{"id":6920,"date":"2010-11-22T10:34:10","date_gmt":"2010-11-22T09:34:10","guid":{"rendered":"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=6920"},"modified":"2010-11-22T14:56:14","modified_gmt":"2010-11-22T13:56:14","slug":"225-jahre-josephinum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ub.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=6920","title":{"rendered":"225 Jahre Josephinum"},"content":{"rendered":"<p><strong>225 Jahre Josephinum<\/strong><\/p>\n<p>von Doz.Mag.DDr. Sonia Horn\u00a0<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Josephinum_Foto_MMag.M.Hartl\" src=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/josephinum1b.jpg\" alt=\"Josephinum_Foto_MMaG.M.Hartl\" width=\"283\" height=\"386\" align=\"left\" \/><\/p>\n<p><strong>Am 7.November 1785 wurde die medizinisch \u2013 chirurgische Akademie, besser bekannt als \u201eJosephinum\u201c, er\u00f6ffnet. Ein Jahr sp\u00e4ter wurde diese Institution zur \u201emedizinisch \u2013 chirurgischen Josephsakademie\u201c mit dem Status einer Universit\u00e4t.<\/strong><\/p>\n<p>Die <strong>medizinische Fakult\u00e4t <\/strong>der <strong>1365 gegr\u00fcndeten Universit\u00e4t Wien<\/strong>, war von Anfang an eine der <strong>f\u00fchrenden medizinischen Schulen <\/strong>in Europa, wie rezente Forschungen zeigen. Ihre Aufgabe war es, nicht nur <strong>\u00c4rzte auszubilden<\/strong>, sondern auch <strong>Heilkundige<\/strong> zu pr\u00fcfen, die ihre Ausbildung nicht prim\u00e4r im akademischen Kontext erworben hatten \u2013 <strong>Bader, Wund\u00e4rzte , Hebammen, Okulisten, Bruch <\/strong>\u2013 und <strong>Steinschneider sowie Zahnheilkundige<\/strong>. Ab <strong>1517<\/strong> \u00fcbernahm die medizinische Fakult\u00e4t diese Aufgaben f\u00fcr Heilkundige im Raum Wien, ab <strong>1638<\/strong> f\u00fcr jene aus dem heutigen Nieder- und Ober\u00f6sterreich, sowie Teilen des heutigen Burgenlandes. Dar\u00fcber hinaus wurden die \u00f6ffentlichen Apotheken in dieser Region regelm\u00e4\u00dfig kontrolliert. Patientinnen und Patienten konnten sich bei fraglichen Kunstfehlern an die medizinische Fakult\u00e4t wenden, sehr h\u00e4ufig war sie auch mit medizinischen Gutachten in gerichtlichen Verfahren befasst. Weiters war die medizinische Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Wien auch jene Instanz, von der gesundheitspolitische Ma\u00dfnahmen ausgearbeitet wurden, v.a. um die <strong>Ausbreitung von Seuchen <\/strong>zu verhindern.<\/p>\n<p>Dieses breite Aufgabenspektrum nahm die Wiener medizinische Fakult\u00e4t stark in Anspruch, worauf die Mitglieder des Kollegiums immer wieder hinwiesen. Daher wurden zu Beginn des 18. Jahrhunderts zahlreiche Vorschl\u00e4ge f\u00fcr <strong>Reformen des Gesundheitswesens <\/strong>und der Studien an der medizinischen Fakult\u00e4t an die Regierung herangetragen. Dies f\u00fchrte zun\u00e4chst dazu, dass sich die medizinische Fakult\u00e4t <strong>1719 <\/strong>neue Statuten gab, die auch von der Regierung akzeptiert wurden. In diesen Richtlinien wurde auch das Prozedere f\u00fcr den Erwerb des Doktorates der Chirurgie, die Pr\u00fcfung der Hebammen, Bader und Wund\u00e4rzte sowie anderer medizinischer Berufsgruppen verankert. Aufgrund der politischen Situation konnte die von der medizinischen Fakult\u00e4t ausgearbeitete Reform des Medizinstudiums jedoch nicht umgesetzt werden. Dies gelang erst <strong>Gerhard van Swieten (1700 \u2013 1770)<\/strong> durch seine exzellenten Managementf\u00e4higkeiten um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Die <strong>1749 <\/strong>durchgef\u00fchrten Reformen inkludierten auch die M\u00f6glichkeit einzelne Studienabschl\u00fcsse in verschiedenen medizinischen Bereichen zu erwerben &#8211; das <strong>Doktorat der Medizin<\/strong>, das <strong>Doktorat oder Magisterium der Chirurgie <\/strong>sowie das <strong>Magisterium der Geburtshilfe<\/strong>, zu dem M\u00e4nner ab <strong>1753 <\/strong>zugelassen wurden. Zuvor war die Geburtshilfe den Hebammen vorbehalten gewesen, die w\u00e4hrend ihrer vierj\u00e4hrigen Lehrzeit an der medizinischen Fakult\u00e4t inskribiert waren und vor dem Kollegium der Doktoren ihre Pr\u00fcfungen abgelegt hatten. Genau genommen, waren diese die allerersten Studentinnen an der Wiener medizinischen Fakult\u00e4t.<\/p>\n<p>Eine der besonderen Leistungen von Gerhard van Swieten war jedoch die <strong>Neustrukturierung der Verwaltung des Gesundheitswesens<\/strong>. <strong>1770<\/strong> wurde nach langen Verhandlungen die <strong>Sanit\u00e4ts- und Kontumazordnung <\/strong>erlassen, mit der das Gesundheitswesen in den habsburgischen L\u00e4ndern vereinheitlicht wurde. Dabei wurde das bew\u00e4hrte Modell, das die medizinische Fakult\u00e4t seit dem 15. Jahrhundert entwickelt hatte, \u00fcbernommen und auf einen gr\u00f6\u00dferen Bereich umgelegt. Hinzu kam jedoch auch, dass die neu geschaffene Beh\u00f6rde, die Sanit\u00e4tshofkommission, und ihre Unterbeh\u00f6rden, begannen, Daten \u00fcber die Morbidit\u00e4t und Mortalit\u00e4t zu sammeln, um mit Statistiken die Bev\u00f6lkerungsentwicklung und die Wirksamkeit von gesundheitspolitischen Ma\u00dfnahmen bewerten zu k\u00f6nnen. Dies war Teil des sog. <strong>\u201eKameralismus\u201c<\/strong>, einer Wirtschaftstheorie, die u.a. eine hohe Bev\u00f6lkerungszahl als Reichtum eines Staates betrachtete. Gesundheitspoltische Ma\u00dfnahmen wurden als wesentliche Ma\u00dfnahme gesehen, um dieses Ziel zu erreichen.<\/p>\n<p><strong>Joseph II\u00a0<\/strong> (1741-1790) und der Kreis seiner Berater verfolgten dieses Ziel ebenfalls, jedoch noch intensiver und von den Gedanken der Aufkl\u00e4rung geleitet. Wie der Wirtschafts- und Staatstheoretiker <strong>Joseph v. Sonnefels <\/strong>(1732 &#8211; 1817) in seinem Lehrbuch \u00fcber die Kameralwissenschaften betont, sollte es als Recht jedes Staatsb\u00fcrgers betrachtet werden, vom Staat eine ad\u00e4quate Gesundheitsversorgung auf h\u00f6chstem Niveau gew\u00e4hrleistet zu bekommen. Die gesundheitspolitischen Ma\u00dfnahmen sollten auf dieses Ziel ausgerichtet werden, in m\u00f6glichst vielen Bereichen des t\u00e4glichen Lebens sollten diese ebenfalls umgesetzt werden, z.B. auch bei Fragen der pers\u00f6nlichen Sicherheit und des Arbeitsschutzes. Personen, die sich eine medizinische Betreuung nicht selbst leisten konnten, sollten diese in <strong>\u201eallgemeinen Krankenh\u00e4usern\u201c<\/strong> kostenlos erhalten. Gleichzeitig sollten diese Institutionen zu Orten der medizinischen Ausbildung und der medizinischen Wissensproduktion werden.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"joh-alexander-von-brambill1\" src=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/06\/joh-alexander-von-brambill1.jpg\" alt=\"joh-alexander-von-brambill1\" width=\"303\" height=\"80\" align=\"center\" \/><\/p>\n<p>Um diese Ideen und die notwendigen Ma\u00dfnahmen v.a. in der Verwaltung des Gesundheitswesens umzusetzen, wurden medizinische Allrounder gebraucht, die auch gewillt waren, in weniger entwickelten Regionen der habsburgischen L\u00e4nder t\u00e4tig zu sein. In langwierigen, schlussendlich erfolglosen Verhandlungen bem\u00fchte sich <strong>Joseph II<\/strong>, unterst\u00fctzt von seinem pers\u00f6nlichen Arzt und Berater in medizinischen Angelegenheiten, <strong>Giovanni Alessandro Brambilla <\/strong>(1728 &#8211; 1800), die medizinische Fakult\u00e4t zu einer ziemlich <strong>radikalen Ver\u00e4nderung der Studien<\/strong> zu bewegen. Tats\u00e4chlich erscheinen auch heute einige Vorschl\u00e4ge kaum umsetzbar. Im Wesentlichen ist es jedoch den unterschiedlichen Vorstellungen \u00fcber die Ausbildungsziele f\u00fcr \u00c4rzte und der bekannten Ungeduld des Kaisers zuzuschreiben, dass es schlussendlich zu keiner Einigung kam.<\/p>\n<p><strong>Joseph II <\/strong>reagierte in der f\u00fcr ihn typischen Weise und gr\u00fcndete eine Institution zur Ausbildung von \u00c4rzten, die seine Vorstellungen und jenen seiner Berater entsprach <strong>\u2013 die medizinisch \u2013 chirurgische Akademie (= das Josephinum)<\/strong>. Der Leiter dieser neuen Institution war <strong>Giovanni Alessandro Brambilla<\/strong>. Das <strong>Curriculum, die Aufnahmemodalit\u00e4ten und die Lehrmethoden<\/strong> unterschieden sich in dieser Institution ziemlich stark von jenen der medizinischen Fakult\u00e4t. Grunds\u00e4tzlich sollte jeder, der \u00fcber die entsprechenden F\u00e4higkeiten verf\u00fcgte, die M\u00f6glichkeit erhalten an dieser Institution zum Arzt ausgebildet zu werden. <strong>Sonnefels<\/strong> hielt in seinem Lehrbuch der Kameralwissenschaften fest, dass man nie wissen k\u00f6nne unter welchem Dach ein kluger Kopf geboren wird und die Zugh\u00f6rigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht daher nicht f\u00fcr die M\u00f6glichkeiten einer Ausbildung relevant sein d\u00fcrfe. Tats\u00e4chlich durchliefen die <strong>Studenten des Josephinum einen Auswahlprozess<\/strong>, der vom Direktor, Giovanni Alessandro Brambilla, geleitet wurde. Auch auf die Herkunft, sowie die <strong>Religionszugeh\u00f6rigkeit wurde dabei nicht geachtet<\/strong>, relevant sollten bei diesen Aufnahmeverfahren die F\u00e4higkeiten und Vorkenntnisse der Kandidaten sein. Im Josephinum wurden Spezialf\u00e4cher unterreichtet, wie <strong>forensische Medizin, Augenheilkunde, Zahnheilkunde <\/strong>und <strong>&#8222;Staatsarzneikunde&#8220;<\/strong>, was der heutigen <strong>\u201ePublic Health\u201c<\/strong> nahe kommt. Diese Spezialisierungen wurden an der medizinischen Fakult\u00e4t erst im Lauf der ersten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts f\u00fcr die Lehre relevant. Auch in der Lehrmethodik wurden vielfach neue Wege beschritten &#8211; dem derzeitigen Stand der Forschungen entsprechend war das Curriculum \u00e4hnlich aufgebaut, wie jenes der heutigen MedUni Wien.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/06\/brambilla-giovanni2a1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"brambilla-giovanni2a1\" src=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/06\/brambilla-giovanni2a1-180x300.jpg\" alt=\"brambilla-giovanni2a1\" width=\"180\" height=\"300\" align=\"left\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/06\/brambilla-giovanni-alessan.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"brambilla-giovanni-alessan\" src=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/06\/brambilla-giovanni-alessan-183x300.jpg\" alt=\"brambilla-giovanni-alessan\" width=\"183\" height=\"300\" align=\"center\" \/><\/a><\/p>\n<p>Bildnachweis: Sammlungen der Medizinischen Universit\u00e4t Wien &#8211; Josephinum, Bildarchiv<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>225 Jahre Josephinum von Doz.Mag.DDr. Sonia Horn\u00a0 Am 7.November 1785 wurde die medizinisch \u2013 chirurgische Akademie, besser bekannt als \u201eJosephinum\u201c, er\u00f6ffnet. Ein Jahr sp\u00e4ter wurde diese Institution zur \u201emedizinisch \u2013 chirurgischen Josephsakademie\u201c mit dem Status einer Universit\u00e4t. 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