wei\u00dfliche, starke Behaarung der ganzen Pflanze. Die glockenf\u00f6rmige, im Wind bewegte, nickende Bl\u00fchte gab wohl der Pflanze den Namen; \u00e4hnelt doch die halb geschlossenes Bl\u00fchte einem Gl\u00f6ckchen. Die Verkleinerungsform <strong>\u201eK\u00fchchen\u201c<\/strong> soll zum Namen K\u00fcchenschelle gef\u00fchrt haben, da die Verbindung zur K\u00fcche aufgrund der <strong>Giftigkeit<\/strong> nicht gegeben ist und die Pflanze niemals in der K\u00fcche, oder zum Kochen verwendet wurde. Auch die wissenschaftliche Bezeichnung Pulsatilla leitet sich von <strong>pulsare<\/strong> (= schlagen, l\u00e4uten) ab.<\/p>\n<p>Wie auch andere Pflanzen bedient sich die Kuhschelle verschiedener <strong>Ausbreitungsmechanismen<\/strong>. Zur Fruchtreife entwickelt sich aus jedem Fruchtblatt ein N\u00fcsschen, an dem der Griffel einen zottig behaarten Federschweif bildet. Diese k\u00f6nnen bei trockenem <strong>Wetter vom Wind<\/strong> vertagen werden (Meteochorie) und bei nassem Wetter haften sie am feuchten Fell vorbeistreifender <strong>Tiere<\/strong> um so Verbreitung zu finden (Epichorie). Besondere Beachtung verdient aber die F\u00e4higkeit der Fr\u00fcchte als Bodenkriecher sich \u201eselbst\u00e4ndig\u201c fortzubewegen: Der bei Trockenheit rechtwinkelig abgeknickte <strong>Federschweif<\/strong> streckt sich durch Wasseraufnahme langsam, w\u00e4hrend sich die Frucht langsam um sich selbst dreht. Wechselt so feuchtes mit trockenem Wetter, k\u00f6nnen sich die <strong>Fr\u00fcchte<\/strong> eigenst\u00e4ndig um etwa <strong>10 bis 20 cm <\/strong>von der <strong>Mutterpflanze<\/strong> fortbewegen (Herpochorie). Trotz dieser Ausbreitungsmechanismen ist die K\u00fcchenschelle in der Natur <strong>selten<\/strong> geworden. <\/p>\n<p>Denn auch wenn die Kuhschelle ist in <strong>West- Mitteleuropa <\/strong>heimisch ist (oder war?), z\u00e4hlt sie heute zu den <strong>besonders gef\u00e4hrdeten Arten<\/strong>. Ihr Vorkommen ist n\u00e4mlich an das Vorhandensein ihrer bevorzugten Lebensraumtypen gebunden. Man trifft sie bevorzugt in <strong>lichten Kiefernw\u00e4lder und Magerrasen<\/strong>, meist in <strong>sonniger Hanglage auf kalkreichen B\u00f6den<\/strong>. Sie stellt relativ hohe Temperaturanspr\u00fcche und fehlt deshalb in sommerk\u00fchlen Landschaften. Die Art ist \u00fcberdies sehr lichtliebend und verschwindet bei \u00dcberd\u00fcngung unter dem Konkurrenzdruck anderer Pflanzen sehr schnell. Die gew\u00f6hnliche K\u00fcchenschellen war daher besonders durch die Ver\u00e4nderung der modernen Landwirtschaft im 20. Jahrhundert betroffen: Der Einsatz von <strong>D\u00fcngemitteln hat zum R\u00fcckgang <\/strong>von Magerrasen gef\u00fchrt, ebenso wie die gebietsweise Aufgabe der Viehwirtschaft zu Umwandlung von Weidefl\u00e4chen und der Umwandlung in Ackerfl\u00e4chen ihren Lebensraum eingeschr\u00e4nkt hat. Um 1900 gab es in den Magerrasen der Welser Heide, auf den Terrassenschottern zwischen Wels und Linz, noch gro\u00dfe Best\u00e4nde. Heute ist sie hier vermutlich ausgestorben. Heute sind noch Vorkommen in der Umgebung von Steyr bekannt und kleine Verbreitungsgebiete in Nieder\u00f6sterreich. Die Art ist daher in allen Bundesl\u00e4ndern <strong>streng gesch\u00fctzt<\/strong>. <\/p>\n<p>Auch im <strong>Garten<\/strong> ist die K\u00fcchenschelle schwierig zu ziehen, da die Art so spezifische Anforderungen stellt, dass die Kultivierung praktisch auf <strong>botanische G\u00e4rten <\/strong>beschr\u00e4nkt bleibt. Einzig die Gew\u00f6hnliche Kuhschelle findet in letzter Zeit h\u00e4ufiger Verwendung im Garten. Die <strong>Kr\u00e4uterbuchautoren des 16. Jahrhunderts <\/strong>kannten die Gew\u00f6hnliche Kuhschelle als Pflanze, die nur in der freien Natur vorkommt. Eine Ausnahme stellt der Garten des <strong>Botanikers und N\u00fcrnberger Stadtarztes Joachim Camerarius <\/strong>dar. Er z\u00e4hlte sie bereits <strong>1588<\/strong> zu den in seinem Garten gepflegten Blumen. Da <strong>Basilius Besler <\/strong>von ihm wichtige Anst\u00f6\u00dfe und auch  Material zu Bepflanzung des <strong>Gartens der F\u00fcrstbisch\u00f6fe von Eichst\u00e4tt <\/strong>erhalt hat, scheint hier ein direkter Zusammenhang zwischen dem b\u00fcrgerlich-st\u00e4dtischen G\u00e4rtlein und dem repr\u00e4sentativen bisch\u00f6flichen Prunkgarten offensichtlich. Da die Pflanze noch bis ins 19.Jahrhundert kaum in Blumeng\u00e4rten kultivierbar galt, lag die <strong>Darstellung der Pflanze auch im abbildenden Buch des Hortus Eystettensis<\/strong> auf der Hand. Dass die sch\u00f6n-bl\u00fchende Pflanze nicht repr\u00e4sentativer dargestellt wurde, mag daran liegen, dass unseren Vorfahren die Pflanze oft als <strong>unheimlich<\/strong> galt und der nach der Bl\u00fcte erscheinende Fruchtstand gleich einem seidig gl\u00e4nzenden Schopf, Bocks-, oder gar <strong>Teufelsbart genannt<\/strong> wurde.<\/p>\n<p>Die Verbindung der Pflanze mit dem <strong>Teufel oder mit Hexen<\/strong>, die am Standort der Pflanze aus der Luft heruntergeschossen worden sein sollen, h\u00e4ngt aber ohne Zweifel auch mit ihrer <strong>Giftigkeit<\/strong> zusammen. Die Gew\u00f6hnliche Kuhschelle ist <strong>in allen <\/strong>Pflanzenteilen <strong>sehr giftig<\/strong>. Enthaltenes Protoanemonin ist ein au\u00dferordentlich heftig wirkendes Reizmittel f\u00fcr die Haut und Schleimh\u00e4ute. Schon die einfache <strong>Ber\u00fchrung <\/strong>kann unter Umst\u00e4nden zu <strong>Blasenbildungen und Ver\u00e4tzungen der Haut <\/strong>f\u00fchren. Beim <strong>Verzehr<\/strong> der Pflanze kann es zu <strong>Nierenentz\u00fcndungen, Magen- und Darmbeschwerden und L\u00e4hmungen des Zentralnervensystems <\/strong>kommen. Vergiftungen werden durch Verabreichungen von <strong>Aktivkohle<\/strong> und dem Ausl\u00f6sen von Erbrechen behandelt. Je nach Grad der Beeintr\u00e4chtigung sind auch Magensp\u00fclungen, Elektrolytsubstitution und gegebenenfalls k\u00fcnstliche Beatmung notwendige Therapiema\u00dfnahmen. <\/p>\n<p>Trotz dieser hohen Toxizit\u00e4t fanden Kuhschellen bereits in der <strong>Antike Verwendung als Heilmittel<\/strong>. Durch das Trocknen der Pflanze wandelt sich das hochgifte Protoanemonin in das weniger giftige Anemonin um. <strong>Hippokrates<\/strong> setzte die Pflanze gegen <strong>hysterische Angstzust\u00e4nde und zur Menstruationsf\u00f6rderung <\/strong>ein. In der <strong>klassischen Hom\u00f6opathie ist Pulsatilla <\/strong>ein oft und h\u00e4ufig verwendetes Mittel gegen verschiedene <strong>Erk\u00e4ltungsbeschwerden, Otitis media, Bronchitis, akute Menstruationsbeschwerden<\/strong> etc.<\/p>\n<p><img src='https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/02\/pulsatillaalba1.jpg' alt='Pulsatilla Margrit Hartl' \/><\/p>\n<p><img src='https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/02\/pulsatilla3.jpg' alt='Pulsatilla Margrit Hartl' \/><\/p>\n<blockquote><p><strong>Weitere Beitr\u00e4ge von <a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=322\">Mag. Gilbert Zinsler<\/a>:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=733\"><strong>Boten des Fr\u00fchlings: (1.Teil): Huflattich (Hortus Eystettensis 07)<\/strong><\/a><\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=555\">Kartoffel &#8211; oder wie Amerika die Welt ver\u00e4nderte (Hortus Eystettensis 06)<\/a><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=477\"><strong>Artischocke &#8211; Verdauungsf\u00f6rderndes f\u00fcr das weihnachtliche Festmahl (Hortus Eystettensis 05)<\/strong><\/a><\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=434\">Gastbeitrag zum Hortus Eystettensis: Capsicum sp. (Hortus Eystettensis 04)<\/a><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=399\"><strong>Gastbeitrag zum Hortus Eystettensis \u2013 botanische Sammelleidenschaft und barocke Pracht (Hortus Eystettensis 03)<\/strong><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=412\"><strong>Gastbeitrag zum Hortus Eystettensis: Tabak (Hortus Eystettensis 02)<\/strong><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=427\"><strong>Gastbeitrag zum Hortus Eystettensis: Botanik im Spiegel der Jahreszeiten (Hortus Eystettensis 01)<strong><\/strong><\/a><\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Boten des Fr\u00fchlings (2.Teil): Kuhschelle Boten des Fr\u00fchlings: (1.Teil): Huflattich&#8211;>LINK Pulsatilla Die violett bl\u00fchende Kuh- oder K\u00fcchenschelle und die wei\u00df bl\u00fchende Fr\u00fchlings-Kuhschelle ist eine mehrj\u00e4hrige Pflanze, die aufgrund ihrer Wurzel, die \u00fcber einen Meter tief ins Erdreich eindringt, ebenfalls ab M\u00e4rz zu bl\u00fchen beginnt. 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