{"id":555,"date":"2008-01-31T14:52:39","date_gmt":"2008-01-31T13:52:39","guid":{"rendered":"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=555"},"modified":"2011-02-08T14:36:29","modified_gmt":"2011-02-08T13:36:29","slug":"kartoffel-%e2%80%93-oder-wie-amerika-die-welt-veranderte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ub.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=555","title":{"rendered":"Kartoffel &#8211; oder wie Amerika die Welt ver\u00e4nderte (Hortus Eystettensis 6)"},"content":{"rendered":"<p><img src='https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/01\/kartoffel1_hartl.jpg' alt='Erdapfel_Margrit Hartl' \/\n\nEine der vertrautesten Pflanzen in Europa ist die <strong>Kartoffel<\/strong>. Sie ist die landwirtschaftlich und agrar-technisch genutzte Pflanze schlechthin..<br \/>\nHeute erscheint sie uns meist schmucklos und unscheinbar bl\u00fchend. Alles Augenmerk in Z\u00fcchtung und Produktion richtet sich auf den Geschmack der Knollen bei gleichzeitiger Ertragsmaximierung. Die j\u00e4hrliche Weltproduktion liegt bei \u00fcber <strong>300 Millionen Tonnen<\/strong>. <!--more--><\/p>\n<p>Was brachte daher diese keineswegs Aufsehen erregende Nutzpflanze in den prachtvollen f\u00fcrstbisch\u00f6flichen Garten und  in Beslers opulentes Florilegium? Der agrarische Nutzen der Pflanze stand nicht immer schon im Vordergrund:<br \/>\nIm <strong>Garten von Eichst\u00e4tt <\/strong>stand das botanische Interesse an einer seltenen Pflanze im Vordergrund, die wegen ihrer sch\u00f6nen wei\u00df-violetten Bl\u00fcten in den G\u00e4rten gepflegt und gezogen wurde. Die Kartoffel war wohl der vielleicht folgenreichste Pflanzenimport aus der <strong>Neuen Welt nach Europa<\/strong>, und war nur bei den Inkas schon seit langem als Nahrungsmittel bekannt. Bei der Eroberung Perus lernten sie in den Anden auch die Spanier kennen. 1533 hatten die Spanier das Inkareich geschlagen, aber erst vier Jahre sp\u00e4ter soll man die Knollen bei einer Expedition zur Suche des legend\u00e4ren <strong>\u201eEl Dorado\u201c<\/strong> bei Bauern gefunden haben. Der Hunger nach Gold war realem Magenknurren gewichen und die stolzen Konquistadoren waren \u00fcber die Nahrungsvorr\u00e4te der geflohenen Bev\u00f6lkerung hergefallen. Man notierte das denkw\u00fcrdige Datum 31. Juli 1537. Die Spanier hatten das <strong>wahre Gold der Erde gefunden: Die Kartoffel<\/strong>.  Erst <strong>1565 erreichten die ersten Knollen Spanien<\/strong>, wo sie am Hof Phillips II. gro\u00dfes Aufsehen erregen sollten. Der spanische K\u00f6nig schenkte eine Kiste weiter an den kranken Papst Pius IV \u2013 als Genesungsgeschenk. Von da an trat die Kartoffel bald ihren Siegeszug in Europa an. Als reine Zierpflanze mit \u00fcppigen Laub und sch\u00f6nen Bl\u00fcten taucht sie in den <strong>botanischen G\u00e4rten ab Mitte des 16. <\/strong>Jahrhunderts in Italien, den Niederlanden und in Burgund auf. 1584 soll der englische Seefahrer Sir Walter Raleigh die Frucht in Irland eingef\u00fchrt haben und 1623 wurde sie dann aus Virginia nach England mitgebracht, wo sie ab 1684 in Lancashire in gr\u00f6\u00dferem Stil erstmals angebaut wurde. Auch wenn der <strong>Anbau in Deutschland<\/strong> in der ersten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts begonnen hatte, konnte sich die die Kartoffel, da sie <strong>als giftig galt<\/strong>, gegen das Grundnahrungsmittel Getreide kaum durchsetzten. Dies \u00e4ndert sich erst als Friedrich der Gro\u00dfe Nahrungsmittel f\u00fcr seine vielen Soldaten suchte. Aufgrund seiner F\u00f6rderung setzt sich die Kartoffel ab 1770 nach und nach durch. Besonders nachdem gezielte Kreuzungen den Geschmack, die Haltbarkeit und den Ertrag deutlich steigerten und die verbesserte Dreifelderwirtschaft eine ausreichende Feldbestellung erm\u00f6glichte. Au\u00dferhalb Deutschlands wurde die Kartoffel vor allem in Irland kultiviert. Weil dort Mitte des 19. Jahrhunderts nahezu die <strong>gesamte Nahrungsmittelproduktion <\/strong>auf sie ausgerichtet ist, f\u00fchren mehrere durch einen Kartoffelsch\u00e4dling ausgel\u00f6ste Missernten zwischen 1845 und 1849 zu gro\u00dfen Hungersn\u00f6ten. Aus diesem Grund wandern in diesen Jahren \u00fcber eine Million Iren in die USA, Kanada und Australien aus.<\/p>\n<p>Botanisch gesehen geh\u00f6rt die Kartoffel zur Gruppe der <strong>Nachtschattengew\u00e4chse (Solanaceae)<\/strong>. Sie enth\u00e4lt in allen <strong>gr\u00fcnen Pflanzenteilen hochgiftige Solanumalkaloide<\/strong>, vor allem das \u03b1-Solanin. In den Knollen sind Spuren von nat\u00fcrlichem Diazepam entdeckt worden. Die Konzentrationen sind allerdings so gering, dass selbst beim Genuss eines Sacks voll Kartoffeln keine sedierende \u201eValium\u201c-\u00e4hnliche Wirkung auftreten d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Schon vor Linn\u00e9 gab ihr Caspar Bauhin den botanischen Namen Solanum tuberosum esculentum. <strong>\u201eTuberosus\u201c<\/strong> steht f\u00fcr knollig, Knollen- und leitet sich vom lateinischen \u201eTuber\u201c, f\u00fcr Buckel, H\u00f6cker, oder Geschwulst ab. In der Botanik steht Tuber f\u00fcr die Speisetr\u00fcffel. Bereits die Spanier in S\u00fcdamerika hielten die essbaren unterirdischen Spro\u00dfknollen aufgrund ihres Vorkommens, ihrer br\u00e4unlichen Au\u00dfenh\u00fclle, der knolligen Gestalt und dem wei\u00dflich-gelblichen Anschnitt durch die Innenseite f\u00fcr Tr\u00fcffel. Da in Gebieten Europas, wo sowohl Weisstr\u00fcffel vorkommen, wie auch fr\u00fch Kartoffel angebaut wurden, hat dort eine Namens\u00fcbertragung von der Tr\u00fcffel auf die Kartoffel stattgefunden. So hat sich aus dem italienischen <strong>\u201etartufo\u201c f\u00fcr Tr\u00fcffel<\/strong> das ostfranz\u00f6sische <strong>\u201etartuf\u201c f\u00fcr Kartoffel <\/strong>entwickelt Schon um 1600 hei\u00dft es auf Franz\u00f6sisch: <strong>\u201eLa pomme de terre s`est appel\u00e8e Cartoufle.\u201c<\/strong>, woraus das <strong>deutsche Kartoffel <\/strong>(neben dem \u00e4lteren Tart\u00fcffel) entlehnt ist. Nur im \u00f6sterreichisch-s\u00fcddeutschen Raum blieb man l\u00e4nger dem vertrauteren, beschreibenden Ausdruck <strong>\u201eErdapfel\u201c, bzw. der \u201eGrundbirn\u201c<\/strong> treu.<\/p>\n<p>Im Buch des <strong>Hortus Eystettensis <\/strong>wird die Pflanze entsprechend ihrem Ursprung als <strong>Papas Peruanorum<\/strong>, bzw. mit dem deutschen Namen <strong>\u201eGr\u00fcbling-Baum\u201c<\/strong> bezeichnet, der ebenfalls auf Caspar Bauhin zur\u00fcckgeht.<\/p>\n<p>Als Abbildung im Hortus Eystettensis begegnen wir der Kartoffel als pr\u00e4chtig gro\u00df-bl\u00fchende Pflanze, deren Wurzelknollen abgeschnitten beigestellt sind. Neben der Pflanze sind der Gartenthymian und der ebenfalls unauff\u00e4llige Wilde Thymian, auch Quendel genannt, dargestellt, die beide aufgrund ihres typischen Geruchs als Gew\u00fcrz und Arzneipflanze verwendet wurden.<\/p>\n<p><img src='https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/01\/kartoffel_hartl.jpg' alt='Kartoffel_Foto_Margrit Hartl.jpg' \/><\/p>\n<blockquote><p><strong>Weitere Beitr\u00e4ge von Mag. Gilbert Zinsler:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=477\"><strong>Artischocke &#8211; Verdauungsf\u00f6rderndes f\u00fcr das weihnachtliche Festmahl (Hortus Eystettensis 5) &#8211;>Link<\/strong><\/a><\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=434\">Gastbeitrag zum Hortus Eystettensis: Capsicum sp. (Hortus Eystettensis 4) &#8211;>Link<\/a><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=399\"><strong>Gastbeitrag zum Hortus Eystettensis \u2013 botanische Sammelleidenschaft und barocke Pracht (Hortus Eystettensis 3)<\/strong> &#8211;>Link<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=412\"><strong>Gastbeitrag zum Hortus Eystettensis: Tabak (Hortus Eystettensis 2)<\/strong> &#8211;>Link<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=427\"><strong>Gastbeitrag zum Hortus Eystettensis: Botanik im Spiegel der Jahreszeiten (Hortus Eystettensis 1)<\/strong>&#8211;>Link<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><img src='https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/01\/erdapfel_hartl.jpg' alt='Erdapfel_Foto_M.Hartl' \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[33,5,2,16],"tags":[278],"class_list":["post-555","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gastbeitrage","category-medizingeschichte","category-news","category-news1","tag-hortus-eystettensis"],"views":43118,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ub.meduniwien.ac.at\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/555","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/ub.meduniwien.ac.at\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ub.meduniwien.ac.at\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ub.meduniwien.ac.at\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ub.meduniwien.ac.at\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=555"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/ub.meduniwien.ac.at\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/555\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8113,"href":"https:\/\/ub.meduniwien.ac.at\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/555\/revisions\/8113"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ub.meduniwien.ac.at\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=555"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ub.meduniwien.ac.at\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=555"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ub.meduniwien.ac.at\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=555"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}