{"id":434,"date":"2007-11-22T07:20:43","date_gmt":"2007-11-22T06:20:43","guid":{"rendered":"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=434"},"modified":"2008-02-04T15:54:45","modified_gmt":"2008-02-04T14:54:45","slug":"gastbeitrag-zum-hortus-eystettensis-capsicum-sp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ub.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=434","title":{"rendered":"Capsicum sp. (Hortus Eystettensis 4)"},"content":{"rendered":"<p><img src='https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/11\/paprika1.jpg' alt='Paprika_Foto_by_Margrit Hartl ' \/><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=322\">von Mag. Gilbert Zinsler<\/a><\/p>\n<p><strong>Capsicum sp.<\/strong><\/p>\n<p>Der <strong>Paprika<\/strong> z\u00e4hlt ebenso wie der Tabak zur Familie der <strong>Nachtschattengew\u00e4chse<\/strong> (Solanaceae). Mit einer weltweiten Gesamtproduktion von ca. 20 Millionen Tonnen  ist uns die Pflanze als Gem\u00fcse- und Gew\u00fcrzpflanze so vertraut, dass wir uns selten ihrer Herkunft bewusst werden: Der Ursprung aller Paprika-Arten liegt in Mittel- und S\u00fcdamerika. Aufgrund arch\u00e4ologischer Funde in der N\u00e4he von <strong>Tehuacan in Mexiko<\/strong> konnte nachgewiesen werden, dass Paprika bereits <strong>um 7000 v. Chr.<\/strong> als Nutzpflanzen dienten. Auf diese Wildformen lassen sich alle heute gebr\u00e4uchlichen Zuchtformen, wie <em>Capsicum annuum<\/em> oder <em>Capsicum frutescens<\/em>, zur\u00fcckf\u00fchren. <\/p>\n<p>Ein wichtiger Ansto\u00df f\u00fcr die Reisen von <strong>Christoph Kolumbu<\/strong>s war, das damalige Handelsmonopol Venedigs mit Pfeffer- und Gew\u00fcrzpflanzen zu brechen. Grosses Interesse galt daher den scharfen Fr\u00fcchten, die die Einwohner Amerikas &#8211; des nur vermeintlichen Indiens &#8211; zum W\u00fcrzen und von Speisen verwendeten. Die erste schriftliche Erw\u00e4hnung stammt vom <strong>Arzt Alvarez Chanca<\/strong>, der in einem Brief \u00fcber die zweite Reise des Kolumbus \u00fcber die Pflanze berichtete. Auch <strong>Bartolom\u00e9 de las Casas <\/strong>beschrieb nach seiner Ankunft in Amerika 1502 mehrere Paprikaarten. Die Fr\u00fcchte wurden nach Europa mitgenommen und konnten bald darauf in Spanien angebaut werden. Lange waren Paprika daher unter dem Namen <strong>\u201espanischer Pfeffer\u201c<\/strong> bekannt. <\/p>\n<p>Durch den zunehmenden Seehandel im 16. Jahrhundert breiteten sich die Sorten der Pflanzengattung rasch entlang der Handelsrouten nach Indien und S\u00fcdostasien aus und wurden dort wichtiger Bestandteil der regionalen K\u00fcche. \u00dcber Spanien und Griechenland, oder aufgrund der kriegerischen Auseinandersetzung mit den portugiesischen Kolonien in Ormuz (Persien 1513) oder Diu (Indien, 1538) kam das osmanische Reich in Kontakt mit Paprikapflanzen. Die <strong>T\u00fcrken<\/strong> wiederum brachten den Paprika bis nach <strong>Ungarn<\/strong>, wo er zu einer traditionellen Anbaupflanze wurde. So wurde der deutsche Ausdruck \u201ePaprika\u201c wohl erst im 19. Jahrhundert, als sich das Gew\u00fcrz in Mitteleuropa vermehrt durchsetzte, aus dem Ungarischen \u00fcbernommen. Die Ungarn wiederum scheinen das Wort mit der Bedeutung <strong>\u201edie, die scharf ist\u201c<\/strong> aus dem gleichlautenden Kroatischen, oder Serbischen \u00fcbernommen zu haben. Im Deutschen bezeichnet das Wort Paprika sowohl das Gem\u00fcse, als auch das Gew\u00fcrz \u2013 im Gegensatz zu vielen anderen Sprachen, in die es \u00fcbernommen wurde, und wo es vor allem mit dem getrockneten und gemahlenen Gew\u00fcrz in Verbindung gebracht wird. Erst nach dem zweiten Weltkrieg gelang in Ungarn die Z\u00fcchtung \u201es\u00fc\u00dfer\u201c Arten, die sich als Marktgem\u00fcse rasch etablierten. <\/p>\n<p>Die Gattung Capsicum enth\u00e4lt verschiedenste Arten, denen alle bestimmte Inhaltsstoffe \u2013 in unterschiedlicher Konzentration \u2013 gemein sind: Neben dem bekannten Geschmack, der auf \u00e4therische \u00d6le zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, sind rote Farbstoffe aus der Gruppe der Carotinoide charakteristisch. Paprika enthalten relativ viel Vitamin C. So gelang es 1927 dem ungarischen <strong>Mediziner Albert Szent-Gy\u00f6rgyi von Nagyr\u00e1polt<\/strong>, aus Paprika gen\u00fcgende Mengen an Ascorbins\u00e4ure zu isolieren, um damit ihre Struktur zu ermitteln. Er identifizierte die Substanz as das bekannte, gegen Skorbut wirksame Vitamin C. F\u00fcr seine Entdeckungen auf dem Gebiet der biologischen Verbrennungsprozesse (Citratzyklus, oder Szent-Gy\u00f6rgyi-Krebs-Zyklus), besonders in Beziehung auf das Vitamin C und die Katalyse der Fumars\u00e4ure erhielt er 1937 den <strong>Nobelpreis f\u00fcr Medizin<\/strong>. <\/p>\n<p>Verantwortlich f\u00fcr die qualit\u00e4tsbestimmende <strong>Sch\u00e4rfe<\/strong> der Paprikaarten sind Stoffe aus der Gruppe der <strong>Capsaicinoide<\/strong>. In erster Linie ist hier das Capsaicin zu nennen, das einen Hitze-Schmerzreiz verursacht. Diese durchblutungsf\u00f6rdernde und schmerzdesensibilisierende Wirkung wurde und wird in antirheumatischen Pflastern und Salben angewandt. Auch heute finden sich noch Arzneimittel gebr\u00e4uchlich, die den isolierten Inhaltsstoff enthalten. In der Volksmedizin wurden Capsicumextrakte gerne als verdauungsf\u00f6rderndes, bl\u00e4hungstreibendes und entw\u00e4sserndes Mittel eingesetzt. Der lateinische Gattungsname Capsicum ist eine latinisierte Ableitung von griechisch kapsa [\u03ba\u1f71\u03c8\u03b1] \u201eKapsel, Beh\u00e4lter\u201c und bezieht sich auf die Form der Fr\u00fcchte. <\/p>\n<p>Im <strong>Hortus Eystettensis <\/strong>finden wir 15 Abbildungen der Species Capsicum &#8211; alle bezeichnet als Piper indicum. Die Paprikapflanzen sind repr\u00e4sentativ auf acht Tafeln dargestellt. Bis auf zwei Pflanzen mit gelben Fr\u00fcchten unterscheiden sich die Pflanzen prim\u00e4r durch die Form der Frucht. Die auff\u00e4llig gro\u00dfe Anzahl von Abbildungen, die der Jahreszeit Herbst zugeordnet sind, zeigt die Bedeutung des Paprika im Garten zu Eichst\u00e4tt. Wohl ist anzunehmen, dass diese Gew\u00e4chse in T\u00f6pfen gezogen wurden und entsprechend dem Grundgedanken des Werkes prim\u00e4r aus optischen Gr\u00fcnden kultiviert und abgebildet wurden. Da schon <strong>Leonhart Fuchs <\/strong>den Paprika, allerdings unter dem Namen <strong>\u201eSiliquastrum\u201c<\/strong> in seinem Kr\u00e4uterbuch von 1542 darstellt und beschreibt, muss davon ausgegangen werden, dass Paprikapflanzen nicht als neu und selten zu Beginn des 17. Jahrhunderts anzusehen waren. Dies wird weiters dadurch bekr\u00e4ftigt, dass Fuchs den spanischen Pfeffer als in Deutschland gebr\u00e4uchliche Topfpflanze erw\u00e4hnt. <\/p>\n<p>F\u00fcr den F\u00fcrstbischof k\u00f6nnte auch ein weiterer Grund das besondere Interesse am Paprika geweckt haben: Die verlockenden, sch\u00f6nen Fr\u00fcchte des Paprikas mit ihrem \u00fcberraschend scharfen Geschmack wurden auch mit <strong>religi\u00f6ser Symbolik <\/strong>bedacht. Sie stellten ein warnendes Beispiel vor \u00e4u\u00dferlichem, alleine der Welt zugewandten Prunk dar, der unweigerlich dazu f\u00fchrte, dass die Seele gleichsam verbrennen musste. <\/p>\n<p><strong>Weitere Beitr\u00e4ge von Mag. Gilbert Zinsler:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=399\"><strong>Gastbeitrag zum Hortus Eystettensis \u2013 botanische Sammelleidenschaft und barocke Pracht<\/strong> &#8211;>Link<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=412\"><strong>Gastbeitrag zum Hortus Eystettensis: Tabak<\/strong> &#8211;>Link<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=427\"><strong>Gastbeitrag zum Hortus Eystettensis: Botanik im Spiegel der Jahreszeiten <\/strong>&#8211;>Link<\/a><\/p>\n<p><img src='https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/11\/paprika2.jpg' alt='Paprika_Foto_by_Margrit Hartl ' \/><\/p>\n<p><img src='https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/11\/paprika-gr.jpg' alt='Paprika_Foto_by_Margrit Hartl ' \/><\/p>\n<p>Literatur:<br \/>\n  <a href=\"http:\/\/www.hort.purdue.edu\/newcrop\/proceedings1993\/V2-132.html\">http:\/\/www.hort.purdue.edu\/newcrop\/proceedings1993\/V2-132.html<\/a><br \/>\n  <a href=\"http:\/\/history.org\/history\/CWLand\/resrch11.cfm\">http:\/\/history.org\/history\/CWLand\/resrch11.cfm<\/a><br \/>\n<a href=\"  http:\/\/www.uni-graz.at\/~katzer\/germ\/Caps_ann.html\">  http:\/\/www.uni-graz.at\/~katzer\/germ\/Caps_ann.html<\/a><br \/>\n  Leonhart Fuchs, De Historia Stirpium commmentarii insignes (Basel, 1543)<br \/>\n  Basilius Besler, Der Garten von Eichst\u00e4tt \u2013 Die vollst\u00e4ndigen Tafeln (K\u00f6ln, 1999)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Mag. 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