{"id":14114,"date":"2012-12-21T10:24:45","date_gmt":"2012-12-21T09:24:45","guid":{"rendered":"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=14114"},"modified":"2013-01-18T13:20:25","modified_gmt":"2013-01-18T12:20:25","slug":"hr-mag-bruno-bauer-und-mag-peter-klien-im-interview-mit-bundesminister-o-univ-prof-dr-karlheinz-tochterle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ub.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=14114","title":{"rendered":"Mag. Bruno Bauer und Mag. Peter Klien im Interview mit Bundesminister O. Univ.-Prof. Dr. Karlheinz T\u00f6chterle"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201eWenn man die Geschichte aller Wissenschaften und des Wissens \u00fcberhaupt betrachtet, war die Bibliothek immer ein zentraler Ort\u201c<\/strong><br \/>\nInterview mit Bundesminister O. Univ.-Prof. Dr. Karlheinz T\u00f6chterle<\/p>\n<p>Vorab-Ver\u00f6ffentlichung aus: V\u00d6B-Mitteilungen 65 (2012) 3-4<br \/>\n(Schwerpunktausgabe &#8222;Bibliotheks- und Informationspolitik<br \/>\nin \u00d6sterreich&#8220;)<\/p>\n<p><strong>PROLOG<\/strong><\/p>\n<p><strong>Lateinische Interview-Anfrage und -Zusage <\/strong><\/p>\n<blockquote><p><em>Die Anfrage der V\u00d6B-Mitteilungen:<\/em><br \/>\nExcellentissime minister,<br \/>\nsi velles nobis honorem donare breve tempus illas res, quae bibliothecis scientificis agendae erunt, nobiscum disputare et postea resultata disputandi in libello nostro imprimi admittere, tunc nos beatitudinis plenos faceres. Gratias multas agimus eodem iam tempore.<br \/>\nReverendissime salutat tuus minimus servus<br \/>\nPetrus Klien<br \/>\n<em>Die Antwort des Herrn Bundesministers:<\/em><br \/>\nCarolus Petro s.d.<br \/>\nLibenter magnoque cum gaudio vobiscum disputationem ineam, quae scilicet imprimi possit. Vale!<\/p><\/blockquote>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Toechterle\" src=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Toechterle.jpg\" alt=\"\" width=\"322\" height=\"610\" align=\"left\" \/><\/p>\n<p><strong>INTERVIEW<\/strong><\/p>\n<p>V\u00d6BM: <em>Herr Bundesminister, wir sind sehr dankbar daf\u00fcr, dass Sie sich die Zeit genommen haben, auf unsere Fragen einzugehen.<\/em><\/p>\n<p>BM: Ich bedanke mich f\u00fcr die sch\u00f6ne lateinische Anfrage. Wobei Sie sich nicht als \u201eminimus servus\u201c bezeichnen m\u00fcssten &#8211; aber das Lateinische vertr\u00e4gt \u00dcbertreibungen besser als das Deutsche.<\/p>\n<p><strong>Hochschulplan und Hochschulbibliotheken<\/strong><\/p>\n<p>V\u00d6BM: <em>Der aktuelle Hochschulplan verfolgt das Ziel, den \u00f6sterreichischen Hochschulraum durch Koordination, Abstimmung und strategisch gesamthafte Betrachtung weiterzuentwickeln. Leider stellt in diesem Schl\u00fcsseldokument f\u00fcr die k\u00fcnftige Entwicklung der Hochschulen in unserem Land das wichtige Thema &#8222;Informationsinfrastruktur&#8220; ein Desiderat dar.<br \/>\nIn \u00d6sterreich gew\u00e4hrleisten an die 80 Hochschulbibliotheken mit ihren professionell ausgebildeten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Literaturversorgung an den jeweiligen Universit\u00e4ten und Fachhochschulen. Allerdings fehlt im Hinblick auf die k\u00fcnftigen Herausforderungen (Digitalisierung, Open Access, Langzeitarchivierung, netzbasiertes Arbeiten) eine gemeinsame Initiative zur Verbesserung der Informationsversorgung in Forschung und Lehre, wie es sie z.B. in Deutschland mit der Allianz-Initiative &#8222;Digitale Information&#8220; seit 2008 gibt (http:\/\/www.allianzinitiative.de\/de\/). D\u00fcrfen wir auch f\u00fcr \u00d6sterreich eine vergleichbare Initiative erwarten, die dem wichtigen Ziel verpflichtet ist, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit der besten Informationsinfrastruktur auszustatten, die sie f\u00fcr ihre Forschung brauchen?<\/em><\/p>\n<p>BM: Ich nehme es als Anregung mit, dass sich die Hochschulkonferenz mit der Frage Informationsinfrastruktur besch\u00e4ftigen soll. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob diese deutsche Allianzinitiative ein echtes Analogon zu \u00d6sterreich ist. Die Deutschen haben eine viel st\u00e4rker zersplitterte Situation, erstens einmal durch ihre Gr\u00f6\u00dfe, zweitens auch durch die Tatsache, dass die Universit\u00e4ten L\u00e4ndersache sind.<br \/>\nUnsere Bibliotheken arbeiten ja vielf\u00e4ltig zusammen, das wissen Sie besser als ich. Und wir decken wahrscheinlich einige Aspekte ab, die die Deutschen so noch nicht haben, zum Teil schlicht aufgrund ihrer Struktur. Deswegen w\u00fcrde ich jetzt nicht so stark auf die Analogie Allianzinitiative abstellen. Aber klar ist und richtig ist, dass wir das Thema nicht \u00fcbersehen d\u00fcrfen, da es ein wichtiges Thema f\u00fcr die Hochschulen ist.<\/p>\n<p>V\u00d6BM: <em>Unser Anliegen ist es, dass man bestimmte Punkte, bei denen wir genau wissen, dass sie auf uns zukommen, rechtzeitig in Angriff nimmt. Zum Beispiel die Archivierung von Forschungsdaten ist so ein Thema, das jetzt international sehr stark bearbeitet wird. Es erleben einige Bibliotheken auch Anfragen von Wissenschaftlern \u2013 das hei\u00dft die Thematik ist pr\u00e4sent. Aber Bibliotheken sind derzeit nicht so weit, dieses Thema vern\u00fcnftig bearbeiten zu k\u00f6nnen, weil hier wieder ein neuer Schub an Kooperation notwendig ist. Kooperation ist ja ein zentrales Thema im Hochschulplan , weshalb wir uns erlaubt haben, in diese Richtung zu fragen, weil Langzeitarchivierung per se ein Thema ist, das eine mittlere oder kleine Bibliothek nie allein leisten kann. Das kann nur in Kooperation mit anderen passieren.<\/em><\/p>\n<p>BM: Was verstehen Sie unter Langzeitarchivierung?<\/p>\n<p>V\u00d6BM: <em>Es gibt immer mehr Medien, die e-only erscheinen. Auch die Nationalbibliothek hat dieses Thema aufgegriffen, und da geht es darum, dass diese Medien in 50 oder 100 Jahren, vielleicht auch noch in 400 Jahren verf\u00fcgbar sein sollen. Daf\u00fcr ben\u00f6tigt man Verfahren, um diese Medien immer wieder auf den neuesten Stand zu bringen und zu gew\u00e4hrleisten, dass diese benutzbar sind wie ein gedrucktes Buch, das Sie noch nach tausend Jahren lesen k\u00f6nnen.<\/em><\/p>\n<p>BM: Die Frage ist, warum verzichtet man auf das gedruckte Buch? Dadurch entsteht das Problem.<\/p>\n<p>V\u00d6BM: <em>Es besteht mittlerweile ein enormer Druck, dass alle die Medien 24 Stunden am Tag, rund um die Uhr, nutzen wollen. Wir erleben das an den Universit\u00e4ten sehr stark. \u2013 Was Sie jetzt in Ihrer R\u00fcckfrage angesprochen haben, w\u00fcrde aber einflie\u00dfen in so einen nationalen Plan, dass man eben auch nach M\u00f6glichkeit in bestimmten Bereichen das Print-Exemplar bewahren soll. Wir haben allerdings das Problem, dass die Universit\u00e4ten, wenn jede f\u00fcr sich arbeitet, immer nur den kurzfristigen Erfolg sieht und daf\u00fcr auch Rechenschaft abgeben muss, und dass l\u00e4ngerfristige Perspektiven nicht im Fokus stehen.<\/em><\/p>\n<p>BM: Aber ist das nicht Aufgabe der Nationalbibliothek?<\/p>\n<p>V\u00d6BM: <em>Ja, aber nur f\u00fcr die Austriaca.<\/em><\/p>\n<p>BM: Aber \u00d6sterreich kann nicht die Aufgabe erf\u00fcllen, die ganze Welt zu archivieren.<\/p>\n<p>V\u00d6BM: <em>Aber zum Beispiel die Hochschulschriften, die an \u00f6sterreichischen Universit\u00e4ten entstehen, dass die irgendwo zentral gehostet werden, w\u00e4re eine M\u00f6glichkeit. Oder die Forschungsdaten.<\/em><\/p>\n<p>BM: Aber muss nicht auch von den Hochschulschriften ein Exemplar an die \u00d6sterreichische Nationalbibliothek geliefert werden?<\/p>\n<p>V\u00d6BM: <em>Nur die Dissertationen, nicht die Diplomarbeiten und Masterthesen. Es gab eine gesetzliche \u00c4nderung im Universit\u00e4tsgesetz 2002, sodass mit Geltung 1. J\u00e4nner 2004 nur mehr Dissertationen, sofern sie an \u00f6sterreichischen Hochschulen approbiert worden sind, abgeliefert werden m\u00fcssen bzw. in der Praxis von der \u00d6sterreichischen Nationalbibliothek auch angenommen werden.<\/em><\/p>\n<p>BM: Wir nehmen das Thema auf die Agenda der Hochschulkonferenz, weil es absolut treffend ist, dass es ein Thema der Hochschulen ist. Und vielleicht sollte man das Thema Allianzinitiative nochmals ansehen, ob wir von ihr etwas lernen k\u00f6nnen. Sie sind der Meinung, dass man das tun sollte?<\/p>\n<p>V\u00d6BM: <em>Wir stehen mit Kollegen im Austausch und aus unserer Sicht w\u00e4re es interessant, wenn es eine vergleichbare Studie f\u00fcr \u00d6sterreich g\u00e4be. Man k\u00f6nnte externe Experten heranziehen und diese einladen, die Situation in \u00d6sterreich zu bewerten und L\u00f6sungsans\u00e4tze zu skizzieren, wo man kooperativ arbeiten sollte.<br \/>\nWir d\u00fcrfen vielleicht noch auf dieses Papier[1] aus 2008 hinweisen, wo das ganze Problemfeld auf acht Seiten zusammengefasst ist. Das stammt aus Deutschland;, bei uns gibt es hier leider halt noch nichts.<\/em><\/p>\n<p><strong>\u00d6sterreichischer Bibliothekenverbund (OBV)<\/strong><\/p>\n<p>V\u00d6BM: <em>Der \u00d6sterreichische Bibliothekenverbund (OBV) ist der gro\u00dfe Verbund der wissenschaftlichen und administrativen Bibliotheken \u00d6sterreichs mit \u00fcber 80 Einzelinstitutionen. Ihm kommt eine zentrale Rolle in der Literatur- und Informationsversorgung der Universit\u00e4ten und Hochschulen in \u00d6sterreich zu. Was in anderen Bereichen derzeit ambitioniert begonnen wird \u2013 die Weiterentwicklung des \u00f6sterreichischen Hochschulraums durch Koordination, Abstimmung und strategisch gesamthafte Betrachtung \u2013 funktioniert im Bereich der Bibliotheken seit vielen Jahren ausgezeichnet. Durch einen Geist der Zusammenarbeit, der gewisserma\u00dfen die St\u00fcrme der universit\u00e4ren Reorganisation \u00fcberdauert hat, k\u00f6nnen auf vielen Ebenen Synergieeffekte lukriert werden, die immer auch mit Kostenersparnissen einhergehen (Beispiele: Suchmaschinen, Katalogisierungsverbund, kooperative Metadaten-Anreicherung).<br \/>\nVerantwortlich daf\u00fcr ist nicht zuletzt die OBVSG als zentraler Dienstleister des \u00f6sterreichischen Bibliothekenverbundes. Ihr k\u00f6nnte \u2013 aus Perspektive der Bibliotheken \u2013 in Zukunft eine noch st\u00e4rkere Rolle zukommen. Wie sieht das Ministerium bzw. wie sehen Sie als zust\u00e4ndiger Minister und Eigent\u00fcmervertreter der OBVSG deren k\u00fcnftige Entwicklung?<\/em><\/p>\n<p>BM: Nat\u00fcrlich sehe ich sie als bedeutsam, sie soll meines Erachtens weiterhin eine zentrale Rolle spielen. Und wahrscheinlich kann man ihr auch gewisse zus\u00e4tzliche Kooperationsfunktionen zuschreiben. Mit ihr h\u00e4tten wir oder haben wir schon ein Werkzeug in der Hand, das in die Richtung gehen kann, die uns da offenbar die Deutschen teilweise vorgeben. Vielleicht muss man unter diesem Aspekt auch ihre Aufgaben neu sehen und erweitern.<\/p>\n<p>V\u00d6BM: <em>Ganz konkret, es gibt eine Liste mit der wissenschaftlichen \u00d6ffentlichkeit beim \u00f6sterreichischen Hochschulplan; diese Liste hei\u00dft wissenschaftsbezogene \u00d6ffentlichkeit[2]. Da sind sehr viele Organisationen vertreten, die OBVSG ist aber nicht dabei.<\/em><\/p>\n<p>BM: Das ist die Liste jener Gremien, die wir gegebenenfalls heranziehen als zus\u00e4tzliche Diskussionsteilnehmer in Arbeitsgruppen. Wahrscheinlich ist sie nicht dabei, weil die OBVSG zu uns im Haus gerechnet wird. Das sind alles Gremien, die nicht im Haus situiert sind. Es ist allerdings auch der FWF darauf, der wieder st\u00e4rker zum Haus geh\u00f6rt. Der FWF wird zwar von uns finanziert \u2026<\/p>\n<p>V\u00d6BM: <em>\u2026 ist aber zweifellos gr\u00f6\u00dfer als die OBVSG, das ist keine Frage.<\/em><\/p>\n<p>BM: Haben Sie sich jemals gemeldet dazu?<\/p>\n<p>V\u00d6BM: <em>Nein, wir sind auch selber schuld. Wir geben das gerne zu.<\/em><\/p>\n<p>BM: Andere Interessensvertretungen haben sich intensiv ger\u00fchrt. Viele wollten Mitglied der Hochschulkonferenz sein. Da haben sich wirklich sehr, sehr viele gemeldet und auch ge\u00e4rgert, als sie es nicht wurden. Und das ist mit ein Grund, dass wir diesen Passus \u00fcberhaupt aufgenommen haben. Um zu dokumentieren: Wir wissen, dass es euch gibt. Wir nehmen euch wichtig, und wir nehmen euch, wenn es euch betrifft, auch hinzu. Das ist eine offene, keine geschlossene Liste. Da kann man nat\u00fcrlich auch die OBVSG dazu nehmen.<\/p>\n<p>V\u00d6BM: <em>Das hei\u00dft, wir sind eingeladen, Terror zu machen?<\/em><\/p>\n<p>BM: Es kann auch weniger sein als Terror \u2013 aber sich zu r\u00fchren, wie Sie es ja jetzt auch tun.<\/p>\n<p><strong>Open Access und nationale Repositorien<\/strong><\/p>\n<p>V\u00d6BM: <em>Dann d\u00fcrfen wir zur dritten Frage wechseln. Unter dem Schlagwort Open Access hat sich weltweit eine Bewegung etabliert, die das wissenschaftliche Publikationswesen radikal ver\u00e4ndern will. In vielen L\u00e4ndern gibt es staatliche Initiativen zur Forcierung von Open Access, und auch die Europ\u00e4ische Kommission hat diesen Aspekt im aktuellen Rahmenprogramm f\u00fcr Forschung und Innovation &#8222;Horizon 2020&#8220; entsprechend verankert.<br \/>\nIn \u00d6sterreich wurde eine zukunftsweisende Regelung aus der Novelle zum Universit\u00e4tsgesetz 2002, die die Etablierung einer &#8222;zentralen Datenbank f\u00fcr wissenschaftliche und k\u00fcnstlerische Arbeiten&#8220; (nationales Repositorium) vorgesehen hatte, im Jahr 2010 leider wieder r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht. Kann man in n\u00e4chster Zeit mit einer neuen Initiative der Politik bzw. Ihres Bundesministeriums zur F\u00f6rderung von Open Access in \u00d6sterreich rechnen? Wir sahen darin einen zentralen Angelpunkt, wo sich viele einbringen h\u00e4tten k\u00f6nnen, um Open Access nachhaltig in \u00d6sterreich zu etablieren. Und es war dann das Sparprogramm, auf dessen Basis diese Novelle 2009 im Jahr 2010 r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht wurde.<\/em><\/p>\n<p>BM: Konkret denken wir daran, in den Geisteswissenschaften zu investieren. Das ist eine Initiative von uns und dem FWF, wo wir mit 500.000 Euro eine Anschubfinanzierung und einen Impuls zur Etablierung von Open Access Zeitschriften geben wollen.<br \/>\nGenerell kann ich die Loipersdorfer Beschl\u00fcsse nicht einfach r\u00fcckg\u00e4ngig machen. Das betrifft mehrere Bereiche. Es sind sehr, sehr viele au\u00dferuniversit\u00e4re Forschungsinstitute zu mir gekommen, um zu klagen, und ich musste leider immer nein sagen. Wir k\u00f6nnen andere L\u00f6sungen versuchen. Ich kann nicht einfach die Beschl\u00fcsse von Loipersdorf aufheben, das hei\u00dft aber deswegen nicht, dass Open Access auf Eis gelegt ist, sondern es gibt kleinere Initiativen, es gibt eine FWF-Initiative \u2013 und wie gesagt, auch wir selbst nehmen gemeinsam mit dem FWF zus\u00e4tzliches Geld in die Hand, damit etwas weitergeht.<br \/>\nNat\u00fcrlich ist Open Access insgesamt auch ambivalent, aber das wissen wir alle. Es ist einerseits sicher nicht aufzuhalten und auch wichtig, andererseits greift es nat\u00fcrlich ganz stark in das Publikationsverhalten \u00fcberhaupt ein und in die \u00d6konomie, auch bei den Verlagen, die alle erst selber damit umgehen lernen m\u00fcssen. Teilweise gehen sie damit geschickt um, teilweise wird es vielleicht auch revolution\u00e4re Entwicklungen geben in n\u00e4chster Zeit.<\/p>\n<p>V\u00d6BM: <em>Es handelt sich bei Open Access allerdings um eine internationale Entwicklung und wir denken, man sollte von \u00d6sterreich aus nicht nur zusehen. Es g\u00e4be ja auch Ans\u00e4tze, die unmittelbar gar kein Geld kosten w\u00fcrden. Wir denken da zum Beispiel an die Wissensbilanzverordnung, wo die Publikationen von den Universit\u00e4ten zu \u00fcbermitteln sind. Man k\u00f6nnte hier auch zum Beispiel das Schichtungsmerkmal Open Access einfordern, dann h\u00e4tte man auch gleich ein Monitoring.<\/em><\/p>\n<p>BM: Das hei\u00dft, dass man in der Wissensbilanz eine Rubrik er\u00f6ffnet \u2013 \u201eOpen Access\u201c? Sie meinen, das h\u00e4tte einen Steuerungseffekt?<\/p>\n<p>V\u00d6BM: <em>Ja, wenn es abgefragt wird, ist es relevant und wichtig. Und die Forschungsdatenbanken an den Universit\u00e4ten ber\u00fccksichtigen diesen Aspekt derzeit nur marginal. Im Forum Universit\u00e4tsbibliotheken \u00d6sterreich haben wir den Status von Open Access an den \u00f6sterreichischen Universit\u00e4ten untersucht und festgestellt, dass Open Access nur an drei Universit\u00e4ten in der Forschungsdatenbank erhoben wird.<\/em><\/p>\n<p>BM: Welche sind das?<\/p>\n<p>V\u00d6BM: <em>Die Veterin\u00e4rmedizin ist dabei, die Uni Wien und die Med Uni Graz. Dabei handelt es sich bisher um Einzelinitiativen von Rektoraten. Ich k\u00f6nnte mir vorstellen, dass eine verpflichtende Ber\u00fccksichtigung dieses Aspekts auch national herzeigbar ist, etwa dass derzeit 5 % des Publikationsoutputs Open Access ist und in drei Jahren vielleicht 12 %. Man k\u00f6nnte damit auch dokumentieren, ob diese Ma\u00dfnahmen, die Sie skizziert haben \u2013 etwa Anschubfinanzierung gemeinsam mit dem FWF \u2013 erfolgreich waren.<\/em><\/p>\n<p>BM: Das nehmen wir auch als Anregung auf, eine Rubrik \u201eOpen Access\u201c in der Wissensbilanz.<\/p>\n<p><strong>Zukunft der (Hochschul-)Bibliotheken<\/strong><\/p>\n<p>V\u00d6BM: <em>Die \u00d6sterreichische Nationalbibliothek hat in den letzten Wochen ihre strategische Planung f\u00fcr 2025 vorgelegt, in der digitale Medien in den Fokus ger\u00fcckt werden, getragen von der Einsch\u00e4tzung, dass die Bedeutung klassischer Print-Medien zur\u00fcckgehen wird. Dies m\u00fcndet in der Conclusio, dass Print-Medien nur mehr dann gesammelt werden sollen, wenn keine vergleichbare Online-Version vorhanden ist. Wie sehen Sie als klassischer Philologe, der eine besondere Beziehung zu Bibliotheken hat, diese Entwicklung?<br \/>\nWie stellen Sie sich als jemand, der viele Jahre als Hochschullehrer und Rektor an der Universit\u00e4t Innsbruck gewirkt hat, die Hochschulbibliothek der Zukunft vor?<\/em><\/p>\n<p>BM: Der klassische Philologe sieht das nat\u00fcrlich mit einer gewissen Skepsis und Nostalgie.<br \/>\nWenn man die Geschichte aller Wissenschaften und des Wissens \u00fcberhaupt betrachtet, war die Bibliothek immer ein zentraler Ort. Und das Wesen der Bibliothek ist das Biblion, das Buch. Und wenn das Buch jetzt nicht mehr da ist \u2013 materiell \u2013, ist das wirklich ein ganz revolution\u00e4rer Schritt, der mich nicht nur mit Nostalgie, sondern auch mit einer gewissen Sorge erf\u00fcllt.<br \/>\nWir haben es schon angesprochen: Wird man in f\u00fcnfzig Jahren dann noch die Software haben, die jetzigen Medien zu lesen? Man kann hoffen, dass das so ist, aber sicher sein kann man sich nicht. Die Augen des Menschen wird es noch geben, wenn es den Menschen gibt, ob es die Maschinen gibt, die das noch lesen k\u00f6nnen, wissen wir nicht genau. Man kann vermuten und mit hoher Wahrscheinlichkeit hoffen, dass es da keine R\u00fcckschritte gibt, aber sicher sein kann man sich nicht. Das erf\u00fcllt mich mit einem gewissen Unbehagen, sage ich ganz ehrlich. Das ist die eine Seite.<br \/>\nDie andere Seite ist aber, dass es immer wieder technische Revolutionen und Neuerungen gegeben hat. Ich wei\u00df jetzt nicht genau, welche Sorgen die Menschen beschlichen haben, als der Buchdruck aufgekommen ist. Aber wahrscheinlich kann man das nachlesen, oder sogar sicher. Besser bekannt sind Sorgen, die aufgekommen sind, als das industrielle Zeitalter begonnen hat und verschiedene Prognosen \u00fcber Eisenbahnen, PKWs und Dampfmaschinen ge\u00e4u\u00dfert wurden. Der Pessimismus war also immer da, und hat sich dann oft nicht bewahrheitet oder aber doch. Wenn ich sehe, wie der PKW oder der LKW unsere Welt beeinflusst, und nicht nur zum Guten beeinflusst, dann haben manche Pessimisten vielleicht doch auch ein bisschen recht gehabt. Das war jetzt eher philosophisch. Jetzt werde ich aber versuchen, konkret zu sein.<br \/>\nNat\u00fcrlich ist die Digitalisierung auch ein Segen, das ist gar keine Frage. Verf\u00fcgbarkeit, Zug\u00e4nglichkeit, Informationsf\u00fclle \u2013 das alles sind Positiva, das muss man sehen, honorieren und auch sch\u00e4tzen. Auch eine gewisse Demokratisierung und Egalisierung von Information ist damit verbunden. Jeder kann zu jeder Zeit zugreifen.<br \/>\nAber die andere Seite: Ersparnis sehe ich kaum, weil eigentlich die Papierflut dadurch nicht abnimmt. Man druckt sich ja alles aus. Aber vielleicht \u00e4ndern sich die Arbeitsweisen st\u00e4rker. Noch sind sie sehr stark auf Papier bezogen.<br \/>\nWie halt in fast allen Dingen des Lebens und des Menschen haben wir F\u00fcr und Wider, Ambivalenz. Man muss es mit einer gro\u00dfen Behutsamkeit und gro\u00dfen Verantwortung machen, indem man nach M\u00f6glichkeit sicherstellt, dass die Lesbarkeit der Texte bestehen bleibt.<br \/>\nIch kann das auch nur als Appell \u00e4u\u00dfern, ich kenne mich zu wenig aus in der digitalen Speicherung, ob wirklich die Gefahr besteht, dass das irgendwann nicht mehr lesbar ist. Ich wei\u00df es schlicht nicht. Es gibt prominente Bek\u00e4mpfer dieses Entschlusses der \u00d6NB, und ich habe auch Briefe bekommen diesbez\u00fcglich. Deren Bef\u00fcrchtung ist schon verst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>V\u00d6BM: <em>Das steht auch f\u00fcr die Unibibliotheken an, und hier wird die Entscheidung wahrscheinlich sehr rasch in Richtung digitales Medium fallen. Das Thema zentrale Langzeitarchivierung w\u00e4re hingegen etwas, f\u00fcr das sich die OBVSG sehr interessieren w\u00fcrde. Sie w\u00fcrde sich hier gerne einbringen.<\/em><\/p>\n<p>BM: Beides m\u00fcsste man st\u00e4rker sehen und bearbeiten.<\/p>\n<p>V\u00d6BM: <em>Herr Bundesminister, wir danken herzlich f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/em><\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<br \/>\nDas Interview wurde am 6.11.2012 im Ministerb\u00fcro gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Mit BM O. Univ.-Prof. Dr. Karlheinz T\u00f6chterle sprachen:<\/p>\n<p>HR Mag. Bruno Bauer<br \/>\nDirektor, Universit\u00e4tsbibliothek der Medizinischen Universit\u00e4t Wien<br \/>\nVorsitzender, Forum Universit\u00e4tsbibliotheken \u00d6sterreichs (ubifo)<\/p>\n<p>Mag. Peter Klien<br \/>\nPressesprecher, Die \u00d6sterreichische Bibliothekenverbund und Service GmbH (OBVSG)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWenn man die Geschichte aller Wissenschaften und des Wissens \u00fcberhaupt betrachtet, war die Bibliothek immer ein zentraler Ort\u201c Interview mit Bundesminister O. Univ.-Prof. Dr. Karlheinz T\u00f6chterle Vorab-Ver\u00f6ffentlichung aus: V\u00d6B-Mitteilungen 65 (2012) 3-4 (Schwerpunktausgabe &#8222;Bibliotheks- und Informationspolitik in \u00d6sterreich&#8220;) PROLOG Lateinische Interview-Anfrage und -Zusage Die Anfrage der V\u00d6B-Mitteilungen: Excellentissime minister, si velles nobis honorem donare breve &hellip; <a href=\"https:\/\/ub.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=14114\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Mag. Bruno Bauer und Mag. Peter Klien im Interview mit Bundesminister O. 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