{"id":23654,"date":"2015-07-10T08:35:19","date_gmt":"2015-07-10T07:35:19","guid":{"rendered":"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=23654"},"modified":"2015-07-10T08:35:19","modified_gmt":"2015-07-10T07:35:19","slug":"wiener-zeitung-interview-buecher-sind-haltbarer-als-digitale-speicher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ub.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=23654","title":{"rendered":"Wiener Zeitung Interview: &#8222;B\u00fccher sind haltbarer als digitale Speicher&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wiener Zeitung Interview: &#8222;B\u00fccher sind haltbarer als digitale Speicher&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Von Ingeborg Hirsch<\/p>\n<div>Ilse M\u00fchlbacher und Harald Albrecht k\u00fcmmern sich um die historischen Buchbest\u00e4nde der Josephinischen Bibliothek und erkl\u00e4ren, wie sich die Restaurierung von B\u00fcchern im Lauf der Jahrhunderte ver\u00e4ndert hat.<\/div>\n<div id=\"em_cnt_artikel\">\n<div>\n<p><img decoding=\"async\" title=\"Ilse M\u00fchlbacher (rechts) und Harald Albrecht k\u00fcmmern sich um die historischen...\" src=\"http:\/\/www.wienerzeitung.at\/_em_daten\/_cache\/image\/0xUmFuZG9tSVbSCwHt3ojqoFN7ah3pQMTsewQILv\/83svwiEJ9yZEwQpMeyoCAISbZLPPiFM0OFduMAXA\/jBynetxvzYBbpkw3xwM5D0TuDbvEM0zRqWR9VA==.jpg\" alt=\"Ilse M\u00fchlbacher (rechts) und Harald Albrecht k\u00fcmmern sich um die historischen Buchbest\u00e4nde der Josephinischen Bibliothek. - \u00a9 Robert Wimmer\" \/><\/p>\n<div>Ilse M\u00fchlbacher (rechts) und Harald Albrecht k\u00fcmmern sich um die historischen Buchbest\u00e4nde der Josephinischen Bibliothek. \u00a9 Robert Wimmer<\/div>\n<p>&#8222;Wiener Zeitung&#8220;: Was ist f\u00fcr Sie ein sch\u00f6nes Buch?<\/p>\n<p>Ilse M\u00fchlbacher: F\u00fcr mich ist ein Buch sch\u00f6n, wenn \u00e4u\u00dfere Gestaltung, Bindung und Haptik mit dem Inhalt \u00fcbereinstimmen und authentisch mit der Entstehungszeit sind. Zum Gl\u00fcck gibt es heute noch bibliophile Buchbinder, die den Ehrgeiz haben, den Einband passend zum Inhalt zu gestalten.<\/p>\n<p>Harald Albrecht: F\u00fcr mich ist etwas immer dann sch\u00f6n, wenn ich das Gef\u00fchl habe, dass in die Ausfertigung, etwa in Kupferstiche, Initialen und Verzierungen, viel Herzblut hineingeflossen ist. Wir haben ein sechsb\u00e4ndiges entomologisches Werk (&#8222;Insecten-Belustigung&#8220;, 1746-1830) des Begr\u00fcnders der modernen Insektenkunde, August Johann R\u00f6sel von Rosenhof. Der war ein begabter Zeichner, dem die Kupferstiche f\u00fcr seine B\u00fccher qualitativ nie gut genug waren. Also hat er auch noch das Kupferstechen erlernt, um seine B\u00fccher mit Illustrationen ausstatten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Welche Rolle hatte das Buch an f\u00fcrstlichen H\u00f6fen und in Prunkbibliotheken?<\/p>\n<p>M\u00fchlbacher: B\u00fccher waren in Prunkbibliotheken h\u00e4ufig Dekor- und Prestigeobjekte. Jedes Buch, das in Prinz Eugens Bibliothek stand, war nach Fachrichtung unterschiedlich farbig gebunden und trug auf dem Buchr\u00fccken die Initialen des Prinzen. Der Prunksaal der Nationalbibliothek war zwar ein \u00f6ffentlicher Lesesaal, diente aber gleichzeitig der Verherrlichung des Kaisers, bei der auch die B\u00fccher ihre Rolle zu spielen hatten. B\u00fccher erhielten Einb\u00e4nde aus teuren Materialien, wie etwa Leder, Pergament oder Seide, und die sichtbaren Teile des Buchr\u00fcckens wurden reich vergoldet. In manchen Bibliotheken wurden die besonders wertvollen Einb\u00e4nde vom jeweiligen Bibliotheksdirektor nach seinem Geschmack &#8211; manchmal auch mit seinen Initialen &#8211; neu gebunden.<\/p>\n<div>\n<div>\n<div>\n<div>\n<p><img decoding=\"async\" title=\"&quot;extra&quot;-Mitarbeiterin Ingeborg Hirsch (l.) erf\u00e4hrt von den beiden Bibliothekaren die Geheimnisse der Buch-Aufbewahrung und -Restaurierung.\" src=\"http:\/\/www.wienerzeitung.at\/_em_daten\/_cache\/image\/0xUmFuZG9tSVYs0MOzXeyjR3nAG3G8IPn0O5qrdl0nkB6EQvO0UEUJTyU3SaODLKm+IeGgGxSNwsmm2EJpRDJ9DV3GxIiEPx2r.jpg\" alt=\"&quot;extra&quot;-Mitarbeiterin Ingeborg Hirsch (l.) erf\u00e4hrt von den beiden Bibliothekaren die Geheimnisse der Buch-Aufbewahrung und -Restaurierung.\" \/><\/p>\n<div><\/div>\n<p>&#8222;extra&#8220;-Mitarbeiterin Ingeborg Hirsch (l.) erf\u00e4hrt von den beiden Bibliothekaren die Geheimnisse der Buch-Aufbewahrung und -Restaurierung.\u00a9 Robert Wimmer\n<\/p><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Albrecht: Der &#8222;Hortus Eystettensis&#8220;, ein botanischer Prachtband aus dem 17. Jahrhundert mit zahlreichen Kupferstichen, wurde hergestellt, um dem repr\u00e4sentativen Prunkgarten des F\u00fcrstbischofs von Eichstatt ein ebenso repr\u00e4sentatives Buch zur Seite zu stellen. Das war ein reines Prestigeobjekt. Man muss sich vorstellen, allein der Wert der nicht kolorierten Fassung hat damals dem Jahresgehalt eines gut verdienenden Handwerkers entsprochen. Die farbige Ausgabe war noch um ein Vielfaches teurer. Auch wenn man die aufw\u00e4ndigen Exlibris der Josephinischen Bibliothek betrachtet: Sowohl Buch als auch Exlibris sind Repr\u00e4sentationsmerkmale.<\/p>\n<p>Wie hat sich die Restaurierung von B\u00fcchern im Lauf der Zeit ver\u00e4ndert?<\/p>\n<p>M\u00fchlbacher: Fr\u00fcher wurde oft mehr repariert als restauriert. So wurde etwa dem Bucheinband wenig Bedeutung beigemessen &#8211; und der einfach im Stil der Zeit durch eine Neubindung ersetzt. Heute bem\u00fcht man sich, m\u00f6glichst viele Originalteile zu erhalten, und es ist wichtig, dass man Neu von Alt unterscheiden kann. Vom Standpunkt der Restaurierung wird heute auf lange Sicht gearbeitet, und es werden nur Materialien eingesetzt, die reversibel sind. Man verwendet meist wasserl\u00f6sliche Klebstoffe, wie Zellulosekleber oder Reis- und Weizenst\u00e4rke, die eventuell ohne Schaden f\u00fcr das Original wieder abgenommen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Albrecht: In den 1940er Jahren hat man begonnen, gerissene Seiten mit Klebestreifen zu reparieren. Man dachte, das sei durchsichtig und v\u00f6llig unproblematisch. Heute kann es sein, dass man mitten in einem wertvollen Objekt ein Tixo kleben hat. Das Tr\u00e4germaterial kann man relativ einfach entfernen, aber durch den Klebstoff wird das Papier verbr\u00e4unt und abgebaut.<\/p>\n<div>\n<div>\n<div>\n<div>\n<p><img decoding=\"async\" title=\"&quot;Nur heute lassen wir Licht f\u00fcr Sie herein&quot;: Einblick in die imposante Bibliothek des Josephinums.\" src=\"http:\/\/www.wienerzeitung.at\/_em_daten\/_cache\/image\/0xUmFuZG9tSVYcf3a90ifK\/LNxeJt6lRV0120nTpjymWCh4+D2j1ISiHkDSLBwI6H8BxRV99\/yjwt7yZT3YFdx6\/LFRYEU+XVg.jpg\" alt=\"&quot;Nur heute lassen wir Licht f\u00fcr Sie herein&quot;: Einblick in die imposante Bibliothek des Josephinums.\" \/><\/p>\n<div><\/div>\n<p>&#8222;Nur heute lassen wir Licht f\u00fcr Sie herein&#8220;: Einblick in die imposante Bibliothek des Josephinums.\u00a9 Robert Wimmer\n<\/p><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>M\u00fchlbacher: Sehr h\u00e4ufig verursachen die Klebstoffe von Klebeb\u00e4ndern Vergilbungen, die dann langfristig einen Schaden darstellen. Manche Vergilbungen k\u00f6nnte man durch W\u00e4ssern zumindest teilweise entfernen. Das Papier muss dann aber fachgerecht getrocknet und wieder geleimt werden. Sind Seiten gestempelt, was in Bibliotheken h\u00e4ufig der Fall ist, besteht Gefahr, dass die Stempelfarbe ausl\u00e4uft.<\/p>\n<p>Albrecht: Stempel in den Bibliotheken waren nichts B\u00f6swilliges. Eine Zeitlang war es in vielen Bibliotheken \u00fcblich, vor allem Seiten mit Illustrationen, Holzschnitten und Kupferstichen systematisch zu bestempeln, um sie zu entwerten und zu verhindern, dass sie gestohlen und einzeln verkauft wurden. Heute machen wir das nicht mehr. Aber nat\u00fcrlich erh\u00e4lt heute jedes moderne Lehrbuch, das in die Universit\u00e4tsbibliothek kommt, ein Barcode-Etikett. Irgendwann werden diese B\u00fccher auch alt sein und sp\u00e4tere Generationen sich vielleicht fragen: &#8222;Was haben die gemacht? Warum klebt da ein Barcode-Etikett?&#8220;<\/p>\n<p>Worauf wird aktuell bei der Restaurierung von B\u00fcchern besonders geachtet?<\/p>\n<p>M\u00fchlbacher: Wesentlich ist, dass man m\u00f6glichst alle Teile erh\u00e4lt, die Aussagen \u00fcber die Entstehung, die Bindung oder die Herkunft des Buches treffen k\u00f6nnten. Dem hat man \u00fcber viele Jahre einfach keine Bedeutung beigemessen. Zum Beispiel bei Musikhandschriften wurde Schreibsand zum Trocknen der Tinte verwendet, der noch zum Teil in den B\u00fcchern vorhanden ist. Bei der Restaurierung kehrt man als erstes den Sand aus, da der Buchfalz, sozusagen das Gelenk des Buches, gereinigt werden soll. Jetzt gibt es Tendenzen, den Sand auf seine Herkunft zu untersuchen, da sich daraus R\u00fcckschl\u00fcsse auf den Schreiber oder den Ort der Entstehung ergeben k\u00f6nnen.<\/p>\n<div>\n<h2><strong>Information<\/strong><\/h2>\n<\/div>\n<div>\n<div>Zu den Personen<br \/>\nHarald Albrecht ist ausgebildeter Bibliothekar und arbeitet in der Universit\u00e4tsbibliothek der Medizinischen Universit\u00e4t Wien, der als Sondersammlung die sogenannte &#8222;Josephinische Bibliothek&#8220; angeh\u00f6rt.<\/div>\n<div>Ilse M\u00fchlbacher ist freie Buchrestauratorin, hat die Universit\u00e4t f\u00fcr angewandte Kunst (Klasse f\u00fcr k\u00fcnstlerische Buch- und Schriftgestaltung und das Lehramt f\u00fcr Bildnerische Erziehung und Werkerziehung) sowie zahlreiche restauratorische Zusatzausbildungen absolviert.<\/div>\n<div>Gemeinsam mit zwei weiteren Bibliothekaren k\u00fcmmern sie sich um die historischen Buchbest\u00e4nde der Josephinischen Bibliothek in der W\u00e4hringer Stra\u00dfe in Wien. Die Bibliothek wurde 1785 zeitgleich mit der Milit\u00e4r\u00e4rztlichen Akademie unter Joseph II. von Giovanni Alessandro Brambilla gegr\u00fcndet. Damit sollte die Chirurgie, die bisher als Handwerk bei Badern, Rasierern und Chirurgen gelehrt und praktiziert wurde, auf eine st\u00e4rkere wissenschaftliche Basis gestellt werden. Innerhalb von acht Semestern konnte man hier zum Magister der Chirurgie ausgebildet werden. Neben der Chirurgie verf\u00fcgt die Sammlung \u00fcber einen gro\u00dfen Bestand an Werken der Anatomie, Augenheilkunde und Geburtshilfe, aber auch der Chemie, Mineralogie, Botanik und Zoologie. Das \u00e4lteste Werk ist eine Inkunabel aus dem Jahr 1478. Neben den zahlreichen historischen Sonderkollektionen enth\u00e4lt diese Zweigbibliothek der Medizinischen Universit\u00e4t Wien auch die gegenw\u00e4rtige Literatur zur Medizingeschichte. Weitere Informationen \u00fcber u. a. Buchpatenschaften und Ausstellungen finden Sie unter:<a href=\"http:\/\/www.josephinum.ac.at\/\" target=\"_blank\">www.josephinum.ac.at<\/a>.<\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<p><\/p>\n<div><em>Text: Hirsch, Ingeborg: B\u00fccher sind haltbarer als digitale Speicher (04.07.2015), Wiener Zeitung, URL: http:\/\/www.wienerzeitung.at\/themen_channel\/wz_reflexionen\/zeitgenossen\/761406_Buecher-sind-haltbarer-als-digitale-Speicher.html (Stand:10.07.2015)<\/em><\/div>\n<div><em>Fotos: Wimmer, Robert<\/em><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wiener Zeitung Interview: &#8222;B\u00fccher sind haltbarer als digitale Speicher&#8220; Von Ingeborg Hirsch Ilse M\u00fchlbacher und Harald Albrecht k\u00fcmmern sich um die historischen Buchbest\u00e4nde der Josephinischen Bibliothek und erkl\u00e4ren, wie sich die Restaurierung von B\u00fcchern im Lauf der Jahrhunderte ver\u00e4ndert hat. 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