{"id":285,"date":"2007-08-21T09:47:21","date_gmt":"2007-08-21T08:47:21","guid":{"rendered":"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=285"},"modified":"2011-02-08T14:26:31","modified_gmt":"2011-02-08T13:26:31","slug":"manfred-skopec-uber-gerard-van-swieten-begrunder-des-osterreichischen-gesundhweitswesens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ub.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=285","title":{"rendered":"Manfred Skopec \u00fcber GERARD VAN SWIETEN &#8211; BEGR\u00dcNDER DES \u00d6STERREICHISCHEN GESUNDHEITSWESENS"},"content":{"rendered":"<p><img src='https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/08\/swieten1d1.jpg' alt='Van Swieten Blog Logo by Margrit Hartl' \/><\/p>\n<p>Wir bedanken uns beim Autor, Univ. Doz. Dr. Manfred Skopec, und Frau Heidemarie Neuherz bzw. der M\u00fcnze \u00d6sterreich f\u00fcr die Bereitstellung des Beitrags.<\/p>\n<p><img src='https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/08\/unbenannt-1.jpg' alt='Muenze' \/><\/p>\n<p>Wie in UbMUW-INFO angek\u00fcndigt, stellt uns Univ.-Doz. Dr. Manfred Skopec (Institut f\u00fcr Geschichte der Medizin) seinen Beitrag, der anl\u00e4\u00dflich der Herausgabe der <strong>50-Euro-Goldm\u00fcnze f\u00fcr Gerard van Swieten<\/strong> als Titelgeschichte in der 1. Ausgabe (Jan.-M\u00e4rz 2007) von &#8222;<a href=\"http:\/\/www.austrian-mint.com\/muenze_zeitung?l=de\">Die M\u00fcnze<\/a>&#8220; erschienen ist, dankenswerter Weise f\u00fcr einen Wiederabdruck in UbMUW-INFO zur Verf\u00fcgung:<\/p>\n<p><strong>Manfred Skopec: Gerard van Swieten &#8211; Begr\u00fcnder des \u00f6sterreichischen Gesundheitswesens.<br \/>\nAus: Die M\u00fcnze 18 (Jan.-M\u00e4rz 2007), Ausg. 1, S. 4-8. [<a href=\"http:\/\/www.austrian-mint.com\/cms\/download.php?downloadId=447&#038;languageId=1\">PDF-Version<\/a>]<\/strong><\/p>\n<blockquote><p>Seit der Gr\u00fcndung der Wiener Universit\u00e4t durch Herzog Rudolf IV., den Stifter, im Jahr 1365 gab es auch an der medizinischen Fakult\u00e4t immer wieder t\u00fcchtige \u00c4rzte, die allerdings zumeist aus dem Ausland stammten und die der Glanz des habsburgischen Hofes nach Wien gezogen hatte. Denn dort Leibarzt zu werden, bedeutete nicht nur eine gesicherte Existenz, sondern auch in gleichem Ma\u00dfe soziales Prestige. F\u00fcr den Aufbau einer medizinischen Schule als einer St\u00e4tte medizinischer Ausbildung und Forschung mit eigenen Methoden, unverwechselbarem Profil und entsprechender Wirkung in die Weite war allerdings dabei nicht viel abgefallen, obwohl es die medizinische Fakult\u00e4t seit dem Ende des 17. Jahrhunderts nicht hatte an Anstrengungen fehlen lassen. Immer wieder versuchte sie den Anschluss an die fortschrittliche Medizin Westeuropas zu gewinnen, wie sie beispielsweise in Leiden unter Herman Boerhaave bl\u00fchte.<\/p>\n<p><img src='https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/08\/unbenannt-3.jpg' alt='Boerhaave' \/><br \/>\n<strong>Abbildung 1: Van Swieten war Sch\u00fcler des holl\u00e4ndischen Klinikers Herman Boerhaave<\/strong><br \/>\nCopyright byImagno\/Ullstein<\/p>\n<p>In Leiden gab es bereits all das, was die Wiener Fakult\u00e4t noch nicht hatte erreichen k\u00f6nnen: einen botanischen Garten, ein chemisches Laboratorium, ein Anatomisches Theater und einen systematischen Unterricht am Krankenbett. In Wien tradierten die medizinischen Professoren noch gro\u00dfteils trockenes Buchwissen nach scholastischer Manier.<br \/>\nDie medizinische Fakult\u00e4t agierte als lokale Gesundheitsbeh\u00f6rde, wachte eifers\u00fcchtig \u00fcber ihre mittelalterlichen Privilegien und f\u00fchrte einen zumeist fruchtlosen Kampf gegen Kurpfuscher, Quacksalber, anma\u00dfende Bader und Barbiere. Dies \u00e4nderte sich unter Maria Theresia, denn die Kaiserin verstand es, sich in allen Bereichen staatlichen Lebens mit f\u00e4higen Beratern zu umgeben.<br \/>\nAuf dem Wissenschaftssektor, der traditionell vom Leibarzt betreut wurde, hatte sie ein besonders gutes Gesp\u00fcr, als sie den Holl\u00e4nder Gerard van Swieten (1700\u20131772) aus Leiden berief. Dabei war die Sache gar nicht so einfach: Zwei Jahre lang bem\u00fchte sich Maria Theresia mit der ihr eigenen Hartn\u00e4ckigkeit in pers\u00f6nlichen Briefen von gro\u00dfer menschlicher W\u00e4rme um diesen Sch\u00fcler des holl\u00e4ndischen Klinikers Herman Boerhaave. Aus diesen Briefen wissen wir auch, dass es einen tiefen Eindruck auf van Swieten machte, als ihm Maria Theresia h\u00f6chstpers\u00f6nlich am 8. J\u00e4nner 1745 schrieb, dass sie ihm ihr Vertrauen und ihre Freundschaft schenke. Durch eben diese Briefe war die Vertrauensstellung zwischen Leibarzt und Patienten, zwischen dem Ersten Arzt, dem Protomedikus, am Hofe und der Herrscherin schon festgelegt, bevor van Swieten am 7. Juni 1745, 45-j\u00e4hrig, an den Wiener Hof kam.<\/p>\n<p><img src='https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/08\/unbenannt-2.jpg' alt='Maria Theresia' \/><\/p>\n<p><strong>Abbildung 2: Zwei Jahre lang bem\u00fchte sich Maria Theresia mit der ihr eigenen Hartn\u00e4ckigkeit in pers\u00f6nlichen Briefen von gro\u00dfer menschlicher W\u00e4rme um van Swieten<\/strong><br \/>\nCopyright byImagno\/AustrianArchives<\/p>\n<p>Van Swietens Entscheidung, dem Ruf der Kaiserin nach Wien zu folgen, wurde gewiss auch davon beeinflusst, dass er Katholik war, denn konfessionelle Schranken wurden trotz aller Toleranz van Swieten in Holland zum Hindernis. Als man ihm 1734 verbot, seine stark besuchten Privatvorlesungen fortzusetzen, bewirkten dies eifers\u00fcchtige Kollegen aufgrund eines alten Konfessionsparagrafen. Der Wiener Hof besch\u00e4ftigte an die 30 Heilpersonen, Leibmedici, Hofmedici, Leibchirurgen, Hofchirurgen, ja sogar einen eigenen Jagd- und einen eigenen Zahnchirurgen und selbstverst\u00e4ndlich einen Hofapotheker in der Hofapotheke. \u00dcber alle diese Personen gab Maria Theresia ihrem Protomedikus volle Autorit\u00e4t. Ohne dass er davon Kenntnis erhielt, durfte niemand angestellt oder entlassen werden, ohne sein Wissen durfte kein Heilmittel oder auch nur ein Pflaster appliziert werden, vor allem bei ihren eigenen Kindern, den kleinen Erzherzogen und Erzherzoginnen, an deren Krankenbett van Swieten manche Nacht durchwachte.<br \/>\nDieses strenge Regiment, das der Holl\u00e4nder am Wiener Hof einf\u00fchrte und bald auch an der Wiener medizinischen Fakult\u00e4t, fand auch seinen Niederschlag in einer liebensw\u00fcrdigen Anekdote: Man sa\u00df bei der Hoftafel. Maria Theresia griff kr\u00e4ftiger zu, als es ihrer Gesundheit gut tat. Van Swieten befahl, einen K\u00fcbel neben sich aufzustellen und lie\u00df von jedem Gang so viel in den K\u00fcbel hineingeben, als die Kaiserin von den Speisen zu sich nahm. Auf die erstaunte Frage Maria Theresias nach dem Grund solchen Tuns soll van Swieten mit dem Hinweis auf das Durcheinander im K\u00fcbel geantwortet haben: \u201eSo sieht es jetzt in Eurer Majest\u00e4t Magen aus!\u201c<br \/>\nWie sein Vorg\u00e4nger im Protomedikat am Wiener Hof, der gelehrte Italiener Pi\u00f2 Nicolo Garelli, war van Swieten nicht nur Leibarzt, sondern Pr\u00e4fekt der Hofbibliothek. Alle \u00fcbrigen Funktionen, die ihm seit 1749 als Pr\u00e4ses der medizinischen Fakult\u00e4t, als oberstem zivilen und milit\u00e4rischen Sanit\u00e4tschef der Erblande, als Pr\u00e4sidenten der Zensur- und der Studienhofkomission zuwuchsen, nahm van Swieten freiwillig auf sich und \u00fcbte sie ehrenamtlich aus. Auch war er nie, wie immer wieder f\u00e4lschlich behauptet wird, Professor der Wiener medizinischen Fakult\u00e4t. Wohl begann er 1746, Vorlesungen \u00fcber Physiologie, Pathologie und Materia medica zu geben. Diese hielt er aber nicht in der Universit\u00e4t, sondern im Vorsaal der Hofbibliothek und aus freien St\u00fccken, weil er die \u00dcberzeugung gewonnen hatte, dass die universit\u00e4re Medizin darniederlag, jede Reform aber, sowohl der Universit\u00e4t als auch des Sanit\u00e4tswesens, im Personellen zu beginnen habe. Und keiner seiner Vorg\u00e4nger befasste sich so intensiv mit den wissenschaftlichen Institutionen des Dienstlandes und gestaltete sie in so entscheidender Weise um wie van Swieten. Das h\u00e4ngt unmittelbar mit Maria Theresias Staatsreform zusammen, in der sie 1749 den zentralistisch dirigierten Einheitsstaat schuf. Van Swieten erhielt im selben Jahr den Auftrag, zuerst die medizinische Fakult\u00e4t und sodann die gesamte Universit\u00e4t nach etatistischen Prinzipien umzuformen.<br \/>\nEs zeugt von dem Elan, der beide Reformer beseelte, dass van Swietens Vorschlag vom 17. J\u00e4nner 1749 bereits am 7. Februar das Plazet der Kaiserin erhielt. Damit war die Fakult\u00e4t ihrer mittelalterlichen Privilegien beraubt. Als staatliches Aufsichtsorgan, als Pr\u00e4ses facultatis, war ihr van Swieten nunmehr vorgesetzt. In dieser Eigenschaft reformierte und beaufsichtigte er die Pr\u00fcfungen und stellte das bisher um teures Geld im Ausland absolvierte Medizinstudium von vielfach zweifelhafter Qualit\u00e4t ab. Nur im Inland promovierte \u00c4rzte, von deren fachlicher Eignung sich van Swieten vielfach pers\u00f6nlich \u00fcberzeugte, erhielten k\u00fcnftig eine Anstellung, sei es als Spitalsarzt, als Stadt- oder Kreisphysikus.<br \/>\nDabei kam alles auf die Pr\u00fcfungsleistungen an. Die Studiendauer interessierte van Swieten nicht. Daher wurde auch keine bestimmte Studiendauer festgesetzt, sondern nur allgemein f\u00fcnf bis sechs Jahre empfohlen. Das elit\u00e4re Prinzip stand ohne Zweifel am Beginn einer eigenst\u00e4ndigen Bildungs- und Gesundheitspolitik in \u00d6sterreich. Daran hielt Maria Theresia auch nach dem Tode van Swietens fest.<br \/>\nDen schwersten Eingriff in die Privilegien der medizinischen Fakult\u00e4t bedeutete es, als ihr van Swieten das Recht der Wahl bzw. der Ernennung der Professoren entzog und dieses f\u00fcr den Souver\u00e4n in Anspruch nahm. In Wirklichkeit \u00fcbte er selbst dieses Recht aus, indem die Kaiserin ihm v\u00f6llig freie Hand lie\u00df, neue f\u00e4hige Professoren aus dem Ausland oder aus dem eigenen Sch\u00fclerkreis zu berufen.<br \/>\nDer Konflikt, der zwischen van Swieten als dem Vertreter des Staatsinteresses und der medizinischen Fakult\u00e4t ausgebrochen war, erweiterte sich in der Folge zu einem Konflikt mit den Vertretern der kirchlichen Autorit\u00e4t im universit\u00e4ren Bereich. In einem zehnj\u00e4hrigen Ringen gelang es van Swieten, die kirchlichen Vertreter aus ihren universit\u00e4ren Funktionen zu eliminieren und der gesamten Universit\u00e4t eine solche Struktur zu geben, dass sie als eine moderne Bildungsanstalt im Sinne der Aufkl\u00e4rungszeit den Anspr\u00fcchen des Theresianischen Staates gen\u00fcgen konnte. F\u00fcr die medizinische Fakult\u00e4t im Besonderen bedeutete diese Reform eine Hinwendung zum Anschauungsunterricht. Das vorzeigbare Objekt, sei es der menschliche Leichnam im Anatomischen Theater, die Pflanze im botanischen Garten, die chemische Substanz im Laboratorium oder der kranke Mensch im Krankenbett, standen nunmehr im Vordergrund des Unterrichts. Van Swieten war es, der den botanischen Lehrgarten, das chemische Laboratorium, eine Sezierkammer und R\u00e4ume im B\u00fcrgerspital als St\u00e4tte des klinischen Unterrichts schuf, wie auch der Bau des neuen Universit\u00e4tsgeb\u00e4udes, des heutigen Heims der \u00d6sterreichischen Akademie der Wissenschaften, auf seine Initiative zur\u00fcckgeht. All dies entstand in nur f\u00fcnf Jahren, zwischen 1749 und 1754. In diesen Jahren wurde der Boerhaave-Sch\u00fcler aus Leiden zum Wissenschaftsorganisator gro\u00dfen Stils.<\/p>\n<p><img src='https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/08\/unbenannt-4.jpg' alt='Van Sieten' \/><\/p>\n<p><strong>Abbildung 3: Den k.k. Botanischen Garten am Rennweg lie\u00df Maria Theresia 1754 auf Anraten ihres Leibarztes Gerard van Swieten anlegen<\/strong><br \/>\nCopyright by\u00d6sterreichischeNationalbibliothek<\/p>\n<p><img src='https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/08\/unbenannt-5.jpg' alt='Akademie der Wissenschaften' \/><\/p>\n<p><strong>Abbildung 4: Das 1756 er\u00f6ffnete Uni-Geb\u00e4ude, das heute die Akademie der Wissenschaften beheimatet, geht auf Gerard van Swieten zur\u00fcck<\/strong><br \/>\nCopyright byImagno\/AustrianArchives<\/p>\n<p>Nehmen wir als Beispiel die Einf\u00fchrung des Krankenbettunterrichts: Am 27. April 1753 bestimmte van Swieten im Komplex des B\u00fcrgerspitals zwischen K\u00e4rtnertortheater und Kapuzinerkirche zwei Krankenzimmer, ein Operations- und ein Obduktionszimmer f\u00fcr die \u201eMedicinisch- und Chyrurgische Kranken-Curirungs-Schul\u201c. 1754 begann in dieser der ebenfalls aus Leiden berufene Boerhaave-Sch\u00fcler Anton de Haen jeden Morgen um 8 Uhr seine Sch\u00fcler an das Krankenbett zu f\u00fchren und besprach dort mit ihnen jeden Fall.<br \/>\nZwar waren es nur zw\u00f6lf Betten, die de Haen f\u00fcr seinen Unterricht zur Verf\u00fcgung standen. Aber auf Anordnung van Swietens war er befugt, aus s\u00e4mtlichen Wiener Spit\u00e4lern jeweils die F\u00e4lle auszuw\u00e4hlen, die bestimmte Krankheiten exemplarisch darstellten und deshalb f\u00fcr die Unterweisung der Studenten besonders geeignet waren.<br \/>\nDie Fr\u00fcchte dieser Bildungspolitik sind im medizinischen Bereich bereits anfangs 1760 deutlich erkennbar: Eine neue Medizinische Schule war in Europa entstanden, die man die \u201eErste Wiener Medizinschule\u201c zu nennen pflegt. Ihr Beitrag zur Weltmedizin war kein geringer: Der Primarius am Spanischen Spital, Leopold Auenbrugger, perkutierte durch sieben Jahre hindurch immer wieder den Brustkorb seiner Patienten, um aus dem verschieden ged\u00e4mpften Schall ein sicheres Zeichen f\u00fcr die bisher so schwer erkennbaren Lungen- und Herzkrankheiten zu erhalten. Mit seiner Erfindung der Perkussion, die er 1761 in einem kleinen B\u00fcchlein, dem Inventum novum, niederlegte, wurde er zum Begr\u00fcnder der physikalischen Diagnostik.<\/p>\n<p><img src='https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/08\/unbenannt-6.jpg' alt='Van Swieten' \/><\/p>\n<p><strong>Abbildung 5: Gerard van Swieten gr\u00fcndete die &#8222;Erste Wiener Medizinische Schule&#8220;<\/strong><br \/>\nCopyright byImagno\/AustrianArchives<\/p>\n<p>Auenbruggers Kollege, der Primarius am Parzmairschen Spital in der W\u00e4hringer Stra\u00dfe Anton St\u00f6rck, wurde zum Pionier der experimentellen Pharmakologie. Zwar konnte er mit seinen neu eingef\u00fchrten Medikamenten aus bisher als giftig verschrieenen Pflanzen (Schierling, Stechapfel, Eisenhut u. a.) keine Krebskranken heilen, wie er und van Swieten hofften, aber die Methode seines therapeutischen Experimentierens \u2013 Selbstversuch, Tierversuch, Patientenversuch \u2013 blieb f\u00fcr alle Zeiten wegweisend.<br \/>\nMit seiner Publikation Die Gesundbrunnen der \u00f6sterreichischen Monarchie aus dem Jahr 1777 wurde Johann Nepomuk Crantz zu einem Pionier der \u00f6sterreichischen Balneologie. Crantz war \u00fcberzeugt, dass die Heilquellen f\u00fcr die \u00e4rztliche Therapie ebenso wertvoll seien wie die in den Arzneib\u00fcchern angegebenen Mittel. Insgesamt verzeichnet Crantz in seiner Arbeit 655 Quellen und B\u00e4der, von denen er an die 200 selbst untersuchte. Dieses erste B\u00e4derverzeichnis war von Kaiserin Maria Theresia in Auftrag gegeben worden. Crantz hatte das Werk zuerst in lateinischer Sprache verfasst, dann aber ins Deutsche \u00fcbersetzt, \u201eweil ich nun in der allgemeinen Sprache meiner Mitb\u00fcrger schrieb, deren Nutzen und Gesundheit mein einziges Augenmerk war\u201c.<br \/>\nHinter dieser therapeutischen Forschung der Van-Swieten-Schule ist ein einheitliches gesundheitspolitisches Konzept erkennbar: die einheimischen, billigen und leicht erreichbaren Heilmittel zu mobilisieren, um mit ihnen im Sinne der Populationslehre m\u00f6glichst weite Bev\u00f6lkerungskreise gesund und arbeitsf\u00e4hig zu erhalten oder wieder zu machen.<br \/>\nAuf zwei weitere anerkannte Leistungen der Van-Swieten-Schule sei noch hingewiesen: Georg Prochaska, damals Physiologe in Prag, bahnte den Weg zur Erkennung des nerv\u00f6sen Reflexmechanismus, und der Iglauer Kreisphysikus J. B. M. Sagar schuf ein nosologisches System, mit dem er die Krankheitssymptome besser zu erfassen suchte. Der eine war ein Tscheche, der andere ein Krainer, wie Auenbrugger ein Steirer und St\u00f6rck ein Vorder\u00f6sterreicher gewesen ist. Sie alle hatte van Swieten in seiner Schule vereint und mit seinem reformatorischen Geist durchdrungen. So konnte er 1771 der Kaiserin mit gro\u00dfer innerer Genugtuung vorrechnen, dass 17 aus seiner Schule hervorgegangene \u00c4rzte als medizinische Professoren an den Universit\u00e4ten Wien, Prag, Innsbruck, Freiburg und Tyrnau wirkten.<br \/>\nErst dies macht die Reichweite der Van-Swieten-Schule und der van Swietenschen Reform voll sichtbar und ist geeignet, die Wende zu verdeutlichen, die mit ihr nicht nur in der Medizin der Theresianischen Epoche, sondern im Bildungswesen \u00fcberhaupt eingetreten ist: Hatte van Swieten am Beginn seiner reformatorischen T\u00e4tigkeit eine Reihe von Lehrkr\u00e4ften aus dem Ausland \u201eimportieren\u201c m\u00fcssen, so konnte er nach 26 Jahren T\u00e4tigkeit in Wien nicht nur die Universit\u00e4ten der Erbl\u00e4nder mit einheimischen Lehrkr\u00e4ften versorgen; er war nunmehr auch imstande, solche in den ungarisch-slowakischen Raum zu \u201eexportieren\u201c, wo er 1769 an der Universit\u00e4t Tyrnau eine neue medizinische Fakult\u00e4t nach dem nunmehr bew\u00e4hrten Muster der Wiener Fakult\u00e4t begr\u00fcndete.<br \/>\nEin Jahr vor seinem Tod schrieb die Kaiserin \u00fcber van Swieten:<br \/>\n<em>niemand kan und solle bessere zeignus geben als ich von seinen unerm\u00fcdeten eyffer und arbeit, von seiner wahr- und khlarheit ohne scheu, ohne leydenschafften; er verfolgte das b\u00f6se, nicht aber hassete er demjenigen, der daran ursach ware. ville grosse exempel kunte von disen vorgeben. sein eyffer und exempel in der religion waren so rein als seine treue vor meine person und famille; was bin ich ihme nicht wegen selber schuldig, wegen der einrichtung deren studien, welche man ihm allein zuschreiben mus, und was verbessert worden. was hat er nicht grosse sachen in der medicin hier vorgenohmen; ich endigte nicht, wan nur von allen was anerckennen wollte &#8230;<\/em><\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<ul>GERARD VAN SWIETEN UND SEINE ZEIT, hrsg. v. E. Lesky u. A. Wandruszka. Wien \u2013 K\u00f6ln \u2013 Graz 1973 (Studien zur Geschichte der Universit\u00e4t Wien, Bd. 8).<\/ul>\n<ul>Leitner, Helmut: BEDEUTENDE \u00c4RZTE WIENS ZUR ZEIT KAISER JOSEPHS II. In: \u201e200 Jahre Allgemeines Krankenhaus in Wien\u201c, hrsg. v. H. Wyklicky u. M. Skopec. Wien \u2013 M\u00fcnchen 1984, S. 47\u2013 60.<\/ul>\n<ul>Lesky, Erna: \u00d6STERREICHISCHES GESUNDHEITSWESEN IM ZEITALTER DES AUFGEKL\u00c4RTEN ABSOLUTISMUS. Wien 1959 (Archiv f\u00fcr \u00f6sterreichische Geschichte, Bd. 122, H.1).<\/ul>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir bedanken uns beim Autor, Univ. Doz. Dr. Manfred Skopec, und Frau Heidemarie Neuherz bzw. der M\u00fcnze \u00d6sterreich f\u00fcr die Bereitstellung des Beitrags. Wie in UbMUW-INFO angek\u00fcndigt, stellt uns Univ.-Doz. Dr. Manfred Skopec (Institut f\u00fcr Geschichte der Medizin) seinen Beitrag, der anl\u00e4\u00dflich der Herausgabe der 50-Euro-Goldm\u00fcnze f\u00fcr Gerard van Swieten als Titelgeschichte in der 1. &hellip; <a href=\"https:\/\/ub.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=285\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Manfred Skopec \u00fcber GERARD VAN SWIETEN &#8211; BEGR\u00dcNDER DES \u00d6STERREICHISCHEN GESUNDHEITSWESENS<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[1,33,11,5,2,39],"tags":[338,340,335,339,336,337],"class_list":["post-285","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemeines","category-gastbeitrage","category-literaturhinweis","category-medizingeschichte","category-news","category-van-swieten","tag-akademie-der-wissenschaften","tag-botanischer-garten","tag-gerard-van-swieten","tag-gesundheitswesen","tag-herman-boerhaave","tag-maria-theresia"],"views":67351,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ub.meduniwien.ac.at\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/285","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/ub.meduniwien.ac.at\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ub.meduniwien.ac.at\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ub.meduniwien.ac.at\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ub.meduniwien.ac.at\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=285"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/ub.meduniwien.ac.at\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/285\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8105,"href":"https:\/\/ub.meduniwien.ac.at\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/285\/revisions\/8105"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ub.meduniwien.ac.at\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=285"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ub.meduniwien.ac.at\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=285"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ub.meduniwien.ac.at\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=285"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}