{"id":1087,"date":"2008-08-05T13:18:03","date_gmt":"2008-08-05T12:18:03","guid":{"rendered":"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=1087"},"modified":"2008-08-05T17:58:41","modified_gmt":"2008-08-05T16:58:41","slug":"sonnenblumen-der-sonne-entgegen-%e2%80%93-hortus-eystettensis-10","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ub.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=1087","title":{"rendered":"Sonnenblumen: Der Sonne entgegen &#8211; (Hortus Eystettensis 11)"},"content":{"rendered":"<p><img src='https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/08\/sonnenblume2_margrit_hartl.gif' alt='Sonnenblume2' \/><\/p>\n<p><strong>Sonnenblumen<\/strong><br \/>\n<strong><br \/>\nDer Sonne entgegen \u2013 das Streben nach H\u00f6henrekorden in der Botanik <\/strong><\/p>\n<p>Die Abbildung der Sonnenblume, <strong>Helianthus annuus<\/strong>, stellt mit ihrem auff\u00e4lligen und ansprechenden Bl\u00fctenstand eine besonders oft wiedergegebene Tafel des <strong>Hortus Eystettensis<\/strong> dar. Als <strong>Flos solis maior <\/strong>\u00fcberschattet sie gleichsam alle anderen dem Sommer zugeordneten Pflanzen. Gefolgt von der Vielbl\u00fctigen Sonnenblume steht sie \u2013 botanisch entsprechend- an der Spitze einer Reihe von <strong>Korbbl\u00fctlern (Asteraceae)<\/strong> wie der Ringelblume, oder der Kamille.<br \/>\nIn einem Ziergarten, wie dem Garten von Eichst\u00e4tt, der wohl durch besondere Effekte in der Pflanzenwahl den Besucher beeindrucken sollte, durfte die Sonnenblume kaum fehlen.<br \/>\nWie viele andere Pflanzen stammt auch die Sonneblume aus <strong>Amerika<\/strong>, war jedoch bereits dem <strong>Bischof von Eichst\u00e4tt <\/strong>nicht mehr besonders exotisch erschienen, obwohl sie erst ein halbes Jahrhundert vor der Erscheinung des Buches in Europa eingef\u00fchrt wurde.<\/p>\n<p>Die Geschichte der Sonnenblume l\u00e4sst sich nicht blo\u00df bis zu ihrer Ankunft in Europa, sondern Jahrtausende weiter zur\u00fcckverfolgen. Vorerst als <strong>Ackerunkraut<\/strong> verbreitet, wurden sie schon vor \u00fcber <strong>4000 Jahren in Nordamerika <\/strong>domestiziert.<br \/>\nVermutlich wurde die Sonnenblume im Zuge einer Expedition von <strong>Hernando de Soto<\/strong> in den  S\u00fcdosten der heutigen USA <strong>(1539-1543) nach Europa <\/strong>eingef\u00fchrt. Von Madrid aus, wo die Pflanze in den k\u00f6niglichen G\u00e4rten angepflanzt wurde, fand sie bald Einzug in die G\u00e4rten anderer europ\u00e4ischer L\u00e4nder. Die erste europ\u00e4ische Beschreibung, sowie wissenschaftliche Abbildung, findet sich in einem <strong>1568 in Antwerpen <\/strong>erschienenem <strong>Buch von Dodonaeus<\/strong>. Im Jahr 1586 erschien in Frankfurt das vom N\u00fcrnberger <strong>Arzt Camerarius <\/strong>verlegte <strong>Kr\u00e4uterbuch des Matthiolus<\/strong>. Unter dem damals gebr\u00e4uchlichen lateinischen Namen <strong>Flos Solis Peruvianis<\/strong>, wird \u00fcber die Sonnenblume berichtet, dass sie <strong>\u201e\u2026nun \u00fcberall in G\u00e4rten und f\u00fcr den Fenstern uns also gemein worden\/ dass es fast keiner sonderlichen Beschreibung bedarff.\u201c<\/strong> Anders als in ihrem Ursprung in Amerika, wo die Samen als Nahrung dienten, wurde die Sonnenblume in Europa zun\u00e4chst nicht als Nutzpflanze, sondern als Zierpflanze gesch\u00e4tzt. Grund hierf\u00fcr d\u00fcrfte nicht nur ihre Sch\u00f6nheit, sondern immer auch ihre Gr\u00f6\u00dfe gewesen sein. In verschiedenen botanischen Beschreibungen im 17. Jahrhundert wird auf die beachtliche Dimension hingewiesen, und schon fr\u00fch scheint ein Streben um immer gr\u00f6\u00dferer Exemplare eingesetzt zu haben. <strong>Dodanaeus (1568)<\/strong> berichtet von einem besonders gro\u00dfem Exemplar<strong>:\u201e In Madrid wuchs die Pflanze bei den Spaniern im k\u00f6niglichen Garten bis zu 24 Fu\u00df.\u201c<\/strong> <strong>Lonicerus<\/strong> schreibt in seinem <strong>Kr\u00e4uterbuch (1697) gar von 40 Fu\u00df<\/strong>, die aber wohl als Schreibfehler anzusehen sind. Dies ist ein Trend, der sich bis in heutige Tage und Rekordphantasien des Internets fortsetzt.<br \/>\nIn Wahrheit weisen die Pflanzen sehr variierende Gr\u00f6\u00dfen auf: Zwergformen messen weniger als <strong>40 cm<\/strong>, Kulturpflanzen durchschnittlich <strong>1-2,5 m <\/strong>und Riesenformen bis zu <strong>5m<\/strong> und mehr. Z\u00fcchter melden vereinzelt Rekordwerte von bis zu <strong>8m<\/strong> hohen Sonnenblumen.  <\/p>\n<p>Im <strong>Europa<\/strong> des <strong>16. und 17. Jahrhunderts <\/strong>kochte man die St\u00e4ngel junger Bl\u00e4tter und die jungen Bl\u00fctenst\u00e4nde und bereitete sie mit etwas <strong>\u00d6l<\/strong> und Salz zu. Diesem Gericht wurde sogar aphrodisierende Wirkung nachgesagt, wie Lonicerus in seinem Kr\u00e4uterbuch (1679) schreibt, das wohl eher als Hausbuch, denn als wissenschaftliches Werk anzusehen ist: <strong>\u201e&#8230;Die Stiel an den Bl\u00e4ttern dieses krauts wann sie noch jung und zart seyn \/ de\u00dfgleichen die Gippflin oder au\u00dferwendige zehen um die Blumen herum gebraten \/ und mit Salz und Oel bereitet seyn gar lieblich und wohlgeschmack zu essen \/ wie die Articoca \/ haben auch grosse Krafft zu Ehelic Wercken \/ als die Ariscoca\u201c.<\/strong>Erst ab dem Ende des 18. Jahrhunderts wird dem Samen mehr Bedeutung geschenkt. Zuerst verwendeten innovative B\u00e4cker den Samen zur geschmacklichen Bereicherung von Geb\u00e4ck, erst sp\u00e4ter entdeckte man die M\u00f6glichkeit der \u00d6lgewinnung. Auch wenn ein Engl\u00e4nder namens <strong>Bunyan<\/strong> sich bereits <strong>1716<\/strong> seine Methode zur <strong>Gewinnung von \u00d6l aus Sonnenblumenkernen patentieren<\/strong> lie\u00df, nahm die kommerzielle Sonnenblumen\u00f6lnutzung erst um 1830\/1840 ihren Anfang. Sonnenblumenkerne enthalten einen hohen Anteil an <strong>unges\u00e4ttigten Fetts\u00e4uren<\/strong>, aber auch in geringeren Mengen <strong>Lecithin, Cholin <\/strong>und verschiedene <strong>Vitamine<\/strong>. Diese Inhaltsstoffe machen die Sonnenblumenkerne zu einem gesunden Nahrungsmittel. Sonneblumen\u00f6l gilt aufgrund seines hohen Gehaltes an unges\u00e4ttigten Fetts\u00e4uren als wertvolles Speise\u00f6l mit einem durchschnittlichen Anteil von 58-67% Linols\u00e4ure. Das <strong>\u00d6l der Kerne<\/strong> dient volksmedizinisch der Vorbeugung gegen <strong>Zahnfleischbluten und Parodontose (\u00d6lkur)<\/strong>. Besonders in der russischen und ukrainischen Volksmedizin wird das \u00d6lziehen als ein altes (All-)Heilmittel durchgef\u00fchrt. Diese Methode wird zur Entgiftung und Entschlackung des Organismus angewandt.<\/p>\n<p>Beachtung fand auch immer schon das Ph\u00e4nomen des <strong>Heliotropismus<\/strong>: Laubbl\u00e4tter und Bl\u00fctenknospen drehen sich zur Sonne. Mit dem Beginn der Bl\u00fcte geht diese Erscheinung jedoch verloren und die Bl\u00fctenk\u00f6rbe bleiben meist in Richtung Osten ausgerichtet. Kaum wird diese Erscheinung besser beschrieben als im franz\u00f6sischen Namen der Pflanze: <strong>\u201eTournesol\u201c<\/strong>!<br \/>\nAuch die botanische Bezeichnung f\u00fcr Sonnenblume, <strong>Helianthus annuus<\/strong>, leitet sich von den griechischen W\u00f6rtern <strong>helios (Sonne)<\/strong> und <strong>anthos (Blume)<\/strong> ab. Der Name stammt aus der griechischen Mythologie und ist in den <strong>Metamorphosen Ovids<\/strong> \u00fcberliefert: <strong>Einst verliebte sich das M\u00e4dchen Clytia in den Sonnengott Apollon<\/strong>. Die Verliebte tat nichts, au\u00dfer neun Tage lang nur zu schauen, wie Apollon seinen Wagen \u00fcber den Himmel bewegte. Daraufhin wurde sie in eine Blume (\u201eHelianthus\u201c) verwandelt. Da die heute als Sonnenblume bezeichnete Pflanze aus Amerika stammt, muss das Gew\u00e4chs aus der griechischen Mythologie ein anderes gewesen sein; vermutlich ein Vertreter der <strong>Gattung Sonnenwenden (Heliotrop)<\/strong>.<\/p>\n<p>Gegen Ende des <strong>19. Jahrhunderts <\/strong>erfreute sich die Sonneblume immer gr\u00f6\u00dferer Beliebtheit in der <strong>bildenden Kunst und Architektur<\/strong>. Kaum eine andere Blume wurde so oft gemalt wie die Sonnenblume. <strong>Vincent van Gogh, Gustav Klimt und Egon Schiele<\/strong> lie\u00dfen sich von ihr inspirieren und schufen mit ihr als Motiv unverg\u00e4ngliche und oft reproduzierte Kunstwerke. Neben anderen Architekten verwendete <strong>Otto Wagner <\/strong>Sonneblumen als dekoratives Element an den Stadtbahnpavillons am Karlsplatz in Wien. Und ihre Faszination ist ungebrochen, und f\u00fcr so manchen K\u00fcnstler und Hobbyk\u00fcnstler stellt sie auch heute die Blume schlechthin zum Malen, Zeichnen oder Fotografieren dar.<\/p>\n<p><img src='https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/08\/sonnenblume1_margrit_hartl.gif' alt='Sonnenblume1' \/><\/p>\n<p><strong>Weitere Beitr\u00e4ge von <a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=322\">Mag. Gilbert Zinsler<\/a>:<\/strong><\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=986\">Das Maigl\u00f6ckchen &#8211; Das botanische Sinnbild der Unschuld (Hortus Eystettensis 10)<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=877\">Tulpen: Vom persischen Turban zur Tulpomanie (Hortus Eystettensis 09)<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=734\">Boten des Fr\u00fchlings (2.Teil): Kuhschelle (Hortus Eystettensis08)<\/a><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=733\"><strong>Boten des Fr\u00fchlings: (1.Teil): Huflattich (Hortus Eystettensis 07)<\/strong><\/a><\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=555\">Kartoffel &#8211; oder wie Amerika die Welt ver\u00e4nderte (Hortus Eystettensis 06)<\/a><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=477\"><strong>Artischocke &#8211; Verdauungsf\u00f6rderndes f\u00fcr das weihnachtliche Festmahl (Hortus Eystettensis 05)<\/strong><\/a><\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=434\">Gastbeitrag zum Hortus Eystettensis: Capsicum sp. (Hortus Eystettensis 04)<\/a><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=399\"><strong>Gastbeitrag zum Hortus Eystettensis \u2013 botanische Sammelleidenschaft und barocke Pracht (Hortus Eystettensis 03)<\/strong><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=412\"><strong>Gastbeitrag zum Hortus Eystettensis: Tabak (Hortus Eystettensis 02)<\/strong><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ub-blog.meduniwien.ac.at\/blog\/?p=427\"><strong>Gastbeitrag zum Hortus Eystettensis: Botanik im Spiegel der Jahreszeiten (Hortus Eystettensis 01)<strong><\/strong><\/a><\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sonnenblumen Der Sonne entgegen \u2013 das Streben nach H\u00f6henrekorden in der Botanik Die Abbildung der Sonnenblume, Helianthus annuus, stellt mit ihrem auff\u00e4lligen und ansprechenden Bl\u00fctenstand eine besonders oft wiedergegebene Tafel des Hortus Eystettensis dar. 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