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Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [28]: Bárány, Robert: Nobel-Vortrag, gehalten am 11. September in Stockholm. 1916.

Bárány, Robert: Nobel-Vortrag, gehalten am 11. September in Stockholm. Särtryck ur Nordisk tidskrift för oto-rhino-laryngologi. Stockholm: 1916.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger-Lesky Bibliothek, Sign.: 9056]

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Abb. 1    Robert Bárány

Robert Bárány (*22.04.1876 Wien, gest. 08.04.1936 Uppsala/Schweden) war der erste österreichische Nobelpreisträger für Medizin. Er wuchs als ältestes von sechs Geschwistern in einer Familie jüdischer Abstammung in Wien auf. Sein Vater, Iganz Bárány, ein Holzfachmann stammte aus Ungarn. Seine Mutter, Maria, geborene Hock, kam aus einer angesehenen Prager Gelehrtenfamilie, die das wissenschaftliche Interesse Robert Báránys von Kindheit an förderte. Unmittelbar nach seinem Schulabschluss begann er auf Wunsch seiner Mutter an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien mit dem Studium der Medizin, das er am 2. April 1900 mit seiner Promotion abschloss. Im Anschluss daran arbeitete er an unterschiedlichen Kliniken: bei Carl von Noorden (1858-1944) in Frankfurt am Main, bei Emil Kraepelin (1856-1926) in Heidelberg und als Assistent der Psychiatrischen Universitätsklinik in Freiburg im Breisgau.

1902 kehrte er zurück nach Wien und begann zuerst für einige Monate bei Adam Politzer (1835-1920) als Aspirant zu arbeiten, bevor er für ein Jahr zu Karl Gussenbauer (1842-1903) als Operationszögling an die II. Chirurgische Klinik wechselte. Von 1903 bis 1905 war Bárány als Demonstrator und von 1905 bis 1911 als Assistent, an der Universitätsklinik für Ohrenheilkunde tätig. „Durch eine gute Beobachtungsgabe, aber auch mit Hilfe des Zufalls gelang es Bárány, Fragen des noch jungen Gebietes der Vestibularforschung zu klären. […] In diese Zeit fielen auch Báránys erste selbständige Forschungen mit eigenen Versuchen an Taubstummen und Normalhörenden und er begann sich für das Phänomen der Gegenrollung der Augen zu interessieren.“[1]

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Abb 2     Titelblatt: Bárány: Physiologie und Pathologie […] des Bogengan-Apparates […]. Leipzig u. Wien: 1907. Mit einer Widmung Báránys an seinen Lehrer Adam Politzer.

Das Thema Vertigo (Schwindel) beschäftigte die Ärzte schon seit dem Mittelalter. Im 19. Jahrhundert wurden in ganz Europa intensive Forschungen dazu betrieben. 1825 wies der Franzose Jean Marie Pierre Flourens (1794-1867) erstmals nach, dass der Bogenapparat ein Gleichgewichtsorgan ist. Durch zahlreiche Forschungsbeiträge während der nächsten Jahrzehnte war die Medizin in dieser Frage zwar weiter gekommen, es fehlte jedoch die Möglichkeit die Funktion der Bogenapparate einzeln und unabhängig voneinander zu prüfen. Hier setzten Báránys Forschungen an. Er konnte erstmals die Gesetzmäßigkeit des „kalorischen Nystagmus“ – die Augenzuckungen, die durch Differenzen der Wassertemperatur bei Ohrspülungen auftreten – nachweisen. Aus den Studien über die bei der Vestibularreizung auftretenden Gleichgewichtsstörungen erlangte er zudem genaue Kenntnisse über ihren Sitz im Kleinhirn. Erkrankungen des Innenohres konnten nun frühzeitig diagnostiziert werden. 1906 publizierte Bárány seine Untersuchungsergebnisse in der österreichischen Monatsschrift für Ohrenheilkunde, 1907 erfolgte die Veröffentlichung über die „Physiologie und Pathologie des Bogenganges beim Menschen“. In seinem Geleitwort schrieb Adam Politzer: „Die vorliegende Monographie meines Assistenten Dr. Robert Bárány enthält die neuesten Untersuchungsmethoden des Bogenapparates und ihre Ergebnisse […] Durch die Untersuchungen Dr. Báránys ist die Klinik dieses Sinnesorganes in ein neues Stadium getreten und die Diagnostik der in der Ohrenheilkunde so wichtigen Erkrankungen des Bogenapparates auf eine sichere Grundlage gestellt worden […].“[2]

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Abb 3     Geleitwort Adam Politzers in: Bárány: Physiologie und Pathologie […] des Bogengan-Apparates […]. Leipzig u. Wien: 1907.

Zum Beginn des Ersten Weltkrieges meldete sich Robert Bárány freiwillig zum Kriegsdienst und wurde ins Spital der Festung Przemysl in Galizien abkommandiert, wo er ein Lazarett zur Behandlung von Kopfschüssen und eine otolaryngologische Abteilung einrichtete. Nachdem die Festung Przemysl im Frühjahr 1915 von den Russen eingenommen wurde geriet Bárány in Kriegsgefangenschaft und wurde nach Merv/Turkestan gebracht. Dort erhielt er auch die Nachricht, dass er den Medizin-Nobelbreis erhalten sollte. Der Nobelpreis für Physiologie und Medizin 1914 wurde in Folge des Ersten Weltkrieges erst in der Sitzung des Nobel-Komitees des Carolinischen Medizinisch-Chirurgischen Institutes in Stockholm am 29. Oktober 1915 vergeben. Mehrere Versuche des Schwedischen Thronfolgers, Prinz Karl, Bárány durch Vermittlungen von Gefangenenaustauschen aus der russischen Kriegsgefangenschaft zu bekommen schlugen – auch durch Schuld der Österreicher, die den international angesehen Arzt nicht auf ihre Austauschlisten setzten – fehl. Erst im Rahmen eines Invalidenaustausches am 16. Juli 1916 gelang es Brárány Freilassung zu erwirken. Auf der Heimreise über Stockholm konnte Robert Bárány schließlich seine Nobelpreise-Rede halten und den begehrten Preis entgegennehmen.

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Abb 4     Titelblatt: Bárány: Nobel-Vortrag. Stockholm: 1916.

Zurück in Wien war er mit den Neidern seines Erfolges in der Medizinische Fakultät in Wien konfrontiert. Es wurde ihm die Ernennung zum a.o. Professor verwehrt und sogar seine wissenschaftliche Integrität in einer Untersuchungskommission am Medizinischen Dekanat infrage gestellt, ohne ihm die Möglichkeit einer Stellungnahme zu gewähren. Noch während dieser Auseinandersetzung nahm Bárány das Angebot Schwedens an den neu errichteten Lehrstuhl für Otologie der Universität von Uppsala zu bekleiden. Die Österreichischen Zeitungen übten scharfe Kritik am akademischen Senat der Universität Wien. „In der Wiener Zeitung beispielsweise erschien eine Karikatur von Bárány mit der Nobelpreisurkunde im Hintergrund und der Unterschrift:

Alle Ohrenleiden habe ich ergründet – nur die Taubheit der Wiener Fakultät nicht‘“.[3]

Bárány blieb bis zu seinem Tod in Schweden. 1926 wurde er zum Ordinarius für Ohren-Nasen-Hals-Heilkunde er Universität Uppsala ernannt. Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten in Deutschland begann er sich für sein eigenes Jüdisches Erbe zu interessieren. Er vermachte seine Bibliothek der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem. Robert Bárány starb 8. April 1936 in Uppsala.

Auswahlliteratur zu Robert Báránys Arbeiten zum Vestibularapparat in der Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin:

Bárány, Robert und Jakob Rothfeld: Untersuchungen des Vestibularapparates bei akuter Alkoholintoxikation und bei Delirium tremens. o.O. 1913.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger-Lesky Bibliothek, Sign.: 9051]

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Bárány, Bobert: Weitere Untersuchungen und Erfahrungen über die Beziehungen zwischen Vestibularapparat und Zentralnervensystem. Sonderabruck aus: Wiener medizinische Wochenschrift. Wien: Perles 1912.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger-Lesky Bibliothek, Sign.: 16590]

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Bárány, Robert: Weitere Untersuchungen und Erfahrungen über die Beziehungen zwischen Vestibularapparat und Zentralnervensystem. Nachbarschafts- und Fernwirkungen auf Kleinhirn und Vestibularapparat bei Hirntumoren. Sonderabdruck aus: Deutsche Zeitschrift für Nervenheilkunde. Leipzig: 1912.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger-Lesky Bibliothek, Sign.: 9050/1]

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Bárány, Robert und Karl Wittmaack: Funktionelle Prüfung des Vestibular-Apparates. Referat, erstattet v. R. Bárány u. K. Wittmaack. Sonderabdruck aus: Verhandlungen der Deutschen Otologischen Gesellschaft auf der 20. Versammlung in Frankfurt/M am 2. u. 3. Juni 1911. Jena: Fischer 1911.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger-Lesky Bibliothek, Sign.: 43576]

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Bárány, Robert: Vestibularapparat und Gleichgewicht. Neue Stimmgabelversuche und Methoden der Funktionsprüfung. 39 S. (S. 156-194). Sonderabdruck aus: Verhandlungen der Deutschen otologischen Gesellschaft. Jena: Fischer 1909.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger-Lesky Bibliothek, Sign.: SA561]

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Bárány, Robert: Funktionlle Diagnostik der eiterigen Erkrankungen des Bogengangapparates. Sonderabdruck aus: Int. Centralblatt für Ohrenheilkunde. Leipzig: Barth 1908.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger-Lesky Bibliothek, Sign.: 16587]

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Bárány, Robert: Physiologie und Pathologie des Bogengangapparates beim Menschen. Sonderabdruck aus: Österreichische Aerzte-Zeitung. o.O.: 1907.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Separata-Bibliothek]

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Bárány, Robert: Die Untersuchungen der reflektorischen vestibulären und optischen Augenbewegungen und ihre Bedeutung für die topische Diagnostik der Augenmuskellähmungen. Sonderabdruck aus: Münchener med. Wochenschrift. München: Lehmann Jg. 1907.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger-Lesky Bibliothek, Sign.: 15040]

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Bárány, Robert: Physiologie und Pathologie (Funktionsprüfung) des Bogengang-Apparates beim Menschen. Klinische Studien. Leipzig und Wien: Franz Deuticke 1907.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger-Lesky Bibliothek, Sign.: 11493]

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Bárány, Bobert: Beitrag zur Lehre von den Funktionen der Bogengänge. Sonderabdruck aus: Zeitschrift für Sinnesphysiologie. Leipzig: Barth 1906.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger-Lesky Bibliothek, Sign.: 16591]

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Quellen:

Homepage: The Official Web Site of the Nobel Prize. Stand: 22.05.2016

http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/medicine/laureates/1914/barany-bio.html

Angetter, Daniela: Die österreichischen Medizinnobelpreisträger. (= Österreichisches Biographisches Lexikon – Schriftenreihe 8). Wien: Institut Österreichisches Biographisches Lexikon und biographische Dokumentation 2003.

Sablik, Karl: Robert Bárány. In: Arzt, Presse, Medizin. (13) 1977. S. 1-3.

Text: Harald Albrecht

[1] Angetter, Daniela: Die österreichischen Medizinnobelpreisträger. (= Österreichisches Biographisches Lexikon – Schriftenreihe 8). Wien: Institut Österreichisches Biographisches Lexikon und biographische Dokumentation 2003. S. 12.

[2] Angetter, Daniela: Die österreichischen Medizinnobelpreisträger. (= Österreichisches Biographisches Lexikon – Schriftenreihe 8). Wien: Institut Österreichisches Biographisches Lexikon und biographische Dokumentation 2003. S. 15.

[3] Angetter, Daniela: Die österreichischen Medizinnobelpreisträger. (= Österreichisches Biographisches Lexikon – Schriftenreihe 8). Wien: Institut Österreichisches Biographisches Lexikon und biographische Dokumentation 2003. S. 22.

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Politzer, Adam: Die Beleuchtungsbilder des Trommelfells im gesunden und kranken Zustande. Klinische Beiträge zur Erkenntniss und Behandlung der Ohren-Krankheiten. Wien: Wilhelm Braumüller 1865.

Aus den medizinhistorischen Beständen der Ub MedUni Wien [20]: Politzer, Adam: Die Beleuchtungsbilder des Trommelfells im gesunden und kranken Zustande. Klinische Beiträge zur Erkenntniss und Behandlung der Ohren-Krankheiten. Wien: Wilhelm Braumüller 1865.

Politzer, Adam: Die Beleuchtungsbilder des Trommelfells im gesunden und kranken Zustande. Klinische Beiträge zur Erkenntniss und Behandlung der Ohren-Krankheiten. Wien: Wilhelm Braumüller 1865.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 3033]

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Abbildung 1: Adam Politzer

Adam Politzer (*01.10.1835 Albertirsa/Ungarn, gest. 10.09.1920 Wien) gründete 1873 gemeinsam mit Josef Gruber (1827-1900) die weltweit erste Universitäts-Ohrenklinik in Wien. Er stammte aus einer Familie des Bildungsbürgertums – der Vater war Lehrer, der Großvater, ein angesehener Chirurg, war Leibarzt des Grafen Pallfy. Nach einem Jahr Medizinstudium (1854) in Budapest setze er dieses in Wien fort, wo Josef Hyrtl (1810-1894), Ernst Wilhelm von Brücke (1819-1892), Carl von Rokitanksy (1804-1878), Johann von Oppolzer (1808-1871) und Joseph Skoda (1805-1881) zu seinen Lehrern zählten. Politzer promovierte 1859 an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien. 1860 arbeitete er beim Physiologen Carl Ludwig (1816-1895) in der medizinisch-chirurgischen Militärakademie im Josephinum, wo er tierexperimentelle Reizungen des Nervus trigeminus und facialis durchführte, sowie den Einfluss der Luftdruckschwankungen im Mittelohr auf die Druckverhältnisse im Labyrinth studierte. Danach unternahm er eine Studienreise nach Würzburg zu Albert von Kölliker (1817-1905) und Heinrich Müller (1820-1864), wo er seine mikroskopischen Kenntnisse verfeinerte bzw. durch Manometeruntersuchungen im äußeren Gehörgang den Druckausgleich im Mittelohr beim Schluckakt nachweisen konnte. Nach einem Aufenthalt bei Hermann von Helmholtz (1821-1894) in Heidelberg ging er nach Paris zu Claude Bernard (1813-1878) und Rudolph Koenig (1832-1901). Politzers Untersuchungen über die Schwingungen der Gehörknöchelchen bei der Fortleitung des Schalles wurden von Bernard der Akademie der Wissenschaften in Paris präsentiert. Schließlich studierte er bei Joseph Tynbee (1815-1866) in London dessen große Sammlung von Schläfenbeinpräparaten, um so die grundsätzliche Bedeutung der pathologischen Anatomie und Histologie für die richtige Beurteilung von Ohrenkrankheiten kennen zu lernen.

Nach seiner Rückkehr nach Wien habilitierte sich Adam Politzer 1861 an der Medizinischen Fakultät im Fach Ohrenheilkunde und wurde zum ersten Dozenten in Österreich für dieses Spezialgebiet. Aus diesem Jahr stammt auch folgende Publikation:

Politzer, Adam: Beiträge zur Physiologie des Gehörorgans. In: Sitzungsberichte der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften. 1861. S. [427]-438.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 14827]

Es ist dies die erste von insgesamt 103 wissenschaftlichen Publikationen aus der Feder von Adam Politzer. Die Zweigbibliothek

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für Geschichte der Medizin besitzt einen Sonderdruck dieses Artikels

aus dem Nachlass von Politzer, der, neben einem Besitzstempels Politzers, mit einer persönlichen Widmung an seine spätere Ehefrau Julie Rosenfeld (1842-1928)“ versehen ist: „[…] liebenswürdigen/Fräulein Julie Rosenfeld/mit den Gefühlen der iṅigsten Liebe und/Verehrūng/Der Verfasser“.

1863 veröffentlichte er einen Aufsatz über das Verfahren der Lufteinblasung ins Mittelohr zur Behandlung der Schwerhörigkeit, das als Politzer-Verfahren bekannt wurde:

Politzer, Adam: Beiträge zur Ohrenheilkunde. Aus seine Cursen mitgetheilt. In: Allgemeine Wiener medizinisch Zeitung. (33) 1863.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 16441]

Im Jahr 1865 publizierte er seine erste umfassende Monografie:

Politzer, Adam: Die Beleuchtungsbilder des Trommelfells im gesunden und kranken Zustande. Klinische Beiträge zur Erkenntniss und Behandlung der Ohren-Krankheiten. Wien: Wilhelm Braumüller 1865.

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 3033]

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Es handelt sich hierbei um einen Atlas der Otoskopie: This atlas included 48 drawings made by Politzer himself. It was completed and reedited in 1896 with a slightly modified title: ,Atlas der Beleuchtungsbilder des Trommelfells im gesunden und kranken Zustande’ (Atlas of the membra tympani in health and disease). This work was based on a diagnostic approach and the examination of the tympanic membrane with its different normal and pathologic images described by means of its color, transparency, position, integrity, cicatrisation, and mobility. Because it was the first real atlas on otoscopy, and with its new approach, it very quickly became indispensable to the study of otology. […] For the first time, it was possible to learn in an colored atlas the different pathologic conditions of the tympanic membrane, which is the window of the middle ear. Never before had the diagnosis of otologic diseases been presented in such a way, which revolutionized the study of pathologic conditions of the tympanic membrane.”[1]

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Abbildung 3: Politzer: Die Beleuchtungsbilder des Trommelfells […]. Tafel II.

1864 gründete Politzer gemeinsam mit Anton Friedrich von Tröltsch politzer4(1829-1890) und Hermann Schwartze (1837-1910) das Archiv für Ohrenheilkunde – es war die erste deutsch- sprachige medizinische Fachzeitschrift für Otologie. 1871 wurde Politzer zum ao. Universitätsprofessor ernannt. 1873 wurde ihm gemeinsam mit Josef Gruber die Leitung der neugegründeten Universitäts-Ohrenklinik übertragen. 1878 konnte er erstmals die Ursache der Otosklerose (Mittelohrschwerhörigkeit) nachweisen. 1894 wurde er zum ordentlichen Professor ernannt und seit dem Rücktritt Grubers 1897, führte er als Vorstand die Universitäts-Ohrenklinik alleine bis zu seiner Pensionierung 1907.

Zu seinen wichtigsten Publikationen zählen weiter:

Politzer Adam: Lehrbuch der Ohrenheilkunde für practische Ärzte und Studirende. Stuttgart: Enke 1878-1882.

http://search.obvsg.at/primo_library/libweb/action/search.do?&vid=UMW&vl%28freeText0%29=AC03348333&fn=search&vl%28D48333145UI5%29=addsrcrid

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: 3042]

Dieses Werk war für Jahrzehnte ein Standardwerk und wurde bis 1908 fünfmal aufgelegt, sowie ins Englische, Französische und Spanische übersetzt. Die Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin besitzt die persönliche Ausgabe dieses Exemplars aus dem Nachlass von Adam Politzer, das einige Blätter mit eigenhändigen anatomischen Zeichnungen aus der Feder Politzers beigebunden hat.

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Abbildung 5: Politzer: Lehrbuch der Ohrenheilkunde […]. Titelblatt und anatomische Zeichnungen

Politzer, Adam: Geschichte der Ohrenheilkunde. Stuttgart: Enke 1907-1913.

http://search.obvsg.at/primo_library/libweb/action/search.do?&vid=UMW&vl%28freeText0%29=AC03650148&fn=search&vl%28D48333145UI5%29=addsrcrid

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[Zweigbibliothek für Geschichte der Medizin/Neuburger Lesky Bibliothek, Sign.: OT001/1-2]

Während seiner 46jährigen Lehrtätigkeit hat Adam Politzer die Otologie aus einer „sterilen, hoffnungslosen Disziplin“ zu einem akademischen Fach in Österreich gemacht. Er starb am 10. September 1920 in Wien. Adam Politzers Grab befindet auf dem Wiener Zentralfriedhof (israelit. Abt. Gr, 8/1/45).

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Abbildung 6: Exlibris von Adam Politzer

Quellen:

Mudry, Albert: The role of Adam Politzer (1835-1920) in the history of otology. In: The American journal of otology. (21) 2000. S. 753-763.

Majer, Eduard Herbert: Adam Politzer (1835-1920). In: Laryngologie, Rhinologie, Otologie. (57/8) 1978. S. 769-772.

Lederer, Francis L.: A tribute to Adam Politzer. In: Archives of otolaryngology. (74) 1961. S. 130-133.

Text: Harald Albrecht

[1] Mudry, Albert: The role of Adam Politzer (1835-1920) in the history of otology. In: The American journal of otology. (21) 2000. S. 754-755.

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